Arbeit. Freilich, vor dem Ausgelachtwerden fürchtete er sich auch,
und so versprach er denn, er wolle ein lustiges Gesicht machen.
Er probierte es schon unterwegs, bald zog er den Mund ganz breit,
dann wieder lachte er laut, und ein paar Landleute, die den Buben
begegneten, fragten ängstlich: »Der Dicke ist wohl krank?«
»Jetzt kannste's schon,« rief Anton Friedlich froh, als die
Oberheudorfer Kirchturmspitze vor beiden auftauchte. »Paß auf, es merkt
niemand was!«
Das Dorf lag im Sonntagsfrieden, als die beiden es erreichten. Alle
Arbeit ruhte, und vor den Türen saßen die Erwachsenen und freuten sich
an dem Sonnenschein und an dem Blühen in ihren kleinen Gärten. Um den
Dorfbrunnen herum aber lärmten mal wieder die Buben und Mädel. Sie
spielten Räuber und Prinzessin, und Krämers Trude saß als Prinzessin
auf dem Brunnenrand und sah zu, wie sich ihre Getreuen mit den Räubern
herumbalgten. Es war immer eine gefährliche Sache, als Prinzessin
auf dem Brunnenrand zu sitzen. Denn schon manche Prinzessin war im
stürmischen Kampf in den Trog geplumpst, und Krämers Trude sah auch
ziemlich ängstlich drein und dachte: »Vielleicht plumpse ich auch.«
Just als nun die Räuber angerast kamen und die Ritter die Prinzessin
verteidigen wollten, stolperten Anton Friedlich und der dicke Friede
müde und matt die Dorfstraße entlang. »Da sind die feigen Ausreißer,«
schrie Heine Peterle und schwenkte drohend seinen Holzpantoffel, und
Schulzens Jakob stakerte mit seiner Bohnenstange in der Luft herum und
brüllte, so laut er konnte: »Nieder mit den Ausreißern, nieder mit den
feigen Hallunken!«
»Na, das ist doch zu frech,« schrie Anton Friedlich erbost. »Wir sind
keine Hallunken, und in Schwipperlingen war's fein!« Er entriß Heine
Peterle zornig den Holzpantoffel, und es hätte sicher eine Balgerei
gegeben, wenn der dicke Friede nicht mutig geschrieen hätte: »Wir waren
in Schwipperlingen!«
Ritter und Räuber vergaßen ihre Kampfeslust, die Prinzessin rutschte
vom Brunnenrand herab, und alle umdrängten neugierig die Heimkehrenden.
»Warum seid ihr in Schwipperlingen gewesen? Wie war's denn? Erzählt
doch!«
Anton Friedlich war schon wieder friedlich gesinnt. Er merkte, daß
Heine Peterle und Jakob ihn gar nicht gemeint hatten, und stolz begann
er zu erzählen. Er schwadronierte darauf los, schwatzte von den
Schönheiten Schwipperlingens, und der dicke Friede riß den Mund vor
Staunen weit auf. Nein, konnte der Vetter aber aufschneiden!
Wie ein paar Helden wurden die Buben geehrt. Das war noch einmal
etwas: in Schwipperlingen war noch niemand von den Kindern gewesen! Ja
sogar die Eltern schalten nicht so sehr. Heimlich sagte sogar Anton
Friedlichs Vater zum Schulzen: »Sind doch ein paar tüchtige Buben!
Laufen in eine fremde Stadt, als wär' das nichts. Ist ganz gut, wenn
sie in den Städten merken, was wir Oberheudorfer für Leute sind.«
Drei Tage dauerte der Ruhm der Buben, und Anton Friedlich wurde
immer kühner, immer frecher im Aufschneiden. Er wußte immer mehr von
Schwipperlingen zu erzählen, und beim Heimweg umdrängten ihn stets
alle Kinder neugierig. Nur von Schwipperlingen wollten sie hören, an
Feldburg dachten sie kaum noch. Am dritten Tage aber, als die Kinder
wieder auf der Dorfstraße lärmten, rief Schuster Pechdraht auf einmal:
»Kommt her, ich will euch eine feine Geschichte vorlesen.«
Na, neugierig waren die Oberheudorfer Buben und Mädel alle, und sie
überpurzelten sich beinahe, um nur rasch an das Schusterhaus zu kommen.
Meister Pechdraht saß vor seiner Tür und hatte ein Zeitungsblatt in der
Hand. »Stellt euch alle um mich herum; Anton Friedlich und du, dicker
Friede, ihr dürft euch neben mich setzen, ihr Schwipperlinger Helden
ihr.«
Die beiden lachten stolz und blähten sich ordentlich auf; die andern
sahen sie ganz ehrfürchtig an. Auch ein paar Mägde kamen angelaufen,
selbst der Schulze und der Waldbauer, die gerade vorbeikamen, blieben
stehen und fragten: »Was gibt's denn?«
»Hört nur zu, eine feine Geschichte gibt's,« sagte Meister
Pechdraht und lachte so recht spöttisch; dann las er laut: »Die
Denkmalsenthüllung in Schwipperlingen.« Nun bekamen der Anton und der
Friede auf einmal rote Köpfe. Aber der Schuster schien das gar nicht zu
merken, er las laut, wie man in Schwipperlingen die Stadt geschmückt
hatte; die Rede des Bürgermeisters kam und dann -- oh, wäre doch ein
Mauseloch dagewesen für die beiden Schwipperlinger Helden. Da stand
alles, ihre ganze Leidensgeschichte war berichtet worden, und zuletzt
hieß es: »Hoffentlich sind die Oberheudorfer Buben nicht alle so dumm
wie diese beiden.«
»Nä!« schrieen sämtliche Kinder entrüstet. Der Schulze aber schalt
wütend: »Potzwetter, ihr Buben, was habt ihr angerichtet! Ihr bringt ja
unser ganzes Dorf in Verruf. Na, wartet nur!«
Die beiden warteten aber nicht. Und so wütend die Kinder auf sie waren,
durchschlüpfen ließen sie die Missetäter doch. Dann rannten freilich
sämtliche Buben und Mädel hinter ihnen her und spotteten: »War's
fein in Schwipperlingen? Erzählt doch von Schwipperlingen! Ha, die
Denkmalsbuben!«
Die beiden hatten keine guten Tage, und sie wurden sehr kleinlaut und
bescheiden in dieser Zeit. Wenn jetzt einer nur »Schwipp« sagte, dann
huschten sie schon geschwind um die nächste Ecke herum. Aber auch die
andern Kinder wollen nichts von Schwipperlingen wissen, und Schuster
Pechdraht kann zehnmal sagen: »Aber in Schwipperlingen waret ihr
doch nicht,« sie machten sich nichts daraus, sie schrieen nur: »Nach
Schwipperlingen gehen wir nicht, schwipp, schwapp, Feldburg ist besser!«
[Illustration]
Sommerferienlust.
»Übermorgen gibt's Ferien, und Friede Heller kommt heim.« Die
Oberheudorfer Buben und Mädel erzählten sich das nun schon zum
hundertsten Male, und wenn nur ein Mensch in Oberheudorf gewesen wäre,
der diese wichtige Sache nicht gewußt hatte, alle hätten es ihm gern
nochmals und nochmals gesagt. Aber die Erwachsenen mochten gar nichts
mehr von den Ferien hören. Hans Rumpf, der Nachtwächter, meinte sogar,
es sei ein rechter Unsinn damit, doppelt Schule wäre richtiger. Nur
Muhme Lenelies ließ sich immer wieder von den Ferien erzählen, und
jedesmal freute sie sich und sagte auch: »Und Friede kommt heim.«
»Wenn er kommt, machen wir was,« erklärte Heine Peterle.
»Was denn?«
»Na, Musik oder so was. Wie wenn der Herzog kommt.«
»Laßt es lieber,« riet Muhme Lenelies. »Solche Überraschungen gehen
manchmal verkehrt aus.«
Aber die Kinder hörten nicht auf den guten Rat. Traumfriede mußte
feierlich empfangen werden, das stand fest. Aber wie? Anton Friedlich
sagte: »Fahnen und Musik müßten wir haben, das ist fein.«
»So war's wohl in Schwipperlingen?« neckten etliche. Aber die Fahnen
gefielen doch allen, nur -- sie hatten keine. Die drei Fahnen, die
manchmal an Festtagen das Dorf schmückten, bekamen die Kinder nicht,
das wußten sie, auch ohne danach zu fragen. Sie rieten hin und her,
bis auf einmal Schnipfelbauers Fritz rief: »Ich weiß was. Kathrine hat
einen roten Rock und Mutter eine schwarze Schürze und ein weißes Tuch
dazu; das ist wie 'ne Fahne.«
»Meine Mutter hat nur blaue Schürzen,« meinte der dicke Friede betrübt.
»Och, das schadet nicht,« schrie Anton Friedlich. »Fahne ist Fahne, 's
kann auch blaue geben.«
»Und grüne und gelbe und rote und alle möglichen,« riefen die andern
Kinder. Und jedem fiel ganz unversehens ein, aus was eine Fahne gemacht
werden könnte. Es würde gewiß ganz wundervoll werden, und höchst
befriedigt liefen alle heim.
Einen Tag vor Ferienanfang verschwanden den Bäuerinnen auf sehr
geheimnisvolle Weise Schürzen, Röcke, Umschlagtücher, Bettlaken und
ähnliche Dinge. Die meisten Hausfrauen merkten es gar nicht. Nur
da, wo sich ein großes Suchen und Geschrei darum erhob, kamen die
entschwundenen Sachen sehr geheimnisvoll wieder. So vermißte Muhme Rese
plötzlich ihren neuen kornblumenblauen Sonntagsrock, worüber denn bald
das ganze Haus in Aufregung geriet. Und auf einmal hing der Rock in der
Federkammer, und kein Mensch wußte, wie er dahin gekommen war. Heine
Peterle konnte nicht mal Antwort geben. Der Bube saß und lernte so
eifrig; er schien nichts zu sehen und zu hören, und Muhme Rese dachte:
»Er geht vielleicht doch noch auf die Stadtschule. So'n Fleiß ist noch
gar nich dagewesen.«
Endlich war der letzte Schultag gekommen. Da an diesem Tage niemand zur
Stadt fuhr, sollte Traumfriede zu Fuß heimkommen. Seine Sachen wollte
Friede Hopserling am nächsten Tage mitbringen. Um zwölf Uhr wurde in
Oberheudorf die Schule geschlossen, und die Kinder rechneten: »Erst ißt
der Friede zu Mittag, dann läuft er vier Stunden, dann ist er da.« Sie
fragten aber erst noch Muhme Lenelies: »Wann kommt er denn?«
»So um fünfe rum, denk' ich,« meinte die Muhme. »Aber Kinder, Kinder,
macht nur keine Dummheiten.«
Hans Rumpf, der Nachtwächter, sah an diesem Tage alle Buben und Mädel
auf eine am äußersten Ende des Dorfes gelegene Scheune zulaufen. Jedes
trug geheimnisvoll ein Paket und eine Bohnenstange, und alle rannten
scheu und heimlich hinter den Häusern vorbei. »Na warte, die haben
einen dummen Streich vor,« dachte der Nachtwächter. »Da will ich mal
aufpassen.« Er wanderte auch auf die Scheune zu, und als er hinkam,
hörte er drinnen Geschwätz und Gelächter. »Was macht ihr da?« rief er
und versuchte die Türe zu öffnen. Doch die ging nicht auf, sie wurde
von innen zugehalten. Er bekam auch keine Antwort auf seine Frage, und
so drohte er: »Ich werde euch schon erwischen, paßt nur auf; ich bleibe
hier sitzen.«
Er setzte sich auf einen Baumstumpf am Scheuneneingang, zündete sich
seine Pfeife an und wartete.
Innen schwatzte, lachte, polterte und lärmte es inzwischen ruhig
weiter. Allmählich aber wurde es still und stiller, zuletzt schwieg
alles. »Hei, nun möchten sie raus,« dachte der Nachtwächter. »Bleibt
nur drinnen, ihr Mäuslein; ich erwische euch schon.« Er rauchte,
betrachtete sich die Gegend und freute sich, daß er so ausnehmend klug
war. Auf einmal ertönte vom Waldrand her ein lautes Geschrei. »Man
sollte doch meinen, die Kinder wären's, wenn die nicht in der Scheune
säßen,« dachte er und zündete sich eine neue Pfeife an.
Von Zeit zu Zeit lauschte er. In der Scheune blieb alles still. Aber
aus der Ferne erklang immer wieder Lärm und Geschrei. »'s muß rein
das Echo sein,« brummelte Hans Rumpf und zog sein Vesperbrot aus der
Tasche, schmauste und rief dazwischen: »Na, ihr Mäuslein, wie gefällt's
euch denn da drinnen?«
[Illustration]
Keine Antwort kam aus der Scheune. Alles blieb still wie zuvor. Doch
jetzt wurde es im Dorfe laut. Von den Feldern kamen die Männer heim,
der Hirte trieb die Herde in das Dorf zurück, und die Abendglocke
begann leise zu tönen und zu singen. Rufe erschallten vom Dorfe her,
lauter und lauter erklangen sie, die Kinder wurden zum Abendessen
gerufen. Endlich kamen ein paar Frauen angelaufen. »Hans Rumpf, hast du
nicht unsere Buben und unsere Mädel gesehen?«
»Freilich, freilich!« Hans Rumpf nickte und lachte. Er deutete mit dem
Pfeifenkopf auf die Scheune und sagte: »Da drinnen, alle sind drin. Sie
haben 'ne Dummheit gemacht und trauen sich nicht raus!«
»Lieber Himmel, was das Kindervolk auch immer anstellt!« rief die
Schulzenfrau. »Und sicher haben sie mir dazu wieder ein Bettuch von der
Leine genommen; es fehlt eins.«
»Freilich, freilich, jedes hat'n Paket gehabt.« Hans Rumpf sah
ordentlich stolz aus.
»Nä, aber so was! Fritze, komm 'raus! Je, der Bube hat am Ende gar der
Kathrine ihren roten Rock, um den die den ganzen Nachmittag heult,«
schrie die Schnipfelbäuerin.
»Freilich, freilich, der Fritze hatte 'n rotes Paket.«
Ein paar Bauern, die vom Felde heimkehrten, blieben stehen. »Was
gibt's?«
»Da drin sind alle Kinder; sie haben 'ne Dummheit gemacht,« erzählten
die Frauen.
Die Schnipfelbäuerin klopfte an das Tor: »Komm 'raus, Fritze,
geschwind!«
»Se haben Angst.« Hans Rumpf hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ja mit
mir ist nich gut Kirschen essen.«
»Jakob, Röse, kommt 'raus, flink!« Die Schulzenfrau rüttelte an dem
Scheunentor, und das sperrte sich gar nicht. Es ging ganz gutwillig
auf, und -- die leere Scheune gähnte allen entgegen.
»Die sind hinten 'raus,« brummte ein Bauer und deutete auf das zweite
gegenüberliegende Scheunentor, das weit offen stand.
»Ja, nä!« Hans Rumpf setzte sich vor lauter Erstaunen wieder auf seinen
Baumstumpf. »So 'ne Frechheit!«
»Na, weißte, Nachtwächter,« sagte der Waldbauer lachend, »die wären arg
dumm gewesen, wenn sie in der Scheune geblieben wären. Wo sind sie aber
hin?«
»Am Walde hat's immer geschrieen und gelacht!« Hans Rumpf sah sich
kläglich um. »Vielleicht waren sie das?«
»Sicher,« riefen die Frauen, und Heine Peterles Mutter, die auch
herbeigekommen war, meinte: »Die warten auf Muhme Lenelies' Friede; der
soll heute heimkommen.«
Der Abendwind trug jetzt näherkommendes Stimmengewirr zu den Wartenden
hin, und die sagten zueinander: »Sie kommen schon, das Warten wird
ihnen zu lang.«
Wirklich, sie kamen auch. Der Abendbrothunger trieb sie heim. In langem
Zuge kamen sie an, und die Frauen kreischten erschrocken auf: »Aber so
etwas! Was haben sie denn da!«
Seltsame Fahnen flatterten im Winde, und die Bäuerinnen riefen
entrüstet: »Das ist meine Schürze,« »Unsere Tischdecke,« »Kathrines
Rock,« »Mein Umschlagtuch,« »Nä so was, das ist Vaters Taschentuch,«
»Je, und meine blaue Nachtjacke.«
Die Buben und Mädel erschraken, als sie vor der Scheune Väter und
Mütter versammelt sahen. Sie hätten nun himmelgern ihre Fahnen
versteckt, die sie heimlich in der Scheune hatten abbinden wollen. Nun
war es zu spät. Die Fahnen hinwerfen und ausreißen ging auch nicht.
Gesehen waren sie einmal, also zogen sie kleinlaut und recht langsam
näher.
»Nur fix! Sollen wir euch Beine machen?« drohte die Schulzenfrau.
»Warte, Jakob und Röse, ich will euch was lehren, mir meine Laken als
Fahne zu nehmen!«
»Wir wollten Friede erwarten,« riefen die Kinder sehr kläglich.
»Aber der ist lange da! Um drei Uhr ist er schon gekommen; der hat
lange Beine gemacht und um zehn Uhr schon frei bekommen,« rief die
Waldbäuerin, die eben auch ihr Mariandel suchen kam.
»Juhu,« schluchzte Heine Peterle plötzlich, »jetzt krieg ich die
Schimpfe umsonst.«
»Und Haue obendrein!« rief sein Vater; aber es war leicht zu merken,
daß er es nicht so ernst meinte.
Es wurde auch mit der Schelte nicht so schlimm. Nur als die Bäuerinnen
ein paar Löcher in den Fahnen entdeckten, wurden sie sehr ärgerlich.
»Ihr müßt sie selbst flicken,« forderten sie. Als sie aber recht
zusahen, waren es immer die Bubenfahnen, die Löcher hatten. Die
Missetäter standen sehr keinlaut und verlegen da; flicken konnten sie
doch nicht!
Da zeigte es sich aber, wie gut es ist, daß es Mädel auf der Welt gibt.
Und wie hilfsbereit die Oberheudorfer Mädel waren! Krämers Trude,
die immer mit einer blanken Eins aus der Handarbeitsstunde heimkam,
erklärte gleich: »Ich flicke sie,« und ein paar andere Mädel riefen:
»Wir helfen.«
Da hoben die Buben gleich wieder mutig die Köpfe, und ein paar der
kecksten bettelten: »Aber sehen muß Friede die Fahnen doch, nur mal
sehen; wir machen auch keine Löcher mehr.«
»Er kann doch nichts dafür,« wisperte Waldbauers Mariandel.
»Wird nicht erlaubt,« knurrte Hans Rumpf, der sehr böse darüber war,
daß er so lange vergeblich vor der Türe gesessen hatte. »Marsch heim,
ins Bett, marsch!«
Die Mütter waren nicht so streng wie der Nachtwächter. Als die Mädel
feierlich gelobten, gleich morgen am ersten Ferientag alles sauber
und ordentlich zu flicken, und die Buben nicht minder feierlich das
Versprechen gaben, nie mehr Röcke, Jacken, Tücher und ähnliche Dinge
als Fahnen zu verwenden, durften sie alle mitsammen zu Muhme Lenelies'
Haus ziehen und Friede begrüßen.
»Hurra, Friede ist da! Hurra, hurra!« gellte es durch das Dorf. Die
Fahnen flatterten lustig, und wenn jemand gesagt hätte: »Das sind
aber sonderbare Fahnen!« den hätten die Oberheudorfer Buben und Mädel
für sehr dumm gehalten. Traumfriede fand denn auch den ganzen Empfang
großartig, auch Muhme Lenelies fand das. Da liefen alle Fahnenträger
befriedigt heim, und daß Hans Rumpf diesen ersten Ferientag nicht schön
fand, war seine Sache; den Kindern hatte er ausnehmend gefallen.
So glücklich war aber doch kein Bube und kein Mädel wie Traumfriede.
Nun er wieder bei Muhme Lenelies in dem lieben kleinen, windschiefen
Häuschen saß, merkte er erst, wie groß sein Heimweh gewesen war. Alles
hatte er der Muhme gleich an diesem Abend erzählt; auch daß er hatte
ausreißen wollen und sich der Kameraden geschämt hatte. Wenn sie es
auch schon wußte, er mußte doch das Gesicht sehen, das sie dazu machte.
Die Muhme hatte ihn nur mit ihren stillen, guten Augen angesehen und
gesagt: »Wir laufen alle einmal ein Stück einen falschen Weg. Die
Hauptsache ist, daß wir uns bald zurechtfinden. Nun aber schlaf, mein
Junge, es gibt ja noch viele Ferientage.«
Friede reckte und streckte sich in seinem Bett. Wie schön war es
wieder daheim bei Muhme Lenelies! O wie köstlich lang doch die Ferien
waren; was konnte man da alles unternehmen!
Die Kinder unternahmen auch sehr viel. Sie liefen in den Kuhberger
Wald, spielten so heftig Räuber und Prinzessin, daß erst Annchen Amsee,
dann Waldbauers Mariandel in den Brunnen plumpsten. Und immer dachten
sie am Abend, daß Ferientage sicher achtbeinig seien, so fix laufen sie
über die Erde. Traumfriede war bei allem dabei, und wenn Muhme Lenelies
manchmal gedacht hatte, es würde dem Buben nicht mehr auf dem Dorf
gefallen, so merkte sie nun, wie sehr sie sich geirrt hatte.
Am ersten Tage hatte Friede erzählt, die Sonntagkinder wollten einmal
kommen und Jobst von Hellfeld. Aber ein Tag nach dem andern verging,
sie kamen nicht, bis sie plötzlich eines Nachmittags ganz unvermutet
auf der Dorfstraße standen.
»Was ist das jetzt für 'ne Geschichte,« sagte Schuster Pechdraht
erstaunt; »da sind ja auf einmal drei Stadtkinder.« Da stürzte aber
auch schon Traumfriede über den Dorfplatz und begrüßte die drei mit
lautem Halloh. »Wie seid ihr hergekommen?«
»Kaspar auf dem Berge hat uns mitgenommen,« rief das Füchslein und
strich sich sein weißes Kleidchen glatt. »Ich hab' ihn heute früh
gesehen und gesagt, ich möchte nach Oberheudorf. ›Komm mit!‹ hat er
gerufen, na -- -- -- und da sind wir.«
»Ein paar Tage dürfen wir bleiben,« erzählte Jobst. »Der Wirt hat
gesagt, Nachtquartier bekämen wir, nur heimgehen müssen wir zu Fuß, und
Herr Professor läßt dich grüßen. Er kann nicht kommen, er hat einen
schlimmen Fuß.«
»Und das da ist Heine Peterle, nicht wahr?« rief das Füchslein und
stürzte so eilfertig auf diesen zu, daß der beinahe hintenüber fiel vor
Schreck. Nachher wurde er aber gleich gut Freund mit dem zierlichen
Stadtmädel.
Die drei Städter gefielen überhaupt den Oberheudorfern sehr gut, und es
entstand fast ein großer Streit darum, wo sie wohnen sollten.
»Die Buben kommen zu mir, und das Mädel muß ins Schulzenhaus, weil der
Schulze nun doch mal der Schulze ist,« entschied Kaspar auf dem Berge.
»Immer alles, wie sich's schickt.«
Da der Wirt die Kinder hergebracht hatte, gaben ihm alle recht, und
so zog Füchslein in das Schulzenhaus, obgleich es am liebsten bei
Muhme Lenelies gewohnt hätte. Aber in dem kleinen Haus war kein Platz,
während es im Schulzenhaus eine stattliche Gaststube gab mit einem
hochgetürmten Federbett darin. Eine ebensolche stattliche Gaststube
bekamen die Buben in der himmelblauen Ente, und sie gaben Kaspar auf
dem Berge recht, als der sagte: »Ein Prinz könnte drin wohnen, wenn
einer da wäre.«
»In Oberheudorf ist's herrlich,« rief Füchslein am nächsten Tage. »Ich
wollte, ich könnte ewig hier bleiben!«
Die Hausfrau schenkte ihr gerade Milch ein und stellte ihr die
verlockendsten Honigbrote hin. Jakob, Röse und die jüngeren Geschwister
umdrängten den Gast, und Heine Peterle steckte seine Stubsnase zur Türe
herein und rief: »Ist se noch da?«
»Warum soll ich denn fort sein?« fragte Füchslein erstaunt.
»Ich dachte, ich hätt's geträumt,« bekannte Heine Peterle. Er schob
sich zur Türe hinein, warf einen riesengroßen, bunten Blumenstrauß
gerade auf Füchsleins Honigbrot und stammelte: »Du, Muhme Rese sagt,
weil de aus der Stadt bist, mußte de Blumen haben. Spielste auch Räuber
und Prinzessin mit?«
»Ja,« schrie Füchslein entzückt, »und ich bin der Räuberhauptmann. Ich
kann furchtbar schreien, paßt auf!« Und das zarte Stadtmädel schrie
so laut und gellend, daß alle Hausbewohner zusammenliefen; selbst der
Schulze kam angerannt. »Was macht ihr mit dem Mädel? Potzwetter, mit
'nem Stadtmädel geht man fein um!«
»Die -- -- die -- -- ist Räuberhauptmann!« Jakob krümmte sich vor
Lachen. Röse und die Kleinen quiekten und kicherten. Heine Peterle aber
stand mit offenem Munde da; endlich atmete er tief und bat: »Schrei
noch mal!«
»Lieber nicht,« meinte die Hausfrau. »Jetzt hab' ich freilich keine
Angst mehr, ihr könntet zu wild für unsern Gast sein. Da geht nur und
spielt!«
Und sie spielten. Sie tobten die Dorfstraße entlang, daß Hans Rumpf
grollte: »So schlimm war's noch nie.« Sie spazierten durch alle Gärten,
sahen in alle Ställe hinein, lärmten um den Brunnen herum, und ganz
alltägliche Dinge erschienen den Oberheudorfer Kindern auf einmal
schön und groß, weil die drei Städter sie mit so jauchzender Freude
bewunderten. Wie konnte sich das Füchslein über ein Lämmchen, ein
Zicklein, eine junge Katze oder kleine Hühnchen freuen! So sehr, daß
ihr Heine Peterle, Waldbauers Mariandel und Annchen Amsee am liebsten
alles Kleintier gebracht hätten. Und wie gern fuhren Jobst und Ulrich
mit auf das Feld hinaus, wo gerade der erste Schnitt getan wurde.
»Die sind besser als ihr,« sagten die Bauern; »die möchten wir wohl
behalten.« Da blähten sich die beiden Stadtbuben ordentlich über das
Lob, und am Abend schmeckte ihnen das Essen so gut, daß Kaspar auf dem
Berge seine helle Freude daran hatte. Denn Gäste, denen es schmeckte,
die tüchtig zulangten und die Schüsseln leer aßen, die hatte man
besonders gern in Oberheudorf.
In diesem wohlhabenden kleinen Dorfe saßen die Bauern meist schon seit
Urgroßvaters Zeiten auf ihren Höfen. Darum gab es in ihren Häusern
auch viel stattlichen Hausrat. Geschnitzte Truhen und Schränke,
schöne Kannen, Teller und Schüsseln aus Zinn, auch Spinnräder gab es
noch, wenn auch nur ein paar ganz alte Weiblein aus alter Gewohnheit
die Räder surren ließen. Füchslein ließ sich besonders gern alle
diese Dinge zeigen. Die Buben waren mehr für das Draußensein. Wenn
Füchslein auch immer sagte: »Am allerbesten gefällt es mir doch bei
Muhme Lenelies,« so kroch sie doch im Schulzenhaus, bei Heine Peterles
Eltern, bei Amsees und auf dem Waldbauernhof in alle Winkel. Auch in
das Schulhaus kamen die Stadtkinder. Der Lehrer war zu Friedes großem
Leidwesen verreist; aber die Frau Lehrer zeigte den dreien noch am
letzten Tage die Schule. In der sah Füchslein zuerst eine Geige.
»Eine Geige, eine Geige,« rief sie sehnsüchtig, und die Lust nach dem
geliebten Instrument erwachte in ihr.
»Kannst du denn spielen?« fragte die Frau Lehrer.
»Ach ja!« Füchslein streckte die Hände aus. »Darf ich darauf spielen,
einmal nur?«
»Ja, hole sie dir heute nachmittag. Wenn du gut damit umgehst, leihe
ich sie dir gern.«
»Oh, mit einer Geige muß man gut sein; sie hat eine Seele, sagt Herr
Wunderlich,« versicherte Marianne Sonntag eifrig.
»Nun, so hole sie dir jeden Tag!«
»Ach, morgen müssen wir schon fort,« riefen alle drei betrübt.
»Es ist dumm,« brummte Jobst von Hellfeld, der ganz vergessen hatte,
daß er nur auf allerdringlichstes Bitten vom Füchslein mitgekommen war.
Am Nachmittag holte sich Marianne die Geige. Am Dorfbrunnen wollte sie
spielen; so hatte sie es den Buben und Mädels versprochen.