gesehen, und selbst die allerfleißigsten Hausfrauen ließen ein Weilchen
ihre Arbeit ruhen, als Marianne Sonntag zu spielen begann. »Wir wollen
auf der Dorfstraße tanzen,« hatten die Kinder gesagt, aber sie vergaßen
das Tanzen über dem Spiel. Feine und süße Klänge durchzogen das Dorf.
Es war wie das Singen der Vögel im Frühling, wie das Rauschen der
Bäume, wenn leise der Abendwind über sie dahinstreicht. Immer stiller
wurde es ringsum, und immer mehr Leute ließen ihre Arbeit ruhen und
lauschten. Niemand aber hörte andächtiger zu als Muhme Lenelies,
Friede und Waldbauers Mariandel. »Es ist, als ob du ein Märchen
erzählst, Muhme Lenelies,« sagte Mariandel leise, und Friede dachte an
Griechenland, von dem Professor von Spiegel ihm erzählt hatte. Er hörte
das blaue Meer rauschen und sah die weißen Tempel am Ufer stehen. Die
Sehnsucht erwachte in ihm, dorthin zu ziehen und alles zu sehen und
dann auch so davon singen zu können wie Homer, der blinde Sänger.
Daran dachte Heine Peterle nun nicht. Ihm gefiel das Spiel und das
zierliche geigende Mädel furchtbar gut. Er schwitzte ordentlich vor
Entzücken; er wünschte, seine Feldburger Flöte wäre noch ganz, dann
hätte er darauf blasen können, und als Marianne Sonntag die Geige
sinken ließ, schrie er: »Das will ich auch lernen.«
»Nä, er ist und bleibt ein merkwürdiger Bube, unser Heine Peterle; aus
dem wird noch was Großes,« sagte Muhme Rese zu Muhme Lenelies. Aber
die gab keine Antwort. In ihren guten Augen lag ein stiller Glanz, sie
schaute Marianne Sonntag an, wie ein Blumenfreund eine feine, schöne
Blüte freudvoll betrachtet. Das Stadtmädel schien den Blick zu fühlen;
es lief plötzlich auf die alte, arme Frau zu, legte beide Arme um
deren Hals und flüsterte: »Muhme Lenelies, dich hab' ich aber doch am
liebsten in Oberheudorf.«
»Fein hast du gespielt, Füchslein,« rief Jobst, der stolz auf die
Freundin war.
»Ja, schene war's; blasen klingt freilich noch besser,« schnarrte
eine Stimme, die wie eine knarrende Türe klang. Hans Rumpf hatte auch
zugehört und nickte nun wohlgefällig. »Und gut ist's doch, daß es keine
Tänze waren, sonst wär' gleich auf der Dorfstraße getanzt worden.«
»Ach ja, tanzen, wir wollen tanzen,« flehten ein paar Mädels.
»Nä, nä, das ist nicht,« brummte Hans Rumpf. Aber niemand hörte auf
ihn. Füchslein begann wirklich eine lustige Tanzweise zu spielen. Sie
kletterte dabei auf den Brunnenrand, und um sie herum hüpften und
sprangen bald alle Buben und Mädel im Kreise. Im Takt, außer dem Takt,
im Polkaschritt und Walzertritt, allein, zusammen, wie es gerade paßte.
Eins schleifte, eins wiegte sich, eins schwenkte die Beinchen, als
wollte es die eigene Nase treffen, eins trampelte einem andern auf die
Füße, ein Mädel purzelte hin; aber alles in allem war es wunderschön.
Der herrliche Abend ging viel zu früh vorbei, und all die dicken,
rotkarierten Federdecken sperrten ihre Mäuler auf, um die Buben und
Mädel zu verschlingen. Die ließen sich das auch ganz gern gefallen,
und mancher kleine Tänzer drehte sich im Traum noch weiter, linksum,
rechtsum, fiedelfiedeldum. Heine Peterle aber sagte noch halb im
Schlafe: »Ich will auch fiedeln lernen.«
Nur Traumfriede war an diesem Abend nicht so froh wie sonst. In
Feldburg hatte er sich heiß nach Oberheudorf gesehnt, und heute sehnte
er sich auf einmal nach Feldburg. Er schämte sich ordentlich, als er
immer wieder denken mußte: »Könnte ich morgen einmal heimgehen ins
Spiegelhaus! Wie mag es wohl dem Professor gehen?«
»Morgen gehen deine Freunde weg,« sagte auf einmal Muhme Lenelies.
»Möchtest du nicht mit und den Herrn Professor einmal besuchen?«
Friede wurde blutrot. Ja konnte denn die Muhme Gedanken lesen, seine
Wünsche erraten? Er senkte verwirrt die Augen: »Ich bin furchtbar gern
bei dir.«
Muhme Lenelies lachte leise. »Das weiß ich, mein Friede; aber man kann
irgendwo sehr gern sein, und es kann doch einen andern Ort geben, wo
man auch gern ist. Und eigentlich wär's schlimm, wenn du den Professor
nicht lieb hättest.«
Friede atmete tief auf und fiel der Muhme um den Hals: »Dich hab' ich
aber doch am liebsten.«
»Und sehnst dich doch hinaus, das ist nun mal so in der Welt. Geh du
morgen ruhig mit nach Feldburg, übermorgen kommst du wieder, und wir
feiern Wiedersehen.« --
Kaspar auf dem Berge hatte gesagt: »Wen ich geholt habe, den bringe
ich auch wieder heim.« Darum brauchten die Stadtkinder auch nicht zu
laufen; sie konnten nach Feldburg zurückfahren. Der Abschied wurde
ihnen deshalb nicht leichter, und obgleich Jobst und Ulli sagten:
»Tränen sind doch dumm,« schluchzte Füchslein ganz herzbrechend.
»Kommt mit, ach, kommt alle mit!« bat sie. Sämtliche Buben und Mädel
standen vor der himmelblauen Ente, als die Gäste schieden. Sogar die
Wickelkinder waren von den großen Schwestern mitgebracht worden.
»Macht's nicht so arg mit dem Abschied!« mahnten die Erwachsenen. Aber
die Kinder vollführten ein ganz unglaubliches Geschrei. Jedes hatte
noch etwas zu sagen und zu fragen; am liebsten wären sie natürlich
alle mitgefahren, und daß Friede es durfte, neideten sie ihm fast. Nur
Heine Peterle fehlte. Seine Mutter war da und rief nach ihm; Muhme Rese
suchte ihn an den merkwürdigsten Orten. Er war und blieb verschwunden.
»Der wartet am Waldrand,« rieten die Kinder.
»Vielleicht liegt er noch im Bett,« sagte der dicke Friede. Doch Muhme
Rese versicherte, dort sei er bestimmt nicht.
»Es ist häßlich von ihm, daß er nicht kommt,« schluchzte Füchslein. Da
tröstete seine Mutter: »Paß auf, er kommt schon, ihm ist's arg leid,
daß du wieder gehst!«
»Uns auch, uns auch,« schrieen die andern Kinder. »Wir besuchen euch
alle.«
»Ja,« riefen die Stadtkinder, »bald!«
»Wenn Zirkus ist; im September ist Zirkus,« rief Marianne.
»Was ist denn das, ist das was zu essen?« fragte der dicke Friede
nachdenklich.
Füchslein lachte hell auf und vergaß darüber das Weinen. Sie lachte
immer noch, als der Wagen schon zum Dorf hinausrollte. »Dort steht
Muhme Lenelies vor ihrem Hause,« rief Friede und winkte. Die drei
andern taten es ihm nach. Sie winkten, nickten, die Kinder liefen
hinter dem Wagen her, und immer wieder klang's: »Auf Wiedersehen, auf
Wiedersehen!«
Bis zum Waldrand liefen die Oberheudorfer mit. Ein bißchen Neugier
war auch dabei, zu sehen, ob Heine Peterle nicht dort wäre. Er war
aber nicht dort, und als die Mitgelaufenen umkehrten und der Wagen in
den Wald hineinrollte, sagte Füchslein betrübt: »Heine Peterle liegt
vielleicht doch noch im Bette.«
»Nä, da liegt er nich,« erklang's laut, und aus Decken, unter
Strohbündeln hervor kroch sehr vergnügt -- Heine Peterle. »Ich fahr
mit,« rief er stolz.
»Wer fährt mit?« Kaspar auf dem Berge drehte sich flink auf dem Bock
herum. »Potzwetter, Bube, was fällt dir ein?«
»Ich will mit, Oheim,« rief Heine Peterle. Kaspar auf dem Berge war
nämlich seiner Mutter Bruder, und er hatte gedacht: »Der Oheim nimmt
mich schon mit, wenn wir nur erst zum Dorf hinaus sind.«
Er hatte sich aber verrechnet. »So was, das gibt's nicht,« sagte
der Wirt. »Ausreißen gilt nicht. Gelt, daß dir's wie denen in
Schwipperlingen geht! Nä, steig man runter.«
Da half kein Bitten. Heine Peterle mußte aussteigen. Sein schöner
Plan war zu Wasser geworden. »Wir laden dich bald ein,« trösteten die
Stadtkinder.
»Ich will auch in die Stadt,« heulte der Bube, »ich lern 's Fiedeln.«
»Lern du nur erst ordentlich das Lesen und Schreiben,« riet der Oheim.
»Nä,« murrte Heine Peterle, »fiedeln ist besser, da macht man keine
Kleckse.« Und schwupp, drehte er sich um und lief dem Dorfe zu. Erst
als er dort war, fiel's ihm ein, daß er nicht einmal Abschied genommen
hatte.
Den vier Reisenden wurde unterdessen die Zeit nicht lang, sie kamen
schneller nach Feldburg, als sie gedacht hatten. Erst fuhr der Wirt
die beiden Sonntagskinder heim, dann Jobst von Hellfeld, der drei
Häuser von denen entfernt wohnte, und zuletzt rollte das Wägelein über
den Johannesplan und hielt vor dem Spiegelhaus. Friede sprang heraus,
nahm kurzen Abschied und lief dann ins Haus. Niemand hatte ihn gehört,
niemand ihn gesehen. Die Tür stand offen, und so kam er unbemerkt an
des Professors Studierzimmer. Er klopfte an und trat ein. Da saß der
Professor über ein dickes Buch gebeugt an seinem Schreibtisch. Als er
den blonden Buben gewahrte, glitt ein froher Schein über sein Gesicht.
»Grüß Gott, Oberheudorfer Friede!« rief er. »Das ist recht, daß du
einmal kommst; ich habe mich schon sehr nach dir gebangt.«
Da war es dem Friede auf einmal, als flüstere in seinem Herzen eine
Stimme: »In Oberheudorf hast du eine Mutter, in Feldburg einen Vater.
Ei, hast du es gut auf der Welt, Friede Heller!«
[Illustration]
Im Zirkus.
Im September kam wirklich, wie es das Füchslein gesagt hat, nach
Feldburg ein Zirkus. Es ist aber noch nicht gesagt, daß alle in einen
Zirkus gehen können, wenn schon einer da ist. Die Oberheudorfer Bauern
meinten, es sei genug, wenn ihre Kinder in diesen Herbstferien zum
Vogelschießen nach Niederheudorf gingen. Vom Zirkus wollten sie nicht
viel wissen. Ja freilich, das Vogelschießen lockte nicht minder. Da
wollten sie alle hin, und wenn in dieser Zeit jemand gesagt hätte,
rechts ist Zirkus, links ist Vogelschießen, kein Kind in Oberheudorf
hätte gleich eine Antwort geben können. Einmal bettelte Schulzens Jakob
beim Sonntagmittagessen: »Ich möcht' in den Zirkus.«
»Ach was, Vogelschießen ist genug,« brummte der Schulze.
»Aber -- -- aber, Zirkus soll so fein sein! Friede Hopserling sagt, man
muß hin, weil -- --«
»Na, wenn's Friede Hopserling so gut weiß, dann soll er dich man
einladen und die andern dazu; mir ist's recht.«
Der Schulze schob seinen Teller ein Stück fort. Das war ein Zeichen:
»Nun sputet euch, ihr andern, wir haben lange genug gegessen.«
Jakob wagte kein Wort mehr; aber nachher auf dem Dorfplatz erzählte
er, was der Vater gesagt hatte. »Friede Hopserling läd uns nicht ein,«
schrie Anton Friedlich, »aber vielleicht sonst wer.«
Ja, sonst wer! Niemand fand sich, der es tat. Die Tage kamen und
gingen. Das Vogelschießen kam und ging auch vorbei und war vergnüglich
wie immer, und schon guckten die Herbstferien in das Schulhaus hinein,
und von einer Einladung war nichts zu sehen und zu hören. Da kam eines
Tages ein Brief an den Lehrer, und der ging mit dem Schreiben zum
Schulzen. Der lachte und sagte: »Meinetwegen.« Und ebenso sagten noch
ein paar andere Bauern, und die Bäuerinnen setzten noch hinzu: »Man
gönnt's ihnen schon, das Vergnügen.«
Auch Muhme Lenelies bekam einen Brief, und auch sie schaute froh drein;
ja sie guckte geschwind mal nach dem Wetter und sagte: »Wenn's doch
schön würde!«
Am nächsten Tag also gab es in der Schule eine große Überraschung.
Keine solche, bei der die Feuerspritze die Schulstube unter Wasser
setzt oder jemand in die große Trommel fällt oder in sonst etwas
hinein, nein, eine wundervolle Überraschung war es. Professor von
Spiegel lud Traumfriedes Freunde und Freundinnen zum Zirkus ein.
Und das beste dabei war, die Eltern erlaubten es. Glücklicherweise
begannen just die Herbstferien, und Sonnabend früh durften sie
alle nach Feldburg fahren. Am Nachmittag war im Zirkus eine große
Festvorstellung; zu der sollten sie gehen. Der Herr Lehrer hatte die
Sache am Schulschluß gesagt, und das war gut. Wohl keines der Kinder
hätte sonst mehr aufgepaßt.
»Eingeladen zum Zirkus!« Sie stürzten alle eilfertig auf die Straße.
Dort konnte man sich doch ordentlich freuen, und das taten sie auch
sehr laut und sehr nachdrücklich. In der Stadt hätten die Menschen
wohl gleich die Feuerwehr herbeigerufen oder gedacht, ein Kirchturm
oder mindestens drei Häuser wären eingestürzt, der Krieg sei
ausgebrochen oder so etwas Ähnliches; doch in Oberheudorf war man nicht
so zimperlich.
Vier Schultage waren es noch, und jeder Schultag dehnte und dehnte sich
wie ein Stück Gummi. Unglaublich, wie es ein Schultag fertig bringt,
so lang zu sein. Aber dann kam doch der Morgen, an dem es hieß: »Heute
geht's nach Feldburg zum Zirkus!« Und daß es kein Traum war, bewiesen
die beiden Wagen, die mit Tannengrün geschmückt auf dem Dorfplatz die
Stadtfahrer aufnahmen.
Es war eine wunderschöne Fahrt durch den herbstlichen Wald. Die Buchen,
die da und dort in den Tannenwald hineingelaufen waren, und die
Eichen, die am Rande standen, trugen schon ihr goldrotes Herbstkleid.
Sie spreizten ihre Laubkronen stolz in der Sonne und schienen zu
rufen: »Seht uns an, wir haben ein goldenes Gewand.« Ach, die armen
Bäume konnten viel rufen, die Oberheudorfer Buben und Mädel achteten
gar nicht darauf; sie sahen nichts von der Pracht des sonnenreichen
Herbsttages, sie schwatzten nur vom Zirkus. Höchstens sagte mal eins:
»Die Eicheln fallen schon runter,« oder sie lugten auf der Landstraße
nach den Pflaumenbäumen und griffen in die vollen Äste hinein, denn
Friede Hopserling zumal, der den einen Wagen führte, fuhr auch immer so
seltsam dicht unter den Bäumen dahin.
Im Spiegelhaus warteten die Sonntagskinder und Jobst und Friede auf
die Gäste. Fräulein Wunderlich war herübergekommen und hatte mit Frau
Emma und Marie ungeheure Töpfe voll Schokolade gekocht. Weißbrot und
Kuchen standen bereit, und hinten im Garten waren ein paar lange Tafeln
gedeckt. Professor von Spiegel ging lächelnd und heiter auf und ab,
schaute sich alles an und freute sich mit seinem Pflegesohn auf die
Gäste. Füchslein war in namenloser Aufregung. Sie rannte immer zwischen
Tor und Festplatz hin und her. »Ich kann's kaum erwarten,« rief sie
immer wieder. »Friede, freu dich doch, schrei mal, du bist so still!«
Traumfriede gehörte nun nicht zu denen, deren Freude überlaut ist. Wenn
er sich so recht innerlich im Herzen freute, war er meist sehr still.
Aber Jobst besorgte etliche Male das Freudeschreien, und drüben in
Wunderlichs Garten krähte der kleine Teufel wie besessen. »Er ahnt, daß
die Oberheudorfer kommen,« sagte Marie. »Es ist ein sehr kluges Tier.«
Endlich kamen sie. Die beiden Wagen rumpelten laut und vernehmlich
über den Johannesplan, und ein paar Minuten lang war der stille Platz
von dem fröhlichsten Leben erfüllt. »Muhme Lenelies,« rief Friede
plötzlich aufgeregt und stürzte auf die alte Frau zu, die zwischen
allen Buben und Mädeln aus Friede Hopserlings Wagen kletterte.
»Nun siehst du, mein Friede,« sagte die alte Frau vergnügt, »da bin ich
auch einmal. Wenn man eingeladen wird und es so arg bequem hat, nach
der Stadt zu kommen, ist es eine leichte Sache.«
Muhme Lenelies konnte es schon sagen, daß es arg bequem sei, auf einem
Mehlwagen zu fahren, denn sie war viele, viele Jahre als Botenfrau den
weiten Weg zwischen Oberheudorf und Feldburg hin und her gegangen.
Heute kam sie als lieber Gast. Professor von Spiegel und Fräulein
Wunderlich gingen ihr beide so freudevoll entgegen, als wäre die
einfache alte Frau ihnen schon eine gute, langvertraute Freundin.
Das Schokoladenfest im Spiegelhaus war sehr schön, aber das
allerschönste war dann doch der Zirkus. Der war so groß, daß sicher
das ganze Niederheudorfer Vogelschießen mitsamt dem Karussell, dem
Kasperletheater, der Pfefferkuchenfrau und allem, was sonst da war,
hineingegangen wäre. Die Buben und Mädel sagten gleich alle am Eingang:
»Ah,« und sie waren ein bißchen ärgerlich, daß sie nicht »ah« genug
sagen konnten, denn ein Mann rief immer: »Weiter, weiter, Stehenbleiben
ist verboten.«
»Das ist in Niederheudorf nie verboten,« knurrte Schnipfelbauers
Fritz; aber als er von einem nachfolgenden Mann einen Puff in den
Rücken erhielt, ging er doch eilig weiter.
Der dicke Friede hatte einen heißen, sehnsüchtigen Wunsch; es war der,
nur einmal im Leben ein richtiges Kasperle zu sehen. Ein Kasperle
war für ihn das Allerlustigste, Allerschönste, was er sich denken
konnte. Als nun gleich zu Anfang ein Clown in die Reitbahn sprang,
entzückte ihn dieses große, lebendige Kasperle so, daß er in ein nicht
endenwollendes Gelächter ausbrach, in das seine Gefährten jauchzend
einstimmten. Und weil es die Oberheudorfer vom Niederheudorfer
Vogelschießen so gewöhnt waren, mit dem Kasperle zu reden, so schrieen
sie allesamt: »Guten Tag, Kasperle, wir sind da!«
»Freut mich sehr.« Der Clown war etwas verblüfft; der Zuruf paßte nicht
in sein Spiel. Er fragte aber doch: »Woher seid ihr denn?«
»Aus Oberheudorf!« tönte es zurück, und von gegenüber kamen ein paar
Bubenstimmen: »Herrjeh! die Oberheudorfer sind auch da!«
Der Clown grinste und schoß zehn Purzelbäume hintereinander, so fix,
daß Anton Friedlich bewundernd rief: »Der kann's fein.« Aber da ritt
plötzlich eine wunderschöne Dame in die Reitbahn, die in ihrem rosa
Kleid mit goldenen Flügeln wie ein leibhaftiger Engel aussah. Sie
verneigte sich auf ihrem Pferd, sprang in die Höhe, streckte erst das
rechte, dann das linke Bein in die Luft und ergriff schließlich ein
von der Decke herabhängendes Seil. Flugs lief in diesem Augenblick das
Pferd unter ihr weg, und Heine Peterle, den eine namenlose Angst um die
schöne Dame ergriff, warnte: »Du, dein Pferd reißt aus.«
»Seid doch still da oben,« rief der Clown.
»Ja,« brüllten die Buben und Mädel nach Niederheudorfer Gewohnheit, und
das Pferd erschrak über das Gebrüll und stieg erschrocken kerzengerade
in die Höhe.
Der Stallmeister rief »Stille!« und der Clown drohte mit der Faust. Nun
sieht aber ein Clown, wenn er ernst sein will, erst recht komisch aus,
und die Buben und Mädel fanden es denn auch so spaßhaft, daß sie vor
Vergnügen kreischten und auf ihren Sitzen hin und her wackelten. Das
steckte an, der Zirkus dröhnte vor Lachen. Da aber keine lustige Nummer
auf dem Programm stand, sondern Miß Florence Wilson ihre Künste als
Seiltänzerin zeigen sollte, ging der Clown rasch hinaus.
»Adjeh, Kasperle! Legste dich ins Bett?« schrieen sämtliche
Oberheudorfer, und von neuem rauschte das Lachen durch den Zirkus.
»Nä, Kinder, ihr müßt doch stille sein,« mahnte Muhme Lenelies, während
Professor von Spiegel lachte, daß ihm nur immer die dicken Lachtränen
über die Wangen rannen. Die Kinder dachten: »Wenn man in der Stadt
ist, hört man darauf, was Stadtleute sagen.« Da der Professor jedoch
schwieg und selbst lachte, achteten sie nicht auf der Muhme sanfte
Mahnung, sondern brüllten: »Kasperle, komm raus, Kasperle, komm raus!«
Da! Atemlos stieß Heine Peterle Annchen Amsee an. Die schöne Dame
war an dem Seil hochgeklettert und schwebte nun wie ein großer
Schmetterling in der Luft auf und ab. »Die kann fliegen,« kreischte
Schulzens Jakob, während Heine Peterles Augen vor Erstaunen immer
runder und kugliger wurden.
Jetzt trat Miß Florence auf ein hoch über dem Boden ausgespanntes
Seil, und aus der Luft schwebte eine Geige herab. Die ergriff sie und
begann auf dem dünnen Seil stehend zu spielen. Sehr schön klang das
nun zwar nicht, und Füchslein dachte: »Dies sollte Herr Wunderlich
hören, der möchte gut schelten!« Aber die Oberheudorfer gingen beinahe
auseinander vor Staunen. Sie waren noch ganz verdattert, als ein Reiter
mit vier Pferden in die Bahn sprengte und diese die merkwürdigsten
Dinge vollführten. Sie sprangen, stellten sich auf die Hinterbeine,
tanzten. Und Bäckermeisters Mariele flüsterte: »Am Ende sind's gar
keine richtigen Pferde.«
»Guten Tag, Kasperle, biste wieder da?« brüllten etliche Buben,
und Mariele vergaß ihren Zweifel über dem Kasperle, das mit einem
Purzelbaum in die Reitbahn schoß. Hinter ihm drein kam noch eins, aber
auf einmal -- nein, das war doch nicht schön -- fing der schwarze
Herr mit den Kasperles an zu zanken; er sagte, sie hätten ihm etwas
weggenommen.
»Laß se doch, die tun doch nischt,« schrieen Jakob und Schnipfelbauers
Fritz empört.
Aber der schwarze Herr kümmerte sich gar nicht darum, er schalt immer
weiter, immer heftiger auf die Kasperle. Das wurde dem dicken Friede
zu toll, er nahm einen Apfel, den er in der Tasche hatte, und warf ihn
höchst geschickt dem schwarzen Herrn an den Rücken. Dabei kreischte er
zornig: »Die haben nischt genommen, ich hab's doch gesehn!«
»Nicht wahr?« Der erste Clown trat an die Rampe und sah zu den
Oberheudorfern hinauf. »Du bist aber gut, daß du mir hilfst!«
Der dicke Friede wurde klatschmohnrot vor Freude über das Lob, er
reckte sich ordentlich und schrie: »Verhau den schwarzen Herrn, der ist
eklig!«
Schwupp lief das Kasperle zu dem schwarzen Herrn hin; es legte den Kopf
auf die Seite und sagte mit dünner Stimme: »Erlaubst du es mir, daß ich
dich verhaue?«
»Der ist aber dumm, der fragt erst,« riefen ein paar Buben, und sie
fanden es höchst begreiflich, als der schwarze Herr sagte: »Nein, ich
erlaube es nicht, mach daß du fortkommst.«
In diesem Augenblick drehte sich eins der Pferde um und fuhr mit seinem
Maul in des Clowns Hosentasche. Der schrie laut auf und flüchtete,
hopps, sprang er über die Bänke, sauste über die Köpfe hinweg und
platsch -- saß er mitten zwischen den Oberheudorfer Buben und Mädeln.
Die kreischten wie besessen. Ein paar Mädel flüchteten unter die Bänke,
der dicke Friede schnappte wie ein Fisch nach Luft, und der ganze
Zirkus bebte von dem Gelächter der Zuschauer.
Aber -- trapp, trapp, trapp -- kam das Pferd die Treppe herauf. Wutsch,
kroch der Clown hinter Krämers Trude und Schulzens Röse her unter die
Bank und jammerte: »Der war's, der war's!« Dabei zeigte er auf den
völlig sprachlosen Friede.
Und da -- -- laut gellte das Angstrufen der Kinder durch den Zirkus --,
das Pferd packte den dicken Friede am Hosenboden und trug ihn davon.
»Es frißt ihn, es frißt ihn, es macht ihn tot! Halt, halt! huhuhuhu!«
»Aber Kinder, 's ist nur Spaß!« Der Professor konnte kaum noch vor
Lachen. Traumfriede tröstete: »Aber seid doch still, seid doch still!«
Fräulein Wunderlich nahm gleich zwei heulende Mädel auf den Schoß.
Muhme Lenelies wußte nicht, um wie viele sie schützend die Arme
breiten sollte. Die Nachbarn beruhigten: »Kinder, Kinder, es ist ja
nur ein Scherz!« Doch das half alles nichts. Die Kinder brüllten, als
ob sie alle miteinander gebraten werden sollten. Selbst Füchslein,
das doch die Sache kannte, brüllte mit. Nur Heine Peterle brüllte
nicht, der zeigte, was ein echter Held in der Welt ist. Trapp, trapp
-- polterte er auch die Stufen hinab, dem Pferde nach, und urplötzlich
fühlte sich das so fest am Schwanz gepackt, daß es den dicken Friede
erschrocken fallen ließ und der in den Sand der Reitbahn kollerte.
[Illustration]
Der schwarze Herr und ein paar Diener sprangen herbei, hoben Friede auf
und führten das Pferd zur Seite. Rings von den Bänken und aus den Logen
heraus aber ertönte ein nicht endenwollender Jubel: »Bravo, bravo,
bravo!«
Das schien dem Pferd besonders gut zu gefallen, denn -- eins, zwei,
drei -- ergriff es Held Heine Peterle am Hosenboden und trug ihn nun im
sausenden Galopp in der Reitbahn herum, bis ihm der Stallmeister ein
»Halt« zurief.
»Jetzt frißt er Heine Peterle!« Anton Friedlich und Schnipfelbauers
Fritz wollten auch hinunter, wollten auch Helden sein. Doch der
Professor hielt sie erschrocken fest; ihm war es ordentlich unheimlich
zumute geworden bei dem Geschrei.
Unten sprach der Stallmeister mit dem Pferd, und während der Diener
die beiden Buben vom Staub reinigte, lief das Pferd hinaus und kam
wieder und -- -- brachte eine riesengroße Zuckertüte. Die legte es vor
Heine Peterle nieder, dann kehrte es wieder um, lief noch mal zurück,
kam noch mal wieder und brachte eine zweite Zuckertüte für den dicken
Friede.
Da vergaßen oben sämtliche Oberheudorfer Buben und Mädel ihre Angst,
und jubelnd fielen sie in das Bravorufen des Publikums ein.
Der Stallmeister sagte unten etwas zu den Buben, und stolz kehrten
diese nun wieder auf ihre Plätze zurück. Das Pferd aber kam -- trapp,
trapp -- hinter ihnen her.
»Vielleicht holt's uns, und wir kriegen auch 'ne Tüte,« sagte Anton
Friedlich hoffnungsfroh, aber der Clown jammerte: »Es holt mich, es
holt mich!«
»Kriech nur wieder unter die Bank,« rieten die Kinder hilfsbereit,
obgleich den Mädeln das Kasperle so in der Nähe recht unheimlich war.
Aber da war schon das Pferd und -- schnapp -- hatte es den Clown am
Hosenboden gepackt und trug ihn nun die Treppe hinab. Unten rollten
die Diener eine große Tonne herbei, und o Entsetzen! das Pferd steckte
Kasperle in die Tonne. Eine Zuckertüte gab's nicht.