Wenn wir lesen, daß Raffael schon wieder die Ausmalung eines neuen

Zimmers im Vatikan begonnen hat, so kann uns das nach den bisherigen

Erfolgen nur selbstverständlich erscheinen. Überraschend aber wirkt

die Nachricht, daß ihm die Bauleitung von St. Peter an Stelle des

verstorbenen Bramante übertragen worden ist. -- Bramante starb am 11.

März 1514; auf dem Todesbette hatte er Raffael zu seinem Nachfolger

empfohlen, wie wir aus dem amtlichen Ernennungsschreiben des Papstes

erfahren. Modell und Plan, welche Raffael einreichte, fanden den

Beifall des Papstes. Wohl empfand der Meister die große Last, welche

diese neue Ehre ihm auferlegte. Aber mit Feuereifer warf er sich,

in dem Wunsche, „die schönen Formen der antiken Gebäude zu finden“,

auf das Studium des Vitruv und der erhaltenen Baudenkmäler des

Altertums. Ein alter Gelehrter, Fabio Calvi, den er freundlich in

sein Haus aufnahm, übersetzte ihm das Werk des antiken Baumeisters

ins Italienische. Die Beschäftigung mit den baulichen Resten des

Altertums füllte in Raffaels letzten Lebensjahren einen großen Teil

seiner Thätigkeit; er maß und zeichnete die Denkmäler ab und begann

das gewaltige Unternehmen, die ganze Pracht der antiken Stadt den

Zeitgenossen in Rekonstruktionen vorzuführen. Schmerzlich berührte

es ihn, daß er noch das Abtragen mancher klassischen Ruine mit

ansehen mußte, wenn auch die Marmormassen des antiken Rom nicht mehr

in so rücksichtsloser Weise als Steinbrüche benutzt wurden, wie es

im Mittelalter geschehen war. In einem Punkte gelang es ihm, der

Retter zahlloser unschätzbarer Überbleibsel des Altertums zu werden:

am 27. August 1515 wurde er durch ein päpstliches Breve zum Aufseher

aller Ausgrabungen in Rom und bei Rom im Umkreis von zehn Miglien

ernannt, mit der ausdrücklichen Befugnis, die Zerstörung eines jeden

Inschriftensteins zu verhindern. Von Raffaels Interesse für die antiken

Bildwerke legen zahlreiche Kupferstiche des Marcantonio und seiner

Schule Zeugnis ab, sowohl solche, die von Raffael selbst mythologische

Kompositionen, die aus der Anschauung antiker Werke hervorgegangen

sind, bringen, als auch solche, welche auf seine Anregung hin die

antiken Bildwerke selbst nachbilden. -- Raffael blieb bis zu seinem

Tode Baumeister von St. Peter, zeitweilig ohne Gehilfen -- der alte

Fra Giocondo starb schon 1515 -- zeitweilig wieder mit einem solchen.

Sehen können wir nichts von seiner Mitarbeit an dem Riesendom; denn

seine Hauptaufgabe war zunächst die nachträgliche Verstärkung der

Grundmauern unter den Kuppelpfeilern; seine weiteren Pläne aber wurden

später wieder umgeworfen.

[Illustration: Abb. 71. +Der Borgobrand.+ Wandgemälde in der Sala

dell’ Incendio des Vatikan.]

[Illustration: Abb. 72. +Gruppe aus dem Borgobrand.+]

[Illustration: Abb. 73. +Gruppe aus dem Borgobrand.+]

Raffaels baukünstlerische Thätigkeit, in der er sich als einen getreuen

Jünger Bramantes erwies, blieb nicht auf den St. Petersbau beschränkt.

Eine ganze Anzahl von Gebäuden, die Vasari zum Teil einzeln namhaft

macht, wurde nach seinen Zeichnungen ausgeführt. Für den Kardinal

Giulio de’ Medici (nachmals Papst Clemens VII) fertigte er den Entwurf

zu einem Landhaus; es ist dies die übrigens niemals ganz vollendete

und in der Folgezeit teilweise veränderte Villa am Monte Mario, welche

nach dem Titel ihrer späteren Besitzerin Margarete von Parma, Tochter

Kaiser Karls V Villa Madama genannt wird. Ein Hauptwerk, der Palast

des päpstlichen Kämmerers Branconio d’Aquila, ist der Anlage der

großen Säulengänge am Petersplatz zum Opfer gefallen; doch haben alte

Abbildungen eine Ansicht der schönen Fassade bewahrt. Wohlerhalten

dagegen ist der gleichfalls nach Raffaels Entwurf, aber erst lange nach

seinem Tode ausgeführte Palazzo Pandolfini in Florenz.

[Illustration: Abb. 74. +Aktstudien zu der Schlacht bei Ostia.+

Rotstiftzeichnung in der Albertina zu Wien.

Dem Albrecht Dürer als Geschenk übersandt und von diesem mit dem

Vermerk versehen: „1515. Raffahell di Urbin der so hoch peim pobst

geacht ist gewest (hat) der hat dyse nackette Bild gemacht und hat sy

dem Albrecht Dürer gen Nornberg geschickt, Im sein Hand zu weisen.“]

[Illustration: Abb. 75. +Galathea.+ Wandgemälde in der Farnesina

(Villa Chigi).]

Das Vatikanische Zimmer, dessen Ausmalung Raffael im Jahre 1514 begann,

führt den Namen Sala dell’ Incendio, nach dem bedeutendsten seiner

Wandgemälde, welches den Brand des Borgo schildert, den Papst Leo IV

durch seinen Segensspruch stillt. Der innere Zusammenhang der Gemälde

dieses Zimmers beschränkt sich darauf, daß in allen vieren Thaten

von Päpsten des Namens Leo verherrlicht werden. Die Deckengemälde

kommen nicht in Betracht, da hier die vorhandenen Malereien stehen

gelassen wurden; Perugino hatte sie angefertigt, und der Verehrung

Raffaels für seinen alten Lehrer verdankten sie ihre Erhaltung. Das

Bild „der Borgobrand“ (Abb. 71) offenbart noch ganz und unverfälscht

Raffaels Erfindung, wenn es auch zum großen Teil durch Schüler

ausgeführt worden ist. Die Schilderung der aufregenden Vorgänge bei

einer Feuersbrunst bildet, räumlich wenigstens, den Hauptinhalt des

großartigen Gemäldes. Links sehen wir eine prächtige Gruppe (Abb. 72),

zu der die Erzählung Virgils vom Brande Trojas den Maler angeregt

hat: wie Äneas den Anchises, so trägt ein rüstiger Mann, den ein

schöner Knabe begleitet, seinen alten Vater auf dem Rücken aus dem

brennenden Hause. Daneben rettet sich ein Jüngling, indem er sich an

der Mauer lang ausgestreckt hinabgleiten läßt; eine Frau wirft von

oben herab dem Gatten das Wickelkind in die emporgestreckten Hände.

Gegenüber werden Löschversuche gemacht, junge Weiber, denen der Sturm

die Gewänder um die kräftigen Glieder peitscht, tragen schreiend

Wasser herbei (Abb. 73). Mit Gekreisch drängen sich auf der Gasse

Frauen und Kinder zusammen; in der allgemeinen Hilflosigkeit wenden

einige unter ihnen den Blick nach dem Vatikanischen Palast neben

der alten Petrusbasilika: der Stellvertreter Gottes soll helfen.

Und schon hat sich eine Schar gläubig Vertrauender dort eingefunden

und liegt vor dem Fenster des Papstes auf den Knieen; da erscheint

der Heilige und erhebt seine Rechte zum Segen, sein Gebet wird die

Macht des Feuers brechen. Über der Betrachtung der lebensvollen

Darstellungen des Vordergrundes übersieht der Beschauer leicht die

kleinen Figuren in der Ferne; und doch ist gerade die Gruppe der

Bittenden, verzweifelt und vertrauensvoll Hilfe Heischenden eine

großartige Schöpfung. In den prächtigen Gestalten des Vordergrundes

hat Raffael den Beweis geliefert, daß er den menschlichen Körper in

den bewegtesten Stellungen mit einer Kenntnis wiederzugeben vermochte,

die derjenigen Michelangelos nicht nachstand, dessen Werke ihn, nach

Vasaris Erzählung, in Florenz zum Studium der Anatomie angeregt hatten.

Die Figuren des Borgobrandes in ihrer künstlerischen Formenschönheit

bildeten denn auch eine Hauptquelle des Studiums für Raffaels Schüler

und deren Nachfolger. In verschiedenen Sammlungen werden zahlreiche

Nachzeichnungen dieser Gestalten aufbewahrt, teils in Sepia getuscht

mit aufgesetzten weißen Lichtern, teils in Rötel gezeichnet, darunter

auch solche, welche -- eine damals sehr fleißig betriebene Übung --

aus den bekleideten Figuren das mit unfehlbarer Richtigkeit darunter

steckende Nackte herausgezogen haben. Daß es sich bei diesen Blättern

nicht etwa um Vorstudien Raffaels handelt, geht schon aus der genauen

Übereinstimmung derselben mit den ausgeführten Figuren hervor,

wodurch sie sich als nach diesen und nicht nach der Natur gezeichnet

zu erkennen geben, ganz abgesehen von der Art der Zeichnung und dem

teilweise geringen Formenverständnis. Wie ganz anders scharf und

verständnisvoll Raffael nach der Natur zeichnete, beweist das prächtige

Blatt mit zwei Aktstudien, welches er im Jahre 1515 dem Albrecht

Dürer verehrt hat (aufbewahrt in der Albertina). Die beiden mit Rötel

gezeichneten Figuren sind Modellstudien zu zwei Kriegern (Abb. 74) im

Vordergrunde des zweiten Wandgemäldes, der Schlacht bei Ostia. Der Sieg

Leos IV über die Sarazenen im Jahre 849 ist der Gegenstand des Bildes,

ein zeitgemäßes Thema, da gerade jetzt wieder die Türken Italien

bedrohten. Während der Kampf noch tobt, sehen wir, daß der Sieg bereits

entschieden ist; am Thor der Festung werden die Gefangenen dem Papste

vorgeführt, der die Züge Leos X trägt. Augenscheinlich hat Raffael bei

diesem Bilde nicht nur das Ganze der Ausführung, sondern auch vieles

von der Durcharbeitung der Gruppen seinen Schülern überlassen. Ganz

überwiegend gehören die beiden anderen Fresken den Gehilfen Raffaels

an, beides Zeremonienbilder, die schon als solche den Meister wenig

reizen mochten. Das eine stellt den Reinigungseid Leos III dar. Karl

der Große hat, vom Papst um Hilfe gegen die aufständischen Großen Roms

angerufen (im Jahre 800), beide Parteien vor sich geladen, um sie zu

verhören und danach sein Urteil zu fällen; der Papst aber weigert

sich, einen irdischen Richter über sich zu erkennen, und reinigt sich

durch einen freiwilligen Eid von allen Anschuldigungen. Durch die

Inschrift: „Gottes, nicht eines Menschen, ist es, über Bischöfe zu

urteilen“, nimmt das Bild unmittelbaren Bezug auf einen Beschluß des

lateranischen Konzils, welches zur Zeit seiner Ausführung tagte. Das

vierte Bild ist die Kaiserkrönung Karls des Großen. Selbstverständlich

erkennen wir in Leo III wieder Leo X; der Kaiser soll ein Bildnis

Franz’ I von Frankreich sein, der bald nach seiner Thronbesteigung

(1515) ein Bündnis mit dem Papste schloß. Übrigens ist gerade dieses

Gemälde, bei dem die Eintönigkeit der Schilderung einer feierlichen

Versammlung kirchlicher Würdenträger der künstlerischen Darstellung

besondere Schwierigkeiten in den Weg legte, ein Meisterwerk in Bezug

auf malerische Wirkung.

[Illustration: Abb. 76. +Die Sibyllen.+ Wandgemälde in der Kirche

S. Maria della Pace zu Rom.]

[Illustration: Abb. 77. +Studie zu einer Sibylle.+

Museum zu Oxford.]

Die Vollendung der Stanza dell’ Incendio fällt in das Jahr 1517.

Es darf uns nicht wunder nehmen, daß Raffael die Mitwirkung seiner

Gehilfen bei dieser Arbeit stark in Anspruch nahm. Denn die Fülle

der Schöpfungen, welche er in derselben Zeit entstehen ließ, während

er zugleich die Bauleitung von St. Peter als seine Hauptaufgabe

betrachtete, ist geradezu unglaublich.

Nächst dem Papste war es der reiche und kunstsinnige Bankherr Agostino

Chigi, der den Meister für die zahlreichsten Aufgaben gewann. Wir

erfahren, daß Raffael schon 1510 für ihn die Zeichnungen zu zwei

Prachtschüsseln anfertigte. Später lieferte er ihm mehrmals bauliche

Entwürfe, so für einen prächtigen Pferdestall, den Chigi im Jahre

1518, bevor er seine hundert goldgeschirrten Rosse hineinführen ließ,

durch die kostbarste Ausschmückung in einen feenhaften Prunkraum

verwandelte, um darin den Papst, vierzehn Kardinäle und zahlreiche

fremde Gesandte mit mehr als fürstlicher Pracht und Verschwendung zu

bewirten. Wichtiger ist es für die Nachwelt, daß sie der Kunstliebe

Chigis eine Anzahl herrlicher Wandgemälde Raffaels verdankt. Die ersten

derselben sind gleichzeitig mit den ersten Arbeiten in der Sala dell’

Incendio entstanden. Chigi hatte sich jenseits des Tiber, an einer

damals noch außerhalb der Stadt gelegenen Stelle zwischen dem Fluß

und dem Abhang des Janiculus ein Landhaus erbauen lassen. Dieses Haus

ist das reizende kleine Bauwerk, welches später, nachdem es in den

Besitz des Hauses Farnese gekommen, den Namen Villa Farnesina erhalten

hat. Hier malte Raffael in der dem Garten zugewandten Bogenlaube als

Gegenstück zu dem von anderer Hand gemalten (später sehr schlecht

erneuerten) Polyphem die Nymphe Galathea, des Cyklopen spröde Geliebte.

Auf einer von zwei Delphinen gezogenen Muschel gleitet die schöne

Nymphe über die spiegelglatte Meeresfläche und horcht lächelnd auf die

rauhen Liebesklagen ihres ungeschlachten Verehrers; eine mutwillige

Schar von Nymphen und Tritonen umschwärmt sie, ein Liebesgott hat die

Zügel ihres Gespanns ergriffen, während seine Genossen mit drohend

angelegten Pfeilen in den Lüften gaukeln (Abb. 75). Die heiter-schöne

Sinnlichkeit des griechischen Altertums ist wieder lebendig geworden in

dieser von einem wunderbaren poetischen Zauber umflossenen Darstellung.

Raffael malte das Bild eigenhändig; es mochte ihm eine rechte Erholung

gewähren, zwischen den ernsten Gemälden in den vatikanischen Gemächern

seine Gestaltungskraft mit anmutig reizvollen Gebilden zu beschäftigen.

Aber auch Chigi hielt ernste Aufgaben für ihn bereit. Er beauftragte

ihn mit der Ausführung eines Freskobildes über dem Eingang einer

Seitenkapelle in der Kirche S. Maria della Pace, welches die Propheten

und Sibyllen darstellen sollte. Bei der Ausführung dieses Werkes

half dem Meister sein Landsmann Timoteo Viti. Diesem pflegt man die

Propheten zuzuschreiben, welche oberhalb der Sibyllen ein Bogenfeld

einnehmen. Die Sibyllen aber sind Raffaels eigenste Schöpfung, wenn

auch bei der Ausführung Timoteo mitgewirkt haben mag (Abb. 76). Nur

eine von den vier Seherinnen, die hier in einer Gruppe vereinigt sind,

ist greisenhaft dargestellt, die anderen in blühender Jugendkraft; sie

besitzen nichts von dem titanenhaften, urgewaltigen Wesen der Sibyllen

Michelangelos, aber dafür prangen sie in der Fülle der Schönheit. Engel

mit mächtigen Fittichen überbringen den gottbegeisterten Frauen die

Zukunftsworte; außer ihnen haben sich drei kleinere Himmelsbewohner

eingefunden, von denen der mittelste die Fackel des Lichtes trägt,

und deren heiteres Kinderlächeln den reizvollsten Gegensatz zu dem

erhabenen Ernst der übrigen Gestalten bildet. Meisterhaft ist das

Gemälde in den eigentümlichen Raum komponiert, den es in durchgeführter

und doch wieder aufgelöster Symmetrie ausfüllt. Ursprünglich hatte

Raffael die Absicht, das Gleichmaß der beiden Hälften strenger

beizubehalten; das verrät eine kostbare Studienzeichnung im Oxforder

Museum (Abb. 77); anstatt der einen Sibylle, die auf dem Bilde, sich

aufrichtend, von weitem die Blicke auf die ihr zu teil werdende

Offenbarung heftet und dadurch eine so treffliche Unterbrechung in die

Umrißlinie bringt, sehen wir hier eine Figur, welche sich in einer

ähnlichen Bewegung wie die entsprechende Sibylle der anderen Seite der

Bogenrundung anschmiegt. Ein in der Albertina bewahrtes Studienblatt

zu dem einen der herabschwebenden Engel (Abb. 78) belehrt uns darüber,

mit welcher Gewissenhaftigkeit sich der Meister Rechenschaft gab

über den Zusammenhang des Körpers unter dem wehenden Gewande; auf

das Studium des nackt bleibenden Armes hat er eine ganz besondere

Sorgfalt verwendet, aber, mit dem Erreichten noch nicht zufrieden,

hat er die beiden Arme des Engels, zugleich mit dem erhobenen Arm der

darunter sitzenden Sibylle noch einmal in feinster Ausführung nach

einem weiblichen Modell gezeichnet, auf einem in derselben Sammlung

befindlichen Blatt (Abb. 79).

[Illustration: Abb. 78. +Akt- und Gewandstudie zu einem Engel des

Sibyllenbildes.+

Rotstiftzeichnung in der Albertina zu Wien.]

[Illustration: Abb. 79. +Studie zu dem Engel der obigen Abbildung und

zu einer Sibylle.+ Albertina, Wien.]

[Illustration: Abb. 80. +Der wunderbare Fischzug Petri.+ Karton im

South Kensington-Museum.]

[Illustration: Abb. 81. +Die Heilung des Lahmgeborenen durch Petrus

und Johannes.+ Karton im South Kensington-Museum.]

[Illustration: Abb. 82. +Die Kreuztragung Christi+ (~Lo spasimo

di Sicilia~) im Museum zu Madrid.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 83. +Naturstudie zu der Frauengruppe auf der

Kreuztragung.+

Handzeichnung im Museum zu Lille.]

Weiter übertrug Chigi die Anfertigung der Entwürfe für eine in der

Kirche S. Maria del Popolo einzurichtende Kapelle an Raffael. Der

Meister machte die Zeichnung zu der Architektur und die Kartons zum

Bilderschmuck der Kuppel, der im Jahre 1516 durch Luigi da Pace aus

Venedig in Mosaik ausgeführt wurde. Die Erschaffung der Gestirne ist

dargestellt; in der Mitte der Kuppel sehen wir den Schöpfer, der von

Engeln umgeben im Weltall schwebt und mit mächtig erhobenen Armen die

Himmelslichter ins Dasein ruft; in den acht Feldern, in welche die

Wölbung eingeteilt ist, erscheinen acht großartige Engelsgestalten,

die Schutzgeister der Sterne; der erste derselben legt emporschauend

seine Hände auf die Himmelskugel mit den Fixsternen; unter den übrigen

steigen die sieben Planetengötter auf den Wink des Allmächtigen aus

dem Nichts empor. -- Auch für die bildnerische Ausschmückung der

Chigi-Kapelle sorgte Raffael; er entwarf zwei Figuren, die Propheten

Elias und Jonas, die der Florentiner Lorenzetto in Marmor ausführte.

Die weitverbreitete Annahme, daß Raffael den Jonas selbst in Marmor

gemeißelt habe, entbehrt jeder Begründung. Wohl aber ist es denkbar,

daß er selbst ein Thonmodell angefertigt habe für diesen herrlichen

Jüngling, der wie ein antiker Held über den Fisch, der ihn ausgespieen

hat, triumphiert. Denn daß sich Raffael gerade im Jahre 1516 in der

Bildnerkunst versuchte, steht fest; nach seinem Thonmodell führte

damals ein sonst unbekannter Bildhauer Pietro aus Ancona eine

Kinderfigur in Marmor aus. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist diese

Bildhauerarbeit Raffaels in der reizenden Gruppe des von einem Delphin

getragenen toten Knaben wiederentdeckt worden, von dem Raphael Mengs im

vorigen Jahrhundert den ersten Gipsabguß nach Deutschland brachte; das

Marmororiginal befindet sich in Petersburg.

[Illustration: Abb. 84. +Die Vision des Ezechiel+ im Palazzo Pitti

zu Florenz.]

Inzwischen war aber auch der Papst schon wieder mit neuen Aufträgen

an den Meister herangetreten. Zur Bekleidung des unteren Teils der

Wände in der Sixtinischen Kapelle sollten kostbare Teppiche in

Flandern gewebt werden, und kein Geringerer als Raffael sollte die

Vorlagen dazu ausführen. An Decke und Wänden der Kapelle war die ganze

Heilsgeschichte von der Erschaffung der Welt an in Freskogemälden

erzählt; die Teppiche sollten die Apostelgeschichte enthalten und so

die ganze biblische Bilderfolge zum Abschluß bringen. In den Jahren

1515 und 1516 führte Raffael die Kartons zu den Teppichen aus und schuf

damit, während er zugleich mit so vielen und so großen anderen Dingen

beschäftigt war, eins seiner unsterblichsten Werke. Die Gewebe wurden

in Brüssel bei Meister Peter von Aelst ausgeführt, und zwar in einer

so kurzen Zeit, daß uns heute die Großartigkeit der Einrichtung dieser

Werkstatt völlig unbegreiflich vorkommt; am Stephanstage des Jahres

1519 prangten sieben von den Teppichen an ihrem Bestimmungsorte und

erregten das Staunen und Entzücken aller, die sie sahen; im nächsten

Jahre kamen die drei noch fehlenden hinzu. Im Lauf der Zeiten ist

diesen Prachtgeweben gar übel mitgespielt worden; sie haben ihre

eigene schicksalsreiche Geschichte, die mit ihrer Verpfändung im Jahre

1521 anfängt. Zweimal wurden sie aus Rom entführt, 1527 durch die

plündernden Landsknechte und 1798 durch französische Händler, die sie

auf der Versteigerung kauften; schließlich haben sie zwar wieder ein

Unterkommen im Vatikan gefunden, aber in einem Zustande, der es nicht

mehr gestattet, sie zum Schmuck der Sixtinischen Kapelle zu verwenden.

Raffaels Kartons wurden mehr als einmal nachgewebt, aber auch die

besser erhaltenen Wiederholungen, wie diejenigen im Berliner Museum,

geben nur ein sehr abgeschwächtes Bild von Raffaels Schöpfungen.

Wir würden dieses Meisterwerk des Meisters nicht gebührend würdigen

können, wenn nicht ein gütiges Geschick sieben der mit Leimfarben auf

zusammengeklebtes Papier gemalten Originalkartons erhalten hätte;

nach mancherlei Irrfahrten ist denselben im Kensington-Museum eine

würdige öffentliche Aufstellung zu teil geworden. Es gibt nichts

Vollendeteres von lebendig anschaulicher, durchaus volkstümlicher und

zugleich künstlerisch erhabener Erzählung, als diese sieben Bilder

aus der Apostelgeschichte, in denen die Gründer der christlichen

Kirche uns in ausgeprägten Charakteren und glaubhaft wahren Gestalten

entgegentreten. Raffael schildert mit einer Einfachheit und Kraft

des Ausdrucks, die sich nur mit den Worten der Schrift vergleichen

läßt. Die Folge der Darstellungen wird eröffnet durch den wunderbaren

Fischzug Petri (Abb. 80); der ganze Zauber einer kühlen Morgenstimmung

am Wasser ist ausgegossen über die herrliche Schilderung. Das zweite

Bild ist die Berufung des Petrus; in verklärter Schönheit steht der

Auferstandene am Ufer des Meeres bei Tiberias den Männern aus dem Volke

gegenüber, die seine Lehre in alle Welt tragen sollen, und spricht zu

dem niedergesunkenen Petrus: „Weide meine Schafe.“ Dann sehen wir, wie

Petrus, von Johannes begleitet, an der schönen Thür des Tempels dem

lahmen Bettler gebietet aufzustehen (Abb. 81); und weiter, wie Ananias

auf das strenge Wort des Apostelfürsten vom göttlichen Strafgericht

getroffen wird, daß der Anblick die Umstehenden schaudernd durchbebt.

Fast noch packender ist die nächste Darstellung, wie vor dem Tribunal

des römischen Landvogts der Zauberer Elymas durch das machtvolle

Gebot des Paulus das Augenlicht verliert und in der plötzlich über

ihn hereingebrochenen Finsternis hilflos umhertappt. Das nächste Bild

führt uns nach Lystra; wir sehen den mit archäologischer Treue nach

antiken Darstellungen abgebildeten heidnischen Opferzug vor Paulus und

Barnabas Halt machen, sehen den geheilten Lahmen mit dem Zuge sich

herandrängen und die Hände im Dankgebet zu den Aposteln erheben, und

den Paulus, dessen mächtige Gestalt der ganzen Schar das Gegengewicht

hält, mit abgewandtem Haupt seine Kleider zerreißen: „Ihr Männer, was

macht ihr da?“ Schon ist das Opferbeil erhoben, um den bekränzten Stier

zu fällen, im nächsten Augenblick würde das Opfer vollzogen sein, wenn

nicht einer, ein schöner Jüngling, die Worte des Apostels verstanden

hätte und, sich hastig durchdrängend, die That verhinderte. Das letzte

Bild zeigt uns Paulus in Athen, wie der Mann Gottes auf dem Areopag

der Versammlung geschulter Denker gegenüber seine Stimme erhebt; seine

kernigen Worte finden aufmerksame, kopfschüttelnde, spottende Zuhörer,

aber auch solche, die ihm gläubig nahen. -- Wenn auch bei diesen

Kartons Schülerhände behilflich gewesen sind, dieselben in Farben zu

setzen, Raffaels Erfindung spricht mit voller Macht aus jedem, auch dem

kleinsten Zuge. -- Ein Teppich mit der Krönung Marias, der erst vor

etwa zwanzig Jahren im Vatikan wieder aufgefunden worden ist, beruht

gleichfalls auf Raffaels Erfindung. -- Völlig unfaßbar erscheint uns

die Arbeitskraft des Meisters, wenn wir erfahren, daß er in denselben

Jahren, ganz abgesehen von den Zeichnungen, die er dem Marcantonio für

Kupferstiche lieferte, eine Anzahl von Ölgemälden malte, und darunter

solche, die erhabene Ehrenplätze unter den herrlichsten seiner

Schöpfungen einnehmen.

Raffael · 第 5 / 7 段