»Ja, viel!« Schulzens Jakob blähte sich wie ein kleiner Frosch auf.

»Meine Mutter hat gesagt, da wär' ordentlich Butter drin, der würde den

Stadtleuten schon schmecken!«

»Der ist fein!« Annchen Amsee leckte mit ihrem roten Zünglein geschwind

die Mundwinkel, »hm, fein!«

»Und 'nen Brief hab' ich für Friede von Muhme Lenelies,« flüsterte

Waldbauers Mariandel schüchtern, »und grüßen soll ich von der Muhme,

und -- und -- sie tät Ihnen dankbar sein.« Das Mädel atmete tief auf,

die lange Bestellung war ihm sehr schwer geworden.

Die Kinder hatten in all ihrem Schwatzen gar nicht gemerkt, daß das

Fräulein ganz still war; kein Wort sagte es, und manchmal seufzte es

tief, wie jemand, dem eine Last auf dem Herzen liegt. Die fünf Paar

Beine, die so tapfer die vielen Stunden auf der Landstraße gelaufen

waren, hatten den schneeweißen Hausflur bald recht schmutzig getreten,

und das Schwatzen durchhallte das Haus sehr laut. Selbst die alte

Treppe wunderte sich über den ungewohnten Lärm, und sie knackte ein

paarmal unwirsch. Aber das alles schien Fräulein Wunderlich gar

nicht zu merken. Sinnend, ernsthaft betrachtete sie die Kinder,

schaute in die treuherzigen Augen, die ihr aus den blühenden, runden

Gesichtern entgegenstrahlten, und dachte nur immer: »Das sind nun

Friedes Freundinnen und Freunde, -- ob der Junge wohl auch so vergnügt

hätte schwatzen können?« Und dann sann sie nach: Was tue ich nur mit

den Kindern, wie sage ich es ihnen, daß ich ihren Freund -- --? Sie

erschrak auf einmal tief vor ihrer Tat. Hinausgeworfen hatte sie den

Jungen, und plötzlich schlug sie vor den Kindern die Augen nieder.

»Jetzt sieht sie die Schmutztrapsen, jetzt wird sie gleich furchtbar

schelten,« dachte Marie erschrocken, die mit großer Freude den Kindern

zugehört hatte. Aber merkwürdigerweise schalt Fräulein Wunderlich

nicht, sondern sagte sehr sanft: »Marie, du könntest Schokolade für

die Kinder kochen. Die Schule ist ja noch lange nicht aus, und sicher

werden die Kinder hungrig sein.«

»Schokolade?« Die fünf Reisegefährten rissen Augen und Mund weit

auf; Schokolade gab es in Oberheudorf sehr, sehr selten, nur an den

allerhöchsten Festtagen, und hier in der Stadt sollten sie gleich das

köstliche Getränk bekommen. Und wie komisch, das Fräulein fragte auch

noch: »Mögt ihr Schokolade gern?«

»Ja!« brüllten alle fünf, so laut sie konnten, und unverhohlen,

riesengroß stand die Freude auf ihren Gesichtern geschrieben.

Fräulein Wunderlich lächelte milde, so milde, wie sie lange,

lange nicht gelächelt hatte. Sie führte die Kinder selbst in das

Wohnzimmer und schien es gar nicht zu sehen, daß der Teppich auch ein

bissel Schmutz von der Landstraße als Mitbringsel bekam. Die fünf

Oberheudorfer durften sich um den runden Tisch herumsetzen, auf den

Marie alsbald ein blütenweißes Tischtuch breitete, und auf den sie

wundervolle, mit Rosen bemalte Tassen stellte. Ordentlich feierlich

wurde es den Kindern zumute, sie verstummten mehr und mehr, und

Fräulein Wunderlich mußte ein paarmal mahnen: »Erzählt mir noch etwas!

Seid ihr wirklich den weiten Weg immerzu gelaufen?«

Die Kinder antworteten, aber als dann Marie mit der Schokolade kam und

einen Teller feine, weiße Buttersemmeln dazu hinstellte, da verstummten

die Buben und Mädel vollständig. Sie lachten nur selig vergnügt, und

dann kauten und schluckten sie voller Behagen, während Herrin und

Dienerin ihnen andächtig zusahen. Fräulein Wunderlich mußte an ihre

Kinderzeit denken. Damals hatte es zu den Geburtstagen auch Schokolade

gegeben, ihre beiden Schwestern hatten noch gelebt, und drüben aus

dem Nachbarhause waren die lustigen Spiegeleier gekommen -- so hatten

die Wunderlichkinder die beiden Brüder von Spiegel genannt. Dem

Fräulein wurde es seltsam weich ums Herz. Warum war nur alles so anders

geworden? Feindschaft herrschte, wo es einst Freundschaft gegeben

hatte! -- --

Heine Peterle setzte tief aufatmend seine Tasse nieder, -- die fünfte

war es gewesen, nun konnte er wirklich nicht mehr, er war plumpssatt.

Jetzt dachte er wieder an den Freund und fragte: »Kommt der Friede nun

bald aus der Schule?«

»Der hat's aber gut!« seufzte Schulzens Jakob, der einen

Schokoladenbart von einem Ohr bis zum andern hatte.

In Fräulein Wunderlichs blasses Gesicht stieg eine leichte Röte,

wirklich, sie schämte sich vor den Kindern. Leise stockend erwiderte

sie: »Der Friede -- -- ist -- -- er wohnt gar nicht bei mir, sondern im

Nebenhaus.«

Buben und Mädel sahen einander verdutzt an, endlich sagte Annchen Amsee

schüchtern: »Ach -- -- hier ist's wohl zu fein für ihn?«

»Wo ist er denn?« rief Mariandel kläglich. »Ich will doch zum Friede!«

»Im Nebenhaus drüben wohnt er, Kinder!« Fräulein Wunderlich seufzte

wieder; ja, nun mußte sie doch den Kindern alles erzählen!

Aber da sagte Marie plötzlich: »Das mit dem Friede ist nu so'ne

Geschichte. Mein Fräulein hat nicht gleich gewußt, was das für'n guter

Junge ist, und hat gedacht, er tut's aus Bosheit, daß er rüber in'n

Garten geklettert ist, und drüben, da wohnt 'n alter Herr, der hat ihn

gleich behalten. Habt ihr denn das in Oberheudorf nicht gewußt?«

»Nä!« Die Kinder sahen wieder höchst erstaunt drein. Maries Rede hatten

sie nicht ganz verstanden, nur Mariandel rief plötzlich entrüstet: »Der

Friede ist doch nicht boshaft!«

»Ih wo, ist er auch nicht,« beruhigte Marie, »ich bringe euch nachher

ins Nachbarhaus, und dann erzählt ihr dem Friede, wie schön's hier

gewesen ist.«

»Ja, und sagt ihm, er möchte mich recht bald besuchen,« fiel Fräulein

Wunderlich hastig ein, und im Herzen nahm sie sich vor: »Ich tue dem

Buben was Liebes an, ich will meine Härte gut machen.«

»Jetzt wird bald drüben die Schulglocke läuten, nun kommt euer Friede

gleich raus,« rief Marie, und dies Wort ließ selbst das plumpssatte

Heine Peterle gleich aufspringen, und die Buben wären beinahe ohne

Lebewohl und Dank hinausgestürmt; aber Annchen Amsee mahnte mit sanften

Püffen an diese Pflicht, und so dankten denn alle sehr höflich, legten

ihre braunen Patschen treuherzig in der Hausherrin weiße Hand und

versprachen sehr vergnügt das Wiederkommen.

»Wenn wieder keine Schule ist,« »Wenn Schnipfelbauers Fritz wieder

fährt,« »Nächste Woche vielleicht,« so tönte es durcheinander. Und

dann dachten die Mädel an den Kuchen und an das Huhn, aber Fräulein

Wunderlich sagte, das müßten sie alles mit ins Nachbarhaus nehmen, das

ginge nicht anders. Das wollten aber die Kinder durchaus nicht, denn

das Huhn hatten sie doch für Fräulein Wunderlich mitgebracht. Kaspar

auf dem Berge hatte doch gesagt, das Fräulein wünsche sich eins.

»Behalten Sie's nur,« redete Annchen Amsee zu, »es ist ganz gut, und

meine Mutter sagt, vielleicht legt's doch Eier, man weiß nur nicht

wohin.«

»Nä, ich nehm's nicht mehr mit,« wehrte Heine Peterle ab, der heimlich

Angst hatte, er müßte es tragen, und die andern sagten es auch, von dem

Kuchen sagten sie aber nichts.

»Ich dächte, 's wär' schon am besten, wir behielten den kleinen Teufel

jetzt da,« ließ sich Marie vernehmen, »denn sonst passiert den Kindern

noch was damit.«

»Nun gut, es soll hier bleiben, und der Friede kann's besuchen,«

entschied Fräulein Wunderlich. »Und vergeßt es nicht, Friede zu sagen,

er soll bald zu mir kommen,« mahnte sie noch, als die fünf schon zur

Haustüre hinausliefen.

Die hörten dies kaum noch, sie sahen die ersten Grünmützen über den

Johannesplan laufen und rannten auf das Gymnasium zu. »Da ist er!«

brüllte Heine Peterle, und trotz der vielen Schokolade lief er nun doch

wie ein Wiesel ihm entgegen in den Schulhof hinein.

»Friede, wir sind da! Friede, wir woll'n dich besuchen!« Traumfriede

wußte nicht, wie ihm geschah, als ihn da auf einmal die fünf

Oberheudorfer umringten. Jubelnd und lachend schwatzten sie auf ihn

ein und merkten es gar nicht, daß sich um sie herum lauter Grünmützen

stellten. »Hollah, Friede Pfennig hat Besuch bekommen, wohl auch aus

Oberheudorf!« schrie ein Klassengenosse, und ein paar Stimmen schrien

es ihm nach.

Friede wurde totenblaß bei diesem Spott, und ein häßliches, nie

gekanntes Gefühl stieg in ihm auf: er schämte sich in diesem Augenblick

der alten Freunde, und diese Scham schloß ihm jäh den Mund.

Die fünf sahen ihn an. Der da, das war doch gar nicht mehr ihr Friede,

ihr alter Schulgefährte. So fremd sah er aus, und nun merkten sie auch,

daß die Buben, die um sie herumstanden, spotteten, keck und übermütig.

Ein langer Junge griff nach Heine Peterles vielgeliebter Pelzmütze, die

dieser trotz des warmen Frühlingswetters trug. »Heda, du kommst ja wohl

vom Nordpol?«

»Nee, aus Oberheudorf,« spotteten die andern. Aber sie hatten sich

verrechnet, allzu viel ließen sich die Dorfbuben nicht gefallen.

Klatsch, klatsch, schlug Schulzens Jakob geschwind um sich, und Heine

Peterle und Schnipfelbauers Fritz folgten seinem Beispiel. Da kam

Friede auch wieder zu sich. Zorn und Scham über sich selbst verliehen

ihm doppelte Kräfte, er schob einen Buben, der ihn um Kopfgröße

überragte, einfach zur Seite und schrie grob: »Laßt sie in Frieden, die

gehören zu mir!«

»Na, seht doch die frechen Dorfjungen!« höhnte einer, aber schwapp

hatte er einen Katzenkopf weg und einen Rippenstoß dazu, beides

von guter Oberheudorfer Art. Die Stadtjungen merkten bald, daß die

Oberheudorfer nicht mit sich spaßen ließen. Puffend, stoßend,

kampfbereit wie junge Hähne zogen die sechs Heimatgenossen aus dem

Schulhof wieder hinaus. Die Mädel ließen sich auch nichts gefallen, und

Annchen Amsee gebrauchte ihr rotes Eßbündelchen dazu, es den Grünmützen

um die Ohren zu schlagen. Die traten endlich den Rückzug an, und vor

dem Spiegelhaus ließen sie die sechs in Ruhe und liefen davon.

Der Gärtner hatte das Geschrei gehört und kam eilig herbei, um zu

sehen, was dies eigentlich zu bedeuten hätte. Erstaunt sah er den

kleinen Gast seines Herrn unter den Dorfkindern stehen. Die redeten

eifrigst auf Friede ein, erzählten von dem Brief, ihrem Weg hierher und

versicherten immer wieder: »Wir sind nur gekommen, um dich zu besuchen.«

Mariandel fragte eindringlich: »Freust dich wohl arg, gelt, Friede?«

Aber sie erhielt keine Antwort. Friede konnte sich gar nicht recht

freuen, er wünschte, die Freunde wären nicht gekommen; er wußte nicht,

was er mit ihnen anfangen sollte. Sie mit in das Haus zu nehmen, wagte

er nicht, und er seufzte, als Annchen Amsee nun schon zum dritten Male

fragte: »Gehen wir nun ins Haus? Das sieht aber fein aus!«

Der Gärtner war inzwischen zu dem Professor gegangen und hatte ihm von

dem Kinderbesuch erzählt. Der rief zwar etwas erschrocken: »Lieber

Himmel, gleich fünf!« Er erlaubte aber doch, daß sie hereinkamen.

Friede war heilfroh, als der Hausverwalter seine Gäste holte, er hätte

in seiner Verlegenheit wohl noch etliche Stunden mit ihnen vor dem Tore

gestanden. Er schämte sich nachher seiner Zaghaftigkeit sehr, denn der

Professor empfing die Kinder so freundlich, als hätte er just an dem

Tage gedacht: »Wenn ich doch Besuch aus Oberheudorf bekäme!«

Annchen Amsee erkannte den alten Herrn gleich wieder. Oh, sie wußte es

noch genau, er hatte ihr die Backen gestreichelt und sie ein putziges

Frauenzimmerchen genannt. »Ja,« rief Schnipfelbauers Fritz stolz, als

Annchen dies erzählte, »un ich sollt' 'ne Maulschelle kriegen, aber ich

hab' se nich gekriegt!«

»Na siehst du,« sagte der Professor lächelnd, »da sind wir ja alte

Freunde. Nun erzählt mir mal, wie ihr hergekommen seid.«

Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen, sie erzählten alles,

auch von dem Schokoladefest bei Fräulein Wunderlich. Zu essen bekamen

die Kinder auch etwas, und es schmeckte ihnen so gut in dem gastlichen

Hause, daß die Hausverwalterin mitleidig dachte: »Die bekommen zu Hause

gewiß recht wenig zu essen.« Sie hatte eben keine Ahnung, was in einen

rechten Oberheudorfer Kindermagen hineingeht.

Nach Tisch sollten sich die Kinder die Stadt ansehen, da Friede an

diesem Nachmittage keine Schule hatte. Zuvor durfte sie Friede selbst

rasch einmal durch alle Zimmer führen, die der Professor bewohnte.

Dabei kamen sie auch durch einen großen Saal, in dem die Sammlung des

Hausherrn aufgestellt war: antike Büsten und Statuen, Krüge, Vasen,

Waffen und allerlei Gebrauchsgegenstände aus uralten Zeiten, und die

fünf Oberheudorfer rissen die Augen weit auf vor Erstaunen. »Ja warum

stellt sich jemand nur so häßliche alte Sachen hin?« fragten diese

Augen alle.

»Es ist ja fast alles zerbrochen,« flüsterte Annchen Amsee, und

Mariandel lispelte ängstlich: »Weiß denn der Herr, daß sein Zeug alles

kaput ist?«

»Ja doch, er hat dies alles gesammelt,« erklärte Friede, und in seine

blauen Augen trat ein träumerisches Sinnen. Er fand nämlich die kaputen

Sachen gar nicht so häßlich. Aber da puffte Heine Peterle und kicherte:

»Nun sieh doch da den Topf mit 'nem Loch, und da noch einen, und

der Mann hat keine Arme, und, hihihihi, der Frau haben sie die Nase

abgehauen.«

»Herr Professor hat aber seine Freude an den Sachen,« sagte Friede, und

er hätte ganz gern den Freunden von den alten Griechen und Römern etwas

erzählt, denen einst alle diese Dinge gehört hatten. Die fünf meinten

aber, es wäre nun besser, sie gingen in die Stadt. Die zerbrochenen

Töpfe gefielen ihnen gar nicht, ja Annchen Amsee sagte verächtlich:

»Meine Mutter hat ein paar, da fehlt der Henkel, aber die sind viel

hübscher.«

»Ach, kommt in die Stadt, ich will was kaufen,« rief Schulzens Jakob

und klimperte protzig mit drei Groschen. Er kam sich ungeheuer reich

vor.

»Ja, einkaufen wollen wir,« riefen auch die andern. Da schwieg

Traumfriede von den alten Griechen und Römern und führte seine

Heimatgenossen in die Stadt.

Feldburg hatte nur eine Hauptstraße, in der es hübsche Läden gab, denn

es war ja eine kleine Stadt, Großstädter nannten sie eben »ein Nest«.

Aber die Oberheudorfer Buben und Mädel waren halt keine Großstädter,

ihnen kam die Stadt erstaunlich groß vor. Ihre derben Schuhe klapperten

laut über das Pflaster, als sie nun wieder über den Johannesplan

trabten. Jeden Menschen, den sie sahen, grüßten sie höflich. Als sie

aber in die Hauptstraße einbogen, sagte Friede: »Laßt lieber das

Gutentagsagen sein, hier tut man das nicht!«

»Pfui, wie unhöflich!« Annchen Amsee rümpfte das Näschen, aber gleich

darauf vergaß auch sie ihre Entrüstung, denn Heine Peterle schrie

plötzlich laut auf: »Nä, da rennt 'n Wagen ohne Pferde!«

Die Wege, die nach Oberheudorf führten, waren nicht besonders glatt und

schön, und darum hatte noch niemand diese Fahrt mit einem Automobil

unternommen. Ein solches Fahrzeug war den Kindern also vollständig

unbekannt. Sie staunten es darum mit offenem Mund an. »Wie war es nur

möglich, daß ein Wagen ohne Pferde fahren konnte!«

»Da ist noch einer!« schrie Jakob, und alle fünf rannten auf den

Fahrdamm dem merkwürdigen Ding entgegen.

»Runter!« brüllte sie da ein Mann an. Er faßte Heine Peterle und

Schulzens Jakob beim Kragen, Friede zerrte die Mädel auf den Fußsteig

zurück, eine Frau hatte Schnipfelbauers Fritz ergriffen. Mit einem Ruck

stand das Automobil still, es hätte beinahe die Kinder überfahren. Der

Chauffeur, die Insassen, die Fußgänger, alles schalt auf die Kinder

ein, die so verdattert waren, daß sie gar nichts sagen konnten. Nur

Schnipfelbauers Fritz schrie immerfort: »'n Wagen ohne Pferd, 'n Wagen

ohne Pferd!«

»Die sind ja wohl aus Afrika?« brummte ein dicker Schutzmann, und die

Umstehenden lachten.

»Nee, die sind aus Oberheudorf,« brüllten etliche Grünmützen, und

Friede erkannte zu seinem Entsetzen ein paar Klassengenossen. O weh,

nun würde der Spott wieder losgehen. Er senkte scheu den Kopf und bat:

»Kommt doch, kommt, da ist ein Laden. Annchen kann dort eine Tasse

kaufen.«

Den fünfen war das recht. Sie waren auch froh, aus dem Tumult

herauszukommen, und so folgten sie alle eilig Friede in einen großen

Laden hinein. Hier vergaßen sie vor Staunen gleich den soeben

überstandenen Schrecken. So viele schöne Tassen, Teller, Krüge, Vasen,

silberne Kannen und Zuckerschalen und hunderterlei Sachen hatten sie

noch nie gesehen. Besonders die Mädel gerieten fast aus dem Häuschen

vor Freude, und Annchen Amsee rief gleich: »Die Tasse will ich kaufen,

-- nein, die da, nein, die!«

Die Verkäuferin sah die neuen Kunden etwas erstaunt an. Weil aber

Annchen Amsee so rasch dies und das kaufen wollte, lächelte sie

huldvoll und sagte: »Sucht euch nur aus, die Tassen dort sind besonders

schön.«

Ja, Annchen fand die bezeichneten Tassen auch wunderfein, sie waren

ganz mit Rosen bemalt und innen vergoldet. »So eine nehme ich,«

rief Annchen und holte ihr Sacktüchlein hervor, in dem sie ihr Geld

eingebunden hatte. Sie war sehr reich, reicher noch als Schulzens

Jakob, denn sie hatte vier Groschen. Wichtig legte sie das Geld auf den

Ladentisch und fragte: »Krieg ich zwei dafür?«

Ihre Gefährten sahen sie bewundernd an. Nein, war das Annchen schnell

beim Kauf! Sie tat ja gerade, als wäre sie schon hundertmal in der

Stadt gewesen und hätte schon oft schöne Tassen gekauft.

Die Verkäuferin hatte eine Rosentasse vom Brett genommen und sah nun

prüfend auf das Geld. »Aber Kind,« rief sie, »so eine Tasse kostet

drei Mark! So billige Tassen haben wir überhaupt nicht; da kannst du

höchstens so eine dafür bekommen.« Sie hielt Annchen eine glatte weiße

Tasse hin, die nur einen schmalen goldenen Rand hatte. »Nimm die, sie

ist sehr hübsch.«

»Nä, die is nich hübsch, gar nich.« Heine Peterle kam Annchen zu Hilfe.

Er mußte doch zeigen, daß er in der Stadt Bescheid wußte, und kräftig

tippte er mit seinem braunen Zeigefinger auf die Rosentasse: »So eine

soll's sein.« Klirr, wackelte dabei die Tasse hin und her. »Ih, du

dummer Bube,« rief die Verkäuferin und sah auf einmal gar nicht mehr

freundlich, sondern ziemlich ärgerlich aus. »Gleich läßt du die Tasse

stehen! Ich dachte es mir gleich, solche teure Sachen sind nichts

für euch. Geht hier gleich gegenüber zu Herrn Schulze, das ist ein

Ramschladen, der hat Tassen genug für euch.«

»Ja, wir wollen lieber gehen,« flüsterte Mariandel und sah ängstlich

auf Schulzens Jakob, der sehr eifrig eine schöne Vase befühlte. »Kommt,

sonst macht Jakob was kaput.«

Die Verkäuferin schien das auch zu befürchten, sie rief erschrocken:

»Stehen lassen, nichts angreifen! Wer etwas anfaßt, muß Strafe zahlen.

Geht nur, geht; im Ramschladen findet ihr schon etwas!«

»Ja, kommt,« mahnte auch Friede, und die Oberheudorfer fanden auch,

das Fräulein im Laden sei viel zu unfreundlich. Der mochten sie gar

nichts mehr abkaufen. Sie verließen rasch das Geschäft und beschlossen

draußen, zu Herrn Schulz zu gehen; sicher war der höflicher als das

Fräulein. Herr Schulz hatte nun freilich keinen so prächtigen Laden,

sondern nur ein kleines, schmales Budchen, in dem alles durcheinander

und übereinander stand. Es herrschte ein richtiges Sammelsurium darin,

aber den Oberheudorfern gefiel es doch sehr. Die Buben zogen höflich

die Mützen, die Mädel knicksten tief, und Herr Schulz lächelte und zog

seinen Mund so breit wie eine Schublade.

»Na, Kinder, was wollt ihr denn?«

»Eine Tasse kaufen in Ihrem Ramschladen,« sagte Heine Peterle und

fand das sehr nett und höflich gesagt. Und Annchen Amsee rief voller

Bewunderung: »Ach, der Ramschladen ist aber fein!«

»Potzwetter,« schrie Herr Schulz da zornig, »so eine freche Bande, mein

Geschäft einen Ramschladen zu nennen! Na wartet nur!« Und hopps sprang

Herr Schulz über den Ladentisch und packte Schulzens Jakob, der sich

am weitesten vorgedrängt hatte. Er wollte dem gerade einen richtigen

Katzenkopf versetzen, als Friede seine Hand erschrocken festhielt und

sagte: »Bitte nicht schlagen, Herr Schulz, die haben es nicht böse

gemeint.«

»Nä, nä,« schrieen die andern angsterfüllt, »wir haben doch nischt

getan!«

»So, mein Geschäft einen Ramschladen nennen, das nennt ihr wohl

höflich?« Ein bißchen freundlicher schaute Herr Schulz schon drein, und

Friede erzählte geschwind, was das Fräulein gegenüber gesagt hatte.

»Na, der werde ich noch meine Meinung sagen,« brummte Herr Schulz und

fragte nun gar nicht mehr streng: »Ihr dachtet wohl, ein Ramschladen

wäre etwas sehr Nettes?«

Die Kinder nickten, und Annchen Amsee flüsterte: »Hier ist's doch auch

so schön!«

»Ja freilich ist's schön bei mir!« Herr Schulz lächelte wieder

versöhnt. »Nun sagt mir, was ihr haben wollt.«

Die Kinder wollten viel. Mit Herrn Schulz ließ es sich aber auch gut

handeln, der fragte erst, wieviel Geld sie hätten, und dann schnitt er

kein verächtliches Gesicht wie das Fräulein gegenüber, sondern holte

ganz wundervolle Tassen herbei. Jedes Mädel konnte eine Tasse erstehen

und noch ein buntes Zopfband dazu, denn Bänder hatte Herr Schulz auch.

Und für die Buben waren Trillerpfeifen und Mundharmonikas da. Heine

Peterle erstand sogar eine rosenrote Flöte, die zur allgemeinen Freude

wie ein Frosch quakte, obgleich Herr Schulz behauptete, man könnte

darauf wie eine Nachtigall flöten. Schulzens Jakob sagte aber: »'n

Frosch ist besser als 'ne Nachtigall.«

Die Kinder trennten sich nur schwer von dem freundlichen Herrn Schulz,

und sie versprachen ihm ganz fest, das nächste Mal würden sie bestimmt

wiederkommen.

Schnipfelbauers Fritz und Schulzens Jakob, die sehr schöne,

grelltönende Trillerpfeifen gekauft hatten, verließen den Laden

zuletzt. Als sie schon an der Türe standen, sagte Herr Schulz plötzlich

halblaut zu ihnen: »Ich würde dem groben Fräulein da drüben einmal

etwas pfeifen, wenn ich ein Bube wäre.«

Die beiden sahen sich an. Heisa, das war so ein Spaß nach ihrem Sinn!

»Wir machen's, aber allein,« tuschelte Schnipfelbauers Fritz, »die

Mädel haben gleich Angst, und der Friede mag so was auch nicht.«

»Hm, alleine!« Jakob blieb stehen und sah den Kameraden nach. Die

bogen just in eine Seitenstraße ein und schwatzten so miteinander,

daß sie sich an der Ecke gar nicht umsahen. Einen Augenblick zögerten

die Buben noch, schwapps flogen da Annchen Amsees braune Zöpfe um die

Ecke. Nun waren die vier verschwunden, die beiden aber liefen auf den

Laden zu und spähten erst einmal durch die Glastüre hinein. Sie sahen

niemand. Die Verkäuferin stand ganz hinten; dort suchten sich gerade

ein paar Damen eine Teekanne aus. Wie die Buben leise zögernd die Türe

öffneten, sahen sie gegenüber Herrn Schulz höchst vergnügt vor seinem

Ramschladen stehen. Das stärkte ihren Mut, wutsch waren sie im Laden

drin und pfiffen dort laut und gellend auf ihren Pfeifen. »Trilililiiii

--« schallte es in den Laden hinein, und das Fräulein ließ vor Schreck

fast eine Teekanne fallen. Die beiden Damen aber riefen entsetzt: »Das

brennt wohl, oder eine Lokomotive ist auf der Straße, o Himmel!«

»Trilililiiii,« pfiffen die Buben weiter, aber da kam schon die

Verkäuferin angerannt, und nun hieß es ausreißen. Sie wollten

geschwind zur Türe hinaus, doch die ging nicht nach außen, sondern

nach innen auf. Die Buben prallten zurück; Schnipfelbauers Fritz stieß

an Schulzens Jakob, und der an etwas, das hinter ihm mit einem ganz

fürchterlichen Geklirr zusammenstürzte. Das Ladenfräulein schrie laut

auf: »Hilfe, Hilfe! Polizei, Polizei!«

Die beiden Missetäter entflohen entsetzt. Sie sahen nicht rechts, nicht

links; sie liefen wie die Hasen. Draußen bogen sie statt nach rechts

nach links herum, rannten dann in die nächste Querstraße hinein, und

als sie jemand anredete: »Na, was rennt ihr denn so?« da sausten sie in

ihrer Angst noch schneller weiter.

Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln · 第 4 / 12 段