C. W.

22) +Johannes Kepler.+ Vier Bücher in drei Theilen. Von +Dr. Edmund

Reitlinger+, k. k. Professor am Polytechnikum in Wien; unter

Mitwirkung von +C. W. Neumann+ k. bayr. Hauptmann u. s. w.; und

dem Herausgeber +C. Gruner+, k. württ. Ober-Justiz-Revisor u. s.

w. Mit vielen Illustrationen. Im Selbstverlag des Herausgebers.

Commissions-Verlag von Carl Grüninger in Stuttgart. 1868. 8. I.

Theil. 224 Stn.

Wie vorzüglich durch das Verdienst des Herausgebers des vorliegenden

Buches das Andenken eines der bedeutendsten Vertreter der deutschen

Geistesgeschichte in dem Maße hergestellt worden, daß es ermöglicht

ist, demselben ein großartiges Denkmal zu errichten, ist bekannt.

Die Errichtung des Monuments hat die Abfaßung der Biographie

Kepler’s mittelbar zur Folge gehabt und so dem ganzen Unternehmen

eine ergänzende Seite hinzugefügt, die Charakter und Wirksamkeit des

Mannes der allgemeinen Kenntniß noch näher bringt und somit nicht

minder anerkennenswerth ist. Biographien Kepler’s sind schon früher

erschienen, doch, soweit sie das ganze Leben umfassen, in wenig

zugänglicher Gestalt, noch weniger erschöpfend. Ihr Hauptverdienst

ist, manches Material, das sonst vielleicht verloren wäre, namentlich

einen reichhaltigen Briefwechsel bewahrt zu haben. Die gegenwärtige

Beschreibung aber beruht auf ganz neuen archivalischen Forschungen,

die der Herausgeber mehre Jahre hindurch mit angestrengtem Eifer und

unerwartetem Erfolge an allen Orten, an welchen der große Gelehrte

gelebt und gewirkt, betrieben hat. Es wird uns erst jetzt das

ganze Bild seines tief und reich bewegten Lebens mit allen feinen

Schattierungen aufgedeckt, die aus dem Hintergrunde der Zeit auf

dasselbe fallen. Wir sehen, daß Kepler so bedeutend als Mensch wie

groß als Gelehrter war, und verfolgen seine Schicksale mit Interesse,

auch wenn wir nicht im Stande sind, seine epochemachenden Entdeckungen

im Einzelnen zu verstehen. Tief verwickelt in die allgemeinen

geschichtlichen Ereignisse seiner Zeit, die er in seinen Briefen mit

eben so großem Scharfblick wie unparteiischem Sinne begleitet, obwohl

er selbst aufs empfindlichste davon betroffen worden, liefert sein

Leben zur Aufhellung mancher damaligen Verhältnisse nicht unbedeutende

Beiträge. Der erste Band behandelt dasselbe bis zu seiner Flucht

aus der Gegenreformation des Erzherzogs Ferdinand und begleitet die

zusammenhängende Darstellung mit zahlreichen Noten und urkundlichen

Beilagen. Die bildlichen Zugaben sind ein Portrait in trefflichem

Kupferstich, eine Photographie nach dem zu errichtenden Denkmal,

Abbildungen von Oertlichkeiten, die in Bezug zum Gegenstande des Werkes

stehen, ein Facsimile der Handschrift Kepler’s u. a.

v. E.

23) +„Dem Landfrieden ist nicht zu trauen“. Fehde Mangold’s

von Eberstein zum Brandenstein gegen die Reichsstadt Nürnberg+

1516-1522. Charakterbild der rechtlichen und wirthschaftlichen

Zustände im deutschen Reiche unmittelbar vor dem großen

Bauernkriege. Herausgegeben nach urkundlichen Aufzeichnungen und

Briefen im k. Archive zu Nürnberg von +Louis Ferdinand Freiherrn

von Eberstein+, königl. preuß. Ingenieur-Hauptmann a. D. u. s. w.

Nordhausen. Verlag von Carl Haacke, 1868. 8. 96 S.

Ein Charakterbild aus einer Epoche zu schöpfen, deren Charakter

hauptsächlich darin bestand, allen Zügen desselben freien Lauf

zu lassen, ist immer eine dankbare Aufgabe, um so mehr, als die

speziellste Ausmalung stets so viel vom allgemeinen Geiste der

Zeit geben wird, um das wissenschaftliche Interesse aufrecht zu

erhalten. Das vorliegende Büchlein tritt in um so höherem Grade unter

diesen Vortheil, als Personen darin spielen, die auch sonst in der

Zeitgeschichte von Wichtigkeit wurden. Wie viele ähnliche Episoden

aus kleinem Anlasse entsprungen, verzweigte sich der Streit des

Mangold von Eberstein mit der Reichsstadt Nürnberg durch eine Reihe

von Jahren bis in jene hinein und deckt die Zustände der damaligen

staatlichen Gemeinschaft in fast erschreckender Nacktheit auf. Wir

sehen die Mächte, die früher das Reich erhalten, bedeutungslos werden

und vom Schauplatz zurücktreten, andere deren Stelle einnehmen,

weil Gelegenheit und Vortheil ihnen gleichen Anlaß bieten, sich der

Ordnung und Sicherung der Verhältnisse anzunehmen, nach welchen die

Mehrheit der Reichsinsassen sich sehnt, sie zugleich aber auch die

Richtung einschlagen, die später deren Aufkommen ebenso gefahrbringend

macht, wie es früher erwünscht erscheinen mußte. Handgreiflich tritt

uns die Ohnmacht des Kaiserthums und seiner Institutionen entgegen;

die Ritterschaft ist zum Theil zum Brigantenthum herabgesunken; der

engherzige Eigennutz der Städte bildet schon jetzt den Boden, auf

welchem die Monarchie des 17. und 18. Jahrhunderts erwachsen konnte.

-- Die Fehde ist in Urkunden des Nürnberger Archivs fast vollständig

beschrieben; diese sind daher hier der Reihenfolge nach abgedruckt.

Für die Schwierigkeit, sich durch den endlosen Schwulst der damaligen

Amtssprache hindurch zu lesen, entschädigt die Gewißheit, daß kein Zug

des lebenvollen Bildes verloren geht.

v. E.

24) +Bibliotheca historica medii aevi.+ Wegweiser durch die

Geschichtswerke des europäischen Mittelalters von 375-1500.

Supplement nebst einer Zeitfolge der römischen Päpste, der

deutschen Kaiser und Könige sowie sämmtlicher deutschen Bischöfe

von +August Potthast+. Berlin. W. Weber & Co. 1868. 8. IV u. 456

Stn.

Das Werk Potthast’s ist schon von seinem ersten Erscheinen

hinweg, selbst ehe noch eine ganze Reihe günstiger Beurtheilungen

veröffentlicht waren, von allen Sachkennern mit so ungetheiltem

Beifalle aufgenommen worden, daß es heute als völlig überflüssig

erscheint, auf den großen wissenschaftlichen Werth desselben

zurückzukommen. Es kann sich nur darum handeln, das Verhältniß dieses

Nachtrages zu dem früheren Hauptwerke mit einigen Worten zu erläutern.

Bei dem umfassenden, zumeist auf die bedeutsamsten historischen

Erzeugnisse der europäischen Völker gerichteten Plan waren einzelne

Lücken fast unvermeidlich. Ueberdies liegt es in der Natur eines

solchen Buches, daß sein Material durch fortgesetzte Forschungen und

neue Erscheinungen unausgesetzt vermehrt wird. Jene zu ergänzen und

auszufüllen und diese nachzutragen war der Zweck, welchen der Verfasser

bei Herausgabe dieses Supplements sich vorgesetzt hatte. Indem er die

bei dem Hauptwerke zu Grunde gelegte Eintheilung festhielt, gelang es

ihm, den Ueberblick der zusammengebrachten Sammlung zu erleichtern, und

die gewonnene Nachlese ist zugleich eine sehr bedeutende geworden.

Das vorliegende Supplement umfaßt zunächst diejenigen größeren und

kleineren Werke, welche in die Verzeichnisse des ersten Bandes noch

gar nicht aufgenommen waren. Zu dem Ende wollen wir aus den Scriptores

rerum allgemeinen Inhalts die bei Firmin Didot in Paris erscheinende

Biographie générale u. s. w., aus den Scriptores rerum der einzelnen

Länder die Collection d’historiens belges, publiée par l’Académie etc.,

K. Höfler’s Geschichtschreiber der husitischen Bewegung in Böhmen, die

Quellen und Erörterungen zur bayerischen und deutschen Geschichte,

das Recueil de chroniques, chartes et autres documents concernant

l’histoire et les antiquités de la Flandre occidentale, publiée par

la Société d’Émulation de Bruges, die Monumenta Poloniae historica u.

a. m. hier nur beispielsweise anführen. Ebenso haben die Angaben aus

der Abtheilung über die einzelnen Schriftsteller und Schriften eine

sehr ansehnliche Vermehrung erfahren. Wir erinnern zunächst an die

Artikel über Johannes Hus, die zugleich als Probe der Behandlung dienen

mögen. Es konnten von dem Verfasser aus der Höfler’schen Sammlung nicht

blos die Universitätsschriften und Briefe des böhmischen Reformators

nachgewiesen, sondern auch über den Geleitsbrief Kaiser Sigismund’s

und die Vertreibung der Deutschen aus Prag eine ganze Reihe von

Aktenstücken verzeichnet werden. Nicht minder reichhaltig sind auch

die Nachträge zu den Lebensbeschreibungen (Vitae) ausgefallen, die der

Verfasser trotz ihrer in sich sehr abweichenden Formen bekanntlich in

einer besonderen Abtheilung zusammengestellt hat. Hier erhielt diesmal

auch Girolamo Savonarola eine Stelle. Der Verfasser hat eine kritische

Geschichte der Ausgaben der Vita S. Hieronymi Savonarolae gegeben und

außerdem noch über dreißig Erläuterungsschriften zusammengestellt,

welche in lateinischer, italienischer, französischer, englischer und

deutscher Sprache die Geschichte des italienischen Agitators behandeln.

Diese Sorgfalt und Genauigkeit ist bei scheinbar unbedeutenden

Erzeugnissen wie bei andern von entschieden historischer Wichtigkeit in

gleicher Weise erkennbar.

Auch der Ergänzungen zu den schon früher verfaßten Artikeln muß gedacht

werden. Bei Behandlung des genuesischen Geschichtschreibers Cafari sind

die von diesem verfaßten Schriften von denjenigen seiner Fortsetzer

deutlicher geschieden, und überdies durch neue Zusätze erweitert

worden. Die Vita S. Hieronymi presbyteri et doctoris ecclesiae erhielt

zur Ausstattung eine lange Reihe von Erläuterungsschriften, von denen

die meisten, namentlich die in italienischer Sprache geschriebenen,

wie Potthast uns mittheilt, auch für die Kirchengeschichte Aquileja’s

interessant sind. Ebenso wurde bei dem heil. Martin von Tours die

namentlich in Frankreich noch fortwährend im Wachsen begriffene

Literatur über denselben nachgeholt und mit großer Pünktlichkeit

verzeichnet. Aehnliche Berichtigungen und Ergänzungen sind der Vita b.

Lanfranci archiep. Cantuar. und der Vita S. Leonis IX. Lpp. zugewiesen

worden. Die angeführten Beispiele dürften vollkommen genügen, um den

Leser zu überzeugen, mit welcher Gewissenhaftigkeit der Verfasser

fortwährend bemüht ist, seinem Werke kritischen Werth und möglichste

Vollständigkeit zu verleihen.

Als höchst schätzbare Hülfsmittel hat derselbe seinem Supplemente noch

die nachfolgenden Beilagen hinzugefügt: 1. Vollständigeres Verzeichniß

der Heiligen, ihrer Tage und Feste, 2. Zeitfolge der römischen Päpste

sowie der deutschen Kaiser und Könige, 3. Zeitfolge der deutschen

Bischöfe, 4. Mittelalterliche Sonn- und Festtagsbezeichnungen.

Das erste dieser Stücke dürfte in der That das vollständigste und

umfangreichste von allen Verzeichnissen sein, die bis jetzt in den

verschiedenen Calendarien mitgetheilt worden sind. Das zweite ist

für den Gebrauch sehr zweckmäßig eingerichtet, da es mit einem

einzigen Blicke die Reihe der Päpste übersehen läßt, welche je einer

kaiserlichen Regierung entsprechen. Die Zeitfolge der deutschen

Bischöfe berichtigt Mooyer’s bekannte Schrift in sehr wesentlichen

Punkten; ist zugleich vollständiger, und enthält namentlich die

österreichischen Bisthümer, die dort nur theilweise berücksichtigt

sind. Auch die vierte Mittheilung ist sehr dankenswerth, da sie uns

auch von dieser Seite die Mannigfaltigkeit der mittelalterlichen

Bildungen vor Augen stellt. Wir sehen hier nicht blos bei den großen

Festtagen die mannigfachsten Beziehungen ausgedrückt, sondern auch die

Sonntage nach Pfingsten treten mit eigenthümlichen Benennungen hervor.

Der Verfasser hat für den Fall einer zweiten Auflage eine völlige

und zwar praktischere Umgestaltung des ganzen Werkes in Aussicht

gestellt. Unmaßgeblich halten wir dafür, daß es den Ueberblick ungemein

erleichtern würde, wenn der bis jetzt gesammelte Stoff nach den

einzelnen Nationen in besondere Verzeichnisse gebracht, und auf diese

in einem allgemeinen Register in kurzer, aber scharf bezeichnender

Weise zurückgewiesen werden könnte. Je größere Vollkommenheit aber

Potthast dem Werke, welches nunmehr zu seiner Lebensaufgabe geworden

ist, verleihen wird, desto mehr dürfte sich der Wunsch geltend machen,

auch die Geschichtschreiber der morgenländischen Nationen, welche

unmittelbar in die europäische Geschichte eingreifen, einer ähnlichen

Bearbeitung unterworfen zu sehen. Namentlich für die Geschichte

Spaniens, Süditaliens, des byzantinischen Reichs, der Türkei und

Rußlands wird dies früher oder später zur Nothwendigkeit werden, und

wir rechnen es schon jetzt dem Potthast’schen Werke zum Verdienste an,

durch sein musterhaftes Beispiel dieses Bedürfniß vergegenwärtigt und

zur Befriedigung desselben aufgefordert zu haben.

Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (1868) Neue Folge. Fünfzehnter Band. · 第 85 / 150 题