Jetzt lächelte Knulp, und ein Schimmer von der alten harmlosen

Schelmerei stand in seinen Augen. Er klopfte seinem Kameraden freundlich

auf den Arm und stand auf.

»Wir werden ja sehen, Schaible. Der liebe Gott fragt mich vielleicht

gar nicht: Warum bist du nicht Amtsrichter geworden? Vielleicht sagt er

auch bloß: Bist wieder da, du Kindskopf? und gibt mir droben eine

leichte Arbeit, Kinderhüten oder so.«

Andres Schaible zuckte die Achseln unter dem blau und weiß gewürfelten

Hemde.

»Mit dir kann man nicht im Ernst reden. Du meinst, wenn der Knulp kommt,

da wird der Herrgott nichts als Späße machen.«

»Ach nein. Aber es könnte doch sein, nicht?«

»Red nicht so!«

»Ja, dann will ich dem lieben Gott sagen, er solle halt einmal den

Schaible fragen, der kenne mich gut. Was sagst du ihm dann?«

»Nee, mich braucht der Herrgott gewiß nicht dazu. Aber ich täte sagen:

Der Knulp hat sein Leben lang nichts als Kindereien getrieben, aber ich

glaube, er ist halt doch ein guter und anständiger Kerl gewesen.«

Sie gaben sich die Hände, und dabei steckte der Steinklopfer ihm ein

kleines Geldstück zu, das er verstohlen aus seiner Hosentasche gegraben

hatte. Und Knulp nahm es an und wehrte sich nimmer, um dem anderen nicht

seine Freude zu verderben.

Er warf noch einen Blick in das alte heimatliche Tal, nickte noch

einmal zu Andres Schaible zurück, dann begann er zu husten und machte

schnellere Schritte, und war alsbald um die obere Waldecke verschwunden.

* * * * *

Vierzehn Tage später, nachdem es auf nebelkalte Tage noch sonnige mit

späten Glockenblumen und kühlreifen Brombeeren gegeben hatte, brach

plötzlich der Winter herein. Es gab strengen Frost und darauf am dritten

Tage bei milderer Luft einen schweren, hastigen Schneefall.

Knulp war diese ganze Zeit unterwegs gewesen, auf zielloser Streife

immer im Umkreis der Heimat, und noch zweimal hatte er aus nächster

Nähe, im Walde verborgen, den Steinklopfer Schaible gesehen und

beobachtet, ohne ihn nochmals anzurufen. Er hatte zu viel zu denken

gehabt und war auf allen den langen, mühsamen, nutzlosen Wegen immer

tiefer in das Gewirre seines verfehlten Lebens geraten wie in zähe

Dornranken, ohne den Sinn und Trost dazu zu finden. Dann war die

Krankheit von neuem über ihn gekommen, und wenig fehlte, so wäre er

eines Tages trotz allem doch noch in Gerbersau erschienen und hätte am

Krankenhaus angeklopft. Aber als er nach tagelangem Alleinsein wieder

die Stadt unten liegen sah, da klang ihm alles fremd und feindlich

entgegen, und es ward ihm klar, daß er nimmer dorthin gehöre. Zuweilen

kaufte er in einem Dorf ein Stück Brot, auch gab es noch Haselnüsse

genug. Die Nächte brachte er in den Blockhütten der Waldarbeiter oder

zwischen Strohbündeln auf dem Felde zu.

Jetzt kam er im dichten Schneetreiben vom Wolfsberg herüber gegen die

Talmühle gegangen, verfallen und todesmüde und dennoch immerzu auf den

Beinen, als müsse er den kleinen Rest seiner Tage noch mächtig ausnützen

und laufen, laufen, allen Waldrändern und Schneisen nach. So krank und

müde er war, seine Augen und seine Nüstern hatten die alte Beweglichkeit

behalten; äugend und schnuppernd wie ein feinfühliger Jagdhund stellte

er auch jetzt noch, da es keine Ziele mehr für ihn gab, jede

Bodensenkung, jeden Windhauch, jede Tierspur fest. Sein Wille war nicht

dabei, und seine Beine gingen von selber.

In seinen Gedanken aber stand er jetzt wieder, wie seit einigen Tagen

fast immerzu, vor dem lieben Gott und sprach unaufhörlich mit ihm.

Furcht hatte er keine; er wußte, daß Gott uns nichts tun kann. Aber sie

sprachen miteinander, Gott und Knulp, über die Zwecklosigkeit seines

Lebens, und wie das hätte anders eingerichtet werden können, und warum

dies und jenes so und nicht anders habe gehen müssen.

»Damals ist es gewesen,« beharrte Knulp immer wieder, »damals, wie ich

vierzehn Jahre alt war und die Franziska mich im Stich gelassen hat. Da

hätte noch alles aus mir werden können. Und dann ist irgend etwas in mir

kaputt gegangen oder verpfuscht worden, und von da an habe ich eben

nichts mehr getaugt. -- Ach was, der Fehler ist einfach der gewesen, daß

du mich nicht mit vierzehn Jahren hast sterben lassen! Dann wäre mein

Leben so schön und vollkommen gewesen wie ein reifer Apfel.«

Der liebe Gott aber lächelte immerzu, und manchmal verschwand sein

Gesicht ganz in dem Schneetreiben.

»Na, Knulp,« sagte er ermahnend, »denk einmal an deine

Jungeburschenzeit, und an den Sommer im Odenwald, und an die

Lächstettener Zeiten! Hast du da nicht getanzt wie ein Reh, und hast das

schöne Leben in allen Gelenken zucken gefühlt? Hast du nicht singen

können und Harmonika spielen, daß den Mädchen die Augen übergelaufen

sind? Weißt du noch die Sonntage in Bauerswil? Und deinen ersten Schatz,

die Henriette? Ja, ist denn das alles nichts gewesen?«

Knulp mußte nachdenken, und wie ferne Bergfeuer strahlten ihm die

Freuden seiner Jugend dunkelschön herüber und dufteten schwer und süß

wie Honig und Wein, und klangen tieftönig wie Tauwind in der

Vorfrühlingsnacht. Herrgott, es war schön gewesen, schön die Lust und

schön die Trauer, und es wäre jammerschade um jeden Tag gewesen, der

gefehlt hätte!

»Ach ja, es war schön,« gab er zu, und war doch voll Weinerlichkeit und

Widerspruch wie ein müdes Kind. »Es war ja wunderschön damals. Freilich,

Schuld und Traurigkeit ist auch schon dabei gewesen. Aber es ist wahr,

es sind gute Jahre gewesen, und vielleicht haben nicht viele solche

Becher ausgetrunken und solche Tänze angeführt und solche Liebesnächte

gefeiert, wie ich dazumal. Aber dann, dann hätte es aus sein sollen!

Schon dort war ein Stachel im Glück, ich weiß noch wohl, und dann sind

niemals mehr so gute Zeiten gekommen. Nein, niemals mehr.«

Der liebe Gott war weit im Schneegewehe verschwunden. Nun, da Knulp ein

wenig stehen blieb, um wieder zu Atem zu kommen und ein paar kleine

Blutflecke in den Schnee zu spucken, nun war Gott unversehens wieder da

und gab Antwort.

»Sag einmal, Knulp, bist du nicht ein wenig undankbar? Ich muß lachen,

wie vergeßlich du geworden bist! Wir haben uns an die Zeit erinnert, wo

du der Tanzbodenkönig warst, und an deine Henriette, und du hast zugeben

müssen: es war gut und schön, es hat wohlgetan und einen Sinn gehabt.

Und wenn du so an die Henriette denkst, mein Lieber, mit was für

Gefühlen willst du dann gar an Lisabeth denken? He? Ja, hast du denn die

ganz vergessen können?«

Und wieder stand wie ein fernes Gebirge ein Stück Vergangenheit vor

Knulps Augen, und wenn es nicht ganz so froh und lustig aussah wie das

vorige, so glänzte es dafür viel heimlicher und inniger, wie Frauen

lächeln zwischen Tränen, und es standen Tage und Stunden aus ihren

Gräbern auf, an die er lange nimmer gedacht hatte. Und mitten inne stand

Lisabeth, mit schönen, traurigen Augen, den kleinen Buben auf dem Arm.

»Was für ein schlechter Kerl bin ich gewesen!« fing er wieder zu klagen

an. »Nein, seit die Lisabeth tot ist, hätte ich auch nimmer leben

dürfen.«

Aber Gott ließ ihn nicht weiterreden. Er sah ihn durchdringend aus den

hellen Augen an und fuhr fort: »Hör auf, Knulp! Du hast der Lisabeth

sehr weh getan, das ist nicht anders, aber du weißt wohl, sie hat doch

mehr Zartes und Schönes von dir empfangen als Böses, und sie hat dir

nicht einen Augenblick gezürnt. Siehst du denn immer noch nicht, du

Kindskopf, was der Sinn von dem allen war? Siehst du nicht, daß du

deswegen ein Leichtfuß und ein Vagabund sein mußtest, damit du überall

ein Stück Kindertorheit und Kinderlachen hintragen konntest? Damit

überall die Menschen dich ein wenig lieben und dich ein wenig hänseln

und dir ein wenig dankbar sein mußten?«

»Es ist am Ende wahr,« gab Knulp nach einigem Schweigen halblaut zu.

»Aber das ist alles früher gewesen, da war ich noch jung! Warum hab ich

aus dem allem nichts gelernt und bin kein rechter Mensch geworden? Es

wäre noch Zeit gewesen.«

Es gab eine Pause im Schneefall. Knulp rastete wieder einen Augenblick

und wollte den dicken Schnee von Hut und Kleidern schütteln. Aber er kam

nicht dazu, er war zerstreut und müde, und Gott stand jetzt nahe vor

ihm, seine lichten Augen waren weit offen und strahlten wie die Sonne.

»Nun sei einmal zufrieden,« mahnte Gott, »was soll das Klagen nützen?

Kannst du wirklich nicht sehen, daß alles gut und richtig zugegangen ist

und daß nichts hätte anders sein dürfen? Ja, möchtest du denn jetzt ein

Herr oder ein Handwerksmeister sein und Frau und Kinder haben und am

Abend das Wochenblatt lesen? Würdest du nicht sofort wieder davonlaufen

und im Wald bei den Füchsen schlafen und Vogelfallen stellen und

Eidechsen zähmen?«

Wieder fing Knulp zu gehen an, er schwankte vor Müdigkeit und spürte

doch nichts davon. Es war ihm viel wohler zumute geworden, und er nickte

dankbar zu allem, was Gott ihm sagte.

»Sieh,« sprach Gott, »ich habe dich nicht anders brauchen können, als

wie du bist, und ich habe dir den Stachel der Heimatlosigkeit und

Wanderschaft mitgeben müssen, sonst wärest du irgendwo sitzen geblieben

und hättest mir mein Spiel verdorben. In meinem Namen bist du gewandert

und hast den seßhaften Leuten immer wieder ein wenig Heimweh nach

Freiheit mitbringen müssen. In meinem Namen hast du Dummheiten gemacht

und dich verspotten lassen; ich selber bin in dir verspottet und bin in

dir geliebt worden. Du bist ja mein Kind und mein Bruder und ein Stück

von mir, und du hast nichts gekostet und nichts gelitten, was ich nicht

mit dir erlebt habe.«

»Ja,« sagte Knulp und nickte schwer mit dem Kopf. »Ja, es ist so, ich

habe es eigentlich immer gewußt.«

Er lag ruhend im Schnee, und seine müden Glieder waren ganz leicht

geworden, und seine entzündeten Augen lächelten.

Und als er sie schloß, um ein wenig zu schlafen, hörte er noch immer

Gottes Stimme reden und sah noch immer in seine hellen Augen.

»Also ist nichts mehr zu klagen?« fragte Gottes Stimme.

»Nichts mehr,« nickte Knulp und lachte schüchtern.

»Und alles ist gut? Alles ist, wie es sein soll?«

»Ja,« nickte er, »es ist alles, wie es sein soll.«

Gottes Stimme wurde leiser und tönte bald wie die seiner Mutter, bald

wie Henriettes Stimme, bald wie die gute, sanfte Stimme der Lisabeth.

»Dann bist du daheim,« sagte die Stimme. »Dann bist du daheim und

bleibst bei mir.«

Als Knulp die Augen nochmals auftat, schien die Sonne und blendete so

sehr, daß er schnell die Lider senken mußte. Er spürte den Schnee schwer

auf seinen Händen liegen und wollte ihn abschütteln, aber der Wille zum

Schlaf war schon stärker als jeder andere Wille in ihm geworden.

_Ende_

Werke von Hermann Hesse

Peter Camenzind

Roman. 72. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfg.

Hesse gibt die Geschichte eines Bauernbubens, eines harten, muskeligen

Kerls, der aber den versonnenen Träumerkopf des Hermann Hesse auf den

Schultern hat. Und da ist schon die Tragik -- so einer findet sich im

Leben nicht zurecht. Draußen nicht, aber drinnen wohl. Wahrhaftige

Firnenreinheit ist über den letzten Kapiteln im Gebirge, da sich alles

klärt und versöhnt.

(Freistatt, München)

Aus Indien

Aufzeichnungen von einer indischen Reise

6. Auflage. Geh. 3 Mark, geb. 4 Mark 50 Pfennig

Hesse hat Indien ganz auf seine Art erlebt, mit jener selben großen,

verinnerlichten Gelassenheit, mit der er in seinen Romanen und Novellen

Menschen und Landschaften seiner süddeutschen Heimat erlebt. Wohin er

uns auch führt, es ist ein berückender Genuß, ihm zu folgen. Alles

Fremde, Exotische führt den Dichter schließlich zu sich selbst zurück.

Damit pflückt er noch einmal eine nach Farbe und Duft exotische Blüte,

und doch ist der Baum, an dem sie gewachsen, ein völlig heimischer; eine

in die feinsten seelischen Gründe tauchende Erzählkunst, wie sie Hesse

mit unsern besten deutschen Meistern verbindet.

(Königsberg. Allgemeine Zeitung)

Umwege

Erzählungen. 10. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark

Hermann Hesse bringt immer Freude, bringt immer Gewinn. Diese höchste

Kunst in der stillsten Schlichtheit seines Wortgefüges, diese innig

beteiligte Herzlichkeit seiner Menschenschilderung, diese ruhig

abwartende Ironie der Darstellung menschlicher Schwächen und Schwänke

sind unvergleichlich. Wie Gottfried Keller in seinen »Seldwylern«, so

hat Hesse in seinen Gerbersauern seine sicherste Meisterschaft erreicht,

seine ganz persönliche Domäne gefunden.

(Berliner Tageblatt)

Roßhalde

Roman. 20. Auflage. Geh. 4 Mark, geb. 5 Mark 50 Pfg.

Das Buch beschreibt ein unwiederholbares, bis in die tiefsten und

dunkelsten Gemütsquellen hinein individualisiertes Einzelschicksal.

Zwischen Mann und Frau in einer Künstlerehe ist eine Fremdheit in die

Höhe gewachsen, grundlos, mit der Unüberwindlichkeit alles Elementaren.

Es liegt wie eine dumpfe Last über beiden, die sie nicht heben können,

weil ihr Kind es ihnen unmöglich macht, auseinanderzugehen. Nie hat

Hermann Hesse künstlerisch etwas so Starkes gestaltet, wie die seelische

Spannung dieses Gebundenseins, den schmerzhaften Bann der zwiefachen

Einsamkeit dessen, der zum engsten Zusammenleben mit einem einst nahen

und nun willenlos feindlich fernen Menschen verdammt ist. »Roßhalde« ist

eines der menschlich tiefsten und wahrsten Bücher, die geschrieben sind.

(Die Hilfe)

Diesseits

Erzählungen. 20. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark

Wie man etwa Eduard Mörikes Gedichte lesen sollte, an einem stillen,

schönen Sommertage im Grase liegend, der Zeit und jeder Alltäglichkeit

weit entrückt, ruhevoll nur sich und dem Weben der leise schaffenden

Natur lauschend, in solcher Sonntagsstimmung sollte man Hermann Hesses

neuen Novellenband »Diesseits« lesen.

(Neue Zürcher Zeitung)

Nachbarn

Erzählungen. 12. Auflage. Geh. 3,50 Mark, geb. 5 Mark

Es ist eigentlich eine einzige Geschichte, die wir da in den fünf

Erzählungen des neuen Hessebandes erleben; so harmonisch

zusammengeschweißt erscheinen sie ... Ruhig, über allen Dingen

schwebend, ohne Leidenschaft und vollkommen abgeklärt werden uns diese

Geschichten erzählt. Aber in einer Sprache, die ihresgleichen sucht, und

die den Stolz in uns aufleben läßt: sehet, das ist Deutsch. Gott sei

Dank, daß es eine deutsche Sprache gibt. Und Dichter, die sie adeln.

(Württemberger Zeitung, Stuttgart)

[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf

Grundlage der 1915 in der Reihe »Fischers Bibliothek zeitgenössischer

Romane« erschienenen Ausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält

eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen

Korrekturen.

p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin

p 052: kann ihm hastig -> kam

p 101: So so. -> So, so.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen

wurden folgendermaßen ersezt:

Sperrung: _gesperrter Text_

Antiquaschrift: #Antiquatext# ]

[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the edition

published in 1915 as part of the series "Fischers Bibliothek

zeitgenössischer Romane". The table below lists all corrections applied

to the original text.

p 052: Gut Nacht, Frau Meistern. -> Meisterin

p 052: kann ihm hastig -> kam

p 101: So so. -> So, so.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been

replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_

Antiqua: #text in Antiqua font# ]

Knulp: Drei Geschichten aus dem Leben Knulps · 第 6 / 6 段