Während Raffael in Città di Castello arbeitete, war Pinturic

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1895 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und

altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original

unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert.

Einige Abbildungen wurden zwischen die Absätze verschoben

und zum Teil sinngemäß gruppiert, um den Textfluss nicht zu

beeinträchtigen. Der Abschnitt ‚Lesung und Übersetzung der Verse

aus der Disputaskizze zu Wien‘ wurde im Original mit einem

Trennstrich vom laufenden Text abgetrennt. Diese Anmerkung wurde in

der vorliegenden Fassung zwischen zwei Absätze verschoben und durch

eine Einrückung hervorgehoben. Die Fußnote wurde an das Ende des

betreffendes Abschnitts gesetzt.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit

den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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Liebhaber-Ausgaben

[Illustration]

Künstler-Monographien

von

H. Knackfuß

Professor an der K. Kunstakademie zu Kassel

I

Raffael

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1895

Raffael

Von

H. Knackfuß

Mit 110 Abbildungen von Gemälden und Handzeichnungen

Dritte Auflage

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1895

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

[Illustration: +Die heilige Cäcilia.+ In der Akademie zu Bologna.]

[Illustration]

Raffael.

„Wie freigebig und gütig sich bisweilen der Himmel zeigt, indem er auf

eine einzige Person die unermeßlichen Reichtümer seiner Schätze und

alle jene Gnaden und seltensten Gaben häuft, die er sonst in einem

langen Zeitraum unter viele Einzelwesen zu verteilen pflegt, das

konnte man deutlich sehen an dem nicht weniger ausgezeichneten als

liebenswürdigen Raffael Sanzio von Urbino, der von der Natur begabt war

mit all jener Bescheidenheit und Güte, die man manchmal bei denjenigen

gewahrt, die mehr als andere neben einer gewissen feinen natürlichen

Bildung den herrlichen Schmuck einer anmutvollen Freundlichkeit

besitzen, die sich immer sanft und gefällig gegen jedermann und in

allen Dingen zu zeigen pflegt. Ihn schenkte die Natur der Welt, als

sie, besiegt von der Kunst durch die Hand des Michelangelo Buonarroti,

in Raffael besiegt werden wollte durch die Kunst und durch die

Persönlichkeit zugleich.“ So beginnt Giorgio Vasari, der im XVI.

Jahrhundert das Leben berühmter italienischer Künstler von Cimabue bis

auf sich selbst beschrieb, die Lebensbeschreibung des unsterblichen

Meisters, der die Kunst der italienischen Renaissance auf den Gipfel

der Vollkommenheit geführt hat und der mit dem gewaltigen Michelangelo

den höchsten Ruhm teilt, daß seine Werke, gleich den Schöpfungen des

klassischen Altertums, der Nachwelt als unübertrefflich gelten.

[Illustration: Abb. 1. +Aus dem Venezianischen Skizzenbuche.+]

[Illustration: Abb. 2. +Aus dem Venezianischen Skizzenbuche.+]

[Illustration: Abb. 3. +Aus dem Venezianischen Skizzenbuche.+]

[Illustration: Abb. 4. +Das Dreiheiligenbild in der Berliner

Galerie.+]

Am Karfreitag (28. März) des Jahres 1483 erblickte Raffael Santi (oder

Sanzio) das Licht der Welt. Sein Geburtsort Urbino, am Nordostrande

der Apenninen in der Mark Ankona gelegen, unweit der Grenzen von

Toskana und Umbrien, war die Hauptstadt eines kleinen Herzogtums, das

dem tapferen und kunstsinnigen Geschlecht der Montefeltro gehörte.

Raffaels Vater Giovanni Santi war ein achtbarer Maler, der sinnigfromme

Heiligenbilder malte; er hatte es in seiner Jugend mit verschiedenen

Berufsarten versucht, ehe er sich der Kunst zuwendete; auch eine

Reimchronik, welche die Thaten des Herzogs Federigo Montefeltro

preist, hat er verfaßt. Über Raffaels Mutter Magia, deren Andenken

dieser zweifellos die Anregungen zu seinen himmlischen Madonnen,

den verklärten Schilderungen der Mutterliebe und des Mutterglücks,

verdankte, wissen wir weiter nichts, als daß sie die Tochter eines

gewissen Battista Ciarla in Urbino war, daß sie ihrem Gatten außer

Raffael noch einen Sohn und eine Tochter schenkte, die beide im frühen

Kindesalter starben, und daß sie selbst schon am 7. Oktober 1491

starb. In einem von Giovanni Santi gemalten Freskobilde in dem noch

heute stehenden Geburtshaus Raffaels, welches eine Madonna mit dem

schlafenden Kinde darstellt, glaubt man eine Abbildung der Frau Magia

mit dem kleinen Raffael erblicken zu dürfen. Giovanni hat seinem Sohn

jedenfalls nur die allerersten Anfangsgründe seiner Kunst beibringen

können; denn nachdem er sich 1492 zum zweitenmal vermählt hatte,

starb er schon am 1. August 1494. Raffaels eigentlicher Lehrmeister

war nach Vasaris Angaben Pietro Vannucci, genannt ~il Perugino~

(geb. 1446, gest. 1524), das Haupt der sogenannten umbrischen

Malerschule, deren besonderes Wesen eine zarte poetische Empfindung

bei einigermaßen schüchterner Formen- und Farbengebung kennzeichnet.

Doch befindet sich Vasari in einem offenbaren Irrtum, wenn er erzählt,

Giovanni Santi habe selbst, und noch bei Lebzeiten der Mutter, den

Knaben nach Perugia zu Vannucci gebracht. Wahrscheinlich im Alter

von siebzehn Jahren kam Raffael in dessen Werkstatt; denn bis zum

Jahre 1500 war der vielbeschäftigte Meister jahrelang fast beständig

außerhalb Perugias thätig. Wer bis dahin den jungen Santi unterrichtet

hat, darüber fehlen alle Nachrichten. In Urbino war seit 1495 ein

tüchtiger einheimischer Maler ansässig, Timoteo Viti (geboren 1467),

der seine Ausbildung in Bologna bei Francesco Francia empfangen

hatte. Die Vermutung, daß dieser Raffaels Lehrer gewesen sei, hat die

größte Wahrscheinlichkeit für sich, zumal da Raffael auch in späteren

Jahren zu ihm in freundschaftlichen Beziehungen stand. Jedenfalls

brachte Raffael, als er zum Perugino kam, außer seiner persönlichen

Begabung eine ganz gediegene Vorbildung mit. Es sind drei reizende

kleine Gemälde vorhanden, von denen mit Grund angenommen wird, daß

Raffael sie noch in Urbino gemacht habe; denn sie tragen bei aller

Trefflichkeit der Ausführung in der Erfindung ein kindliches Gepräge,

und sie verraten in nichts den später sehr mächtig werdenden Einfluß

der Schule von Perugia. Das eine dieser Bildchen befindet sich in der

Nationalgalerie zu London und ist bekannt unter dem Namen „Der Traum

des Ritters.“ In einer reichen Landschaft ruht unter einem Bäumchen

ein geharnischter Jüngling im Schlummer; von der einen Seite naht

ihm ein anmutiges Weib, mit Perlen geschmückt, und reicht ihm Blumen

dar; von der anderen Seite tritt eine ernstere Frauengestalt heran,

mit dem Schwert in der einen, einem Buche in der anderen Hand. Der

Sinn der Darstellung erklärt sich von selbst. Das andere Bildchen,

im Louvre zu Paris, stellt den Erzengel Michael dar, der in voller

Rüstung vom Himmel herabgestürmt ist, um den bösen Feind, der sich in

Gestalt eines Drachen mit ohnmächtiger Wut unter dem gepanzerten Fuße

des Himmelskriegers krümmt, mit dem Schwerte niederzuschmettern; die

Hölle ist der Schauplatz des Vorganges: scheußliche Unholde stehen

glotzend umher, und in der Ferne, vor der flammenden Höllenburg und

zwischen düsteren Felsen, sind die Strafen der Heuchler und der Diebe

nach Dantes Gedicht geschildert. Als drittes wird diesen köstlichen

Jugendwerken eine Darstellung der drei Grazien (im Besitz des Herzogs

von Aumale) beigezählt, welche die irgend einem antiken Kunstwerk

entliehene Gruppe der drei einander umschlungen haltenden Mädchen in

eine weite freie Landschaft versetzt. -- In verschiedenen Sammlungen

werden Handzeichnungen aufbewahrt, die als frühe Jugendarbeiten

Raffaels gelten, ohne daß für diese Annahme eine äußere oder innere

Beglaubigung vorläge. Die größte Sammlung von angeblich aus Raffaels

Jugend herrührenden Zeichnungen besitzt die Akademie zu Venedig in

einem in seine einzelnen Blätter aufgelösten Skizzenbuche (Abb. 1, 2,

3). Da finden wir Nachzeichnungen von Köpfen und Figuren verschiedener

Meister, Gedächtnisübungen, Entwürfe, streng schulmäßig gezeichnete

Gewandstudien und sonstige Studien nach der Natur, darunter einige

ausgezeichnet schöne Köpfe. Die Urheberschaft Raffaels an diesem

Skizzenbuch ist mit ebenso großem Eifer behauptet wie bestritten

worden; nach der Ansicht des gewiegtesten Kenners gehört dasselbe dem

Pinturicchio an. Bernardino Betti, genannt ~il Pinturicchio~

(das Malerchen), war neben dem um einige Jahre älteren Perugino der

vorzüglichste Meister der Schule von Perugia; unzweifelhaft hat Raffael

auch von ihm recht viel gelernt. Die Betrachtung der venezianischen

Skizzenbuchblätter ist -- ganz abgesehen von dem Interesse, das sie

an und für sich haben -- höchst anziehend, weil sie ein anschauliches

Bild gewähren von der Art und Weise der umbrischen Schule, in die

Raffael eintrat und der er sich bald völlig anzupassen wußte.

Zwischen dem Lehrer und dem Schüler entwickelte sich eine lebendige

Wechselwirkung. Man glaubt in Peruginos Werken aus den ersten Jahren

des XVI. Jahrhunderts Fortschritte gegen seine früheren Arbeiten zu

gewahren, die aus dem Einfluß von Raffaels frischem Talent zu erklären

wären; und Raffael lebte sich vollständig in die Auffassungs- und

Darstellungsweise seines Meisters ein. Es scheint selbst vorgekommen

zu sein, daß der Lehrer malte, was der Schüler erfunden hatte. Der

umgekehrte Fall war nicht ungewöhnlich; in Italien ebensowohl wie

in Deutschland überließen vielbeschäftigte Künstler die Ausführung

untergeordneter Arbeiten ihren Gehilfen; dabei deckte dann der Name

des Meisters die That des Schülers; bei dem bald alles überstrahlenden

Ruhme des Namens Raffael aber erscheint es leicht begreiflich, daß

schon in den Augen der Mitwelt der erfindende Meister hinter dem

ausführenden Schüler verschwand. Ein ähnliches Verhältnis scheint

zeitweilig auch zwischen Pinturicchio und Raffael bestanden zu haben.

Wenigstens liegen den frühesten Madonnenbildern Raffaels Zeichnungen

zu Grunde, die mit der größten Wahrscheinlichkeit dem Pinturicchio

zugeschrieben werden. Unbedingt nötig ist es darum freilich nicht,

daß wir annehmen, der junge Maler habe im Auftrage des älteren

Bestellungen, die an diesen gelangten, ausgeführt; wir mögen uns auch

vorstellen, daß der schüchterne Anfänger bei den ersten Aufträgen, die

er bekam, sich an den erfahrenen Kunstgenossen um Rat gewendet, und daß

dieser ihm eigne Entwürfe als mustergiltige Vorbilder zur Verfügung

gestellt habe. Bestanden doch in den damaligen Werkstätten die den

Lernenden gegebenen Vorlagen lediglich in den Arbeiten des Lehrers; und

niemand nahm Anstoß daran, wenn ein Schüler irgend ein Studienblatt

seines Meisters, das er zu seiner Übung nachgebildet, gelegentlich auch

einmal in einem eignen Bilde verwertete. So erklären sich die Anklänge

und unmittelbaren Wiederholungen, denen wir nicht selten in den Werken

verschiedener, aber aus derselben Schule hervorgegangener Maler

begegnen; unser ängstliches Suchen nach Originalität um jeden Preis und

in jedem Strich kannte jene Zeit noch nicht. Die Eigenart Raffaels und

seine besondere Begabung für natürliche Schönheit der Form läßt sich

auch in den Werken, die er während seiner Peruginer Schulzeit entstehen

ließ, nicht verkennen. Seine beiden ältesten Madonnenbilder besitzt

das Berliner Museum: Die Madonna zwischen dem heiligen Hieronymus und

Franziskus (auch „Dreiheiligenbild“ genannt, Abb. 4) und die nach ihrem

früheren Besitzer bezeichnete Madonna Solly (Abb. 5). Diesen beiden

Bildern reiht sich ein drittes an, ein kleines achteckiges Gemälde,

das sich bis 1871 im Palazzo Conestabile zu Perugia befand, seitdem

aber in der Sammlung der Ermitage zu Petersburg verborgen ist. Es sind

Andachtsbilder, die sich von der durch altes Herkommen bestimmten

Auffassung nicht entfernen wollen, echte Erzeugnisse der umbrischen

Schule, fast noch halb mittelalterlich, aber unendlich liebenswürdig

in ihrer zarten Milde. Die Madonna erscheint überall in halber Figur,

als eine nonnenhaft verhüllte, sehr jugendliche Mädchengestalt, mit

feinem, blassem Antlitz und niedergeschlagenen Augen; das nackte

Christuskind, das sie auf dem Schoß oder auf den Händen hält, hat

etwas Altkluges in seinem Wesen: hier erhebt es das Händchen segnend

gegen die beiden Heiligen, da hält es zwar in kindlicher Weise ein

Spielzeug -- einen Vogel -- gefaßt, wendet aber seine Äuglein fromm

gegen den Himmel, und dort liest es andächtig mit in dem Gebetbuch der

Mutter. Den Hintergrund bilden weite Fernsichten unter lichtblauem

Himmel, und diese feinen duftigen Landschaften tragen nicht wenig

zur Hervorbringung der poetischen Stimmung bei, die diesen Bildern

eigen ist. Ungeachtet aller schulmäßigen Befangenheit blickt überall

ein frischer Sinn für Naturwahrheit hervor. In welcher Weise Raffael

während seiner Lehrzeit zu Perugia nach der Natur studierte, davon

giebt der im Museum Wicar zu Lille bewahrte, für den greisen Hieronymus

im Dreiheiligenbilde gezeichnete Studienkopf ein hübsches Beispiel

(Abb. 6). -- Es ist anziehend zu betrachten, wie der junge Künstler

den so überaus einfachen Gedanken des herkömmlichen Madonnenbildes,

das der Phantasie so wenig Spielraum zu gestatten schien, im Geiste

bewegte, um durch leise Abwandlungen neue Bilder zu gewinnen, die er

in bald flüchtiger, bald sorgfältiger gezeichneten Skizzen festhielt.

So ist eine schöne, große Kreidezeichnung (Abb. 7) in der Sammlung des

Erzherzogs Albrecht (der „Albertina“) zu Wien sowohl der Madonna Solly,

als auch der Madonna Conestabile ähnlich, aber doch wieder von beiden

verschieden und in sich harmonisch abgerundet; besonders bemerkenswert

ist dieses Blatt auch dadurch, daß das Kind sich in rein kindlicher

Weise mit einem Granatapfel beschäftigt, den ihm die Jungfrau hinhält,

während sie das Gebetbuch einen Augenblick beiseite gelegt hat. Den

ganzen duftigen Reiz eines unmittelbaren ersten Entwurfs enthüllt

eine köstliche kleine Federzeichnung im Museum zu Oxford (Abb. 8);

mit wenigen ausdrucksvollen Strichen ist es hingeschrieben, wie die

Jungfrau mit himmlischer Holdseligkeit den Knaben anschaut und wie

dieser, der mit beiden Händchen ihr Gebetbuch gefaßt hält, andächtig

nach oben blickt. Auf der Rückseite des Blättchens (Abb. 9) ist das

Knäblein größer und ausführlicher mit zarten und doch sicheren Linien

aufgezeichnet; wir ahnen in diesen lieblichen Umrissen schon die ganze

Schönheit späterer Raffaelischer Kindergestalten.

[Illustration: Abb. 5. +Madonna Solly in der Berliner Galerie.+]

[Illustration: Abb. 6. +Studienkopf zum heil. Hieronymus im Berliner

„Dreiheiligenbild.“+

(Handzeichnung im Museum zu Lille.)]

[Illustration: Abb. 7. +Madonnenskizze.+ (Kohlenzeichnung in der

Albertina zu Wien.)]

[Illustration: Abb. 8. +Madonnenskizze.+ Federzeichnung im Museum

zu Oxford.]

[Illustration: Abb. 9. +Rückseite+ des Blattes Abb. 8, größere

Zeichnung des Kindes (Museum zu Oxford).]

[Illustration: Abb. 10. +Krönung Marias+ (in der Vatikanischen

Pinakothek).]

[Illustration: Abb. 11. +Studienkopf zu einem Engel in der Krönung

Marias.+

(Handzeichnung im Museum zu Lille.)]

Im Jahre 1502 siedelte Perugino nach Florenz über. Raffael aber blieb

noch in Perugia. Denn schon war er mit der Ausführung eines großen

Altargemäldes betraut worden. Im Auftrage einer Dame aus einem der

mächtigsten Geschlechter von Perugia, Maddalena degli Oddi, malte er

für den Altar der dortigen Franziskanerkirche eine Krönung Marias

(Abb. 10). Das jetzt in der Vatikanischen Pinakothek befindliche

Gemälde zeigt in seiner unteren Hälfte die Apostel, welche das leere

Grab der Jungfrau, aus dem Lilien und Rosen emporsprießen, umstehen;

über den Wolken erscheint Christus und setzt seiner Mutter, unter der

jubelnden Musik der Engelscharen, die Himmelskrone auf das Haupt. Eine

Anzahl erhaltener Studien gibt Kunde von Raffaels Vorbereitungen für

das Werk. So erkennen wir in dem schönen Bildniskopf eines Jünglings

(Abb. 11, im Liller Museum), wohl eines Genossen der Werkstatt,

die Studie zu dem Antlitz des Engels, der mit dem Tamburin zur

Rechten der Jungfrau steht; bei der Studie zu dem Kopf des diesem

gegenüberstehenden Engels mit der Geige dagegen hat der junge Meister

gleich in die Zeichnung nach der Natur eine idealisierte Auffassung

hineingelegt (British Museum zu London, Abb. 12). Finden wir Raffael

in dem Krönungsbilde in Bezug auf die gesamte Anordnung und das

Gepräge der Köpfe noch ganz von der Schule des Perugino abhängig, der

um dieselbe Zeit denselben Gegenstand für eine Kirche bei Perugia

malte, so gewahren wir doch auch, wie sehr weit schon der Schüler den

Meister in Bezug auf Schönheit und Lebendigkeit übertraf. Wie die Kraft

des noch nicht zwanzigjährigen Raffael sich regte, um sich über

die Banden der Schulmäßigkeit zu erheben, wie schnell er die Meister

der Schule überflügelte, das zu erkennen haben wir an dem jetzigen

Aufbewahrungsort des Gemäldes die beste Gelegenheit: ganz in der Nähe,

in dem nämlichen Zimmer, hängt eine Darstellung desselben Gegenstandes

von Pinturicchio; bei dem Vergleich fallen Raffaels in seiner

persönlichen Eigenart begründete Vorzüge gar deutlich in die Augen. --

Als Altargemälde hatte das Krönungsbild auch eine „Predella,“ eine mit

kleineren Bildern geschmückte Staffel, durch die es über den Altartisch

emporgehoben wurde. Von dem Hauptbild getrennt, befindet sich diese

Predella gleichfalls in der Vatikanischen Sammlung. Die Verkündigung,

die Anbetung der drei Weisen und die Darstellung im Tempel bilden die

Gegenstände der Predellenbilder. Bei diesen kleinen Gemälden hat sich

Raffael noch freier und unabhängiger von der Schule bewegt als in dem

Hauptgemälde. Zu den beiden ersten Darstellungen sind die Kartons,

die in der Größe der Ausführung angefertigten Hilfszeichnungen, noch

vorhanden, der eine im Louvre (Abb. 13), der andere im Museum zu

Stockholm; an dem Karton der Verkündigung, die Raffael in eine weite

Säulenhalle verlegt hat, um den im Verhältnis zu der geringen Zahl

der Figuren sehr breiten Bildraum in interessanter Weise zu füllen,

sieht man, wie derselbe zur Übertragung der Zeichnung auf die Tafel

benutzt worden ist: die mit der Feder gezeichneten Umrisse sind mit

Nadelstichen durchbohrt zum Zwecke des Durchbeutelns mit Kohlenstaub.

Gewinnen wir hier einen Einblick in Raffaels Handwerksverfahren, so

blicken wir in seine geistige Werkstatt in einer köstlichen Skizze

im Museum zu Oxford (Abb. 14), welche mit wenigen sicheren und

ausdrucksvollen Federzügen die Hauptgruppe des dritten Predellenbildes

feststellt.

[Illustration: Abb. 12. +Studienzeichnungen zu einem anderen Engel

desselben Bildes.+

(British Museum.)]

[Illustration: Abb. 13. +Karton zur „Verkündigung“ auf der Predella

der Krönung Marias.+ (Im Louvre zu Paris.)]

[Illustration: Abb. 14. +Skizze+ (in Oxford) +zur Darstellung

Christi im Tempel+ auf derselben Predella.]

[Illustration: Abb. 15. +Die Vermählung Marias+ (~Lo

sposalizio~) in der Brera zu Mailand.]

Etwa eine Tagereise nordwärts von Perugia liegt im oberen Tiberthal das

Städtchen Città di Castello. Hierher ward Raffael nach der Vollendung

der „Krönung Marias“ durch mehrere Aufträge geführt. Zuerst malte er

hier, nach Vasaris Erzählung, ein Bild für die Kirche St. Agostino,

ganz in der Art des Perugino. Den Gegenstand dieses Gemäldes gibt

der Biograph nicht an; die Überlieferung aber hat ein bis zum Jahre

1789 in dieser Kirche aufgestellt gewesenes Altarbild, die Krönung

des h. Nikolaus von Tolentino, als Jugendwerk Raffaels bezeichnet:

in dem genannten Jahre wurde dasselbe verkauft, und dann -- es war

ausnahmsweise auf Leinwand gemalt -- in Einzelbilder zerschnitten;

die Stücke aber sind spurlos verschwunden. Ein günstigeres Geschick

hat über den beiden anderen in Città di Castello gemalten Bildern

gewaltet, welche Vasari ausdrücklich benennt. Das eine, den toten

Christus am Kreuz mit Maria, Johannes, Magdalena und Hieronymus

darstellend und ganz in der Art des Perugino gedacht und ausgeführt,

gehörte der Kirche S. Domenico; jetzt befindet sich dasselbe in einer

Privatsammlung zu London. Das dritte Bild, die Vermählung Marias (Abb.

15), laut Inschrift im Jahre 1504 vollendet, prangte bis gegen Ende

des vorigen Jahrhunderts auf einem Altar der Kirche S. Francesco;

jetzt befindet es sich in der Sammlung der Brera zu Mailand. Dieses

Hauptwerk Raffaels aus seiner umbrischen Periode, weltbekannt unter

dem Namen ~lo sposalizio~, zeigt vor einem Rundbau, der den

Tempel zu Jerusalem darstellt, den Hohenpriester, welcher die Hände

des Brautpaares zusammenfügt; hinter Maria erscheint ein Gefolge von

Jungfrauen, hinter Joseph die zurückgewiesenen Freier, von denen die

Legende zu erzählen weiß: sie halten dürre Stäbe in den Händen, während

aus Josephs Stab Blumen hervorgesproßt sind; zwei von ihnen zerbrechen

ihre Stäbe, deren Verdorrtheit das vom Himmel geoffenbarte Zeichen

ihrer Zurückweisung ist, der eine mit einer gewissen Gelassenheit, der

andere, im Vordergrunde, in leidenschaftlicher Erregung. Bei diesem

Bilde hat sich Raffael in der ganzen Anordnung und Gruppierung wieder

getreu nach einem gleichartigen Werke des Perugino gerichtet; aber

bis in die kleinste Einzelheit hat er sein Vorbild unendlich weit an

Geist, Freiheit, Leben und Schönheit übertroffen; seine hervorragende

Begabung für das Fach der Baukunst, die er in späteren Jahren zu

bethätigen glänzende Gelegenheit finden sollte, offenbart sich in der

geschmackvollen Erfindung des Tempels.

[Illustration: Abb. 16. +Bildnisskizze+, besonders stark an

Leonardos „Gioconda“ erinnernd. Federzeichnung im Louvre.]

[Illustration: Abb. 17. +Bildnisskizze+ im Museum zu Lille, mit

Silberstift auf getöntem Papier gezeichnet.]

Während Raffael in Città di Castello arbeitete, war Pinturicchio

damit beschäftigt, die Dombibliothek zu Siena im Auftrage des Papstes

Pius III mit Fresken zu schmücken. Vasari berichtet, daß derselbe

den Raffael nach Siena habe kommen lassen, um ihm an den Kartons zu

diesen Wandgemälden zu helfen. Diese Nachricht hat durchaus nichts

Unglaubwürdiges; der kaum einundzwanzigjährige Raffael mochte sich

wohl bereitwillig zu einer solchen Hilfsarbeit verstehen dem Manne

gegenüber, von dem er so vieles gelernt hatte. Ein vergebliches Bemühen

würde es freilich sein, die Spuren von Raffaels Mitwirkung in jener

Meisterschöpfung des Pinturicchio entdecken zu wollen; denn wenn ein

älterer Maler einem jüngeren das Vertrauen schenkt, daß er sich von

ihm bei einem großen Werke helfen läßt, so pflegt er demselben doch

nicht zu gestatten, daß er von seinem Eignen etwas hineinbringe.

Jedenfalls hielt sich Raffael nicht lange in Siena auf. Es trieb ihn,

den damaligen Hauptsitz der Kunst Italiens kennen zu lernen, Florenz,

wo ja auch sein vormaliger Lehrer seine Werkstatt aufgeschlagen hatte.

Ehe Raffael nach Florenz übersiedelte, machte er einen Besuch in

seiner Vaterstadt. Hier hatten sich inzwischen kriegerische Ereignisse

zugetragen. Herzog Guidobaldo Montefeltro war durch Cesare Borgia

vertrieben worden, hatte aber im Jahre 1503 unter dem Jubel der

Bevölkerung von seiner angeerbten Herrschaft wieder Besitz genommen.

In demselben Jahre bestieg Giuliano della Rovere, dessen Bruder mit

der Schwester des Herzogs, Giovanna, vermählt war, als Julius II den

päpstlichen Stuhl. Unter dem Schutze dieser mächtigen Verwandtschaft

blieb dem Herzogtum Urbino der Friede gesichert. Ungestört entfaltete

sich am Hofe Guidobaldos jenes rege geistige Leben, welches den

italienischen Fürstenhöfen der Renaissancezeit einen so eigentümlichen

Glanz und Zauber im Gedächtnis der Nachwelt verliehen hat. Auch

Raffael ward in den auserlesenen Kreis hineingezogen, dessen Seele die

schöne und geistreiche Gemahlin des Herzogs, Elizabeta Gonzaga war, die

Enkelin einer Hohenzollerntochter. Neben der Herzogin Elisabeth war

des Herzogs Schwester Giovanna della Rovere eine besondere Gönnerin

des jungen Künstlers, dessen Anfänge schon deutlich genug verhießen,

daß er einst seiner Vaterstadt zum Ruhme gereichen würde. Mit einem

warmen Empfehlungsschreiben der Herzogin Giovanna an den Bannerherrn

von Florenz, Piero Soderini, ausgestattet, betrat Raffael im Herbste

des Jahres 1504 die blühende Hauptstadt Toskanas. Hier stand damals

Leonardo da Vinci auf der Höhe des Ruhms. Mit ihm wetteiferte der

um dreiundzwanzig Jahre jüngere Michelangelo Buonarroti, dessen

Riesenstandbild des David vor kurzem am Eingange des Palastes der

Signoria aufgestellt worden war; jetzt waren beide Meister mit den

Entwürfen zu großen Schlachtgemälden beschäftigt, welche die Wände des

Ratssaales schmücken sollten. Unter den dauernd in Florenz ansässigen

Malern zeichnete sich der Dominikaner Fra Bartolommeo aus, der seine

charaktervollen und glaubensinnigen, farbenprächtigen Schöpfungen in

streng architektonischem Aufbau anzuordnen liebte. Zu diesem ernsten

Meister, den das Schicksal Savonarolas in das Kloster getrieben

hatte, trat Raffael in ein besonders enges Freundschaftsverhältnis;

beide lernten voneinander; Raffael teilte dem um acht Jahre älteren

Freunde so viel mit, wie er empfing. Leicht läßt sich in mehreren

Werken beider der wechselseitige Einfluß wahrnehmen. Aber nicht

von den Lebenden allein, auch von den alten Meistern der Vorzeit

lernte Raffael in Florenz; mit Eifer studierte er in der Kirche St.

Maria del Carmine die Fresken des Masaccio, der die Naturtreue, die

den besonderen Ruhm der Florentiner Schule bildete, in die Kunst

eingeführt hatte. So kam der junge Urbinate, wie Vasari berichtet,

dazu, „eine außerordentliche Vervollkommnung in der Kunst und in seiner

Ausführungsart zu erlangen.“ Raffael verleugnete keineswegs seinen

alten Lehrmeister; manchmal schimmert noch das Wesen der umbrischen

Schule in seinen späteren Werken durch; aber eine freiere Hingabe

an die Natur, eine lebenskräftigere Fülle der Formen unterscheiden

seine Werke aus der Florentiner Periode deutlich von den früheren.

Zu dem Altmeister Leonardo mußte Raffael mit unbegrenzter Verehrung

emporblicken; auch sein klösterlicher Freund stand unter dem Banne

dieses großen Zauberers. Den Einfluß, den die Anschauung von Werken

des unübertroffenen Schilderers hinreißender Frauenschönheit auf den

Lernbegierigen ausübte, gewahren wir besonders lebendig in mehreren

von Raffael in kleiner Zeichnung skizzierten weiblichen Bildnissen

(Abb. 16 u. 17). Leonardos „Gioconda“ schwebte auch, als ein freilich

unerreichtes und unerreichbares Vorbild, dem jungen Künstler vor, als

er seine ersten Frauenbildnisse malte. Agnolo Doni, ein begeisterter

aber sparsamer Kunstfreund, der die Preise der berühmten Florentiner

Meister der Bildniskunst scheuen mochte, hat das Verdienst, Raffael

zuerst Gelegenheit gegeben zu haben, seine Kraft auf diesem ihm noch

neuen Gebiete zu erproben, indem er sich und seine Gattin Maddalena von

ihm abmalen ließ. Diese beiden Bildnisse (Abb. 18 und Einschaltebild)

befinden sich jetzt in der Sammlung des Pittipalastes zu Florenz.

Man mag sich bei ihrer Betrachtung wohl sagen, daß der junge Meister

noch lange nicht auf der Höhe der Kunst stand, dem getreuen Abbild

eines Menschen die Bedeutung eines allgemein giltigen Kunstwerks zu

verleihen; man mag die überzeugende Charakterschilderung vermissen:

dennoch sind es ein paar hochbedeutende Bilder, und deutlich spricht

aus ihnen die ungewöhnliche Begabung ihres Urhebers; besonders

erregt ihre schöne, kräftige Farbenstimmung schon von weitem die

Aufmerksamkeit des Beschauers. -- Den beiden Erstlingswerken der

Gattung reihen sich zwei treffliche Meisterschöpfungen an, bei denen

die Urheberschaft Raffaels zwar nicht beglaubigt, aber kaum zweifelhaft

ist; beides sind Bilder unbekannter Frauen, das eine (die sogenannte

~Donna gravida~) in der Pitti-Galerie, das andere in der Tribuna

der Uffizien befindlich. -- Im Jahre 1505 finden wir Raffael wieder

in Perugia beschäftigt. In einer Kapelle des Kamaldulenser-Klosters

San Severo malte er sein erstes Freskobild. Der gegebene Raum war

ein Spitzbogen, die gestellte Aufgabe eine Darstellung der heiligen

Dreifaltigkeit und einer Anzahl von Heiligen des Ordens. Leider

ist das Gemälde sehr beschädigt -- die Figur Gott Vaters ist ganz

verschwunden -- und schlimmer noch als durch den Einfluß der Zeit

und der Feuchtigkeit durch eine moderne Übermalung mißhandelt. Doch

läßt es immer noch die herrliche Erfindung Raffaels erkennen und

bewundern. Deutlich spiegeln sich in dem Bilde die mächtigen Eindrücke

wieder, welche Raffael durch den Anblick der Werke der großen alten

Florentiner Meister, zugleich aber auch durch die Schöpfungen seines

Freundes Bartolommeo empfangen hatte; weder den großartigen Zug der

Linien in der feierlichen Anordnung der Heiligen, die im Halbkreis zu

den Seiten des Erlösers auf den Wolken thronen, noch die künstlerische

Freiheit und Lebensfülle in jeder einzelnen Gestalt hatte er in

Peruginos Schule gelernt. Aber alle jene Einwirkungen von außen hat

der jugendliche Meister mit eigner schöpferischer Kraft verarbeitet;

man ahnt in dem Werke schon den künftigen unübertroffenen Meister

der Monumentalmalerei. Wie lebhaft sich Raffaels Geist damals mit

dem in Florenz Gesehenen beschäftigte, verrät uns unter anderm ein

Studienblatt (Abb. 19), das im Museum zu Oxford aufbewahrt wird.

Dasselbe enthält die unvergleichlich prächtig gezeichneten Studien zu

zwei Köpfen und zwei Händen von Heiligen auf dem Freskobild von S.

Severo; in einer Ecke desselben aber ist mit flüchtigen Strichen aus

dem Gedächtnis eine Gruppe aus Leonardos Reiterschlacht hinskizziert,

deren Karton gerade im Jahre 1505 vollendet worden war und die durch

ihre nie gesehene Lebendigkeit alle Welt in Begeisterung versetzte. --

Ferner malte Raffael in Perugia für das Nonnenkloster St. Antonio

ein großes Altarwerk, sowie eine Altartafel für die Kapelle der Familie

Ansidei in der Servitenkirche. Auf beiden Bildern wurde die Madonna

als Königin der Heiligen dargestellt, wie sie auf einem hohen, von

einem Baldachin überdachten Sitz über anderen Heiligen thront. Bei

dem erstgenannten Werke kam noch ein bekrönendes halbkreisförmiges

Bogenfeld mit der Gestalt des segnenden Gott Vater hinzu und eine

Predella mit fünf Darstellungen: Christus am Ölberg, die Kreuztragung,

die Beweinung des Leichnams Christi und die Einzelfiguren der Heiligen

Antonius von Padua und Franz von Assisi. Beide Werke haben längst ihren

Platz verlassen, -- wie denn überhaupt kein Altargemälde Raffaels

an geweihter Stelle verblieben ist. Sie befinden sich jetzt in der

Nationalgalerie zu London, mit Ausnahme der Predella, welche in ihre

einzelnen Teile zerschnitten und in verschiedene englische Sammlungen

zerstreut worden ist. An beiden Gemälden fällt es auf, daß Raffael

in der Anordnung, in der Auffassung des Christuskindes und teilweise

selbst in der Formengebung noch stark in den Regeln der umbrischen

Schule befangen erscheint; man muß annehmen, daß die Bestellungen

auf Grund von älteren Entwürfen erfolgt sind; von der ehrwürdigen

ortsheimischen Weise zu Gunsten der freieren, natürlicheren Auffassung,

die in Florenz heimisch war, abzugehen, mochte den Auftraggebern -- und

vermutlich auch Raffael selbst -- bei großen Altarbildern am wenigsten

angezeigt scheinen. -- Gegen Ende des Jahres 1505 erhielt Raffael von

den Nonnen des Klosters Monteluce bei Perugia den Auftrag, eine Krönung

der Himmelskönigin zu malen. Schon galt er damals für den besten

Meister, und schon war er so beschäftigt, daß er die Ausführung dieser

Bestellung auf unbestimmte Zeit hinausschob.

[Illustration: +Bildnis der Maddalena Strozzi-Doni.+ Gemälde im

Palazzo Pitti zu Florenz.]

[Illustration: Abb. 18. +Bildnis des Agnolo Doni.+ Gemälde im

Palazzo Pitti zu Florenz.]

[Illustration: Abb. 19. +Studien+ (Museum zu Oxford) +von Köpfen

und Händen+ zu dem Freskobild in S. Severo zu Perugia.]

[Illustration: Abb. 20. +Vorzeichnung zu dem heil. Georg in

Petersburg.+

(Uffiziensammlung zu Florenz.)]

Im Jahre 1506 malte Raffael für seinen Herzog Guidobaldo einen

heiligen Georg. Schon früher einmal hatte er den Schutzheiligen des

Rittertums zum Gegenstand eines Gemäldes gemacht. Dieses ältere Bild

befindet sich als Gegenstück zu dem noch älteren St. Michael, dem es

im Format genau entspricht, im Louvre. Sehen wir in dem Erzengel den

Sieg selbst verkörpert, so erblicken wir in Georg, dem Menschen, den

mühevollen Kampf. Auf einem mächtigen Schimmel ist der Heilige dem

Drachen entgegengesprengt; in der Wucht des Anrennens ist der Speer

in der Brust des Ungetüms zerbrochen; schmerzgetroffen windet sich

das Ungeheuer und bäumt sich an dem vorbeisausenden Rosse empor; aber

schon hat der Ritter das Schwert von der Seite gerissen, und während

er mit starker Faust das schnaubende Roß, das sich dem Beschauer

entgegenbäumt, zu parieren sucht, holt er zum unfehlbaren Todesstreiche

aus. Es war nicht möglich, dieses Bild an dramatischer Lebendigkeit

der Schilderung, die den Beschauer an dem Vorher und Nachher des

Vorgangs teilnehmen läßt, zu überbieten. Wohl aber zeigt der für den

Herzog Guidobaldo von Urbino gemalte St. Georg große Fortschritte

in Bezug auf die Zeichnung des Pferdes, wiederum eine Folge des

Aufenthaltes in Florenz; auch die prächtige Landschaft erzählt von den

neuen Eindrücken, die Raffael in der Hauptstadt der Kunst empfing.

Die Anordnung ist umgekehrt wie bei dem ersten Bilde. Vom Beschauer

abgewendet stürmt der Heilige gegen den Drachen ein; im ersten Anstoß

mit dem Speer hat er diesmal das Ungeheuer niedergestreckt, über

das sich der Schimmel mit gewaltigem Satze hinweghebt; die befreite

Jungfrau ist im Hintergrunde betend dargestellt, während sie auf dem

ersten Bilde in lebhafter Bewegung des Schreckens erscheint. Raffael

hat das kleine Bild für würdig gehalten, es mit seinem vollen Namen zu

bezeichnen: ~Raffaello U.~ (Urbinas) liest man auf dem Brustriemen

des Pferdes. Herzog Guidobaldo hatte das Bild bestellt als ein Geschenk

für König Heinrich VII von England, zum Dank für den ihm verliehenen

Hosenbandorden. Darum erscheint der Heilige sehr deutlich als der

Schutzpatron dieses Ordens gekennzeichnet durch ein blaues Band unter

dem Knie, auf dem man das Wort ~honi~ lesen kann. Im Sommer 1506

reiste Graf Baldassare Castiglione als Gesandter des Herzogs nach

London ab, um das Bild zu überreichen. Jetzt befindet sich dasselbe

in der Ermitage zu Petersburg. Eine genaue Zeichnung in der Größe der

Ausführung, mit Nadelstichen behufs Übertragung auf die Bildtafel

durchbohrt, befindet sich in der Sammlung der Uffizien zu Florenz (Abb.

20).

[Illustration: Abb. 21. +Madonna Riccolini+, in der Sammlung des

Lord Cowper zu Banshanger.]

[Illustration: Abb. 22. +Madonna aus dem Hause Tempi+ (in der

alten Pinakothek zu München).

(Photographieverlag von Franz Hanfstängl in München.)]

Es ist möglich, daß dieses Bild Raffael wieder nach Urbino führte; in

diesem Falle wäre es wohl denkbar, daß Papst Julius II, der auf dem

Zuge nach Bologna im September 1506 drei Tage bei seinen Verwandten in

Urbino verbrachte, dort zuerst die Bekanntschaft des jungen Künstlers

gemacht hätte, der in seinem Dienste bald nachher die großartigsten

Meisterwerke schaffen sollte.

Die Jahre 1506 bis 1508 sind hauptsächlich durch eine Reihe von

Madonnenbildern ausgefüllt. Der Schwerpunkt von Raffaels Thätigkeit

in Florenz liegt in seinen himmlisch schönen Darstellungen der

Jungfrau mit dem Kinde. Durch die umbrischen Madonnen werden wir noch

einigermaßen an das Wesen der mittelalterlichen Kunst erinnert, die

alle Kräfte auf die stimmungsvolle Schilderung der Seele verwendete

und den Körper als etwas Nebensächliches behandelte. In Florenz aber,

der Heimat des Realismus, der getreuen Naturwiedergabe in der Kunst,

hat Raffael die Schönheit der Wirklichkeit voll erkannt. Wie einst

die Meister der ewig giltigen Schöpfungen des klassischen Heidentums,

so findet er in der vollkommensten menschlichen Schönheit das Mittel

für die Darstellung des Göttlichen. An der Spitze der in diesem Sinne

geschaffenen Werke steht die Madonna del Granduca (Einschaltebild) im

Pittipalast zu Florenz. Die Bezeichnung des Bildes rührt daher, daß

es aus dem Besitze des Großherzogs Ferdinand III von Toskana stammt,

der dasselbe so wert hielt, daß er sich selbst auf Reisen nicht

davon trennen mochte. Wer sich einmal in den Anblick des wunderbaren

Gemäldes versenkt hat, muß eine solche Zuneigung begreiflich finden.

Aus einem eintönig dunklen Hintergrunde treten die Gestalten der

ruhig dastehenden, in halber Figur sichtbaren Jungfrau und des

göttlichen Kindes in ihren Händen wie eine leuchtende Erscheinung

und doch in voller Körperhaftigkeit hervor. Die Madonna erscheint in

ebenso vollkommener Weise als die jungfräuliche Heilige, wie in den

älteren Bildern; ihre Augenlider sind gesenkt, wie es seit langem bei

den Darstellungen Marias gebräuchlich war; aber unter den Wimpern

hervor blicken die Augen mit einem Ausdruck unendlicher Milde auf den

Beschauer herab. Es offenbart sich uns eine Seele voll überirdischer

Reinheit und überirdischer Sanftmut; aber diese Seele leuchtet aus

einem menschlich glaubhaften, von warmem Blut durchströmten Antlitz

voll Anmut und Lieblichkeit hervor. Auch eine scheinbar unbedeutende

und nebensächliche Abweichung von der Überlieferung trägt dazu bei,

dieses Himmelsantlitz mit lebendigen Reizen zu umkleiden: die schwere

Verhüllung des Kopfes hat sich zurückgeschoben, so daß an Schläfen

und Wangen das goldig schimmernde Haar hervorquillt, über der Stirne

nur halb verborgen durch einen feinen, durchsichtigen Schleier. Der

Jesusknabe schmiegt sich an die Mutter an, aber er wendet dabei das

Köpfchen und heftet den vollen Blick seiner großen ruhigen Kinderaugen

auf den Beschauer. -- Der Madonna del Granduca folgt die ähnlich

empfundene, nach ihrem englischen Besitzer benannte Madonna des Lord

Cowper. Hatte Raffael dort, sich ganz in die Durcharbeitung der

beiden Gestalten vertiefend, auf jedes Beiwerk verzichtet, so ist

hier die Landschaft wieder zu ihrem Recht gekommen. Wie dort, wenden

beide Figuren Gesicht und Blicke dem Beschauer zu. Auf einem größeren

Madonnenbild aber in der Sammlung des nämlichen Kunstliebhabers (nach

ihrem früheren Besitzer gewöhnlich als Madonna Niccolini bezeichnet,

Abb. 21), aus dem letzten Jahre von Raffaels Aufenthalt in Florenz,

schaut nur der Knabe aus dem Bilde heraus, Maria aber läßt die Blicke

mit stiller Mutterlust auf ihm ruhen, und in seinem Gesichtchen ist ein

fröhliches Kinderlächeln an die Stelle des großen, ernsten Ausdrucks

getreten. Es erscheint gleichsam als ein natürliches Ergebnis der

naturwahren Bildung der Form, welche Raffael den heiligen Gestalten

verlieh, daß diese menschlich wahren Gestalten nun auch menschliche

Empfindungen enthüllen. Aus dem Gnadenbilde, das sich huldvoll der

Außenwelt zuwendet, wird ein Bild der Liebe zweier heiligen Wesen zu

einander. Maria erscheint nicht mehr lediglich als die jungfräuliche

Trägerin des Gottessohnes, sondern zugleich als die zärtlich liebende

Mutter. Den Anfang dieser Darstellungen macht die bald nach der Madonna

del Granduca entstandene entzückende Madonna aus dem Hause Tempi (Abb.

22) in der Münchener Pinakothek. Wie die Mutter hier den Knaben

so herzlich an sich preßt, wie sie ihre Wange an seine Wange schmiegt

und sich selig lächelnd in seinen Anblick versenkt, das ist ein Bild

der reinsten Menschlichkeit, dem Leben abgelauscht, eine Erinnerung an

die eigene Kindheit; aber die reine, große Empfindung des Künstlers

hat einen Hauch von überirdischer Heiligkeit ausgebreitet über die

schönheitsverklärte Schilderung des heiligsten menschlichen Gefühls.

-- In die trauliche Abgeschiedenheit eines Wohngemachs verlegt die

Madonna aus dem Hause Orleans (im Besitze des Herzogs von Aumale,

Abb. 23) das süße Spiel zwischen der glücklichen Mutter und dem eben

aus dem Schlafe erwachten, nach Nahrung verlangenden Kinde. Wieder

in reifre Landschaft erblicken wir die Gruppe in der Madonna aus dem

Hause Colonna (Einschaltebild) im Berliner Museum. Kurz vor Raffaels

Abreise aus Florenz entstanden, ist dieses Bild in der malerischen

Ausführung nicht ganz fertig geworden; aber das hindert uns nicht, den

Reiz seiner Erfindung voll zu genießen. Wie auf den älteren Bildern

erblicken wir hier wieder das Gebetbuch in der Hand Marias; aber der

stattliche Knabe, der sich lebhaft auf ihrem Schoße aufrichtet, hat

sie in ihren frommen Betrachtungen gestört, und während sie durch eine

Seitwärtswendung des Oberkörpers -- dessen Umrisse nicht mehr durch

den schweren Mantel verborgen werden -- seinem ungestümen Verlangen

ausweicht, heftet sie die Blicke voll seligen Mutterglücks auf das Kind.

[Illustration: +Madonna del Granduca.+ Im Palazzo Pitti zu Florenz.

(Nach einer Aufnahme von Ad. Braun & Co., Braun, Clément & Cie. Nchfl.,

in Dornach i. Els. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 23. +Madonna aus dem Hause Orleans.+ Im

Besitze des Herzogs von Aumale.]

[Illustration: Abb. 24. +Federskizze, der Madonna Colonna

ähnlich+, aber ohne die lebhaften Bewegungen (Uffizien).]

Außer den Gemälden, deren Zahl -- ganz abgesehen von denjenigen

zweifelhafter Echtheit -- noch vergrößert wird durch solche, die

nur aus alten Nachbildungen bekannt sind, bieten uns zahlreiche

Handzeichnungen Gelegenheit, die Unerschöpflichkeit von Raffaels

Gestaltungsvermögen anzustaunen, wie er mit immer gleicher Frische

und Liebe und mit immer gleichem Zauber der Schönheit das selige

Beisammensein von Mutter und Kind zu schildern wußte. Manche Blätter

enthalten gleich mehrere schnell niedergeschriebene Versuche, von denen

jeder einzelne ein Meisterstück ist; so ein Blatt im Britischen Museum

(Abb. 25), welches in zwei verschiedenen Auffassungen im Gegensatz

zu jenen Bildern mit dem verlangenden Kinde, den gesättigten Knaben

darstellt; das eine Mal, wie er, das Händchen gegen die Mutterbrust

gestemmt, sich befriedigt umdreht, das andere Mal, wie er, noch weiter

abgewendet, vom Schoß auf den Boden zu kommen sich bemüht; oder

ein Blatt in der Albertina (Abb. 26), mit zwei ganz verschiedenen

Kompositionen, von denen die eine das Motiv des Unterbrechens der

Betrachtungen wieder in neuer Weise verwertet, indem die Mutter von

selbst das Buch beiseite hält und sich zärtlich dem sie herzenden Kinde

zuwendet, während die andere eine dritte Person, den kleinen Johannes,

in die Handlung einführt. -- Schon im Mittelalter hatte man häufig die

Madonnenbilder dadurch bereichert, daß man den Sohn der Elisabeth der

Gruppe hinzufügte; seine besondere Bedeutung erhielt der Vorläufer

dadurch, daß er durch ein Rohrkreuz und durch ein Spruchband mit den

Worten „~ecce agnus dei~“ auf das künftige Leiden des Gottessohnes

hinwies. So ist der kleine Johannes auch auf dem ältesten derartigen

Bilde Raffaels, der „Madonna des Herzogs von Terranuova“ im Berliner

Museum dargestellt; ernsthaft blickt der kleine Jesus, auf dem Schoße

der Mutter sich zur Seite neigend, auf die bedeutungsschweren Worte der

ihm dargereichten Schriftrolle; dem in ein Pelzröckchen gekleideten

Johannes gegenüber steht zuschauend ein dritter Knabe, vielleicht

der künftige Lieblingsjünger und Evangelist Johannes. Das reizvoll

farbige Rundbild gehört der ersten Florentiner Zeit Raffaels an; in der

Erfindung trägt es noch ein peruginisches Gepräge, aber in den Köpfen,

besonders in dem der Jungfrau, kommt schon die lebenswarme Florentiner

Schönheit zum Durchbruch.

[Illustration: +Madonna Colonna.+ Im Berliner Museum.]

[Illustration: Abb. 25. +Madonnenskizzen+ (Federzeichnung) im

British Museum.]

[Illustration: Abb. 26. +Madonnenskizzen+ (in der Albertina zu

Wien).]

[Illustration: Abb. 27. +Madonna im Grünen+ (im kunsthistorischen

Hofmuseum zu Wien).]

Raffael · 第 1 / 7 段