Wenn er aufsah, begegnete er lauter lustigen Spottblicken, und

zuletzt wurde er ganz verwirrt und verlegen, er konnte in der Stunde

nicht mehr die einfachsten Fragen beantworten. Der Klassenlehrer,

Doktor Schneider, sah ihn darum nicht scheel an, er fand des Buben

Verlegenheit begreiflich, er wußte ja auch, wie gut der seine Prüfung

bestanden hatte. Aber Friede schämte sich doch gewaltig, und als die

Stunde aus war, rannte er wie gejagt davon. Doch draußen auf dem Flur

hielt ihn einer fest: »Bist du der Friede aus Oberheudorf?«

»Ja,« schrie Friede, und den sonst so sanften Jungen übermannte der

Zorn. Warum neckten sie ihn nur so, war es denn eine Schande, aus

Oberheudorf zu sein? »Ja, der bin ich,« schrie er noch einmal, und

schwapp, schlug er dem andern die Mütze vom Kopf. »Ich kann das auch!«

Hinaus war er, die Treppe hinab, er raste über den Schulhof und kam

heiß und atemlos in dem Organistenhaus an. Es hatte draußen inzwischen

etwas geregnet, und auf dem Johannesplan standen kleine Pfützen.

Friede hatte wenig darauf acht gegeben, er dachte auch nicht an das

Schuhabputzen; tapp, tapp lief er die Treppe zu seinem Kämmerlein

hinauf und warf drinnen aufschluchzend seine Bücher auf den Tisch.

Bums, da lagen die Bücher, und bums ging die Türe auf. Fräulein

Wunderlich stand auf der Schwelle und rief wütend: »Ich habe dir doch

gesagt, du sollst die Füße abwischen, o du böser, böser Junge, du!

Wenn du es noch einmal vergißt, dann mußt du die Treppe scheuern.«

Krach, flog die Türe wieder zu, und Friede starrte ganz betäubt der

zornigen Dame nach. Er hörte sie unten noch ein Weilchen schelten, und

bedrückt schlich er an das Fenster und sah hinaus. Sein Zimmerchen lag

an der Wand des Hauses, die an den Garten des stattlichen Nachbarhauses

anstieß, und Friede konnte weit hinein in diesen großen, schönen Garten

sehen. In dem standen viele alte Bäume; jetzt freilich waren sie noch

kahl, nur ein feines grünes Schimmern lag darüber, aber die großen

Rasenflächen leuchteten schon im ersten frischen Grün, und da und dort

blühten bunte Frühlingsblumen, Hyazinthen, Tulpen und Narzissen. Der

Garten gefiel Traumfriede über die Maßen gut, und er sah so lange und

andächtig hinein, bis er ein wenig seinen Kummer vergaß.

Etwas beruhigter ging er zum Mittagessen hinab, und da Fräulein

Wunderlich nicht mehr so bitterböse aussah, wollte er sie gerade um

Entschuldigung bitten, als der Herr Organist ihn etwas streng fragte:

»Du, sag mal, Friede, warum bist du gleich so patzig? Dem Ulrich

Sonntag hast du so heftig die Mütze vom Kopf geschlagen, daß er eine

Beule an der Stirn davongetragen hat. Na, das ist ja eine schöne

Aufführung für den ersten Tag! Schämst du dich nicht?«

Fragte nun jemand den Traumfriede mild, wie war das oder dies,

dann sagte er stets freimütig und offen die Wahrheit, doch Strenge

schüchterte ihn leicht ein, und er wußte nichts zu sagen. Herrn

Wunderlichs Vorwurf und des Fräuleins Schelte verwirrten ihn namenlos;

er wagte nicht aufzusehen, still und niedergeschlagen saß er da. Dem

alten Herrn tat es fast leid, und freundlicher forderte er ihn auf:

»Erzähle mir doch einmal, wie war es heute früh, und warum hast du

gerade mit Ulrich Sonntag Streit gehabt?«

Friede wollte soeben, durch den freundlichen Ton ermuntert, antworten,

wollte sagen, er wüßte gar nicht, wer dieser Ulrich Sonntag sei, als

Fräulein Wunderlich empört rief: »Bewahr mich, der Junge steckt ja das

Messer in den Mund!«

Erschrocken ließ Friede das Messer fallen, das rutschte aus, er wollte

es halten, doch da geriet der Teller ins Schwanken, und beinahe ging es

wie beim Kippelphilipp im Struwelpeter: Teller, Glas, Messer, Löffel,

Brot, alles kollerte mit viel Geklirr und Gekrach auf den Fußboden.

»Das ist ja ein furchtbarer Junge!« rief Fräulein Wunderlich empört,

und sie hätte wohl noch manches böse Wort gesagt, wenn ihr Bruder sie

nicht mit ernstem Blick gebeten hätte: »Wir wollen jetzt nichts mehr

sagen, Friede und ich sprechen nachher miteinander. Geh jetzt in dein

Zimmer und arbeite. Bis fünf Uhr habe ich Stunden zu geben, nachher

komm zu mir.«

Friede war heilfroh, daß er aufstehen durfte. Er war freilich nur halb

satt, aber er hätte jetzt vor lauter Verlegenheit und Scham doch keinen

Bissen mehr hinuntergebracht. Als er die Türe hinter sich schloß, hörte

er gerade noch Fräulein Wunderlich triumphierend sagen: »Ich habe es

gleich gewußt, so ein Junge vom Dorf paßt nicht in unser Haus.«

Traurig schlich Friede die Treppe hinauf. Heute hatte er keine Freude

an dem hübschen Stübchen, selbst die neuen Bücher auf dem Tisch, an

denen er sich gestern noch so gefreut hatte, lockten ihn nicht. Er

setzte sich niedergeschlagen an das offene Fenster, starrte in den

Nachbargarten hinunter und dachte, während ihm dicke Tränen über die

Wangen liefen: »Ach, wäre ich doch wieder in Oberheudorf bei Muhme

Lenelies!«

In dem großen, schönen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor,

das neben dem Organistenhaus lag, wohnte ein alter Herr, Professor

von Spiegel. Das Haus stand schon beinahe zweihundert Jahre auf dem

Johannesplan, und so lange war es auch in dem Besitz der Familie

Spiegel. Wohl nie war es aber so still in dem Hause gewesen wie jetzt.

Sein Besitzer hatte weder Frau noch Kinder, er war ein hochgelehrter

Herr, der viel auf Reisen war und manchmal monatelang nicht in dem

alten Familienhaus wohnte. Sein Gärtner und dessen Frau bewachten das

Haus; kam der Professor selbst, dann bewohnte er meist nur wenige

Zimmer, alle andern blieben verschlossen. Fräulein Wunderlich haßte den

Nachbar, obgleich sie Nachbarskinder waren und ihr Bruder Matthias sich

in seiner Jugend den besten Freund des Herrn von Spiegel genannt hatte.

Die Freundschaft war entzwei gegangen durch kleine Mißverständnisse

und Übelnehmereien. Die meiste Schuld daran trug Fräulein Wunderlich.

Sie hatte nie zum Frieden geredet, sondern immer ein wenig gehetzt

und gestichelt. Einmal hatte sie behauptet, der Nachbar sei hochmütig

und habe sie nicht gegrüßt, dann wieder, man habe ihre Katze drüben

im Nachbargarten vergiftet, und zuletzt war es so weit gekommen, daß

die Nachbarn sich nicht mehr ansahen. Herr Matthias Wunderlich schaute

freilich oft trübselig nach dem Haus hinüber und seufzte wohl: »Wäre es

doch wie damals!«

Ähnlich dachte auch der alte Professor von Spiegel, als er an diesem

Frühlingstag zum erstenmal wieder nach langer Abwesenheit durch seinen

Garten schritt. Aufmerksam betrachtete er, wie bunt und reich der

Frühling die Beete geschmückt hatte; bald blieb er vor einem Baum

stehen, der ein lichtgrünes Schleierkleid trug, bald vor einem Beet,

auf dem allerlei Blumen zart und lustig im Sonnenschein standen. An der

Mauer des Nachbarhauses blühten noch die Veilchen, und der Professor

bückte sich, um ein paar der lieblichen Dinger abzupflücken, als er

Friedes bitterliches Schluchzen hörte. Die Kammer des Knaben war gerade

an der Veilchenwand, und da das Organistenhaus ziemlich klein gewachsen

war, konnte der alte Herr den weinenden Knaben gut sehen. »Na nu,«

rief er hinauf, »wer heult denn da? Schickt sich das für einen schönen

Frühlingstag, he?«

Friede hob verwirrt den Kopf und sah nun den alten Herrn an, der unten

im Garten stand. Das Gesicht kam ihm bekannt vor, es war ihm, als müßte

er schon einmal dies von struppigem, weißem Haar umgebene Gesicht mit

den hellen Augen gesehen haben.

»Na, was guckste mich denn an, Junge, als wäre ich aus einem

Märchenbuch herausgepurzelt?« rief Professor von Spiegel und

zwinkerte lustig mit den Augen. »Ich bin kein Mittagsgespenst, kein

Kinderschreck, kein Bubenfresser. Aber nun sag du mir mal, woher du

kommst, und warum du so weinst, als wolltest du den Johannesplan unter

Wasser setzen. Bei Wunderlichs gibt es doch sonst keine heulenden

Buben, he?«

»Ich bin aus Oberheudorf,« stammelte Friede, »ich soll hier aufs

Gymnasium gehen.«

»So, aus Oberheudorf? Na, das ist dort eine nette Sorte Buben und

Mädels.«

Der alte Herr lachte leise und behaglich, und Friede dachte wieder:

»Aber den kennst du doch!« Da fragte schon der Fremde in sein Überlegen

hinein: »Du kennst mich wohl nicht mehr, oder warst du nicht dabei, wie

wir voriges Jahr bei euch ein Hünengrab öffneten, he?«

»Ich weiß, ach, ich weiß!« rief Friede, und ein heller Schein lief

über sein Gesicht. Ach, das war ja einer der Herren, die an einem

Sommertag in Oberheudorf gewesen, das Hünengrab erforscht und seinen

Lieblingsplatz dadurch zerstört hatten. Just dieser hatte dann am

meisten darüber gelacht, daß die Mädels die ausgegrabenen Sachen alle

hatten schön blank putzen wollen.

»Komm mal zu mir herunter, dich muß ich mir näher ansehen,« sagte der

alte Herr fröhlich, und als sich Friede zweifelnd umsah, holte er

selbst eine lange Leiter herbei und schob sie unter Friedes Fenster.

»Da ist die Treppe, nun komm!«

Friede dachte in diesem Augenblick gar nicht an Fräulein Wunderlichs

strenges Verbot, jeden Verkehr mit dem Nachbarhause zu vermeiden, er

war zu froh, mit jemand von Oberheudorf sprechen zu können; eins, zwei,

drei war er unten neben dem alten Herrn, der ihm freundlich die Hand

entgegenstreckte. »Na, grüß dich Gott, Oberheudorfer Bube du, und nun

komm, setz dich neben mich und erzähle mir, wie du aus deinem hübschen

Oberheudorf heraus und gerade zu den Wunderlichs gekommen bist.«

Bei dieser gütigen Frage verlor Friede alle Befangenheit, und ein

großes Vertrauen zu dem Herrn, der seine Heimat so gut kannte, erfüllte

gleich sein Herz, und es wurde ihm gar nicht schwer, dem Fremden alle

seine Schicksale zu erzählen, von der Heimat, und wie er hierher

gekommen war, von der gestrigen Ankunft und dem bösen Schulanfang

heute, von Fräulein Wunderlichs Zorn und -- da stockte er und wurde

blutrot.

»Na und weiter? Immer ehrlich gesagt, was man denkt,« ermunterte der

Professor.

»Ich -- -- -- ich sollte doch mit niemand von den Nachbarn sprechen,«

stammelte Friede, dem plötzlich das Verbot einfiel.

[Illustration]

»So, das sieht ja dem wunderlichen Fräulein Wunderlich ähnlich,« rief

Herr von Spiegel grimmig lachend. »Sieh mal einer an, nicht einmal

reden soll man mit mir! Sag einmal, Bub, spricht es sich nicht ganz gut

mit mir?«

Friede lachte, nickte und erwiderte treuherzig: »Ja.« Er blieb auch

sitzen und gab fröhlich und willig Antwort, denn der Professor fragte

gar viel nach dem Heimatsdorf und seinen Bewohnern, und darüber

vergaßen die beiden ungleichen Kameraden wieder Fräulein Wunderlichs

Verbot.

Das Fräulein hatte unterdessen viel an ihren kleinen Hausgenossen

gedacht. Etwas bereute sie beim Nachdenken ihre Strenge schon, und

wäre ihr Friede jetzt in den Weg gekommen, dann hätte er wohl ein

freundliches, mildes Wort gehört. Inzwischen klingelte es an der Türe,

und Marianne Sonntag kam zur Geigenstunde. Fräulein Wunderlich öffnete

selbst und sprach ein paar Worte mit dem Mädel, das ihres Bruders

Lieblingsschülerin war. Dabei fiel ihr wieder ein, daß Friede am Morgen

mit Ulrich Sonntag Streit gehabt hatte, und sie forschte: »Sag mal,

Kind, was hat denn dein Bruder unserm Pflegling getan?«

»Er ihm?« rief das Füchslein und wurde rot vor Ärger. »O pfui, Fräulein

Wunderlich, dieser Junge aus Oberheudorf ist abscheulich! Ulli wollte

mit ihm sprechen, da hat er gleich losgehauen -- -- so -- --,« und

krach schlug sie mit ihrer Notenmappe auf einen Stuhl, »so war's!«

»Aber Mädchen, nicht so wild!« mahnte Fräulein Wunderlich und seufzte:

»Ja, ja, ich glaube, wir haben uns einen bösen Knaben in das Haus

genommen, ich fürchte sehr, es wird viel Ärger geben. Nun geh also in

deine Stunde, Kind!«

Marianne schlüpfte in das Musikzimmer, Fräulein Wunderlich aber stieg

die Treppe hinauf, um einmal nach ihrem schlimmen Kostgänger zu sehen.

Zu ihrem Erstaunen fand sie oben das Zimmer leer und das Fenster weit

offen. »Er ist ausgerissen,« dachte sie erschrocken, »ich habe ihn

aus dem Hause getrieben.« Aber da hörte sie auf einmal Stimmen aus

dem Nachbargarten heraufschallen, und nun -- was war das? -- -- --

ein höchst vergnügtes Bubenlachen erklang da unten. Geschwind lief

sie ans Fenster und bog sich weit hinaus. Das war doch toll! Da saß

dieser abscheuliche Bengel und schwatzte mit dem verhaßten Nachbar, als

wäre der sein allerbester Freund! Ein heftiger Zorn erfaßte Fräulein

Wunderlich, und sie wollte schon laut ihren Pflegling anschreien; auf

einmal hielt sie inne, kehrte in das Zimmer zurück und begann sehr

geschwind Friedes Sachen zusammenzupacken. Der Junge mußte ihr aus dem

Hause, gleich, auf der Stelle! Husch, husch ging es, Bücher, Wäsche,

den neuen Sonntagsanzug, alles tat sie in den Sack. Dann schloß sie

ganz leise das Fenster, eilte hinab und rief ihre Magd. »Marie, nimm

die Sachen, trag sie hinüber zum Herrn Professor von Spiegel und sage,

dies wären die Sachen von dem Oberheudorfer Jungen, der möchte sehen,

wo er bleiben kann, wir hätten keinen Platz in unserm Hause für so

rüpelige Jungens, die zum Fenster hinausklettern.«

Marie sah ihre Herrin ein wenig zweifelnd an; es schien ihr doch ein

bißchen eilig mit dem Hinauswerfen zu gehen, und sie dachte: »Wenn doch

der Herr das hörte!«

Doch der hörte nichts, Marianne Sonntag stand drinnen in seinem Zimmer

und geigte so fein und lieblich, als wäre sie gar nicht das wilde

Füchslein. Auch als Marie draußen etwas laut polterte und rief, daß

es durch den ganzen Flur hallte: »Soll ich's wirklich bestellen, daß

der Friede nicht mehr zurückkommen darf?« hörten die beiden drinnen es

immer noch nicht, und brummend zog das Mädchen ab.

Friede saß noch immer auf der Bank neben dem Professor, als Marie

vorn am Tor stark die Glocke zog. Weil sie sich ärgerte, tat sie es

besonders laut, und weil die Botschaft, die sie ausrichten sollte, ihr

selbst zu hart vorkam, schrie sie den armen Friede heftig an, als sie

ihn erblickte, und ihre Stimme klang rauh, denn die Tränen saßen ihr in

der Kehle. »Da! -- Nu ist's wohl am besten, du gehst jetzt wieder nach

Oberheudorf zurück.«

Erst begriff Friede gar nichts. Er starrte die Magd ganz fassungslos

an, und der liefen in hellem Mitgefühl die Tränen aus den Augen.

»'s ist wahr, wahrhaftig wahr, du armer Junge,« schluchzte sie,

»rausgeworfen bist du, ritsch, ratsch rausgeworfen. Aber ich gehe auch,

in so 'nem Haus bleibe ich nicht, fällt mir nicht ein.« Damit lief sie

weg, sie konnte das bleiche, verstörte Gesicht des armen Jungen gar

nicht ansehen.

Der Professor war nicht minder erschrocken als Friede. Gleich fiel's

ihm ein, daran bist du schuld, du hättest den Buben nicht herunterrufen

sollen, und dann überkam ihn ein heftiger Zorn auf das hartherzige

Fräulein. »Bleib hier, ich geh' hinüber,« sagte er rasch, »ich werde

dem Fräulein Wunderlich ordentlich meine Meinung sagen.«

»Mit Verlaub, gnädiger Herr, das täte ich nicht gleich!« Der Gärtner

und Hausverwalter, der Marie die Türe geöffnet hatte, stand bescheiden

vor seinem Herrn und fuhr treuherzig fort: »Jetzt raucht der Ärger

drüben und hier noch zu sehr, und es könnte leicht ein Feuer geben.

Wär's nicht besser, der Junge da bliebe noch ein Weilchen hier?

Vermute, der Herr Organist wird bald selbst kommen, jetzt wird er den

Weg schon finden, und das wäre mir eine rechte Herzensfreude.«

»Ist recht,« rief der Professor, »das war ein guter Rat, und am besten

wär's jetzt, einen ordentlichen Kaffee zu trinken. Komm, Friede von

Oberheudorf, du bist mein Gast, jetzt sollst du mal Stadtkuchen

schmecken. Sieh nicht so unglücklich aus, armer Kerl, es wird alles

wieder gut werden.« Und als er sah, wie Friede sich tapfer die Tränen

verbiß, strich er ihm gütig über den blonden Krauskopf. »Ich verlasse

dich nicht, ich bleibe dein Freund.«

Im Organistenhaus war des Füchsleins Stunde zu Ende. Die Kleine packte

ihre Noten ein, so langsam und nachdenklich, daß Herr Wunderlich

lächelnd fragte: »Na, Mädel, was gibt's, was hast du noch auf dem

Herzen?«

»Ich möchte den Oberheudorfer Jungen sehen,« platzte Marianne heraus,

»er soll zwar gräßlich sein, aber -- -- aber -- --«

»Ich bin doch zu neugierig auf ihn,« vollendete der Organist. »So

schlimm ist es gar nicht mit ihm, er ist ganz brav, und ich rufe ihn

gerne; er fühlt sich gewiß recht einsam und schwatzt vielleicht eher

mit dir als mit uns.«

Und dann kam es heraus: Friede war nicht mehr im Hause, Fräulein

Wunderlich hatte ihn hinausgeworfen. Ihr Bruder wurde ganz blaß vor

Schreck. Ein anvertrautes Kind am ersten Tage aus dem Hause weisen,

das war ihm doch zu viel. »Ich muß ihn holen,« rief er und nahm

geschwind seinen Hut.

»Nein, nein,« jammerte seine Schwester, »ich nehme ihn nicht wieder,

nie wieder, und du darfst nicht zu dem Professor hinüber gehen, ich

leide es nicht!«

Herr Wunderlich antwortete gar nicht, er sah seine Schwester nur ernst

und tieftraurig an, und das zornige Fräulein fühlte beschämt, welch

großes Unrecht sie begangen hatte. Weil sie das aber nicht eingestehen

wollte fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen, sie schrie,

stöhnte, rang die Hände und tat, als sei ihr das allergrößte Herzeleid

geschehen. Ihr Bruder beachtete dies gar nicht, er nahm Marianne

Sonntag bei der Hand und verließ mit ihr das Haus. Draußen sagte er

betrübt: »Geh nach Hause, mein Kind, und denke nicht zu schlecht

von dem armen Jungen und gib ihm ein freundliches Wort, wenn du ihn

siehst.« Er nickte dem Füchslein noch einmal zu und zog dann die Glocke

am Nachbarhaus, zum erstenmal wieder seit vielen Jahren.

»Der Herr Organist ist da,« sagte nach einem Weilchen die Gärtnersfrau

mit strahlendem Gesicht zu dem Professor, der mit seinem sehr

niedergeschlagenen Gast am Kaffeetisch saß, »er ist doch gekommen!«

Der Professor sprang auf. »Bleib, Junge,« rief er, »daß der Matthias

Wunderlich zu mir kommt, freut mich. Vielleicht hast du mir Glück

gebracht, Friede von Oberheudorf, und ich gewinne einen alten Freund

wieder.«

Friede mußte lange, lange warten, ehe sein Gastfreund zurückkehrte.

Herr Wunderlich kam mit ihm, und die beiden alten Herren sahen aus, als

hätten sie sich recht tüchtig mit Frühlingssonnenschein eingerieben, so

glänzten ihre Gesichter und so strahlten ihre Augen. Das Wiedersehen

nach langen Jahren war auch ein Wiederfinden geworden; sie hatten sich

ausgesprochen und hatten dabei entdeckt, daß sie beide im Herzen noch

die gleiche Freundschaft hegten.

»Deine Schwester versöhnen wir auch noch,« sagte der Professor heiter,

»der Junge, den sie so geschwind aus dem Haus gestoßen, soll uns

helfen. Laß ihn vorläufig bei mir, ich bleibe den Sommer über hier und

will ihn behalten, bis deine Schwester ihn selbst zurückholt.«

Der Organist schüttelte trübe den Kopf. »Sie ist sehr böse auf ihn.«

»Sie hat aber doch ein gutes Herz, ich weiß es, ich weiß, wie viel

Gutes sie in aller Stille tut, und ich glaube bestimmt, der Junge ist

uns dreien zur Versöhnung gekommen.«

Friede war es wohl zufrieden, daß er unter des Professors Schutz in

dem schönen Hause bleiben sollte, und weil Herr Wunderlich gar nicht

schalt, sondern gütig und väterlich mit ihm sprach, hellte sich sein

Gesicht auf. Er versprach, tapfer zu sein und brav in die Schule zu

gehen, seine Pflicht zu tun und seinem Beschützer Freude zu machen.

»Ich schreibe selbst an deine Muhme oder fahre nächste Woche einmal

hinaus nach Oberheudorf, damit die alte Frau sich nicht sorgt,«

versprach der Professor. »Hast du ihr schon geschrieben?«

Friede schüttelte den Kopf. »Ich soll erst in vierzehn Tagen schreiben,

früher nicht; Muhme Lenelies meinte, sonst würde ich mit dem Heimweh zu

schwer fertig!«

»Deine Muhme hat recht, und nun sieh zu, daß du ihr in vierzehn Tagen

einen guten, fröhlichen Brief schreiben kannst. So viel wie an diesem

ersten Tag wirst du wohl nicht jeden Tag erleben.«

So blieb Traumfriede in dem großen Haus mit dem steinernen Wappen über

dem Tor. Frau Emma, die Hausverwalterin, richtete ihm ein freundliches

Zimmer ein, von dessen Fenstern aus er gerade das Organistenhaus sehen

konnte und die Veilchenwand, an der er hinabgestiegen war.

Friede kam sich an diesem Abend wie einer der verwunschenen, verfolgten

und verspotteten Prinzen vor, von denen es in Muhme Lenelies' Märchen

wimmelte. Aber er schlief auch hier gut und wanderte am nächsten

Morgen wieder mutiger in die Schule, doch bedrückt kehrte er heim. Er

hatte so fremd unter seinen Mitschülern gesessen wie am vergangenen

Tage, und wieder hatten sie ihn mit spottenden Worten und höhnischen

Sticheleien gekränkt. Ein Gymnasiast zu sein, war doch viel schwerer,

als in die Oberheudorfer Schule zu gehen. Und weil die Sehnsucht in ihm

klopfte und pochte und er so viel an Oberheudorf denken mußte, setzte

er sich hin und schrieb an Heine Peterle einen Brief. An die Freunde

zu schreiben hatte ihm die Muhme ja nicht verboten, und sicher würden

diese warten, und gewiß würden sie sich sehr freuen. Ach, es gab ja so

viele Gründe, einen Brief zu schreiben!

[Illustration]

Heine Peterles Brief.

Es war wieder einmal die Stunde gekommen, in der die meisten

Oberheudorfer Kinder die Schule am liebsten hatten, -- sie war nämlich

aus. Die Schulglocke hatte geschwind und eilig gebimmelt, fast heiser

war sie dabei geworden; dann hatte der Lehrer das Buch zugeklappt,

und nun ging es laut und lustig auf der Dorfstraße zu. Und es war

drollig: jene, die in der Schule immer ihren Mund hielten, wenn der

Lehrer fragte, taten ihn hier draußen kaum zu. Zu diesen gehörte an

diesem Tage auch Heine Peterle. In der Schule hatte er nichts gewußt,

so wenig, daß es beinah zum Nachsitzen gekommen wäre, und draußen

schwatzte er, als hätte er sich von der Jungfer Elster den Schnabel

geborgt. Gerade wie der Lärm am größten war und die Kinder nun alle

aus dem Schulhaus herausgekommen waren, schritt der Postbote durch das

Dorf. Allzuviel hatte der immer nicht abzugeben, denn die Oberheudorfer

waren keine großen Briefschreiber. Ihre Sippschaft saß meist in den

Dörfern in der Nähe, und wenn ein Familienmitglied dem andern etwas

sagen wollte, lief es lieber drei, vier oder fünf Stunden, ehe es einen

Brief schrieb. Die Kinder bekamen erst recht keine Briefe, und so

purzelten sämtliche Buben und Mädel vor Erstaunen beinahe um, als der

Postbote auf die Kinder zukam, einen Brief hochhielt und rief: »Der ist

für Heine Peterle Putzenkeller!«

Heine Peterle riß seinen Mund auf, als wollte er ein Fliegenschnapper

werden, doch seine Gefährten brüllten gleich laut los: »Heine Peterle

kriegt 'n Brief -- 'n Briiiieef!«

»Na freilich, warum soll er nicht mal 'nen Brief kriegen?« Der Postbote

schmunzelte und hielt dem Buben das Schreiben hin. »Da, nimm es doch!«

Aber der sah es an, als wäre es ein glühender Plättstahl, er stöhnte

ordentlich; der Gedanke einen Brief zu bekommen, war zu überwältigend.

»Nimm ihn doch, nimm, nimm!« forderten die andern auf. Anton Friedlich

versetzte ihm einen Puff von links, Schulzens Jakob einen von rechts,

und nun entschloß sich Heine Peterle endlich, den Brief zu nehmen. Er

wurde feuerrot dabei und hielt das kleine weiße Ding zitternd in der

Hand.

[Illustration]

»Es ist von Friede Heller, auf der Rückseite steht's,« sagte der

Postbote, »nu mach ihn nur auf!«

»Von Friede, oh von Friede,« schrieen die Buben und Mädel vergnügt,

»dann ist der Brief für uns alle.«

»Nä, der ist for mich.« Heine Peterle preßte das Schreiben fest an

seine Brust, denn Anton Friedlich griff schon danach. »Mach ihn doch

auf!« mahnte der.

»Ja, mach'n auf, wir wollen wissen, was drin steht,« ermunterten auch

die andern, und Annchen Amsee drängte sich dicht an Heine Peterle

heran. »Uh je, geht das langsam!«

»Das is doch mein Brief,« rief der Bube patzig, »erst lese ich'n

alleine. Nä, laß doch!«

Schulzens Jakob hatte versucht, den Brief zu greifen, und kaum hatte

ihn Heine Peterle vor dem Griff geschützt, als der dicke Friede danach

langte. »An mich ist er erst recht, ich heiße Friede!«

»Nä, mir gehört er!« Mit beiden Händen umklammerte Heine Peterle das

weiße Ding, er puffte mit den Ellenbogen nach beiden Seiten und trotzte

borstig auf: »Wenn ihr so seid, dann sag' ich nicht, was drinne steht.«

»Wie sind wir denn?« fragten die andern gekränkt. »Nä, pfui, wie du

bist! Der Brief ist doch für uns alle!«

»Nä,« Heine Peterle stampfte mit dem Fuß auf, »der gehört mir, erst muß

ich'n lesen.«

»Na, dann lies doch fix! O bist du'n Tranpeter!«

Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln · 第 2 / 12 段