In einem goldnen Lichtmeer von plastisch aufgesetzten Strahlen und

glitzernden Pünktchen zeigt sich zu oberst, von endlosen Engelreigen

umschwebt, Gott Vater, die Weltkugel in der Linken, die Rechte

segnend erhoben, mit einem Haupt, wie es machtvoller niemals ersonnen

worden ist (Abb. 50). Darunter sitzt in einem Strahlenschein,

den Cherubimköpfe umringen, Christus auf den Wolken, mit einem

himmelsschönen Antlitz voll ungemessener Liebe, und hebt beide Hände

empor, um die Wundenmale zu zeigen (Abb. 51); neben dem Erlöser sitzen,

wie am Tage des Gerichts, Maria und Johannes der Täufer, jene um

Gnade für das Menschengeschlecht bittend, dieser mit finsteren Blicken

Gerechtigkeit herabrufend; auf einer tieferen Wolkenschicht, die von

Cherubimköpfen getragen wird, reihen sich die Auserwählten im Halbkreis

an, Heilige des alten und des neuen Bundes in scharf charakterisierten

Prachtgestalten. Unterhalb des Erlösers schwebt die Taube des

heiligen Geistes herab zur Erde, von Engeln begleitet, welche die

aufgeschlagenen Bücher der vier Evangelien tragen. Das alles war schon

hundertmal gemalt worden, und Raffael hielt sich in allen Dingen getreu

an den kirchlichen Gebrauch; noch niemals aber war es in solche Formen

gekleidet und so gemalt worden, wie er es that.

[Illustration: Abb. 44. +Die christliche Liebe.+ Federzeichnung

(in der Albertina) mit dem Mittelbild der Predella zur Grablegung im

wesentlichen übereinstimmend.]

In der Gruppierung der Gottesgelehrten auf Erden besaß der Künstler

die vollste Freiheit, und es wäre überflüssig, über die Schönheit

dieser Gruppierung noch ein Wort zu sagen. Die vier Kirchenlehrer, die

in der Nähe des Altars auf Stühlen sitzen, Ambrosius und Augustinus,

Hieronymus und Gregor der Große, bilden gewissermaßen die festen

Punkte, an welche die Scharen von Greisen, Männern und Jünglingen sich

anschließen, höchste Würdenträger der Kirche und einfache Geistliche,

Klosterbrüder und gläubige Laien. Eine Gestalt ist herrlicher als

die andere, jeder Kopf für sich ein erhabenes Meisterwerk. In allen

erdenklichen Abstufungen kommen der felsenfeste Glaube und die heilige

Begeisterung, die glaubensfreudige Hingabe und das grübelnde Forschen

nach der Wahrheit zum Ausdruck. Die Lebhaftigkeit des Gespräches in

Frage, Antwort und Belehrung bewegt die Massen, während einzelne

Gestalten in unerschütterlicher Ruhe dazwischen stehen.

Ein seltsames Zusammentreffen, fast um dieselbe Zeit, etwa zwei Jahre

später, malte unser Dürer sein dem Inhalt nach im wesentlichen mit der

Disputa gleichbedeutendes Dreifaltigkeitsbild. Es drängt sich einem bei

dieser Erinnerung der Gedanke an die Verschiedenheit der Verhältnisse

auf, unter denen in Deutschland und in Italien die Kunst zur höchsten

Blüte gelangte. Dem italienischen Meister übergab der Herr der

Christenheit in dem vornehmsten Palast der Welt gewaltige Wandflächen,

um darauf seine größten Gedanken in großen Zügen niederzuschreiben;

im Auftrage von ein paar ehrsamen Bürgern malte der Deutsche für den

Altar eines Altmännerhauses, und in „fleißigem Kläubeln“ mußte er die

Fülle seiner Gestaltungskraft in den beschränkten Raum einer Tafel von

weniger als drei Quadratmetern Flächeninhalt einzwängen.

Daß Raffael sich für sein erstes großes Freskobild -- denn das

Wandgemälde in S. Severo zu Perugia war bedeutend kleiner -- besonders

sorgfältig vorbereitete, versteht sich von selbst. Zu keinem

seiner Werke hat sich eine so große Anzahl von Vorarbeiten, von

verschiedenartigen Versuchen erhalten, wie zu diesem.

[Illustration: Abb. 45. +Bildnis Julius’ II.+ Gemälde im

Pitti-Palast zu Florenz.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 46. +Die Poesie.+ Deckenbild in der Camera

della Segnatura des Vatikan.]

[Illustration: Abb. 47. +Der Sündenfall.+ Deckenbild in der Camera

della Segnatura des Vatikan.]

[Illustration: Abb. 48. +Die Disputa.+ Wandgemälde in der Camera

della Segnatura.]

Mehrere dieser Skizzenblätter haben ein ganz besonderes, menschliches

und persönliches Interesse: während Raffael die mächtigen Gestalten

der Disputa in seinem Kopfe wälzte und sich bemühte, dieselben in

bestimmte Formen zu bannen, schweiften seine Gedanken bisweilen in

die süßeste Wirklichkeit hinüber, und die Feder, welche die Umrisse

der Heiligen und Lehrer der Kirche feststellen sollte, schrieb zarte

und glühende Liebeslieder auf das Blatt (Abb. 49). Daß Raffael

sich außerdem jemals in der Dichtkunst versucht habe, zu dieser

Annahme liegt keinerlei Grund vor; daß er einen sonderlichen Beruf

zum Dichter gehabt habe, geht aus den paar Sonetten, die nach vielem

Durchstreichen, Ausbessern und Suchen nach Reimen entstanden sind,

nicht hervor. Aber die stammelnden Worte, in denen „die Zunge das

Band des Sprechens löst, zu reden von der ungewöhnten, der wonnigen

Verstrickung,“ die mit glühender Leidenschaft von genossenem Glück,

von Trennungsschmerz und sehnendem Verlangen erzählen, sind auch ohne

höheren dichterischen Wert ein schätzbares Denkmal aus Raffaels Leben.

Welcher schönen Römerin die Liebeslieder gegolten haben, darüber gibt

nicht einmal die Nennung eines Namens die leiseste Andeutung; nur daß

sie von hohem Stande war, spricht sich an einigen Stellen, die aber

wieder durchstrichen sind, aus.

[Illustration: Abb. 49. +Blatt mit der Skizze zweier Bischöfe zur

Disputa und Niederschrift eines unvollendeten Gedichts.+ (Siehe

unten Anmerkung.)]

[Illustration: Abb. 50. +Gott Vater aus der Disputa in der Camera

della Segnatura des Vatikan.+]

(+Lesung und Übersetzung der Verse aus der Disputaskizze zu

Wien.+)

~lingua or di parlar disoglio el [nodoe

a dir di questo diletoso inga[no

chamor mi fece per mio gra[ve afanno

ma lui pur ne ringratio e lei n[e lodo

e questo sol me rimasto ancor (i)~

(gestrichen: ~pel fiso inmaginar mio par~ |

~quel dolce suo parlar~)

~pel fisso inmaginar quel~ |

(gestrichen: ~pel mio pensir quel so pa~ |)

~moso tanta letizia (com) che co

un pensar dolce e rimembrare il modo di quelle asai~

(gestrichen: ~dun~ { ~durro~

{ ~bello assalto si bel chel di~)

~pin di dispetti e ricordarai el dano~

(gestrichen: {~ di quel par~

{ ~del suo partire~)

~molto speranze nel mio peto stanno.~

Oben am Rande sind noch als Reimvorrat die Worte ~sano~ und

~va[no~ notiert.

Die durch das Beschneiden des Blattes verloren gegangenen

Endsilben der ersten Strophe sind ergänzt nach einem vollständigen

Sonett (auf einem Skizzenblatt in Oxford), welches sich als eine

veränderte Fassung des vorliegenden unvollendeten darstellt: es

beginnt mit den Worten: ~un pensar dolce~ und enthält die vier

Zeilen ~lingua or di parlar etc.~ mit geringen Veränderungen

als zweite Strophe.

Jetzt löse, Zunge, ich des Sprechens Bande,

Zu reden von der wonnigen Verstrickung,

Die mir die Liebe hat gebracht zu meiner schweren Beklemmung;

Und dennoch dank’ ich ihr dafür, und preise +sie+ (d. h.

die Ungenannte).

Geblieben ist mir dieses noch allein (in)

Um’s stets mir vorzustellen, jenes ...

Bewegt, so große Freude wie ...

(Dazwischen gestrichen:

Dafür, daß stets ich mir vergegenwärt’ge ...

Jenes ihr süßes Sprechen --

Für mein Denken jenes ihr [Sprechen]).

Ein süßes Denken ist’s, sich zu erinnern an die Weise jenes Anfalls

(gestrichen: des { harten

{ schönen Anfalls, so schön, daß ...)

Voll von Verdruß ist’s, zu gedenken des Verlustes

(gestrichen: { jenes [Abschieds]

{ ihres Abschieds.)

Die Wand der Disputa gegenüber nimmt die Schule von Athen ein;

die Verherrlichung der Wissenschaft bildet das Gegenstück zu der

Verherrlichung der Religion. Wie dort die christlichen Theologen

aller Jahrhunderte um die Kirchenväter, so sind hier die Philosophen

des griechischen Altertums um Aristoteles und um Plato versammelt,

die beiden Geisteshelden, denen das Jugendalter der Renaissance die

gleiche unbedingte Verehrung zollte wie den Kirchenvätern selbst. Die

Räumlichkeit ist eine ideale Renaissancearchitektur, ein von vier

Flügeln umgebener hoher, lichterfüllter Kuppelbau mit Standbildern

von Göttern in Nischen geschmückt, unter denen Apollo und Minerva

erkennbar im Vordergrund stehen. Aus der Tiefe der Halle sehen

wir die beiden großen Philosophen langsam hervorwandeln, zwischen

den Scharen ehrfurchtsvoller Hörer hindurch, die sich zu beiden

Seiten in Reihen zusammengeschlossen haben. Die Stufenleiter des

Wissens, die zur Weisheit führt, die sieben sogenannten freien

Künste Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik, Physik, Dialektik

und Metaphysik, geben die Grundlage für die Charakterisierung der

verschiedenen unvergleichlichen Gruppen, die wir weiter seitwärts und

im Vordergrunde, in der Vorhalle, erblicken. In den Gestalten und

Köpfen der Weisen und Wißbegierigen hat Raffael ebenso unerreichte

Charakterbilder geschaffen, wie in denjenigen der Theologen; das

Lernen und Begreifen, das Lehren und Zuhören, das Forschen und das

Wissen sind mit einer Meisterschaft ohnegleichen geschildert. Unsere

besondere Aufmerksamkeit nimmt die Gruppe rechts im Vordergrund in

Anspruch. Hier trägt der Lehrer der Geometrie, Archimedes, die Züge des

greisen Bramante; von diesem getrennt durch die Gruppe der Astronomen,

Zoroaster und Ptolemäus, werden ganz am Rande des Bildes zwei Köpfe

sichtbar, von denen der jugendlichere mit freundlichen braunen Augen

den Beschauer anblickt; das ist Raffael (Abb. 52). Wie das ganze Bild

hat leider auch dieser Kopf schon sehr gelitten; immerhin aber erhalten

wir durch denselben eine bestimmtere Vorstellung von den Zügen des

Meisters, aus denen die große, liebevolle Seele spricht, als durch

das in Öl gemalte Selbstbildnis (Abb. 53) in den Uffizien zu Florenz,

dem allzu fleißiges Putzen und Ausbessern fast den letzten Rest von

Ursprünglichkeit geraubt haben. -- Die Disputa und die Schule von

Athen nehmen ungeteilte Wände ein. Bei den anderen zwei Wandbildern

war die besondere Schwierigkeit zu überwinden, daß die Bildfläche

durch ein großes Fenster unterbrochen wurde. Auf der einen Seite, wo

es sich um die Verherrlichung der Rechtslehre handelte, nahm Raffael

seine Zuflucht zu einer Zergliederung des Raumes in drei Einzelbilder.

Im Bogenfeld über dem Fenster malte er die drei Tugenden, welche von

der Gerechtigkeit unzertrennlich sind, die Stärke, die Weisheit und

die Mäßigung, edle Frauengestalten, neben denen wieder kleine Genien

ihr munteres Spiel treiben; zu beiden Seiten des Fensters stellte er

die gesetzgeberische Thätigkeit auf weltlichem und auf kirchlichem

Gebiete dar: hier gibt Kaiser Justinian die Pandekten, dort Papst

Gregor IX die Dekretalen aus. Der Papst trägt die Züge Julius’ II,

und die übrigen Figuren dieses Gemäldes sind Bildnisse von Personen

aus dessen Umgebung. An der gegenüberliegenden Wand, wo die

Verherrlichung der Dichtkunst zur Darstellung kam, hat Raffael sich

durch das Fenster nicht an der Schaffung eines einheitlichen Bildes

verhindern lassen, er hat vielmehr den gegebenen eigentümlichen Raum

in der glücklichsten Weise ausgenutzt. Er malte den Parnaß (Abb. 54)

und verlegte den Gipfel des Musenhügels über das Fenster und ließ die

Abhänge desselben sich an beiden Seiten herabsenken. Auf der Höhe

des Berges sitzt unter schlanken Lorbeerbäumen Apollo (Abb. 55),

ein herrlicher Jüngling, der begeistert den Klängen lauscht, die er

hervorzaubert. Sein Instrument ist nicht die Lyra, die zwar als antikes

Symbol der Tonkunst allbekannt, aber doch nicht geeignet war, eine

lebendige Vorstellung von der Macht der Töne bei den Zeitgenossen

zu erwecken; der göttliche Musiker durfte kein anderes Instrument

spielen als die Geige. Der Parnaß sollte ja kein archäologisches Bild

sein, sondern den Empfindungen und Gedanken der Zeit unmittelbaren

Ausdruck verleihen; wie kalt würde die Leier, von der kein Mensch

weiß, wie sie geklungen hat, sich ausnehmen an Stelle der Geige, bei

deren Anblick doch jeder an wirkliche Musik denkt, besonders wenn ein

solches Antlitz, wie dasjenige des geigenden Gottes, der Vorstellung

zu Hilfe kommt! Um Apollo scharen sich die Musen. Mit ihnen haben auf

dem Gipfel des Parnaß die großen Dichterfürsten Platz gefunden: Homer,

der gottbegeistert die lichtlosen Augen erhebt und einem Jüngling

seine Gesänge diktiert, Virgil und, diesem folgend, Dante, den Raffael

außerdem auch unter den Theologen angebracht hat; neben Virgil wird ein

nicht zu bestimmender Bildniskopf sichtbar. Unter der entsprechenden

Gruppe auf der anderen Seite, die nicht ganz so hoch steht, erkennen

wir, den Musen zunächst, Raffaels Freund, den dunkelbärtigen Ariosto;

die Schar der Dichter zieht sich hier in geschlossener Reihe in den

Vordergrund hinein; die vordersten Figuren pflegen als Pindar und

Horaz bezeichnet zu werden. Dem sitzenden Pindar gegenüber erblicken

wir Sappho, die den schönen Arm auf die gemalte Fenstereinfassung

aufstützt; zwischen der Gruppe der Dichter, die sich mit ihr

unterhalten, macht sich, hinter dem Stamme des Lorbeerbaumes, der Kopf

Petrarcas kenntlich.

[Illustration: Abb. 51. +Christus aus der Disputa in der Camera della

Segnatura des Vatikan.+]

[Illustration: Abb. 52. +Raffaels Selbstbildnis in der Schule von

Athen.+

(Der ältere Maler neben Raffael, gewöhnlich Perugino genannt, ist

wahrscheinlich Sodoma.)]

[Illustration: Abb. 53. +Raffaels Selbstbildnis in den Uffizien zu

Florenz.+]

[Illustration: Abb. 54. +Der Parnaß.+ Freskobild in der Stanza

della Segnatura.]

[Illustration: Abb. 55. +Apollo+ aus dem Bilde des Parnaß in der

Stanza della Segnatura.]

[Illustration: Abb. 56. +Naturstudien zu Gewand und Händen einer

Figur im Parnaß.+ (British Museum.)]

Unter dem Bilde des Parnaß bezeichnet die Jahreszahl 1511 den Zeitpunkt

der Vollendung des ganzen Werks. In drei Jahren hatte Raffael die

gewaltige Aufgabe bezwungen. Mit seiner Aufgabe wachsend hatte er

sich zum größten Meister der Freskomalerei ausgebildet, den es je

gegeben hat. Wie er sich gewöhnte, die Dinge groß und einfach zu

sehen, das offenbaren selbst die nach der Natur gezeichneten Studien;

das prächtige Blatt im British Museum mit der Gewandstudie für den

sogenannten Horaz und den Studien zu den Händen derselben Figur (die

rechte Hand in zwei verschiedenen Stellungen) mag als Beispiel dienen

(Abb. 56). Raffael hat es mit der höchsten gottbegnadeten Meisterschaft

verstanden, der Fülle der geistvollen Gedanken und der Durchbildung

des Ausdrucks und der schönen Formen dasjenige hinzuzufügen, was

mehr als alles andere das unlehrbare Kunstgeheimnis der Malerei ist:

die malerische Haltung, die dekorative Wirkung; ehe der Beschauer

dazu kommen kann, die einzelnen Schönheiten aufzusuchen oder in

den Inhalt des Dargestellten einzudringen, kommt ihm die Schönheit

entgegen und nimmt sofort und unmittelbar durch den Wohlklang der

Linien, Massen und Farben den Blick und die Empfindung gefangen. Daß

innerhalb dieser ersten und vornehmsten Eigenschaft der Malerkunst

und unbeschadet dieser Eigenschaft sich alle die anderen Vorzüge

entfalten, welche die bildende Kunst zu entfalten vermag, damit

ist die denkbar höchste Aufgabe der Malerei gelöst. Beim Betreten

der Stanza della Segnatura, dieses Allerheiligsten der Malerkunst,

empfangen wir jenen vollen überwältigenden Schönheitseindruck, der

auch ohne die Dolmetscherarbeit des Verstandes unsere Stimmung erregt,

auch heute noch, obgleich die unerbittliche Zeit nicht spurlos hier

vorübergegangen ist und namentlich in Bezug auf die Farben ihre

grausamen Merkmale gar deutlich aufgeprägt hat. Noch herrlicher muß der

Gesamtanblick des Raums gewesen sein, als die Verbindung zwischen den

Wandgemälden und dem schönen Marmorfußboden von eingelegter Arbeit noch

überall, wo jetzt untergeordnete Malereien den Sockel bilden, durch

ein Intarsia-Täfelwerk hergestellt war, welches Julius II, damit es

der Bilder würdig sei, durch den besten Meister in diesem Fache, Fra

Giovanni aus Verona, anfertigen ließ.

[Illustration: Abb. 57. +Madonna mit dem Diadem+ im Louvre.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 58. +Kinderstudien nach der Natur.+

(British Museum.)]

[Illustration: Abb. 59. +Studienköpfe zu der in England verschollenen

Madonna mit dem stehenden Kinde.+

(British Museum.)]

Der Anblick von Raffaels Arbeit hatte den Papst bewogen, auch in dem

anstoßenden Gemach die bereits fertigen Werke anderer Maler abschlagen

zu lassen. Sofort nach der Vollendung der Stanza della Segnatura

nahm Raffael die Ausmalung des Zimmers in Angriff, welches unter dem

Namen Stanza d’Eliodoro bekannt ist. Die Beendigung dieser Arbeit

aber fand erst nach dem Tode Julius’ II (20. Februar 1513) statt.

Wenden wir uns daher zunächst der Betrachtung der anderweitigen Werke

zu, welche Raffael in den Jahren 1508 bis 1513 entstehen ließ; denn

der jugendkräftige Meister war weit davon entfernt, in den großen

Wandgemälden sein ganzes Schaffensvermögen auszugeben. Eine ganze Reihe

von Madonnenbildern fällt in diese Zeit. In der Mehrzahl derselben

gewahren wir einen leicht erkennbaren Unterschied gegen die Florentiner

Madonnen. Die stille, innige Lieblichkeit genügt nicht mehr; die

Bilder werden ernster im Ausdruck, sie bekommen ein, wenn man will,

mehr kirchliches Gepräge, das sich auch darin ausspricht, daß das

Christuskind mehr als die Madonna zur Hauptfigur wird; es lebt in ihnen

ein Drang nach größerer Kraftentfaltung, nach energischer Bildwirkung

in Hell und Dunkel und in vollen Farben, nach stark bewegten Linien und

mächtiger Fülle der Formen; selbst das Antlitz der Jungfrau verändert

sich und spiegelt die kräftige Eigenart römischer Frauenschönheit

wieder. Florentinisch zart ist noch der Kopf der übrigens ganz römisch

gedachten Jungfrau mit dem Diadem (Abb. 57) im Louvre. In einer

Landschaft, deren Hintergrund scharfgezeichnete, kahle Berglinien

bilden, wie das Sabinergebirge sie zeigt, während weiter vorn antike

Gebäude und großartige Ruinen von den Eindrücken erzählen, die der

Boden Roms auf den Ankömmling ausübten, schläft auf einem Kissen der

Jesusknabe. Durch ein Diadem als Himmelskönigin gekennzeichnet, kniet

neben ihm die jungfräuliche Mutter; zwar kniet sie nicht anbetend da,

wie wir es auf spätmittelalterlichen Bildern häufig sehen, sondern

mit behutsam ausgestrecktem Arm lüftet sie den Schleier vom Köpfchen

des Knaben, um dessen Antlitz zu betrachten; aber sie betrachtet es

nicht mit seliger Mutterlust, sondern mit tiefem ahnungsvollen Ernst;

und neben ihr kniet der kleine Johannes und betet mit glühender

Andacht zu dem in Kindesgestalt erschienenen Erlöser der Welt. --

Auf einem Bilde, dessen Original verloren gegangen ist, von dem es

aber eine ganze Anzahl alter Kopieen gibt, der sogenannten Madonna

von Loreto -- das Bild befand sich vor seinem Verschwinden in der

berühmten Wallfahrtskirche von Loreto -- sehen wir den Christusknaben

in geschlossenem Raum auf einem weichen Bette ruhen; die Jungfrau,

welcher der h. Joseph über die Schulter blickt, ist eben herangetreten

und hat den Schleier aufgehoben, mit dem das Kind zugedeckt war,

und dieses streckt mit fröhlichem Verlangen die Ärmchen der Mutter

entgegen. Selbst in den an und für sich mehr oder weniger schwachen

Nachbildungen können wir ahnen, welchen Schatz von Poesie Raffael in

diese wieder rein menschlich aufgefaßte, aber in großen, bewegten

Linien komponierte Darstellung gelegt hat. Wie vollständig Raffael

sich mit den Anschauungen seiner Zeit in Übereinstimmung befand,

indem er die höchste menschliche Schönheit als Ausdrucksmittel

für das Göttliche annahm, davon geben die Worte des Vasari einen

Beweis, der bei der Beschreibung dieses Bildes sagt, daß der Knabe

„eine solche Schönheit besitzt, daß er in den Zügen des Kopfes und

in allen Gliedern beweist, daß er der wahre Sohn Gottes ist.“ Das

Erwachen des Kindes ist in unübertrefflicher Weise der Wirklichkeit

abgelauscht. Ein köstliches Studienblättchen im Britischen Museum (Abb.

58) erzählt uns davon, wie Raffael einmal am Bettchen eines Kindes

gesessen und mit sicherer Meisterhand die wechselnden Bewegungen des

eben erwachten hilflosen Geschöpfchens niedergeschrieben hat. Die am

weitesten ausgeführte unter diesen Naturskizzen hat ihre Verwertung

gefunden in der sogenannten Bridgewater-Madonna, die sich in der

nämlichen englischen Privatsammlung befindet, welche die Madonna unter

dem Palmbaum besitzt. Es ist dies eins der wenigen Madonnenbilder aus

Raffaels römischer Zeit, die sich, gleich den florentinischen, auf

die Schilderung des frohen, traulichen Beisammenseins von Mutter und

Kind beschränken. Zu einem im Original verschollenen Gemälde derselben

Art, als Madonna mit dem stehenden Kinde bezeichnet, haben sich die

prachtvollen Naturstudien Raffaels nach den Köpfen einer jungen Römerin

und eines lachenden Kindes erhalten (im Britischen Museum, Abb.

59). Derselbe echt römische Mädchenkopf kehrt wieder in der Madonna

Aldobrandini in der Londoner Nationalgalerie. Hier gesellt sich wieder

der Johannesknabe zu Mutter und Kind; wie in einem Florentiner Idyll

huldigt er dem Christusknaben durch Überreichen einer Blume; aber

römisch wie der Kopf der Madonna ist die Landschaft, in die man durch

offene Bogenfenster blickt.

[Illustration: Abb. 60. +Madonna von der göttlichen Liebe+ im

Museum zu Neapel.]

[Illustration: Abb. 61. +Die lustwandelnde Madonna.+]

[Illustration: Abb. 62. +Entwurf zur Madonna aus dem Hause Alba in

Petersburg.+

(Museum zu Lille.)]

[Illustration: Abb. 63. Rückseite des vorhergehenden Blattes:

+Modellstudie zur Figur der Madonna.+ (Museum zu Lille.)]

In der ausgesprochensten Weise bezeichnet die veränderte Stimmung, in

der religiösen Auffassung sowohl wie in der Form- und Farbengebung,

die Madonna von der göttlichen Liebe (Abb. 60), wovon sich das

Original im Museum zu Neapel, eine schöne alte Kopie im Palazzo

Borghese zu Rom befindet. Hier ist der Bildgedanke mit der größten

Entschiedenheit wirkungsvoll malerisch gefaßt, und inhaltlich bildet

der menschgewordene Gott aufs entschiedenste den Mittelpunkt der

Darstellung. Auch räumlich nimmt der Christusknabe die Mitte des Bildes

ein; er sitzt rittlings auf dem Knie der Mutter, die ihn mit gefalteten

Händen anbetet, und hebt segnend -- nicht wie im kindlichen Spiel,

sondern mit vollbewußtem Ausdruck -- die Hand gegen den Johannesknaben,

der in Ehrfurcht und Demut das Knie vor ihm beugt; daß dieses göttliche

Kind zugleich ein schwaches Menschenkind ist, daran erinnert nur,

daß es in seiner hochaufgerichteten Stellung einen Halt an dem Knie

der Elisabeth sucht, die neben Maria sitzt und ihm zugleich mit der

Hand eine Stütze für das erhobene Ärmchen gewährt. Der Schauplatz der

Handlung ist ein stellenweise verfallenes, mächtiges antikes Gebäude;

durch einen Bogen desselben sieht man im Hintergrunde den Pflegevater

Joseph, in seinen Mantel gehüllt, hereinschreiten.

Raffael · 第 3 / 7 段