Er redete mit Leonore. „Sie sind Thüringerin?“

„Ja.“

„Aus welchem Ort denn?“

„Kapellendorf bei Weimar.“

„So so. Aus klassischen Landen. Hm. Wieviel Einwohner hat denn dieses

Weimar?“

„Dreißigtausend.“

„So. Ist auch Militär dort?“

„Ja.“

„Husaren?“

„Ich weiß nicht.“

„Leonore,“ flüsterte Nacka Planck, „gehn Sie doch aus sich heraus.“

Aber der Dichter hatte schon genug. Die Baronin Müller redete von der

anderen Seite heftig auf ihn ein. Es kam noch ein Herr. Von dessen

Genie wurde erst das Weltumstürzende erwartet. Er konzentrierte sich

noch.

Auch er redete zuerst mit Leonore, was sie sehr unhöflich fand, da doch

die reifern Damen zunächst zu bedenken waren. Der sich konzentrierende

Herr fragte: „Kommen Sie oft hierher, gnädiges Fräulein?“

„Nein, zum erstenmal.“

„Dann haben Sie noch keinen Kummer gehabt?“

„Wieso denn?“

„Wir gehen hierher, wenn wir Kummer haben.“

„O, hierher?“

„Wir zerstreuen uns. Äußerlich -- und innerlich feiern wir den Kummer.

Wo gehen Sie hin, wenn Sie Kummer haben?“

In den Garten -- in den Wald, wollte Leonore sagen, aber es fiel ihr

ein: hier hatten ja die Leute weder Wald noch Garten.

Nacka mischte sich rettend ein. „Wenn man Kummer hat, Herr Strom, wenn

man Kummer hat und so ganz allein und verlassen sich fühlt -- man

trinkt Sekt, Herr Strom -- oder, was besser ist, man fährt mit dem

~D~-Zug tausend Kilometer. Irgendwo ist ja doch immer jemand, der

uns liebt.“

„Irgendwo ist ja doch immer jemand, der uns liebt,“ wiederholte Herr

Strom. „O, nur wissen wir es oft nicht.“

„Das ist es,“ wiederholte Wredegast. „Wir wissen es oft nicht. Wir

ahnen es nur.“

Es waren alle sehr erschüttert, daß irgendwo Menschen waren, die sie

liebten und sie wußten es nicht. Sie ahnten es nur.

Die Schwefelgelbe nebenan schrie plötzlich auf Wedekindisch: „Ich hab’

meine Tante geschlachtet, meine Tante war alt und schwach.“

„Sie hat einen großen Kummer,“ belehrte Herr Strom -- „sie sucht Lethe.

Da brüllt sie, daß sie ihre Tante geschlachtet hat. Ach, wenn es nur

das wäre, woran wir leiden!“

„Pfui Teufel!“ rief Nacka Planck, „ein so plebejischer Kummer wie ein

Tantenmord -- nein, da gehört man ins Kriminal.“

„Es war vielleicht ein Kindesmord“ -- sagte Herr Strom sanft -- und

sah traurig auf die Schwefelgelbe.

Ein Kindesmord? -- Man vergaß einen Augenblick zu rauchen und zu

trinken. „Ja, sind wir nicht Herren über Leben und Tod!“ fragte Strom.

„Darf der Schöpfer nicht auch Vernichter sein? Ich kann das Werk meines

Geistes, das Primärste, was ich hervorbringen kann, verbrennen. Warum

soll nicht das Sekundäre, das Kind, meiner Gerichtsbarkeit unterstehen?

Erst in dem Augenblick, wo sein Geist oder seine Seele mündig,

produktiv geworden ist, beginnt sein Eigenleben. Bis dorthin ist es

mein Sklave.“

Die Planck schwieg. Die kühnsten Revolutionärinnen, die das Mannsbild

so von Herzen hassen, werden oft sentimentalisch, wenn sie von kleinen

Kindern hören.

Plötzlich fragte Herr Strom souverän nach Nacka Plancks Herkunft. „Sind

Sie Jüdin?“ fragte er.

Nacka Planck schnellte fast in die Höhe. „Jüdin? Griechische Katholikin

bin ich.“

„O,“ sagte Herr Strom mitleidig -- „ich meine nicht die Konfession --

ich meine die Rasse. Sie können so furchtbar traurig aussehen, wie es

eigentlich nur die Möglichkeit der Semiten ist. Es würde mich nicht

wundern. Sie haben eine so merkwürdige Anziehung -- nur Wesensfremde,

Heterogene ziehen sich in dieser Weise an.“

Nacka Planck sagte etwas gereizt, es wäre gewiß sehr amüsant, wenn

jeder diese Nacht seine Familiengeschichte erzählte, aber man müßte

jetzt doch bald nach Hause. Im übrigen, sie sei rein arischer Abkunft.

Worauf Herr Strom sich verabschiedete. Aber Wredegast wollte noch nicht

gehen. Er wiederholte das Wort des Bekannten: Irgendwo liebt uns immer

jemand, und wir wissen es nicht.

Und er erzählte eine Geschichte. Er war in Norwegen gewesen und hatte

acht Nächte nicht geschlafen. Acht Nächte lang hörte er den Sturm

flüstern: komm zu mir. Bis er endlich, wie von einem Dämon getrieben,

nach Berlin zurückreiste, wo er damals studierte. Und da hörte er:

ein junges Mädchen, eine Bildhauerin, die ihn geliebt hatte, der er

Kamerad gewesen war, hatte Gift genommen. Und acht Tage und Nächte

litt sie daran, bis sie endlich tot war. Und ihre Freunde hatten sie

immer flüstern gehört: komm zu mir -- komm zu mir! Komm zu mir, komm

zu mir, sagte sie mit ihrer armen, zerbrochenen Stimme. Und die andern

vergingen vor Kummer, und niemand wußte, wen man rufen sollte. Niemand

wußte es. Und sie konnte den Namen nicht mehr sagen. Niemand konnte ihr

helfen. Und ich hörte acht Tage lang den Wind flüstern, komm zu mir,

komm. Und erst als sie tot war, fanden sie einen Brief an mich. O, ich

kann nicht weiter sprechen, ich darf nicht an den Brief denken, er

zerreißt mir das Herz.

Und Alfred Wredegast wurde bleich -- und Leonore dachte, wie sehr

er leidet. Nebenan brüllte kreischende Musik. Nacka Planck starrte

Wredegast an. Ihr Gesicht war verzogen vor Gram. Sie drückte die Hände

vors Gesicht, ließ sie sinken und sagte mit tiefer Stimme: „Was Sie

uns da erzählen, Herr Wredegast, bewegt mich tief. Ja, es bewegt mich

tief, Herr Wredegast.“ Sie schüttelte sich -- rief in einem Atemzug mit

hellem Ton, mit frohem Gesicht: „Katti Kipferl, zahlen!“

Man ging. Leonore war es ganz wirr im Kopf. Sind es alle Komödianten?

dachte sie.

* * * * *

Am andern Tag bat Iphigenia um Leonores Besuch. Sie sei krank, sie habe

Migräne, sie fürchte sich. Nackchen wäre im Atelier -- Nackchen hätte

ja nie Zeit für sie. Und sie fühle sich erbarmungswürdig. Ob Leonorchen

denn nicht etwas bei ihr bleiben möchte.

Gewiß, Leonorchen wollte bleiben, wenn die Baronin doch so krank war.

Die Baronin legte sich auf einen Diwan und ließ sich mit Decken und

Kissen einbauen.

Dann besann sich Leonore, was es für Mittel gegen Kopfschmerzen gibt,

und zählte sie auf: Riechsalz, Brausepulver, Magentropfen, heiße

Umschläge, Zitronensäure äußerlich und innerlich, ferner Kaffee, ein

stark kohlensaures Getränk, oder aber ein Apothekermittel: Koffein,

Migränin, Antipyrin, Aspirin, Phenazetin, Zitrophen, Morphium.

„O Gott,“ fragte Iphigenia ganz erschüttert, „woher wissen Sie denn so

viele Mittel?“

„Meine Großmutter leidet an Migräne.“

„Ihre arme Großmutter leidet an Migräne? Wie schrecklich. Das kehrt

nämlich sehr oft bei den Enkeln als Geisteskrankheit wieder. Ja,

oder als eine für die betreffende Rasse ungewöhnliche Erhöhung der

psychischen und intellektuellen Kräfte.“

„O,“ sagte Leonore, der der Wahnsinn noch den Beigeschmack des

Genialischen oder mindestens Interessanten hatte -- „wirklich, ist das

so?“

Die Baronin Müller gab eine etwas phantastische physiologische

Erklärung. Immerhin, Leonore bewunderte dieses Wissen und fand es

anziehender als Zärtlichkeiten.

Die Baronin beschäftigte sich aber wieder mit den eigenen Kopfschmerzen

-- wünschte es mit Zitrone zu versuchen, und Leonore wandte das Mittel

an: äußerlich Befeuchtung der Kopf- und Stirnhaut mit Zitronensaft,

innerlich Zitronensaft in Brausepulver. War es nun das Mittel, war’s

der Glaube, bald fühlte sich Iphigenia wohler.

„Was sind Sie für ein liebes Kind, Leonorchen, Nacka hat für solche

Dinge gar kein Verständnis. Sie ist nie krank, außer beim Zahnarzt hat

sie noch nie Schmerzen gehabt, und sie rät immer Spazierengehen gegen

Migräne. Ja, in einem Zustand, wo jeder Schritt eine Qual ist, rät sie

Spazierengehen!“

„Sehr gesunde Menschen verstehen Krankheiten gewöhnlich gar nicht. Sie

haben eine Art Haß dagegen. Haben Sie das noch nicht bemerkt, Iphigenia

-- so ganz gesunde egoistisch-starke Menschen wenden sich immer von

Kranken ab. Kopfschmerzen sind ja nun keine Krankheit. Aber diese

egoistisch Starken fühlen Kranke wie Feinde, oder wie Minderwertige.

Sie gehen sie nichts mehr an.“

Iphigenia dachte nach. Leonore schaute sich so lange in dem

Schlafzimmer um. Es war zugleich Ankleideraum -- und alle Einrichtungen

für eine raffinierte Reinlichkeit standen zur Schau. Ein Waschtisch

mit warmer und kalter Leitung -- der Boden darunter mit Zinkblech

ausgeschlagen -- mit Abflußröhre. Ein Sortiment von Schwämmen,

Frottierlappen, Handtüchern, Bürsten und Seifen, und Toilettewässer wie

ein Regiment Soldaten. Alle Javole und Odole der Welt -- ein Kamm- und

Bürstenlager -- gerade, gebogene, gekrümmte Zahnbürsten, Zungenkratzer

zur Wahl, eine vielteilige Nagelgarnitur -- das alles stand blitzblank

da. O, man konnte beruhigt sein, Iphigenia pflegte ihren Körper --

aber wenn sie jeden Morgen, Mittag und Abend mit sechs Zahnbürsten in

den Mund fuhr, gewiß zerriß sie die Lippen damit.

Iphigenia war mit dem Nachdenken fertig. Sie sagte: „Leonore, Sie sind

sehr klug für Ihre Jugend. Was Sie da von Gesunden und Kranken sagten,

leuchtet mir sehr ein. Kommen Sie doch her zu mir, liebes Kind, setzen

Sie sich zu mir auf die Ottomane. So -- so ist es gut. Geben Sie mir

Ihre Händchen --“

„Es ist eine Hand,“ lachte Leonore. „Nummer 6½. Es ist wirklich eine

Hand.“

„Also die Hand, wenn Ihnen das besser gefällt.“

Plötzlich weinte die Baronin. Weinte und drückte sich an Leonore. „Ich

bin so unglücklich, Leonore, so schrecklich unglücklich.“

„Aber, liebe Iphigenia -- was ist denn? Soll ich Anastasia rufen? Haben

Sie schlechte Nachrichten von dem Baron?“

„O nein -- nichts von beidem. Bleiben Sie -- Kind, gehen Sie nicht

fort. Es ist -- ich fühle, wie Nacka von Tag zu Tag kälter gegen mich

wird -- wie sie meiner überdrüssig wird. Ja, und einmal, da hatte sie

Freundschaft für mich. Und nun -- was hat sie Ihnen gesagt, Leonore,

was hat sie Ihnen gesagt?“

„Ob ich sie heute besuche, hat sie mir gesagt, sonst nichts.“

Die Baronin seufzte: „Es ist also so weit, daß sie gar nicht mehr von

mir spricht. Ich existiere nicht mehr für sie.“

Alles wird Frau von Müller zum Unglück, dachte Leonore, und sie sagte:

„Wir wissen es doch, daß Nacka Sie sehr gern hat -- man sieht es doch

aus Ihrem ganzen Zusammenleben -- aus Ihrer gemeinsamen Lebensführung

-- man fühlt es an dem Behagen, das von Ihrem Heim ausgeht.“

„Wie hübsch Sie das sagen, liebes Kind. Man könnte es fast glauben.

Aber Sie täuschen sich. Ach, es ist nicht mehr wie früher. Hören Sie

-- ich glaube, sie will mich forthaben. Ich langweile sie mit meiner

Eifersucht.“

„Dann würde ich nicht mehr eifersüchtig sein, Iphigenia.“

„Dann würden Sie nicht mehr eifersüchtig sein? O, liebes Kind, waren

Sie jemals eifersüchtig?“

Leonore dachte an den Tierarzt, an den Vetter Paul. War das Eifersucht

gewesen? Wohl nur Enttäuschung. „Ich war ein Kind,“ sagte sie. „Was

weiß ein Kind.“ -- Leonore redete wie ein alter Weiser: „Es gibt gewiß

oft Differenzen zwischen zwei so verschiedenen Naturen, wie Sie und

Anastasia sind. Ist das nicht einfach Naturnotwendigkeit? Sie sind

beide so temperamentvoll -- und das lieben Sie gewiß auch aneinander.

Man hat seine Freunde doch so lieb, wie sie sind.“

„Sie wollen doch wohl nicht sagen, daß man an seinen Freunden auch die

Untreue lieben soll?“

Leonore dachte: Untreue Freunde -- waren das Freunde? Oder ist es

natürlich, daß alles sich ewig wandelt? Sie und Vetter Klemens, als

er sie damals hier mit Dankmar besuchte, hatten sich doch jetzt gar

nichts mehr zu sagen gehabt -- es ist die Zeit, die Entwicklung, die

die Menschen auseinander bringt. Man hat sich nichts mehr zu sagen --

ohne daß die Anteilnahme an dem Geschick des andern sich verlöre. Es

ist besser, man sieht sich nicht wieder -- man kann der Erinnerung

freundlich gesonnen bleiben. -- Und Leonore sagte: „Könnten sich nicht

Beziehungen einfach überleben? Ich meine nicht, Ihre Beziehung zu Nacka

habe sich überlebt -- ich meine es rein akademisch, wie immer Tucher

sagt. Es braucht nicht Untreue zu sein --“

Aber Frau von Müller hörte nicht auf akademische Weisheiten. Sie beugte

ihr gerötetes, zerfahrenes Gesicht zu Leonore herüber und flüsterte:

„Mein Mann liebt die Nacka Planck. Das ist mein Unglück. Ich bin zu

ihr gezogen, um durch den täglichen Umgang ihr ähnlich zu werden.

Aber sie mag ja gar nicht mehr meine Gesellschaft. Sie schließt sich

im Atelier ein, widmet sich ihren Modellen und anderen Menschen. Sie

war ehrlich traurig, daß mein Mann sich so vergaß. Sie bot mir an,

bei ihr zu leben, bis eine Änderung einträte. Aber nun belästigt sie

meine Dankbarkeit und ihre Gastlichkeit. Sie sagt mir in jeder Stunde

des Alleinseins, ich gehöre zu dem Manne, weil ich ihn doch geheiratet

habe. Und weil ich ihn noch liebe.“

Leonore begriff diese Zustände nicht sogleich. „Wie?“ sagte sie, „und

um Nacka Planck ähnlich werden zu können, sind Sie böse, wenn Sie sich

nicht jeden Augenblick allein haben? Deshalb sind Sie auf die Modelle

eifersüchtig?“

„Ja,“ sagte die Baronin stupid. „Was haben Sie denn sonst gedacht?“

Leonore war sich darüber nicht klar. Sie brauchte auch nicht zu

antworten, denn die Tür wurde aufgestoßen -- Nacka Planck kam herein.

Ihr Gesicht drückte Brutalität aus, ihre Haltung Zorn. -- „Also hier --

das ist ja hübsch. Du klagst wohl über mich?“

Die Baronin zitterte. „Nackachen, Liebste, ich war so elend --

Lenorchen hat mich so schön gepflegt.“

„Du bist nicht krank,“ sagte die Planck hart. „Du wirst jetzt mit mir

spazieren gehen. Haben Sie Lust, Leonore, mitzukommen?“

Doch Leonore war froh, entrinnen zu können. Sie sah noch, wie die

Baronin gehorsam aufstand -- ihre Überkleider suchte -- und mit Blicken

auf Nacka sah, wie sie ein geprügelter Hund hat -- und zugleich voll

Neugier. Sie dachte wohl, ob auch diese Pose Nackas den Baron Müller

betören würde? -- --

Leonore ging durch die Stadt. An hastenden, an bierseligen, an

schimpfenden, an fremden Menschen vorbei. Sie aber sah nur das

Festliche an dieser Stadt: die breiten, schön geformten Häuser, die

von Heiterkeit und Genußfähigkeit sprachen, die schönen Bilder und

Geräte an den Schauläden, die weiten Plätze. Sie sah nur die sichere

Vornehmheit dieser Stadt, die von Künstlern erdacht worden ist. Sie

kam durch die Straßen mit den Botschaftspalästen, mit den Häusern von

Malern und Edelleuten. Kam an den Propyläen vorüber, die sie sehr

liebte, und erreichte nach einer Weile das Siegestor. Der weiße Turm

der Ludwigskirche leuchtete in den Vorfrühlingshimmel hinein. Die ganze

Straße war erfüllt von diesem glänzenden, lebensvollen Weiß. O ja, das

war wirklich eine königliche Straße.

Leonore bekam Lust, ins Freie zu gehen. Im Englischen Garten mußte

es um die Zeit des Abends gut sein -- ehe noch die Stadt ihre vielen

Menschen aus der Arbeit entließ, ehe noch der Schutz der Dämmerung alle

Laubnischen mit Gestalten füllte.

Sie ging über die weiten Rasenflächen, die schon frühlingsgrün

waren, ging und stieg den Hügel zu dem Monopteros hinauf. Da war

niemand. Einsam klang Leonores Schritt auf den Steinfliesen, die den

griechischen Tempel umgeben. Sie setzte sich auf die Rundeinfassung --

sah nach der Stadt. Eine weiche, verschleierte Luft zog um die Türme.

Leonore lächelte. Sie wußte nicht warum. Sie seufzte. Sie wußte

nicht warum. Vom Himmel fiel ein leiser Regen. Dieser tändelnde,

zarte, warme Frühlingsregen, der Gras und Knospen und Sehnsucht und

unnennbare Ahnungen wachsen läßt, fiel auf ihre bloßen Hände und auf

ihr Kraushaar, von dem sie die Mütze genommen hatte. Sie saß und dachte

an große Taten und blaue Fernen und Liebesnächte von Pan und Erde. Ganz

wirr war alles in ihr, so glücklich empfing sie den Frühling.

Da war auf einmal Freyer am Monopteros. Er hatte zu Ehren des Frühlings

helle leichte Kleider an, und setzte sich neben Leonore.

Sie mochte ihn gern. Er war von charaktervoller Häßlichkeit -- mager,

brünett, muskulös, ohne alles Kleinliche in seiner Gesamterscheinung.

„Der liebe Gott hat wieder einmal das Paradies erschaffen,“ sagte er,

und er wies deutend mit der Hand auf den grünenden Garten um sie.

„O, das ist es -- darum bin ich so froh,“ antwortete sie, und sie

stand am Rand des Hügels und lächelte -- stand am Rand des Hügels und

lächelte und hob die Hand in tastender Bewegung zu ihrer Stirn. -- „Ich

wußte ja nichts -- ich wußte nie, warum mich der Frühling immer so

glücklich macht,“ sagte sie -- „und nun ist es, weil in jedem Frühling

das Paradies neu geschaffen wird -- oder sind es wir, die es schaffen?

Wir wissen alles lange, lange -- und alles ist neu --“

Der Mann sah das junge Mädchen. Sah sie -- sah ihren Körper voll

Enthusiasmus, voll schwankender, taumelnder, willenloser Entzückung.

Sie war schön. Schön wie der Überschwang. Sie war jung. Jung wie der

Frühling.

Der Mann trat zu ihr. Er redete. Er fragte sie tausend Dinge. Und

schließlich gingen sie zusammen nach Hause.

Alles um sie her glänzte, strahlte von dem Frühlingsregen. Wie von

Silber überrieselt. Wie in Morgenkühle getaucht. Die Tropfen fielen

den an den Büschen Vorüberschreitenden auf die Hände. Sie leuchteten

an den Stämmen herunter. Und Leonore war so froh. Diese zärtlich

verheißungsvolle anregende Frühlingsluft fühlte sie wie ein Jubeln des

Blutes. Wie einen einzigen Rausch.

Und wie ein Rausch redete sie -- sie redete, wie nur der Reine spricht,

der nie von einem Weggefährten etwas Unfeines zu denken fähig ist,

wie nur der Unberührte spricht, der noch nicht weiß, daß Schweigen

die Rettung vor den Menschen ist: „Man sollte zum Frühling beten. Man

sollte singend durch die Wälder ziehen -- O, wissen Sie, wie das ist,

wenn die Osterglocken durch Dämmerung und Stille läuten -- und im

Steinbruch die Palmkatzen ihre Pelze aufsetzen und alles ist so voll

von Unaussprechlichem? Man weiß es ja noch nicht -- und doch war es

schön -- man fühlt es nur -- der Sturm kommt, der Frühlingssturm, der

alles neu macht -- O, wenn ich ein König wäre, ich wollte meinem Volke

Frühlingsfeste schenken -- allen Kindern und allen, die arm sind,

wollte ich das Evangelium vom Frühling sagen -- wollte sie weit fort

von den Städten führen -- in Talgründe, die blau sind von Veilchen, und

wo die Himmelsschlüssel läuten -- Und denen, die alt und müde sind,

wollte ich sagen: wenn einst die Toten erwachen, so werden sie in einem

Frühlingsgarten stehen und alles wird sie mit einem Blumenlächeln

grüßen --“

„Und sollte das immer so bleiben, Leonore? Immer?“

„Ich weiß nicht -- Wenn es immer wäre, könnten sie sich nicht mehr

sehnen. Aber so lange wir auf der Erde sind, sehnen wir uns doch, und

da ist es gut, an Erfüllung zu glauben. Den Sommer -- o, den Sommer

wollen wir auch. Wenn die Felder weiß sind -- und Ungewitter ins Tal

hinunter ziehen -- oder wenn die sturmbange Stille über dem Land liegt

-- ja, vielleicht soll im Himmel auch ein ewiger Sommer sein. Wenn ich

einmal König bin, will ich den Menschen versprechen ...“

So fabelte sie. Und der Mann neben ihr sah sie unverwandt an. Denn

sie war jung. Jung wie der Frühling. Denn sie war schön. Schön wie der

Überschwang. -- --

* * * * *

Ein paar Tage später war Leonore wieder im Englischen Garten. Sie

hatte ein wenig die Zeit vergessen und es dämmerte schon, als sie sich

endlich auf den Heimweg besann. Leonore war zum ersten Male bis zum

Aumeister hinaus gegangen, und nun ergab sich, daß sie den Rückweg

nicht richtig wußte. Sie sah nach der Uhr: in einer Viertelstunde

sollte sie bei Planck-Müller zum Abendbrot sein. Sie mußte sich

also beeilen, denn bestenfalls hatte sie auf dem direkten Weg noch

Dreiviertelstunden zu gehen. Sie lief und lief -- und merkte plötzlich,

daß sie im Kreis herumgegangen war. Da entschloß sie sich, den nächsten

Menschen, der ihr begegnen würde, anzureden und zu fragen. Und so

wandte sie sich an den Nächstbesten, der des Weges kam.

Es war ein Herr in mittlern Jahren, der ihr freundlich Bescheid gab und

sagte, er habe denselben Weg, sie möchte nur mit ihm kommen. Sie war

ein wenig ratlos, dachte aber: sobald ich wieder in einer mir genau

bekannten Gegend bin, schlage ich einen andern Weg ein.

Der Fremde plauderte Alltägliches: daß er München noch nicht näher

kenne, daß es aber als lustige Stadt bekannt sei, und so weiter.

Leonore antwortete kaum; sie fühlte ein gewisses Unbehagen und wußte

nicht, woher es kam. Auch schien ihr der Weg, den man ging, durchaus

nicht der Stadt zuzuführen.

„Sie wissen wohl selbst den Weg nicht, da Sie hier fremd sind. Ich

danke Ihnen, ich werde mich jetzt zurecht finden.“

In diesem Augenblick fühlte sie sich von hinten gepackt -- umschlossen,

und sie fühlte den bärtigen Mund des Fremden auf ihrem Gesicht. „Süßes

Mädel -- ich führ’ dich auch zum Soupieren.“

Mit aller Kraft, deren sie fähig war, stieß sie den Fremden weg. Sie

rief, so laut sie konnte, um Hilfe. Da rannte der Fremde davon. Denn an

der Wegbiegung tauchten einige Personen auf. Die nahmen sich Leonores

an.

Von Ekel geschüttelt kam sie nach Hause. Sie hatte nur den Gedanken

und Wunsch: sich zu waschen. Frau Bendler sagte, schon zweimal sei

Nacka Planck oben gewesen, nach ihr zu fragen. Man wäre unten schon

bei Tisch. Da kam Nacka Planck noch einmal. Sie war nicht Leonores

Vertraute -- Leonore schämte sich, ihr das häßliche Erlebnis zu

erzählen. So ging sie wirklich noch mit hinunter.

Das Eßzimmer war durch eine Glaswand von einem Vorraum getrennt. Und

da sah Leonore die Versammlung -- sah neben Iphigenia von Müller den

Mann, der sie vor einer Stunde geküßt hatte.

„Wer ist dieser Mensch, Nacka?“

„Iphigenias Mann -- er kam heute mittag hierher.“

Kapellendorf · 第 18 / 43 题