Es fing zu donnern und leis im Platanenbaum zu winden an, als ich

endlich spät aufbrach. Ich zahlte, schenkte dem Mädchen einen Zehner und

machte mich ohne Eile auf den Weg. Im Gehen spürte ich wohl, daß ich

eine Flasche zu viel getrunken hatte, denn ich hatte die letzte Zeit

ganz ohne starkes Getränk gelebt. Doch machte mich das nur vergnügt,

denn ich konnte schon etwas vertragen, und ich sang noch den ganzen Weg

vor mich hin, bis ich unser Quartier wiederfand. Da stieg ich leise

hinein und fand richtig den Knulp im Schlaf liegen. Ich sah ihn an, wie

er hemdärmlig auf seiner ausgebreiteten braunen Jacke lag und

gleichmäßig atmete. Seine Stirn und der bloße Hals und die eine Hand,

die er von sich weggestreckt hielt, gaben in dem trüben Halbdunkel einen

bleichen Schein.

Dann legte ich mich in den Kleidern nieder, doch machte die Erregung und

der eingenommene Kopf mich immer wieder wach, und es wurde draußen schon

Zwielicht, als ich endlich fest und tief und dumpf einschlief. Es war

ein fester, doch kein guter Schlaf, ich war schwer und matt geworden und

hatte undeutliche, plagende Träume.

Am Morgen erwachte ich erst spät, es war schon voller Tag, und das helle

Licht tat mir in den Augen weh. Mein Kopf war leer und trüb und die

Glieder müde. Ich gähnte lange, rieb mir die Augen und streckte die

Arme, daß die Gelenke knackten. Aber trotz der Müdigkeit hatte ich noch

einen Rest und Nachklang von der gestrigen Laune in mir und dachte den

kleinen Jammer am nächsten klaren Brunnen von mir zu spülen.

Es kam jedoch anders. Als ich mich umsah, war Knulp nicht vorhanden.

Ich rief und pfiff nach ihm und war im Anfang noch ganz arglos. Als

jedoch Rufen, Pfeifen und Suchen vergeblich blieb, kam mir plötzlich die

Erkenntnis, daß er mich verlassen habe. Ja, er war fort, heimlich

fortgegangen, er hatte nicht länger bei mir bleiben mögen. Vielleicht

weil ihm mein gestriges Trinken zuwider war, vielleicht weil er sich

heute seiner eigenen gestrigen Ausgelassenheit schämte, vielleicht nur

aus einer Laune, vielleicht aus Zweifel an meiner Gesellschaft oder aus

einem plötzlich erwachten Bedürfnis nach Einsamkeit. Aber wahrscheinlich

war doch mein Trinken daran schuld.

Die Freude wich von mir, Scham und Trauer erfüllten mich ganz. Wo war

jetzt mein Freund? Ich hatte, seinen Reden zum Trotz, gemeint, seine

Seele ein wenig zu verstehen und teil an ihm zu haben. Nun war er fort,

ich stand allein und enttäuscht, mußte mich mehr als ihn anklagen und

hatte nun die Einsamkeit, in welcher nach Knulps Ansicht jeder lebt und

an die ich nie ganz hatte glauben mögen, selber zu kosten. Sie war

bitter, nicht nur an jenem ersten Tag, und sie ist inzwischen wohl

manches Mal lichter geworden, aber völlig will sie mich seither nimmer

verlassen.

Das Ende

Es war ein heller Tag im Oktober; die leichte, durchsonnte Luft wurde

von launigen kurzen Windzügen bewegt, aus Feldern und Gärten zog in

dünnen, zögernden Bändern der hellblaue Rauch von Herbstfeuern und

erfüllte die lichte Landschaft mit einem scharfsüßen Geruch von

verbranntem Kraut und Grünholz. In den Dorfgärten blühten sattfarbige

Buschastern, späte bläßliche Rosen und Georginen, und an den Zäunen

brannte noch hier und dort eine feurige Kapuzinerblüte aus dem schon

matt und weißlich schimmernden Gekräut.

Auf der Landstraße nach Bulach fuhr langsam der Einspänner des Doktors

Machold. Der Weg ging sachte bergan, links abgemähte Äcker und

Kartoffelfelder, in denen noch geerntet wurde, rechts junger enger

Fichtenwald halb erstickt, eine braune Wand von dichtgedrängten Stangen

und dürren Zweigen, der Boden gleichfarbig trockenbraun voll dick

gelagerter welker Nadeln. Geradeaus führte die Straße einfach in den

zartblauen Herbsthimmel hinein, als habe da oben die Welt ein Ende.

Der Doktor hielt die Zügel lose in den Händen und ließ das alte

Pferdchen gehen, wie es wollte. Er kam von einer sterbenden Frau, der

nicht mehr zu helfen war und die doch zäh ums Leben gekämpft hatte bis

zur letzten Stunde. Nun war er müde und genoß die stille Fahrt durch den

freundlichen Tag; seine Gedanken waren eingeschlafen und folgten leicht

betäubt und willenlos den Zurufen, die aus dem Geruch der Feldfeuerchen

aufstiegen, angenehme, verschwommene Erinnerungen an Herbstferientage

der Schülerzeit und weiter zurück in klangvolle, gestaltlose

Kindheitsdämmerung. Denn er war auf dem Lande aufgewachsen, und seine

Sinne folgten erfahren und willig allen ländlichen Zeichen der

Jahreszeiten und ihrer Geschäfte.

Er war nahe am Einschlafen, da weckte ihn das Stehenbleiben des Wagens.

Eine Wasserrinne lief quer über die Straße, darin fanden die Vorderräder

einen Halt, und das Roß blieb dankbar stehen, senkte den Kopf und genoß

wartend die Rast.

Machold ermunterte sich über dem plötzlichen Verstummen der Räder, nahm

die Zügel zusammen, sah lächelnd nach verdämmerten Minuten Wald und

Himmel wie zuvor in sonniger Klarheit stehen und trieb den Gaul mit

vertraulichem Zungenschnalzen zum Weitersteigen an. Darauf setzte er

sich aufrecht, er liebte es nicht am Tage zu schlummern, und steckte

sich eine Zigarre an. Die Fahrt ging im langsamen Schritt weiter, zwei

Weiber grüßten vom Felde, in Schattenhüten hinter einer langen Front von

gefüllten Kartoffelsäcken hervor.

Die Höhe war jetzt nahe, und das Pferdchen hob den Kopf, ermuntert und

voll Erwartung, nächstens den langen Sattel des heimatlichen Hügels

hinabzutraben. Da erschien im nahen lichten Horizont von drüben her ein

Mensch, ein Wanderer, stand einen Augenblick vom Blau umlodert frei und

hoch, stieg nieder und wurde grau und klein. Er kam näher, ein magerer

Mann mit kleinem Bart in schlechten Kleidern, sichtlich auf der

Landstraße daheim, er ging müde und mühevoll, aber er zog den Hut mit

stiller Artigkeit und sagte: Grüß Gott.

»Grüß Gott,« sagte der Doktor Machold und sah dem Fremden nach, der

schon vorüber war, und plötzlich hielt er den Gaul an, wandte sich

stehend über das knarrende Lederdach zurück und rief: »Heda, Sie! Kommen

Sie einmal her!«

Der staubige Wanderer blieb stehen und sah zurück. Er lächelte schwach

herüber, wandte sich wieder ab und schien weitergehen zu wollen, dann

besann er sich dennoch und kehrte gehorsam um.

Jetzt stand er neben dem niederen Wagen und hatte den Hut in der Hand.

»Wohinaus, wenn man fragen darf?« rief Machold.

»Der Straße nach, gegen Berchtoldsegg.«

»Kennen wir einander nicht? Ich kann bloß nicht auf den Namen kommen.

Sie wissen doch, wer ich bin?«

»Sie sind der Doktor Machold, will mir scheinen.«

»Na also? Und Sie? Wie heißen Sie?«

»Der Herr Doktor wird mich schon kennen. Wir sind einmal nebeneinander

beim Präzeptor Plocher gesessen, Herr Doktor, und Sie haben damals die

lateinischen Präparationen von mir abgeschrieben.«

Machold war schnell ausgestiegen und sah dem Mann in die Augen. Dann

klopfte er ihm auflachend auf die Schulter.

»Stimmt!« sagte er. »Dann bist du also der berühmte Knulp, und wir sind

Schulkameraden. So laß dir doch die Hand schütteln, alter Kerl! Wir

haben uns sicher zehn Jahre nimmer gesehen. Immer noch auf der

Wanderschaft?«

»Immer noch. Man bleibt gern beim Gewohnten, wenn man älter wird.«

»Da hast du recht. Und wohin geht die Reise? Wieder einmal der Heimat

zu?«

»Richtig geraten. Ich will nach Gerbersau, ich habe eine Kleinigkeit

dort zu tun.«

»So, so. Lebt denn noch jemand von deinen Leuten?«

»Niemand mehr.«

»Gerade jugendlich schaust du nimmer aus, Knulp. Wir sind doch erst

Vierziger, wir zwei. Und daß du so einfach an mir vorbei hast laufen

wollen, ist nicht recht von dir. -- Weißt du, mir scheint, du könntest

vielleicht einen Doktor brauchen.«

»Ach was. Mir fehlt weiter nichts, und was mir fehlt, das kann doch kein

Doktor kurieren.«

»Das wird sich ja zeigen. Jetzt steig einmal ein und komm mit mir, dann

können wir besser reden.«

Knulp trat ein wenig zurück und setzte den Hut wieder auf. Mit

verlegenem Gesicht wehrte er sich, als der Doktor ihm in den Wagen

helfen wollte.

»Ach, wegen dessen, das wäre nicht nötig. Das Rößlein rennt dir nicht

fort, solang wir dastehen.

Indessen faßte ihn ein Anfall von Husten, und der Arzt, der schon

Bescheid wußte, packte ihn kurzerhand und setzte ihn in das Gefährt.

»So,« sagte er im Weiterfahren, »gleich sind wir droben, und dann geht's

Trab, in einer halben Stunde sind wir daheim. Du brauchst keine

Unterhaltung zu machen, mit deinem Husten, wir können dann daheim weiter

reden. -- -- Was? -- -- Nein, das hilft dir jetzt nichts mehr, kranke

Leute gehören ins Bett und nicht auf die Landstraße. Weißt du, damals im

Latein hast du mir oft genug geholfen, jetzt bin ich einmal an der

Reihe.«

Sie fuhren über den Höhenrücken und mit pfeifender Bremse den langen

Sattel hinab; gegenüber sah man schon die Dächer von Bulach über den

Obstbäumen. Machold hielt die Zügel kurz und paßte auf den Weg, und

Knulp ergab sich müde in halbem Behagen dem Genuß des Fahrens und der

gewaltsamen Gastfreundschaft. Morgen, dachte er, oder spätestens

übermorgen walze ich weiter nach Gerbersau, wenn die Knochen noch

zusammenhalten. Er war kein Springinsfeld mehr, der die Tage und Jahre

verschwendete. Er war ein kranker, alter Mann, der keinen Wunsch mehr

hatte, als vor dem Ende noch einmal die Heimat zu sehen.

In Bulach nahm ihn sein Freund zuerst in die Wohnstube und gab ihm Milch

zu trinken und Brot mit Schinken zu essen. Dabei plauderten sie und

fanden langsam die Vertrautheit wieder. Dann erst nahm ihn der Arzt ins

Verhör, das der Kranke gutmütig und etwas spöttisch über sich ergehen

ließ.

»Weißt du eigentlich, was dir fehlt?« fragte Machold am Ende seiner

Untersuchung. Er sagte es leicht und ohne Wichtigkeit, und Knulp war ihm

dafür dankbar.

»Ja, ich weiß schon, Machold. Es ist die Auszehrung, und ich weiß auch,

daß es nimmer lang gehen kann.«

»Na, wer weiß! Aber dann mußt du also auch einsehen, daß du in ein Bett

und in eine Pflege gehörst. Einstweilen kannst du ja hier bei mir

bleiben, ich sorge inzwischen für einen Platz im nächsten Spital. Es

spukt bei dir, mein Lieber, und du mußt dich zusammennehmen, daß du's

noch einmal durchhaust.«

Knulp zog seinen Rock wieder an. Er wandte sein hageres und graues

Gesicht mit einem Ausdruck von Schelmerei dem Doktor zu und sagte

gutmütig: »Du machst dir viele Mühe, Machold. Also meinetwegen. Aber von

mir darfst du nimmer viel erwarten.«

»Wir werden ja sehen. Jetzt setzest du dich in die Sonne, so lang sie

noch in den Garten scheint. Die Lina macht dir das Gastbett zurecht. Wir

müssen dir auf die Finger sehen, Knülplein. Daß so ein Mensch, der sein

ganzes Leben in der Sonne und Luft zugebracht hat, sich dabei

ausgerechnet die Lungen kaputt macht, ist eigentlich nicht in der

Ordnung.«

Damit ging er weg.

Die Haushälterin Lina war nicht erfreut und wehrte sich dagegen, so

einen Landstreicher ins Gastzimmer zu lassen. Aber der Doktor schnitt

ihr das Wort ab.

»Lassen Sie gut sein, Lina. Der Mann hat nimmer lang zu leben, er muß es

bei uns noch ein bißchen gut haben. Sauber ist er übrigens immer

gewesen, und eh er zu Bett geht, stecken wir ihn ins Bad. Tun Sie ihm

eins von meinen Nachthemden heraus und vielleicht meine

Winterpantoffeln. Und vergessen Sie nicht: Der Mann ist ein Freund von

mir.«

* * * * *

Knulp hatte elf Stunden geschlafen und den nebligen Morgen im Bett

verdämmert, wo er sich erst allmählich darauf besinnen konnte, bei wem

er sei. Als die Sonne herausgekommen war, hatte Machold ihm das

Aufstehen erlaubt, und nun saßen sie beide nach Tisch bei einem Glas

Rotwein auf der sonnigen Altane. Knulp war vom guten Essen und von

seinem halben Glas Wein munter und gesprächig geworden, und der Doktor

hatte sich für eine Stunde frei gemacht, um noch einmal mit dem

seltsamen Schulkameraden zu plaudern und vielleicht etwas über dieses

nicht gewöhnliche Menschenleben zu erfahren.

»Du bist also zufrieden mit dem Leben, das du gehabt hast?« sagte er

lächelnd. »Dann ist ja alles gut. Sonst hätte ich aber doch gesagt, es

ist eigentlich schad um so einen Kerl wie dich. Du hättest ja kein

Pfarrer oder Lehrer zu werden brauchen, vielleicht aber wäre ein

Naturforscher oder auch etwa ein Dichter aus dir geworden. Ich weiß

nicht, ob du deine Gaben benutzt und weiter gebildet hast, aber du hast

sie für dich allein verbraucht. Oder nicht?«

Knulp stützte das Kinn mit dem dünnen Bärtchen in die hohle Hand und sah

auf die roten Lichter, die hinterm Weinglas auf dem besonnten Tischtuch

spielten.

»Es stimmt nicht ganz,« sagte er langsam. »Die Gaben, wie du es nennst,

damit ist es nicht so weit her. Ich kann ein bißchen kunstpfeifen, auch

Handorgel spielen und manchmal Verslein machen, früher bin ich auch ein

guter Läufer gewesen und habe nicht schlecht getanzt. Das ist alles. Und

daran habe ich ja nicht allein Freude gehabt, es waren meistens

Kameraden dabei, oder junge Mädel oder Kinder, die haben ihren Spaß

daran gehabt und sind mir manchmal dafür dankbar gewesen. Wir wollen es

gut sein lassen und damit zufrieden sein.«

»Ja,« sagte der Doktor, »das wollen wir. Aber eins muß ich dich noch

fragen. Du bist damals bis in die fünfte Klasse mit mir in die

Lateinschule gegangen, ich weiß es noch genau, und bist ein guter

Schüler gewesen, wenn auch kein Musterbub. Und dann auf einmal warst du

weg, und es hieß, du gehest jetzt in die Volksschule, und da waren wir

auseinander, ich durfte ja als Lateiner nicht mit einem Freund sein, der

in die Volksschule ging. Wie ist nun das zugegangen? Später, wenn ich

von dir hörte, habe ich immer gedacht: Wenn er damals bei uns in der

Schule geblieben wäre, hätte alles anders kommen müssen. Also, wie war's

damit? War es dir verleidet, oder hat dein Alter das Schulgeld nimmer

zahlen mögen, oder was sonst?«

Der Kranke nahm sein Glas in die braune, magere Hand, doch trank er

nicht, er blickte nur durch den Wein gegen das grüne Gartenlicht und

stellte dann den Kelch vorsichtig auf den Tisch zurück. Schweigend

schloß er dann die Augen und versank in Gedanken.

»Ist es dir zuwider, davon zu reden?« fragte sein Freund. »Es muß ja

nicht sein.«

Da tat Knulp die Augen auf und sah ihm lange und prüfend ins Gesicht.

»Doch,« sagte er, noch zögernd, »ich glaube, es muß sein. Ich habe das

nämlich noch nie einem Menschen erzählt. Aber jetzt ist es vielleicht

ganz gut, wenn jemand es hört. Es ist ja bloß eine Kindergeschichte,

aber für mich ist sie doch wichtig gewesen, es hat mir jahrelang zu

schaffen gemacht. Sonderbar, daß du gerade danach fragst!«

»Warum?«

»Ich habe die letzte Zeit wieder viel daran denken müssen, und deswegen

bin ich auch wieder auf dem Weg nach Gerbersau.«

»Ja, dann erzähle.«

»Siehst du, Machold, wir sind ja damals gute Freunde gewesen, wenigstens

bis in die dritte oder vierte Klasse. Nachher kamen wir weniger

zusammen, und du hast manchmal vergebens vor unserem Haus gepfiffen.«

»Herrgott, ja, das stimmt! Daran habe ich seit mehr als zwanzig Jahren

nimmer gedacht. Mensch, was hast du für ein Gedächtnis! Und weiter?«

»Ich kann dir jetzt sagen, wie das gegangen ist. Die Mädchen waren daran

schuld. Ich bin ziemlich früh auf sie neugierig geworden, und du hast

noch an den Storch und an den Kindlesbrunnen geglaubt, da wußte ich

schon so ziemlich, wie es mit Buben und Mädeln beschaffen ist. Das war

mir damals die Hauptsache, darum bin ich nimmer viel bei eurem

Indianerspiel dabei gewesen.«

»Da warst du zwölf Jahr alt, nicht?«

»Fast dreizehn, ich bin ein Jahr älter als du. Wie ich einmal krank war

und im Bett lag, da hatten wir eine Base zum Besuch da, die war drei

oder vier Jahr älter als ich, und die fing an mit mir zu spielen, und

als ich wieder gesund und auf war, bin ich einmal nachts zu ihr in die

Stube gegangen. Da wurde mir bekannt, wie ein Frauenzimmer aussieht, und

ich war elend erschrocken und bin davongelaufen. Mit der Base wollte ich

jetzt kein Wort mehr reden, sie war mir verleidet, und ich hatte Angst

vor ihr, aber die Sache war mir halt einmal im Kopf, und von da an bin

ich eine Zeitlang bloß den Mädchen nachgegangen. Beim Rotgerber Haasis

waren zwei Töchter in meinem Alter, und da kamen auch andere Mädchen aus

der Nachbarschaft hin, wir spielten auf den dunkeln Böden Verstecken und

hatten immer viel zu kichern und zu kitzeln und geheim zu tun. Ich war

meistens der einzige Bub in dieser Gesellschaft, und manchmal durfte ich

einer von ihnen die Zöpfe flechten oder eine gab mir einen Kuß, wir

waren alle noch unerwachsen und wußten nicht recht Bescheid, aber es war

alles voll von Verliebtheit, und beim Baden versteckte ich mich in die

Büsche und sah ihnen zu. -- -- Und eines Tages war eine Neue da, eine aus

der Vorstadt, ihr Vater war Arbeiter in der Strickerei. Sie hat

Franziska geheißen, und sie hat mir gleich beim erstenmal gut gefallen.«

Der Doktor unterbrach ihn. »Wie hat ihr Vater geheißen? Vielleicht kenn

ich sie.«

»Verzeih, ich möcht dir das lieber nicht sagen, Machold. Es gehört nicht

zur Geschichte, und ich will auch nicht, daß jemand das von ihr weiß. --

Nun also! Sie ist größer und stärker gewesen als ich, wir haben hie und

da miteinander gehändelt und gerauft, und wenn sie mich dann an sich

drückte, bis es mir weh tat, dann war mir schwindlig und wohl wie in

einem Rausch. In die wurde ich verliebt, und weil sie zwei Jahre älter

war und schon davon redete, daß sie jetzt bald einen Schatz haben wolle,

da wurde es mein einziger Wunsch, der möchte ich sein. -- -- Einmal saß

sie allein im Lohgarten am Fluß und hatte die Füße ins Wasser hängen,

sie hatte gebadet und bloß das Leibchen an. Da kam ich und setzte mich

zu ihr. Auf einmal bekam ich Mut und sagte ihr, ich wolle und müsse ihr

Schatz werden. Aber sie sah mich mit den braunen Augen mitleidig an und

sagte: »Du bist ja noch ein Büble und hast kurze Hosen an, was weißt

denn du von Schatz und Liebhaben?« Doch, sagte ich, ich wisse alles, und

wenn sie nicht mein Schatz werden möge, dann werfe ich sie ins Wasser

und mich mit. Da schaute sie mich aufmerksam an, mit einem Blick wie

eine Frau, und sagte: 'Wir wollen einmal sehen. Kannst du denn schon

küssen?' Ich sagte ja und gab ihr schnell einen Kuß auf den Mund und

dachte, damit wäre es gut, aber sie hatte meinen Kopf gepackt und hielt

ihn fest und küßte mich jetzt richtig wie ein Weib, daß mir Hören und

Sehen verging. Dann lachte sie mit ihrer tiefen Stimme und sagte: 'Du

würdest mir schon passen, Bub. Aber es geht doch nicht. Ich kann keinen

Schatz brauchen, der in die Lateinschule geht, das gibt keine rechten

Leute. Ich muß einen richtigen Mann zum Schatz haben, einen Handwerker

oder einen Arbeiter, keinen Studierten. Es ist also nichts damit.' Sie

hatte mich aber auf ihren Schoß gezogen und war in ihrer festen Wärme so

schön und gut in den Armen zu halten, daß ich gar nicht daran denken

konnte, von ihr zu lassen. Also habe ich der Franziska versprochen, ich

wolle nimmer in die Lateinschule gehen und ein Handwerker werden. Sie

lachte nur, aber ich ließ nicht nach, und zuletzt küßte sie mich wieder

und versprach mir, wenn ich kein Lateinschüler mehr sei, dann wolle sie

mein Schatz sein, und ich solle es gut bei ihr haben.«

Knulp hielt inne und hustete eine Weile. Sein Freund sah aufmerksam

herüber, beide schwiegen eine kleine Zeit. Dann fuhr er fort: »Also,

jetzt weißt du die Geschichte. Es ist natürlich nicht so geschwind

gegangen, wie ich gemeint hatte. Mein Vater gab mir ein paar Ohrfeigen,

als ich ihm mitteilte, ich wolle und könne jetzt nimmer in die

Lateinschule gehen. Ich wußte nicht gleich Rat; oft habe ich mir

vorgenommen, ich wolle unsere Schule anzünden. Das waren

Kindergedanken, aber mit der Hauptsache ist es mir Ernst gewesen.

Schließlich fiel mir der einzige Ausweg ein. Ich tat einfach in der

Schule nimmer gut. Weißt du's nimmer?«

»Wahrhaftig, es dämmert mir wieder. Du hast eine Zeitlang fast jeden Tag

Arrest gehabt.«

»Ja. Ich habe Stunden geschwänzt und schlechte Antworten gegeben, ich

habe die Aufgaben nimmer gemacht und meine Schulhefte verloren, es war

jeden Tag etwas los, und schließlich bekam ich Freude dran und habe

jedenfalls den Lehrern damals das Leben nicht leicht gemacht. Das Latein

und das Zeug alles war mir sowieso jetzt nimmer extra wichtig. Du weißt,

ich hab immer eine gute Nase gehabt, und wenn ich hinter etwas Neuem her

war, dann gab's eine Weile nichts anderes für mich auf der Welt. So war

mir's mit dem Turnen gegangen, und dann mit dem Forellenfangen, und mit

der Botanik. Und gerade so hatte ich's halt damals mit den Mädchen, und

eh ich da die Hörner abgelaufen und meine Erfahrung gewonnen hatte, war

mir nichts andres wichtig. Es ist ja auch blöd, so als Schulbub in der

Bank zu hocken und Konjugationen zu üben, wenn man heimlich mit allen

Sinnen doch nur bei dem ist, was man gestern abend beim Baden von den

Mädchen ausspioniert hat. -- Na, #item#! Die Lehrer merkten das

vielleicht, sie hatten mich im ganzen gern und schonten mich solang wie

möglich, und es wäre nichts aus meinen Absichten geworden, aber ich fing

jetzt eine Freundschaft mit dem Bruder der Franziska an. Er ging in die

Volksschule, in die letzte Klasse, und war ein schlechter Kerl; ich habe

viel von ihm gelernt, aber nichts Gutes, und habe viel von ihm zu leiden

gehabt. In einem halben Jahr war mein Ziel endlich erreicht, mein Vater

hat mich halbtot geschlagen, aber ich war aus eurer Schule ausgewiesen

und saß jetzt in der gleichen Volksschulstube wie der Bruder der

Franziska.«

»Und sie? Das Mädel?« fragte Machold.

»Ja, das war eben der Jammer. Sie ist doch nicht mein Schatz geworden.

Seit ich manchmal mit ihrem Bruder heimkam, wurde ich schlechter von ihr

behandelt, wie wenn ich jetzt weniger wäre als früher, und erst als ich

schon zwei Monate in der Volksschule saß und mir angewöhnte, öfter am

Abend mich aus dem Haus zu stehlen, da wurde mir die Wahrheit bekannt.

Ich streunte eines Abends spät im Rieder Wald herum, und wie ich's schon

mehrmals getan hatte, behorchte ich ein Liebespaar auf einer Bank, und

als ich schließlich mich näher drückte, da war es die Franziska mit

einem Mechanikergesellen. Sie haben gar nicht auf mich geachtet, er

hatte den Arm um ihren Hals gelegt und in der Hand eine Zigarette, und

ihre Bluse stand offen, und kurz, es war scheußlich. Da war also alles

vergebens gewesen.«

Machold klopfte seinem Freund auf die Schulter.

»Na, vielleicht war's für dich doch das Beste.«

Aber Knulp schüttelte energisch den scharfen Kopf.

»Nein, gar nicht. Ich möchte heut noch meine rechte Hand drum geben,

wenn das anders gegangen wäre. Sag mir nichts über die Franziska, ich

lasse nichts auf sie kommen. Und wenn es richtig gegangen wäre, dann

hätte ich die Liebe auf eine schöne und glückliche Art kennen gelernt,

und vielleicht hätte mir das geholfen, daß ich auch mit der Volksschule

und mit meinem Vater im guten zurecht gekommen wäre. Denn -- wie soll

ich's sagen? -- schau, seither habe ich manche Freunde und Bekannte und

Kameraden und auch Liebschaften gehabt; aber ich habe nie mehr mich auf

das Wort eines Menschen verlassen oder mich selber durch ein Wort

gebunden. Niemals mehr. Ich habe mein Leben gehabt, wie es mir paßte,

und es hat mir nicht an Freiheit und an Schönem gefehlt, aber ich bin

doch immer allein geblieben.«

Er griff nach dem Glase, sog mit Sorgfalt den letzten kleinen Schluck

Wein und stand auf.

»Wenn du erlaubst, leg ich mich wieder hin, ich mag nimmer davon reden.

Du hast gewiß auch noch zu tun.«

Der Doktor nickte.

»Noch etwas, du! Ich will heut um einen Platz im Spital für dich

schreiben. Es paßt dir vielleicht nicht, aber da ist nichts zu ändern.

Du gehst kaputt, wenn du nicht schnell in eine Pflege kommst.«

»Ach was,« rief Knulp mit ungewohnter Heftigkeit, »so laß mich halt

kaputt gehen! Es nützt ja doch nichts mehr, das weißt du selber. Warum

soll ich mich jetzt noch einsperren lassen?«

»Nicht so, Knulp, sei doch vernünftig! Ich wäre ein miserabler Doktor,

wenn ich dich so herumlaufen ließe. In Oberstetten fänden wir sicher

Platz für dich, und du kriegst extra einen Brief von mir mit, und nach

acht Tagen komm ich selber einmal und seh nach dir. Ich verspreche

dir's.«

Der Landstreicher sank auf seinen Sitz zurück, es schien fast, als wäre

er nahe am Weinen, und rieb seine dünnen Hände ineinander wie ein

Frierender. Dann sah er dem Doktor flehentlich und kindlich in die

Augen.

»Also denn,« sagte er ganz leise. »Es ist ja nicht recht von mir, du

hast so viel für mich getan, und sogar Rotwein -- es war alles viel zu

gut und fein für mich. Du mußt mir nicht bös sein, ich habe noch eine

große Bitte an dich.«

Knulp: Drei Geschichten aus dem Leben Knulps · 第 4 / 6 段