In mehreren anderen Madonnenbildern aus derselben Zeit, unter denen die

freilich wiederum nur in der Erfindung, nicht aber in den erhaltenen

Ausführungen auf Raffael zurückgehende lustwandelnde Madonna (~M.

del passeggio~, Abb. 61), wohl die bekannteste ist, klingt der

Florentiner Grundton wieder stärker durch. So ist es auch bei einem

Rundbild, der Madonna aus dem Hause Alba. Das Gemälde selbst zu

sehen, ist nicht vielen vergönnt, da sich dasselbe in der Ermitage zu

Petersburg befindet. Aber das Museum zu Lille bewahrt ein Blatt mit

dazu gehörenden Rötelzeichnungen, welches in mehrfacher Hinsicht unsere

Aufmerksamkeit zu fesseln geeignet ist. Auf der einen Seite sehen wir

den Entwurf zu dem Bilde, flüchtig, aber in den Hauptsachen endgiltig

festgestellt (Abb. 62). Nur über Einzelheiten war sich Raffael noch

nicht ganz klar, als er dies niederzeichnete; so sehen wir die Spuren

eines wieder weggewischten Buches, welches Maria in der rechten Hand

hielt, -- bei der Ausführung ist dasselbe in die müßige linke Hand

übergegangen; Änderungen hat auch der Gegenstand, den der Johannesknabe

darreicht, und damit zugleich der nach diesem Gegenstand ausgestreckte

rechte Arm des Christuskindes erfahren; es war ein Rohrkreuz da, dann

ist das Lämmchen an dessen Stelle getreten, -- auf dem Bilde ist das

Rohrkreuz wieder zu seinem Rechte gekommen. Einen beiläufigen Versuch,

dem Christuskinde eine ganz andere Stellung zu geben, sehen wir in

der unteren Ecke des Blattes. Auf das Studium antiker Bildwerke weist

die Sandale hin, welche, wie auf dem Bilde, so auch schon auf der

Skizze den Fuß der Maria bekleidet. Die Stellung Marias sah Raffael

von vornherein als wohlgelungen an, -- abgesehen von der rechten Hand,

für die er später die Lösung gefunden hat, daß sie das Kind umfaßt.

Jetzt wollte er sich sofort über den Zusammenhang des Körpers in dieser

einigermaßen schwierigen Stellung klar werden und zeichnete auf die

Rückseite des Blattes eine Studie nach der Natur (Abb. 63). Als Modell

nahm er einen jungen Mann, der Oberkleider und Beinbekleidung ablegte;

mit der größten Sorgfalt zeichnete er die Beine, namentlich die Kniee,

die ja in der Ausführung die wichtigsten Anhaltspunkte geben mußten,

um unter den weitfaltigen Gewändern einen richtig gestalteten Körper

durchfühlen zu lassen; der Kopf des Modells interessierte ihn nicht,

er gab denselben im Zusammenhang mit der Figur ausführlich mit an,

aber während er nach dem jungen Burschen zeichnete, dachte er an das

Antlitz der Madonna, das vor seinem geistigen Auge stand; den rechten

Arm, über den er noch nicht mit sich im reinen war, deutete er nur an;

aber das Buch verlegte er jetzt schon in die linke Hand. Die Skizze und

die Studie zu der Madonna aus dem Hause Alba sind es aber nicht allein,

die das Blatt so interessant machen. Oberhalb der Skizze ist allerlei

an den Rand gezeichnet: ein Gebäude in Grundriß und Ansicht, und dann,

in zwei Versuchen wiederholt, eine Skizze zu einer Madonna, die auf

einem Stuhle sitzt, mit dem Kind auf dem Schoße, das sich zärtlich an

sie schmiegt. In diesen beiden kleinen Entwürfen, von denen der eine

die beiden Figuren allein zeigt, während bei dem anderen, der durch das

mehrfache Verändern und Übergehen der Umrisse sich auf der Rückseite

des Blattes durchgedrückt hat, auch der Kopf des kleinen Johannes

sichtbar wird, in diesen unscheinbaren Zeichnungen erkennen wir die

erste Niederschrift des Gedankens, der sich zu demjenigen Bilde

gestaltete, das mehr als irgend eine andere Schöpfung Raffaels sich die

Gunst der allerweitesten Kreise erwerben und, in jeder nur erdenklichen

Art abgebildet, ein Liebling der ganzen Welt werden sollte, -- die

Madonna della Sedia (Abb. 64).

[Illustration: Abb. 64. +Madonna della Sedia.+ (Palast Pitti zu

Florenz.)

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Dem Inhalte nach kennt ja jeder dieses höchste Bild der Liebe, dieses

Einssein von Mutter und Kind. Aber das Original im Pitti-Palast

muß man sehen, um ganz zu begreifen, daß dieses Bild der reinsten

Menschlichkeit nicht durch die glaubensinnigen frommen Blicke und

gefalteten Händchen des Johannesknaben allein eine religiöse Bedeutung

bekommt, sondern daß es durch die Weihe der höchsten künstlerischen

Schönheit zum Überirdischen erhoben wird. Dabei sieht das Bild so

wunderbar einfach und natürlich aus, als könnte es gar nicht anders

sein, und wir begreifen, wie sich die kindliche Sage hat bilden

können, Raffael hätte einst diese Gruppe unmittelbar nach dem Leben

gezeichnet, auf der Straße, auf den Boden eines Fasses -- daher die

Rundform, -- das gerade in der Nähe lag; die Sage ist sehr bezeichnend

als ein naiver Erklärungsversuch der unmittelbaren Wahrheit, die aus

dem Gemälde spricht; in Wirklichkeit ist aber gerade bei diesem Bilde

nichts zufällig, jeder kleinste Linienzug, jede leiseste Bewegung des

Umrisses ist wohl durchdacht, alles ist reifste künstlerische Erwägung,

die ein Werk von reinster Harmonie zu schaffen weiß, ohne von dem

äußeren Schein der Natürlichkeit das geringste zu opfern.

Streng im feierlich-religiösen Tone sind zwei Altarbilder gehalten,

welche Raffael in jener Zeit malte. Das eine ist die Madonna von

Foligno (Abb. 65), gemalt im Auftrage des päpstlichen Kämmerers

Sigismondo de’ Conti aus Foligno, ursprünglich aufgestellt in der

Kirche Araceli zu Rom, dann nach Foligno übertragen, Ende des vorigen

Jahrhunderts durch die Franzosen entführt und seit 1815 in der Sammlung

der zurückgegebenen Kunstschätze im Vatikan aufgestellt. Errettung aus

Kriegsgefahr scheint den Kämmerer zur Stiftung des Bildes veranlaßt

zu haben; darauf deutet in der Fernsicht des Gemäldes die Bombe

hin, die, einen langen Feuerstreifen hinter sich lassend, in die

Stadt Foligno herniedersaust. Aber schon spannt sich das himmlische

Friedenszeichen, der Regenbogen, über die Stadt. Darüber erscheint auf

Wolken thronend, in einem hellen Lichtschein, den ein Kranz von Engeln

umschwebt, die Gnadenmutter mit dem Kinde. Als die Verkörperung der

Bescheidenheit erscheint Maria, deren Blicke nichts weiter gewahren

als den Gottessohn, den sie trägt. Huldvoll blickt der Christusknabe

auf den Kämmerer herab, der am Boden kniet und in inbrünstigem Gebet

seinen Dank zum Himmel sendet, während drei Heilige ihm als Fürbitter

zur Seite stehen: der heilige Hieronymus hat die Hand auf sein Haupt

gelegt und empfiehlt ihn mit beredter Gebärde der göttlichen Gnade;

gegenüber steht der strenge Bußprediger Johannes und deutet mit der

Hand auf den Erlöser der Welt; neben diesem kniet in heißer Andacht

-- ein Wunderwerk des Ausdrucks -- der von göttlicher Liebe glühende

Franziskus. Zwischen den Betern steht, als Träger eines zur Aufnahme

einer Weihinschrift bestimmten Täfelchens, ein nackter kleiner Engel,

eine jener liebenswürdigen, seelenvollen Kindergestalten, die Raffaels

eigenstes Eigentum sind. -- Das zweite Altarbild, gleich der Madonna

von Foligno durch eine Farbenpracht ausgezeichnet, wie sie den

bisherigen Werken Raffaels fremd war, ist die Madonna mit dem Fisch

(Abb. 66). Dasselbe stammt aus der Kirche S. Domenico zu Neapel und

befindet sich jetzt im Madrider Museum. Als eine Stiftung der Bitte

oder des Dankes bezieht es sich auf die Heilung von einem Augenleiden.

Der junge Tobias, der in der Hand den Fisch trägt, mit dessen Leber er

seinem Vater das Augenlicht wiedergegeben hat, wird durch den Engel

zum Thron der Jungfrau geleitet, an deren Seite der Bibelübersetzer

Hieronymus steht; innig flehen die beiden, und das göttliche Kind

richtet sich, von der Mutter unterstützt, empor, es streckt die Hand

aus, und die Heilung ist gewährt.

In die Zeit Julius’ II fallen die ersten Kupferstiche des Marcantonio

Raimondi nach Zeichnungen Raffaels. Marcantonio kam um 1510 nach

Rom, wo er sich anfangs, ebenso wie in den zunächst vorhergegangenen

Jahren zu Venedig, hauptsächlich mit dem Nachstechen Dürerscher

Arbeiten beschäftigte, bald aber auch in die Dienste Raffaels

trat. Denn Raffael, von dem erzählt wird, daß er seine Werkstatt

mit Blättern Dürers ausgeschmückt habe, trug Verlangen, auch seine

eignen Schöpfungen in dieser Weise vervielfältigt zu sehen. Er zog

sich den Bologneser Kupferstecher zu diesem Zwecke heran und trug so

durch die Schönheit seiner Zeichnungen mittelbar zur Vervollkommnung

der italienischen Kupferstecherkunst bei. Dem Stichel Marcantonios

verdanken wir die Kenntnis einer ganzen Anzahl von Kompositionen

Raffaels, die entweder gar nicht oder in veränderter Gestalt zur

Ausführung in Gemälden gekommen sind. Zu den ersten Blättern, welche

dieser Meister nach Raffael stach, gehören der Tod der Lucretia und

der Bethlehemitische Kindermord (Abb. 67). Sie sind gleichzeitig mit

Wiedergaben von Zeichnungen zu Gemälden in der Stanza della Segnatura.

Wann Raffael den Kindermord entwarf, dafür gibt der Umstand einen

Anhalt, daß auf einem Skizzenblatte in der Albertina, welches den

Entwurf zur Astronomie und eine Studie zu einer Figur aus dem Urteil

Salomos enthält, sich auch der Entwurf zu einer der Hauptfiguren des

Kindermordes findet. Eine große Skizze zu diesem Blatt, in nackten

Figuren, um die Bewegungen mit Sicherheit festzustellen, bewahrt das

Britische Museum (Abb. 68).

[Illustration: Abb. 65. +Madonna di Foligno+ in der Vatikanischen

Gemäldesammlung.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 66. +Madonna mit dem Fisch+ im Prado-Museum zu

Madrid.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun. Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 67. +Der Bethlehemitische Kindermord+,

Kupferstich von +Marcantonio+.]

Auch zur Ausführung eines Freskobildes für einen Privatmann fand

Raffael neben seiner Thätigkeit im Vatikan noch Zeit. Im Auftrage

des Luxemburgers Johannes Goritz, eines lebensfrohen und geselligen,

allgemein beliebten alten Gelehrten, der beim Papst das Amt eines

Bittschriftensammlers bekleidete, malte er an einem Pfeiler der Kirche

St. Agostino den Propheten Jesaias, eine kraftvolle Greisengestalt,

die zwischen zwei jugendlichen Genien sitzt. Mehr als die allgemeine

Anordnung können wir von diesem Werke Raffaels, in dem Vasari die

Einwirkung der gewaltigen Schöpfungen Michelangelos wahrnehmen zu

müssen glaubte, nicht mehr erkennen, denn das Gemälde wurde schon im

XVI. Jahrhundert, da es gänzlich zu verwittern drohte, übermalt, und

jetzt ist es von neuem eine Ruine. Eine auch nicht sonderlich gut

erhaltene Wiederholung des einen Engels, Bruchstück einer dekorativen

Wandmalerei aus dem Vatikan, welche das päpstliche Wappen von zwei

Genien getragen zeigte, befindet sich in der Sammlung der Akademie S.

Luca zu Rom.

[Illustration: Abb. 68. +Vorzeichnung in nackten Figuren+ zu

dem Kupferstich: „Der Bethlehemitische Kindermord.“ Handzeichnung im

Britischen Museum zu London.]

Kehren wir nun zu Raffaels Hauptthätigkeit, der Ausschmückung der

Vatikanischen Gemächer, zurück. Der ganze Inhalt der Gemälde in der

Stanza della Segnatura ist treffend als das Glaubensbekenntnis der

Renaissance bezeichnet worden. Aber der große Renaissancefürst, der

dieses malen ließ, war auch römischer Papst, und das zweite Zimmer

galt der Verherrlichung der Kirche. Das Bild, welches der Stanza

d’Eliodoro den Namen gegeben hat, schildert nach dem 2. Kapitel des

2. Buches der Makkabäer die Vertreibung des syrischen Feldherrn

Heliodor aus dem Tempel zu Jerusalem. Mit unwiderstehlicher Wucht

hat der himmlische Reiter, den zwei in mächtiger Bewegung die Luft

durchstürmende Jünglingsgestalten begleiten, den Tempelräuber zu

Boden geschmettert. Aufgeregt drängt sich das Volk, welches das

Wunder schaut. Ganz im Vordergrunde aber sehen wir eine Gruppe, die

in voller Ruhe dem Ereignis beiwohnt: auf einem Tragsessel, wie er

bei feierlichen Umzügen gebräuchlich war, thront Papst Julius II, den

Blick auf die Himmelskrieger geheftet (Abb. 69). Dadurch kommt eine

besondere Beziehung in das Gemälde, wird dessen Bedeutung erst völlig

klargestellt: Papst Julius II, der von den Venezianern ein großes

Ländergebiet zurückerobert hatte, in dessen Seele die Vertreibung der

Franzosen aus Italien als glühendster Herzenswunsch brannte, sieht

hier im Bilde, wie die himmlischen Heerscharen die Kirche von ihren

Feinden befreien. Unter den Personen, die zu ihm gehören, gewahren wir

ausgeprägte Bildnisköpfe: der jugendliche Mann, der nebenher schreitet,

ist durch die Schrift auf dem Zettel in seiner Hand als der päpstliche

Sekretär Johannes Petrus de Folcariis bezeichnet; von den Trägern des

päpstlichen Stuhles gilt der eine als der Kupferstecher Marcantonio;

welcher Deutsche aber dächte bei dem von langwallenden Locken

eingerahmten Gesicht mit der hohen Stirn, den offenen Augen, der feinen

Nase und dem kurzen Vollbart nicht an unseren Dürer? Daß Dürer dem

Raffael als Zeichen der Verehrung sein Selbstbildnis, mit Wasserfarben

auf Leinwand gemalt, übersandte, wissen wir durch Vasari.

[Illustration: Abb. 69. +Die Bildnisgruppe auf dem Heliodorbilde+

in der Camera d’Eliodoro des Vatikan.]

Das nächste Bild schließt sich im Gedankengange unmittelbar an den

Heliodor an. Wie dort Julius II den Triumph der Kirche über die

weltlichen Gegner schaut, so wohnt er hier dem Triumph der kirchlichen

Lehre über den Zweifel bei. Ein böhmischer Priester, so erzählt die

Legende, hatte an der Gegenwart Christi im Altarssakrament gezweifelt:

da brachen, während er zu Bolsena die Messe las, Blutstropfen aus

der Hostie hervor, sobald er die Verwandlungsworte gesprochen, und

überzeugten ihn. Das ist der Gegenstand der „Messe von Bolsena“. Mit

freudigem Staunen vernimmt das Volk das Wunder, das sich dem Priester

offenbart; in unerschütterlicher Ruhe, felsenfest im Glauben, kniet

der Papst dem Beschämten und Bekehrten gegenüber. Durch Anordnung

eines von beiden Seiten durch Stufen zugänglichen Chors, auf dem der

Altar steht, und durch geschickteste Verteilung der Volksmassen und

des päpstlichen Gefolges hat es Raffael mit höchster Meisterschaft

verstanden, seine Komposition zwanglos um das Fenster herumzubauen,

welches in die Bildfläche einschneidet.

Auf dem folgenden Bilde erscheint der Papst nicht als bloßer Zuschauer,

sondern ein Papst ist die handelnde Hauptperson: Leo I, der Große,

veranlaßt den Attila zur Umkehr vor Rom. Wir befinden uns im Weichbild

der ewigen Stadt; das Kolosseum, die lange Bogenreihe einer alten

Wasserleitung, die Cypressen einer hochummauerten Villa malen sich am

Horizont; am Monte Mario bezeichnen brennende Gehöfte den Weg, den

der erbarmungslose Feind genommen. In wildem Getümmel drängen sich

die hunnischen Reiterscharen durcheinander, in vornehmer Ruhe reitet

der Papst, von wenigen Kardinälen begleitet, den Barbaren entgegen.

Wir glauben die Lippen Leos sich bewegen zu sehen, wie er mit milden

und ernsten Worten auf Attila einredet. Was aber den Schrecklichen

schreckt, daß er mit unwillkürlichem Schenkeldruck sein Roß zur Umkehr

lenkt, das ist ein drohendes Gesicht: über dem Papste schweben, mit

blitzenden Schwertern in den Händen, die Apostelfürsten Petrus und

Paulus. Das prächtige Gemälde, das im Gegensatz zu seinem Gegenüber, wo

himmlische Waffen die Kirchenfeinde niederschlagen, die Beschirmung des

päpstlichen Besitzes durch die Macht der Überredung, unter dem Schutze

des Ansehens der Apostelfürsten, schildert, wurde noch unter Julius II

begonnen. Aber der Papst, der hier zur Darstellung gekommen ist, trägt

wie den Namen so auch die Züge dessen, der dem eisernen Julius folgte:

Leo X, aus dem Hause der größten Kunstförderer, der Mediceer.

In der Schlacht bei Ravenna (am 11. April 1512) war der Kardinal

Giovanni de’ Medici in französische Gefangenschaft geraten, und unter

ungewöhnlichen Umständen war er daraus entkommen. Es liegt nahe, daran

zu denken, daß er, als er Papst war, in der Erinnerung an dieses

Ereignis bestimmte, daß an der noch freien Wand des Zimmers, in dem

sein Vorgänger die Befreiung der Kirche und des Kirchenstaates hatte

schildern lassen, die Befreiung der Person des Papstes zur Darstellung

kommen sollte; die Befreiung des heiligen Petrus aus dem Kerker

bot sich von selbst als Gegenstand dar. Doch hängt die Wahl dieses

Stoffes so innig mit dem Gedankengange zusammen, der den Inhalt des

ganzen Gemäldekreises ausmacht, daß es nicht nötig ist, nach einer

solchen Erklärung aus äußeren Gründen zu suchen; das ganze Papsttum

erscheint in der Person des ersten Papstes, den die himmlischen Mächte

beschützen, verbildlicht, und diese Darstellung enthält gewissermaßen

die schriftgemäße Begründung des Inhalts der übrigen. In den sämtlichen

Bildern des Heliodorzimmers gewahren wir, daß Raffael mehr als in der

Stanza della Segnatura auf die Kraft der Farbenwirkung Gewicht gelegt

hat. Bei dem letzten Bilde gefiel er sich in kühnen Lichteffekten. Über

dem Fenster in dieser Wand blicken wir durch die Eisenvergitterung

einer gemalten Fensteröffnung in das Innere des Kerkers. An Hals,

Händen und Füßen gefesselt, sitzt Petrus schlafend am Boden; schlafend

lehnen zwei Wächter an den Wänden. Von blendendem Lichtschein

umflossen, ist ein Engel in dem dumpfen Raum erschienen und weckt den

Petrus, daß er seine Fesseln abschüttle und ihm folge. Links sehen wir,

wie auf der Außentreppe ein Kriegsmann mit einer Fackel die Wächter,

die in der schwülen Mondnacht dort eingeschlummert sind, mit lautem

Zuruf emporscheucht und sie darauf aufmerksam macht, daß im Gefängnis

etwas Ungewöhnliches vor sich gehe. Aber seine Warnung kommt zu spät;

denn schon schreitet an der anderen Seite der Gefangene an der Hand des

lichtstrahlenden Engels ins Freie.

Am Sockel unter den Wandgemälden sind grau in grau Karyatiden gemalt;

sie sind im vorigen Jahrhundert sehr gründlich und sehr schlecht

übermalt worden, aber Raffaels geschmackvolle Erfindung schimmert

doch noch leise hindurch. Im Louvremuseum wird eine mit dem Rotstift

prächtig gezeichnete Naturstudie zu einer dieser Figuren bewahrt

(Abb. 70). -- An der Decke sind innerhalb einer beibehaltenen älteren

Einrahmung vier Szenen aus dem Alten Testament von vorbildlicher

Bedeutung gemalt: „Das Opfer Isaaks“ über der Messe von Bolsena, „der

Herr im feurigen Busch“ über dem Heliodor, „der Herr erscheint dem

Noah“ über dem Attila, „Jakobs Traum“ über der Befreiung des Petrus.

Davon gehört das meiste nicht einmal der Erfindung nach Raffael an; es

sind Schülerarbeiten. Bald nach dem Regierungsantritt Leos X begann

die Zeit, wo der Meister dermaßen mit Arbeiten überhäuft wurde, daß er

Mühe hatte, nur die Entwürfe zu bewältigen und den größten Teil der

Ausführung den Händen seiner Gehilfen überlassen mußte, unter denen

Giulio Romano (geb. 1498, gest. 1546) obenan stand.

[Illustration: Abb. 70. +Naturstudie zu einer der Karyatiden+

am Sockel unter den Wandgemälden im Heliodorzimmer des Vatikan.

Rotstiftzeichnung im Louvre.]

Im Jahre 1514 war die Stanza d’Eliodoro vollendet. An dem glänzenden

Hofe Leos X nahm Raffael eine glänzende Stellung ein. „Niemals ging er

zu Hofe, ohne daß er vom Ausgehen aus seiner Wohnung an ein Gefolge

von fünfzig Malern gehabt hätte -- alles gute und tüchtige Maler, --

die ihm das Ehrengeleit gaben; er lebte überhaupt nicht als Maler,

sondern als Fürst.“ So berichtet Vasari. -- Am 1. Juli jenes Jahres

schrieb der Meister an seinen Oheim Simone Ciarla in Urbino einen

ausführlichen Brief über seine Verhältnisse und seine Thätigkeit. Das

in vielen Beziehungen hochinteressante Schreiben, die umfangreichste

unter den wenigen erhaltenen Proben von Raffaels Briefstil, lautet in

wortgetreuer Übersetzung folgendermaßen:

Liebster an Vatersstatt!

Ich habe Euren Brief erhalten, der mir ein sehr lieber Beweis

ist, daß Ihr mir nicht böse seid, womit Ihr auch wirklich unrecht

hättet, in Anbetracht dessen, wie lästig das Schreiben ist, wenn

nichts Wichtiges vorliegt. Jetzt, da ich Wichtiges habe, antworte

ich Euch, um Euch vollständig alles was ich mitteilen kann zu

sagen. Was erstlich das Fraunehmen angeht, so antworte ich Euch,

daß ich in betreff derjenigen, die Ihr mir früher geben wolltet,

sehr zufrieden bin und Gott beständig danke, daß ich weder diese

noch eine andre genommen habe, und darin bin ich verständiger

gewesen als Ihr, der mir sie geben wolltet. Ich bin sicher, daß

Ihr es jetzt auch erkannt habt, daß ich nicht an der Stelle sein

würde wo ich bin; bis zu diesem Tage befinde ich mich in der Lage,

in Rom für dreitausend Golddukaten Eigentum zu haben und fünfzig

Goldthaler (monatliches) Einkommen, da Seine Heiligkeit unser

Herr mir dafür, daß ich den Bau von St. Peter leite, dreihundert

Golddukaten Gehalt gegeben hat, die mir niemals ausbleiben werden

solange ich lebe, und ich bin sicher noch mehr zu bekommen, und

ferner werde ich für meine Arbeiten nach meinem eignen Gutdünken

bezahlt, und ich habe ein andres Zimmer für Seine Heiligkeit

auszumalen angefangen, das sich auf tausendzweihundert Golddukaten

belaufen wird; so mache ich, liebster Oheim, Euch und allen

Verwandten und dem Vaterlande Ehre; doch trage ich Euch darum immer

mitten im Herzen, und wenn ich Euch nennen höre, scheint es mir als

ob ich einen Vater nennen hörte; und beklagt Euch nicht über mich,

daß ich Euch nicht schreibe; hätte ich mich doch eher über Euch zu

beklagen, da Ihr den ganzen Tag die Feder in der Hand habt und

dabei sechs Monate zwischen einem Brief und dem andren hingehen

laßt; aber mit alledem bringt Ihr mich nicht dazu, daß ich mit Euch

schelte, wie Ihr es mit mir zu Unrecht thut. Ich bin ausgegangen

von dem Heiratsthema, aber um darauf zurückzukommen, antworte ich

Euch: wißt, daß Santa Maria in Portico (d. h. Kardinal Bernardo

Dovizio, genannt Bibbiena, der den Titel dieser Kirche führte) mir

eine Verwandte von sich geben will, und ich habe ihm, mit Erlaubnis

des geistlichen Oheims (Don Bartolommeo, Erzpriester in Urbino, der

Raffaels Vormund gewesen war) und der Eurigen, versprochen alles

zu thun, was Seine Ehrwürdige Gnaden wollte; ich kann mein Wort

nicht brechen, wir stehen mehr als je in der Enge, und bald werde

ich Euch über alles benachrichtigen; habt Geduld bis diese so gute

Sache sich entschieden hat, und dann werde ich, wenn ich dieses

nicht thue, thun was Ihr wollt. Und wenn Francesco Buffa Partien

hat so mag er wissen, daß ich deren auch habe; ich finde in Rom ein

schönes Weibchen, nach dem was ich gehört habe, von sehr gutem Ruf

sie sowohl wie die Ihrigen, die mir dreitausend Goldthaler Mitgift

geben will; und ich wohne in eignem Haus in Rom, und daß hier

hundert Dukaten mehr wert sind als zweihundert dort, dessen seid

gewiß. Was das Bleiben in Rom betrifft, so kann ich niemals mehr

irgendwo anders bleiben, aus Liebe zum Bau von St. Peter; denn ich

bin an Bramantes Stelle; welcher Ort ist aber würdiger auf der Welt

als Rom, welches Unternehmen ist würdiger als St. Peter! das ist

der erste Tempel der Welt, und es ist das größte Bauwerk, das man

je gesehen hat; es wird auf mehr als eine Million in Gold kommen;

und wißt, daß der Papst bestimmt hat, sechzigtausend Dukaten

jährlich für diesen Bau auszugeben, und er denkt an gar nichts

andres. Er hat mir einen Gehilfen gegeben, einen sehr gelehrten

und mehr als achtzig Jahre alten Mönch; der Papst sieht, daß der

nicht mehr lange leben kann, da hat Seine Heiligkeit beschlossen

ihn mir zum Gehilfen zu geben, da er ein Mann von großem Ruhm und

großer Weisheit ist, damit ich’s lernen könne, wenn er irgend ein

schönes Geheimnis in der Baukunst hat, damit ich ganz vollkommen in

dieser Kunst werde; er heißt Fra Giocondo[1]; und jeden Tag läßt

der Papst uns rufen und spricht ein Weilchen mit uns über diesen

Bau. Ich bitte Euch, wollet zum Herzog und zur Herzogin gehn und

ihnen dieses sagen; denn ich weiß, es wird ihnen eine Freude sein

zu hören, daß einer ihrer Unterthanen Ehre einlege; und empfehlt

mich Ihren Herrlichkeiten; und ich empfehle mich Euch beständig.

Grüßt alle Freunde und Verwandte von mir, und zumeist Ridolfo, der

so viel Güte und Liebe gegen mich hat. Am 1. Juli 1514.

Euer Raffael, Maler

in Rom.

[1] Der Dominikaner Fra Giocondo aus Verona führte in Italien

und Frankreich viele bedeutende öffentliche Bauten aus, war auch

als Lehrer thätig und gab eine Anzahl wissenschaftlicher Werke

verschiedener Art heraus; er war ein wichtiges Glied in der Reihe

der Baukünstler der italienischen Renaissance.

Raffael · 第 4 / 7 段