gedacht, Ihr seid hier fremd und allein und habet manchmal das Heimweh,
und ich auch, und da hätten wir einander ein bißchen erzählen können,
von Achthausen hätt ich gern noch mehr gehört, weil ich doch einmal
dort war. Ja nun, zwingen kann ich Euch nicht, und Ihr müsset mir's auch
nicht übelnehmen.«
»Ach was übelnehmen! Aber wenn ich doch nicht kann.«
»Ihr habt ja frei heut abend, Bärbele. Ihr möget bloß nicht. Aber
vielleicht überlegt Ihr's Euch noch. Ich muß jetzt gehen, und heut abend
bin ich an der Turnhalle und warte, und wenn niemand kommt, dann geh ich
allein spazieren und denk an Euch und daß Ihr jetzt nach Achthausen
schreibet. Also adieu, und nichts für ungut!«
Er nickte kurz und war weg, ehe sie noch etwas sagen konnte. Sie sah ihn
hinter den Bäumen verschwinden und machte ein ratloses Gesicht. Dann
kehrte sie zur Arbeit zurück, und plötzlich begann sie -- die Frau war
ausgegangen -- laut und schön dazu zu singen.
Knulp hörte es wohl. Er saß wieder auf dem Gerbersteg und machte kleine
Kugeln aus einem Stückchen Brot, das er bei Tische zu sich gesteckt
hatte. Die Brotkugeln ließ er sachte ins Wasser fallen, eine nach der
andern, und schaute nachdenklich zu, wie sie untersanken, ein wenig von
der Strömung abgetrieben, und wie sie unten auf dem dunklen Grunde von
den stillen gespenstischen Fischen aufgeschnappt wurden.
* * * * *
»So,« sagte der Gerbermeister beim Nachtessen, »jetzt ist's Samstag
abend, und du weißt gar nicht, wie schön das ist, wenn man es die ganze
Woche streng gehabt hat.«
»O, ich kann's mir schon denken,« lächelte Knulp, und die Meisterin
lächelte mit und sah ihm schalkhaft ins Gesicht.
»Heut abend,« fuhr Rothfuß im festlichen Tone fort, »heut abend trinken
wir einen guten Krug Bier miteinander, meine Alte holt ihn gleich, gelt?
Und morgen, wenn es gut Wetter gibt, machen wir alle drei einen Ausflug.
Was meinst du, alter Freund?«
Knulp schlug ihn kräftig auf die Schulter.
»Man hat es gut bei dir, das muß ich sagen, und auf den Ausflug freu ich
mich schon. Hingegen heut abend habe ich eine Besorgung, es ist ein
Freund von mir hier, den muß ich treffen, er hat in der oberen Schmiede
gearbeitet und reist morgen fort. -- Ja, es tut mir leid, aber morgen
sind wir ja den ganzen Tag beieinander, sonst hätt ich mich auch gar
nicht darauf eingelassen.«
»Du wirst doch nicht jetzt in der Nacht herumlaufen wollen, wo du noch
halb krank bist.«
»Ach was, zu arg darf man sich auch nicht verwöhnen. Ich komme nicht
spät heim. Wo tust du den Schlüssel hin, daß ich dann herein kann?«
»Du bist ein Eigensinn, Knulp. Also dann geh halt, und den Schlüssel
findest du hinterm Kellerladen. Du weißt doch, wo?«
»Jawohl. Dann geh ich jetzt. Leget Euch nur zeitig ins Bett! Gut Nacht.
Gut Nacht, Frau Meisterin.«
Er ging, und als er schon unten beim Haustor war, kam ihm hastig die
Meistersfrau nachgelaufen. Sie brachte einen Regenschirm, den mußte
Knulp mitnehmen, er mochte wollen oder nicht.
»Sie müssen auch Sorge zu sich haben, Knulp,« sagte sie. »Und jetzt will
ich Ihnen zeigen, wo Sie nachher den Schlüssel finden.«
Sie nahm ihn in der Dunkelheit bei der Hand und führte ihn um die
Hausecke und machte vor einem Fensterchen halt, das mit Holzläden
verschlossen war.
»Hinter den Laden legen wir den Schlüssel,« berichtete sie aufgeregt und
flüsternd und streichelte Knulps Hand. »Sie müssen dann bloß durch den
Ausschnitt langen, er liegt auf dem Simsen.«
»Ja, danke schön,« sagte Knulp verlegen und zog seine Hand zurück.
»Soll ich Ihnen ein Bier aufheben, bis Sie wiederkommen?« fing sie
wieder an und drückte sich leise gegen ihn.
»Nein, danke, ich trinke selten eins. Gut Nacht, Frau Rothfuß, und danke
schön.«
»Pressiert's denn so?« flüsterte sie zärtlich und kniff ihn in den Arm.
Ihr Gesicht stand dicht vor dem seinen, und in einer verlegenen Stille,
da er sie nicht mit Gewalt zurückstoßen mochte, strich er mit der Hand
über ihr Haar.
»Aber jetzt muß ich weiter,« rief er plötzlich überlaut und trat zurück.
Sie lächelte ihn mit halb geöffnetem Munde an, er konnte im Dunkeln ihre
Zähne schimmern sehen. Und sie rief ganz leise: »Ich warte dann, bis du
heimkommst. Du bist ein Lieber.«
Nun ging er rasch davon in die finstere Gasse hinein, den Schirm unterm
Arme, und begann bei der nächsten Ecke, um der törichten Beklommenheit
Herr zu werden, zu pfeifen. Es war das Lied:
Du meinst', ich werd' dich nehmen,
Hab's aber nicht im Sinn,
Ich muß mich deiner schämen,
Wenn ich in G'sellschaft bin.
Die Luft ging lau, und zuweilen traten Sterne am schwarzen Himmel
heraus. In einem Wirtshaus lärmte junges Volk, dem Sonntag entgegen, und
im Pfauen sah er hinter den Fenstern der neuen Kegelbahn eine
bürgerliche Herrengesellschaft in Hemdärmeln beieinander stehen,
Kegelkugeln in den Händen wägend und Zigarren im Munde.
Bei der Turnhalle machte Knulp halt und schaute sich um. In den kahlen
Kastanienbäumen sang schwach der feuchte Wind, der Fluß strömte unhörbar
in tiefer Schwärze und spiegelte ein paar erleuchtete Fenster wider. Die
milde Nacht tat dem Landstreicher in allen Fibern wohl, er atmete
spürend und ahnte Frühling, Wärme, trockene Straßen und Wanderschaft.
Sein unerschöpfliches Gedächtnis überschaute die Stadt, das Flußtal und
die ganze Gegend, er wußte überall Bescheid, er kannte Straßen und
Fußwege, Dörfer, Weiler, Höfe, befreundete Nachtherbergen. Scharf dachte
er nach und stellte den Plan für seine nächste Wanderung auf, da hier in
Lächstetten seines Bleibens doch nimmer sein konnte. Er wollte nur, wenn
es ihm die Frau nicht zu schwer machte, dem Freunde zulieb noch über
diesen Sonntag bleiben.
Vielleicht, dachte er, hätte er dem Gerber einen Wink geben sollen,
seiner Meisterin wegen. Aber er liebte es nicht, seine Hände in anderer
Leute Sorgen zu stecken, und er hatte kein Bedürfnis, die Menschen
besser oder klüger machen zu helfen. Es tat ihm leid, daß es so gegangen
war, und seine Gedanken an die ehemalige Ochsenkellnerin waren
keineswegs freundlich; aber er dachte auch mit einem gewissen Spott an
des Gerbers würdige Reden über Hausstand und Eheglück. Er kannte das, es
war meistens nichts damit, wenn einer mit seinem Glück oder mit seiner
Tugend sich rühmte und groß tat, mit des Flickschneiders Frömmigkeit war
es einst ebenso gewesen. Man konnte den Leuten in ihrer Dummheit
zusehen, man konnte über sie lachen oder Mitleid mit ihnen haben, aber
man mußte sie ihre Wege gehen lassen.
Mit einem gedankenvollen Seufzer tat er diese Sorgen beiseite. Er lehnte
sich in die Höhlung einer alten Kastanie, der Brücke gegenüber, und
dachte weiter seiner Wanderschaft nach. Er wäre gerne quer über den
Schwarzwald gegangen, aber da oben war es jetzt kalt, und vermutlich lag
noch viel Schnee, man verdarb sich die Stiefel, und die
Schlafgelegenheiten waren weit auseinander. Nein, damit war es nichts,
er mußte den Tälern nachgehen und sich an die Städtchen halten. Die
Hirschenmühle, vier Stunden weiter unten am Fluß, war der erste sichere
Rastort, dort würde man ihn bei schlechtem Wetter ein, zwei Tage
behalten.
Wie er so in Gedanken stand und kaum mehr daran dachte, daß er auf
jemanden warte, erschien in Dunkelheit und Zugwind auf der Brücke eine
schmale ängstliche Gestalt und kam zögernd näher. Er erkannte sie
sofort, lief ihr freudig und dankbar entgegen und schwang den Hut.
»Das ist lieb, daß Ihr kommet, Bärbele, ich habe schon beinah nimmer
dran geglaubt.«
Er ging zu ihrer Linken und führte sie die Allee flußaufwärts. Sie war
zaghaft und schämte sich.
»Es war doch nicht recht,« sagte sie wieder und wieder. »Wenn uns nur
niemand sieht!«
Knulp aber hatte eine Menge zu fragen, und bald wurden die Schritte des
Mädchens ruhiger und gleichmäßiger, und schließlich ging sie leicht und
munter neben ihm wie ein Kamerad und erzählte, von seinen Fragen und
Einwürfen erwärmt, mit Begier und Eifer von ihrer Heimat, von Vater und
Mutter, Bruder und Großmama, von den Enten und Hühnern, von Hagelschlag
und Krankheiten, von Hochzeiten und Kirchweihfesten. Ihr kleiner Schatz
an Erlebnissen tat sich auf und war größer, als sie selber geglaubt
hätte, und schließlich kam die Geschichte ihrer Verdingung und ihres
Abschieds von daheim, ihr jetziger Dienst und das Hauswesen ihres
Dienstherren an die Reihe.
Sie waren längst weit vor dem Städtchen draußen, ohne daß Bärbele auf
den Weg geachtet hatte. Nun hatte sie sich von einer langen, trüben
Woche des Fremdseins, Schweigens und Duldens im Plaudern erlöst und war
ganz lustig geworden.
»Wo sind wir denn aber?« rief sie plötzlich verwundert. »Wo laufen wir
denn hin?«
»Wenn es Euch recht ist, gehen wir nach Gertelfingen hinein, wir sind
gleich dort.«
»Gertelfingen? Was sollen wir da? Wir wollen lieber umkehren, es wird
spät.«
»Wann müsset Ihr denn daheim sein, Bärbele?«
»Um zehne. Da wird's Zeit. Es ist ein netter Spaziergang gewesen.«
»Bis zehne ist's noch lang,« sagte Knulp, »und ich will gewiß dran
denken, daß Ihr zur Zeit heimkommet. Aber weil wir doch nimmer so jung
zusammen kommen, so könnten wir eigentlich heut noch einen Tanz
miteinander riskieren. Oder möget Ihr nicht tanzen?«
Sie sah ihn gespannt und verwundert an.
»O, tanzen mag ich immer. Aber wo denn? Hier mitten in der Nacht
draußen?«
»Ihr müsset wissen, wir sind gleich in Gertelfingen, und da ist Musik im
Löwen. Wir können hinein gehen, bloß auf einen einzigen Tanz, und dann
gehen wir heim und haben einen schönen Abend gehabt.«
Bärbele blieb zweifelnd stehen.
»Es wäre lustig,« meinte sie langsam. »Aber was soll man von uns denken?
Ich will nicht für so eine angeschaut werden, und ich will auch nicht,
daß man meint, wir zwei gehören zusammen.«
Und plötzlich lachte sie übermütig auf und rief: »Nämlich, wenn ich
später einmal einen Schatz haben will, dann muß es kein Gerber sein. Ich
will Euch nicht beleidigen, aber Gerber ist doch ein unsauberes
Handwerk.«
»Da habet Ihr vielleicht recht,« sagte Knulp gutmütig. »Ihr sollet mich
ja auch nicht heiraten. Es weiß kein Mensch, daß ich ein Gerber bin und
daß Ihr so stolz seid, und die Hände hab ich mir gewaschen, und wenn Ihr
also einmal mit mir herumtanzen wollt, so seid Ihr eingeladen. Sonst
kehren wir um.«
Sie sahen in der Nacht das erste Haus des Dorfes mit einem bleichen
Giebel aus Gebüschen schauen, und Knulp sagte plötzlich »Bst!« und hob
den Finger auf, und da hörten sie vom Dorfe her die Tanzmusik, eine
Ziehharmonika und eine Geige, tönen.
»Also denn!« lachte das Mädchen, und sie gingen rascher.
Im Löwen tanzten nur vier oder fünf Paare, lauter junge Leute, die Knulp
nicht kannte. Es ging still und anständig zu, und niemand belästigte das
fremde Paar, das sich dem nächsten Tanz anschloß. Sie machten einen
Ländler und eine Polka mit, dann kam ein Walzer, den Bärbele nicht
konnte. Sie sahen zu und tranken einen Pfiff Bier, weiter reichte Knulps
Barschaft nicht.
Bärbele war beim Tanzen warm geworden und blickte nun mit glänzenden
Augen in den kleinen Saal.
»Jetzt wär es eigentlich Zeit zum Heimgehen,« sagte Knulp, als es halb
zehn Uhr war.
Sie fuhr auf und sah ein wenig traurig aus.
»Ach schade!« sagte sie leise.
»Wir können ja noch dableiben.«
»Nein, ich muß heim. Und schön war's.«
Sie gingen weg, aber unter der Tür fiel es dem Mädchen ein: »Wir haben
ja der Musik gar nichts gegeben.«
»Ja,« meinte Knulp etwas verlegen, »sie hätten wohl einen Zwanziger
verdient. Aber es steht leider so mit mir, daß ich keinen habe.«
Sie wurde eifrig und zog ihren kleinen gestrickten Geldbeutel aus der
Tasche.
»Warum saget Ihr auch nichts? Da ist ein Zwanziger, gebet den!«
Er nahm das Geldstück und brachte es den Musikanten, dann gingen sie
hinaus und mußten vor der Haustür einen Augenblick stehen bleiben, bis
sie in der tiefen Dunkelheit den Weg sahen. Der Wind ging stärker und
führte einzelne Regentropfen.
»Soll ich den Schirm auftun?« fragte Knulp.
»Nein, bei dem Wind, wir kämen ja nicht weiter. Es ist nett gewesen da
drinnen. Ihr könnet's fast wie ein Tanzmeister, Gerber.«
Sie plauderte fröhlich fort. Ihr Freund aber war still geworden,
vielleicht daß er müde ward, vielleicht daß er den nahen Abschied
fürchtete.
Plötzlich fing sie an zu singen: »Bald gras' ich am Neckar, bald gras'
ich am Rhein.« Ihre Stimme klang warm und rein, und beim zweiten Vers
fiel Knulp mit ein und sang die zweite Stimme so sicher, tief und schön,
daß sie mit Behagen darauf horchte.
»So, ist jetzt das Heimweh vergangen?« fragte er am Ende.
»O ja,« lachte sie hell. »Wir müssen wieder einmal so einen Spaziergang
machen.«
»Das tut mir leid,« antwortete er leiser. »Es wird wohl der letzte
gewesen sein.«
Da blieb sie stehen. Sie hatte nicht genau zugehört, aber der betrübte
Klang seiner Worte war ihr aufgefallen.
»Ja, was ist denn?« fragte sie leicht erschrocken. »Habt Ihr was gegen
mich?«
»Nein, Bärbele. Aber morgen muß ich fort, ich habe gekündigt.«
»Was Ihr nicht saget! Ist's wahr? Das tut mir aber leid.«
»Um mich muß es Euch nicht leid sein. Lang wär' ich doch nicht
geblieben, und ich bin ja auch bloß ein Gerber. Ihr müsset bald einen
Schatz haben, einen recht schönen, dann kommt das Heimweh nimmer, Ihr
werdet sehen.«
»Ach, redet nicht so! Ihr wisset, daß ich Euch ganz gern habe, wenn Ihr
auch nicht mein Schatz seid.«
Sie schwiegen beide, der Wind pfiff ihnen ins Gesicht. Knulp ging
langsamer. Sie waren schon nah bei der Brücke. Schließlich blieb er
stehen.
»Ich will Euch jetzt adieu sagen, es ist besser, Ihr gehet die paar
Schritte noch allein.«
Bärbele sah ihm mit aufrichtiger Betrübnis ins Gesicht.
»Es ist also Ernst? Dann sage ich Euch auch noch meinen Dank. Ich will
es nicht vergessen. Und alles Gute auch!«
Er nahm ihre Hand und zog sie an sich, und während sie ängstlich und
verwundert in seine Augen sah, nahm er ihren Kopf mit den vom Regen
feuchten Zöpfen in beide Hände und sagte flüsternd: »Adieu denn,
Bärbele. Ich will jetzt zum Abschied noch einen Kuß von Euch haben, daß
Ihr mich nicht ganz vergesset.«
Ein wenig zuckte sie und strebte zurück, aber sein Blick war gut und
traurig, und sie sah erst jetzt, wie schöne Augen er habe. Ohne die
ihren zu schließen, empfing sie ernsthaft seinen Kuß, und da er darauf
mit einem schwachen Lächeln zögerte, bekam sie Tränen in die Augen und
gab ihm den Kuß herzhaft zurück.
Dann ging sie schnell davon und war schon über der Brücke, da kehrte sie
plötzlich um und kam wieder zurück. Er stand noch am selben Ort.
»Was ist, Bärbele?« fragte er. »Ihr müsset heim.«
»Ja, ja, ich geh schon. Ihr dürfet nicht schlecht von mir denken!«
»Das tu ich gewiß nicht.«
»Und wie ist denn das, Gerber? Ihr habet doch gesagt, Ihr hättet gar
kein Geld mehr? Ihr krieget doch noch Lohn, eh Ihr fortgeht?«
»Nein, Lohn kriege ich keinen mehr. Aber es macht nichts, ich komme
schon durch, da müsset Ihr Euch keine Gedanken machen.«
»Nein, nein! Ihr müsset etwas im Sack haben. Da!«
Sie steckte ihm ein großes Geldstück in die Hand, er spürte, daß es ein
Taler war.
»Ihr könnet mir's einmal wiedergeben oder schicken, später einmal.«
Er hielt sie an der Hand zurück.
»Das geht nicht. So dürfet Ihr nicht mit Eurem Geldlein umgehen! Das ist
ja ein ganzer Taler. Nehmt ihn wieder! Nein, Ihr müsset! So. Man muß
nicht unvernünftig sein. Wenn Ihr was Kleines bei Euch habt, einen
Fünfziger oder so, das nehm ich gerne, weil ich in der Not bin. Aber
mehr nicht.«
Sie stritten noch ein wenig, und Bärbele mußte ihren Geldbeutel
herzeigen, weil sie sagte, sie habe nichts als den Taler. Es war aber
nicht so, sie hatte auch noch eine Mark und einen kleinen silbernen
Zwanziger, die damals noch galten. Den wollte er haben, aber das war ihr
zu wenig, und dann wollte er gar nichts nehmen und fortgehen, aber
schließlich behielt er das Markstück, und sie lief nun im Trabe
heimwärts.
Unterwegs dachte sie beständig darüber nach, warum er sie jetzt nicht
noch einmal geküßt habe. Bald wollte es ihr leid tun, bald fand sie es
gerade besonders lieb und anständig, und dabei blieb sie schließlich.
Eine gute Stunde später kam Knulp nach Hause. Er sah im Wohnzimmer
droben noch Licht brennen, also saß die Meisterin noch auf und wartete
auf ihn. Er spuckte ärgerlich aus und wäre beinahe davongelaufen, gleich
jetzt in die Nacht hinein. Aber er war müde, und es würde regnen, und
dem Weißgerber wollte er das auch nicht antun, und außerdem spürte er
auf diesen Abend hin noch Lust zu einem bescheidenen Schabernack.
So fischte er denn den Schlüssel aus seinem Versteck heraus, schloß
vorsichtig wie ein Dieb die Haustüre auf, zog sie hinter sich zu, schloß
mit zusammengepreßten Lippen geräuschlos ab und versorgte den Schlüssel
sorgfältig am alten Platz. Dann stieg er auf Socken, die Schuhe in der
Hand, die Stiege hinauf, sah Licht durch eine Ritze der angelehnten
Stubentür und hörte die beim langen Warten eingeschlafene Meisterin
drinnen auf dem Kanapee tief in langen Zügen atmen. Darauf stieg er
unhörbar in seine Kammer hinauf, schloß sie von innen fest ab und ging
ins Bett. Aber morgen, das war beschlossen, wurde abgereist.
Meine Erinnerung an Knulp
Es war noch mitten in der fröhlichen Jugendzeit, und Knulp war noch am
Leben. Wir wanderten damals, er und ich, in der glühenden Sommerszeit
durch eine fruchtbare Gegend und hatten wenig Sorgen. Tagsüber
schlenderten wir an den gelben Kornfeldern hin oder lagen auch unter
einem kühlen Nußbaum oder am Waldesrand, am Abend aber hörte ich zu, wie
Knulp den Bauern Geschichten erzählte, den Kindern Schattenspiele
vormachte und für die Mädchen seine vielen Lieder sang. Ich hörte mit
Freude zu und ohne Neid, nur wenn er unter den Mädchen stand und sein
braunes Gesicht wetterleuchtete und die Jungfern zwar viel lachten und
spotteten, aber mit unverwandten Blicken an ihm hingen, da schien es mir
zuweilen, er sei doch ein seltener Glücksvogel oder ich das Gegenteil,
und dann ging ich manchmal zur Seite, um nicht so überflüssig dabei zu
stehen, und begrüßte entweder den Pfarrer in seiner Wohnstube um ein
gescheites Abendgespräch und ein Nachtlager, oder ich setzte mich ins
Gasthaus zu einem stillen Wein.
Eines Nachmittags, erinnere ich mich, kamen wir an einem Kirchhof
vorüber, der samt einer kleinen Kapelle verlassen zwischen den Feldern
lag, weit weg vom nächsten Dorf, und mit seinen dunkeln Gebüschen überm
Mauerkranz recht friedvoll und heimatlich in dem heißen Lande ruhte. Am
Eingangsgitter standen zwei große Kastanienbäume, es war aber
verschlossen, und ich wollte weitergehen. Doch Knulp mochte nicht, er
schickte sich an, über die Mauer zu steigen.
Ich fragte: »Schon wieder Feierabend?«
»Wohl, wohl, sonst tun mir bald die Sohlen weh.«
»Ja, muß es denn gerade ein Kirchhof sein?«
»Ganz gern, komm du nur mit. Die Bauern gönnen sich nicht viel, das weiß
ich wohl, aber unter der Erde wollen sie's doch gut haben. Darum lassen
sie sich's gern eine Mühe kosten und pflanzen was Sauberes auf die
Gräber und daneben.«
Da stieg ich mit hinüber und sah, daß er recht hatte, denn es lohnte
sich wohl, über das Mäuerlein zu klettern. Da innen lagen in geraden
und in krummen Reihen die Gräber nebeneinander, die meisten mit einem
weißen Kreuz von Holz versehen, und darauf und darüber war es grün und
blumenfarbig. Da glühte freudig Winde und Geranium, im tiefern Schatten
auch noch später Goldlack, und Rosenbüsche hingen voller Rosen, und
Fliederbäume und Holunderbäume standen dick im Holz und Laub, daß es wie
ein Lustgarten war.
Wir schauten alles ein wenig an und setzten uns dann im Grase, das
stellenweise hoch und in Blüte stand, und ruhten aus und wurden kühl und
zufrieden.
Knulp las den Namen auf dem nächsten Kreuz und sagte: »Der heißt
Engelbert Auer und ist über sechzig Jahr alt geworden. Dafür liegt er
jetzt unter Reseden, was eine feine Blume ist, und hat es ruhig. Reseden
möcht ich schon auch einmal haben, und einstweilen nehm ich eine von den
hiesigen mit.«
Ich sagte: »Laß sie nur und nimm was anderes, Reseden welken bald.«
Er brach doch eine ab und steckte sie auf seinen Hut, der neben ihm im
Grase lag.
»Wie es da schön still ist!« sagte ich.
Und er: »Ja, schon. Und wenn es noch ein wenig stiller wär, so könnten
wir wohl die da drunten reden hören.«
»Das nicht. Die haben ausgeredet.«
»Weiß man's? Man sagt doch immer, der Tod ist ein Schlaf, und im Schlaf
redet man oft und singt auch mitunter.«
»Du vielleicht schon.«
»Ja, warum nicht? Und wenn ich verstorben wär, da würd ich warten, bis
am Sonntag die Mädlein herüberkommen und still herumstehen und sich von
einem Grab ein Blümlein abbrechen, und dann würd ich ganz leis anfangen
singen.«
»So, und was denn?«
»Was? Irgendein Lied.«
Er legte sich lang auf den Boden, machte die Augen zu und fing bald mit
einer leisen, kindlichen Stimme an zu singen:
»Weil ich früh gestorben bin,
Drum singet mir, ihr Jüngferlein,
Ein Abschiedslied.
Wenn ich wiederkomm,
Wenn ich wiederkomm,
Bin ich ein schöner Knabe.«
Ich mußte lachen, obwohl das Lied mir gut gefiel. Er sang schön und
zart, und wenn manchmal die Worte keinen völligen Sinn hatten, war doch
die Melodie recht fein und machte es schön.
»Knulp,« sagte ich, »versprich den Jungfern nicht zu viel, sonst hören
sie dir bald nimmer zu. Das mit dem Wiederkommen ist schon recht, aber
gewiß weiß das kein Mensch, und ob du dann gerade ein schöner Knabe
wirst, das ist erst recht nicht sicher.«
»Sicher ist es nicht, das stimmt. Aber es wäre mir lieb. Weißt du noch,
vorgestern, der kleine Bub mit der Kuh, den wir nach dem Weg gefragt
haben? So wär ich gern wieder einer. Du nicht auch?«
»Nein, ich nicht. Ich habe einmal einen alten Mann gekannt, wohl über
siebzig, der hat so still und gut geblickt, und mir kam es vor, als
könne an ihm nur Gutes und Kluges und Stilles sein. Und seither denk ich
hie und da, so möcht ich gern auch einer werden.«
»Ja, da fehlt dir noch ein Stückchen dran, weißt du. Und es ist
überhaupt komisch mit dem Wünschen. Wenn ich jetzt im Augenblick bloß zu
nicken brauchte und wäre dann so ein netter kleiner Bub, und du
brauchtest bloß zu nicken und wärst ein feiner milder alter Kerl, so
würde doch keiner von uns nicken. Sondern wir würden ganz gern bleiben,
wie wir sind.«
»Das ist auch wahr.«
»Wohl. Und auch sonst, schau. Oft denk ich mir: Das Allerschönste und
Allerfeinste, was es überhaupt gibt, das ist ein schlankes junges
Fräulein mit einem blonden Haar. Stimmt aber nicht, denn man sieht oft
genug, daß eine Schwarze fast noch schöner ist. Und außerdem, es
geschieht auch wieder, daß mir so scheint: Das Allerschönste und das
Feinste von allem ist doch ein schöner Vogel, wenn man ihn so frei in
der Höhe sieht schweben. Und ein andermal ist gar nichts so wundersam
wie ein Schmetterling, ein weißer zum Beispiel mit roten Augen auf den
Flügeln, oder auch ein Sonnenschein am Abend in den Wolken droben, wenn
alles glänzt und doch nicht blendet, und alles dann so froh und
unschuldig aussieht.«
»Ganz recht, Knulp. Es ist eben alles schön, wenn man es in der guten
Stunde anschaut.«
»Ja. Aber ich denke noch anders. Ich denke, das Schönste ist immer so,
daß man dabei außer dem Vergnügen auch noch eine Trauer hat oder eine
Angst.«
»Ja wie denn?«
»Ich meine so: Eine recht schöne Jungfer würde man vielleicht nicht gar
so fein finden, wenn man nicht wüßte, sie hat ihre Zeit und danach muß
sie alt werden und sterben. Wenn etwas Schönes immerfort in alle
Ewigkeit gleich bleiben sollte, das würde mich wohl freuen, aber ich
würd es dann kälter anschauen und denken: Das siehst du immer noch, es
muß nicht heute sein. Dagegen was hinfällig ist und nicht gleich bleiben
kann, das schaue ich an und habe nicht bloß Freude, sondern auch ein
Mitleid dabei.«
»Nun ja.«
»Darum weiß ich auch nichts Feineres, als wenn irgendwo bei Nacht ein
Feuerwerk angestellt wird. Da gibt es blaue und grüne Leuchtkugeln, die
steigen in die Finsternis hinauf und wenn sie gerade am schönsten sind,
dann machen sie einen kleinen Bogen und sind aus. Und wenn man dabei
zuschaut, so hat man die Freude und auch zu gleicher Zeit die Angst:
gleich ist's wieder aus, und das gehört zueinander und ist viel schöner,
als wenn es länger dauern würde. Nicht?«
»Doch, wohl. Aber das stimmt auch wieder nicht für alles.«
»Warum nicht?«
»Zum Beispiel, wenn zwei einander gern haben und heiraten, oder wenn
zwei miteinander eine Freundschaft schließen, so ist das doch gerade
deswegen schön, weil es für die Dauer ist und nicht gleich wieder ein
Ende haben soll.«