»Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind wir Landsleu

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Fischers Bibliothek

zeitgenössischer Romane

Knulp

Drei Geschichten aus dem Leben Knulps

von

Hermann Hesse

S. Fischer, Verlag, Berlin

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung.

Gedruckt während der Kriegszeit auf Papier mit Holzschliffzusatz.

Copyright 1915 S. Fischer, Verlag.

Inhalt

Vorfrühling ................... 7

Meine Erinnerung an Knulp ..... 67

Das Ende ...................... 97

Vorfrühling

Anfang der neunziger Jahre mußte unser Freund Knulp einmal mehrere

Wochen im Spital liegen, und als er entlassen wurde, war es Mitte

Februar und scheußliches Wetter, so daß er schon nach wenigen

Wandertagen wieder Fieber spürte und auf ein Unterkommen bedacht sein

mußte. An Freunden hat es ihm nie gefehlt, und er hätte fast in jedem

Städtchen der Gegend leicht eine freundliche Aufnahme gefunden. Aber

darin war er sonderbar stolz, so sehr, daß es eigentlich für eine Ehre

gelten konnte, wenn er von einem Freund etwas annahm.

Diesmal war es der Weißgerber Emil Rothfuß in Lächstetten, dessen er

sich erinnerte und an dessen schon verschlossener Haustüre er abends bei

Regen und Westwind anklopfte. Der Gerber tat den Fensterladen im

Oberstock ein wenig auf und rief in die dunkle Gasse hinunter: »Wer ist

draußen? Hat's nicht auch Zeit, bis es wieder Tag ist?«

Knulp, als er die Stimme des alten Freundes hörte, wurde trotz aller

Müdigkeit sofort munter. Er erinnerte sich an ein Verschen, das er vor

Jahren gemacht hatte, als er einmal vier Wochen mit Emil Rothfuß

zusammen gewandert war, und sang alsbald am Hause hinauf:

»Es sitzt ein müder Wandrer

In einer Restauration,

Das ist gewiß kein andrer

Als der verlorne Sohn.«

Der Gerber stieß den Laden heftig auf und beugte sich weit aus dem

Fenster.

»Knulp! Bist du's oder ist's ein Geist?«

»Ich bin's!« rief Knulp. »Du kannst aber auch über die Stiege herunter

kommen, oder muß es durchs Fenster sein?«

Mit froher Eile kam der Freund herab, tat die Haustüre auf und leuchtete

dem Ankömmling mit der kleinen rauchenden Öllampe ins Gesicht, daß er

blinzeln mußte.

»Jetzt aber herein mit dir!« rief er aufgeregt und zog den Freund ins

Haus. »Erzählen kannst du später. Es ist noch was vom Nachtessen übrig,

und ein Bett kriegst du auch. Lieber Gott, bei dem Sauwetter! Ja, hast

du denn auch gute Stiefel, du?«

Knulp ließ ihn fragen und sich wundern, schlug auf der Treppe sorgfältig

die umgelitzten Hosenbeine herab und stieg mit Sicherheit durch die

Dämmerung empor, obwohl er das Haus seit vier Jahren nimmer betreten

hatte.

Im Gang oben, vor der Wohnstubentüre, blieb er einen Augenblick stehen

und hielt den Gerber, der ihn eintreten hieß, an der Hand zurück.

»Du,« sagte er flüsternd, »gelt, du bist ja jetzt verheiratet?«

»Ja, freilich.«

»Eben drum. -- Weißt du, deine Frau kennt mich nicht; es kann sein, sie

hat keine Freude. Stören mag ich euch nicht.«

»Ach was stören!« lachte Rothfuß, tat die Türe weit auf und drängte

Knulp in die helle Stube. Da hing über einem großen Eßtisch an drei

Ketten die große Petroleumlampe, ein leichter Tabaksrauch schwebte in

der Luft und drängte in dünnen Zügen nach dem heißen Zylinder hin, wo er

hastig emporwirbelte und verschwand. Auf dem Tisch lag eine Zeitung und

eine Schweinsblase voll Rauchtabak, und von dem kleinen schmalen

Kanapee an der Querwand sprang mit halber und verlegener Munterkeit, als

sei sie in einem Schlummer gestört worden und wolle es nicht merken

lassen, die junge Hausfrau auf. Knulp blinzelte einen Augenblick wie

verwirrt am scharfen Licht, sah der Frau in die hellgrauen Augen und gab

ihr mit einem höflichen Kompliment die Hand.

»So, das ist sie,« sagte der Meister lachend. »Und das ist der Knulp,

mein Freund Knulp, weißt du, von dem wir auch schon gesprochen haben. Er

ist natürlich unser Gast und kriegt das Gesellenbett. Es steht ja doch

leer. Aber zuerst trinken wir einen Most miteinander, und der Knulp muß

was zu essen haben. Es war doch noch eine Leberwurst da, nicht?«

Die Meisterin lief hinaus, und Knulp sah ihr nach.

»Ein bißchen erschrocken ist sie doch,« meinte er leise. Aber Rothfuß

wollte das nicht zugeben.

»Kinder habet ihr noch keine?« fragte Knulp.

Da kam sie schon wieder herein, brachte auf einem Zinnteller die Wurst

und stellte das Brotbrett daneben, das in seiner Mitte einen halben Laib

Schwarzbrot trug, sorglich mit dem Anschnitt nach unten gestellt, und um

dessen Ründung im Kreise die erhaben geschnitzte Inschrift lief: Gib uns

heute unser täglich Brot.

»Weißt du, Lis, was der Knulp mich gerade gefragt hat?«

»Laß doch!« wehrte dieser ab. Und er wandte sich lächelnd an die

Hausfrau: »Also, ich bin so frei, Frau Meisterin.«

Aber Rothfuß ließ nicht nach.

»Ob wir denn keine Kinder haben, hat er gefragt.«

»Ach was!« rief sie lachend und lief sogleich wieder davon.

»Ihr habet keine?« fragte Knulp, als sie draußen war.

»Nein, noch keine. Sie läßt sich Zeit, weißt du, und für die ersten

Jahre ist es auch besser. Aber greif zu, gelt, und laß dir's schmecken!«

Nun brachte die Frau den grau und blauen, steingutenen Mostkrug herein

und stellte drei Gläser dazu auf, die sie alsbald vollschenkte. Sie

machte es geschickt, Knulp sah ihr zu und lächelte.

»Zum Wohl, alter Freund!« rief der Meister und streckte Knulp sein Glas

entgegen. Der war aber galant und rief: »Zuerst die Damen. Ihr wertes

Wohl, Frau Meisterin! Prosit, Alter!«

Sie stießen an und tranken, und Rothfuß leuchtete vor Freude und

blinzelte seiner Frau zu, ob sie auch bemerke, was sein Freund für

fabelhafte Manieren habe.

Sie hatte es aber längst bemerkt.

»Siehst du,« sagte sie, »der Herr Knulp ist höflicher als du, der weiß,

was der Brauch ist.«

»O bitte,« meinte der Gast, »das hält eben jeder so, wie er's gelernt

hat. Was Manieren betrifft, da könnten Sie mich leicht in Verlegenheit

bringen, Frau Meisterin. Und wie schön Sie serviert haben, wie im

feinsten Hotel!«

»Ja gelt,« lachte der Meister, »das hat sie aber auch gelernt.«

»So, wo denn? Ist Ihr Herr Vater Wirt?«

»Nein, der ist schon lang unterm Boden, ich hab ihn kaum mehr gekannt.

Aber ich habe ein paar Jahre lang im Ochsen serviert, wenn Sie den

kennen.«

»Im Ochsen? Der ist früher das feinste Gasthaus von Lächstetten

gewesen,« lobte Knulp.

»Das ist er auch noch. Gelt, Emil? Wir haben fast nur Handlungsreisende

und Turisten im Logis gehabt.«

»Ich glaub's, Frau Meisterin. Da haben Sie's sicher gut gehabt und was

Schönes verdient! Aber ein eigener Haushalt ist doch besser, gelt?«

Langsam und genießerisch strich er die weiche Wurst auf sein Brot,

legte die reinlich abgezogene Haut auf den Rand des Tellers und nahm

zuweilen einen Schluck von dem guten gelben Apfelmost. Der Meister sah

mit Behagen und Respekt ihm zu, wie er mit den schlanken feinen Händen

das Notwendige so sauber und spielend tat, und auch die Hausfrau nahm es

mit Gefallen wahr.

»Extra gut aussehen tust du aber nicht,« begann im weiteren Emil Rothfuß

zu tadeln, und jetzt mußte Knulp bekennen, daß es ihm neuestens schlecht

gegangen und daß er im Krankenhaus gewesen sei. Doch verschwieg er alles

Peinliche. Als ihn darauf sein Freund fragte, was er denn jetzt

anzufangen denke, und ihm mit Herzlichkeit Tisch und Lager für jede

Dauer anbot, da war dies zwar genau das, was Knulp erwartet und womit er

gerechnet hatte, aber er wich wie in einer Anwandlung von Schüchternheit

aus, dankte flüchtig und verschob das Besprechen dieser Dinge bis

morgen.

»Über das können wir morgen oder übermorgen auch noch reden,« meinte er

nachlässig, »die Tage gehen ja gottlob nicht aus, und eine kleine Weile

bleib ich auf alle Fälle hier.«

Er machte nicht gern Pläne oder Versprechungen auf lange Zeit. Wenn er

nicht die freie Verfügung über den kommenden Tag in der Tasche hatte,

fühlte er sich nicht wohl.

»Falls ich wirklich eine Zeitlang hierbleiben sollte,« begann er dann

wieder, »so mußt du mich als deinen Gesellen anmelden.«

»Warum nicht gar!« lachte der Meister auf. »Du und mein Gesell! Außerdem

bist du ja gar kein Weißgerber.«

»Tut nichts, verstehst du denn nicht? Es liegt mir gar nichts am Gerben,

es soll zwar ein schönes Handwerk sein, und zum Arbeiten habe ich kein

Talent. Aber meinem Wanderbüchlein wird es gut tun, weißt du. Für das

Krankengeld käme ich dann schon auf.«

»Darf ich's einmal sehen, dein Büchlein?«

Knulp griff in die Brusttasche seines fast neuen Anzuges und zog das

Ding heraus, das reinlich in einem Wachstuchfutteral steckte.

Der Gerbermeister sah es an und lachte: »Immer tadellos! Man meint, du

seiest erst gestern früh von der Mutter fortgereist.«

Dann studierte er die Einträge und Stempel und schüttelte in tiefer

Bewunderung den Kopf: »Nein, ist das eine Ordnung! Bei dir muß halt

alles nobel sein.«

Das Wanderbüchlein so in Ordnung zu halten, war allerdings eine von

Knulps Liebhabereien. Es stellte in seiner Tadellosigkeit eine anmutige

Fiktion oder Dichtung dar, und seine amtlich beglaubigten Einträge

bezeichneten lauter ruhmvolle Stationen eines ehrenwerten und

arbeitsamen Lebens, in welchem nur die Wanderlust in Form sehr häufiger

Ortswechsel auffiel. Das in diesem amtlichen Paß bescheinigte Leben

hatte Knulp sich angedichtet und mit hundert Künsten diese

Scheinexistenz am oft bedrohten Faden weiter geführt, während er in

Wirklichkeit zwar wenig Verbotenes tat, aber als arbeitsloser

Landstreicher ein ungesetzliches und mißachtetes Dasein hatte. Freilich

wäre es ihm kaum geglückt, seine hübsche Dichtung so ungestört

fortzusetzen, wären ihm nicht alle Gendarmen wohlgesinnt gewesen. Sie

ließen den heiteren, unterhaltsamen Menschen, dessen geistige

Überlegenheit und gelegentlichen Ernst sie achteten, nach Möglichkeit in

Ruhe. Er war beinahe ohne Vorstrafen, es war ihm kein Diebstahl und kein

Bettel nachgewiesen, angesehene Freunde hatte er auch überall; so ließ

man ihn passieren, wie etwa in einem wohlgeordneten Hauswesen eine

hübsche Katze mitleben mag, die jeder nachsichtig zu dulden meint,

während sie unbekümmert zwischen allen den fleißigen und bedrückten

Menschen ein sorgenlos elegantes, prachtvoll herrenmäßiges und

arbeitsloses Dasein verlebt.

»Aber jetzt wäret ihr schon lang im Bett, wenn ich nicht gekommen wäre,«

rief Knulp, indem er seine Papiere wieder an sich nahm. Er stand auf und

machte der Hausfrau ein Kompliment.

»Komm, Rothfuß, und zeig mir, wo mein Bett steht.«

Der Meister begleitete ihn mit Licht die schmale Stiege zum Dachstock

hinauf und in die Gesellenkammer. Da stand eine leere eiserne Bettstatt

an der Wand und daneben eine hölzerne, die mit Bettzeug versehen war.

»Willst eine Bettflasche?« fragte der Hauswirt väterlich.

»Das fehlt gerade noch,« lachte Knulp. »Der Herr Meister, der braucht

freilich keine, wenn er so ein hübsches kleines Frauelein hat.«

»Ja, siehst du,« meinte Rothfuß ganz eifrig, »da steigst du jetzt in

dein kaltes Gesellenbett in der Dachkammer, und manchmal noch in ein

schlechteres, und manchmal hast du gar keins und mußt im Heu schlafen.

Aber unsereiner hat Haus und Geschäft und eine nette Frau. Schau, du

könntest doch schon lang Meister sein und weiter als ich, wenn du bloß

gewollt hättest.«

Knulp hatte unterdessen in aller Eile die Kleider abgelegt und sich

fröstelnd in das kühle Bettzeug verkrochen.

»Weißt du noch viel?« fragte er. »Ich liege gut und kann zuhören.«

»Es ist mir Ernst gewesen, Knulp.«

»Mir auch, Rothfuß. Du mußt aber nicht meinen, das Heiraten sei eine

Erfindung von dir. Also gut Nacht auch!«

* * * * *

Den anderen Tag blieb Knulp im Bette liegen. Er fühlte sich noch etwas

schwach, und das Wetter war so, daß er doch das Haus kaum verlassen

hätte. Den Gerber, der sich vormittags bei ihm einfand, bat er, er möge

ihn ruhig liegen lassen und ihm nur am Mittag einen Teller Suppe

heraufbringen.

So lag er in der dämmerigen Dachkammer den ganzen Tag still und zufrieden,

fühlte Kälte und Wanderbeschwerden entschwinden und gab sich mit Lust

dem Wohlgefühl warmer Geborgenheit hin. Er hörte dem fleißigen Klopfen

des Regens auf dem Dache zu und dem Wind, der unruhig, weich und föhnig

in launischen Stößen ging. Dazwischen schlief er halbe Stunden oder las,

solange es licht genug war, in seiner Wanderbibliothek; die bestand aus

Blättern, auf welche er sich Gedichte und Sprüche abgeschrieben hatte,

und aus einem kleinen Bündel von Zeitungsausschnitten. Auch einige

Bilder waren dazwischen, die er in Wochenblättern gefunden und

ausgeschnitten hatte. Zwei davon waren seine Lieblinge und sahen vom

öfteren Hervorziehen schon brüchig und zerfasert aus. Das eine stellte

die Schauspielerin Eleonora Duse vor, das andere zeigte ein Segelschiff

bei starkem Winde auf hoher See. Für den Norden und für das Meer hatte

Knulp seit den Knabenjahren eine starke Vorliebe, und mehrmals hatte er

sich dahin auf den Weg gemacht, war auch einmal bis ins Braunschweigische

gekommen. Aber diesen Zugvogel, der immer unterwegs war und an keinem

Orte lang verweilen konnte, hatte eine merkwürdige Bangigkeit und

Heimatliebe immer wieder in raschen Märschen nach Süddeutschland

zurückgetrieben. Es mag auch sein, daß ihm die Sorglosigkeit

verlorenging, wenn er in Gegenden mit fremder Mundart und Sitte kam, wo

niemand ihn kannte und wo es ihm schwer fiel, sein legendenhaftes

Wanderbüchlein in Ordnung zu halten.

Um die Mittagszeit brachte der Gerber Suppe und Brot herauf. Er trat

leise auf und sprach in einem erschrockenen Flüsterton, da er Knulp für

krank hielt und selber seit der Zeit seiner Kinderkrankheiten niemals am

hellen Tage im Bett gelegen war. Knulp, der sich sehr wohl fühlte, gab

sich keine Mühe mit Erklärungen und versicherte nur, er werde morgen

wieder aufstehen und gesund sein.

Im späteren Nachmittag klopfte es an der Kammertür, und da Knulp im

Halbschlummer lag und keine Antwort gab, trat die Meistersfrau

vorsichtig herein und stellte statt des leeren Suppentellers eine Schale

Milchkaffee auf die Stabelle am Bett.

Knulp, der sie wohl hatte hereinkommen hören, blieb aus Müdigkeit oder

Laune mit geschlossenen Augen liegen und ließ nichts davon merken, daß

er wach sei. Die Meisterin, mit dem leeren Teller in der Hand, warf

einen Blick auf den Schläfer, dessen Kopf auf dem halb vom

blaugewürfelten Hemdärmel bedeckten Arme lag. Und da ihr die Feinheit

des dunklen Haares und die fast kindliche Schönheit des sorglosen

Gesichts auffiel, blieb sie eine Weile stehen und sah sich den hübschen

Burschen an, von dem ihr der Meister viel Wunderliches erzählt hatte.

Sie sah über den geschlossenen Augen die dichten Brauen auf der zarten,

hellen Stirn und die schmalen, doch braunen Wangen, den feinen,

hellroten Mund und den schlanken, lichten Hals, und alles gefiel ihr

wohl, und sie dachte an die Zeit, da sie als Kellnerin im Ochsen je und

je in Frühlingslaunen sich von einem solchen fremden, hübschen Buben

hatte liebhaben lassen.

Indem sie sich, träumerisch und leicht erregt, ein wenig vorbeugte, um

das ganze Gesicht zu sehen, glitt ihr der zinnerne Löffel vom Teller und

fiel auf den Boden, worüber sie in der Stille und befangenen

Heimlichkeit des Ortes heftig erschrak.

Nun schlug Knulp die Augen auf, langsam und unwissend, als habe er tief

geschlafen. Er drehte den Kopf herüber, hielt einen Augenblick die Hand

über die Augen und sagte mit Lächeln: »Eia, da ist ja die Frau

Meisterin! Und hat mir einen Kaffee gebracht! Ein guter, warmer Kaffee,

das ist gerade das, wovon ich in diesem Augenblick geträumt habe. Also

schönen Dank, Frau Rothfuß! Was ist es denn auch für Zeit?«

»Viere,« sagte sie schnell. »Jetzt trinken Sie nur, solang er warm ist,

nachher hol ich das Geschirr dann wieder.«

Damit lief sie hinaus, als habe sie keine Minute übrig. Knulp sah ihr

nach und hörte zu, wie sie in Eile die Treppe hinab verschwand. Er

machte nachdenkliche Augen und schüttelte mehrmals den Kopf, dann stieß

er einen leisen, vogelartigen Pfiff aus und wendete sich zu seinem

Kaffee.

Eine Stunde nach dem Dunkelwerden aber wurde es ihm langweilig, er

fühlte sich wohl und prächtig ausgeruht und hatte Lust, wieder ein wenig

unter Leute zu kommen. Behaglich stand er auf und zog sich an, schlich

in der tiefen Dämmerung leise wie ein Marder die Treppe hinab und

schlüpfte unbemerkt aus dem Hause. Der Wind blies noch immer schwer und

feucht aus Südwesten, aber es regnete nicht mehr, und am Himmel standen

große Flecken licht und klar.

Schnuppernd flanierte Knulp durch die abendlichen Gassen und über den

verödeten Marktplatz, stellte sich dann im offenen Tor einer Hufschmiede

auf, sah den Lehrlingen beim Aufräumen zu, fing ein Gespräch mit den

Gesellen an und hielt die kühlen Hände über die dunkelrot verglosende

Esse. Dabei fragte er obenhin nach manchen Bekannten in der Stadt,

erkundigte sich über Todesfälle und Heiraten und ließ sich von dem

Hufschmied für einen Kollegen ansehen, denn es waren ihm die Sprachen

und Erkennungszeichen aller Handwerke geläufig.

Während dieser Zeit setzte die Frau Rothfuß ihre Abendsuppe an,

klimperte mit den Eisenringen am kleinen Herd und schälte Kartoffeln,

und als das getan war und die Suppe sicher auf schwachem Feuer stand,

ging sie mit der Küchenlampe ins Wohnzimmer hinüber und stellte sich vor

dem Spiegel auf. Sie fand darin, was sie suchte: ein volles,

frischwangiges Gesicht mit bläulich-grauen Augen, und was ihr am Haar zu

bessern schien, brachte sie schnell mit geschickten Fingern in Ordnung.

Darauf strich sie die frischgewaschenen Hände noch einmal an der Schürze

ab, nahm das Lämpchen zur Hand und stieg rasch ins Dach hinauf.

Sachte klopfte sie an die Türe der Gesellenkammer, und nochmals etwas

lauter, und da keine Antwort kam, stellte sie die Leuchte an den Boden

und machte mit beiden Händen vorsichtig die Tür auf, daß sie nicht

knarre. Auf den Zehen ging sie hinein, tat einen Schritt und ertastete

den Stuhl bei der Bettstatt.

»Schlafen Sie?« fragte sie mit halber Stimme. Und noch einmal:

»Schlafen Sie? Ich will nur das Geschirr abräumen.«

Da alles ruhig blieb und nicht einmal ein Atemzug zu hören war, streckte

sie die Hand gegen das Bett hin aus, zog sie aber in einem Gefühl von

Unheimlichkeit wieder zurück und lief nach der Lampe. Als sie nun die

Kammer leer und das Bett mit Sorgfalt zugerichtet, auch Kissen und

Federdecke tadellos aufgeschüttelt fand, lief sie verwirrt, zwischen

Angst und Enttäuschung, in ihre Küche zurück.

Eine halbe Stunde später, als der Gerber zum Nachtessen heraufgekommen

und der Tisch gedeckt war, fing die Frau schon an, sich Gedanken zu

machen, fand aber nicht den Mut, dem Gerber von ihrem Besuch in der

Dachkammer zu erzählen. Da ging unten das Tor, ein leichter Schritt

klang durch den gepflasterten Gang und die gebogene Stiege herauf, und

Knulp stand da, nahm den hübschen braunen Filz vom Kopf und wünschte

guten Abend.

»Ja, wo kommst denn du her?« rief der Meister erstaunt. »Ist krank und

läuft dabei in der Nacht herum! Du kannst dir ja den Tod holen.«

»Ganz richtig,« sagte Knulp. »Grüß Gott, Frau Rothfuß, ich komme ja

gerade recht. Ihre gute Suppe habe ich schon vom Marktplatz her

gerochen, die wird mir den Tod schon vertreiben.«

Man setzte sich zum Essen. Der Hausherr war gesprächig und rühmte sich

seiner Häuslichkeit und seines Meisterstandes. Er neckte den Gast und

redete ihm dann wieder ernstlich zu, er solle doch das ewige Wandern und

Nichtstun einmal aufgeben. Knulp hörte zu und gab wenig Antwort, und die

Meisterin sagte kein Wort. Sie ärgerte sich über ihren Mann, der ihr

neben dem manierlichen und hübschen Knulp grob erschien, und gab dem

Gast ihre gute Meinung durch die Aufmerksamkeit ihrer Bewirtung kund.

Als es zehn Uhr schlug, sagte Knulp gute Nacht und bat sich des Gerbers

Rasiermesser aus.

»Sauber bist du,« rühmte Rothfuß, indem er das Messer hergab. »Kaum

kratzt's dich am Kinn, so muß der Bart herunter. Also gut Nacht, und

gute Besserung!«

Ehe Knulp in seine Kammer trat, lehnte er sich in das kleine Fensterchen

oben an der Bodentreppe, um noch einen Augenblick nach Wetter und

Nachbarschaft auszuschauen. Es war beinahe windstill, und zwischen den

Dächern stand ein schwarzes Stück Himmel, in welchem klare, feucht

schimmernde Sterne brannten.

Eben wollte er den Kopf hereinziehen und das Fenster schließen, da

wurde ein kleines Fenster ihm gegenüber im Nachbarhause plötzlich hell.

Er sah eine kleine niedere Kammer, der seinen ganz ähnlich, durch deren

Türe eine junge Dienstmagd hereintrat, eine Kerze im messingnen Leuchter

in der Hand und in der Linken einen großen Wasserkrug, den sie am Boden

abstellte. Dann leuchtete sie mit der Kerze über ihr schmales Mägdebett

hin, das bescheiden und säuberlich mit einer groben roten Wollendecke

zum Schlafen einlud. Sie stellte den Leuchter weg, man sah nicht wohin,

und setzte sich auf eine niedere grüngemalte Kofferkiste, wie alle

Dienstmägde eine haben.

Knulp hatte sofort, als die unerwartete Szene drüben zu spielen begann,

sein eigenes Licht ausgeblasen, um nicht gesehen zu werden, und stand

nun still und lauernd aus seiner Luke gebeugt.

Die junge Magd drüben war von der Art, die ihm gefiel. Sie war

vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre, nicht eben groß gewachsen, und

hatte ein bräunliches gutes Gesicht mit einem kleinen Mund, mit braunen

Augen und dunklem dichten Haar. Dies stille angenehme Gesicht sah gar

nicht fröhlich aus, und die ganze Person saß auf ihrer harten grünen

Kiste ziemlich bekümmert und traurig da, so daß Knulp, der die Welt und

auch die Mädchen kannte, sich wohl denken konnte, das junge Ding sei

noch nicht lange mit seiner Kiste in der Fremde und habe Heimweh. Sie

ließ die mageren braunen Hände im Schoße ruhen und suchte einen

flüchtigen Trost darin, vor dem Schlafengehen noch eine Weile auf ihrem

kleinen Eigentum zu sitzen und an die heimatliche Wohnstube zu denken.

Ebenso regungslos wie sie in ihrer Kammer verharrte Knulp in seinem

Fensterloch und blickte mit wunderlicher Spannung in das kleine fremde

Menschenleben hinüber, das so harmlos seinen hübschen Kummer im

Kerzenlicht hütete und an keinen Zuschauer dachte. Er sah die braunen,

gutmütigen Augen bald unverborgen herüber dunkeln, bald wieder von

langen Wimpern bedeckt und auf den braunen, kindlichen Wangen das rote

Licht leise spielen, er sah den mageren jungen Händen zu, wie sie müde

waren und die kleine letzte Arbeit des Entkleidens noch ein wenig

hinausschoben, während sie auf dem dunkelblauen baumwollenen Kleide

ruhten.

Endlich richtete das Jüngferlein mit einem Seufzer den Kopf mit den

schweren, in ein Nest aufgesteckten Zöpfen empor, blickte gedankenvoll,

doch nicht minder bekümmert ins Leere und bückte sich dann tief, um

ihre Schuhnestel aufzulösen.

Knulp wäre ungern schon jetzt weggegangen, doch schien es ihm unrecht

und fast grausam, dem armen Kinde beim Auskleiden zuzuschauen. Gern

hätte er sie angerufen, ein wenig mit ihr geschwatzt und sie mit einem

Scherzwort ein wenig fröhlicher zu Bett gehen lassen. Aber er fürchtete,

sie würde erschrecken und alsbald ihr Licht ausblasen, wenn er hinüber

riefe.

Statt dessen begann er nun eine seiner vielen kleinen Künste zu üben. Er

hob an, unendlich fein und zart zu pfeifen, wie aus der Ferne her, und

er pfiff das Lied »In einem kühlen Grunde, da geht ein Mühlenrad«, und

es gelang ihm, es so fein und zart zu machen, daß das Mädchen eine ganze

Weile zuhörte, ohne recht zu wissen, was es sei, und erst beim dritten

Vers sich langsam aufrichtete, aufstand und horchend an ihr Fenster

trat.

Sie streckte den Kopf heraus und lauschte, indes Knulp leise

weiterpfiff. Sie wiegte den Kopf ein paar Takte lang der Melodie nach,

schaute dann plötzlich auf und erkannte, woher die Musik komme.

»Ist jemand da drüben?« fragte sie halblaut.

»Nur ein Gerbergesell,« gab es ebenso leise Antwort. »Ich will die

Jungfer nicht im Schlafen stören. Ich habe nur ein bißchen das Heimweh

gehabt und mir noch ein Lied gepfiffen. Ich kann aber auch lustige. --

Bist du etwa auch fremd hier, Mädele?«

»Ich bin vom Schwarzwald.«

»Ja, vom Schwarzwald! Und ich auch, und da sind wir Landsleute. Wie

gefällt's dir in Lächstetten? Mir gar nicht.«

»O, ich kann nichts sagen, ich bin erst acht Tage hier. Aber es gefällt

mir auch nicht recht. Seid Ihr schon länger da?«

»Nein, drei Tage. Aber Landsleute sagen du zu einander, gelt?«

»Nein, ich kann nicht, wir kennen einander ja gar nicht.«

»Was nicht ist, kann werden. Berg und Tal kommen nicht zueinander, aber

die Leute. Wo ist denn Euer Ort, Fräulein?«

»Das kennt Ihr doch nicht.«

»Wer weiß? Oder ist's ein Geheimnis?«

»Achthausen. Es ist bloß ein Weiler.«

»Aber ein schöner, gelt? Vorn am Eck steht eine Kapelle, und es ist auch

eine Mühle da, oder eine Sägerei, und dort haben sie einen großen

gelben Bernhardinerhund. Stimmt's oder stimmt's nicht?«

»Der Bello, herrje!«

Da sie sah, er kenne ihre Heimat und sei wirklich dort gewesen, fiel ein

großes Teil Mißtrauen und Bedrücktheit von ihr ab, und sie wurde ganz

eifrig.

»Kennet Ihr auch den Andres Flick?« fragte sie rasch.

»Nein, ich kenne niemand dort. Aber gelt, das ist Euer Vater?«

»Ja.«

»So, so, also dann seid Ihr eine Jungfer Flick, und wenn ich jetzt noch

den Vornamen dazu weiß, dann kann ich Euch eine Karte schreiben, wenn

ich wieder einmal durch Achthausen komme.«

»Wollet Ihr denn schon wieder fort?«

»Nein, ich will nicht, aber ich will Euern Namen wissen, Jungfer Flick.«

»Ach was, ich weiß ja Euren auch nicht.«

»Das tut mir leid, aber es läßt sich ändern. Ich heiße Karl Eberhard,

und wenn wir uns einmal am Tag wieder begegnen, dann wisset Ihr, wie Ihr

mich anrufen müßt, und wie muß ich dann zu Euch sagen?«

»Barbara.«

»So ist's recht und danke schön. Er ist aber schwer zum Aussprechen,

Euer Name, und ich möchte fast eine Wette machen, daß man Euch daheim

Bärbele gerufen hat.«

»Das hat man auch. Wenn Ihr doch alles schon wisset, warum fraget Ihr

dann so viel? Aber jetzt müssen wir Feierabend machen. Gut Nacht,

Gerber.«

»Gut Nacht, Jungfer Bärbele. Schlafet auch gut, und weil Ihr's seid,

will ich jetzt noch eins pfeifen. Laufet nicht fort, es kostet nichts.«

Und alsbald setzte er ein und pfiff einen kunstvollen jodlerartigen

Satz, mit Doppeltönen und Trillern, daß es funkelte wie eine Tanzmusik.

Sie hörte mit Erstaunen dieser Kunstfertigkeit zu, und als es stille

ward, zog sie leise den Fensterladen herein und machte ihn fest, während

Knulp ohne Licht in seine Kammer fand.

* * * * *

Am Morgen stand Knulp diesmal zu guter Stunde auf und nahm des Gerbers

Rasiermesser in Gebrauch. Der Gerber trug aber schon seit Jahren einen

Vollbart, und das Messer war so verwahrlost, daß Knulp es wohl eine

halbe Stunde lang über seinem Hosenträger abziehen mußte, ehe das

Barbieren gelang. Als er fertig war, zog er den Rock an, nahm die

Stiefel in die Hand und stieg in die Küche hinab, wo es warm war und

schon nach Kaffee roch.

Er bat die Meistersfrau um Bürste und Wichse zum Stiefelputzen

»Ach was!« rief sie, »das ist kein Männergeschäft. Lassen Sie mich das

machen.«

Allein das gab er nicht zu, und als sie endlich mit ungeschicktem Lachen

ihr Wichszeug vor ihn hinstellte, tat er die Arbeit gründlich, reinlich

und dabei spielend, als ein Mann, der nur gelegentlich und nach Laune,

dann aber mit Sorgfalt und Freude eine Handarbeit verrichtet.

»Das lass' ich mir gefallen,« rühmte die Frau und sah ihn an. »Alles

blank, wie wenn Sie grad zum Schatz gehen wollten.«

»O, das tät' ich auch am liebsten.«

»Ich glaub's. Sie haben gewiß einen schönen.« Sie lachte wieder

zudringlich. »Vielleicht sogar mehr als einen?«

»Ei, das wäre nicht schön,« tadelte Knulp munter. »Ich kann Ihnen auch

ein Bild von ihr zeigen.«

Begierig trat sie heran, während er sein Wachstuchmäpplein aus der

Brusttasche zog und das Bildnis der Duse hervorsuchte. Interessiert

betrachtete sie das Blatt.

»Die ist sehr fein,« begann sie vorsichtig zu loben, »das ist ja fast

eine rechte Dame. Nur freilich, mager sieht sie aus. Ist sie denn auch

gesund?«

»Soviel ich weiß, jawohl. So, und jetzt wollen wir nach dem Alten sehen,

man hört ihn in der Stube.«

Er ging hinüber und begrüßte den Gerber. Die Wohnstube war gefegt und

sah mit dem hellen Getäfel, mit der Uhr, dem Spiegel und den

Photographien an der Wand freundlich und heimelig aus. So eine saubere

Stube, dachte Knulp, ist im Winter nicht übel, aber darum zu heiraten,

verlohnt doch nicht recht. Er hatte an dem Wohlgefallen, das die

Meisterin ihm zeigte, keine Freude.

Nachdem der Milchkaffee getrunken war, begleitete er den Meister Rothfuß

nach dem Hof und Schuppen und ließ sich die ganze Gerberei zeigen. Er

kannte fast alle Handwerke und stellte so sachverständige Fragen, daß

sein Freund ganz erstaunt war.

»Woher weißt du denn das alles?« fragte er lebhaft. »Man könnte meinen,

du seiest wirklich ein Gerbergesell oder einmal einer gewesen.«

»Man lernt allerlei, wenn man reist,« sagte Knulp gemessen. »Übrigens,

was die Weißgerberei angeht, da bist du selber mein Lehrmeister gewesen,

weißt du's nimmer? Vor sechs oder sieben Jahren, wie wir zusammen

gewandert sind, hast du mir das alles erzählen müssen.«

»Und das weißt du alles noch?«

»Ein Stück davon, Rothfuß. Aber jetzt will ich dich nimmer stören.

Schade, ich hätte dir gern ein bißchen geholfen, aber es ist da unten so

feucht und stickig, und ich muß noch so viel husten. Also Servus, Alter,

ich geh ein wenig in die Stadt, solang es gerade nicht regnet.«

Als er das Haus verließ und langsam die Gerbergasse stadteinwärts

bummelte, den braunen Filzhut etwas nach hinten gerückt, trat Rothfuß in

die Tür und sah ihm nach, wie er leicht und genießerisch dahinging,

überall sauber gebürstet und den Regenpfützen sorglich ausweichend.

»Gut hat er's eigentlich,« dachte der Meister mit einem kleinen

Neidgefühl. Und während er zu seinen Gruben ging, dachte er dem Freund

und Sonderling nach, der nichts vom Leben begehrte als das Zuschauen,

und er wußte nicht, sollte er das anspruchsvoll oder bescheiden heißen.

Einer, der arbeitete und sich vorwärts schaffte, hatte es ja in vielem

besser, aber er konnte nie so zarte hübsche Hände haben und so leicht

und schlank einhergehen. Nein, der Knulp hatte recht, wenn er so tat,

wie sein Wesen es brauchte und wie es ihm nicht viele nachtun konnten,

wenn er wie ein Kind alle Leute ansprach und für sich gewann, allen

Mädchen und Frauen hübsche Sachen sagte, und jeden Tag für einen Sonntag

nahm. Man mußte ihn laufen lassen, wie er war, und wenn es ihm schlecht

ging und er einen Unterschlupf brauchte, so war es ein Vergnügen und

eine Ehre, ihn aufzunehmen, und man mußte fast noch dankbar dafür sein,

denn er machte es froh und hell im Haus.

Indessen schritt sein Gast neugierig und vergnügt durchs Städtchen,

pfiff einen Soldatenmarsch durch die Zähne und begann ohne Eile die Orte

und Menschen aufzusuchen, die er von früher her kannte. Zunächst wandte

er sich nach der steil ansteigenden Vorstadt, wo er einen armen

Flickschneider kannte, um den es schade war, daß er nichts als alte

Hosen zu stopfen und kaum jemals einen neuen Anzug zu machen bekam, denn

er konnte etwas und hatte einmal Hoffnungen gehabt und in guten

Werkstätten gearbeitet. Aber er hatte früh geheiratet und schon ein paar

Kinder, und die Frau hatte wenig Genie fürs Hauswesen.

Diesen Schneider Schlotterbeck suchte und fand Knulp im dritten

Stockwerk eines Hinterhauses in der Vorstadt. Die kleine Werkstätte hing

wie ein Vogelnest in den Lüften überm Bodenlosen, denn das Haus stand an

der Talseite, und wenn man durch die Fenster senkrecht hinabschaute,

hatte man nicht nur die drei Stockwerke unter sich, sondern unterm Hause

floh der Berg mit kümmerlichen steilen Gärten und Grashalden schwindelnd

abwärts, endigend in einem grauen Wirrwarr von Hinterhausvorsprüngen,

Hühnerhöfen, Ziegen- und Kaninchenställen, und die nächsten Hausdächer,

auf die man hinabsah, lagen jenseits dieses verwahrlosten Geländes schon

tief und klein im Tale drunten. Dafür war die Schneiderwerkstatt taghell

und luftig, und auf seinem breiten Tisch am Fenster hockte der fleißige

Schlotterbeck hell und hoch über der Welt wie der Wächter in einem

Leuchtturm.

»Servus, Schlotterbeck,« sagte Knulp im Eintreten, und der Meister, vom

Licht geblendet, spähte mit eingekniffenen Augen nach der Türe.

»Oha, der Knulp!« rief er aufleuchtend und streckte ihm die Hand

entgegen. »Auch wieder im Land? Und wo fehlt's denn, daß du zu mir

herauf steigst?«

Knulp zog einen dreibeinigen Stuhl heran und setzte sich nieder.

»Gib eine Nadel her und ein bißchen Faden, aber braunen und vom

feinsten, ich will Musterung halten.«

Damit zog er Rock und Weste aus, suchte sich einen Zwirn heraus, fädelte

ein und überging mit wachsamen Augen seinen ganzen Anzug, der noch sehr

gut und fast neu aussah und an dem er jede blöde Stelle, jede lockere

Litze, jeden halbwegs losen Knopf alsbald mit fleißigen Fingern wieder

instand setzte.

»Und wie geht's sonst?« fragte Schlotterbeck. »Die Jahreszeit ist nicht

zu loben. Aber schließlich, wenn man gesund ist und keine Familie hat --«

Knulp räusperte sich polemisch.

»Ja, ja,« sagte er lässig. »Der Herr läßt regnen über Gerechte und

Ungerechte, und nur die Schneider sitzen trocken. Hast du immer noch zu

klagen, Schlotterbeck?«

»Ach, Knulp, ich will nichts sagen. Du hörst ja die Kinder nebendran

schreien. Es sind jetzt fünf. Da sitzt man und schuftet bis in alle

Nacht hinein, und nirgends will's reichen. Und du tust nichts als

spazierengehen!«

»Fehlgeschossen, alter Kunde. Vier oder fünf Wochen bin ich im Spital in

Neustadt gelegen, und da behalten sie keinen länger, als er's bitter

nötig hat, und es bleibt auch keiner länger drin. Des Herrn Wege sind

wunderbar, Freund Schlotterbeck.«

»Ach laß diese Sprüche, du!«

»Bist du denn nimmer fromm, he? Ich will es gerade auch werden, und

darum bin ich zu dir gekommen. Wie steht's damit, alter Stubenhocker?«

»Laß mich in Ruh' mit der Frömmigkeit! Im Spital, sagst du? Da tust du

mir aber leid.«

»Ist nicht nötig, es ist vorbei. Und jetzt erzähl einmal: wie ist's mit

dem Buch Sirach und mit der Offenbarung? Weißt du, im Spital hab ich

Zeit gehabt, und eine Bibel war auch da, da hab ich fast alles gelesen

und kann jetzt besser mitreden. Es ist ein kurioses Buch, die Bibel.«

»Da hast du recht. Kurios, und die Hälfte muß verlogen sein, weil keins

zum andern paßt. Du verstehst's vielleicht besser, du bist ja einmal in

die Lateinschule gegangen.«

»Davon ist mir wenig geblieben.«

»Siehst du, Knulp --.« Der Schneider spuckte zum offenen Fenster in die

Tiefe hinunter und sah mit großen Augen und erbittertem Gesicht

hinterdrein. »Sieh, Knulp, es ist nichts mit der Frömmigkeit. Es ist

nichts damit, und ich pfeife drauf, sag ich dir. Ich pfeife drauf!«

Der Wanderer sah ihn nachdenklich an.

»So, so. Das ist aber viel gesagt, alter Kunde. Mir scheint, in der

Bibel stehen ganz gescheite Sachen.«

»Ja, und wenn du ein Stück weiterblätterst, dann steht immer irgendwo

das Gegenteil. Nein, ich bin fertig damit, aus und fertig.«

Knulp war aufgestanden und hatte nach einem Bügeleisen gegriffen.

»Du könntest mir ein paar Kohlen drein geben,« bat er den Meister.

»Zu was denn auch?«

»Ich will die Weste ein wenig bügeln, weißt du, und dem Hut wird es auch

gut tun, nach all dem Regen.«

»Immer nobel!« rief Schlotterbeck etwas ärgerlich. »Was brauchst du so

fein zu sein wie ein Graf, wenn du doch nur ein Hungerleider bist?«

Knulp lächelte ruhig. »Es sieht besser aus, und es macht mir eine

Freude, und wenn du's nicht aus Frömmigkeit tun willst, so tust du's

einfach aus Nettigkeit und einem alten Freund zuliebe, gelt?«

Der Schneider ging durch die Tür hinaus und kam bald mit dem heißen

Eisen wieder.

»So ist's recht,« lobte Knulp, »danke schön!«

Er begann vorsichtig den Rand seines Filzhutes zu glätten, und da er

hierin nicht so geschickt war wie im Nähen, nahm ihm der Freund das

Eisen aus der Hand und tat die Arbeit selber.

»Das laß ich mir gefallen,« sagte Knulp dankbar. »Jetzt ist es wieder

ein Sonntagshut. Aber schau, Schneider, von der Bibel verlangst du zu

viel. Das, was wahr ist, und wie das Leben eigentlich eingerichtet ist,

das muß ein jeder sich selber ausdenken und kann es aus keinem Buch

lernen, das ist meine Meinung. Die Bibel ist alt, und früher hat man

mancherlei noch nicht gewußt, was man heute kennt und weiß; aber darum

steht doch viel Schönes und Braves drin, und auch ganz viel Wahres.

Stellenweise ist sie mir gerade wie ein schönes Bilderbuch vorgekommen,

weißt du. Wie das Mädchen da, die Ruth, übers Feld geht und die übrigen

Ähren sammelt, das ist fein, und man spürt den schönsten warmen Sommer

drin, oder wie der Heiland sich zu den kleinen Kindern setzt und denkt:

ihr seid mir doch viel lieber als die Alten mit ihrem Hochmut alle

zusammen! Ich finde, da hat er recht, und da könnte man schon von ihm

lernen.«

»Ja, das wohl,« gab Schlotterbeck zu und wollte ihn doch nicht Recht

haben lassen. »Aber einfacher ist es schon, wenn man das mit andrer

Leute Kindern tut, als wenn man selber fünfe hat und weiß nicht, wie sie

durchfüttern.«

Er war wieder ganz verdrossen und bitter, und Knulp konnte das nicht

ansehen. Er wünschte ihm, ehe er gehe, noch etwas Gutes zu sagen. Er

besann sich ein wenig. Dann beugte er sich zu dem Schneider, sah ihm mit

seinen hellen Augen nah und ernsthaft ins Gesicht und sagte leise: »Ja,

hast du sie denn nicht lieb, deine Kinder?«

Ganz erschrocken riß der Schneider die Augen auf. »Aber freilich, was

denkst du auch! Natürlich hab ich sie lieb, den Größten am meisten.«

Knulp nickte mit großem Ernst.

»Ich will jetzt gehen, Schlotterbeck, und ich sage dir schönen Dank. Die

Weste ist jetzt gerade das Doppelte wert. -- Und dann, mit deinen Kindern

mußt du lieb und lustig sein, das ist schon halb gegessen und getrunken.

Paß auf, ich sage dir etwas, was niemand weiß und was du nicht weiter zu

erzählen brauchst.«

Der Meister sah ihm aufmerksam und überwunden in die klaren Augen, die

sehr ernst geworden waren. Knulp sprach jetzt so leise, daß der

Schneider Mühe hatte, ihn zu verstehen.

»Sieh mich an! Du beneidest mich und denkst: der hat es leicht, keine

Familie und keine Sorgen! Aber es ist nichts damit. Ich habe ein Kind,

denk dir, einen kleinen Buben von zwei Jahren, und der ist von fremden

Leuten angenommen worden, weil man doch den Vater nicht kennt und weil

die Mutter im Kindbett gestorben ist. Du brauchst die Stadt nicht zu

wissen, wo er ist; aber ich weiß sie, und wenn ich dorthin komme, dann

schleiche ich mich um das Haus herum und steh am Zaun und warte, und

wenn ich Glück habe und sehe den kleinen Kerl, dann darf ich ihm keine

Hand und keinen Kuß geben und ihm höchstens im Vorbeigehen was

vorpfeifen. -- Ja, so ist das, und jetzt adieu, und sei froh, daß du

Kinder hast!«

* * * * *

Knulp setzte seinen Gang durch die Stadt fort, er stand eine Weile

plaudernd am Werkstattfenster eines Drechslers und sah dem geschwinden

Spiel der lockigen Holzspäne zu, er begrüßte unterwegs auch den

Polizeidiener, der ihm gewogen war und ihn aus seiner Birkendose

schnupfen ließ. Überall erfuhr er Großes und Kleines aus dem Leben der

Familien und Gewerbe, er hörte vom frühen Tod der Stadtrechnersfrau und

vom ungeratenen Sohn des Bürgermeisters, er erzählte dafür neues von

anderen Orten und freute sich des schwachen, launigen Bandes, das ihn

als Bekannten und Freund und Mitwisser da und dort mit dem Leben der

Seßhaften und Ehrbaren verband. Es war Samstag, und er fragte in der

Toreinfahrt einer Brauerei die Küfergesellen, wo es heut abend und

morgen eine Tanzgelegenheit gebe.

Es gab mehrere, aber die schönste war die im Leuen von Gertelfingen, nur

eine halbe Stunde weit. Dahin beschloß er das junge Bärbele aus dem

Nachbarhause mitzunehmen.

Es war bald Mittagszeit, und als Knulp die Treppe im Rothfußschen Hause

erstieg, schlug ihm von der Küche her ein angenehm kräftiger Geruch

entgegen. Er blieb stehen und sog in knabenhafter Lust und Neugierde mit

spürenden Nüstern das Labsal ein. Aber so still er gekommen war, man

hatte ihn schon gehört. Die Meistersfrau tat die Küchentüre auf und

stand freundlich in der lichten Öffnung, vom Dampf der Speisen umwölkt.

»Grüß Gott, Herr Knulp,« sagte sie liebevoll, »das ist recht, daß Sie so

zeitig kommen. Nämlich wir kriegen heut Leberspatzen, wissen Sie, und

da hab ich mir gedacht, vielleicht könnte ich ein Stück Leber für Sie

extra braten, wenn Sie es so lieber haben. Was meinen Sie?«

Knulp strich sich den Bart und machte eine Kavaliersbewegung.

»Ja, warum soll denn ich was Besonderes haben, ich bin froh, wenn's eine

Suppe gibt.«

»Ach was, wenn einer krank gewesen ist, gehört er ordentlich gepflegt,

wo soll sonst die Kraft herkommen? Aber vielleicht mögen Sie gar keine

Leber? Es gibt solche.«

Er lachte bescheiden.

»O, von denen bin ich nicht, ein Teller voll Leberspatzen, das ist ein

Sonntagsessen, und wenn ich's mein Lebtag jeden Sonntag essen könnte,

wär ich schon zufrieden.«

»Bei uns soll Ihnen nichts fehlen. Zu was hat man kochen gelernt! Aber

sagen Sie's jetzt nur, es ist ein Stück Leber übrig, ich hab's Ihnen

aufgespart. Es täte Ihnen gut.«

Sie kam näher und lächelte ihm aufmunternd ins Gesicht. Er verstand gut,

wie sie es meinte, und ziemlich hübsch war das Weiblein auch, aber er

tat, als sehe er nichts. Er spielte mit seinem hübschen Filzhut, den

ihm der arme Schneider aufgebügelt hatte, und sah nebenaus.

»Danke, Frau Meisterin, danke schön für den guten Willen. Aber Spatzen

sind mir wirklich lieber. Ich werde schon genug verwöhnt bei Ihnen.«

Sie lächelte und drohte ihm mit dem Zeigefinger.

»Sie brauchen nicht so schüchtern zu tun, ich glaub's Ihnen doch nicht.

Also Spatzen! und ordentlich Zwiebel dran, gelt?«

»Da kann ich nicht nein sagen.«

Sie lief besorgt zu ihrem Herde zurück, und er setzte sich in die Stube,

wo schon gedeckt war. Er las im gestrigen Wochenblatt, bis der Meister

sich einfand und die Suppe aufgetragen wurde. Man aß, und nach Tische

wurde zu dreien eine Viertelstunde mit Karten gespielt, wobei Knulp

seine Wirtin durch einige neue, verwegene und zierliche

Kartenkunststücke in Erstaunen setzte. Er verstand auch mit

spielerischer Nachlässigkeit die Karten zu mischen und blitzschnell zu

ordnen, er warf sein Blatt mit Eleganz auf den Tisch und ließ zuweilen

den Daumen über die Kartenränder laufen. Der Meister sah mit Bewunderung

und Nachsicht zu, wie ein Arbeiter und Bürger brotlose Künste sich

gefallen läßt. Die Meisterin aber beobachtete mit kennerhafter Teilnahme

diese Anzeichen einer weltmännischen Lebenskunst. Ihr Blick ruhte

aufmerksam auf seinen langen, zarten, von keiner schweren Arbeit

entstellten Händen.

Durch die kleinen Fensterscheiben floß ein dünner, unsicherer

Sonnenschein in die Stube, über den Tisch und die Karten, spielte

launisch und kraftlos am Fußboden mit den schwachen Schlagschatten und

zitterte kreiselnd an der blau getünchten Stubendecke. Knulp nahm dies

alles mit blinzelnden Augen wahr: das Spiel der Februarsonne, den

stillen Frieden des Hauses, das ernsthaft arbeitsame Handwerkergesicht

seines Freundes und die verschleierten Blicke der hübschen Frau. Es

gefiel ihm nicht, das war kein Ziel und Glück für ihn. Wäre ich gesund,

dachte er, und wäre es Sommerszeit, ich bliebe keine Stunde länger hier.

»Ich will ein wenig der Sonne nachgehen,« sagte er, als Rothfuß die

Karten zusammenstrich und auf die Uhr sah. Er ging mit dem Meister die

Treppe hinunter, ließ ihn im Trockenschuppen bei seinen Fellen und

verlor sich in den öden schmalen Grasgarten, der, von Lohgruben

unterbrochen, bis an das Flüßchen hinabreichte. Dort hatte der Gerber

einen kleinen Brettersteg gebaut, an dem er seine Häute schwemmen

konnte. Auf den Steg setzte sich Knulp, ließ die Sohlen knapp über dem

still und rasch fließenden Wasser hängen, blickte belustigt den

schnellen, dunklen Fischen nach, die unter ihm weg ihren Lauf hatten,

und fing dann an, die Gegend neugierig zu studieren, denn er suchte eine

Gelegenheit, mit der kleinen Dienstmagd von drüben zu sprechen.

Die Gärten stießen aneinander, durch einen schlecht erhaltenen

Lattenzaun getrennt, und unten am Wasser, wo die Zaunpfähle längst

vermodert und verschwunden waren, konnte man ungehindert vom einen

Grundstück auf das andere hinübergehen. Der Nachbarsgarten schien mit

mehr Sorgfalt gepflegt zu werden als der wüste Grasplatz des

Weißgerbers. Man sah dort vier Reihen von Beeten liegen, vergrast und

eingesunken, wie sie nach dem Winter sind, Ackerlattich und

überwinterter Spinat wuchs spärlich in zwei Rabatten, Rosenbäumchen

standen zur Erde gebogen mit eingegrabenen Kronen. Weiterhin standen,

das Haus verbergend, ein paar hübsche Fichtenbäume.

Bis zu ihnen drang Knulp geräuschlos vor, nachdem er den fremden Garten

betrachtet hatte, und sah nun zwischen den Bäumen hindurch das Haus

liegen, die Küche nach hinten, und er hatte noch nicht lange gewartet,

da sah er in der Küche auch das Mädchen mit aufgekrempelten Ärmeln

wirtschaften. Die Hausfrau war dabei und hatte viel zu befehlen und zu

lehren, wie es bei Weibern ist, die keine gelernte Magd bezahlen mögen

und ihre jährlich wechselnden Lehrmädchen nachher, wenn sie aus dem

Hause sind, nicht genug zu preisen wissen. Ihre Unterweisung und Klage

geschah jedoch in einem Ton, der ohne Bosheit war, und die Kleine schien

bereits daran gewöhnt, denn sie tat unbeirrt und mit glatter Miene ihre

Arbeit.

Der Eindringling stand an einen Stamm gelehnt mit vorgestrecktem Kopf,

neugierig und wachsam wie ein Jäger, und lauschte mit vergnügter Geduld

als ein Mann, dessen Zeit wohlfeil ist und der gelernt hat, als

Zuschauer und Zuhörer am Leben teilzunehmen. Er freute sich am Anblick

des Mädchens, wenn es durchs Fenster sichtbar wurde, und er schloß aus

der Mundart der Hausfrau, daß sie keine geborene Lächstetterin, sondern

ein paar Stunden weiter oben im Tale daheim sei. Ruhig horchte er und

kaute auf einem duftenden Tannenzweig eine halbe Stunde und eine ganze

Stunde lang, bis die Frau verschwand und es still in der Küche wurde.

Er wartete noch eine kleine Weile, dann trat er behutsam vor und klopfte

mit einem dürren Zweig ans Küchenfenster. Die Magd achtete nicht darauf,

er mußte noch zweimal klopfen. Da kam sie ans halboffene Fenster, tat es

vollends auf und schaute heraus.

»Ja, was tut denn Ihr da?« rief sie halblaut. »Jetzt wär ich fast

erschrocken.«

»Vor mir doch nicht!« meinte Knulp und lächelte. »Ich wollte bloß einmal

Grüßgott sagen und sehen, wie's geht. Und weil nämlich heut Samstag ist,

möchte ich fragen, ob Ihr morgen nachmittag etwa frei habet, zu einem

kleinen Spaziergang.«

Sie sah ihn an und schüttelte den Kopf, und da machte er ein so trostlos

betrübtes Gesicht, daß es ihr ganz leid tat.

»Nein,« sagte sie freundlich, »morgen hab ich nicht frei, nur vormittags

für die Kirche.«

»So, so,« brummte Knulp. »Ja, dann könntet Ihr aber gewiß heut abend

mitkommen.«

»Heut abend? Ja, frei hätte ich schon, aber da will ich einen Brief

schreiben, an meine Leute daheim.«

»O, den schreibt Ihr dann eben eine Stunde später, er geht heut nacht

doch nimmer fort. Sehet Ihr, ich hab mich schon so gefreut, bis ich

wieder ein bißchen mit Euch reden kann, und heut abend, wenn's nicht

gerade Katzen hagelt, hätten wir so schön spazieren gehen können. Gelt,

seiet lieb, Ihr werdet doch vor mir keine Angst haben!«

»Angst hab ich gar keine, einmal vor Euch nicht. Aber es geht halt

nicht. Wenn man sieht, daß ich mit einem Mannsbild spazieren geh --«

»Aber Bärbele, es kennt Euch ja hier kein Mensch. Und es ist doch

wahrhaftig keine Sünde und geht niemand was an. Ihr seid doch kein

Schulmädchen mehr, gelt? Also vergesset es nicht, ich bin um acht Uhr

bei der Turnhalle drunten, da wo die Schranken für den Viehmarkt sind.

Oder soll ich früher kommen? Ich kann es schon richten.«

»Nein, nein, nicht früher. Überhaupt -- Ihr müsset gar nicht kommen, es

geht nicht, und ich darf nicht -- --«

Wieder zeigte er das knabenhaft betrübte Gesicht.

Knulp: Drei Geschichten aus dem Leben Knulps · 第 1 / 6 段