Mit ungleich größerer Freiheit hat Raffael die Gruppe der Madonna

mit dem Jesus- und Johannesknaben in drei Gemälden ausgeführt, die

untereinander nahe verwandt sind. Auf allen dreien sitzt Maria mit

den beiden Kindern in einer Wiese, deren saftiges Grün sich in einer

formenreichen Fernsicht verliert; gemeinsam ist denselben ferner der

künstliche Aufbau -- eine Einwirkung der Lehren des Fra Bartolommeo

--, daß die Gruppe, so zwanglos sie sich scheinbar zusammenfügt, ein

ausgesprochenes Dreieck bildet. Das erste dieser drei Bilder ist die

Madonna im Grünen (Abb. 27) im kunsthistorischen Hofmuseum zu Wien

(gemalt 1505 oder 1506), das zweite die Madonna mit dem Stieglitz

(Abb. 28) in der Tribuna der Uffizien, das dritte (von 1507 oder

1508) die schöne Gärtnerin (Abb. 29) im Louvre. Anfänglich scheint

die Anordnung der drei in ganzer Figur sichtbaren Personen in jenem

regelmäßigen Aufbau dem jungen Meister ungewöhnliche Schwierigkeiten

gemacht zu haben; wenigstens gibt es eine außerordentlich große

Anzahl von Versuchen, Skizzen und Studien zu der Madonna im Grünen

(Abb. 30 u. 32). Das Gemälde erscheint denn auch, ungeachtet seiner

großen Reize, im Vergleich mit den beiden anderen noch einigermaßen

befangen; in seiner Farbengebung und in den Formen der Maria legt es

Zeugnis ab von dem Eifer, mit dem Raffael die Werke des Leonardo da

Vinci studierte. Auch das Gemälde in Florenz ist das Endergebnis von

verschiedenartigen Versuchen. Was dieses Bild besonders ansprechend

macht, ist die liebenswürdige, natürlich-kindliche Auffassung der

beiden Knaben: auf dem Wiener Bilde überreicht der kleine Johannes

dem Christuskinde knieend das Rohrkreuz -- das Schriftband ist

überall weggelassen --; hier aber fehlt jeder derartige Hinweis auf

das künftige Leiden, Johannes ist mit einem gefangenen Stieglitz

herbeigeeilt, durch dessen Überreichung er dem Gefährten eine Freude

machen will. Diese reizvolle Kindlichkeit lag nicht von vornherein in

Raffaels künstlerischer Absicht; eine Federskizze im Museum zu Oxford

(Abb. 33) zeigt uns den Jesusknaben noch ernsthaft mit dem Gebetbuch

der Mutter beschäftigt, während Johannes müßig, nur als aufmerksamer

Zuhörer dabei steht. Leider hat das Meisterwerk schwer gelitten.

Raffael malte es als Hochzeitsgeschenk für seinen Freund Lorenzo

Nasi in Florenz; bei einer Erderschütterung im Jahre 1548 stürzte

das Nasische Haus ein, die Bildtafel ging in Stücke und mußte

mühsam wieder zusammengesetzt und ausgebessert werden. Bei dem Pariser

Bilde, dem eine äußerst liebevolle Durchführung der Blumen und Kräuter

des Vordergrundes eigentümlich ist, ist es dem Meister gelungen,

die religiösen Beziehungen zur Anschauung zu bringen und dennoch

den Kindern die vollste, liebenswürdigste Kindlichkeit zu wahren;

Johannes, mit dem Rohrkreuzchen in der Hand, hat sich auf ein Knie

niedergelassen, aber wir fühlen, daß seine Kindergedanken sich noch

nicht Rechenschaft darüber geben, was ihn beim Anblick des Genossen

dazu treibt, die Stellung des Betens einzunehmen; und der kleine Jesus,

eine der entzückendsten Kindergestalten, die Raffael geschaffen hat,

blickt mit großen fragenden Augen zu dem wunderbaren, von weiblicher

Anmut und göttlicher Hoheit erfüllten Antlitz der Mutter empor, als ob

er Auskunft darüber erwarte, warum denn der Gefährte vor ihm kniet. Das

Museum zu Oxford besitzt eine prächtige Naturstudie zu diesem Knaben

(Abb. 34), mit mehreren besonderen Studien zu dem einen Füßchen, das

auf dem Fuße der Mutter ruht.

[Illustration: Abb. 28. +Madonna mit dem Stieglitz+ (in den

Uffizien zu Florenz).

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 29. +Madonna, genannt die schöne Gärtnerin+

(im Louvre).

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

Wiederum anders fügt sich die Gruppe zusammen in einem unvollendeten

Gemälde, der Madonna Esterhazy in der Gemäldegalerie zu Pest. Maria

ist niedergekniet und hat das Kind vor sich auf einen bemoosten

Stein gesetzt; ihr zur Seite kniet der Johannesknabe, mit seiner

Schriftrolle, die er lesen zu wollen scheint, beschäftigt, und lenkt

die Aufmerksamkeit von Mutter und Kind auf sich. Die köstliche,

lebensvolle Skizze zu diesem Gemälde besitzt die Uffiziensammlung (Abb.

35).

In derselben Sammlung befindet sich eine ganz flüchtige, aber darum

nicht minder reizvolle Federskizze (Abb. 36), auf welcher der kleine

Johannes dem auf dem Schoße der Mutter sitzenden Jesus anstatt des

Bandes mit den Worten „~ecce agnus dei~“ ein wirkliches Lämmchen

schwer tragend herbeibringt.

[Illustration: Abb. 30. +Skizzen zur Wiener Madonna im Grünen.+

Federzeichnung in der Albertina zu Wien.]

[Illustration: Abb. 31. +Madonna mit dem Schleier.+]

In den Kreis dieser Darstellungen gehört ferner ein in mehreren,

teils von Schülern Raffaels, teils von späteren Nachahmern gemalten

Exemplaren vorhandenes, der Erfindung nach auf den Meister

zurückgehendes Bild, das als Madonna mit dem Schleier oder Schlaf

des Kindes bezeichnet zu werden pflegt: in einer Wiese ist der

Christusknabe eingeschlafen; die Jungfrau hat sich neben ihm

niedergelassen und hebt den Schleier von seinem Gesichtchen, in dessen

Anblick sie sich versenkt, während der kleine Johannes, an Marias Schoß

geschmiegt, den Beschauer anblickt und mit ausgestrecktem Händchen auf

den Gottessohn hinweist (Abb. 31).

[Illustration: Abb. 32. +Studie zur Wiener Madonna im Grünen.+

(Sepiazeichnung im Museum zu Oxford.)]

Die Unerschöpflichkeit der Phantasie Raffaels hat sich auch an diesem

Gegenstande in reichster Fülle offenbart, den er, so oft er ihn

anfaßte, neu und immer gleich liebenswürdig zu gestalten wußte.

Eine andere Gruppe von Darstellungen bilden die heiligen Familien,

in denen der Nährvater Joseph, bisweilen auch noch andere Personen,

sich zu Maria und dem Jesuskind gesellen. Da ist zunächst das kleine

Bild der Madonna mit dem Lamm in der Galerie zu Madrid, auf dem wir in

einer schönen Landschaft die Jungfrau erblicken, wie sie den Knaben auf

einem liegenden Lämmchen reiten läßt, während der heil. Joseph, auf

einen Stab gestützt, die Gruppe liebevoll betrachtet. Dann die Madonna

unter dem Palmbaum in der Sammlung des Lord Ellesmere zu London, ein

liebliches Familienbild: Maria sitzt unter einer Dattelpalme und hält

das Kind an einem um den Leib gewundenen Schleier fest; der Pflegevater

ist niedergekniet und reicht dem Knaben, der sich in lebhafter Bewegung

nach ihm umdreht, einen Strauß Blumen dar. Ein prächtiges Studienblatt

zu diesem Bilde finden wir in der Louvresammlung (Abb. 37).

Eine reichere Komposition zeigt uns die heilige Familie aus dem Hause

Canigiani in der Münchener Pinakothek. In einer Wiese sitzt Maria auf

dem Boden, ihr gegenüber kniet die bejahrte Elisabeth; beide Mütter

halten ihre Kinder fest; mit heiterer Miene hat der kleine Jesus das

Schriftband in Empfang genommen, das der ernsthaft blickende Johannes

ihm überreicht hat; in der Mitte steht hinter den beiden Frauen der

heil. Joseph, mit beiden Händen auf seinen Stab gestützt, und schaut

nachdenklich herab; eine hügelige Landschaft mit einer turmreichen

Stadt bildet den Hintergrund. Wir erfahren durch Vasari, daß Raffael

dieses Bild für Domenico Canigiani in Florenz gemacht hat; aus dem

Besitz von dessen Erben kam es nachmals in denjenigen der Medici. Als

Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz sich mit einer Medicäertochter

vermählte, kam das Bild als Heiratsgut der Prinzessin nach Düsseldorf,

und von da im Jahre 1805 zugleich mit den übrigen Schätzen der

Düsseldorfer Galerie nach München. Leider ist das schöne Gemälde sehr

schlecht erhalten; Gruppen von Engelknaben, die zu den Seiten des heil.

Joseph in der Luft schwebten, sind durch das Putzen und Übermalen ganz

verschwunden, so daß jetzt der etwas allzu strenge pyramidale Aufbau

der Gruppe mehr, als es ursprünglich der Fall war, in die Augen fällt.

Wollen wir uns von der ursprünglichen Wirkung der Komposition eine

Vorstellung machen, so müssen wir eine alte Abbildung zum Vergleich

heranziehen; es gibt deren mehrere: eine Kopie in Ölfarben befindet

sich im Palazzo Corsini zu Florenz, eine -- freilich nicht sonderlich

schöne -- Tuschzeichnung im Museum zu Oxford (Abb. 38).

Den anmutig idyllischen Madonnenbildern reiht sich das durch die

gleiche Fülle von Lieblichkeit ausgezeichnete Bild der h. Katharina

an, welches sich in der Londoner Nationalgalerie befindet (Abb. 39).

In etwas mehr als halber Figur dargestellt, steht die jungfräuliche

Heilige in einer freien, von einem Fluß durchströmten Landschaft;

den linken Arm hat sie auf ihr Marterwerkzeug, das Rad, gestützt,

die Rechte -- eine unvergleichlich schöne Hand -- legt sie auf die

Brust, wie um ihre Glaubensfestigkeit und ihren Opfermut zu beteuern,

und blickt mit seitwärts gewendetem Kopf dem himmlischen Lichtstrahl

entgegen, der aus den Wolken auf sie herableuchtet.

[Illustration: Abb. 33. +Skizze zur Madonna mit dem Stieglitz in

Florenz.+ (Federzeichnung zu Oxford.)]

[Illustration: Abb. 34. +Naturstudie zu dem Jesuskind auf dem unter

dem Namen „Die schöne Gärtnerin“ bekannten Pariser Madonnenbild.+

(Federzeichnung in Oxford.)]

Im letzten Jahre seines Aufenthaltes in Florenz hatte Raffael noch

einmal Gelegenheit, zu Ehren der Madonna, die er so oft in jenen

lieblichen Bildern, welche die schönste Zierde der Gemächer frommer

Kunstfreunde bildeten, verherrlicht hatte, ein großes Altargemälde zu

schaffen; das Florentiner Geschlecht der Dei bestellte bei ihm ein

solches für ihren Familienaltar in der Kirche S. Spirito. Vorher aber,

im Jahr 1507, vollendete Raffael ein anderes großes Altargemälde, zu

dessen Ausführung er sich schon bei Gelegenheit seiner Anwesenheit in

Perugia verpflichtet hatte; eine Dame aus dem Geschlechte der Herrscher

von Perugia, Frau Atalanta Baglioni, hatte ihn beauftragt, für die

dortige Kirche S. Francesco eine Beweinung Christi zu malen. Atalanta

hatte ihren besonderen Grund zur Wahl dieses Gegenstandes; in den

blutigen Familienzwisten, welche damals fast jede italienische Stadt

durchtobten, war ihr Sohn Griffone der Blutrache zum Opfer gefallen;

in ihren Armen hatte er seinen Mördern verziehen. Dem jungen Meister

aber fiel damit eine Aufgabe zu, die von ihm die Vertiefung in ganz

andere Empfindungen verlangte, als diejenigen waren, denen er in seinen

holdseligen Madonnenbildern Ausdruck verlieh. Es scheint denn auch,

daß Raffael bei der Bewältigung dieses seinem Wesen ferner liegenden

Stoffes große Schwierigkeiten zu überwinden hatte, um zu einem

endgiltigen Ergebnis zu gelangen. Wenn wir eine im Museum zu Oxford

bewahrte flüchtige Federzeichnung (Abb. 40) als den ersten Entwurf

Raffaels zu dem Bilde für Atalanta Baglioni betrachten dürfen, so

erfahren wir, daß dasselbe eine vollständige Umgestaltung durchgemacht

hat, ehe es zur Ausführung kam. Auf diesem Entwurf sehen wir, wie dem

vom Kreuze abgenommenen Leichnam das erste liebevolle Lager bereitet

worden ist, bevor zur Bestattung geschritten wird; das Haupt Christi

ruht im Schoße seiner Mutter, die vom Übermaß des Schmerzes bewältigt

in die Arme ihrer Begleiterinnen sinkt; die Beine des Heilandes liegen

auf dem Schoße der Magdalena, die mit gerungenen Händen den Blick

von dem Toten zu der Schmerzensmutter wendet; der Jünger Johannes,

Joseph von Arimathia und andere Personen stehen mit verschiedenartigen

Äußerungen des Schmerzes und der Anteilnahme zur Seite. Eine

ausführlichere und größere Zeichnung im Louvre (Abb. 41), auf der aber

nicht sämtliche Figuren, sondern nur die wichtigsten dargestellt sind,

zeigt die nämliche Anordnung mit einigen Abweichungen; Magdalena umfaßt

Hand und Knie des teuren Toten; hinter ihr erscheint eine junge Frau,

die besorgt das Kopftuch der ohnmächtigen Maria lüftet; Joseph von

Arimathia, der auf der kleinen Skizze neben Johannes steht, ist hinter

die mit Maria beschäftigten Frauen getreten und drückt seinen Schmerz

und seine Unfähigkeit zu trösten durch Ausbreiten der Arme aus. Die

Komposition erinnert in dieser Gestalt, in der Anordnung im ganzen

und großen sowohl wie in mehreren Einzelheiten, an eine Darstellung

desselben Gegenstandes, welche Perugino für die Kirche St. Chiara

zu Florenz gemalt hatte, eins der vorzüglichsten Werke des Meisters

(jetzt im Palazzo Pitti). Indessen entschloß sich Raffael bald zu einer

ganz neuen Komposition, in der sich die Änderung bis auf die Wahl des

Augenblicks erstreckte. Er verwandelte das ruhige Bild in ein bewegtes.

Zwei Träger haben den Leichnam des Erlösers aufgehoben; sie sind am

Eingang der Gruft angekommen, zu der Stufen emporführen, die der

vorderste Träger, rückwärts schreitend und schwer hebend an der Last

des toten Körpers, eben ersteigt; noch einen Blick werfen die Freunde,

vor allen Magdalena, die noch einmal die Hand Christi ergriffen hat,

auf das teure Antlitz, bevor ihnen dasselbe für immer entzogen werden

soll; der Mutter aber haben auf dem schweren Gange die Füße versagt;

die Sinne schwinden ihr, und sie fällt schwer wie ein Leichnam in die

Arme der begleitenden Frauen; ein Blick auf den Kreuzeshügel schließt

den Horizont. Im Jahr 1507 vollendete Raffael das Ölgemälde (Abb.

42) an Ort und Stelle nach einem in Florenz gezeichneten Karton. Daß

Raffael bei der Ausführung des Kartons schon mit Gehilfen arbeitete,

lehrt uns ein Blatt in der Uffiziensammlung (Abb. 43), welches die

Hauptgruppe in höchst schülerhafter Zeichnung und mit einem Quadratnetz

überzogen enthält; diese Zeichnung diente lediglich dem Zwecke der

Übertragung in die Ausführungsgröße; mit der eignen Meisterhand aber

scheint Raffael die Umrisse von Kopf und Schulter der Magdalena darin

nachgezogen zu haben; als ein wieder aufgegebener Versuch stellt sich

die in die Lücke zwischen Magdalena und dem Träger eingeschobene

Figur dar. -- Die Staffel des Altarbildes schmückte er mit den

grau in grau gemalten Darstellungen der drei christlichen Tugenden

Glaube, Hoffnung und Liebe in weiblichen Halbfiguren: der Glaube

betrachtet mit dem Ausdruck der Überzeugungsfestigkeit, die Hand zur

Beteuerung auf die Brust gelegt, den Kelch mit der Hostie; die Hoffnung

blickt mit gefalteten Händen mit einem unvergleichlichen Ausdruck

unerschütterlicher Zuversicht nach oben; die Liebe hat eine Schar von

Kindern an ihrem Herzen versammelt; zu den Seiten der Kreise, mit

denen diese edlen Frauengestalten eingerahmt sind, erscheinen jedesmal

zwei köstliche aufrechtstehende Kinderengelchen. Die Albertina zu

Wien besitzt eine meisterhafte Federzeichnung (Abb. 44), die mit dem

Mittelbild dieser Predella, der Liebe, im wesentlichen übereinstimmt,

die aber in so fern rätselhaft ist, als sie viel mehr an Michelangelos

Art zu zeichnen als an diejenige Raffaels erinnert. Bis 1608 prangte

die Grablegung, in der vor allem die herrlichen, ausdrucksvollen Köpfe

die höchste Bewunderung herausfordern, an ihrem Bestimmungsorte; dann

wurde sie trotz laut erhobenen Widerspruches von den Mönchen von S.

Francesco an den Kardinal Borghese (Papst Paul V) verschenkt; im

Palazzo Borghese zu Rom ist sie dann verblieben. Das Staffelbild blieb

in S. Francesco zu Perugia bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts,

wo es, wie so zahlreiche andere italienische Kirchenschätze, von dem

französischen Sieger nach Paris entführt wurde; 1815 gelangte es dann

in die vatikanische Pinakothek, welche Pius VII aus den nach dem Sturze

Napoleons zurückgegebenen Gemälden bildete.

[Illustration: Abb. 35. +Skizze zur Esterhazy-Madonna in Pest.+

(Handzeichnungensammlung der Uffizien zu Florenz.)]

[Illustration: Abb. 36. +Skizze einer Madonna mit den beiden

Kindern.+ (Handzeichnung in den Uffizien zu Florenz.)]

Vom 21. April 1508 gibt es einen längeren Brief Raffaels, der an seinen

Oheim Simone Ciarla zu Urbino gerichtet ist; die Urschrift desselben

soll sich im Missionskollegium der „Propaganda“ zu Rom befinden. Daraus

erfahren wir, daß Raffael Thränen vergossen hat, als er die Nachricht

vom Tode des Herzogs Guidobaldo erhielt; daß er mehrere Aufträge in

Aussicht hat, und daß es ihm lieber ist, wenn die Besteller seine

Gemälde nach dem Empfange derselben abschätzen lassen, als wenn er

selbst den Preis bestimme; daß ihm daran liege, vom Präfekten an

Piero Soderini empfohlen zu werden zum Zwecke der Ausführung eines

Wandgemäldes, das dieser zu vergeben habe.

Ob das Empfehlungsschreiben des Präfekten ausgestellt wurde, wissen

wir nicht. Jedenfalls hatte Raffael nicht mehr nötig, sich um die

Erlangung monumentaler Aufträge zu bemühen; denn in demselben Jahre

noch eröffnete sich ihm der größte und glänzendste Wirkungskreis, der

je einem Maler geboten worden ist. Selbst das Altargemälde der Familie

Dei, welches er nach der Vollendung der Grablegung in Arbeit nahm,

mußte er unfertig stehen lassen. Es ist dieses die Madonna mit dem

Baldachin, so benannt wegen des großen Thronhimmels, unter welchem

Maria sitzt, eine feierliche Darstellung der Königin der Heiligen, die

aber nicht mehr an die Schule von Perugia, sondern eher an die Weise

des Fra Bartolommeo erinnert. Das Bild kam nach Raffaels Tode, von

Schülerhänden vollendet, in den Besitz seines Testamentsvollstreckers,

des päpstlichen Kanzleipräsidenten Baldassare Turini aus Pescia, der

dasselbe im Dome seiner Vaterstadt aufstellen ließ; im Jahre 1697

wurde es verkauft, was die Bürger von Pescia als eine Schmach und

Kirchenschändung empfanden; es wurde Eigentum der Medicäer und fand

seine Aufstellung im Palazzo Pitti.

[Illustration: Abb. 37. +Studienblatt zur Madonna unter dem

Palmbaum.+

(Handzeichnung in der Louvresammlung.)]

Über den großen Wendepunkt in Raffaels Leben, seine Berufung nach Rom

in die Dienste des Papstes, berichtet Vasari folgendermaßen: „Bramante

aus Urbino, der im Dienste Julius’ II stand, schrieb an Raffael, da

er weitläufig mit ihm verwandt war und aus demselben Orte stammte, er

habe mit dem Papste, der einige Gemächer hatte neu herstellen lassen,

ausgemacht, daß er (Raffael) in diesen seine Kraft erweisen könne. Der

Vorschlag gefiel Raffael, so daß er seine Florentiner Arbeiten stehen

ließ und nach Rom übersiedelte.“ Bramante (geboren zu Monte Asdrualdo

bei Urbino um 1444) war seit mehreren Jahren mit der Riesenschöpfung

des Papstes, dem Neubau der Peterskirche, beschäftigt. Michelangelo

malte seit dem Frühjahr 1508 an der Decke der Sixtinischen Kapelle.

Jetzt kam Raffael hinzu, um das Dreigestirn zu vervollständigen, dessen

Glanz allein ausreichen würde, um den Namen Julius’ II unsterblich zu

machen, auch wenn der staatskluge und kriegsgewaltige Papst weiter

nichts gethan hätte, sich unvergänglichen Nachruhm zu sichern, als

daß er diesen drei Männern die großartigsten und erhabensten Aufgaben

stellte. Raffael hat uns die Züge des Papstes (Abb. 45) überliefert,

durch den Rom zur Hauptstadt der Kunstwelt gemacht wurde, so daß der

alte Ruhm von Florenz hinter demjenigen Roms verblich. Das Bildnis

stammt aus den letzten Lebensjahren Julius’ II; die Last des Alters hat

die starken Schultern gekrümmt, weiß wallt der volle Bart auf die Brust

herab, die Augenlider sind schwer geworden; aber noch ist das Feuer

nicht erloschen in den Augen, die unter der mächtigen Stirn in tiefen

Höhlen ruhen, und der Ausdruck eisernen Willens und zielbewußter Kraft

lagert um die zusammengezogenen Brauen und den festgeschlossenen Mund.

Die ganze Persönlichkeit des alten Herrn, der mit aufgestützten Armen

im Lehnstuhl sitzt, ist von so überzeugendem Leben erfüllt, daß wir die

Worte Vasaris begreifen können, die Lebenswahrheit des Bildes habe die

Beschauer zittern gemacht, wie wenn Papst Julius leibhaftig dagewesen

wäre. Das prächtige Bildnis ist bald nach seinem Entstehen wiederholt

kopiert worden, und zwar einige Male von so geschickten Händen, daß man

nicht mehr weiß, welches das Original ist; hauptsächlich streiten die

beiden in Florenz befindlichen Exemplare (eins in der Tribuna, eins im

Pitti-Palast) miteinander um den Vorrang.

[Illustration: Abb. 38. +Alte Abbildung der Münchener Madonna de’

Canigiani.+ (Museum zu Oxford.)]

Im Herbste 1508 stand Raffael im Dienste des Papstes; er war mit

Arbeit überhäuft und beschäftigte eine Anzahl Gehilfen. Das erfahren

wir aus einem (in der Urschrift nicht mehr vorhandenen) Briefe, den er

am 5. September dieses Jahres an den Bologneser Maler und Goldschmied

Francesco Francia, den Lehrer von Raffaels Freund Timoteo Viti,

gerichtet hat. Raffael dankt dem Meister, der ihm, wie aus dem ganzen

Ton des Briefes hervorgeht, ein lieber und verehrter Freund ist, für

die Übersendung von dessen Selbstbildnis und entschuldigt sich, daß er

ihm das seinige noch nicht dagegen habe schicken können. „Ich hätte es

Euch ja schicken können, von einem meiner jungen Leute gemacht und von

mir überarbeitet; aber das ziemt sich doch nicht; oder eigentlich würde

sich das gerade ziemen, um zu erkennen zu geben, daß ich dem Eurigen

nicht gleich zu kommen vermag. Habt, bitte, Nachsicht mit mir, da Ihr

ja auch schon erfahren haben werdet, was es sagen will, seiner Freiheit

beraubt sein und im Herrendienste leben, was dann u. s. w.“

[Illustration: Abb. 39. +Die heilige Katharina+ (in der

Nationalgalerie zu London).

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 40. +Entwurf zu einer Beweinung Christi.+

(Federzeichnung im Oxforder Museum.)]

[Illustration: Abb. 41. +Größere Zeichnung zu derselben

Komposition.+ (Louvre.)]

Die neu hergestellten Zimmer des Papstes, von denen Bramante an

Raffael schrieb, sind die unter der Bezeichnung „Stanzen“ bekannten

Gemächer des vatikanischen Palastes. In der Stanza della Segnatura,

die diesen Namen erhielt, weil die Päpste in ihr die Gnadenerlasse

zu unterzeichnen pflegten, begann der fünfundzwanzigjährige Raffael,

der vom Papst mit großer Freundlichkeit empfangen wurde, seine

Thätigkeit. Schon hatten die berühmtesten Maler im Wetteifer ihre

Kräfte aufgeboten, um die vatikanischen Gemächer auszuschmücken, und

eine Anzahl altbewährter Meister, darunter auch Perugino, waren noch

damit beschäftigt. In der Stanza della Segnatura war die Decke bereits

durch Giovanantonio Bazzi, genannt Sodoma, aus Vercelli ausgemalt. Als

aber Raffael einen Teil seiner Arbeit vollendet hatte, da ließ der

Papst die übrigen Malereien herunterschlagen, um das Ganze dem Jüngling

zu übertragen, der die alten und die neuen Meister in den Schatten

stellte. Doch veranlaßte Raffael die Beibehaltung der Einteilung,

welche Sodoma der gewölbten Decke gegeben hatte, mit ihren Ornamenten,

kleinen Zierbildchen und dem von Engeln getragenen päpstlichen Wappen

in der Mitte. Die Bilder, welche Raffael in diesen Rahmen einfügte,

geben gleichsam eine Übersicht über den Inhalt der Gesamtausschmückung

des Raums. Es handelte sich um die Bearbeitung eines gewaltigen

Gedankenkreises; die idealsten Besitztümer des Menschengeistes, als

deren Hüter die Gottesgelehrten, die Weltweisen, die Dichter und

die Gesetzgeber erscheinen, sollten im Bilde gefeiert werden. So

treten uns an der Decke zunächst die sinnbildlichen Gestalten der

Theologie, der Philosophie, der Poesie und der Gerechtigkeit entgegen,

welche in kreisrunden Feldern die bedeutsamsten Stellen der Decke,

zwischen dem Mittelfeld mit dem Wappen und den Scheitelpunkten der

halbkreisförmig begrenzten Wandgemälde einnehmen. Es sind herrliche

weibliche Gestalten, die auf Wolken thronen, von Genien begleitet,

welche erläuternde Inschrifttafeln tragen; in vollen kräftigen Farben

heben sie sich von einem leuchtenden Grunde aus Goldmosaik ab. Neben

der Theologie, die durch eine unbeschreibliche Vereinigung von tiefem

Ernst und unendlicher Milde den Blick des Beschauers gefesselt hält,

erscheint die durch himmlische Begeisterung verklärte Poesie als die

großartigste unter diesen überirdischen Gestalten; „von der Gottheit

wird sie angeweht,“ -- das würden wir erkennen, auch wenn es uns die

beiden prächtigen Engelchen, die sich zu ihren Seiten in den Wolken

tummeln, nicht zu lesen gäben (Abb. 46).

Zu den vier großen allegorischen Gestalten kommen vier kleinere,

viereckig eingefaßte Bilder, gleichfalls auf goldenem Mosaikgrund,

in den Zwickeln der Wölbung. Neben der Theologie ist der Sündenfall

abgebildet (Abb. 47). Seit urältesten Zeiten wurden in der christlichen

Kunst Sündenfall und Erlösung gegenbildlich zusammengestellt; das Bild

der menschlichen Schuld hebt das Bild der göttlichen Gnade bedeutsam

hervor. So hat auch hier diese Darstellung Platz finden müssen, in

sinnvoller Beziehung zu dem Wandgemälde, welches den gnädigen Gott

des Christentums feiert. Raffaels Schilderung des Vorgangs ist ein

vollendetes Meisterwerk. Die Schlange -- mit dem Kopf eines Weibes,

wie es auch der älteren Kunst geläufig war -- nähert sich im Schatten

der Baumblätter flüsternd der Eva und blickt dabei beobachtend in das

Gesicht Adams, der an der anderen Seite des Baumes sitzt; Eva hält mit

der einen Hand den Zweig noch gefaßt, von dem sie die verbotene Frucht

gebrochen hat, die sie jetzt mit einem unwiderstehlichen Blick der

Verführung dem Manne darreicht; Zaghaftigkeit spricht aus Adams Haltung

und Kopf, aber verlangend öffnet sich seine Hand.

Neben der Poesie ist der Sieg der Kunst über die Stümperei durch den

Wettstreit des Apollo mit Marsyas verbildlicht. Neben der Gerechtigkeit

gibt das Urteil des Salomo ein Beispiel weiser Rechtspflege. Neben der

Philosophie aber erblicken wir anstatt einer erzählenden Darstellung

wieder eine allegorische Gestalt, die Astronomie, welche, von zwei

kleinen Genien begleitet, sich in staunender Betrachtung über die

Himmelskugel beugt.

[Illustration: Abb. 42. +Die Grablegung.+ Galerie Borghese zu Rom.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 43. +Hilfszeichnung zur Hauptgruppe der

Grablegung.+ (Uffiziensammlung.)]

Unter den vier großen Wandgemälden pflegt den heutigen Beschauer

dasjenige am meisten zu fesseln, welches der Theologie gewidmet ist.

Es ist allgemein bekannt unter dem Namen Disputa (Auseinandersetzung,

Abb. 48); man hat nämlich in einer Auseinandersetzung der Theologen

über das Altarssakrament den eigentlichen Inhalt der Darstellung

finden wollen. Thatsächlich aber ist die auf einem Altar aufgestellte

Monstranz mit der Hostie nur das Bindeglied zwischen der oberen und der

unteren Hälfte des Bildes. Oben nämlich erscheint der dreieinige Gott

in der Herrlichkeit des Himmels; unten ist um den Leib des Herrn in

Brodesgestalt die Kirche auf Erden versammelt.

Raffael · 第 2 / 7 段