Für das Kloster S. Maria dello Spasimo zu Palermo malte er die

Kreuztragung Christi (Abb. 82). Dabei legte er freilich der Komposition

den betreffenden Holzschnitt in Dürers Großer Passion zu Grunde, dem

er den unter der Last des Kreuzes zusammengebrochenen Christus fast

genau entlehnte; aber er arbeitete seine eignen Empfindungen hinein und

machte die Neuschaffung durchaus zu seinem geistigen Eigentum; ganz

unabhängig von dem nordischen Vorbild ist namentlich die Gruppe der

niedersinkenden Mutter Maria und ihrer Frauen (Abb. 83). Das Gemälde

hat merkwürdige Schicksale durchgemacht; das Schiff, auf dem es nach

Sizilien gebracht werden sollte, ging unter, die Kiste mit dem Bild

aber wurde ans Land getrieben und kam nach Genua; die Kunde von dem

aufgefischten Gemälde verbreitete sich bald, aber nur infolge der

Vermittelung des Papstes gaben die Genueser den Schatz an die Mönche

zu Palermo heraus; an seinem Bestimmungsort aufgestellt, erlangte das

Bild, nach den Worten Vasaris, „mehr Ruf und Berühmtheit als der Berg

des Vulkan.“ Im XVII. Jahrhundert kaufte Philipp IV das Gemälde den

Mönchen heimlich ab und ließ es nach Spanien bringen; jetzt befindet es

sich im Museum zu Madrid.

Bei der Kreuztragung scheint die Eigenhändigkeit Raffaels in Bezug auf

die Malerei zweifelhaft. Unzweifelhaft aber ist sie bei dem Juwel der

akademischen Gemäldesammlung zu Bologna, der h. Cäcilia (Titelbild).

Das Bild wurde schon 1513 als Altargemälde für eine Kapelle der

Kirche S. Giovanni in Monte zu Bologna bestellt, aber erst 1516 kam

der Meister dazu, dasselbe auszuführen. Es ist ein unvergleichliches

Gedicht auf den Zauber der Musik. In der Mitte des Bildes steht

Cäcilia, eine jungfräuliche Gestalt von holdseligster Anmut, mit der

Orgel in den Händen, und gibt sich entzückt den Klängen hin, die ein

Chor von Engeln in den Lüften ertönen läßt; vier Heilige umgeben

sie, Paulus, der Evangelist Johannes, Augustinus und Magdalena, von

denen jeder in seiner Weise, ein vollendetes Charakterbild, den

Himmelsklängen lauscht; weltliche Musikinstrumente -- diese von

Raffaels begabtem Schüler Giovan da Udine (geb. 1487), der ein Meister

in liebevoller Wiedergabe der Natur in kleinen Dingen war, ausgeführt

-- liegen zerbrochen am Boden. In der Farbe ist das Gemälde selbst

Musik.

Gleichfalls für einen Bologneser Besteller entwarf Raffael dann ein

Bildchen, in dem er in miniaturartig kleinem Maßstabe eine riesengroße

Schöpfung niederlegte: die sogenannte Vision des Ezechiel (Abb. 84),

jetzt im Pitti-Palast. Zwischen den Fittichen der vier lebenden Wesen,

die in der christlichen Kunst von jeher als Sinnbilder der Evangelisten

gegolten haben, schwebt Jehova im Weltraum und breitet mit erhobenen

Armen, die dienstbereite Engelknaben stützen, die Hände segnend über

die tief unten in der Ferne sichtbare Erde aus.

[Illustration: Abb. 85. +Die Dame mit dem Schleier.+ Bildnis einer

Unbekannten, in welcher man das Urbild zu dem Antlitz der Sixtinischen

Madonna zu sehen glaubt.

Im Palazzo Pitti zu Florenz.]

[Illustration: +Sixtinische Madonna+ in der Gemäldegalerie zu

Dresden.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach im Els. und Paris.)]

In die nämliche Zeit der höchsten Schaffenskraft des Meisters fällt

unzweifelhaft dasjenige Gemälde, welches vielleicht mehr als irgend

ein anderes seiner Werke jeden heutigen Beschauer die ganze Macht der

Kunst empfinden läßt, die Sixtinische Madonna (Einschaltebild). Vasari

berichtet mit wenigen Worten: „für die schwarzen Mönche (Benediktiner)

von S. Sisto in Piacenza machte er das Hauptaltargemälde, darauf

Unsere Frau mit dem h. Sixtus und der h. Barbara, ein in Wahrheit ganz

seltenes und einziges Werk.“ Das vom ersten bis zum letzten Strich von

Raffael eigenhändig gemalte Bild stand bis zum Jahre 1753 an seinem

Bestimmungsort, dann wurde es für König August III erworben und nach

Dresden geschafft. Dort fand es keineswegs von vornherein ungeteilten

Beifall; die Kunstkenner des vorigen Jahrhunderts waren im Zweifel

darüber, ob das Gemälde wirklich des großen Raffael ganz würdig sei.

So ändern die Kunstanschauungen sich im Wechsel der Zeiten. Heute

vermag wohl niemand empfindungslos dieser Schöpfung gegenüberzustehen,

deren Wesen sich nicht in Worte fassen läßt, die den Blick in eine von

allem Irdischen losgelöste andere Welt entrückt und den Beschauer zu

andächtigem Schweigen zwingt. -- Wenn jemals ein Antlitz gemalt worden

ist, das ganz von überirdischer Verklärung durchgeistigt ist, so ist

es dasjenige der Mutter des Erlösers auf dem Bilde von S. Sisto. Und

dennoch gibt es ein Frauenbildnis von ganz weltlicher Art, das eine

gewisse Ähnlichkeit mit demselben zeigt, so daß die Vermutung Raum

gefunden hat, daß dieses Bildnis uns die Frau kennen lehre, deren

Züge Raffael vorschwebten, als er jenes Antlitz schuf. Es ist die

sogenannte Dame mit dem Schleier (~Donna velata~) (Abb. 85) in

der Pitti-Galerie, ein treffliches Porträt, bei dem der Raffaelische

Ursprung, wenn auch nicht ganz unbestritten, so doch in hohem Grade

wahrscheinlich ist. Die Ähnlichkeit, welche diese schöne Römerin

mit den großen dunklen Augen mit der Sixtinischen Madonna hat, ist

immerhin nur eine entfernte, aber ganz unverkennbar gleicht sie der

Magdalena auf dem Bilde der h. Cäcilia. Es pflegt sich daher an die

Dame mit dem Schleier die Vorstellung zu knüpfen, daß sie uns die Züge

der Geliebten Raffaels verriete, von der Vasari mehrmals spricht,

und deren Bild er unter den Frauenbildnissen des Meisters besonders

hervorhebt. Diese Geliebte, deren Namen nirgends genannt wird, war für

die Nachwelt, die sich nicht gern damit begnügt, von großen Männern

bloß die großen Werke zu kennen, ein Gegenstand prickelnder Neugier;

selbst einen Namen hat die geschäftige Sage für dieselbe aus

der Luft gegriffen: ~la fornarina~, die Bäckerstochter. Diese

Bezeichnung ist haften geblieben an dem Bildnis einer entschleierten

Schönen, die auf dem Armband den Namen Raffaels trägt; dasselbe hat

seit alten Zeiten als das Bild einer Geliebten des Meisters gegolten

und ist als solches schon im XVI. Jahrhundert wiederholt kopiert

worden; das Original befindet sich im Palazzo Barberini zu Rom (Abb.

86). -- Raffael hat schönere Bildnisse gemalt als dieses. Unter Julius

II hatte dieser Zweig seiner Thätigkeit etwas geruht; wenigstens

erfahren wir außer von dem Porträt des Papstes selbst nur noch von

zweien, von demjenigen des jungen Prinzen Federigo Gonzaga von Mantua

und von dem des kunstsinnigen römischen Bankherrn Bindo Altoviti; das

erstere ist verschwunden, das letztere befindet sich, leider durch

Übermalungen mißhandelt, in der Münchener Pinakothek, wo es lange als

Raffaels Selbstbildnis gegolten hat, infolge des allerdings zweideutig

scheinenden Ausdrucks des Vasari: „Dem Bindo Altoviti machte er sein

Porträt, als er jung war.“ -- Unter Leo X aber wurde die Bildnismalerei

ein bedeutender Teil von Raffaels Thätigkeit. So malte er unter anderen

den Bruder und den Neffen des Papstes, Giuliano und Lorenzo de’ Medici,

den als Dichter und Prediger gleich bewunderten päpstlichen Sekretär

und Bibliotheksvorsteher Tommaso Inghirami, den Sänger und Dichter

Antonio Tebaldeo, den gleichfalls als Dichter glänzenden, Raffael

eng befreundeten Grafen Baldassare Castiglione und den staatsklugen

Kardinal Bibbiena (Bernardo Dovizio). Einige dieser Bildnisse sind

verschollen; andere sind nur in alten Nachbildungen vorhanden oder

in solchen Exemplaren, bei denen es zweifelhaft scheint, ob sie die

Originale seien; jedenfalls genügt das Vorhandene, um uns Raffael als

einen der Größten aller Zeiten auch in der Bildnismalerei bewundern zu

lassen. Unzweifelhaft Raffaels eigenhändiges Werk ist das im Louvre

bewahrte Bild des Grafen Castiglione. Neben diesem geistreichen

und liebenswürdigen Freunde des Meisters interessiert es uns am

meisten, seinen besonderen Gönner Kardinal Bibbiena kennen zu lernen

(im Pitti-Palast). Mit dessen Nichte hat sich Raffael, wenn Vasari

recht berichtet ist, thatsächlich verlobt; aber zur Vermählung kam

es nicht; der vom Papst ihm in Aussicht gestellte Kardinalshut soll

dem Meister verlockender erschienen sein als das Band der Ehe. Eine

größere Arbeit, die Raffael für Bibbiena im Jahre 1516 unternahm, war

die Ausschmückung eines (jetzt unzugänglichen) Badezimmers im Vatikan

mit Wandmalerei nach antiker Art. -- Den Abschluß und die Krone von

Raffaels Bildnissen bildet dasjenige des Papstes Leo selbst, auf dem

neben dem Papste, der an einem Tische sitzt, mit der Lupe in der

Hand, um die Miniaturen einer vor ihm aufgeschlagenen Handschrift zu

betrachten, zwei Kardinäle mit abgebildet sind, Giulio de’ Medici

(nachmals Papst Clemens VII) und Lodovico de’ Rossi, dieser der Neffe,

jener der Vetter Leos (Einschaltebild). Von diesem Prachtbild gibt es

zwei Exemplare, eins im Palazzo Pitti, eins im Museum zu Neapel. Wir

dürfen uns nicht darüber wundern, wenn die Frage, welches das echte

Bild sei, sich heute schwerlich entscheiden läßt; die Kopie wurde im

Jahre 1525 durch Andrea del Sarto angefertigt, und sie gelang diesem

gewandten Maler so vortrefflich, daß Giulio Romano selbst, der Raffael

an dem Gemälde geholfen hatte, sich soll haben täuschen lassen. -- Das

letzte Bildnis, das aus Raffaels Werkstatt hervorging, war dasjenige

der schönen Johanna von Aragonien, der Gemahlin des Conestable von

Neapel (Abb. 87). Kardinal Bibbiena bestellte dasselbe als Geschenk

für den König von Frankreich, zu dem er sich 1518 als Gesandter

begab. Raffael hatte keine Zeit, selbst nach Neapel zu gehen, um die

Fürstin zu porträtieren. Er schickte einen seiner Schüler hin, der die

Skizze zu dem Bildnis zeichnete; nach dieser Zeichnung wurde dann das

farbenprächtige Gemälde, das sich jetzt im Louvre befindet, ausgeführt.

Nach Vasaris Zeugnis hat Raffael daran nur den Kopf gemalt, das übrige

ist von Giulio Romano.

Vom Jahre 1517 an kam Raffael überhaupt kaum noch dazu, irgend eine

Sache eigenhändig auszuführen; fing er einmal an einem Bilde zu

malen an, so mußte dasselbe doch bald wieder hinter neuen Aufträgen

zurückstehen. Von persönlicher Ausübung der Freskomalerei war schon

gar keine Rede mehr; aber unter seiner Leitung entstanden noch zwei

große Wunderwerke der Wandmalerei: die Vatikanischen Loggien und die

Geschichte der Psyche in der Villa Chigis.

[Illustration: Abb. 86. +~La fornarina.~+ Bildnis einer

Unbekannten im Palazzo Barberini zu Rom.]

[Illustration: Abb. 87. +Johanna von Aragonien+ im Louvre zu Paris.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 88. +Grotesken an einem Pfeiler der Vatikanischen

Loggien.+]

[Illustration: +Papst Leo X.+

Im Palazzo Pitti zu Florenz.]

Ein Teil des Vatikanischen Palastes öffnet sich nach einem Hofe hin

in sämtlichen Stockwerken durch Bogenlauben (~loggie~), die nach

Bramantes und teilweise auch nach Raffaels Entwürfen erbaut sind.

Denjenigen Teil der Loggien nun, der im zweiten Stock den Zugang zu den

Stanzen bildet, wollte Leo X in einer Weise ausgeschmückt sehen, die

eine würdige Einleitung zu der künstlerischen Pracht jener Gemächer

sein sollte. Vielleicht schon gleichzeitig mit der Bestellung der

Teppichkartons empfing Raffael den Auftrag zur Ausschmückung dieser

Laube. Die Aufgabe war freilich hier eine ganz andere als in den

inneren Gemächern; wer hier in freier Luft und doch vor der Sonnenglut

geschützt einherwandelte, dem durfte die Kunst nur ein heiteres

Formen- und Farbenspiel darbieten, das den Geist beschäftigte, ohne

ihn anzustrengen, und das Auge erfreute gleichwie die unvergleichliche

Aussicht über die ewige Stadt und die Campagna und die fernen Berge.

Raffael hat hier ein Werk geschaffen, das seinesgleichen nicht hat.

Nur bekommen wir den vollen Eindruck desselben nicht mehr an Ort und

Stelle; Wind und Wetter haben den Fresken gar schlimm mitgespielt, so

daß in unserem Jahrhundert die Bogen durch Glasfenster geschlossen

werden mußten, um wenigstens das Vorhandene zu retten; leider hat auch

die Roheit der Besucher das Ihrige dazu beigetragen, die Reste

schmählich zu mißhandeln. Glücklicherweise fehlt es nicht an guten

alten Kupferstichen, welche die Anschauung des Werkes ergänzen. Die

Kunst des Altertums hat demselben als Grundlage gedient. Kurz vorher

waren in den verschütteten Ruinen der Bäder des Titus wohlerhaltene

Beispiele antiker Wanddekoration in Stuck und Malerei entdeckt worden.

Diese reizvollen Gebilde einer mutwillig umherschweifenden Phantasie

-- Grotesken, wie man sie nannte, weil sie sich nur in unterirdischen

Gewölben (~grotte~) erhalten hatten -- gaben das Vorbild für

die Auszierung der Loggien; nicht als ob sie schlechtweg kopiert

worden wären, aber der künstlerische Sinn, aus dem sie hervorgegangen

waren, wurde mit voller Frische zu neuem Leben erweckt. Einzelnes

wurde wohl unmittelbar den antiken Darstellungen entliehen; Raffael

wendete gerade in jener Zeit den Überbleibseln der antiken Kunst sein

höchstes Interesse zu, auf sie verwies er seine Schüler, wenn die Zeit

ihm fehlte, hinreichende Vorlagen zu entwerfen, und in ganz Italien,

ja selbst in Griechenland unterhielt er Zeichner behufs Aufnahme

antiker Werke. Aber das meiste wurde im Geiste und im Geschmack der

altrömischen Verzierungskunst neu geschaffen. An Pfeilern und Bogen

rankten die Grotesken empor (Abb. 88), in zierlicher Leichtigkeit und

in einer Mannigfaltigkeit der Bildungen, von der auch nur annähernd

durch das Wort eine Vorstellung geben zu wollen, ein fruchtloses

Beginnen wäre. In gebundenerer Formengebung überspinnt das Farbenspiel

die Wandflächen, in denen den Bogenöffnungen gegenüber die Fenster

und Thüren der päpstlichen Wohnräume liegen, und die Kuppelwölbungen,

welche die Loggien bedecken; in jeder Kuppel ordnen sich vier Bilder

dem Schmuckwerk ein, die aber ihre Stoffe nicht aus der heiteren

Götterwelt des Altertums, sondern, der Würde des apostolischen Palastes

entsprechend, aus der biblischen Geschichte schöpfen. Die Ausführung

der Grotesken und des Stuckwerkes stellte Raffael unter die Leitung des

Giovan da Udine, diejenige der Bilder unter die Aufsicht des Giulio

Romano.

Außer diesen beiden aber arbeitete noch eine ganze Schar von Schülern

Raffaels an dem Werk, das der überall waltende Geist des Meisters mit

einem einheitlichen Band umgab. In den Einzelheiten folgte jeder seinen

eignen Eingebungen; namentlich in den kleinen für sich eingerahmten

Stuckbildchen, welche überall in den Arabesken verflochten sind,

legte jeder nieder, was ihm gerade einfiel. Da finden wir freie

Abbildungen von antiken Standbildern und Reliefs, von Kompositionen

Raffaels und Michelangelos und frische Szenen aus dem Leben, wir

blicken sogar in das Treiben der Künstler selbst hinein: da sitzt der

Meister und zeichnet mit Emsigkeit; ein Farbenreiber bereitet die

Farben; ein Maurer trägt den frischen Mörtelgrund auf, und neben ihm

ritzt ein junger Maler in den aufgetragenen Grund die Umrisse ein,

ein anderer malt, ein dritter bringt einen Karton herbei, um ihn an

die Wand zu heften, ein vierter ist damit beschäftigt, die Umrisse

eines anderen Kartons mit der Nadel zu durchstechen, während ein alter

Famulus die Farbentöpfe zurecht macht. -- Die 52 Bilder in den 13

Kuppeln der Loggia pflegt man unter dem Namen „die Bibel Raffaels“

zusammenzufassen. Sie beginnen mit der Schöpfung und schließen mit

dem Abendmahl; nur vier gehören dem Neuen, die übrigen alle dem Alten

Testament an. Nach Vasari würden dieselben sämtlich auf Entwürfen

Raffaels beruhen; doch können in dem letzten Teil der Arbeit diese

Entwürfe höchstens in ganz flüchtigen Skizzen bestanden haben, während

aus den ersten allerdings Raffaels Erfindung mit ihrer ganzen Kraft und

Liebenswürdigkeit zu uns spricht. Aber auch die minderwertigen unter

diesen Bildern erfüllen vortrefflich ihren nächsten, dekorativen Zweck,

mit kräftigen, vollen Farbenakkorden das leichte Spiel des Zierwerks

zu unterbrechen und das Auge angenehm zu fesseln. Die Darstellungen in

der ersten Kuppel lehnen sich sichtlich an ein übermächtiges Vorbild,

Michelangelos Schöpfungsgemälde in der Sixtinischen Kapelle, an, und

wenigstens eins derselben, die Scheidung von Licht und Finsternis

durch das Machtwort Gottes, bleibt trotz der kleinen Verhältnisse kaum

hinter dem großen Vorbild zurück. Vielleicht am alleransprechendsten

ist die zweite Kuppel, welche die Geschichte des ersten Menschenpaares

erzählt; in dem zauberisch schönen Paradiesesgarten führt der Herr dem

erstaunt aus dem Schlummer erwachenden Adam die Gefährtin zu (Abb.

89); dann reicht Eva dem Manne die verbotene Frucht (Abb. 90) -- ein

Vergleich mit dem Deckenbilde in der Stanza della Segnatura lehrt uns,

wie verschiedenartig in der Auffassung und wie gleichwertig in der

Schönheit Raffael ein und denselben Gegenstand zu behandeln wußte --;

der Engel mit dem Schwerte stößt die Gefallenen in die rauhe Welt,

wo ein tobender Sturm, der starke Bäume knickt, den landschaftlichen

Gegensatz gegen den Paradiesesfrieden bildet; aber auch die Erde ist

schön in Raffaels Augen, das sehen wir auf dem vierten Bilde dieser

Kuppel an dem glücklichen Lächeln, das Eva ihren munteren Kindern

schenkt, an der sonnigen Anmut der Landschaft, in der Adam das Feld

bestellt. Die Schönheit der Landschaft bildet überhaupt einen großen

Reiz in einer ganzen Anzahl dieser biblischen Bilder. Worin sie fast

ausnahmslos unübertroffen dastehen, das ist die knappe Deutlichkeit

anschaulicher Erzählung; in dieser Beziehung sind sie Musterwerke,

deren Wert durch die ungleichmäßige und nicht immer gerade musterhafte

Ausführung nicht abgeschwächt wird.

[Illustration: Abb. 89. +Die Erschaffung der Eva.+ Kuppelgemälde

in den Vatikanischen Loggien.]

Die Vatikanischen Loggien waren noch nicht vollendet, da rief Chigi

den Meister wieder in die Götterwelt des Altertums. Es galt die

Ausschmückung der großen Loggia des Erdgeschosses in Chigis Villa

in Trastevere. Das Märchen des Apulejus von Amor und Psyche bot den

Stoff. Aber wie unendlich viel poetischer hat Raffael den Gegenstand

aufgefaßt, als der spätrömische Schriftsteller, dessen Erzählung nur

eine Profanierung des schönen Mythus von der Seele und der Liebe ist.

Mit dem höchsten Geschick hat dabei der Meister seine Darstellungen

den verschiedengestaltigen Flächen der Wölbung -- denn auf diese

beschränkte sich der Schmuck -- angepaßt. Es boten sich ihm vierzehn

spitzige Kappen dar, die von den Halbkreisbogen der Laubenöffnungen und

der entsprechenden Wandfelder aus in die Wölbung einschneiden, zehn

nach unten spitz zulaufende Zwickel, in denen sich die Wölbung auf

die Pfeiler und Pilaster herabsenkt, und ein großes, langgestrecktes

viereckiges Mittelfeld. Raffael rahmte diese Felder mit Blumen-

und Fruchtgewinden ein, wobei er das Mittelfeld in zwei Hälften

zerlegte, und füllte die Flächen mit lebensgroßen Figuren auf luftig

blauem Grunde. In den Zwickelfeldern beginnt die Erzählung mit einer

Darstellung der Venus, die ihren Sohn auf die Erde herabsendet, um

Psyche für ihre Schönheit zu strafen, nicht ahnend, daß Amor seine

Macht an sich selbst erfahren sollte; im Vorbeischweben macht Amor die

Grazien auf das schöne Ziel, dem sein Geschoß gelten soll, aufmerksam

(Abb. 91). Was nunmehr nach der Erzählung auf Erden geschieht, die

Verbindung Amors mit Psyche, und wie diese durch die Verletzung des

Gebotes, das Wesen des Geliebten nicht zu erforschen, ihres Glückes

verlustig wird, liegt außerhalb der Darstellungen, denn diese bewegen

sich nur im Olymp. Wir sehen Venus, wie sie sich ungetröstet von Juno

und Ceres, die ihr nicht Rat und Hilfe gewähren können, hinwegwendet,

wie sie auf ihrem Taubenwagen die Himmelshöhen durchfährt, um die

Unterstützung Jupiters zur Bestrafung der Psyche anzurufen, wie sie

sich mit schmeichelnder Bitte dem Göttervater naht (Abb. 92); darauf

schwingt sich Merkur zur Erde herab, um Psyche zu suchen und sie der

Rache der Göttin zu überliefern. Wie Psyche die letzte, schwerste

Prüfungsaufgabe gelöst und für Venus ein Gefäß aus der Unterwelt

heraufgeholt hat, wie sie dieses demütig knieend der erstaunten Göttin

darreicht, zeigt das nächste Bild. Und jetzt bittet Amor bei Jupiter um

Gnade für die Geliebte und empfängt mit freundlichem Kuß die Gewährung;

darauf schwebt Psyche, von Merkur geleitet, zum Himmel empor (Abb.

93). In dem einen der großen figurenreichen Bilder des Mittelfeldes

der Decke sehen wir, wie Jupiter den Streit zwischen Venus und Amor

in feierlicher Versammlung der Götter schlichtet und wie Psyche den

Trank der Unsterblichkeit empfängt; auf dem anderen feiern die Götter

bei festlichem Gelage die Vermählung von Amor und Psyche. So erzählt

Raffael die Geschichte; in den Kappenfeldern aber läßt er kleine

Liebesgötter umherschweben, welche den Göttern ihre Würdezeichen und

Waffen geraubt haben und so an den Beschauer die Frage des griechischen

Dichters stellen:

Wenn die Unsterblichen selbst vor ihm nicht retten die Waffen,

Könnte der sterbliche Mensch trotzen dem schelmischen Gott?

[Illustration: Abb. 90. +Der Sündenfall.+ Kuppelgemälde in den

Vatikanischen Loggien.]

[Illustration: Abb. 91. Aus der Fabel der Psyche: +Amor und die

Grazien.+ Deckengemälde in der Villa Farnesina zu Rom. Der Rücken

der vorderen Grazie ist eine der wenigen Stellen in diesen Malereien,

die von der späteren Übermalung verschont geblieben sind.]

Leider sind die köstlichen Gemälde gegen Ende des XVII. Jahrhunderts in

sehr gefühlloser Weise aufgefrischt worden; dabei haben besonders die

feinen Umrisse der Figuren stellenweise arg gelitten, und der sonnige

Luftton des Hintergrundes ist in einen schweren, trüben blauen Anstrich

verwandelt worden. Wenn das Werk auch so noch einen wunderbaren Zauber

ausübt, so ist das wohl das glänzendste Zeugnis für die unverwüstliche

Macht seiner künstlerischen Erfindung. Unberührt von der Übermalung ist

die Figur der einen Grazie geblieben, welche dem Beschauer den Rücken

zuwendet: dieser herrlich gemalte Rücken gilt als Raffaels eigenhändige

Arbeit. Vasari berichtet an einer Stelle, daß der Meister eine Anzahl

Figuren in diesen Fresken noch selbst gemalt habe; im übrigen fiel

die Ausführung der Bilder dem Giulio Romano und dem Giovan Francesco

Penni (dem sein Dienstverhältnis zu Raffael den Beinamen ~il

fattore~, der Verwalter, verschafft hat) zu; die prächtigen Blumen-

und Fruchtgewinde malte Giovan da Udine. Daß Raffael zu den sämtlichen

Bildern ausführliche Vorzeichnungen gemacht hat, ist außer Frage: kein

anderer hätte sie so erfinden und gestalten können. Von den erhaltenen

Studien zu den Deckengemälden der Farnesina zeigen freilich nur wenige

die Handschrift des Meisters (Abb. 94); zu den Studien kommt eine

Anzahl von Nachzeichnungen nach den Kartons, wie sie die jüngeren

Schüler zu ihrer Übung zu machen pflegten, und auch diese haben für

uns ihren Wert, da sie uns teilweise die ursprüngliche Schönheit der

Formengebung ungetrübter vor Augen führen als die übermalten Fresken.

[Illustration: Abb. 92. Aus der Fabel der Psyche: +Venus vor

Jupiter.+ Deckengemälde in der Villa Farnesina zu Rom. Die Figur

der Venus ist besonders in den Umrissen durch die Übermalung stark

entstellt.]

[Illustration: Abb. 93. Aus der Fabel der Psyche: +Merkur und

Psyche.+ Deckengemälde in der Villa Farnesina zu Rom.]

[Illustration: Abb. 94. +Studie zu Venus und Psyche+ in der Villa

Farnesina.

Handzeichnung in der Louvresammlung zu Paris.]

Raffael · 第 6 / 7 段