Wimpern und sagte nachdenklich: »Mir ist es auch recht. Aber auch das
hat doch einmal sein Ende, wie alles. Da gibt es vielerlei, was einer
Freundschaft den Hals brechen kann, und einer Liebe auch.«
»Schon recht, aber daran denkt man nicht, bevor es kommt.«
»Ich weiß nicht. -- Sieh, du, ich habe zweimal in meinem Leben eine
Liebschaft gehabt, ich meine eine richtige, und beidemal wußte ich
gewiß, daß das für immer sei und nur mit dem Tod aufhören könne, und
beidemal hat es ein Ende gefunden und ich bin nicht gestorben. Auch
einen Freund hab ich gehabt, daheim noch in unsrer Stadt, und hätte
nicht gedacht, daß wir beide bei Lebzeiten auseinander kommen könnten.
Aber wir sind doch auseinander gekommen, schon lang.«
Er schwieg, und ich wußte nichts dazu zu sagen. Das Schmerzliche, das in
jedem Verhältnis zwischen Menschen ruht, war mir noch nicht zum Erlebnis
geworden, und ich hatte es noch nicht erfahren, daß zwischen zwei
Menschen, sie seien noch so eng verbunden, immer ein Abgrund offen
bleibt, den nur die Liebe und auch die nur von Stunde zu Stunde mit
einem Notsteg überbrücken kann. Ich dachte über die vorigen Worte meines
Kameraden nach, von denen mir das über die Leuchtkugeln am besten
gefiel, denn ich hatte das selber schon manches Mal empfunden. Die leise
lockende Farbenflamme, in die Finsternis aufsteigend und allzubald darin
ertrinkend, schien mir ein Sinnbild aller menschlichen Lust, die je
schöner sie ist, desto weniger befriedigt und desto rascher wieder
verglühen muß. Das sagte ich auch zu Knulp.
Aber er ging nicht darauf ein.
»Ja, ja,« sagte er nur. Und dann, nach einer guten Weile, mit gedämpfter
Stimme: »Das Sinnen und Gedankenmachen hat keinen Wert, und man tut ja
auch nicht, wie man denkt, sondern tut jeden Schritt eigentlich ganz
unüberlegt so, wie das Herz gerade will. Aber das mit dem Freundsein und
Verlieben ist vielleicht doch so, wie ich meine. Am Ende hat doch ein
jeder Mensch das Seinige ganz für sich und kann es nicht mit anderen
gemein haben. Man sieht es auch, wenn einer stirbt. Da wird geheult und
getrauert, einen Tag und einen Monat und auch ein Jahr, aber dann ist
der Tote tot und fort, und es könnte in seinem Sarge drin gerade so gut
ein heimatloser und unbekannter Handwerksbursch liegen.«
»Du, das behagt mir aber nicht, Knulp. Wir haben doch oft geredet, daß
das Leben schließlich einen Sinn haben muß und daß es einen Wert hat,
wenn einer gut und freundlich statt schlecht und feindselig ist. Aber
so, wie du jetzt sagst, ist eigentlich alles einerlei, und wir könnten
gerade so gut stehlen und totschlagen.«
»Nein, das könnten wir nicht, mein Lieber. Schlag doch einmal die paar
nächsten Leute tot, die wir treffen, wenn du's vermagst! Oder verlang
einmal von einem gelben Schmetterling, er soll blau sein. Der lacht dich
aus.«
»So mein ich's auch nicht. Aber wenn doch alles einerlei ist, dann hat
es keinen Sinn, daß man gut und redlich sein will. Dann gibt es ja kein
Gutsein, wenn blau so gut wie gelb und bös so gut wie gut ist. Dann ist
eben jeder wie ein Tier im Wald und tut nach seiner Natur und hat weder
ein Verdienst noch eine Schuld dabei.«
Knulp seufzte.
»Ja, was soll man darüber sagen! Vielleicht ist es so, wie du sagst.
Dann wird man auch deswegen oft so dumm betrübt, weil man spürt, daß das
Wollen keinen Wert hat, und daß alles ganz ohne uns seinen Weg geht.
Aber eine Schuld gibt es deswegen doch, auch wenn einer nicht anders
hat können als schlecht sein. Denn er spürt es doch in sich. Und darum
muß auch das Gute das Richtige sein, weil man dabei zufrieden bleibt und
sein gutes Gewissen hat.«
Ich sah es seinem Gesicht an, daß er dieser Gespräche satt war. Es ging
ihm oft so, er kam ins Philosophieren hinein, stellte Sätze auf, redete
für sie und wider sie und hörte plötzlich wieder auf. Früher hatte ich
gemeint, er sei dann meiner unzulänglichen Antworten und Einwürfe müde.
Aber es war nicht so, sondern er fühlte, daß seine Neigung zum
Spekulieren ihn auf Gelände führe, wo seine Kenntnisse und Redemittel
nicht ausreichten. Denn er hatte zwar recht viel gelesen, unter anderem
Tolstoi, aber er konnte zwischen richtigen und Trugschlüssen nicht immer
genau unterscheiden und fühlte das selber. Von den Gelehrten redete er,
wie ein begabtes Kind von den Erwachsenen redet: er mußte anerkennen,
daß sie mehr Macht und Mittel hatten als er, aber er verachtete sie, daß
sie doch damit nichts Rechtes anfingen und mit allen ihren Künsten doch
keine Rätsel lösen konnten.
Nun lag er wieder, den Kopf auf beiden Händen, starrte durch das
schwarze Holunderlaub in den blauen heißen Himmel und summte ein altes
Volkslied vom Rhein vor sich hin. Ich weiß noch den letzten Vers:
Nun hab ich getragen den roten Rock,
Nun muß ich tragen den schwarzen Rock,
Sechs, sieben Jahr,
Bis daß mein Lieb verweset war.
* * * * *
Spät am Abend saßen wir am dunklen Rand eines Gehölzes einander
gegenüber, jeder mit einem großen Stück Brot und einer halben
Schützenwurst, aßen und sahen dem Nachtwerden zu. Vor Augenblicken noch
waren die Hügel vom gelben Widerschein des Späthimmels beglänzt und in
flaumig schwimmendem Lichtrauch aufgelöst gewesen, nun aber standen sie
schon dunkel und scharf und malten ihre Bäume, Felderrücken und Gebüsche
schwarz auf den Himmel, der noch ein wenig lichtes Tagesblau, aber schon
viel mehr tiefes Nachtblau hatte.
Solange es noch licht gewesen war, hatten wir einander drollige Sachen
aus einem kleinen Büchlein vorgelesen, das hieß »Musenklänge aus
Deutschlands Leierkasten« und enthielt lauter dumme lustige Schundlieder
mit kleinen Holzschnitten. Das hatte nun mit dem Tageslicht sein Ende
gefunden. Als wir fertig gegessen hatten, wünschte Knulp Musik zu hören,
und ich zog die Mundharfe aus der Tasche, die voller Brosamen war,
putzte sie aus und spielte die paar oft gehörten Melodien wieder. Die
Dunkelheit, in der wir schon eine Weile saßen, hatte sich vor uns nun
weit in das vielfältig gewölbte Land hinein verbreitet, auch der Himmel
hatte seinen bleichen Schein verloren und ließ im Schwärzerwerden
langsam einen Stern um den andern hervorglühen. Die Töne unserer
Harmonika flogen leicht und dünn feldeinwärts und verloren sich bald in
den weiten Lüften.
»Wir können doch noch nicht gleich schlafen,« sagte ich zu Knulp.
»Erzähl mir noch eine Geschichte, sie braucht nicht wahr zu sein, oder
ein Märchen.«
Knulp besann sich.
»Ja,« sagte er, »eine Geschichte und auch ein Märchen, beides
beieinander. Es ist nämlich ein Traum. Vorigen Herbst hat es mir so
geträumt und seither zweimal ganz ähnlich, das will ich dir erzählen:
Da war eine Gasse in einem Städtlein, ähnlich wie bei mir daheim, alle
Häuser streckten die Giebel auf die Gassenseite, aber sie waren höher,
als man sie sonst sieht. Da ging ich hindurch, und es war, wie wenn ich
nach einer langen, langen Zeit endlich wieder heimkehrte; aber ich hatte
nur eine halbe Freude, denn es war nicht alles in Ordnung, und ich
wußte nicht ganz sicher, ob ich nicht doch am falschen Ort und gar nicht
in der Heimat sei. Manche Ecke war ganz, wie es sein sollte, und ich
kannte sie sofort wieder, aber viele Häuser waren fremd und ungewohnt,
auch fand ich die Brücke und den Weg zum Marktplatz nicht und kam statt
dessen an einem unbekannten Garten und an einer Kirche vorbei, die war
wie in Köln oder in Basel, mit zwei großen Türmen. Unsre Kirche daheim
aber hat keine Türme gehabt, sondern nur einen kurzen Stumpen mit einem
Notdach, weil sie früher sich verbaut haben und den Turm nicht fertig
machen konnten.
So war es auch mit den Leuten. Manche, die ich von weitem sah, waren mir
ganz wohlbekannt, ich wußte ihre Namen und hatte sie schon im Mund, um
sie damit anzurufen. Aber die einen gingen vorher in ein Haus oder in
eine Seitengasse und waren fort, und wenn einer näherkam und an mir
vorbeiging, verwandelte er sich und wurde fremd; aber wenn er vorüber
und wieder weiter weg war, meinte ich im Nachsehen, er sei es doch und
ich müsse ihn kennen. Ich sah auch ein paar Weiber vor einem Laden
beieinander stehen, und eine davon, schien mir's, war sogar meine
verstorbene Tante; aber wie ich zu ihnen gehe, kenne ich sie wieder
nimmer und höre auch, daß sie eine ganz fremde Mundart reden, die ich
kaum verstehen kann.
Schließlich dachte ich: Wenn ich nur wieder aus der Stadt draußen wäre,
sie ist's und ist's doch nicht. Doch lief ich immer wieder auf ein
bekanntes Haus zu oder einem bekannten Gesicht entgegen, die mich alle
auch wieder für Narren hatten. Dabei wurde ich nicht zornig und
verdrießlich, sondern nur traurig und voller Angst; ich wollte ein Gebet
hersagen und besann mich mit aller Kraft, aber es fielen mir nichts als
unnütze, dumme Redensarten ein -- zum Beispiel 'Sehr geehrter Herr' und
'Unter den obwaltenden Umständen' -- und die sagte ich verwirrt und
traurig vor mich hin.
Das ging, schien mir, ein paar Stunden lang so weiter, bis ich ganz warm
und müd war und völlig willenlos immer weiterstolperte. Es war schon
Abend, und ich nahm mir vor, den nächsten Menschen nach der Herberge
oder nach der Landstraße zu fragen, aber ich konnte keinen anreden, und
alle gingen an mir vorbei, wie wenn ich Luft wäre. Bald hätte ich vor
Müdigkeit und Verzweiflung geweint.
Da auf einmal ging es wieder um eine Ecke, und da sah ich unsere alte
Gasse vor mir liegen, ein wenig gemodelt und verziert zwar, aber das
störte mich jetzt nimmer viel. Ich ging darauf los und kannte ein Haus
ums andere trotz der Traumschnörkel deutlich wieder, und endlich auch
unser altes väterliches Haus. Es war ebenfalls übernatürlich hoch, sonst
aber fast ganz wie in alten Zeiten, und die Freude und Aufregung lief
mir wie ein Grausen den Rücken hinauf.
Unter dem Tor aber stand meine erste Liebste, die hat Henriette
geheißen. Nur sah sie größer und etwas anders aus als früher, war aber
nur noch schöner geworden. Im Näherkommen sah ich sogar, daß ihre
Schönheit wie ein Wunderwerk war und ganz engelhaft erschien, doch
merkte ich nun auch, daß sie hellblond war und nicht braun wie die
Henriette, und doch war sie es auf und nieder, wenn auch verklärt.
'Henriette!' rief ich hinüber und zog den Hut ab, weil sie so fein und
herrlich aussah, daß ich nicht wußte, ob sie mich noch werde kennen
wollen.
Sie drehte sich ganz herum und sah mir in die Augen. Aber wie sie mir so
ins Auge sieht, mußte ich mich verwundern und schämen, denn es war gar
nicht die, für die ich sie angesprochen hatte, sondern es war die
Lisabeth, meine zweite Liebste, mit der ich lange gegangen war.
'Lisabeth!' rief ich also jetzt, und streckte ihr die Hand hin.
Sie sah mich an, das ging bis ins Herz, wie wenn Gott einen anschauen
würde, nicht streng und etwa hochmütig, sondern ganz ruhig und klar,
aber so geistig und überlegen, daß ich mir wie ein Hund vorkam. Und sie
wurde im Anschauen ernst und traurig, dann schüttelte sie den Kopf wie
auf eine vorlaute Frage, nahm auch meine Hand nicht an, sondern ging ins
Haus zurück und zog das Tor still hinter sich zu. Ich hörte noch das
Schloß einschnappen.
Da kehrte ich um und ging fort, und obschon ich vor Tränen und Leidwesen
kaum aus den Augen sah, war es doch merkwürdig, wie die Stadt sich
wieder verwandelt hatte. Es war jetzt nämlich jede Gasse und jedes Haus
und alles genau wie in früherer Zeit und das Unwesen ganz verschwunden.
Die Giebel waren nicht mehr so hoch und hatten die alten Farben, die
Leute waren es wirklich und schauten mich froh und verwundert an, wenn
sie mich wieder kannten, auch riefen manche mich mit meinem Namen an.
Aber ich konnte keine Antwort geben und auch nicht stehen bleiben.
Statt dessen lief ich mit aller Macht den wohlbekannten Weg über die
Brücke und vor die Stadt hinaus und sah alles nur aus nassen Augen vor
Herzweh. Ich wußte nicht warum, mir schien nur, es sei hier für mich
alles verloren und ich müsse in Schande fortlaufen.
Dann, wie ich vor der Stadt draußen unter den Pappeln war und ein wenig
anhalten mußte, fiel mir's erst ein, daß ich daheim und vor unserem Haus
gewesen sei und an Vater und Mutter, Geschwister und Freunde und alles
mit keinem Gedanken gedacht habe. Es war eine Verwirrung, Kümmernis und
Scham in meinem Herzen wie noch niemals. Aber ich konnte nicht umkehren
und alles gutmachen, denn der Traum war aus, und ich wurde wach.«
* * * * *
Knulp sagte: »Ein jeder Mensch hat seine Seele, die kann er mit keiner
anderen vermischen. Zwei Menschen können zueinander gehen, sie können
miteinander reden und nah beieinander sein. Aber ihre Seelen sind wie
Blumen, jede an ihrem Ort angewurzelt, und keine kann zu der andern
kommen, sonst müßte sie ihre Wurzel verlassen, und das kann sie eben
nicht. Die Blumen schicken ihren Duft und ihren Samen aus, weil sie
gern zueinander möchten; aber daß ein Same an seine rechte Stelle kommt,
dazu kann die Blume nichts tun, das tut der Wind, und der kommt her und
geht hin, wie und wo er will.«
Und später: »Der Traum, den ich dir erzählt habe, hat vielleicht die
gleiche Bedeutung. Ich habe weder der Henriette mit Wissen unrecht getan
noch der Lisabeth. Aber durch das, daß ich beide einmal liebgehabt und
zu eigen habe nehmen wollen, sind sie für mich zu einer solchen
Traumgestalt geworden, die beiden ähnlich sieht und doch keine ist. Die
Gestalt gehört mir eigen, aber sie ist nichts Lebendiges mehr. So habe
ich auch oft über meine Eltern nachdenken müssen. Die meinen, ich sei
ihr Kind und ich sei wie sie. Aber wenn ich sie auch lieben muß, bin ich
doch ihnen ein fremder Mensch, den sie nicht verstehen können. Und das,
was die Hauptsache an mir und vielleicht gerade meine Seele ist, das
finden sie nebensächlich und schreiben es meiner Jugend oder Laune zu.
Dabei haben sie mich gern und täten mir gern alles Liebe. Ein Vater kann
seinem Kind die Nase und die Augen und sogar den Verstand zum Erbe
mitgeben, aber nicht die Seele. Die ist in jedem Menschen neu.«
Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich diese Gedankenwege damals noch
nicht, wenigstens nicht aus eigenem Bedürfnis, gegangen war. Mir war bei
diesem Spintisieren eigentlich recht wohl zumute, da es mir nicht bis
ans Herz ging und ich deshalb vermutete, es werde auch für Knulp mehr
ein Spiel als ein Kampf sein. Außerdem war es friedsam schön, da zu
zweien im trockenen Gras zu liegen, auf die Nacht und den Schlaf zu
warten und die frühen Sterne zu betrachten.
Ich sagte: »Knulp, du bist ein Denker. Du hättest sollen Professor
werden.«
Er lachte und schüttelte den Kopf.
»Viel eher könnt es sein, daß ich noch einmal zur Heilsarmee ginge,«
meinte er dann nachdenklich.
Das war mir zu viel. »Du,« sagte ich, »spiel mir doch nichts vor! Willst
du nicht auch noch ein Heiliger werden?«
»Doch, das will ich auch. Jeder Mensch ist heilig, wenn es ihm mit
seinen Gedanken und Taten wirklich Ernst ist. Wenn man etwas für recht
hält, muß man es tun. Und wenn ich es einmal für das richtige halte, daß
ich zur Heilsarmee gehe, dann werde ich's hoffentlich auch tun.«
»Immer die Heilsarmee!«
»Jawohl. Ich will dir sagen, warum. Ich habe schon mit vielen Leuten
gesprochen und auch viele Reden halten hören. Ich habe Pfarrer und
Lehrer und Bürgermeister und Sozialdemokraten und Liberale reden hören;
aber es war keiner dabei, dem es ganz bis ins Herz hinein Ernst war und
dem ich zugetraut hätte, daß er im Notfall für seine Weisheit sich
selber geopfert hätte. Bei der Heilsarmee aber, mit allem Musikmachen
und Radau, hab ich schon drei-, viermal Leute gesehen und gehört, denen
ist es Ernst gewesen.«
»Woher weißt du das denn?«
»Das sieht man schon. Der eine zum Beispiel, der hat in einem Dorf eine
Rede gehalten, am Sonntag, im Freien bei einem Staub und einer Hitze,
daß er bald ganz heiser war. Kräftig hat er ohnedas nicht ausgesehen.
Wenn er kein Wort mehr herausbrachte, ließ er seine drei Kameraden einen
Vers singen und nahm derweil einen Schluck Wasser. Das halbe Dorf ist um
ihn herumgestanden, Kinder und Große, und haben ihn für Narren gehabt
und kritisiert. Hinten stand ein junger Knecht, der hatte eine Peitsche
und ließ von Zeit zu Zeit einen Mordsknaller los, um den Redner recht zu
ärgern, und dann lachten jedesmal alle. Aber der arme Kerl ist nicht bös
geworden, obwohl er gar nicht dumm war, sondern hat sich mit seinem
Stimmlein in dem Spektakel durchgefochten und hat gelächelt, wo ein
andrer geheult oder geflucht hätte. Weißt du, das tut einer nicht um
einen Hungerlohn und um des Vergnügens willen, sondern er muß eine große
Helligkeit und Gewißheit in sich haben.«
»Meinetwegen. Aber eins paßt nicht für alle. Und wer ein feiner und
empfindsamer Mensch ist wie du, der tut bei dem Spektakel nicht mit.«
»Vielleicht doch. Wenn er etwas weiß und hat, was noch viel besser ist
als die ganze Feinheit und Empfindsamkeit. Es paßt freilich nicht eins
für alle, aber die Wahrheit, die muß für alle passen.«
»Ach Wahrheit! Woher weiß man, ob gerade die mit ihrem Halleluja die
Wahrheit haben.«
»Das weiß man nicht, ganz richtig. Aber ich sage ja nur: Wenn ich einmal
finde, daß das die Wahrheit ist, dann will ich ihr auch folgen.«
»Ja wenn! Aber du findest ja jeden Tag eine Weisheit, und morgen läßt du
sie nimmer gelten.«
Er sah mich betroffen an.
»Da hast du etwas Schlimmes gesagt.«
Ich wollte mich entschuldigen, doch wehrte er ab und blieb still. Bald
sagte er leise gut Nacht und legte sich ruhig hin, aber ich glaube
nicht, daß er schon schlief. Auch ich war noch zu lebhaft und lag noch
weit über eine Stunde lang mit aufgestützten Ellbogen da und schaute in
das nächtliche Land hinein.
* * * * *
Am Morgen sah ich gleich, daß Knulp heute seinen guten Tag habe. Ich
sagte ihm das, und er strahlte mich mit seinen kinderhaften Augen an und
sagte: »Richtig geraten. Und weißt du auch, wo es herkommt, wenn einer
so einen guten Tag hat?«
»Nein, woher?«
»Es kommt davon, daß man nachts gut geschlafen und recht viel Schönes
geträumt hat. Aber man darf es nimmer wissen. So geht mir's heute. Ich
habe lauter Pracht und Lustbarkeit zusammengeträumt, aber alles
vergessen; ich weiß nur noch, daß es herrlich schön gewesen ist.«
Und noch eh wir das nächste Dorf erreicht und eine Morgenmilch im Leibe
hatten, sang er schon mit seiner warmen, leichten, mühelosen Stimme
drei, vier nagelneue Lieder in die nüchterne Frühe hinein.
Aufgeschrieben und abgedruckt würden diese Lieder vielleicht recht wenig
vorstellen. Aber wenn Knulp kein großer Dichter war, so war er doch ein
kleiner, und während er sie selber sang, sahen seine Liedchen den
schönsten anderen oft ähnlich wie hübsche Geschwister. Und einzelne
Stellen und Verse, die ich behalten habe, sind wahrhaft schön und mir
noch immer wert. Es ist nichts davon aufgeschrieben worden, und seine
Verse kamen, lebten und starben harmlos und verantwortungslos, wie die
Lüfte wehen, aber sie haben nicht nur mir und ihm, sondern vielen
anderen, Kindern und Alten, manche Viertelstunde schön und lieb gemacht.
Hell und sonntagsangetan
Wie ein Fräulein aus dem Tor,
Kommt sie rot und aber stolz
Überm Tannenwald hervor --
so sang er an jenem Tage von der Sonne, die in seinen Liedern fast immer
vorkam und gepriesen wurde. Und sonderbar, so wenig er im Gespräch das
Spekulieren lassen konnte, so unbefangen waren seine Verslein, die wie
saubere Kinder in hellen Sommerkleidern dahinsprangen. Oft waren sie
auch sinnlos drollig und dienten nur dazu, den vorhandenen Übermut
entströmen zu lassen.
Den damaligen Tag wurde ich ganz von seiner Laune angesteckt. Wir
begrüßten und neckten alle Leute, die uns begegneten, so daß hinter uns
her bald gelacht, bald geschimpft wurde, und der ganze Tag verging uns
wie eine Festlichkeit. Wir erzählten einander Streiche und Witze aus der
Schulzeit, hingen den vorübergehenden Bauern und oft auch ihren Rossen
und Ochsen Spitznamen an, aßen uns an einem verborgenen Gartenzaun an
gestohlenen Stachelbeeren satt und schonten unsere Kräfte und
Stiefelsohlen, indem wir beinahe jede Stunde eine Rast hielten.
Mir schien, seit meiner noch jungen Bekanntschaft mit Knulp hätte ich
ihn noch nie so fein und lieb und unterhaltsam gefunden, und ich freute
mich darauf, daß von heute an das eigentliche Zusammenleben und Wandern
und Lustigsein erst anheben sollte.
Der Mittag wurde schwül, und wir lagen mehr im Grase als wir
marschierten, und gegen den Abend hin zog sich Gewitterdunst und drange
Luft zusammen, so daß wir beschlossen, für die Nacht ein Dach zu suchen.
Knulp wurde nun allmählich stiller und ein wenig müde, doch merkte ich
es kaum, denn er lachte noch immer herzlich mit und stimmte oft in
meinen Gesang ein, und ich selber ward noch ausgelassener und fühlte ein
Freudenfeuer um das andere in mir angehen. Vielleicht war es bei Knulp
umgekehrt, daß in ihm die festlichen Lichter schon zu verglimmen
begannen. Mir ist es damals immer so gegangen, daß ich an frohen Tagen
gegen die Nacht hin immer lebhafter wurde und kein Ende finden konnte,
ja, oft trieb ich mich nach einer Lustbarkeit nachts noch ganze Stunden
allein herum, wenn die andern längst ermüdet waren und schliefen.
Dieses abendliche Freudenfieber befiel mich auch damals, und ich freute
mich, als wir talwärts gegen ein stattliches Dorf kamen, auf eine
lustige Nacht. Vorerst bestimmten wir eine abseits stehende, leicht
zugängliche Scheuer zu unserer Nachtherberge, dann zogen wir in das Dorf
ein und in einen schönen Wirtsgarten, denn ich hatte meinen Freund für
heute als meinen Gast geladen und dachte einen Eierkuchen und ein paar
Flaschen Bier zu spendieren, weil es doch ein Freudentag war.
Knulp hatte die Einladung auch willig angenommen. Doch als wir unter
einem schönen Platanenbaum an unsrem Gartentisch Platz nahmen, sagte er
halb verlegen: »Du, wir wollen aber keine Trinkerei anfangen, gelt? Eine
Flasche Bier trink ich gern, das tut gut und ist mir ein Vergnügen, aber
mehr mag ich kaum vertragen.«
Ich ließ es gut sein und dachte: Wir werden schon zu so viel oder wenig
kommen, als uns Freude macht. Wir aßen den heißen Eierkuchen und ein
kräftig frisches, braunes Roggenbrot dazu, und allerdings ließ ich mir
bald eine zweite Flasche Bier bringen, während Knulp seine erste noch
halbvoll hatte. Mir war, da ich wieder üppig und herrschaftlich an einem
guten Tische saß, herzlich wohl zumut, und ich dachte das heute abend
noch eine Weile zu genießen.
Als Knulp mit seinem Bier zu Ende war, nahm er trotz meiner Bitten keine
zweite an und schlug mir vor, jetzt noch ein wenig durchs Dorf zu
schlendern und dann zeitig schlafen zu gehen. Das war nun gar nicht
meine Absicht, doch mochte ich nicht geradezu widersprechen. Und da
meine Flasche noch nicht leer war, hatte ich auch nichts dagegen, daß er
einstweilen vorausging, wir würden uns nachher schon wieder treffen.
Er ging denn auch. Ich sah ihm nach, wie er mit seinem bequemen,
genießenden Feierabendschritt, eine Sternblume hinterm Ohr, die paar
Treppen hinab auf die breite Gasse und langsam dorfeinwärts bummelte.
Und wenn es mir auch leid tat, daß er nicht noch eine Flasche mit mir
leeren wollte, dachte ich im Nachschauen doch froh und zärtlich: Du
lieber Kerl!
Inzwischen nahm die Schwüle, trotzdem die Sonne schon verschwunden war,
noch immer zu. Ich hatte das gern, bei solchem Wetter in Ruhe bei einem
frischen Abendtrunk zu sitzen, und richtete mich an meinem Tische noch
auf einiges Bleiben ein. Da ich beinahe der einzige Gast war, fand die
Kellnerin reichlich Zeit, mit mir ein Gespräch zu pflegen. Ich ließ mir
von ihr auch noch zwei Zigarren bringen, von denen ich eine anfänglich
für Knulp bestimmte, doch rauchte ich sie nachher in der Vergeßlichkeit
selber noch.
Einmal, etwa nach einer Stunde, kam Knulp wieder und wollte mich
abholen. Ich war jedoch seßhaft geworden, und da er müde war und Schlaf
hatte, wurden wir einig, daß er an unsere Schlafstätte gehen und sich
hinlegen sollte. So ging er denn. Die Kellnerin aber fing sofort an,
mich nach ihm auszufragen, denn er stach allen Mädchen in die Augen. Ich
hatte nichts dagegen, er war ja mein Freund und sie nicht mein Schatz,
und ich pries ihn sogar noch mächtig, denn mir war wohl und ich meinte
es mit jedermann gut.