Tellereisen, allerdings immer noch viel schwieriger, umständlicher und
mühseliger als etwa beim Fuchs. Um Fangbrocken und Luder, selbst um
frische Pferdekadaver kümmert sich der Luchs nicht; ihm schmeckt nur
selbst erlegte Beute, und auch die nur, solange sie frisch ist. Man
kann also nur dann auf Erfolg rechnen, wenn man Gelegenheit hatte,
das Eisen bei einem vom Luchs selbst gerissenen Reh oder dergleichen
auszulegen. Der in Eisen sitzende Luchs gebärdet sich namentlich beim
Erscheinen des Jägers wie rasend. Seine Wut kennt keine Grenzen, und
er macht mit bewundernswerter Kraft die verzweifeltsten Anstrengungen,
um freizukommen, wobei er sich nicht selten die Krallen ausreißt oder
die Fangzähne abbricht. Ein gefangener Luchs war mit dem schweren
Eisen an einer Tatze auf einen hohen Baum geklettert und blinzelte
von da tückisch auf seinen Verfolger herab. Es erschien rätselhaft,
wie er mit dem stark verletzten Fuß und dem gewichtigen Eisen an
dem steilen und glatten Stamm hatte hochkommen können. Nur einer
fabelhaften Gewandtheit in Verbindung mit unglaublicher Muskelkraft
und Willensstärke konnte ein solches Unternehmen gelingen. Ein anderer
Luchs hatte das Eisen eine tiefe Schlucht hinunter und auf der anderen
Seite wieder in die Höhe geschleppt. An den Spuren im Schnee ließ sich
feststellen, daß das Raubtier die ganze Zeit über, während das Eisen
an einer gerissenen Ricke gestellt worden war, kaum 30 Schritte davon
auf einer dicht beasteten Fichte gelegen und ruhig zugesehen hatte.
Ratz hatte einmal einen hohen Felsen erklettert und wollte sich gerade
zum Ausruhen niedersetzen, als plötzlich zehn Schritte vor ihm ein
Luchs absprang. Er beschoß ihn auf sechzig Schritte mit Hasenschrot,
fand auch Schweißspuren und ein gerissenes Reh, aber der Luchs selbst
blieb verschwunden. Am nächsten Morgen fing er sich in dem bei seinem
Opfer gestellten Eisen, mit dem er sich dann zwischen zwei dicht
beieinanderstehenden Baumstämmen derartig einklemmte, daß er leicht
den Gnadenschuß erhalten konnte. Vorher war er noch mitsamt dem Eisen
einen hohen Felsen herabgesprungen, und es war nur zu verwundern, daß
er sich dabei nicht den Schädel zerschmettert hatte. -- Der Balg des
Luchses gibt ein geschätztes Pelzwerk ab, das namentlich in China sehr
beliebt ist, weshalb die große Mehrzahl der sibirischen Luchsfelle nach
dort ausgeführt wird. In Europa gelten die nordischen Luchsfelle für
besser als solche aus südlichen Ländern. Luchsbraten galt früher als
ein Leckerbissen oder doch wenigstens als ein begehrtes Schaugericht
für die Tafel der Vornehmsten. Noch auf dem Wiener Kongreß soll
mehrfach Luchsbraten aufgetischt worden sein. Je seltener dieses
Gericht wurde, um so mehr kam es in den Geruch der Heilkräftigkeit
und Wundertätigkeit. 1819 erhielt die bayrische Jägerei den Auftrag,
unter allen Umständen einen Luchs zur Strecke zu bringen, da dessen
Wildbret dem bayrischen König als Mittel gegen Schwindelanfälle
dienen sollte. Neuerdings hat Baron von Loewis einer Gesellschaft
baltischer Feinschmecker Luchsbraten vorgesetzt, der allgemein für
Truthahn gehalten und mit Vergnügen verspeist wurde. Dagegen fand
Baron von Krüdener, daß geräuchertes Luchsfleisch unangenehm süßlich
schmecke. In Estland wird heute noch Luchsfleisch von hoch und niedrig
gern gegessen; es sei zart und hellfarbig, ohne jeden unangenehmen
Wildgeschmack und dem besten Kalbfleische gleich. Die Krallen des
erlegten Luchses, die sog. »Luchskräneln«, läßt sich der glückliche
Schütze in der Regel in Silber fassen und trägt sie mit berechtigtem
Stolze an der Uhrkette.
Gefangene Luchse, die in den Tiergärten nicht eben häufig zu sehen
sind, verlangen sorgfältigste Pflege. Wenn sie sich auch aus
Witterungsunbilden nicht viel machen, so beanspruchen sie doch große
Abwechslung in der Nahrung und nur frisches Fleisch bester Sorte.
Alte Luchse bleiben immer mürrisch und eigensinnig und lehnen jeden
näheren Anschluß an den Menschen fauchend und übellaunig ab. Dagegen
werden Junge, die aber schwer aufzutreiben sind, überraschend zahm
und zeigen sich dem Pfleger gegenüber von ihrer liebenswürdigsten
Seite. Grill war so glücklich, einen etwa zweitägigen Jungluchs zu
erwerben. Seine Hauskatze mußte das kleine Waisenkind großsäugen und
tat dies mit all der unerschöpflichen Zärtlichkeit, die Katzenmütter
hilflosen Jungtieren gegenüber an den Tag legen. Dieser Jungluchs
bekam auch später nur Milch, Brei, Kartoffeln u. dgl. und blieb wohl
deshalb so zahm wie eine Hauskatze. Auch in einem andern Falle diente
eine Katze als Amme. Der Pflegling gedieh dabei prächtig und wurde
bald zum Liebling der ganzen Familie, obgleich er gelegentlich durch
seine übergroße Neugier lästig fiel. Als er schon doppelt so groß war
wie seine Pflegemutter, leckte diese den Rüpel immer noch zärtlich.
Wenn er aber dann in seiner groben Art mit ihr spielen wollte, wurde
Mieze ungemütlich, sprang ihm auf den Rücken und backpfeifte ihn, daß
es nur so rauchte. Zu einer gewissen Berühmtheit hat es der zahme
Luchs des Barons von Loewis gebracht. Dieses Tier war so gehorsam,
daß ein drohender Zuruf genügte, um es augenblicklich von Hasen,
Hühnern oder Schafen abzuhalten. Es hörte genau auf seinen Namen und
durfte deshalb sogar seinen Herrn zu den Treibjagden begleiten, auf
denen es sich damit vergnügte, Hasen abzufangen. Nachdem Sprünge auf
am Boden sitzende Tauben mehrmals mißglückt waren, lernte »Luzy«
sehr geschickt, sie mit einem Prankenhiebe beim Auffliegen aus der
Luft herunterzuschlagen. Fuhren Herr von Loewis und sein Bruder auf
einen Tag in die Nachbarschaft, so konnte niemand »Luzy« bändigen,
und dann wehe jedem unbedachten Huhn, jeder sorglosen Ente oder Gans!
Rollte dann spät in der Nacht der Wagen wieder vor das Wohnhaus, so
war Luzy im Nu vom Dach, wo sie sich neben dem Schornstein zur Ruhe
niedergetan hatte, herunter und flog mit weiten Sätzen ihrem Herrn an
die Brust, seinen Hals mit ihren starken Vorderpranken umschlingend,
laut schnurrend und mit dem Kopf nach Katzenart stoßend und reibend.
So folgte sie in die Stube, um auf dem Sofa oder neben dem Ofen ihr
Nachtlager aufzuschlagen. Einige Male durfte sie auch das Bett mit
ihrem Herrn teilen, legte sich dann aber gern quer über dessen Hals und
verursachte dadurch Alpdrücken und beunruhigende Träume. Als einmal
die Gebrüder Loewis für eine ganze Woche verreisten, geriet der Luchs
in große Unruhe, suchte schreiend nach seinem Herrn, verweigerte die
Annahme von Nahrung und übersiedelte schon am zweiten Tage in ein
nahes Birkenwäldchen, von wo er nur zum Übernachten auf sein gewohntes
Plätzchen neben dem Schornstein zurückkehrte. Seine Freude bei der
endlichen Wiederkehr der beiden Barone kannte keine Grenzen. Scham-
und Ehrgefühl waren stark entwickelt, wie es sich z. B. zeigte, als
die Luchsin einmal beim Beschleichen von Gänsen ins Wasser geplumpst
war. Durchaus Feinschmecker, nahm auch dieser Luchs nur ganz frisches
Fleisch, am liebsten Wild und Geflügel. Eigentümlich war sein glühender
Haß gegen Hauskatzen, die er mit gräßlicher Wut zerfleischte. In kurzer
Zeit hatte er sämtliche Katzen auf dem Gute ausgerottet, obwohl man
sie sorgsam vor ihm verborgen hielt. Nur einmal wagte es Herr von
Loewis, Luzy zu einem Besuch auf ein Nachbargut mitzunehmen. Kaum aber
war man eine Stunde dort, so meldete auch schon der Diener, daß die
Lieblingskatze der Hausfrau von dem Luchs zerrissen worden sei.
Zuchterfolge mit gefangenen Luchsen sind namentlich im Stockholmer
Tiergarten erzielt worden. Anfang März 1905 bemerkte der Direktor
Alarik Behm, daß ein Pärchen Luchse sich für einander interessierte.
Oft saßen die Tiere dicht aneinandergeschmiegt auf den großen
Felsblöcken ihres Käfigs, und der Kater leckte nicht selten Wangen,
Ohren und Schnauze der Luchskatze. Am 22. Mai wurden zwei Junge
geboren, starben aber nach fünf Monaten an Rachitis, und auch der Vater
ging bald darauf an Spulwürmern zugrunde. Dem Weibchen wurde nun ein
anderes Männchen beigesellt und auch am 14. März 1906 eine Paarung
beobachtet, die aber keine Folgen hatte. Im nächsten Jahre erfolgte
die Paarung am 9. März, und am 17. Mai wurden drei Junge geboren.
Leider blieben auch diese nicht lange am Leben; zwei gingen im Oktober
ein, und das dritte im Dezember, alle mit Spulwürmern behaftet. Der
15. Mai 1908 brachte wieder zwei Junge, die erst am 16. Lebenstage
die Augen öffneten, den Winter gut überstanden und gesund und munter
blieben. Während ihrer ersten Lebensmonate ließen die jungen Luchse
oft ein leises Piepen hören. Im gleichen Wurf fanden sich verschiedene
Spielarten, und sowohl Wolf- wie Fuchs- wie Katzenluchse sind von dem
gleichen Elternpaar gezogen worden. Das Wachstum der Jungen vollzieht
sich sehr langsam; im Dezember waren sie erst halbwüchsig. Die
Luchsmutter pflegt ihre Kleinen mit unübertrefflicher Zärtlichkeit und
trägt sie bei der geringsten Beunruhigung in die Höhle zurück; später
verwendete sie viel Zeit auf das Spielen mit ihren niedlichen Kindern.
Der Luchskater war während der Geburt 1905 auch im Käfig anwesend und
schlief in der ersten Zeit mit seiner Familie zusammen. Als die Jungen
größer wurden, beschäftigte er sich fast ebensoviel mit ihnen wie
die Luchsmutter und ließ die übermütigen Kleinen geduldig über sich
hinweg klettern und tollen oder sich von ihnen am Schwanz und an den
Ohren reißen. Bei den späteren Würfen wurde der Kater aber doch vorher
entfernt, weil er nach Aussage der Wärter dem Weibchen und den Jungen
zu viel von dem guten Wochenstubenfutter (Kaninchen, Tauben, Sperber)
wegfraß.
Der Uhu
Finsterling Uhu, der stärkste Vertreter des Eulengeschlechts, teilt
mit dem Steinadler den gefährlichen Ruhm, der gewaltigste Räuber
unserer heimischen Vogelwelt zu sein. Gibt doch das Uhuweibchen dem
Steinadler an Größe tatsächlich nur wenig nach, ja, wenn es im Zorne
alle seine Federn sträubt, die übrigens bei manchen Völkerschaften
Mittelasiens als geschätzte Schmuckfedern gelten, dann erscheint es
fast noch größer. Die Flügellänge europäischer Uhuweibchen, die auch
an dem stärkeren Schnabel und den längeren Zehen von den kleineren
und schwächeren Männchen zu unterscheiden sind, beträgt 465-490
+mm+, die der Männchen 430-465 +mm+. Das durchschnittliche
Gewicht der Weibchen beträgt 3-1/2, das der Männchen nur etwa 3
+kg+. Anscheinend kann der Vogel ein ziemliches Alter erreichen;
wenigstens lebte ein ungarischer Hüttenuhu volle 32 Jahre in
seinem Verschlag, und in freier Natur dürfte diese Zahl wohl noch
wesentlich überschritten werden, wenn nicht Pfahleisen oder Blei ein
verfrühtes Ende herbeiführen. Je nach Grundfärbung, Fleckung und
Schwingenverhältnissen unterscheiden die Vogelforscher beim Uhu eine
ganze Reihe geographischer Rassen, jedoch ist Hartert der Ansicht,
daß ganz Europa von Skandinavien und Nordrußland bis zu den Pyrenäen,
Italien und Griechenland von einer einheitlichen Form bewohnt wird,
während Reichenow auch diese noch in mehrere Rassen aufsplittern
möchte. Ich selbst kann allerdings skandinavische Uhus von deutschen
unterscheiden, nicht aber diese von ungarischen. Gut kenntliche Rassen
sind jedenfalls der turkmenische und der nordafrikanische Uhu.
Macht der Uhu auf den ersten Blick auch einen etwas abenteuerlichen
Eindruck, so muß man ihn bei näherer Betrachtung doch entschieden
als schön erklären. Man schaue ihm nur einmal in die prachtvollen,
goldgelben, feuersprühenden Glotzaugen mit ihrem magischen
Phosphorglanz, denen weder bei Tag noch im Dunkel der Winternacht
die kleinste Beute entgeht; man bedenke, daß die absonderlichen
Ohrbüschel auf unglaubliche Entfernung hin das leiseste Geräusch
auffangen, man betrachte das weiche, üppige Gefieder mit seiner
feingemusterten Zeichnung und großartigen Schutzfarbe, die gewaltigen,
breiten Fittiche, die furchtbaren Waffen, die unheimliche Kraft und
Sicherheit, mit der sie geschwungen werden, -- und dann wird man
zugeben müssen, daß die Natur im Uhu nicht einen häßlichen Kobold,
sondern ein Meisterwerk von höchster Vollendung und eigenartiger
Schönheit schuf. Frau Sage hat ein düsteres Märchengewebe um den
geheimnisvollen Sonderling gewoben. Jedes Kind kennt ja den Uhu, aber
nur die allerwenigsten Menschen haben ihn in freier Natur wirklich
gesehen. Aber sein abenteuerliches Aussehen, seine nächtlichen
Raubritterstreiche, sein waghalsiger Mut und seine unheimliche
Stimme haben ihm im Verein mit allerlei gespenstischen Sagen zu
einer gewissen Berühmtheit verholfen, die durch alle Schichten des
Volkes reicht. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Uhu mit
am meisten zur Entstehung der weitverbreiteten Sage vom wilden Jäger
beigetragen hat. Man begreift das, wenn man einmal in einer stürmischen
Frühlingsnacht zwei eifersüchtige Uhumännchen sich balgen sah. Heftige
Schwingenschläge, wütendes Fauchen, Zischen und Schnabelknappen,
freches Kichern und heiseres Kreischen! Die dumpfen Rufe durchlaufen
dabei alle Stufen von Zorn und Wut, Ingrimm und Ärger, Bosheit und
Tücke und endigen schließlich in einem entsetzlichen Siegesgeheul. Wenn
der erregte Vogel sein üppig volles Gefieder zu einem unförmlichen
Federball aufbläst, wenn gleichzeitig seine riesigen Augen wie zwei
Feuerräder grünlich geisterhaften Phosphorglanz sprühen, wenn sein
schauerliches Rufen im Verein mit Schlangengezisch und Gefauche
die Abendstille durch eine gräßliche Musik unterbricht, dann denken
ängstliche und abergläubische Gemüter wohl leicht an das Konzert
rasselnder Totengerippe zur Mitternachtsstunde auf dem alten Friedhof,
wie es in der dörflichen Spinnstube so oft und so anschaulich
geschildert worden ist. Dann gruselt's solche Menschen!
Die Forscher aus der klassischen Zeit der deutschen Vogelkunde, auch
noch Eugen von Homeyer und Altum, kennen den Uhu alle noch als einen
ganz regelmäßigen Brutvogel in den weitaus meisten Gegenden unseres
Vaterlandes, obgleich sich schon ein Rückgang bemerklich machte. So
schreibt Gloger in seiner 1834 erschienenen »Naturgeschichte der
Vögel«: »In Deutschland, etwa das Saaletal ausgenommen, fängt der
Uhu, wie in allen kultivierten Staaten, bereits an, ~etwas~
selten zu werden.« Noch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts
war der Uhu in vielen Gegenden eine durchaus nicht besonders seltene
Erscheinung. Das ist leider ganz anders geworden, und namentlich seit
der Jahrhundertwende hat nahezu überall eine geradezu erschreckend
rasche Abnahme des »Königs der Nacht« eingesetzt, die sein völliges
Aussterben in sehr absehbarer Zeit befürchten läßt. Schonungslose
Verfolgung hat die majestätische Eule schon heute in den meisten
Gegenden Mitteleuropas völlig vernichtet und die spärlichen Reste
in die finstersten Waldungen der Ebene oder in die abgelegensten
Felsengebiete der Gebirge zurückgedrängt, wo der Vogel vollends zum
menschenscheuen Einsiedler geworden ist. Das Herz krampft sich einem
förmlich zusammen und die Schamröte steigt einem ins Gesicht, wenn man
dieses widerwärtige Trauerspiel in seinen Einzelheiten näher verfolgt,
wenn man etwa in den letzten 25 Jahrgängen der Jagdzeitschriften all
diese selbstgefälligen, schieß- und fangwütigen Ausrottungsberichte
zusammenstellt. Es ist immer und überall dieselbe lausige Geschichte:
Irgendwo haust noch in stiller Abgeschiedenheit ein einsames Uhupaar.
Es wird ausfindig gemacht, und alljährlich werden ihm nun schonungslos
sämtliche Eier oder Junge weggenommen, bis schließlich auch die alten
Brutvögel kaltblütig abgeknallt werden. Schluß! Wieder ein deutscher
Uhubrutplatz weniger! Wen kümmert's groß? Das ist selbst in neuester
Zeit kaum anders geworden, obwohl der aussterbende »König der Nacht«
heute als Naturdenkmal gesetzlich geschützt ist. Aber solche Gesetze
stehen ja bekanntlich nur auf dem Papier, und die große Mehrzahl der
Auchjäger schert sich den Teufel darum.
Vergegenwärtigen wir uns nun einmal an der Hand der Jagd- und
Fachpresse, wie sich die Ausrottung des Vogels in den früher
uhureichsten Gegenden vollzogen hat, und suchen wir zugleich
festzuzustellen, wo heute in Mitteleuropa Uhus überhaupt noch brüten.
In Mecklenburg war der Uhu früher namentlich in den südlichen und
südöstlichen Teilen des Landes verbreitet, zählt aber heute gleich dem
Steinadler zu den ausgestorbenen Vogelarten. Selbst aus den großen
Waldungen der Rostocker Heide ist er heute völlig verschwunden. Die
letzten Brutpaare horsteten zu Beginn dieses Jahrhunderts bei Speek in
der Nähe von Röbel, bei Testorf und bei Ankershagen. An letztgenanntem
Platze wurde noch Anfang 1916 ein Uhu erlegt, der aber wohl nur ein
gattenlos herumstreichender Durchzügler war. In Pommern war der Uhu
nach E. F. v. Homeyer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
»nicht selten« und kam namentlich in den großen Kiefernwäldern der
östlichen Landesteile noch »oft genug« vor. Heute hört man so gut wie
nichts mehr von pommerschen Uhus. Auch in Ostpreußen war der Uhu noch
zu Ende des vorigen Jahrhunderts durchaus keine Seltenheit. Bekannte
Horstplätze waren z. B. die Oberförsterei Fritzen im Samland, ferner
die Gegenden von Memel, Heydekrug, Sorquitten, Ibenhorst, Trygallen,
Norkitten, Wehlau u. a. Auf den Treibjagden wurden häufig nebenbei
auch Uhus erlegt, und der bekannte Königsberger Präparator Künow hatte
oft ein halbes Dutzend und mehr gleichzeitig zum Abbalgen daliegen.
Ich selbst kannte einen Horst, der auf einem gar nicht besonders hohen
Baume stand. Damals wurden immer nur zufällig Uhus geschossen oder
gefangen, die alteingesessenen Brutpaare dagegen sorgfältig geschont,
schon der wertvollen Jungen wegen. Oberst Biclitz schreibt, daß
dies auch heute noch so sei und daß infolgedessen ein wesentlicher
Rückgang der ostpreußischen Uhubestände nicht eingetreten sei, zumal
in den endlosen, einsamen Waldungen so mancher Horst überhaupt nicht
aufgefunden werde. Neuerdings gibt der bekannte Oologe Szielasko an,
daß der Uhu in Masuren und Litauen noch regelmäßiger Brutvogel sei,
besonders aber in der »Niederung«, wo er geradezu als häufig gelten
könne. Tischler schätzt den gegenwärtigen Uhubestand Ostpreußens auf
19 bis 20 Horstpaare. Nach alledem scheint es also, als ob wir in
Ostpreußen die uhureichste Provinz Deutschlands vor uns haben, wenn
auch in neuester Zeit ein bedenklicher Rückgang, namentlich in Masuren,
leider nicht zu verkennen ist.
Als eine besonders uhureiche Gegend galt früher auch der Harz, dessen
natürliche Beschaffenheit sich ja hervorragend für diesen Vogel
eignet. Aber es ist zu unruhig in dem schönen Gebirge geworden, und
so wird auch hier dem Finsterling bald die Todesstunde geschlagen
haben, wie ja allen großen und eigenartigen Vögeln von der sogenannten
Kultur bald der Garaus gemacht wird. Im Oberharz ist der Uhu heute
bereits ausgerottet und im Unterharz horstet noch ein einziges Paar,
dessen Standort sich nach Smalian in schwer zugänglichen Felsen bei
Schloß Falkenstein befindet. Von einem der letzten Horste berichtet
Oberförster Robitzsch aus Ballenstedt. Der Horst stand in einer tiefen
Felsspalte eines seit Jahren unbenutzten Steinbruchs etwa 15 +m+
über der Steinbruchsohle. 1912 wurde der Steinbruch vorübergehend
wieder in Betrieb genommen, aber erst als die Arbeit schon mehrere
Wochen gedauert hatte, verriet einer der alten Uhus den Horst dadurch,
daß er einmal bei verfrühtem Eintreffen der Leute aus der Felsplatte
heraus abstrich. Das Gefieder der Uhus stimmte nämlich in seiner
rostbraunen Farbe so vorzüglich mit dem Grauwackengestein überein, daß
man von der Steinbruchsohle aus selbst mit dem Jagdglase die Vögel
nicht von ihrer Umgebung unterscheiden konnte. Die jungen Uhus saßen
etwa 1-1/2 +m+ tief in der Spalte und mußten erst mit Hilfe
eines Spatens aus ihrem Versteck hervorgeholt werden. Oberförster
Robitzsch schenkte ihnen erfreulicherweise die Freiheit. Auch Wichfeld
erzählt noch 1916 von einem Harzer Uhuhorst, der gleichfalls in einem
alten Steinbruch unter einem überhängenden mächtigen Felsblock sich
befand und nur mit Hilfe des Seiles zu erreichen war. Er enthielt
drei Junge, die den Kletterer mit wütendem Schnabelknappen begrüßten,
übrigens ohne jede Nestunterlage in einer flachen Geröllmulde saßen
und einen Hamster, eine Fasanenhenne sowie mehrere Karnickel und
Igel zur gefälligen Auswahl vor sich liegen hatten. Der alte Uhu
hakte gewöhnlich in einer hohen alten Fichte auf, die dem Steinbruch
gegenüberstand, und ließ von hier aus seinen dumpfen Ruf erschallen.
Auch im nächsten Jahre enthielt der Horst wieder zwei Eier, aber
seitdem scheint er verlassen zu sein, und man hat über das Schicksal
dieses Paares nichts mehr gehört.
Ähnlich günstige Verhältnisse wie im Harz boten sich dem Uhu in
der Sächsischen Schweiz mit ihren steilen und stark zerklüfteten
Sandsteinfelsen. Bei der schweren Zugänglichkeit dieser Felswände hat
sich der Uhu hier etwas besser gehalten, und es brüten auch heute
noch alljährlich mehrere Paare zwischen Schandau und Pirna. In den
Schrammsteinen wurde 1889 ein junger Uhu aufgefunden, der aus dem
Horste herausgefallen war. Loos sah 1904 drei Jungvögel, die im
Schulzengrunde ausgehoben worden waren. Im übrigen Sachsen aber ist
der Uhu als Brutvogel heute ausgestorben, auch im Erzgebirge sowie
bei Zittau, wo früher (bis 1889) in den Wänden des Oybin immer zwei
bis drei Paare horsteten. Nur als Strichvogel wird hier und da noch
einmal ein Stück erlegt. -- Im Fichtelgebirge sollen noch 1914 zwei
Jungvögel einem Horste entnommen worden sein. Im Spessart kam der Uhu
nach Behlen schon 1843 nur noch in vereinzelten Paaren vor, während er
früher in den einsamen Waldungen dieses Gebirgszuges geradezu häufig
genannt werden konnte. Die zunehmende Beunruhigung der Forsten und
die rücksichtslose Waldverwüstung haben ihn ebenso vertrieben wie den
Schwarzstorch, und die Naturschutzbewegung kam im Spessart zu spät.
In den 70er Jahren war der Uhu noch Standwild in den Kalkfelsen bei
Mühlbach, wo jetzt Zementfabriken ihre Steinbrüche haben. 1875 brütete
der Uhu noch auf der Benediktenhöhe und in den 80er Jahren zwischen
Mittelstadt und Karlstadt, bei Wertheim und sogar auf der Marienfeste
in Würzburg. Alle diese Paare wurden durch Abschuß des einen Gatten
vertrieben, und heute ist der Uhu aus der Liste der Spessart-Brutvögel
zu streichen. Hoffmann sah den letzten 1918 bei Eusenheim im Werratal.