»Das ist, weil er gelogen hat,« rief Heine Peterle und preßte stolz

seine Zuckertüte ans Herz. Trotzdem sah er mitleidig nach dem Kasperle

aus. Würde das in der Tonne stecken bleiben? Die Diener rollten die

zur Bahn hinaus, sie rollten und rollten sehr heftig, und auf einmal

war der Clown draußen, und niemand hatte es gesehen. Die Oberheudorfer

brachen in stürmischen Jubel aus: »Kasperle, das war fein!«

»Lebt wohl!« rief der Clown, stand plötzlich auf den Händen und lief so

davon.

»Komm bald wieder!« brüllten ihm alle nach. Da drehte er sich wie ein

Rad und stand wieder auf den Beinen und quiekte mit ganz hoher, dünner

Fistelstimme: »Ach nein, jetzt muß ich mich bei meiner Mutter in einen

Pflaumenmußtopf schlafen legen, lebt alle wohl!«

»Heute macht der Clown auch zu dumme Witze,« brummte ein alter,

griesgrämiger Herr hinter den Kindern, der sich schon die ganze Zeit

über den Lärm geärgert hatte.

Da drehten sich urplötzlich alle Buben und Mädel um und starrten den

Griesgram namenlos verwundert an. Der wurde ordentlich verlegen und

murrte: »Das sind ja unglaublich ungezogene Rangen.«

»Ungezogen, diese Kinder? Na hören Sie, mein Herr, die tun doch

nichts,« rief Fräulein Wunderlich entrüstet. Ihr, die sonst so leicht

gescholten hatte, gefielen alle diese Buben und Mädel gut, denn in

ihrem Herzen war ein Türlein aufgesprungen, durch das viel Freude und

Liebe aus und ein gehen konnte. Waldbauers Mariandel, die neben ihr

saß, streichelte sie zutraulich und flüsterte: »Du bist aber nett,

Fräulein Wunderlich.«

Annchen Amsee huschelte sich von der andern Seite an sie an, und

Traumfriede drehte sich um und nickte ihr strahlend, dankbar zu.

Der verdrießliche Herr aber brummelte weiter. Dies war ihm nicht recht

und das. Einige Buben sagten schon untereinander: »Er ist wie Hans

Rumpf, wenn er seinen Linksaufstehtag hat.«

»Das Schwatzen stört,« knurrte der Herr wieder, schon zornesrot im

Gesicht.

Unten standen gerade acht Pferde steif in einer Reihe, und alles

wartete neugierig, daß sie springen würden, da tönte in die tiefe

Stille, die just über dem Zirkus lagerte, Annchen Amsees helles

Stimmchen hinein: »Gib dem Herrn was aus deiner Tüte, Heine Peterle,

der ärgert sich nur, weil er keine hat.«

Hunderte von Augen richteten sich auf den Platz, wo die Kinder saßen,

und alle diese vielen, vielen Augen sahen, wie Heine Peterle über die

Köpfe seiner Gefährten hinweg seine Tüte dem brummigen Herrn darbot.

»Es sind furchtbare Kinder,« dachte der. All die lachenden Blicke waren

ihm äußerst fatal, und in seiner Verlegenheit griff er wirklich in

die Tüte, und weil er sich schämte, lächelte er dazu ganz freundlich,

und Heine Peterle lächelte wieder und sagte in hörbarem Flüsterton zu

Schulzens Jakob: »Jetzt sieht er nicht mehr so böse aus!«

»In der nächsten Pause geh' ich,« dachte der brummige Herr wütend.

»Für diese Nachbarschaft danke ich.« Aber dann kam die Pause, und kaum

hatte sie begonnen, da wandte sich Heine Peterle wieder um, streckte

ihm nochmals seine Tüte hin und fragte treuherzig: »Gelt, das ist

fein?« Und auf einmal lächelten ihm alle Buben und Mädel freundlich

und ermunternd zu. Da vergaß er das Weggehen und blieb; er vergaß

aber auch das Brummen, denn der Jubel der Oberheudorfer erklang immer

von neuem so laut, so selig froh, daß sich darüber die griesgrämigsten

Mienen aufhellten.

Was gab es aber auch nur für wunderbare Dinge in diesem Zirkus!

Vier feuerrote Clowns brachten vier rosenrote Schweinchen an, und die

machten allerlei Kunststücke. Sie sprangen und marschierten auf Befehl,

wie es noch nie in Oberheudorf ein Schwein getan hatte.

»Warum machen sie's nur bei uns nicht?« tuschelten die Kinder einander

zu. Ein paar Augenblicke später hatten sie diese Frage schon wieder

vergessen, denn lauter schöne Fräuleins schwebten in die Bahn. Auf

einem Wagen wurde eine Prinzessin hereingefahren, und nun gab es einen

wundervollen Tanz. Als er zu Ende war, war auch die Vorstellung zu

Ende, und der Professor mahnte zur Heimkehr.

»Schon aus?« »Ach, ich wollte, ich könnte bis morgen bleiben,« erklang

es. Draußen auf der Straße aber rief der dicke Friede laut: »Ich werd'n

Kasperle.«

»Ich so einer, der mit den Pferden springt,« schrie Anton Friedlich,

und das wollten noch etliche andere ebenfalls. Die Mädel wollten so

wunderschöne Tänzerinnen werden. Annchen Amsee quiekte: »Ich so eine

mit Flügeln,« und Schulzens Jakob, ein dicker, purzeliger Bube sagte

bestimmt: »Ich werd' auch so'ne Dame!« Nur Heine Peterle blieb dabei:

»Ich lern 's Fiedeln.« Alle waren sich aber darüber einig, einstmals

zum Zirkus zu gehen, und Friede Hopserling riet ihnen: »Bleibt doch

gleich da!«

Das wollten sie nun doch nicht, nur der dicke Friede schwankte ein

wenig, dann kletterte er aber doch noch fix mit auf den Wagen.

Vorläufig erschien ihm das Elternhaus noch verlockender. Freilich, der

Abschied von Feldburg wurde ihnen allen an diesem Abend bitter schwer,

und sie alle stimmten laut und sehnsüchtig in des Füchsleins Ruf ein:

»Ach, lägen doch Feldburg und Oberheudorf nur etwas näher zusammen!«

Beim Abschied hielt Muhme Lenelies Herrn von Spiegels Hand fest in

ihrer arbeitsharten. Sie wollte ihm danken für alles, was er an ihrem

Friede getan hatte und noch tun wollte, aber sie vermochte nur ein paar

Worte zu reden. Doch der alte Herr klopfte und streichelte die Muhme

herzlich und sagte: »So Gott will, sehen wir uns noch oft, ehe unser

Friede ein Mann geworden ist.«

»Und Gott geb's, daß er ein rechter Mann wird,« flüsterte die alte

Frau. »So einer wie sein Pflegevater,« fügte sie ganz leise hinzu.

Der Professor aber hatte es doch gehört. Er sah der alten Frau in die

guten Augen und sagte fest: »So einer, der seiner Pflegemutter Ehre

macht.«

Von den andern hatte niemand auf das Zwiegespräch geachtet. Die

schwatzten, lachten und lärmten, bis Friede Hopserling »hüh hott«

rief und die beiden Wagen davonrollten. Bis Wiesental etwa ging's

noch laut in den Wagen zu, dann wurde es still und stiller. Ein Kind

nach dem anderen schlief ein; zuletzt wachten außer den Kutschern nur

noch Muhme Lenelies und Friede. Die sahen beide, wie der Mond groß

und rot über den Bergen emporstieg. Dann sahen sie, wie sein Licht

in den Wald eindrang, sie hörten das Rauschen der Bäume und hin und

wieder den verschlafenen Schrei eines Vogels. Manchmal kletterte auch

Friede Hopserling vom Wagen herunter und schaute nach, ob noch alle da

waren, ob nicht eins im Begriff war hinauszufallen. »Die bringen alles

fertig,« dachte er und stopfte kräftig ein vorwitziges Bubenbein in den

Wagen zurück. Reden tat er nicht dabei, und auch der Schulzenknecht,

der den andern Wagen führte, störte die Muhme und ihren Pflegesohn

nicht im traulichen Zwiegespräch.

»Möchtest du auch zum Zirkus gehen?« fragte Muhme Lenelies den Buben

lächelnd.

»Nein!« Der schüttelte den blonden Kopf und schmiegte sich fest an die

treue alte Freundin an. »Muhme Lenelies, weißt du, weit in die Welt

hinein reisen möchte ich einmal wie der Herr Professor. Griechenland

möchte ich sehen und viele, viele fremde Länder und viel, viel lernen

und -- --.« Traumfriede wollte noch viel; große Taten wollte er

vollbringen, Schönes, Gutes tun, alles wollte er. Nur die alte Muhme

und der Heimatwald hörten, was er alles wollte, sann und dachte.

Knabenträume waren es, aber Muhme Lenelies dachte bei diesen Träumen

doch: »Vielleicht wird mein Friede noch einmal einer, dessen Name einst

die Welt mit Stolz und Freude nennt. Warum soll in einem kleinen Dorf

wie Oberheudorf nicht auch ein großer Mann geboren werden, ja warum

nicht?«

[Illustration]

* * * * * *

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend

korrigiert.

Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

S. 44: Nachbargarten im Scan unlesbar

starrte in den {Nachbargarten} hinunter und dachte

S. 90: emfing → empfing

denn der Professor {empfing} die Kinder so freundlich

S. 164: leuchete → leuchtete

In Friedes Augen {leuchtete} es auf

S. 166: im → ihm

die große Wurst sauste {ihm} plötzlich an den Magen

S. 237: ihn → ihm

bis {ihm} der Stallmeister ein »Halt« zurief

S. 242: Hosperling → Hopserling

und Friede {Hopserling} riet ihnen

Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln · 第 12 / 12 段