immer röter, und trotzdem ein kühler, frischer Wind wehte und es gar
nicht heiß war, traten ihm doch die Schweißperlen auf das Gesicht, denn
immer dichter, immer enger umschloß ihn der Kinderkreis, er konnte sich
kaum noch rühren. »Ich kann doch nicht aufmachen,« stöhnte er, »erst
muß ich ein Messer haben!«
»Hier mein's!« »Nimm mein's!« »Nein, mein's ist schöner!« »Mein's
schneidet am besten!« Die Buben suchten in ihren Taschen und holten
Messer heraus. Die Mädel ärgerten sich, daß sie keine hatten, und
Schulzens Röse rief beleidigt: »Zu so was nimmt man 'ne Stricknadel,
Vater nimmt immer Muttern ihre.«
Einen Augenblick sahen die Buben betroffen drein; der Schulze bekam die
meisten Briefe, und wenn der eine Stricknadel zum Öffnen nahm, mußte
es wohl richtig sein. Aber dann brüllte Anton Friedlich: »Buben machen
alles mit 'nem Messer, da ist mein's!«
»Das hat ja keine Klinge,« höhnte Schnipfelbauers Fritz und streckte
seins schmeichelnd Heine Peterle hin: »Nimm mein's!«
»Nä, das is nie ordentlich scharf,« empörte sich der blaue Friede, »da
guck mal meins!«
»Au!« brüllte Heine Peterle, denn im Eifer hatte ihn der andere mit dem
angepriesenen Messer in die Hand geritzt.
»Ihr stecht ihn ja tot!« kreischte Bäckermeisters Mariele, die sehr
ängstlich war; sie fing auch gleich an zu heulen, und Heine Peterle
hatte nicht übel Lust, es ihr nachzumachen, denn seine Lage war nicht
beneidenswert. Die Kinder drängten und drängten; er konnte sich nun
wirklich nicht mehr rühren, puffte mit den Ellenbogen, stieß mit den
Füßen, alles half nichts. Endlich schrie er jammernd: »Laßt mich los --
sonst -- sonst -- eß ich den Brief auf!«
Die Kinder schrieen allesamt laut auf vor Schreck, Bewunderung und
Angst. Die Drohung machte einen solch ungeheuren Eindruck auf sie, daß
sie den armen Heine Peterle beinahe zerquetschten. »Mach's nich, nä,
mach's nich, der Brief ist doch for uns alle,« bettelten sie, und Heine
Peterle hätte seine Drohung auch wirklich nicht ausführen können, er
konnte nicht einmal mehr stoßen, so fest eingekeilt stand er da.
»Potztausend, ihr Kindervolk, was macht ihr heute wieder für'n
Geschrei? 's ist ja, als wäre Krieg und die Feinde hätten euch aus
der Schule hinausgeschmissen!« Der das sagte, war Hans Rumpf, der
Nachtwächter und Ortspolizist. Er kam mit einem grimmigen Gesicht
herbei, denn er ärgerte sich schon eine ganze Weile über die Kinder,
die da mitten auf der Dorfstraße standen und standen und nicht
heimgehen wollten. Seine barsche Frage scheuchte die Kinder diesmal
aber nicht auseinander, sie blieben stehen und klagten: »Heine Peterle
hat'n Brief bekommen und will ihn uns nicht lesen lassen. Er will ihn
aufessen, und er ist vom Friede, und er ist doch für uns alle, und wir
lassen ihn nicht aufessen.«
»Nä, er ist for mich alleine,« heulte Heine Peterle, dem jetzt die
Geduld riß, »und ich -- ich -- esse ihn doch auf.«
»Das muß ich sagen, dies is nu nich scheene von dir,« sagte Hans Rumpf
strafend. »Nä, Heine Peterle, das mußte nich machen, so ungefällig
sein.«
»Nich wahr?« schrieen alle Kinder, und Schulzens Jakob griff wieder
nach dem Brief. »Gib her, ich mach'n auf!«
»Nä!« Heine Peterle trampelte vor Wut mit den Füßen und wurde nun so
fuchswild, daß er wie ein Ziegenböcklein mit dem Kopf den dicken Friede
in sein Bäuchlein stieß. Der quiekte erschrocken, wollte flüchten und
stieß in der Enge so derb an Annchen Amsee, daß die kreischend zu
fliehen trachtete.
»Nich so hitzig! So was, das is nich scheene!« tadelte Hans Rumpf,
aber seine Worte verhallten ungehört. Die Buben und Mädel stießen,
schubbsten und drängten einander, teilten Püffe aus, suchten immer
wieder Heine Peterles Brief zu fassen, quietschten, schrieen, heulten
und kreischten, -- es war ein fürchterlicher Lärm.
»Hollah, fort von der Straße!« Des Schulzen Oberknecht kam mit einem
Wagen angefahren, hinter ihm her kamen noch zwei Wagen. Die Leute
hatten Dünger auf das Feld gefahren und kehrten nun heim. »Hollah, aus
dem Wege!« Der Oberknecht ließ die Peitsche knallen, und nun flüchteten
die Kinder und stoben auseinander wie ein Krähenschwarm, in den ein
Schuß gefallen ist. Dabei versuchten Schulzens Jakob, Anton Friedlich
und etliche andere aber doch noch Heine Peterle den Brief zu entreißen.
Der wehrte sich. »Mein Brief, mein Brief,« brüllte er.
»Hollah, aus dem Wege, unnützes Bubenpack!« brüllte der Oberknecht
wieder; seine Peitsche sauste, und Anton Friedlich bekam eins über den
Rücken. Mit einem lauten Schrei riß er aus, stieß an Heine Peterle
an, der verlor das Gleichgewicht, purzelte hin, sprang aber geschwind
wieder auf, denn dicht vor ihm standen die Pferde, und einen Augenblick
später wäre er unter ihre Hufe gekommen.
»Potzwetter noch einmal,« schrie der Oberknecht erschrocken, »am
hellichten Tage kann man hier nicht ruhig fahren, weil einem die Buben
in den Weg laufen.« Srrr, srrr, sauste seine Peitsche durch die Luft,
und hier gab es einen Schlag, dort einen. Die Kinder jammerten, denn
die Peitschenhiebe waren nicht sanft, aber alles Klagen und Jammern
übertönte plötzlich laut Heine Peterles Stimme. »Mein Brief ist weg,
huhuhuhu, ich habe meinen Brief verloren.«
Die Wagen rollten vorbei, die Knechte schalten, Hans Rumpf schalt, die
Kinder sollten nach Hause gehen, aber die blieben auf der Dorfstraße
stehen und fragten und klagten untereinander: »Wer hat ihn denn?«
»Ihr habt ihn mir genommen, mein Brief, huhuh, mein Brief!«
»Er hat ihn doch aufgegessen!«
»Nä, ich hab'n nich gegessen, mein Brief, huhuh, mein Brief!«
»Hier liegt er!« Annchen Amsee, die Luchsaugen hatte und alles sah,
was andere nicht sahen, hob ein schwarzes, triefendes Ding von der
Straße auf: in einer Pfütze hatte es gelegen, und ein Wagen war darüber
hingegangen.
Entsetzt starrten die Kinder den verunstalteten Brief an, von dem eine
schwärzliche Tunke herniederrann, und jetzt streckten sich die Hände
nicht nach ihm aus. Schulzens Jakob sagte kleinlaut: »Den kann man doch
nicht mehr lesen!«
»Erst muß er ganz trocken sein,« riefen zwei, drei Stimmen.
»Ich weiß was!« Bäckermeisters Mariele schob sich wichtig vor und griff
mit spitzen Fingern nach dem schmutzigen Ding. »Ich hab' mal mein Buch
in den Schmutz geworfen und es hernach im Backofen fein getrocknet,
dann konnte ich wieder alles lesen. Kommt, wir woll'n den Brief auch
trocknen!«
»Fein,« riefen die andern, »und nachher lesen wir unsern Brief.«
»'s ist doch mein Brief,« schluchzte Heine Peterle, und auf einmal
empfanden etliche der Mädel herzliches Mitleid mit dem Kameraden. Sie
trösteten ihn, nahmen ihn in ihre Mitte, und Mariele sagte gnädig:
»Wenn er trocken ist, bekommst du ihn zuerst.«
Alle miteinander zogen nach der Bäckerei. Das war nun keine Bäckerei,
wie die etwa in einer Stadt ist. Abseits von dem Wohnhaus in einem
Grasgarten stand das Backhäuschen, darin waren der Ofen und eine
Backstube nebenan. Die war jetzt leer, aber der Ofen war warm, denn am
Nachmittag wollten ein paar Bauersfrauen Striezel backen, und darum
hatte Marieles Vater schon geheizt.
»Hier auf den Schieber müssen wir den Brief legen,« wisperte Mariele
eifrig. Dann erschrak sie aber selbst, als sie das schmutzige Ding
ansah.
»Leg meine Schürze unter!« Annchen Amsee hatte so geschwind, wie sie
alles tat, Schwatzen, Essen und besonders Lachen, auch so rasch ihr
Schürzchen abgebunden, das merkwürdig sauber war. Darauf wurde sorgsam
der Brief gelegt und wie ein Brot in den Ofen geschoben.
»Nicht so rasch,« warnte Mariele ängstlich, denn die Buben schoben
gleich sehr kräftig zu, sie dachten: »Viel hilft viel.«
Ein Weilchen standen die Kinder alle miteinander wartend in der
Backstube, sie blieben aber nicht lange allein. Die Magd hatte sie
durch den Grasgarten laufen sehen, und weil sie wußte, daß es verboten
war, in das Backhäuschen zu gehen, meldete sie es rasch der Hausfrau.
Diese rief ihren Mann, und der rannte denn auch ärgerlich nach dem
Backhaus hinüber, riß dort die Türe auf und rief scheltend: »Na was
soll denn das, was macht ihr denn hier alle in meinem Backhaus? Ei der
Tausend, solche Gäste könnte ich hier gerade brauchen!«
Der Bäcker war ein gutmütiger Mann, darum klang sein Schelten auch
nicht sonderlich böse, und ein paar von den Buben hatten auch den Mut,
ihm die ganze Geschichte zu erzählen.
»Potz Weißbrot und Striezel, ihr seid doch ein närrisches Volk,« sagte
der Bäcker, »backt 'n Brief in meinem Backofen. Na, woll'n mal sehen,
ob er schon eine Butterbretzel geworden ist!«
»Das wär' fein,« schmunzelte der dicke Friede, der gleich Hunger bekam,
wenn er nur das Wort »Butterbretzel« hörte.
Der Bäcker hatte unterdessen in seinen Ofen geschaut, aber er sah weder
Annchen Amsees Schürze noch Heine Peterles Brief. Er fuhr suchend mit
einem Stock im Ofen herum. »Meiner Seel',« rief er endlich, »das
ist aber mal 'ne kuriose Butterbretzel geworden!« Er zog ein kleines
Häufchen Zunder aus der Tiefe hervor: Schürze und Brief waren der Glut
zu nahe gekommen und verbrannt.
»Mein Brief,« brüllte Heine Peterle, und Annchen Amsee weinte: »Meine
Schürze, sie war ganz neu!« Doch alles Klagen und Weinen, alles
Jammergeschrei half nichts, Brief und Schürze blieben verbrannt.
Traurig, mit gesenkten Köpfen zogen alle miteinander heimwärts; wie
die begossenen Pudelchen kamen sie einher, und wer die Buben und Mädel
sah, schüttelte den Kopf und meinte: »Na, da hat's was in der Schule
gegeben.«
Heine Peterle war ganz entzwei vor Kummer um den verlorenen Brief, er
hätte doch so himmelgern gewußt, was darin gestanden hatte. Selbst
Muhme Lenelies, die zum erstenmal bitterböse auf die Kinder war,
denn auch sie hätte zu gern den Inhalt des Briefes gewußt, tröstete
schließlich den armen Buben und versprach ihm, sie würde ihm Friedes
nächsten Brief vorlesen. Das beruhigte Heine Peterle aber nur halb,
und er stieg an diesem Abend mit dem Gedanken ins Bett: »Wenn ich nur
wüßte, was in dem Brief gestanden hatte!« Auf einmal, er war schon
völlig ausgekleidet, wutschte er zur Kammer hinaus, raste die Treppe
hinunter, riß unten die Wohnstubentüre auf und brüllte: »Ich weiß, der
Friede hat mich eingeladen!«
Schwapp, hatte er einen Katzenkopf weg. »Dummer Bengel,« rief sein
Vater, »was soll das Geschrei? Man denkt ja, es brennt im Hause!«
So endete dieser Tag, der eigentlich wunderschön hätte sein müssen,
trübe für den armen Heine Peterle. Es war nur gut, daß ein freundlicher
Traum kam, sich an sein Bett setzte und ihm die prächtigsten Dinge
erzählte. Als der Bube am nächsten Morgen aufwachte, war aller Kummer
weg, wie weggeblasen, und als er in seine Höschen fuhr, sagte er höchst
vergnügt zu Muhme Rese, die ihn geweckt hatte: »Aber mein war doch der
Brief, mein Name hat drauf gestanden.«
Und ein wenig später ging er steif und stolz wie ein Gockel zur Schule
und rief seinen Kameraden wichtig zu: »Etsch, ihr habt noch nie 'nen
Brief gekriegt, aber ich!«
Da sahen ihn die andern betroffen an, seufzten und dachten: »Ja, recht
hat der Heine Peterle schon, gekriegt hatte er den Brief, und das Lesen
-- -- ja, das Lesen war schließlich doch Nebensache. Lesen konnte jeder
einen Brief, aber kriegen nicht.«
[Illustration]
[Illustration]
Eine Stadtfahrt.
Traumfriede war schon eine Woche fort, als die Oberheudorfer Kinder
ganz unerwartet eine große Freude hatten; der Lehrer sagte ihnen
nämlich am Schluß der Stunde: »Kinder, morgen habt ihr frei.«
Dies klang allen so überraschend, daß sie mäuschenstill saßen und den
Herrn Lehrer nur mit großen Augen verwundert ansahen. Der fragte: »Ihr
freut euch wohl nicht? Das ist nett von euch!«
»O ja,« brüllten alle geschwind, und plötzlich war es, als wäre der
Sturm in die Klasse hineingesaust. Die Kinder drehten sich auf ihren
Plätzen um, nickten und winkten hierhin und dorthin, lachten und
tuschelten, und die Buben- und Mädelbeine zappelten wie gefangene
Fische im Netz.
Der Lehrer lächelte ein wenig: »Es waren doch erst Ferien!«
»Och, das ist ja schon furchtbar lange her,« riefen ein paar Buben; es
klang, als wäre Ostern vor hundert Jahren und nicht vor vierzehn Tagen
gewesen.
»Na, dann geht mal heim und seid hübsch brav morgen. Ich muß mit dem
Herrn Pfarrer nach Tannenroda; es ist eine wichtige Sache, die sich
nicht aufschieben läßt, es tut mir leid genug.«
Die Kinder hörten wohl, was der Herr Lehrer sagte, ihre Gedanken waren
aber sehr wenig dabei, und Schulzens Jakob erzählte nachher daheim: Der
Herr Lehrer müßte den Herrn Pfarrer nach Tannenroda schieben, und das
wäre sehr wichtig. Die Buben und Mädel dachten nun daran, wie sie den
schulfreien Tag recht vergnügt verleben könnten, sie machten Pläne, als
wäre der eine Tag so lang wie die Sommerferien.
Wie etliche Buben und Mädel so schwatzend die Dorfstraße entlang
gingen, trafen sie Friede Hopserling, den Müllerknecht. Mit dem waren
sie immer gut Freund, und ihm erzählten sie auch gleich, daß morgen
schulfrei sei. »Na, dann besucht doch den Friede in Feldburg,« riet der
Knecht.
»Friede besuchen!« Die Kinder sahen sich an. Fein wäre das schon, aber
Feldburg war arg weit, und ob sie durften?
»Macht's so. Ich fahre früh hin mit Säcken und nachmittags leer heim;
zurück nehme ich euch mit, hin müßt ihr laufen. Fein, was?« Friede
Hopserling grinste die Kinder an wie ein lachendes Kasperle vom
Vogelschießen, die Buben und Mädel grinsten wieder, und auf einmal
schrieen sie alle: »Ich will mit, ich auch, ich auch!«
Friede Hopserling übersah die Schar, schüttelte den Kopf, zählte an
seinen Fingern ab und brummte endlich: »Vier, mehr nicht.«
»Ich, ich, ich, nein ich, lieber ich, nimm mich mit!« Jedes rief, jedes
bat, aber der Knecht schüttelte den Kopf. »Geht nicht, vier, sonst
haben's die Pferde zu schwer.«
Er trat zur Seite, maß nachdenklich den ziemlich breiten Straßengraben
mit seinen Blicken und sagte dann: »Wer am besten springt, darf mit.«
Er selbst sprang hinüber, zog drüben einen Strich, kam zurück und
stellte sich an einen Meilenstein. »Einer nach dem andern, -- wer fängt
an?«
Die Kinder gehorchten, das Springen erschien ihnen zu lustig, und jedes
hoffte: »Ich erreich's.« Anton Friedlich hatte sich vorgedrängt: »Ich
will anfangen, ich spring' am besten.«
»Na los!« rief Friede Hopserling, und plumps lag Anton auch schon im
Graben. »Mit 'nem großem Maul springt man nicht,« lachte der Knecht.
»Schulzens Jakob spring!«
Der sprang und kam richtig über den Strich. Seine Schwester Röse, die
es ihm nachmachen wollte, fiel aber in den Graben, dort bekam sie
gleich Gesellschaft vom blauen Friede, und noch waren sie beide nicht
herausgekrabbelt, da plumpste ihnen schon Bäckermeisters Mariele nach.
»Es ist zu weit,« riefen ein paar Kinder; Friede Hopserling erwiderte
aber gelassen: »Wer nicht gut springt, kann vielleicht nicht gut
laufen, und wer nach der Stadt will, muß gut laufen können, basta!«
[Illustration]
Hopsa, da war Schnipfelbauers Fritz drüben, der dicke Friede sprang ihm
nach, und klatsch, lag er im Graben.
»Jetzt muß Heine Peterle springen,« riefen ein paar Stimmen. Heine
Peterle aber stand unentschlossen da. Wenn er gut sprang, mußte er mit
in die Stadt, und eigentlich wollte er doch nicht, hatte gesagt, er
würde nie mehr in die Stadt gehen.
»He, der Heine Peterle, der Städter, mag nicht in die Stadt,« neckte
Friede Hopserling, »er fürchtet sich.«
»Nä,« rief Heine Peterle patzig, »pah, vor der Stadt fürchten!«
und hops war er drüben, sogar noch ein Stück über den Strich war er
gesprungen.
»Mädel können nicht springen,« höhnte Anton Friedlich, als Krämers
Trude in den Graben sank.
»Das ist frech, hast auch drin gelegen!« Annchen Amsee reckte sich,
nahm eilig einen ihrer braunen Bummelzöpfe in den Mund und sauste so
geschwind über den Graben, daß sie drüben gleich Schulzens Jakob und
Schnipfelbauers Fritz umriß.
»So nun sind's vier,« sagte Friede Hopserling, »weil Annchen am besten
gesprungen ist, darf sie sich noch ein Mädel aussuchen. Ein Mädel ist
leicht, das ziehen meine Pferde noch.«
»Mariandel,« rief Annchen Amsee geschwind und lief auf das schüchterne
blonde Dirnchen zu, das es gar nicht gewagt hatte, zu springen. »Du
mußt mit, über dich freut sich der Friede am meisten.«
»Nä, über mich, an mich hat er geschrieben,« beharrte Heine Peterle,
und die andern widersprachen ihm nicht. Sie redeten schon eifrig von
der Fahrt, und ob es die Eltern erlauben würden. Doch die waren gut
und sagten nicht nein; wenn Friede Hopserling die Kinder unter seinen
Schutz nahm, dann waren sie wohl geborgen.
Es gab an diesem Nachmittag viel Aufregung im Dorf. Die Kinder liefen
dahin und dorthin, um von ihrer Stadtfahrt zu erzählen, und jeder gab
ihnen gute Ratschläge. Kaspar auf dem Berge sagte: »Nehmt ein Huhn mit,
die Dame -- denn das ist sie --, sie hat's gesagt, will immer ein Huhn
haben!«
Da rannten die Kinder und flehten ihre Mütter an, sie sollten ihnen ein
Huhn schenken, und die Mütter sagten, so was wäre Unsinn, dann sollten
sie lieber daheim bleiben. Endlich, als das Bitten gar nicht nachließ,
gab Heine Peterles Mutter wirklich ein Huhn her, eins, das keine Eier
legte, pechschwarz und so unnütz war, daß man es im ganzen Dorfe nur
den kleinen Teufel nannte. Nachdem die Kinder das Huhn hatten, wollten
sie auch Eier haben, aber da schrie Heine Peterle: »Nä, nä, mit Eiern
fällt man in der Stadt immer hin!«
»Ich geb' euch für den Friede und seine Pflegeeltern Kuchen mit,
und damit ist's genug, weiter wird nichts mitgenommen,« sagte die
Schulzenfrau endlich, denn ihr Jakob hätte am liebsten das halbe
Bauerngut mit nach der Stadt geschleppt. Muhme Lenelies kam auch und
brachte einen Brief für ihren Friede. Die alte Frau freute sich über
die Fahrt der Kinder am allermeisten, sie dachte nur immer: »Wie wird
sich mein Friede freuen! Gewiß hat er sich schon sehr gebangt!«
[Illustration: Die Liebesgabe.]
Mit viel Geschwätz, Geschrei, mit großer Wichtigkeit und Eile brachen
die fünf Reisenden am nächsten Morgen auf. Auf dem Dorfplatz am
Brunnen trafen sie sich und taten, als wollten sie miteinander eine
Reise um die Welt machen. Der Abschied war auch danach. Annchen Amsee
und Mariandel weinten ein bißchen, und die Buben sahen so grimmig
drein, als wollten sie in der Stadt die größten Heldentaten verrichten.
Jedes trug ein rotgemustertes Taschentuch zu einem Eßbündelchen
zusammengebunden, und jedes fand das überflüssig, nur Heine Peterle
nicht, der sagte: »In der Stadt ist's komisch, ich hab' dort nischt zu
essen gekriegt.« Sein Bündelchen war auch am dicksten, und seine Mutter
meinte bedenklich: »Das ist zu viel, du wirst ja krank!«
»Nä,« rief Heine Peterle vergnügt, »vom Essen nie!« Und pfeifend zog
er mit seinem Bündel neben den Gefährten her, er kam sich so ungeheuer
klug und erfahren vor; er war doch schon einmal in der Stadt gewesen,
und gewiß würden sie in der Stadt sehr staunen, daß Heine Peterle aus
Oberheudorf wieder einmal kam.
Fräulein Wunderlich hatte an diesem Tag »Rumpelkammerlaune«, wie das
Mädchen Marie es nannte. Diese Laune hatte sie jetzt freilich immer,
und ob es draußen regnete oder die Sonne schien, immer ging das
Fräulein mit einem brummigen Gesicht einher. »Seit sie den Jungen aus
Oberheudorf rausgeschmissen hat, ist's, als säße sie immer in unserer
dunklen Kammer,« murrte Marie, der es gar nicht mehr im Organistenhaus
gefiel. Sie sah dann auch nicht gerade wie Frühlingswetter aus, als sie
an diesem Tage die Fenster blank putzte. Der Johannesplan lag still und
einsam da, das Gymnasium hatte schon begonnen, und kein grünbemützter
Bube rannte mehr über den Platz. Nur am andern Ende spielten ein paar
kleine Kinder Kreisel; manchmal drang ihr lustiges Lachen zu Marie
hinüber, dann erhellte sich deren Gesicht immer ein bißchen, denn sie
hatte alle Kinder lieb. In dem großen Garten des Nachbarhauses war
auch alles still, und Marie dachte, wie schon so oft in diesen Tagen:
»Rein wie verschwunden ist der Junge, nicht mal sehen tue ich ihn.« Sie
ahnte nicht, daß Friede stets durch eine kleine Seitentüre am andern
Gartenende das Haus verließ und um die Kirche herumlief, nur um nicht
am Organistenhaus vorbei zu müssen. So hatte er es auch an diesem Tage
gemacht, an dem er wieder wie immer mit schwerem Herzen in die Schule
lief. Einsam saß er unter seinen Genossen, er sprach mit keinem, ging
allen scheu aus dem Wege, aber oft genug gellte der spottende Ruf:
»Friede Pfennig aus Oberheudorf,« hinter ihm her.
Während Friede so still in der Schule saß und Marie Fenster putzte,
klippten und klappten auf einmal fünf Paar Kinderbeine laut über das
Pflaster des Kirchplatzes. Marie bog sich aus dem Fenster und schaute
erstaunt die Buben und Mädel an, die da einherkamen. »Na, die sind
doch nicht von hier,« dachte sie lächelnd; die fünf hatten sich so fein
gemacht und sahen so stolz und vergnügt drein, als wollten sie den
ganzen Johannesplan kaufen. »Du meine Güte,« rief Marie erstaunt, »sie
kommen zu uns!«
Wirklich kamen die Kinder auf das Organistenhaus zu. Einer der Buben
streckte die Hand aus: »Dort ist's,« und ein Mädel rief eifrig: »Es
steht Wunderlich dran, ich kann's lesen.«
»Ich will klingeln.« Heine Peterle drängte sich vor und drückte sehr
kräftig auf den weißen Knopf; oh, er wußte schon Bescheid mit dem
städtischen Klingeln!
Ehe Marie noch voller Erstaunen von dem Fensterbrett heruntergeklettert
war, lief Fräulein Wunderlich schon ärgerlich herbei, um zu öffnen.
Es hatte den ganzen Tag noch nicht einmal geklingelt, und doch schalt
sie: »Man hat auch nicht fünf Minuten Ruhe.« Sie riß die Türe auf
und schaute verdutzt auf die Buben und Mädel draußen, die sie halb
neugierig, halb verlegen anstarrten. Nur ein Bube trat eiligst vor,
verbeugte sich sehr tief und schrie das Fräulein an, als wäre sie taub:
»Wir sind da, weil der Friede mich eingeladen hat und -- und --«
Annchen Amsee trug das schwarze Huhn, das den Kindern unterwegs schon
recht unbequem gewesen war; es wollte sich durchaus nicht ruhig tragen
lassen, zappelte immer hin und her und benahm sich recht wie ein
kleiner Teufel. Annchen hatte es noch am längsten tragen können, doch
jetzt war ihre Kraft und die Geduld des Huhnes zu Ende; mit lautem
Geschrei flog es Fräulein Wunderlich an die Nase. -- »Das Huhn bringen
wir mit,« vollendete Heine Peterle aufatmend.
»Ich danke schön dafür,« rief das Fräulein wütend.
»Bitte!« Annchen Amsee und Mariandel knicksten tief, sie wußten doch,
daß es sich schickt, nach jedem Dank »bitte« zu sagen.
»Bitte,« brüllten es ihnen die Buben nach und verneigten sich auch.
Heine Peterle aber sagte stolz: »Das ist von meiner Mutter und heißt
Teufel, und Muhme Rese hat gesagt, für die Stadt wär's gut genug!«
»Ih, du bist ja ein ganz abscheulicher, frecher Bengel,« rief Fräulein
Wunderlich so entrüstet, daß Heine Peterle ganz erschrocken zurückwich.
»Nä, das ist er nicht!« Annchen Amsee strich sich ihr Schürzchen glatt,
stellte sich wichtig vor das Fräulein hin, schaute sie mit ihren runden
Braunaugen treuherzig an und versicherte: »Nä, das müssen Se nich vom
Heine Peterle denken, der ist ganz gut.«
Das kleine Mädel, das so zutraulich und offen zu ihr aufsah, brachte
Fräulein Wunderlich in Verlegenheit. Sie schämte sich im Herzen etwas
ihrer schnellen Heftigkeit, und viel sanfter fragte sie: »Ja Kinder,
was wollt ihr denn eigentlich hier?«
»Den Friede besuchen!« riefen alle wie aus einem Munde, und Annchen
Amsee knickste wieder und begann geschwind zu erzählen von dem
schulfreien Tag, von Friede Hopserling, von dem Wettspringen, und
während sie schwatzte, bekamen Mariandel und die Buben auch Mut und
redeten mit; sie redeten wie ihnen der Schnabel gewachsen war.
Marie kamen die fünf sehr spaßhaft vor, sie lachte vergnügt, während
sie das schwarze Huhn gutmütig streichelte. Das Lachen machte die
Kinder noch mutiger, sie schwatzten immer lebhafter, erzählten die
Geschichte von dem ungelesenen Brief und versicherten dazwischen immer
wieder, Friede würde sich ungeheuer über ihren Besuch freuen. »Er
schießt 'nen Purzelbaum, sicher,« behauptete Schnipfelbauers Fritz. Das
tat er selber nämlich immer, wenn er Geburtstag hatte.
»Und Kuchen haben wir auch mit,« zwitscherte Annchen Amsee.