Flüsse und Kanäle mit von Baumwurzeln durchsetzten Ufern bilden den
Lieblingsaufenthalt unseres Schwimmarders, der also kein Freund
starker und reißender Strömungen ist. Je stiller, einsamer und
unzugänglicher eine Gegend ist, desto angenehmer ist sie diesem
menschenscheuen Sonderling. Hier ruht er tagsüber faul und verschlafen
im Wurzelgeflecht der Uferbäume oder in einer Baumhöhlung oder auf
einem geköpften Weidenstumpf oder auch nur im hohen Riedgras und zieht
erst nach Sonnenuntergang still und verschwiegen auf Beute aus, und
es ist dann natürlich ungeheuer schwer, im Dunkel der Nacht und im
unzugänglichen Sumpfe das lautlos herumhuschende, schlanke Tierchen
zu erkennen. Nach den sorgsamen Beobachtungen von Claudius schleicht
es mehr als es läuft (Abb. 12), gleitet rasch und behende über alle
Unebenheiten hinweg, hält sich aber stets auf dem Boden und strebt
nicht nach der Höhe. Das sehr klug aussehende Köpfchen hält dabei
nicht einen Augenblick still, die scharfen Seher durchmustern ohne
Unterlaß die Umgebung, und die kleinen Lauscher spitzen sich so weit
als möglich, damit ihnen nur ja kein Geräusch entgehe. Meist wird
beim Laufen der Rücken mehr oder minder gekrümmt, und kein noch so
verborgenes Winkelchen bleibt undurchschnüffelt. Das Klettervermögen
ist nur mäßig, aber dafür zeigt sich der Nerz als ein tüchtiger
Schwimmer und versteht es, sehr gewandt und anhaltend zu tauchen. Er
besitzt alle Gewandtheit der Marder, aber nicht ihre Kletterfähigkeit
und Rastlosigkeit. Beim Schwimmen rudert er nicht abwechselnd mit
den Beinen, sondern schnellt sich stoßweise fort, und zwar mit
überraschender Geschwindigkeit. Im Winter sah ihn Claudius bisweilen an
den Aussteigstellen auf dem Eise sitzen, fast unkenntlich vor Schlamm.
Im übrigen stellt das ganze Wesen des Nerz ein sonderbares Gemisch
von Marder und Fischotter vor. Mit beiden hat er Schlauheit, Raubgier
und Blutdurst gemeinsam. Unter den Sinnen dürften Geruch und Gesicht
obenan stehen. Der häßliche Gestank, den die Marder- und Iltisarten
ausströmen, fehlt dem Nerz völlig, denn er ist fast geruchlos.
Krebse bilden seine Lieblingsspeise. Außerdem jagt er noch Fische,
Frösche, Molche und größere Wasserinsekten, raubt die Nester der
Wasservögel aus und würgt auch wohl junge Enten und Gänse ab. Mäuse und
Kleinvögel werden gleichfalls gern genommen. Bisweilen bricht er auch
in die Geflügelställe ein, aber doch nur auf einsamen Fischergehöften
oder Förstereien, nicht aber in geschlossenen Siedlungen. Die
Fischer an der Wagenitz haben nach Claudius die Gewohnheit, ihren
täglichen Fang nicht in Behältern, sondern in offenen Weidekörben
an Inselchen in der Nähe ihrer Hütten aufzubewahren, und solchen
Stellen stattet der Nerz gern unerwünschte Besuche ab, wobei er sich
namentlich dadurch unbeliebt macht, daß er lieber die oft daumendicken
Weidenruten durchbeißt, als daß er über den Rand des offenen Korbes
klettert. Brehms gekäfigter Nerz verschmähte auffallenderweise
hartnäckig die ihm vorgelegten Hühnereier, aber ich glaube trotzdem
nicht, daß er in freier Natur den Gelegen der Wasservögel gegenüber
gleichgültig bleibt. Die Krebse haben jedenfalls mit dem Aussterben
des Nerz einen Hauptfeind verloren. Aber ob ihnen dadurch nicht
auch der naturgemäße Bestandsregler genommen und den verheerenden
Krebsseuchen Tür und Tor geöffnet wurde? Umgekehrt könnte man auch
daran denken, daß die reißende Abnahme der bei uns ihrer unzugänglichen
Wohnorte halber eigentlich doch nur wenig verfolgten Nerze mit
dem Verschwinden ihrer Lieblingsnahrung zusammenhängt? Was bisher
über die Fortpflanzungsgeschichte des Nerz veröffentlicht wurde,
beruht größtenteils eigentlich nur auf Vermutungen, denn nur ganz
ausnahmsweise hat man einmal Junge unter Baumwurzeln oder auf einer
trockenen Kaupe im Sumpfe gefunden. Sie sollen im April oder Mai
blind geboren werden, während die Rollzeit in den Februar oder März
fällt. Die Jagd auf den Nerz, dessen schönes Pelzwerk mit Recht großer
Beliebtheit sich erfreut, ist für Mitteleuropa reine Zufallssache.
Nur höchst selten kommt oder kam einmal einer bei der Birkhahnbalz
oder auf der Entenjagd zu Schuß. Leichter läßt sich der mißtrauische
Seltling durch Fallen berücken, selbst durch solche einfachster Art.
In der Gefangenschaft zeigt sich der Nerz nicht gerade von seiner
liebenswürdigsten Seite, zumal er tagsüber entsetzlich verschlafen ist
und selbst durch das Vorhalten der schönsten Leckerbissen sich nicht
zum Aufstehen bewegen läßt. Ohne sich boshaft oder bissig zu zeigen,
lehnt er doch jedes nähere Verhältnis zum Menschen hartnäckig ab und
wird niemals wirklich zahm. -- Das ist so ziemlich alles, was wir über
die Naturgeschichte dieses in mehrfacher Beziehung hochinteressanten
Tieres wissen, und es ist eigentlich geradezu beschämend wenig. Hier
sind noch große Lücken auszufüllen!
Fußnote:
[A] Eben erfahre ich -- beim Lesen der Korrektur --, daß
Kürschnermeister Götz in Elbing Anfang April 1926 ein ganz frisch
abgezogenes Nerzfell erhielt und ausstopfte. Das Tier war in der
nächsten Umgebung von Elbing im Eisen gefangen worden und soll an den
vorhergehenden Tagen mehrere Hühner geraubt haben. Vor zwei Jahren
soll ein Landwirt in der gleichen Gegend ebenfalls einen Nerz in der
Falle gefangen haben, und die Richtigkeit der Bestimmung wurde von
wissenschaftlicher Seite bestätigt. Es gibt also noch deutsche Nerze!
Der Luchs
Es kann einigermaßen fraglich erscheinen, ob man den Luchs in einem
Verzeichnis deutscher Tiere überhaupt noch mit aufführen darf.
Standwild ist diese menschenscheue und listige Großkatze bei uns
ja schon seit Menschengedenken nicht mehr, aber immerhin wechselt
doch noch ab und zu ein Stück über die Grenzen und wird dann auf
deutschem Boden erlegt, namentlich in Ostpreußen, so daß wir den
Luchs auch für Deutschland noch nicht gänzlich und endgültig aus dem
Buche der Lebenden zu streichen brauchen. Vor dem Dreißigjährigen
Kriege war das prachtvolle Tier in unserem Vaterlande durchaus keine
seltene Erscheinung, wie schon daraus hervorgeht, daß allein im
Albertinischen Sachsen von 1611 bis 1665 305 Luchse erlegt werden
konnten. In der Götterlehre der alten Germanen spielte der Luchs eine
beträchtliche Rolle, und wahrscheinlich ist er es und nicht die Katze,
der als Tier der Freia aufgefaßt werden muß und ihren Wagen zieht.
Bei den großartigen Zirkusspielen der Römer wurden allerdings Luchse
ungleich seltener vorgeführt als Löwen oder Leoparden, aber dies ist
wohl dadurch zu erklären, daß der Luchs nicht leicht zu fangen ist
und sich in der Gefangenschaft schlecht hält. Die Verdrängung des
Tieres aus Mitteleuropa muß hauptsächlich in der zweiten Hälfte des
17. Jahrhunderts erfolgt sein und ist in der Hauptsache wohl auf die
gleichzeitige große Vervollkommnung der Schußwaffen zurückzuführen.
Das Vernichtungswerk ging deshalb mit überraschender Schnelligkeit
vor sich, und schon etwa 1710 war das Verbreitungsgebiet des Luchses
derart durchlöchert, daß überall nur noch von vereinzeltem Vorkommen
die Rede sein kann. In den flachen Teilen Mitteldeutschlands fehlt der
Luchs bereits von 1820 an völlig. Am 17. März 1818 wurde noch einer bei
Seesen erlegt, der jetzt ausgestopft im Braunschweiger Museum steht.
Spätere Nachrichten sind irrtümlich, so über ein angebliches Vorkommen
im März 1898 in Anhalt, wo es sich in Wirklichkeit um verwilderte
Hunde handelte. In Pommern wurde der Luchs schon 1738 ausgerottet,
und im allgemeinen war er wohl schon beim Tode Friedrichs des Großen
nicht mehr Standwild in den preußischen Staaten, während für diese in
den Jahren 1723 bis 1737 immerhin noch 229 erlegte Luchse verzeichnet
wurden. König Friedrich Wilhelm I. legte großen Wert auf die pünktliche
Einlieferung aller Luchs- und Biberfelle. »Die Lux Heutte will vor
mir haben,« verordnete er. Nur einmal (1720) wollte ein Hauptmann von
Driessen einen von ihm geschossenen Luchs durchaus nicht herausrücken
und erhielt ihn schließlich auch wirklich zum Geschenk, denn für
seine »blauen Kinder« hatte der »Soldatenkönig« ja immer etwas übrig.
Bei Potsdam war der Luchs 1680 noch häufig, 1696 gab es noch welche
bei Ruppin, 1702 bei Luckenwalde, 1734 bei Liebenwalde, und zwischen
1750 und 1760 wurden noch einige bei Gardelegen zur Strecke gebracht.
Sehr auffällig ist es, daß sogar 1875 ein Luchs auf der Insel Wollin
erschossen wurde, der aber vielleicht einer Menagerie entsprungen war.
In Westfalen fiel der letzte Luchs 1745.
Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse in Sachsen, wo in den Schußlisten
des prunkliebenden Kurfürsten Johann Georg II. (1656 bis 1680) auch
noch 191 Luchse aufgeführt werden. Damals hatte ja das Raubzeug noch
gute Tage, denn der gewaltige Wildstand deckte ihm reichlich den
Tisch, und auch Haustiere waren leicht zu ergattern, da sich das Vieh
den größten Teil des Jahres über auf freier Weide erging und die
Stallfütterung noch wenig üblich war. Zwar reizte gerade der Luchs
die Jagdlust des Menschen von jeher in besonderem Maße, teils seiner
großen Schädlichkeit, teils seines hochgeschätzten Pelzes halber,
aber seine Schlauheit und Gewandtheit sowie die Unvollkommenheit
der damaligen Jagdwaffen brachten es doch mit sich, daß er sich der
Vernichtung lange zu entziehen vermochte und noch um 1700 herum in
allen Teilen des Landes regelmäßig anzutreffen war. Erst als im 18.
Jahrhundert die steigende Volksvermehrung eine stärkere Ausnutzung
von Grund und Boden bedingte, als Axt und Säge auch in die tiefsten
Wälder und in die verstecktesten Schluchten eindrangen und zugleich
die verbesserten Feuerwaffen zur vollen Auswirkung gelangten, schlug
auch dem Luchs gleich Wolf und Bär die Todesstunde. Zwar wird der
Luchs noch 1717 unter den jagdbaren Tieren Sachsens angeführt, aber
er muß damals doch schon recht selten gewesen sein, da man es nach
Robert Berger der Mühe für wert hielt, einen bei Zittau geschossenen
Luchs abmalen zu lassen und das Bild der dortigen Ratsbücherei
einzuverleiben. Im Elbsandsteingebirge erlegte Förster Puttrich unweit
der böhmischen Grenze 1743 einen Luchs, und man verewigte dieses
Ereignis dadurch, daß an der betreffenden Stelle ein Luchsbild nebst
erklärender Unterschrift in die Felswand eingehauen wurde. Einzelne
Überläufer mögen auch noch später die sächsische Grenze überschritten
haben, da der Luchs im benachbarten Böhmen sowie im Thüringer Wald und
im Harz erst im 19. Jahrhundert ausgerottet wurde. Im Fichtelgebirge
wird der letzte Luchs dagegen schon 1774 verzeichnet, im Frankenwald
1730. Im Thüringer Wald und im Harz erfolgte die Ausrottung dieser
dem Wildstand so gefährlichen Katzenart fast gleichzeitig. Für den
Harz werden 1814, 1816, 1817 und 1818 als letzte Erlegungsdaten
angegeben, für den Thüringer Wald 1819 und 1820; dann folgt aber nach
langer Pause noch ein Nachzügler, der 1842 im Gothaischen zur Strecke
gelangte. Der letzte Harzluchs, den man schon seit 1814 gespürt, aber
irrtümlicherweise für einen Wolf gehalten hatte, befindet sich heute
ausgestopft in der gräflich Stolbergschen Bücherei in Wernigerode.
Allerdings soll nach Forstmeister von Seelen noch 1911 und nach anderen
Quellen sogar noch 1917 ein Luchs im Harz geschossen bezüglich gesehen
worden sein, indessen vermochte ich diese sehr unwahrscheinlich
klingenden Angaben nicht näher nachzuprüfen.
In der Oberpfalz wurde noch 1814 ein Luchs von 65 Pfund geschossen,
während im Elsaß der letzte schon im Dezember 1640 erlegt worden sein
soll. In Baden kam der letzte Luchs 1834 bei Wertheim auf der Halde
eines alten Steinbruchs durch einen Förster zur Strecke. Noch länger
hielt sich der Luchs in Württemberg, denn nach einem ausführlichen
Bericht des Herrn Dr. Metzger traf der Förster Martz am 15. Februar
1846 von der Ruine Reußenstein bei Wiesensteig unweit Geislingen aus
mit sicherer Kugel ein schwaches Männchen. Das Raubtier hatte schon
seit längerer Zeit den Schafherden und dem Rehbestand der dortigen
Gegend übel mitgespielt, war aber auf allen Treibjagden immer glücklich
durchgekommen. Ein die Erlegung darstellendes Ölbild befindet sich
noch im Besitz der Familie Metzger in Stuttgart, und eine Kopie davon
wurde neuerdings auch im Rathause zu Wiesensteig aufgehängt. Der tote
Luchs wurde auf einem Wagen nach Stuttgart gefahren und unterwegs
überall von der Schuljugend bestaunt; er steht jetzt ausgestopft in
der Stuttgarter Naturaliensammlung als der Letzte seines Geschlechts.
Allerdings meldeten im Dezember 1922 die Stuttgarter Tageszeitungen,
daß auf einer Treibjagd im Schwarzwald (Oberamt Villingen) wieder ein
Luchs von 1,3 m Länge geschossen worden sei. Meine sofortige briefliche
Anfrage beim Jagdpächter blieb aber bezeichnenderweise unbeantwortet;
auch über den Verbleib des wertvollen Stückes habe ich niemals das
Geringste gehört, und so wird dieser allerletzte Schwarzwald-Luchs wohl
eine Ente gewesen sein. Was Bayern anbelangt, so konnten nach Brehm
zwei Jäger, Vater und Sohn, in den Jahren 1790 bis 1838 immerhin noch
30 Stück der gehaßten Raubtiere im Eisen fangen. Dann aber ging es
schnell bergab mit dem Luchsbestand. 1832 wurden im Revier Immenstadt
noch drei Luchse geschossen, aber schon anderthalb Jahre später der
letzte dort gefangen. Ähnlich war es im Revier Marquartstein, wo 1830
noch vier Luchse zur Strecke kamen, darunter ein sehr altes Männchen
von 67 Pfund, das keinen ganzen Zahn mehr besaß. Bei Berchtesgaden
war der Luchs im Beginn des 19. Jahrhunderts noch Standwild, und 1826
werden sieben erlegte Stücke gemeldet, seitdem aber keiner mehr.
Etwas länger hielt sich der Luchs im Retterschwanger Tal, wo 1838 der
letzte gestreckt wurde. Langkovel erzählt, daß über der niedrigen
Tür des Forsthauses im Hindelanger Tal zwölf Luchsköpfe hingen als
Jagdtrophäen der dort seit langem ansässigen Försterfamilie. Einer
dieser Luchse war 1830 auf der Zipfelalp geschossen worden, zwei
andere 1850 und der letzte am 25. Mai 1872 bei Partenkirchen. Auch
im bayrischen Allgäu sollen noch 1850 Luchse gespürt worden sein,
kamen aber nicht zum Schuß. Als der letzte bayrische Luchs darf wohl
der 1888 bei Rot am See erlegte gelten, der wahrscheinlich aus dem
Österreichischen eingewechselt war. Im Bregenzer Wald ging es mit dem
Luchs 1855 zu Ende, in Tirol 1872, wo am 3. Mai ein Stück bei Stauders
angeschossen, aber erst eine Woche später verludert aufgefunden und
für die Gymnasialsammlung in Chur ausgestopft wurde; trotz seiner
tödlichen Verwundung hatte dieser Luchs noch einen Hasen gerissen. Im
gleichen Jahre wurde auf dem Friedhof in Schlanders ein angeblicher
Wolf erschlagen, dessen zur Einlösung des Schußgeldes eingeschickte
Vorderpfoten sich aber als solche vom Luchs erwiesen. Früher war
gerade in Tirol und Vorarlberg der Luchs das verhältnismäßig häufigste
Raubtier, und die Bauern im Bregenzer Wald erzählen sich noch heute
mit Schaudern davon, daß durch ihn einmal eine ganze Schafherde von
600 Stück in einen Abgrund gejagt wurde, wodurch der Besitzer völlig
verarmte. Im Stubachtal, wo heute der Naturschutzpark sich befindet,
taten die Luchse noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts großen
Schaden am Wild. In Steiermark war der Luchs von jeher häufiger als
Bär oder Wolf, und die Nachrichten über ihn reichen bis zum Ausgang
des 19. Jahrhunderts. In Sulzbach wurden in einem Jahre 90 Schafe von
ihm zerrissen, in Weißwasser an einem Tage 9. Bei Völkermarkt und bei
Windischgrätz wurden 1887 noch Luchse gespürt und 1892 sogar einer
geschossen. In Krain tritt der Luchs heute noch regelmäßig, wenn
auch selten, auf, und in Kärnten wenigstens ab und zu, soweit dort
noch schwer zugängliche, aber wildreiche Waldungen mit ausgedehnten
Dichtungen vorhanden sind. In der Schweiz waren noch um 1838 herum
Luchse keine besondere Seltenheit, so daß allein in Graubünden jährlich
7-8 zur Ablieferung gelangten, aber schon 1850 beschränkte sich die
Gesamtstrecke der ganzen Schweiz auf die gleiche Zahl. Möglich, daß
auch heute noch dieser oder jener Luchs versteckt in den Einöden des
Berner Oberlandes oder im Gebiete der alten Rätier lebt, aber erlegt
worden ist seit 1878 keiner mehr. Zwar werden diesbezügliche Fälle noch
1887 aus Wallis und Graubünden gemeldet, aber sie erscheinen nicht
genügend beglaubigt und sonderbarerweise ist das hohe Schußgeld von
100 Franken nicht für sie in Anspruch genommen worden. Glaubwürdigere
Nachrichten liegen aus Oberösterreich vor, wo im November 1902 eine
vierköpfige Luchsfamilie sich in den schluchtenreichen, düstern und
wenig betretenen Waldungen an der Ybbs zeigte und in erschreckender
Weise unter dem Wildstand wütete. Die Jägerei fand über 30 zerrissene
Rehe, denen ausnahmslos in der für den Luchs so bezeichnenden Weise der
Kopf vom Rumpfe getrennt war. Trotz eifriger Nachstellungen konnte man
der Räuber nicht habhaft werden, die nach einiger Zeit spurlos wieder
verschwanden, also offenbar nur eine Gastrolle gegeben haben.
Aus Italien habe ich sichere Daten über das Vorkommen des Luchses
überhaupt nicht erhalten können. In Frankreich kam er früher
namentlich am nördlichen Hange des Zentralplateaus vor, wo noch 1865
ein stattliches Exemplar im Departement Puy de Dôme erlegt wurde.
Merkwürdig ist das rasche Verschwinden des Luchses aus Bosnien. Daß er
früher dort keine Seltenheit war, beweisen eine Reihe von Ortsnamen,
aber seine Ausrottung liegt doch schon lange zurück. Wie mir Othmar
Reiser freundlichst mitteilte, wechselte anfangs der 90er Jahre ein
Luchs aus Montenegro in den Bezirk Gacko ein, hielt sich dort aber nur
kurze Zeit auf. Andere Stücke wurden in Montenegro selbst 1890 und
1894 bei Jagden des Fürsten Nikita erlegt. In Mazedonien und Arkadien
gibt's noch jetzt Luchse. Dasselbe gilt für die Karpathen, wo unserem
Räuber namentlich die Vermehrung des Rehstandes zustatten gekommen
ist. In den oberungarischen Revieren des Zaren Ferdinand von Bulgarien
bei Lentschau und Igelo wurden 1905 innerhalb eines Vierteljahres fünf
Luchse abgeschossen, da sie großen Schaden am Edelwild taten. Aus
ganz Ungarn wurden 1873 bis 1887 über 100 erlegte Luchse gemeldet,
doch waren es in Wirklichkeit wohl erheblich mehr, da viele Fälle
den Behörden überhaupt nicht angezeigt werden. Wurden doch nach
sorgfältigerer Buchführung nur in den ungarischen Kronforsten von 1884
bis 1893 333 Luchse geschossen oder gefangen. Die meisten Vorkommnisse
beziehen sich auf die nördlichen und nordöstlichen Teile des alten
Ungarn. In den Beskiden ist unsere räuberische Großkatze auch heute
noch ein regelmäßiges Standwild, ebenso in den wildesten Teilen der
siebenbürgischen Randgebirge. Hier gelangen jährlich noch 6-8 Stück
zum Abschuß, der aber gänzlich dem Zufall anheimgegeben ist. Selbst in
der Umgebung von Hermannstadt und Kronstadt wurden in den 90er Jahren
noch prachtvolle Luchse erlegt. Während des Krieges wurde ein Luchs im
Rotenturmpaß von Pionieren aufgestöbert und erbeutet. Die Bukowina
verzeichnet 1892 vier erlegte Luchse; also auch hier ist das Tier noch
seltenes Standwild. Oberjäger Moser hat in seinem früheren Revier im
Bezirk Watra und in seinem jetzigen im Bezirk Gurahumora im Laufe der
Jahre je fünf Luchse im Eisen gefangen. Das ebene Ostgalizien hatte
auffallenderweise im März 1895 fünf erlegte Luchse zu verzeichnen,
und sogar auf der westgalizischen Herrschaft Saybusch wurde im
Oktober des gleichen Jahres ein Exemplar mit wundervoller Zeichnung
geschossen. Alle diese Luchse waren Männchen, und man darf sie wohl
für Flüchtlinge aus den Mittelkarpathen halten, aus denen sie durch
ungewöhnlich starke Abholzungen vertrieben worden waren. Nach einer
Mitteilung von Rittmeister Schlickriede wurde während des Krieges auf
einer kleinen Treibjagd in Wolhynien am 2. März 1916 ein Luchs von
1,4 +m+ Länge auf 27 Schritt durch einen Schrotschuß zur Strecke
gebracht. In Österr.-Schlesien hatte man schon lange nichts mehr von
Luchsen gehört, bis sie sich in den 80er Jahren wieder spürten und dann
auch 1889, 1891, 1893 und 1894 einzelne, aus dem Trentschiner Komitat
eingewechselte Stücke in der Nähe der ungarischen Grenze unschädlich
gemacht wurden, das letzte, ein Weibchen, 1914 bei Althammer. Auch in
Böhmen und Mähren hielt sich der Luchs verhältnismäßig lange, denn
noch 1890 wurde er im Böhmer Wald erlegt und im November 1894 ein
Weibchen in Mähren, während das zugehörige Männchen entkam. In der
Dukla-Senke wurden am 25. November 1893 zwei Luchse geschossen, während
vier weitere entwischten, und einen Monat später fiel in derselben
Gegend noch einer. In Slawonien soll es noch überall Luchse geben, aber
nirgends häufig.
Innerhalb Deutschlands läßt sich der Luchs heutzutage am ehesten noch
einmal in Ostpreußen blicken, freilich auch nur auf recht seltenen
Gastspielreisen. Nachstehend das Verzeichnis der im letzten Jahrhundert
in Ostpreußen geschossenen Luchse, so weit es sich heute noch mit
Sicherheit feststellen läßt:
1. 1820 bei Gumbinnen.
2. 1832 in der Romintener Heide.
3. 1846 bei Gilgindischken (Museum Eberswalde).
4. 10. Februar 1861 ein Weibchen im Nassowener Forst, Kreis Goldap
(Museum Eberswalde).
5. 1868 in der Puppener Forst (Museum Minden).
6. 1. September 1870 im Forst Heidwalde, Kreis Angerburg.
7. 20. Januar 1872 im Laukenwald, Kreis Mohrungen.
8. 1873 bei Rastenburg. Nicht ganz sicher verbürgter Fall.
9. 25. Januar 1879 in der Puppener Forst.
10. März 1898 bei Seetz (?).
11. 25. November 1901 bei Schorellen (Museum Berlin).
12. 21. September 1915 ein Männchen bei Ortelsburg
(Museum Oldenburg).
13. 10. März 1924 im gräflich Eulenburgschen Forst Bettnarken ein
schwaches Stück von 1,19 +m+ Länge und 43 Pfund Gewicht.
Hilfsförster Kaluza war der glückliche Schütze. Es dürfte dies
der bisher letzte sichere Luchs sein, der auf deutschem Boden
geschossen wurde.
In Westpreußen wurden die letzten beiden Luchse 1870 erlegt. In Kurland
war der Luchs um 1830 herum derart verbreitet, daß er stellenweise den
ganzen Rehstand vernichtete. Wie rasch dann aber seine Ausrottung vor
sich ging, zeigen die Abschußlisten der großen Herrschaft Dodangen: im
Winter 1844/45 17 Stück, 1845/46 12, 1846/47 7, 1847/48 5, 1848/49 4,
1849/50 2 und 1850/51 nur noch ein einziger. Nach Grevé wurde noch im
Januar 1907 ein Luchs im Revier Schlüterhof geschossen und ein anderer
in Poppen, nachdem beide schon den ganzen Sommer über gespürt worden
waren. Auf der Insel Ösel soll der letzte Luchs 1877 erbeutet worden
sein. Auch in Livland ist nach den Berichten des Herrn von Middendorf
der Luchs jetzt schon sehr selten geworden. Im Kreise Dorpat wurde
der letzte 1867 erlegt, und im September 1904 wurde wieder einer
beobachtet. Im Rigaer Kreis zeigte sich der letzte 1900, und im Kreis
Wenden wurde noch im Jahre 1911 einer erlegt. Eine selten erfolgreiche
Luchsjagd fand Anfang November 1910 im Walkschen Kreise statt, wo
an zwei Jagdtagen neun Luchse zur Strecke kamen. In Estland wurden
noch im Winter 1908/09 mehrere Luchse erbeutet und andere gespürt.
Einer sprang in der Nähe von Mecks über einen hohen Drahtzaun in den
Damhirschpark und richtete dort greuliche Verwüstungen an, ohne daß er
erwischt werden konnte. Zusammenfassend kann man über das Vorkommen des
Luchses im Baltikum sagen, daß er für Kurland noch an den äußersten
Punkten im Westen und Osten zu verzeichnen ist, in Livland in den
Kreisen Walk, Wera und Dorpat, in den großen Forsten von Pernau und in
den Strandwäldern des Rigaischen Meerbusens und endlich für die ganze
östliche Hälfte Estlands. Nach dem Innern Rußlands zu wird er dann
zahlreicher, und in Sibirien, von wo alljährlich etwa 9000 Luchsfelle
in den Pelzhandel kommen, ist er noch häufig.