geschossen als der Bär, und die Abschußziffern halten sich seit 1889
auf etwa gleicher Höhe, nämlich 50-70 Stück jährlich. In Schweden war
der pinselohrige Geselle früher eines der bekanntesten, aber seiner
unersättlichen Raubgier halber auch verhaßtesten Raubtiere, dessen
Verbreitungsbezirk bis nach Wermeland und Dalekarnien herunterreichte.
Bei seinem rastlosen Herumschweifen in den ungeheuren Wäldern fiel er
nur dem erfahrenen Berufsjäger zum Opfer, während er dem gewöhnlichen
Bauernjäger höchstens zufallsweise zum Schuß kam. Es soll aber einzelne
Jäger gegeben haben, die in ihrem Leben 137, ja sogar 183 Luchse erlegt
hatten, und daß ein einzelner Schütze jeden Winter zehn bis zwölf
streckte, kam noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts vor. Von 1835
bis 1839 wurden in ganz Schweden 1324 erlegte Luchse angemeldet, also
rund 265 Stück jährlich. Dagegen betrug die Gesamtstrecke des Jahres
1894 nur 35, 1905 nur noch zwei Stück. Das seitherige Schußgeld von 25
Kronen für jeden erlegten Luchs wurde daher 1913 aufgehoben, wogegen
aber zwei Jahre später die lappländische Nomadenbevölkerung Verwahrung
einlegte, weil innerhalb zwei Monaten 15 Renntiere von Luchsen
zerrissen worden waren. Besser vermochte sich der Luchs im benachbarten
Finnland zu halten, wo aber sein Verbreitungsgebiet nach Norden kaum
bis zum Polarkreis reichte. Südlich davon war er noch in den 70er und
80er Jahren so häufig, daß man fast in jedem Kirchspiel Luchse erlegte,
in manchen sogar in beträchtlicher Anzahl. Um die Jahrhundertwende
herum schmolz dann der Bestand stark zusammen, und heute kommen im
westlichen Finnland südlich Uleaburg Luchse nur noch ausnahmsweise vor,
während sie in den östlichen Landesteilen häufiger sind. Die meisten
Luchse, die wir in den Tiergärten zu sehen bekommen, stammen aus
Finnland. Es heißt dort, daß Wolf und Luchs Todfeinde sind und sich in
ihrer Verbreitung gegenseitig fast ausschließen. In der Tat trifft man
da kaum Luchse an, wo es viele Wölfe gibt, und umgekehrt.
Der gedrungene Körperbau, die hohen Läufe, der kurze, wie abgehackt
aussehende Schwanz, die abenteuerlichen Pinselohren und die gemessenen,
fast ein wenig plump und eckig anmutenden Bewegungen machen den Luchs
zu einer höchst eigentümlichen Erscheinung, aber er ist trotzdem in
jeder Beziehung vom Scheitel bis zur Sohle eine echte Katze. Er steht
höher auf den Beinen als ein Panther, ist aber trotzdem viel kürzer
gebaut, zumal ihm ja der lange Schwanz anderer Großkatzen abgeht.
Die kraftstrotzende Muskulatur, das scharfe Gebiß und die gewaltigen
Pranken machen ihn zu einem in seiner Art furchtbaren Räuber, obschon
er an Größe einen starken Hühnerhund kaum übertrifft. Das Gewicht eines
ausgewachsenen Männchens beträgt 30-35 +kg+. Döbner erhielt aus
Norwegen einen Luchskopf von einem offenbar sehr alten Tier, da der
erste Backenzahn im Oberkiefer jederseits bereits ausgefallen war.
Bei Herrichtung des Schädels ergab sich die auffallende Tatsache, daß
auch auf jeder Seite des Unterkiefers hinter dem Reißzahn ein kleiner
Höckerzahn sich befand und daher sowohl unten wie oben jederseits
vier Backenzähne vorhanden waren, während sonst die katzenartigen
Tiere im Unterkiefer jederseits nur drei haben. Größe und Färbung
schwanken beim Luchs sehr, und man hat deshalb eine ganze Reihe von
Abarten aufgestellt, die sich aber nicht aufrecht erhalten lassen, da
die angeblichen Unterschiede sich im allgemeinen als solche lediglich
individueller Art erwiesen haben. Höchstens kann man zugeben, daß
die nordischen Luchse durchschnittlich etwas stärker sind als die
aus dem Alpengebiet oder dem südöstlichen Europa. Nach Färbung und
Zeichnung unterscheiden die Jäger Hirsch-, Wolf-, Kalb-, Pardel- und
Katzenluchse, und auch der schwedische Tierforscher Nilsson hat früher
ähnliche Ansichten vertreten, mußte sich dann aber selbst berichtigen,
als er aus dem gleichen Gewölf ganz verschieden gezeichnete Tiere
erhielt. Die Fährte des Luchses, den die Russen Rys, die Letten Luhsis
oder Luhsa und die Esten Ilvis nennen, ist reichlich doppelt so groß
wie die einer starken Katze, ja noch etwas größer als die des Wolfes,
unterscheidet sich aber von dieser sofort dadurch, daß sie keine
Kralleneindrücke hinterläßt. Da der Luchs beim ruhigen Gehen schnürt,
gleicht die ganze Fährte einer aufgereihten Perlenkette. Die Losung
wird stets an ganz bestimmten Steinen oder Baumstümpfen hinterlassen,
und wenn der Luchs wieder des Weges kommt, versäumt er es nie, seine
Visitenkarte behaglich zu beschnüffeln, ein Umstand, den erfahrene
Fallensteller sehr wohl auszunützen wissen.
Ich selbst habe nur einmal im Leben einen Luchs in freier Natur zu
sehen bekommen. Es war in einem entlegenen Balkanwinkel, als ich
abends auf den Rehbock ansaß. Plötzlich rührte sich auf dem mir
gegenüberliegenden Hange in etwa 160-170 +m+ Luftlinie etwas
Rotgelbes, das ich zunächst für einen guten Bock ansprach. Aber
genaueres Hinsehen durch das Jagdglas zeigte mir einen starken Luchs,
der in vorsichtig geduckter Haltung ganz langsam bergauf schlich, den
Kopf immer nach einer ganz bestimmten Stelle gerichtet. Dort bemerkte
ich denn schließlich auch ein Schmalreh, das etwa 70-80 +m+ über
dem Luchs stand -- ein unvergeßlich schöner Anblick. Bald verschwand
der Luchs ganz hinter Felsblöcken, bald zeigte er sich mir, der ich
leider nur die Schrotflinte führte, völlig frei. Für diesmal erreichte
der Räuber seinen Zweck jedoch nicht, denn das Reh bekam offenbar
Witterung von ihm und ging schon auf große Entfernung flüchtig ab.
Die Großkatze verfolgte nicht, sondern drückte sich im Gefels und
wurde bald unsichtbar. -- Der sehr ungesellig lebende Luchs ist ein
ausgesprochenes Waldtier, fühlt sich aber nur in sehr ausgedehnten,
urigen, dicht verwachsenen und schluchtenreichen Waldungen auf die
Dauer wohl, die er nachts unermüdlich durchstreift und dabei oft weite
Entfernungen zurücklegt, gern die Holzabfuhrwege benutzend. Doch weiß
er sich immer überaus heimlich zu halten, und nur zur Ranzzeit verrät
ihn sein durchdringendes Geschrei dem nächtlichen Wanderer. Selbst in
noch dicht von Luchsen besiedelten Gegenden beansprucht jeder einzelne
ein Jagdgebiet von mindestens 6-8 +km+^2. Bei ausgedehnten
Waldbränden flüchten die entsetzten Luchse unter Umständen bis in die
Obstgärten der Dörfer, wie dies z. B. 1868 im Petersburger Gouvernement
der Fall war. Auch starker Hunger treibt ihn im Winter bisweilen in die
unmittelbare Nähe der menschlichen Gehöfte. In mehrfacher Beziehung
interessant ist diesbezüglich der folgende Fall, den Hochgreve erzählt:
»Ich fand frische Spuren unmittelbar am Gutshof, wohin die Luchse wohl
durch den Geruch einer Schafherde angelockt wurden, die tagsüber in
einem Gatter untergebracht war und abends in eine geräumige Scheune
getrieben wurde .... In der nächsten Nacht beobachtete ich den Luchs,
wie er das Gehöft umkreiste, um einen Eingang zu suchen. Als er einen
solchen gefunden hatte, sprang er plötzlich mit mächtigem Satz auf das
Dach der Scheune, rollte aber mit einer sich loslösenden Schneelawine
wieder herab. Er sprang wütend zum zweiten Male hinauf, krallte sich
an den Holzschindeln fest und begann das Dach grimmig zu bearbeiten,
während die Schafe sowie die Hühner im Stall durch Blöken und Gackern
die Nähe der Gefahr verrieten .... Auf dem Dach bot der Luchs ein
besseres Ziel, aber im trügerischen Mondschein fuhr die Kugel an seinem
starken Kopf vorbei, und ehe ich imstande war, neu zu laden, hatte
sich der Luchs mit einem gewaltigen Sprung in Sicherheit gebracht. Am
nächsten Morgen entdeckte ich zu meiner Überraschung noch die Fährte
eines zweiten Luchses, wahrscheinlich des Weibchens, das sich scheu
im tiefen Schatten gehalten haben mußte. Im nahen Walde fand ich die
Federn einer Birkhenne als Beweis, daß das Raubtier doch etwas zur
Stillung seines Heißhungers gefunden hatte. ... Einige Tage später
erhielten wir die Nachricht, daß der Hühnerstall eines in der Nähe
wohnenden Arbeiters vollständig ausgeräubert worden sei und daß die
Fährten auf Luchse als auf die Übeltäter hinwiesen. ... Ich legte
ein Eisen, und in diesem fing sich auch in der nächsten Nacht ein
männlicher Luchs mit der Vorderpranke. Zu meinem Erstaunen war er tot
und der Balg wies starke Bißwunden auf, während im Schnee deutlich die
Spuren eines heftigen Kampfes zu sehen waren. Da keine anderen Fährten
festzustellen waren als diejenige eines zweiten Luchses, hatte offenbar
dieser in seinem Heißhunger dem Gefangenen die tödlichen Verletzungen
beigebracht.«
[Illustration: Abb. 13. Luchs in Ruhestellung
(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen Garten in
London)]
[Illustration: Abb. 14. Luchs in Lauerstellung
(Nach einer photographischen Aufnahme aus dem Zoologischen
Garten in London)]
Seine Wechsel hält der Luchs genau ein, ja er tritt sogar beim Rückweg
wieder in die eigenen Spuren, und wenn die Familie gemeinsam jagt,
setzt jeder die Läufe in die Fährte seines Vordermannes, wie die
Indianer auf dem Kriegspfade. Läßt er sich mit schlaffen Gliedmaßen
an einem Baum mit grobem, flechtenbehangenem Gezweig nieder, so
verschwimmt er für das menschliche Auge so vollkommen mit seinem
Hintergrunde, daß selbst im beschränkten Raum des Tiergartenkäfigs
es dem ungeschulten Beschauer schwer fällt, das große Tier sofort
zu entdecken. Die Klause des blutdürstigen Einsiedlers ist in den
Urwäldern sehr oft eine alte, hohle Weißtanne, die nur durch ein
Astloch zugänglich ist. Das sind natürlich Riesenbäume von mindestens
1-1/2 +m+ Durchmesser, durch deren ausgefaulte Astlöcher auch ein
Mensch sich würde hindurchzwängen können, falls er nicht mit einem
Schmerbauch gesegnet ist. Für den pinselohrigen Raubritter aber ist ein
solcher Einschlupf mehr als bequem. Derartige Schlupfwinkel bevorzugt
er bei nassem und unfreundlichem Wetter, bei warmem und freundlichem
aber liegt er lieber zwischen Felsklippen oder in jungen Dickichten, um
sich die liebe Sonne auf den Balg scheinen zu lassen (Abb. 13), denn
das liebt er sehr, wie ja alle Katzenarten. Obschon durchaus Nachttier,
streift er doch gelegentlich auch am Tage herum, wenn es hübsch ruhig
und still im Revier ist. Seine Bewegungen vereinigen Geschmeidigkeit
mit Kraft, Anmut mit Wildheit, unheimliche Schnelligkeit mit eiserner
Ruhe, würdevollen Ernst mit rastloser Gier. Faul liegt die große
Katze halbe Tage lang wie ein aus Erz gegossenes Standbild ohne
Bewegung auf dem gleichen Ast oder auf demselben Felsblock. Nur
leises Zucken der langen Lauscher, Blinzeln der grünlichen Lichter,
Rümpfen der schnurrbärtigen Lefzen und gelegentliches Stelzen oder
Wedeln der kurzen Lunte verraten, daß, Leben in ihm ist. Der Schlaf
ist außerordentlich leise; beim geringsten Geräusch spitzen sich die
gepinselten Ohren, und die funkelnden Raubtieraugen richten sich
aufmerksam nach der verdächtigen Gegend (Abb. 14). Erst wenn das
letzte Vogelgezwitscher verstummte und die Schatten der Nacht tiefer
herabsanken auf den schweigenden Wald, erhebt sich der Luchs und begibt
sich mit weit ausgreifenden, federnden Schritten geräuschlos auf seinen
Jagdzug. Im Vergleich zu ihm sind Bär und Wolf Stümper im Pirschen
und Schafe an Mordlust. In allen älteren Naturgeschichtsbüchern wird
übereinstimmend die hervorragende Kletterkunst des Luchses gerühmt.
Seine für eine Katzenart sehr hohen Läufe lassen aber eigentlich nicht
auf einen vorzüglichen Kletterer schließen. In neueren Lehrbüchern
heißt es auch nur, daß der Luchs ziemlich gut klettere, wenn auch
andrerseits Schäff sicherlich zu weit geht mit der Behauptung,
daß der Luchs freiwillig überhaupt nicht klettere und seine Beute
niemals von Baumästen aus anspringe. Erwähnt doch von Hippel bei
einem in Ostpreußen geschossenen Luchs ausdrücklich, daß er gerade
in dem Augenblick getroffen wurde, als er vom Baume aus auf ein Reh
herabsprang. Immerhin ist dies nicht seine gewöhnliche Jagdmethode.
Wird der Luchs von scharfen Hunden gehetzt, so baumt er fast regelmäßig
auf. Zweifellos ist dagegen der Luchs ein Meister im Springen, der
mit einem einzigen Satz eine 15 Fuß breite Schneise überfällt oder
einen 10 Fuß hohen Felsblock besteigt. Da hilft dem armen Lampe kein
noch so fixes Hakenschlagen, der ungeheure Sprung des furchtbaren
Räubers trifft ihn mit tödlicher Sicherheit. Gewässer werden ohne
Bedenken kräftig und geschickt durchschwommen. Während der Luchs wie
alle Katzenarten schlecht wittert und deshalb niemals der Fährte
eines Beutetieres mit der Nase folgt, ist sein Auge scharf und sein
Tastsinn hoch entwickelt. Alles, mit dem er sich näher befassen will,
wird erst mit den Schnurrhaaren betastet. Sein schärfster Sinn ist
aber zweifellos das Gehör, und die langen Pinselohren sind nicht etwa
nur eine bloße Zierde des ausdrucksvollen Kopfes. Der Luchs hört das
leise Nagen des Hasen an der Espenrinde und geht dann diesem Geräusch
vorsichtig nach, bis er seiner Beute ansichtig wird. Obwohl Oberförster
Dohrandt auf Grund seiner in Rußland gemachten Erfahrungen den Luchs
als dumm bezeichnet, möchte ich es doch mit Brehm halten, der in ihm
ein geistig hochstehendes Geschöpf und jedenfalls eines der klügsten
Raubtiere erblickt. Schon die Naturforscher des Mittelalters nennen den
Luchs mit Recht ein überlegendes und listiges Tier.
Schon aus dem Gesagten geht zur Genüge hervor, daß der Luchs seiner
Beutetiere in der Regel durch katzenartiges Beschleichen Herr wird.
Grevé sagt sogar: »Daß er vom Baume herab auf seine Beute springt
oder in dieser Art gar Elche überfällt, ist eine noch immer gern
geglaubte Fabel, die durch Bilder von Jagdmalern, die nie einen
Luchs in freier Wildbahn beobachtet haben und sich auf das Latein
lustiger Hubertusjünger verlassen, unterstützt wird, ebenso wie
der stereotype, den Schützen auf den Hinterpranken annehmende Bär
nicht von der Bildfläche verschwinden will, trotz des beständigen
Protestes erfahrener Bärenjäger.« Völlig kann ich nun zwar Grevé
weder hinsichtlich des Luchses noch des Bären beipflichten, aber für
die große Mehrzahl der Fälle hat er sicherlich recht. Auf flacher
Erde erreicht der Luchs das geduldig beschlichene Opfer mit zwei bis
drei Riesensprüngen von je 4 +m+ Weite und wirft es nieder, um
ihm die Pulsader aufzureißen oder das Genick zu durchbeißen und es
so augenblicklich zu töten. Durch Spuren im frisch gefallenen Schnee
konnte nach Brehm festgestellt werden, wie ein Luchs einen Hasen
durch neun ungeheure Sprünge von durchschnittlich 13 Fuß Weite ereilt
hatte. Geht der entscheidende Sprung fehl, so wendet sich der Luchs
in der Regel mürrisch ab und sucht verdrießlich nach einem neuen
Wild. Ist er aber sehr hungrig, so verfolgt er seine Beute auch wohl
kilometerweit laufend wie ein Wolf, und man hat dies sogar schon am
hellen Tage beobachtet. Hasen bzw. Schneehasen und Rehe bilden wohl
sein Hauptwild, aber vom Hirsch bis zur Maus, vom Auerhahn bis zum
Zaunkönig ist überhaupt nichts vor ihm sicher. Solange er Wild haben
kann, zieht er dieses den Haustieren entschieden vor, und da er
äußerst lecker ist und nur die besten Stücke verzehrt, kann er als
furchtbarer Jagdschädling in gepflegter Wildbahn unmöglich geduldet
werden. Hat er Überfluß, so schwelgt er im Blutrausch und wird zum
Massenmörder. So erzählt Vater Bechstein, daß ein Luchs, der sich 1772
im Thüringer Wald aufhielt, in einer einzigen Nacht über 30 Schafe
erwürgte. Trotzdem frißt der Luchs mäßig und gelassen und kehrt nach
Stillung seines Hungers den Überbleibseln verächtlich den Rücken.
Größere Tiere bedeckt er allerdings mit Laub oder Erde und kommt dann
in der nächsten Nacht nochmals zu dem Braten zurück, während er nicht
von ihm selbst gerissenes Aas niemals berührt. Tiere von Hasengröße
an aufwärts sind ihm immer lieber, und mit Eichhörnchen oder gar
Mäusen befaßt er sich nur im Notfall, wenn Schmalhans für längere Zeit
Küchenmeister geworden ist. Doch erregt jedes vorüberhuschende Mäuschen
schon seine Mordlust, und den vorüberflatternden Singvogel schlägt er
mit sicherem Prankenhiebe aus der Luft herunter. Die brütende Auerhenne
oder die dösende Lagerschnepfe sind für ihn in des Wortes wahrster
Bedeutung ein gefundenes Fressen. Die häßliche Katzengewohnheit, mit
gefangenen Kleintieren noch zu spielen und sie angesichts des Todes
zu quälen und zu ängstigen, besitzt auch er, bleibt aber dabei immer
ruhig und gelassen. Was er einmal gepackt hat, läßt er nicht so
leicht wieder los und zerreißt den Beutetieren die Decke mit seinen
nadelscharfen Krallen ganz erbärmlich. In Norwegen wurde ein junger
Luchs, dessen Raubgier stärker gewesen war als seine Klugheit, von
einer angesprungenen Ziege bis in den Hof des Besitzers geschleppt und
dort erschlagen. Einem alten Luchs wäre das sicherlich nicht passiert.
Tschudi erzählt, daß der Luchs in der Schweiz sich bisweilen unter
der Erde nach den Schaf- und Ziegenställen durchzugraben versuche,
wobei einmal ein mutiger Ziegenbock den unterirdischen Feind bemerkte,
als er eben den Kopf aus der Erde hob, und ihn mit seinen Hörnern so
derb bearbeitete, daß der Räuber tot in seinem Tunnel liegen blieb.
Mit Vorliebe stellt der Luchs den Gemsen nach, die ihm aber infolge
ihres scharfen Witterungsvermögens oft entgehen; häufiger fallen ihm
Murmeltiere zum Opfer. An Hirsche, Sauen oder gar Elche dürften sich
nur ausnahmsweise ganz starke Luchse wagen. Die stärkste Kraft dieser
Großkatze, die sich ihre Jagden gern möglichst bequem gestaltet, liegt
in den Füßen, in der Kinnlade und im Nacken. Der Luchs ist nicht so
schlau wie der Fuchs, aber geduldiger, nicht so frech wie der Wolf,
aber ausdauernder, nicht so stark wie der Bär, aber scharfsinniger.
Erbeuteten Rehen oder ähnlichen Tieren wird regelmäßig der Kopf vom
Rumpfe getrennt, und wo man öfters im finsteren Gebirgstann derartig
geköpfte Rehe findet, kann man mit einiger Sicherheit darauf schließen,
daß hier der »Blutschreck«, wie der Luchs früher bei den Tiroler Bauern
hieß, sein unheimliches Wesen treibt. Im übrigen tafelt der Luchs wie
ein richtiger Feinschmecker, saugt sein Opfer fast blutleer und wählt
nur die zartesten Stücke zum Fraße, während alles übrige neidlos dem
Waldpöbel überlassen wird. Gerade durch diese wenig haushälterischen
Eigenschaften wird er ja zu einem so argen Wildverwüster.
Die Ranzzeit europäischer Luchse fällt in den Januar und Februar, und
die Kater kämpfen dann nachts um der Minne Lohn mit so greulichem
Geschrei, daß dem unerfahrenen Wanderer die Haare zu Berge stehen.
Keine Zigeunergeige und kein Zimbal kann so herzzerbrechend schluchzen
wie diese Teufelsbiester. »Erst klingt es,« schreibt Fritz Bley,
»wie süße Sehnsucht von Verliebten, dann wie das Angstgeschrei eines
Gefolterten und schließlich wie das letzte Röcheln eines Gehenkten.
Dann wieder plärrt und keift eine scheußliche Hexe dazwischen oder
ein alter Urteufel grunzt vor Lüsternheit im tiefsten Basse.« Werden
die Kämpfer handgreiflich, so knurren und fauchen sie ingrimmig und
lassen dann ein plärrendes Gebrüll hören, hoch und fein anfangend
und mit tiefen, dumpfen Tönen endigend. Die Luchsin miaut dazu wie
eine Hauskatze, aber mit tiefer Baßstimme. In merkwürdigem Gegensatz
zu alledem heißt es bei Brehm, daß die Begattung ohne das übliche
abscheuliche Katzengeschrei erfolge. Außerhalb der Ranzzeit sind die
Luchse allerdings sehr schweigsam und schreien nur bei Hunger oder
Langeweile in dumpf plärrenden oder bärenartig brüllenden Tönen. Im
Laufe des März trennt das Weibchen sich dann wieder vom Männchen und
bezieht an einer recht einsamen und schwer zugänglichen Stelle, etwa
in einer durch Windbrüche und Baumwurzeln gebildeten Höhlung oder
auch in einem alten Dachsbau ihr Wochenbett, wo sie nach zehnwöchiger
Tragzeit, also etwa Anfang Mai, zwei bis drei, selten vier Junge wirft,
die anfangs von ganz heller Farbe sind, neun Tage lang blind bleiben,
und die sie als fürsorgliche Mutter mit zartestem Geflügel füttert.
Glückselig schnurrend ruht sie dann auf weichem Pfühle und bietet den
leise maunzenden Sprößlingen geduldig die Zitzen, nimmt es auch mit
stillem Behagen hin, daß die kleinen Rüpel das Gesäuge mit ihren derben
Pfoten recht unsanft kneten. Im Juni nimmt sie ihre Kinder schon auf
kürzere Streifzüge mit und bummelt nun bis zum Eintritt der nächsten
Ranzzeit mit ihnen gemeinsam herum. Merkt sie Gefahr für die Jungen,
so stößt sie in oftmaliger Wiederholung einen groben Nasenlaut aus,
der wohl ein Warnungssignal sein soll. Im übrigen wissen wir über
das Familienleben dieser einsiedlerischen und menschenscheuen Tiere
herzlich wenig, doch behaupten manche Beobachter, daß die geile Luchsin
sich nicht mit einem Gatten begnüge, sondern alljährlich ihre Gunst an
mehrere Liebhaber verschenke.
Es gibt in europäischen Jagdgründen kein Wild, das so schwierig zu
bejagen und zu erlegen ist wie der Luchs. Seine argwöhnische Schlauheit
vereitelt die besten Anschläge, und gewöhnlich ist es nur ein seltener
Zufall, der ihn einmal vors Rohr bringt. Auf Treibjagden bleibt er
seelenruhig in seiner Baum- oder Felsenhöhle liegen und läßt Treiber
und Hunde vorbeiziehen, oder er baumt beim ersten Lärm auf, rührt
sich nicht mehr und wird dann gewöhnlich übersehen. Nur wenn er im
niedrigen Dickicht ruhte, vermögen ihn sehr schnelle und scharfe
Hunde herauszutreiben, zum Aufbaumen zu zwingen und zu verbellen, wo
ihn dann die herbeieilenden Jäger leicht herunterschießen können.
So sehr der Luchs den Menschen fürchtet und meidet, so wenig macht
er sich doch aus bloßem Lärm und liegt deshalb gar nicht selten in
unmittelbarer Nähe viel benutzter Waldwege. In Rußland bildet man
bei Luchsjagden mit wenigen, aber sicheren Schützen und ortskundigen
Treibern einen möglichst engen Kreis und läßt dann die Bracken in
den Trieb, die das Raubtier rasch aufstöbern und im Falle eines
Durchbruchs unter Lautgeben verfolgen. Der Luchs zeigt auch vor großen
Hunden keine sonderliche Furcht, denn er ist sich seiner Überlegenheit
über sie wohl bewußt. Im Nahkampf wirft er sich gern auf den Rücken
und gebraucht seine furchtbaren Tatzen in der nachdrücklichsten
Weise. Dann muß der Hund unterliegen, und der Jäger tut deshalb gut
daran, schleunigst herbeizueilen, wenn er nicht seinen vierbeinigen
Jagdgehilfen verlieren will. Die Hunde zeigen deshalb auch wenig
Neigung, mit einem so gefährlichen Gegner ernstlich anzubinden. Recht
wenig aussichtsreich ist das Ausgehen der Fährte bei Neuschnee, da der
Luchs in einer Nacht ganz gewaltige Wegstrecken zurückzulegen pflegt.
Stößt er dabei auf eine frische Menschenspur, so trollt er sich sofort
mißtrauisch in eine andere Gegend. Die Luchsjagd ist aber nicht nur
unergiebig und beschwerlich, sondern sie kann unter Umständen sogar
gelegentlich einmal gefährlich werden. Dies gilt besonders für den
Fall, daß der aufgebaumte und vom Hunde verbellte Luchs zunächst nur
angeschossen wird. Dann kann es vorkommen, daß das schwer gereizte
und vor Schmerz halb wahnsinnige Tier mit einem gewaltigen Satze auf
seinen Peiniger herunterstürzt und ihm die scharfen Krallen tief in
die Brust schlägt. Allerdings springt er gewöhnlich zuerst den Hund
an, so daß der Jäger Zeit gewinnt, neu zu laden und den Kampf durch
eine besser gezielte Kugel aus nächster Nähe zu entscheiden. Gut
beglaubigt ist der Fall eines schwedischen Jägers, der mitsamt seinem
Hunde von einem angeschossenen Luchs derart zugerichtet wurde, daß
beiden die Lust zur Luchsjagd für immer verging. Überhaupt erzählt
man sich in Skandinavien manche Geschichten von Luchsjagden, bei
denen der, der auf der Strecke blieb, nicht immer Meister Pinselohr
war. Es braucht das meines Erachtens nicht immer Jägerlatein zu sein,
obschon zahlreiche und grobe Übertreibungen dabei mit unterlaufen
sein mögen. Die baltischen Herrenjäger bekunden übereinstimmend, daß
ihnen niemals etwas von Angriffen des Luchses auf den Menschen bekannt
geworden sei, daß vielmehr jener seiner völligen Ohnmacht gegenüber
dem Herrn der Schöpfung sich stets bewußt bleibe. Gewöhnlich bleibt
der aufgebaumte Luchs ruhig auf seinem Aste liegen und starrt den sich
nahenden Menschen unverwandt an, ja es gibt sogar erfahrene Jäger, die
behaupten, daß man die Aufmerksamkeit des Räubers durch aufgepflanzte
Kleidungsstücke stundenlang fesseln und derweil seine Flinte holen
könne, falls man ihm zufällig und waffenlos begegnet sei. Daß dem Luchs
bei aller Menschenscheu doch auch ein gut Teil Frechheit innewohnt,
geht daraus hervor, daß einmal ein Luchs während einer Treibjagd sich
einen der aufgescheuchten Hasen fing, welche Keckheit er allerdings mit
dem Leben bezahlen mußte.