Ein weiterer bevorzugter Wohnplatz des Uhus war von jeher das

obere Saaletal, und der herrliche Vogel kommt dort auch heute noch

horstend vor. So nistet ein Paar regelmäßig auf dem Weißenfelsen am

rechten Saaleufer unweit Rudolstadt und wird dort erfreulicherweise

geschont. Ein anderer Horst steht unter hängendem Gestein in den

Klippen des Thälendorfer Reviers und enthielt am 19. Juni 1915 drei

kräftige Dunenjunge. Ebenso werden Dornburg und bis 1893 auch der

Kobersfelsen bei Burgk a. d. Saale als Brutplätze genannt. Auch der

»Uhustein« an der Saale trägt seinen Namen nicht umsonst. Ja selbst

in der unmittelbaren Nähe von Jena befand sich bis in die neueste

Zeit hinein ein besetzter Uhuhorst, aber leider wurde das Brutpärchen

von den Jagdpächtern hart verfolgt, obwohl es ausschließlich auf der

Hochebene jagte und hier fast nur Kaninchen und Hamster schlug, die

dort eine wahre Landplage bilden. -- Auch am Rhein haben sich noch

spärliche Restbestände des Uhus erhalten, da, wo der Strom die ihm den

Weg versperrenden Gebirge durchbricht und infolgedessen Steilabstürze

vorhanden sind. Altbekannt ist z. B. ein Uhuhorst bei St. Goarshausen,

der schon seit vielen Jahren von der Forstverwaltung als Naturdenkmal

beschützt wird. Auch am Loreleifelsen kann man noch ab und zu Uhus

sehen, die vielleicht dort horsten. Ein anderer Felsvorsprung am Rhein

heißt im Volksmunde geradezu »Uhusnack«. Auch auf steilen Felswänden

bei Bacharach hat sich der Uhu lange gehalten, bis 1916 das Weibchen

des Horstpaares abgeschossen wurde. Genau ebenso ging es um die gleiche

Zeit dem seit vielen Jahren bei Münstermaifeld brütenden Uhupaar.

Auf einem fast unzugänglichen Hang bei Mayschoß im Ahrtal stand ein

Uhuhorst, dem 1910 und 1913 ein Farnkrautsammler je zwei fast flügge

Junge entnahm, um sie an Elberfelder Hüttenjäger zu verkaufen. Ein seit

mehreren Jahren verlassener Uhuhorst bei Altenahr wurde 1912 wieder

bezogen, mußte aber gleichfalls seine beiden Jungvögel hergeben. Er

steht auf einem hohen Basaltfelsen im Denntale, einem Nebental des

Ahrtales. Der bekannte Ornithologe König in Bonn erhielt Uhueier aus

dem Ahrtale und vermutet dort noch mehrere Brutpaare. Im Sauerlande

und auch im Roertale, wo er sich bis 1890 hielt, ist der Uhu heute

als Brutvogel ausgestorben, wenn auch ab und zu noch herumstreichende

Stücke erlegt werden. Dagegen finden sich auf den Hängen der Eifel nach

dem Moseltale zu noch besetzte Uhuhorste. Le Roi nennt solche von Burg

Eltz, Karden, Kochem und Trarbach.

Im Thüringer Wald ist der Uhu wenigstens noch nicht gänzlich

ausgestorben. Annenhöfer schreibt 1913: »Schon seit Jahren war einem

Teil der hiesigen Jägerei das Vorhandensein eines Uhupaares sowie

dessen Horst im ›Zeiher‹, einem schroffen Talkessel mit 50 bis 100

+m+ hohen Hängen an den Nordfuß der Reinsberge grenzend, bekannt.

Die beiden Jungen wurden voriges Jahr geraubt und sind dieses Jahr für

gutes Geld als fertige lebende Jagduhus in die Welt gewandert. Leider

fiel letztes Jahr das Weibchen den Schroten eines Jägers in Dosdorf

zum Opfer. Trotzdem scheint es dem Männchen gelungen zu sein, wieder

eine Gefährtin zu finden, denn vorige Woche haben Bekannte von mir zwei

Arbeiter getroffen, die wieder zwei Uhus ausgenommen hatten.« Neueren

Nachrichten zufolge war dieser Arnstadter Horst auch in den letzten

Jahren noch besetzt. An der Heilsberger Felswand bei Stadt Remda

horstete nach elf Jahren 1910 zum ersten Male wieder ein Uhupaar, das

leider ungastlichen Empfang fand, da man ihm die Jungen aus dem Neste

raubte. Die altbekannten Horstplätze am Iltenberg bei Themar und im

Melkerser Felsen bei Meiningen sind längst verödet. In ganz Hessen

und dem angrenzenden Waldeck gibt es nur noch ein bis zwei Brutpaare,

die aber baldigem Untergang geweiht sind. Aus der Provinz Hannover

war der Uhu nach Löns schon vor dem Weltkriege völlig verschwunden.

Dagegen hat die wild- und waldreiche Mark Brandenburg immer noch eine

Reihe Uhuhorste aufzuweisen, namentlich in der stillen Neumark. Förster

Rüdiger schickte mir von dort eine Anzahl Gewölle, die von einem Horste

stammten, der merkwürdigerweise inmitten einer bewohnten Reihersiedlung

errichtet war. In Schlesien gab es früher Uhus genug im Riesengebirge,

Altvater, Heuscheuer, Oberschlesien usw., aber die Bestände haben sich

seit Mitte des vorigen Jahrhunderts mit so rasender Schnelligkeit

vermindert, daß heute in der ganzen, sonst so vogelreichen Provinz kein

einziger sicherer Uhuhorst sich mehr nachweisen läßt. Allerdings werden

noch ab und zu einzelne herumstrolchende Uhus erlegt, aber es handelt

sich dabei wohl allermeist um Zuzügler aus den Karpathen.

Dagegen ist der Uhu nach Gengler trotz aller Verfolgungen immer noch

vereinzelter Brutvogel in Mittelfranken. Es kommt ihm zustatten, daß

die Krähenhütte dort wenig betrieben und gewöhnlich ein ausgestopfter,

mechanisch bewegter Uhu dabei verwendet wird. Ich selbst erhielt bis

in die neueste Zeit öfters Uhugewölle aus der Fränkischen Schweiz

zur Untersuchung. Gengler führt die Gegenden von Altdorf, Hersbruck

und Hartenstein als noch heute besetzte Brutplätze an. Früher war

der Uhu in dem bergigen und felsigen Altmühltal verhältnismäßig

häufig anzutreffen und horstete ständig bei Arnsberg und bei

Kipfenberg, ist aber jetzt dort ausgestorben. Der letzte wurde nach

Graf Geldern 1890 dort geschossen. Ein schönes, altbekanntes Pärchen

starb 1910 durch Berührung mit dem Leitungsdraht eines Kraftwerkes,

den es sich zum Hochzeitsbette auserkoren hatte. In der Oberpfalz

soll bei Breitenbrunn noch ein vereinzeltes Uhupaar horsten. Aus

den südbayrischen Mösern ist der schöne Vogel leider schon völlig

verschwunden; nur selten noch verstreicht sich einer vom Gebirge her

in die Randmöser. Im bayrischen Hochgebirge ist der Uhu zwar noch

regelmäßiger Brutvogel, aber doch schon überall eine bemerkenswerte

Seltenheit. Glücklicherweise wird er in manchen Gegenden jetzt

wirklich geschont. Über das Vorkommen des Uhus in Württemberg sind

wir neuerdings durch eine sorgfältige Arbeit Pfeiffers vorzüglich

unterrichtet worden. In dem durch seine großen Waldungen und schönen

Felsentäler für ihn sehr geeigneten Schwabenländle bewohnte die

große Eule noch beim Ausgang des vorigen Jahrhunderts die gesamte

Alb sowie beträchtliche Teile des Schwarzwaldes. In diesem kommt sie

heute als Brutvogel nicht mehr vor. Über das Schicksal der letzten

Paare hören wir: Auf der Schloßruine von Nagold hausten bis 1896 zwei

Paare, bei Teinach in der Ruine Waldeck bis 1900 ein Paar, von dem

dann der eine Gatte durch einen Bauern abgeknallt wurde. Ein dritter

Schwarzwaldbrutplatz befand sich bis 1894 auf einem Felsen im Enztale

bei Sprollenhausen, wo die Brutvögel von Bauern getötet und die Brut

selbst vernichtet wurde. Im Alpirsbacher Stadtwald hielt sich der

Finsterling am Beilstein bis 1885 und verschwand dann nach erfolgter

Plünderung des Horstes auf Nimmerwiedersehen. Der Rottweiler Stadtwald

hat sogar bis 1910 den Uhu beherbergt, obwohl ihm alljährlich die

Jungen weggenommen wurden. Leider wurde dann der eine Vogel zufällig

auf einer Treibjagd abgeschossen, und so wurde auch dieser letzte

Brutplatz im württembergischen Schwarzwald verlassen. Häufiger war

der Uhu von jeher auf der Schwäbischen Alb, ganz besonders aber im

oberen Donautal mit seinen großartigen Felswänden. Freilich ist

es auch hier mit dem Bestande rasend schnell bergab gegangen, und

die mittlere sowie die östliche Alb, wo früher der Vogel geradezu

häufig war, sind heute uhufrei. Aber wenigstens in der westlichen

Alb ist er heute noch Brutvogel, und zwar nicht mit einem einzigen

Paare, wie man in den Kreisen der Vogelfreunde allgemein annahm,

sondern die genauen Nachforschungen Pfeiffers haben die erfreuliche

Tatsache ergeben, daß immerhin noch fünf Horstpaare vorhanden sind

(Zwiefalten, Balingen, Sulz, Ebingen, Donauschleife zwischen Fridingen

und Mühlheim). 1890 freilich waren es mindestens 55, 1907 immerhin

noch 20. Der Bestand ist also innerhalb 35 Jahren auf den elften Teil

zusammengeschmolzen! Verwundern kann das freilich nicht, wenn man

hört, daß noch 1903 im Lenninger Tal nicht weniger als sechs Uhus im

Pfahleisen gefangen wurden. Allein das herrlich gelegene Urach hatte

um die Jahrhundertwende noch drei bis vier Brutpaare aufzuweisen.

Einer der alten Horste stand bei Bierlingen ganz bequem zugänglich

auf einer Geröllhalde und wurde natürlich alljährlich ausgeplündert,

bis die Vögel die Sache doch schließlich satt bekamen. Als besonders

empfindlich erwies sich das Brutpaar am Lichtenstein, denn es

verschwand 1908, als man einen Gehweg am Fuße des Horstfelsens angelegt

hatte.

Ebenso genau wie über die Uhus Württembergs sind wir über diejenigen

Böhmens unterrichtet durch eine eingehende Arbeit des Forstmeisters

Kurt Loos. Während vor wenigen Jahrzehnten noch mindestens 50

Uhupärchen in Böhmen horsteten, konnte er 1907 nur noch 18 aufführen

mit der Bemerkung, daß auch dieser geringe Bestand sich beständig

vermindere, da alljährlich etwa zehn alte Vögel abgeschossen oder

im Pfahleisen gefangen und etwa 35 Jungvögel für die Krähenhütte

ausgehoben würden. Am zahlreichsten fand Loos den Uhu noch in der

Gegend von Aussig. Wiederansiedelungsversuche bei Horowitz hatten

leider nur vorübergehenden Erfolg, da die Schießlust der »Jäger«

nicht zu bändigen war. Neuere Nachrichten führen gar nur noch zwei

böhmische Uhuhorste auf am Stellnitzer Berg und am Schlagniger Berg

bei Bilin. -- In den Gebirgsgegenden Deutsch-Österreichs liegen die

Verhältnisse ähnlich wie in Oberbayern, d. h. der Uhu kommt zwar noch

horstend vor, ist aber überall eine Seltenheit und in weiterer Abnahme

begriffen. Bekannte Horstplätze befinden sich z. B. im Thayatal, im

Zillertal, im Kremstal, bei Gastein usw. Auf den Besitzungen des

»Vereins Naturschutzpark« im Stubachtal hat der König der Nacht nunmehr

eine geschützte Zufluchtstätte gefunden, aber leider wird so mancher

jenseits der Grenzen in den widerwärtigen Pfahleisen weggefangen, die

unbedingt gesetzlich verboten werden sollten. In der Statistik des

österreichischen Ackerbauministeriums für 1896 werden allerdings noch

1902 in den cisleithanischen Provinzen erlegte Uhus aufgezählt, aber

es steht zu vermuten, daß ein großer Teil dieser angeblichen Uhus ganz

gewöhnliche Waldohreulen gewesen sind. Zahlreicher wird der Vogel dann

in den heute zu Jugoslawien gehörigen Teilen von Kärnten und Krain

sowie in Dalmatien, wo er sich auch auf manchen Inseln ansiedelt,

selbst auf unmittelbar zum Meer abstürzenden Felsen. Im Balkan, z. B.

in Montenegro, ist er noch eine häufige Erscheinung, wovon ich mich

erst im Frühjahr 1926 wieder selbst überzeugen konnte. Es kümmert sich

dort eben niemand groß um den Finsterling, und das ist die Hauptsache

für sein Gedeihen. Ludwig von Führer konnte in Montenegro innerhalb

eines Jahres 16 Uhus erlegen. Auch in den Karpathen gibt es noch Uhus

genug, obschon dort bereits die Verfolgung eingesetzt hat, ebenso

in Galizien und Ungarn, wo sie mit Vorliebe auf den vogelreichen

Donauinseln brüten. Daß es den endlosen Waldungen des inneren Rußlands

nicht an Uhus fehlt, bedarf wohl kaum besonderer Erwähnung. In England

ist unser Vogel längst ausgerottet, das felsenlose und baumarme

Holland bietet ihm keine geeignete Stätte und in Frankreich ist er

eine große Seltenheit. In der Schweiz ist er aus den Ebenen und

dem Vorgebirge, wo die Niederjagd eine Rolle spielt, in die höheren

Lagen zurückgedrängt worden. Verhältnismäßig zahlreich soll er in den

südlichen Kantonen vorkommen, während er im Solothurner Jura nach von

Burg heute ausgestorben ist. Im Kanton Graubünden sollen von 1900 bis

1904 zwölf Uhus geschossen worden sein.

Fragen wir nach den Gründen des fast allenthalben sich bemerkbar

machenden Rückgangs, so ist neben der fortschreitenden Kultur, der

Beunruhigung der Berge und der Lichtung der Wälder vor allem die

unersättliche Habgier des Menschen anzuführen. Es ist weniger der

gelegentliche Abschuß, insofern er nicht zur Brutzeit geschieht,

der den Uhubestand so schädigt, sondern vielmehr der, wenn auch

unbeabsichtigte, Fang in den dreimal verfluchten Pfahleisen, am

allermeisten aber das unausgesetzte Wegnehmen der ein gut Stück

Geld einbringenden Jungvögel für die Krähenhütte, soweit sie nur

irgend erreichbar sind. Auch fanatische Eiersammler haben manchen

deutschen Uhuhorst auf dem Gewissen, ohne ihr frevelhaftes Tun durch

»wissenschaftliche« Gründe rechtfertigen zu können. Wenn man doch in

solchen Fällen dem Uhu wenigstens ein Junges zur Aufzucht überlassen

wollte! Aber freilich, drei junge Uhus bringen mehr Geld als zwei,

und Götze Mammon ist heute unbeschränkter Beherrscher des Erdenballs.

Da fällt mir ein kleines Erlebnis aus dem Balkan ein, wo bekanntlich

Adler noch recht häufig vorkommen. Ich hatte einen Adlerhorst mit

zwei Jungen entdeckt und schickte einen Eingeborenen als Kletterer

hinauf, um die beiden jungen Adler herunterzuholen. Er brachte aber

nur einen, und auf meine erstaunte Frage, wo denn der andere bliebe,

meinte er mit vorwurfsvoller Verlegenheit: »Aber der arme Adler muß

doch wenigstens ein Kind behalten.« Das sagte dieser einfache Hirte,

der nie etwas von Naturschutzpredigten gehört hatte, lediglich aus

seinem unverdorbenen Gefühl heraus, obwohl ihm der Adler sicherlich

manches Lämmlein oder Zicklein aus der Herde geraubt hatte. Ich

habe mich in diesem Augenblick recht geschämt, trotzdem ich ja im

Interesse der Wissenschaft handelte. Können denn wir Europäer, die wir

so furchtbar stolz sind auf unsere Scheinkultur, uns wirklich nicht

mehr zu ähnlichen Anschauungen aufschwingen? Aber nein, da muß alles

restlos vernichtet und mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden! Einen

besonderen Ansporn empfing dieser traurige Vernichtungskrieg durch

die leidigen Schuß- und Fanggelder, die ja jetzt glücklicherweise

aufgehoben sind. Um das drohende Aussterben des Uhus zu verhindern,

ist er neuerdings sogar zum »Naturdenkmal« (ein unglückseliger

Ausdruck!) erklärt und unter gesetzlichen Schutz gestellt worden.

Wirksamer noch dürften Schonprämien an das Forstpersonal sein für

jede glücklich ausgekommene Uhubrut. Leider gibt es kaum eine

Vogelart, die sich so schwer schützen läßt wie der Uhu, da er seine

nächtlichen Beutezüge auf 30 +km+ und mehr im Umkreise ausdehnt

und deshalb nur zu leicht den Pfahleisen der Nachbarreviere zum Opfer

fällt. Daran sind bisher auch alle noch so sorgfältig vorbereiteten

Wiedereinbürgerungsversuche gescheitert, auch wenn sie anfänglich

vollen Erfolg hatten. Nur ein völliges Verbot der Pfahleisen, in

denen auch unzählige andere Eulen und harmlose Bussarde sich zu Tode

schinden, könnte da helfen. Hoffen wir, daß den opfer- und mühevollen

Einbürgerungsversuchen Dr. Pfeiffers in der Schwäbischen Alb ein

besserer Erfolg beschieden sein möge (Abb. 15)! Meiner Ansicht nach

läßt sich ein wirklich wirksamer Schutz des Uhus nur in großen

Naturschutzparken durchführen, nicht aber in kleinen Banngebieten. Auch

die Starkstromleitungen fordern manches Opfer. So wurde im Oktober

1912 bei Meran ein in der Starkstromleitung hängender Uhu verendet

aufgefunden. Ein Fang war völlig verbrannt, während der andere,

der gleichfalls starke Brandwunden aufwies, noch den Leitungsdraht

umklammert hielt. Ein ganz ähnlicher Fall ereignete sich kurz darauf

bei Schlanders.

[Illustration: Abb. 15. Einer der von Dr. Pfeiffer in der

Schwäbischen Alb ausgesetzten Uhus]

Gewöhnlich sucht man die rücksichtslose Verfolgung des Uhus mit seiner

angeblich sehr großen Schädlichkeit zu rechtfertigen. In Wirklichkeit

ist diese aber gar nicht so arg, wenn auch nicht geleugnet werden kann,

daß der Uhu ein gewaltiger Räuber ist und namentlich zur Brutzeit die

Niederjagd gehörig zehntet. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß

der angerichtete Schaden bei dem Einsiedlerleben des Finsterlings

und bei der großen Ausdehnung seiner Streifzüge, auf denen er immer

wieder andere Gegenden aufsucht, auf weite Strecken sich verteilt

und deshalb für die einzelnen kleinen Niederjagdreviere nicht eben

viel bedeutet. Greschik untersuchte zwölf ungarische Uhumägen und

fand darin zwei Igel, zwei Wanderratten, 2 Wiesel, elf Mäuse, zweimal

Federn, einmal Fuchsknochen: also ein ziemlich harmloses Ergebnis.

Ich selbst habe im Laufe der Jahre eine ganze Reihe von Uhugewöllen

untersucht, im allgemeinen mit ähnlichem Erfolg. Aus den letzten

acht, die ich durch Förster Rüdiger aus der Neumark erhielt, konnte

ich herausschälen: 1. drei Wühlmäuse und die Reste eines Igels,

darunter auch einige Stacheln, 2. das dicht zusammengefilzte Haar

einer schwarzen Katze, die offenbar auf einem verbotenen Abendbummel

zu ihrem Unglück dem König der Nacht begegnet war, 3. einen Schädel

sowie viele zertrümmerte Knochen und verfilzte Haare von Wasserratten,

4. eine Wasserratte und die Reste einer Drossel, 5. nur Reste von

Feldmäusen, 6. nur verfilzte Haare der Waldwühlmaus, 7. ebenso, 8.

Schnabel und Federn eines Stars sowie zwei Wühlmäuse. Nach Größe und

Form sind solche Gewölle sehr verschieden. Ich ermittelte ihr Gewicht

mit 30-55 +g+. Sie sehen meist schokolade- bis eisenfarbig aus,

und öfters ragen größere Knochensplitter aus der Masse heraus. Der

Uhu muß ein stärkeres Verdauungsvermögen haben als andere Eulen,

denn in der Regel sind die vorhandenen Tierreste recht undeutlich

und die Schädel arg zertrümmert. Im übrigen ist er hinsichtlich

seiner Ernährung weder wählerisch noch verschwenderisch, und auch

dieser Umstand vermindert seine Schädlichkeit erheblich. Ein größeres

Beutetier, das er nicht in der gleichen Nacht bewältigen kann, wird

sorgsam in seine Decke eingeschlagen und dann am nächsten Abend wieder

aufgesucht. Im äußersten Notfall wird sogar Aas angenommen. Ferner

behaupten viele Jäger, daß der Uhu in unmittelbarer Nähe seines Horstes

überhaupt nicht raube, und es mag wohl etwas Wahres daran sein.

Igel gelten ihm wie den Zigeunern offenbar als ein ganz besonderer

Leckerbissen. Die meisten Beobachter geben zwar an, daß er das Fleisch

aus der stacheligen Rückenhaut herausfresse und diese selbst liegen

lasse, aber ich habe oft genug auch Igelstacheln in den Gewöllen

gefunden, bei solchen aus der Fränkischen Schweiz fast regelmäßig.

Schade, daß noch niemand näher beobachtet hat, wie der Uhu den

Stachelhelden eigentlich überwältigt. Vermutlich greift er mit seinen

langen Fängen und gewaltigen Klauen einfach durch den Stachelpanzer

hindurch. Schlafende Vögel bringt er wahrscheinlich erst durch Rufen,

Schnabelknacken und Schwingenklatschen zum Auffliegen, um sie dann in

der Luft mit unfehlbarer Sicherheit zu ergreifen. Das brütende Weibchen

sowie die Jungen werden fast überreichlich mit Nahrung versorgt, so

daß der Horstrand eine wahre Schlachtbank darstellt und allerdings

oft ein wesentlich anderes und ungünstigeres Bild darbietet als die

Magen- und Gewöllinhalte aus anderen Jahreszeiten. An dem erwähnten

Horste bei Rudolstadt fand Schrader zahlreiche Kaninchenreste, auch

einige von Hasen sowie eine Unmenge Krähenfedern. In einem anderen

Horste wurden dem brütenden Weibchen von dem aufmerksamen Gatten die

auserlesensten Leckerbissen überbracht, also hauptsächlich zarte

Junghasen und köstliche Igel, und ein zärtlicher Blick aus den großen

Kulleraugen war dann jedesmal sein Lohn. Ein Uhufelsen war ganz mit

Dohlenfedern bedeckt, da das Brutpaar hauptsächlich von einer in der

Nähe befindlichen Dohlenkolonie lebte. In einem Horste bei Nakel war

an geschlagenem Raub vorhanden: Kaninchen, Hasen, Enten, Taucher, zwei

Birkhühner und nicht weniger als 30 Köpfe von Wasserhühnern. Graf

Wodcicki entdeckte in einem galizischen Horste zwei halbwüchsige Hasen,

zwei Ratten, einen Kiebitz und eine Bekassine. Loos sah einen Horst mit

fünf ausgefressenen Igelbälgen und einen anderen mit frischen Resten

von elf Rebhühnern, sieben Junghasen, drei Kaninchen, sieben Fasanen,

einer Wildtaube, drei Krähen, einem Eichhörnchen. Pfiffige Bauern

haben sich die haushälterischen Anlagen des Uhus von jeher zunutze zu

machen gewußt. So lebte eine Fischerfamilie in den Sümpfen Galiziens

geraume Zeit von einem Uhuhorste. Die Ratten, Igel, Ziesel und Mäuse

überließ der Fischer seinem gefiederten Freund; Enten, Waldhühner und

Hasen dagegen nahm er mit nach Hause und stand sich gut dabei. Auch aus

einem Horste bei St. Goar konnte sich nach Altum ein schlauer Bauer

fast jeden Morgen einen Hasen holen. Auch die gefangene Gattin oder die

ausgehobenen Jungen werden vom Uhu weiter gefüttert, falls man ihm

Gelegenheit dazu gibt. Große Tiere werden an Ort und Stelle verzehrt

und förmlich aus dem Felle herausgeschält, kleine aber zu bestimmten

Fraßplätzen getragen und hier ganz verschluckt, nachdem ihnen vorher

mit dem Schnabel der Kopf eingedrückt wurde. Das feine Gehör und

das scharfe Gesicht leiten den Uhu auf seinen Beutezügen, wobei er

seine Opfer meist im Schlaf überfällt. Fitzinger erzählt, daß der Uhu

bisweilen in der Dämmerung anderen Raubvögeln ihre Beute abjagt, indem

er von oben her auf sie stößt. So viel ist sicher, daß der kraftvolle

Uhu selbst eine gelegentliche Rauferei mit dem kühnen Stein- oder dem

mächtigen Seeadler nicht scheut und überhaupt kaum einen natürlichen

Feind zu fürchten hat. Mit dem Fuchs wird er mühelos fertig. Was er

einmal mit seinen nadelscharfen Krallen gepackt hat, läßt er so leicht

nicht wieder los. Auch Rehkitze sind nicht vor ihm sicher, obgleich

man seine Schädlichkeit in dieser Beziehung stark übertrieben hat.

Planke beobachtete beim abendlichen Enteneinfall einen Uhu, der wie ein

Habicht nach einer Stockente stieß; da er sie aber nicht erwischte,

begnügte er sich mit einer Wasserratte. Stecher sah, wie ein Uhu einen

balzenden Auerhahn schlagen wollte und nur durch das Dazwischentreten

des Jägers daran verhindert wurde. Eine Abnahme des Auer- und

Birkwildes im Revier war aber nicht festzustellen. Zur Abwechslung hat

der Uhu gern auch mal ein Fischgericht, versieht es aber bisweilen bei

seiner Fischerei; mir sind im Laufe der Jahre zwei Fälle von dabei

ertrunkenen Uhus bekannt geworden. Zur Not begnügt er sich aber auch

mit Fröschen. Während des Krieges sah ich in der Dobrudscha mehrfach

von unseren Soldaten gehaltene Uhus, die hauptsächlich mit den dort

massenhaft vorhandenen Fröschen ernährt wurden und sich ganz wohl

befanden. Forellen sind ihm freilich lieber. Auch kannibalische Gelüste

sind dem Uhu nicht fremd. Seine kleineren Verwandten murkst er ohne

weiteres ab, und Grevé erlebte es sogar, daß sein zahmes Uhuweibchen

das schwächere Männchen ermordete und teilweise auffraß. Von der Stärke

des Vogels kann man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, daß

ein im Pfahleisen gefangener Uhu das schwere Eisen samt einem langen

Stück starken Drahtes über 5 +km+ weit forttrug und erst 14 Tage

später gelegentlich einer Treibjagd erlegt werden konnte. Gefangene

Uhus verlieren in der engen Haft meist ihre angeborene Geschicklichkeit

und Schneidigkeit und werden dadurch unbeholfen und feige. Kehrberg

setzte zu seinen nahezu erwachsenen Uhus einen Steinkauz. Einer der

Uhus wollte ihn greifen, stellte sich aber dabei so tolpatschig an,

daß der Kauz Gelegenheit zu einem ungestümen Angriff auf den Kopf des

Gegners bekam und dieser vor Schreck darüber auf den Rücken fiel. Sowie

er sich wieder aufrichten wollte, ging der Kauz erneut zum Angriff

über, und in einem wahren Siegesrausch jagte der kleine tolle Kerl die

drei entsetzt fliehenden Uhubrüder im Käfig herum, daß die Federn nur

so stoben. Solche jung aufgezogenen Uhus haben eben nicht gelernt,

ihre natürlichen Waffen zu gebrauchen. Ein anderer Uhu bekam eine

geflügelte Elster als Futter, wurde aber von dieser durch einen tiefen

Schnabelhieb ins Herz derartig verletzt, daß er am nächsten Morgen tot

war. Förster Gerlach verabreichte seinem Uhu eine leicht geflügelte

Krähe. Zu seiner Verwunderung war sie am nächsten Morgen noch am Leben,

und der »Auf«, ein 20jähriges Weibchen, ließ sie ruhig an seinem Fraße

teilnehmen. Bald saßen sie einträchtiglich dicht nebeneinander auf der

Stange. Dies blieb auch in Zukunft so, ja der Uhu ließ sich gutmütig

von dem frechen Rabenvieh die besten Bissen wegstehlen. Ziehen wir

nun aus alledem die Schlußfolgerung, so ergibt sich, daß der Uhu zwar

mancherlei Schaden verursacht, namentlich der Niederjagd gegenüber,

daß er ihn aber durch fleißiges Vertilgen von Krähen, Elstern, Hähern,

Eichhörnchen, Hamstern, Ratten und Mäusen zum großen Teile wieder

ausgleicht. Sehr treffend urteilt Forstmeister Moosmaier: »Merklicher

Schaden entstand nicht durch den Uhu. Als wir Uhus und viel Füchse

hatten, gab es auch viel Hasen und Rehe. Unser Wildstand wurde vom

großen Räuber, dem sog. Jäger, vernichtet und nicht vom Uhu.«

Viel Vergnügen gewährt es, die verschiedenen, überaus eindrucksvollen

Stellungen des Uhus zu beobachten. In der Ruhestellung (Abb. 16) hat

er bei niedergelegten Ohren, halb geschlossenen Augen und locker

gehaltenem Gefieder ein eigentümlich gedunsenes Aussehen. Erregt aber

irgend etwas Ungewöhnliches die Aufmerksamkeit des feinhörigen Vogels,

so geht er sofort in die Hab-Acht-Stellung (Abb. 17) über, wobei die

Federn knapp angelegt, der Kopf aufgerichtet und die großen gelben

Kulleraugen weit aufgerissen werden, während gleichzeitig auch die

Federohren in steigendem Maße sich heben. Rückt ihm aber eine Gefahr

wirklich auf den Leib, dann nimmt er seine Droh- und Schreckstellung

ein, wo er infolge des zornig gesträubten Gefieders fast doppelt so

groß aussieht wie sonst, mit dem Schnabel knackt, den Schwanz fächert,

die Flügel hebt oder zu Boden senkt und erregt von einem Fuß auf den

anderen tritt. Dann macht er in der Tat einen ganz furchterweckenden

Eindruck.

[Illustration: Abb. 16. Uhu in Ruhestellung

(Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in London)]

Aussterbende Tiere · 第 6 / 7 段