Ihr Verwandter

Klemens Steingruben.

~P. S.~ Ich sorge dafür, daß weder die Großeltern noch die

verehrte Cousine von dieser undiskutierbaren Affäre erfahren.“

Diese Zuschrift bekam Leonore zu lesen. „Sehr gewandt hast du dich

ausgedrückt, Klemens.“

„Ja, nun müssen wir eben abwarten.“

Was sie von dem Onkel erwarteten, ahnten sie nicht recht. Jedenfalls

aber eine Tat. Über seine erste verloren sie kein Wort. Nur war es

ausgemacht, bis die Erwiderung des Onkels eintraf, mußte man dafür

sorgen, daß kein Gerücht ins Haus kam. Frau Zeine schwor, die einzige

Mitwisserin „seiner Milda“ zu sein -- und „seine Milda farchte den

Vater wie das Feier“.

Leonore wich und wankte nicht aus dem Zimmer. Sie hatte eine alte

Nähdecke hervorgezogen. Gut, da saß Leonore und nähte. Die Großmutter,

Charlottchen, die Cousine, sie durfte man als geborgen vor gräßlichen

Mitteilungen erachten. Der Großvater ging wohl einmal in den Wald;

aber da war keine Sorge. Dem Oberförster nahte sich keine Zeine, keine

Milda, kein Ungefragter. Klemens besorgte den Außendienst, den er sehr

wichtig nahm, obwohl man nicht recht klar wußte, worin er bestand. Wenn

um fünf Uhr nachmittags Leonore zur Posthilfsstelle ging, die Sachen

abzuholen, fand er sich ein und wich und wankte nicht.

Es war ja schlimm, aber Opfer mußten gebracht werden. Leonore und

Klemens konnten nicht mehr des Abends in das Mauergärtlein und von

herrlichen Zukünften reden. Dafür ging jetzt Dankmar zur Zeit der

Dämmerung mit der Cousine Clemence ins Freie. Wunderlich blieb es, daß

er seine Freunde nie fragte, warum sie nicht mitkämen.

Tage voll der äußersten Spannung vergingen. Leonore befand sich zu

jeder Poststunde im Posthause bei dem ehemaligen „Freund“ Arno Heyne

und wartete der Dinge, die dem Postsack entsteigen sollten.

Indessen kam nie ein Brief, der den Verwandten die Achtung vor dem

Onkel wiedergab, sondern eines Sommertages ging Milda Wolgezogen,

umgeben von Linda und Lydia, geführt von Herrn Wolgezogen über die Flur

hin nach Kötschau -- nach Groß-Schwabhausen.

„Sie macht nach Leipzig in eine feine Stelle. Der Herr Onkel hat sie

ihr verschafft. Achtzig Dahler -- joe, da muß ma zugreifen, sprech’

ich,“ sagte Herr Wolgezogen.

Milda schwieg und sah an Leonore vorüber.

Eine solche Lösung war in jedem Sinne unbefriedigend. Leonore dachte

an ein zweites Schreiben. Doch fand Klemens, bei aller Humanität könne

man Milda nicht gänzlich freisprechen. Immerhin, sozusagen, wäre es

Milda möglich gewesen, dieser Sache zu entgehen. Selbstverständlich --

den Onkel würde man nur mehr Sie nennen und Herr Warren, und überhaupt

aus seiner Mißachtung kein Hehl machen. Hoffentlich aber sah man ihn in

diesem Erdendasein nicht wieder.

Wenn die Tragödie der Milda Wolgezogen einen in jedem Sinn

unbefriedigenden Ausgang genommen hatte, so traten jetzt in

Kapellendorf Zustände ein, welche die Lust an Tragödien gänzlich

zu befriedigen imstande waren. Es erschien eines Tages ein Mann

namens Demetrius Schrutz, ein man konnte sagen in jeder Beziehung

wohlgebildeter Mann, der das Kätchen von Heilbronn für die moderne

Bühne bearbeitet hatte und auf vielen Bänden als Verfasser stand.

Wenn Leonore und ihre Freunde vielleicht geglaubt hatten, daß Verfasser

von so viel Büchern herrlich und in Freuden lebten, so entriß sie

Demetrius Schrutz diesem Wahne. Denn Demetrius Schrutz hatte eine

Gefolgschaft von sehr ärmlichen Personen und gedachte mit diesen in

Kapellendorf ohne Rücksicht auf den nahen Wettbewerb der Weimarer

Hofbühne ein Sommertheater zu errichten. Demetrius besaß auch eine

schöne Frau und ein kleines Kind. Diese waren, wie er selbst, mit

Geschmack, ja mit Genie gekleidet, und wenn Demetrius nur Stücke für

zwei Personen aufgeführt hätte, würde Herrliches zu erwarten gewesen

sein. Indessen -- auch die ärmliche Gefolgschaft tat mit. Sie bestand

aus einer sentimentalischen Liebhaberin für verzweifelte Fälle, welche

taub war und die rührenden Augen der Tauben hatte. Ein verwitterter

junger Liebhaber war bereit, Marquis, Grafen, Hausbesitzer, Lebemänner

und Intriganten darzustellen, ein jugendlicher Held übte sich

einstweilen im Ausfahren des Demetriusschen Kindes. Der Komiker der

Truppe hatte sechzig Jahre hindurch Zeit gehabt, den Humor des Lebens

auszukosten, und litt an der Gicht. Es gab noch ein Wesen mit einem

bleichen Kartoffelgesicht, das man stets häkelnd sah, und endlich

fehlte nicht die „Anstandsdame und das Fach der Mütter,“ Frau Margarete

Wachenhusen, geborene Freiin von Blumauer, Enkelin eines Grafen aus

altfranzösischem Geschlecht, ja aus dem königlichen Blut der Valois

oder Bourbonen, genau wußte sie es nicht mehr.

Sie war es, die der Stimme ihrer Herkunft folgend, in Kapellendorf das

+Schloß+ aufgesucht hatte. Das heißt, Waldhüters im Erdgeschoß

vermieteten einen melancholischen Raum an diese darstellende

Künstlerin, die mit wenig Gepäck und großer Beredsamkeit eingezogen war.

Die geborene Freiin von Blumauer, durch Mesalliance zu einer Frau

Wachenhusen geworden, hatte zwischen Treppe und Türangel der Frau

Oberförster Wolfferstorff einen Antrittsbesuch abgestattet, ihre

Lebensgeschichte erzählt und um ein wenig altes Leinen gebeten, zur

Vervollkommnung ihres Kostüms als Grillparzers Ahnfrau. Zugleich bot

sie drei Sperrsitze an, und ehe Frau Wolfferstorff noch Einsprüche

erheben konnte oder nur eine Ansicht äußern, war die geborene von

Blumauer nebst der Leinwand unter Zurücklassung von drei fettigen

Pappstückchen verschwunden.

Im Wohnzimmer wurde beredet. War nicht die Ahnfrau ein klassisches

Stück? War nicht ihre Darstellerin eine geborene Freiin von Blumauer?

Sah man etwa täglich den Adel für die Öffentlichkeit Theater spielen?

Nein, wenn Charlottchen schon Schaubühnen dieser Art nicht liebte,

Leonore und Klemens konnten ja dies eine Mal hin. Der lieben Enkelin

Clemence dürfte man natürlich die dritte Pappkarte nicht anbieten?

Aber Fräulein Clemence wollte nichts außer acht lassen, was sie in der

deutschen Sprache vervollkommnen konnte. Damit die Großeltern aber doch

auch etwas von dem Genuß hätten, lief Leonore in die Bibliothek und

holte den Band Grillparzer mit der Ahnfrau, um sie vorzulesen.

Dann ging man endlich ins Theater. In der zur Zeit noch leeren Scheuer

des obern Gasthauses hatten unter der Direktion von Demetrius der

Komiker, welcher seit sechzig Jahren den Humor des Lebens studierte,

der zu allem brauchbare Jüngling, der verwitterte Liebhaber und ein

Zimmermann aus dem Ort die Bühne errichtet. Mehrere Petroleumlampen

verbreiteten einen gar übeln Geruch, so daß es vorläufig draußen an der

Kasse, die unter einem blühenden Lindenbaum stand, ein angenehmerer

Aufenthalt war.

Der Graf Kurtzen bot der schönen Clemence den Arm. Er sagte einen Satz,

den er sicher irgendwo gelesen hatte: „Zwar ist diese Anhöhe mit dem

Lindenbaum und der Scheuer nicht der heilige Hügel von Baireuth, aber

Ihre Anwesenheit, mein allergnädigstes Fräulein, erhebt ihn über alle

Gralsburgen.“

Dies sagte der achtzehnjährige, pausbackige Graf Dankmar ungefähr so,

wie Kinder reden, wenn sie Erwachsene spielen. Die Cousine Clemence

aber errötete, und als nun das Zeichen zum Anfang gegeben wurde,

schritt sie voll Würde an Kurtzens Arm in den Saal.

Da stand eine Reihe von Holzstühlen, dicht vor den Petroleumlampen

der Rampe, das waren die Sperrsitze, und wer sich darauf befand,

brauchte nur zwei Schritte zu machen, dann war er mitten unter den

Schauspielern. Leonore und Klemens unterhielten sich zunächst damit,

daß sie sich umwandten und auf die Ränge hinter sich sahen. Da waren

die Frau Lehrer, die Frau Gutsverwalter usw., und im Dämmer des Saales

verschwindend die Freundinnen und Freunde Leonores aus der Schule; auch

einige Burschen und Männer.

Nun setzte die Ouvertüre ein. Das heißt, der Jüngling, der zu allem

brauchbar war, saß zur Seite der Bühne auf einer großen Theaterkiste

und blies auf einer Okarina grell und schwermütig das Lied an den

Abendstern. Niemand von den Zuhörern wußte das recht zu würdigen. Wenn

man auf der in ~A-dur~ gestimmten Okarina ein Stück in einer

andern Tonart spielen muß, so gehört dazu ein Raffinement. Es ist

eine Leistung, die nur wenige schätzen können. Als das Lied an den

Abendstern aus war, erfolgte eine lange Pause. Es galt nun, zu warten,

ob nicht noch jemand käme. Und wirklich, das Warten wurde belohnt.

Der Tierarzt aus Weimar, dem es nicht darauf ankam, durch eine Nacht

heimwärts zu wandeln, wollte sich nach einer an einer Kuh vollzogenen

Operation noch dem Erhabenen hingeben und nahm einen Sperrsitz ein, den

Platz neben Leonore.

Sogleich ertönte eine neue Ouvertüre. Da ein Herr gekommen war, der

lustig aussah, spielte der junge Mann munter und vergnügt Lützows

wilde, verwegene Jagd. Der Tierarzt bezog die Ovation sogleich auf

sich. Und beim zweiten Vers sang er herzhaft in einem wohlgeschulten

Männergesangsbariton den Text mit.

Leonore mußte wider Willen lachen, und der wohlbekannte Tierarzt

meinte, eigentlich müßten die Leute draußen um den Baum spielen, die

Preziosa zum Beispiel und dazu Okarina blasen. Ob Fräulein Leonore das

gefiele? Ja, dann konnte man es sich mal leisten. Wie? Ja gewiß, wenn

Fräulein Leonore nur wolle.

Leonore erschrak vor den Anträgen des Tierarztes. Was würden die Damen

zu Hause sagen, wenn sie den Tierarzt zu solchen Exzessen veranlaßte?

Demetrius fürchtete unterdessen, der Herr auf dem Sperrsitz möchte

der Kunst Thaliens noch weiter Konkurrenz durch die Kunst des Gesanges

machen, und da es nun schon eine halbe Stunde über der festgesetzten

Zeit war, ging der Vorhang auf. Leonore fand nicht sogleich

Zusammenhänge zwischen dem gelesenen und dem dargestellten Stück. Doch

war im weitern Verlauf des Abends noch einige Ähnlichkeit zu finden. Es

schien dann alles sehr rührend, obzwar die Taube mit den schmerzlichen

Augen einen Räuber vorstellen mußte und das Auftreten der geborenen von

Blumauer sehr kurz war.

In den Pausen ging man um den Lindenbaum, der Tierarzt folgte Kurtzens

Beispiel und bot Leonore den Arm. Sie dachte: muß ich schon ein

Frauenzimmer vorstellen, so will ich es auch richtig machen; und

der Tierarzt staunte über die verwegene Konversation, die Fräulein

Wolfferstorff hervorbrachte.

Sie erzählte ihm von der gebotenen Freiin von Blumauer, daß diese ein

Bastard von Orleans sei, wie sie sagte, daß Demetrius Schrutz ein Genie

wäre, das nur zum Vergnügen mit einer so elenden Truppe zöge.

Der erschrockene Tierarzt kaute noch an dem Bastard von Orleans. Er

wußte nicht, daß Leonore darunter das Ergebnis einer Mesalliance

verstand. Doch nach und nach begann er zu ahnen, daß Leonore ihn nicht

in unaussprechbare Dinge hatte einweihen wollen.

Als die Vorstellung aus war, bat er den Direktor heraus.

Jaromir-Demetrius sah freundlich auf den wohlgekleideten Gönner. „Mein

Herr,“ sagte der Tierarzt, „Ihr Spiel entzückt uns. Daß Graf Kurtzen

getreu der Tradition seines hohen Hauses ein eifriger Beschützer der

freien Künste ist, dürfte Ihnen bekannt sein. (Demetrius verbeugte sich

vor dem errötenden Dankmar). Miß Warren, der vorgestellt zu werden

Sie hiermit die Ehre haben, wünscht ein Stück deutscher Romantik zu

sehen. Fräulein Wolfferstorff fände es sehr hübsch, wenn das im Freien

dargestellt würde. Die Preziosa verstehen Sie. Also, wenn es Ihnen

gefällig ist, kommen Sie in die Schenke zu einer Flasche Wein nachher

-- ich begleite nur erst die Damen heim, dann besprechen wir das

Geschäftliche.“

Wohl, Demetrius würde in die Schenke kommen. Das weimarsche Land hielt

seine Tradition, es war den Künsten ein Gönner.

Leonore besann sich ängstlich, wie sie den Doktor Zorn, den Tierarzt,

von diesem Aufsehen erregenden Plan abbringen konnte. Aber die Cousine

Clemence kam ihr zuvor: „Es ist ein charmanter Plan, Herr Doktor,“

sagte sie eifrig. „Ich freue mich sehr, sehr.“ Leonore wunderte sich;

sie hatte gar nicht gewußt, daß die beiden einander kannten.

Der Tierarzt bot Clemence den Arm, nun hatte Leonore ihre beiden

Freunde wieder.

Kurtzen fragte: „Du, Leonore, hast du auch dem Tierarzt gesagt, daß er

deiner Cousine den Hof machen soll?“

„Aber Dankmar -- einem Fremden! Ich bitte dich. Du gehörst doch zu uns,

und wir kennen einander. Der Tierarzt ist aber erwachsen, der tut es

von selbst.“

„Es ist nicht schicklich, ohne weiteres einer Dame den Arm zu bieten.

Der Bursche nimmt sich Frechheiten heraus,“ sagte Graf Kurtzen.

„Aber du hast es doch auch getan, Dankmar?“

„Das ist etwas ganz anderes -- ich bin mit euch allen befreundet.“ --

Am andern Tag erschien der Tierarzt im Schloß. In ~full dress~

erschien der Tierarzt, im schönsten ~five o’clook tea~-Rock --

man mußte unwillkürlich in Modeworten denken, wenn man ihn so ansah.

Der Tierarzt erfüllte das Zimmer mit Lustigkeit und Lachen. Auch roch

er nach Chypre. Und Clemence wurde angesteckt von der Heiterkeit des

Tierarztes. Sie roch nach ~White rose~. Dieser Zusammenklang von

Düften erweckte in Leonore ein unbestimmtes Mißtrauen.

„Ich hoffe, das gnädige Fräulein unterstützt meine Bitte,“ sagte der

Tierarzt und machte zu Leonores Ergötzen im Sitzen nach vier Seiten

hin kleine Verbeugungen. „Es ist, wir wollen durch die hiesigen

Schauspieler die Preziosa von Pius Alexander Wolff mit der Musik

von Karl Maria von Weber aufführen lassen. Ich habe schon alles

geordnet. Nun wäre meine Bitte: Kein geeigneterer Platz dürfte sich

finden, als unten der Schloßhof. Die Bäume, die alten Mauern, alles

ist vortrefflich geeignet. Wir würden wegen der Feuersgefahr von

Pechfackeln absehen. Wir würden --“

Die Anwesenden hörten noch vieles. Alles war schon fertig bedacht.

Der Oberförster hatte noch kein Wort sagen können, da stand schon

die bisher so stille und scheue Clemence neben ihm und legte ihre

Lilienhand auf seinen Rockärmel. „Bitte, bitte, nicht nein sagen,

Großpapachen?“

Leonore mißfiel diese Schelmerei aus Modejournalen. Doch der Großvater

war von solchen Tönen, welche die schöne Enkelin noch nie angeschlagen

hatte, ganz verblüfft. „Macht dir denn das so viel Spaß, Kind?“

Hierauf erwiderte Clemence: „Du hast es erlaubt, Großpapachen. Du bist

der netteste Großpapa von der Welt.“

Gut -- also die Preziosa würde im Schloßhof aufgeführt werden. Auch das

würde ja mit der Zeit und Gottes Hülfe einmal überstanden sein, sagte

der Großvater, der kein Freund von in Flitter gekleideter Armut war. --

Leonore mußte annehmen, die Cousine verstand wirklich die deutsche

Sprache nicht so genau oder ihre Kunstbegeisterung war so groß: denn

die bisher so gemessene Clemence redete jetzt unablässig davon, daß

der Tierarzt ein reizender Mensch sei. Jeden Abend kam so sicher wie

der Tageswechsel der reizende Mensch, rannte in ~full dress~ mit

Clemence im Schloßhof umher, roch nach Chypre, lachte, zog Drähte von

Baum zu Baum, schleppte Steine in die Mitte und plauderte unablässig

mit Clemence.

Leonore hatte ein unklares Mißfallen an der Art der beiden. Zugleich

aber war es doch eine große Lockung, auch bei den Vorbereitungen zu

helfen. Nur Dankmar Kurtzen beteiligte sich nicht. An ihn kamen jetzt

immer geheimnisvolle Sendungen, mit denen er sich ganze Abende lang

einschloß.

Mittags benutzte Margarete Wachenhusen, geborene von Blumauer, die

Drähte zu einem schrecklichen Zweck: sie trocknete an ihnen die

gelblichen Leinwandfetzen, mit denen sie ihr krankes Bein verband.

Nun endlich -- die Preziosa kam in den Schloßhof, die Großeltern

bewunderten die Kostüme, die Frau Wachenhusen aus bei ihnen gesammelten

Kleidern entworfen hatte, die Großeltern bewunderten die Lichter und

das Geschrei und die einsame Okarina.

Die geladenen Honoratioren waren bemüht, das Gratisvergnügen schön zu

finden, und Leonore beschloß, der sentimentalischen Tauben, die, weil

Frau Demetrius die Preziosa spielte, einen Zigeuner darstellen mußte,

demnächst ein anonymes Geschenk zu machen.

Der Tierarzt wich keinen Augenblick von Clemences Seite. Graf Kurtzen

schien über alles, was um ihn vorging, erbittert zu sein.

Als die Schauspieler fort waren, trank man unten noch ein Glas

Waldmeisterwein. Leonore fühlte sich sehr angeregt und wähnte, mit

Rittern und Edelfrauen in alten, unnennbaren Tagen auf einem Schloß der

Normandie des Lebens Feste zu feiern. Man trennte sich nur schwer, als

endlich der letzte Lampion erlosch.

Dieser Tag würde allen noch lange in Erinnerung bleiben, sagte der

Pfarrer zu Oberförsters, denn er war ein wohlerzogener Mann und wußte,

was sich schickt.

Doch die Preziosa kam um ihre Erinnerung. Denn am Tage nach der

Aufführung starb der alte Einwaldt, Leonores pantheistischer Freund.

Sie war von Herzen traurig darüber und ging in den Wald, holte

Immergrün, flocht einen Kranz daraus und dachte an die Vergänglichkeit

des Lebens.

Dann kam der Sohn aus Berlin und brachte einen Freund mit, der am Grabe

des alten Mannes von der Sterblichkeit des Einzelnen und der Ewigkeit

des Gesamten redete.

Das war eine große Sensation in Kapellendorf, niemand hatte ja geahnt,

daß der alte Einwaldt so schauderhaft schändlich von dem Menschen

dachte: sie wären wie Blätter am Baume, die herunter fielen und dann

hin seien.

Leonore war in ihrem Konfirmationskleid auf den Kirchhof gegangen, an

der Seite des Großvaters. Die Totenrede gefiel ihr nicht -- sie war

so klar wie ein Rechenexempel, so trostlos wie eine Rechenaufgabe.

Was hat es denn Sinn, jemand zu sagen, daß zweimal zwei vier ist? Was

nutzt es, zu hören, daß ein alter Einwaldt nimmermehr unsterblich sein

sollte? Auch den Sohn schien das nicht zu erbauen, er stand ganz müde

und armselig im blendenden Sonnenlicht. Freilich, man hat auch noch nie

gesehen, daß pfarrerliche Grabreden jemand glücklich stimmten.

Leonore ging mit dem Großvater wieder hinaus. Da trat ein Schuster, den

Neugier und Teilnahme hergelockt hatten, auf den Oberförster zu. Er

sagte: „Der war ein Addeist. Was hat er nun dadervon?“

Der Großvater fühlte sich nicht verantwortlich. Er erwiderte ruhig:

„Gott schenke seiner Seele Frieden,“ und ging an dem Schuster vorbei.

Am weitern Nachmittag wußte Leonore nichts Rechtes anzufangen.

Klemens war still, er ehrte ihre Freundschaft für den Toten. Er kam

am Abend nicht auf das Mauergärtlein. Dort saß Leonore allein: sie

dachte, niemand hat um den alten Einwaldt geweint, und dabei kamen ihr

unversehens die Tränen.

Und wie sie so weinte, sah sie plötzlich drüben auf der Mauer um den

Normannenturm Dankmar Kurtzen hin- und hergehen. Er machte wunderliche

Gesten, und man hörte unverständliche Worte von ihm kommen. Dankmar

würde doch nicht ein Schauspieler werden wollen? -- --

* * * * *

O nein -- es konnte nicht wahr sein. Clemence, die Herrliche, Zarte,

sie, die um den Normannenturm gewandelt war und sich nach Altengland

sehnte -- sie, die Beatrice, Laura, Julia war, Unerreichbares in

einem Wort: Nein -- nein -- aber Leonore hatte es gesehen, gedruckt,

unwiderleglich:

„Meine Verlobung mit Miß Clemence Warren, Tochter des Großhändlers Mr.

Humphrey Warren in London und seiner verstorbenen Gemahlin Klementine

geb. Wolfferstorff aus Kapellendorf, beehre ich mich anzuzeigen.

~Dr.~ Robert Zorn,

Großherzogl. sächs. Gestütsdirektor in Allstedt.“

Der Tierarzt küßte die herbe Clemence. Sie küßte den Tierarzt. Ja, kam

man unversehens ins Zimmer, so saß sie auf seinem Schoß. Und nächste

Woche würde sie nach London reisen und bald sollte dort die Hochzeit

sein.

Klemens sagte: „Du meintest wohl, ein Prinz sollte kommen? Er ist

Doktor der Philosophie. Er ist ein Gentleman. Er ist Gestütsdirektor

in Allstedt. Wie furchtbar hübsch, wir kommen hin, um die Remonten

zuzureiten. Fein, sage ich dir.“

Leonore schwieg. Den ganzen Tag redete sie nicht.

Und dann, am nächsten Morgen, stand Dankmar Kurtzen vor ihr. Und die

Tränen liefen über Dankmars runde Wangen. „Adieu, liebe Leonore, ich

werde dich nie vergessen,“ sagte er.

„Aber Dankmar, du solltest doch bis zum Herbst bleiben. Was ist denn

nur?“

„Ich gehe nach Hohenheim -- ich habe eine plötzliche Nachricht“ --

„Aber weshalb denn? Dankmar, so sprich doch -- du darfst doch nicht weg

von uns.“

Dankmar stand schon an dem Tor, das zu den Pappeln hinausführte und

zu der Landstraße. Er beugte sich zu Leonore herunter. „Niemand soll

es wissen als du -- mir ist es gegangen wie jenem Kaspar Mühlfund --

sie hat mich geküßt, und nun heiratet sie den Tierarzt. Adieu, liebe

Leonore, ich werde dich nie vergessen.“

Und da war er fort, der gute Kamerad. Fort war er und trug sein

achtzehnjähriges Herzeleid in die Welt.

Von Dankmar Graf Kurtzen war nichts mehr da als die Erinnerung und acht

Flaschen Bartwuchsmittel. Die hob Klemens pietätvoll auf, obwohl sie

nicht geholfen hatten, den Tierarzt mit seinem Kaiserbart auszustechen.

Es flog ein Lindenblatt in die Lüfte. Ein Bleistift von grüner Farbe

wurde zerbrochen. Von der, die den Dankmar betrogen hatte, trug man

kein Memento mehr im Tabernakel. Ja, ein Lindenblatt flog in die Lüfte.

Ein Bleistift von grüner Farbe wurde zerbrochen ...

* * * * *

War nicht alles wie einst? Die Kinder saßen wieder auf dem

Mauergärtlein, wie ehe Dankmar, ehe Clemence kam, ehe Demetrius

Tragödien aufgeführt hatte. Nur der alte Einwaldt war tot. Aber muß man

eigentlich mit fünfzehn Jahren schon so viel an Tod und Unsterblichkeit

denken? Es gab doch Zukünfte in blauen Fernen. Lachende, lockende

Geschehnisse gab es da.

Aber als Klemens und Leonore die alten Zeiten wieder lebendig machen

wollten und von Erobererzügen durch grüne Täler redeten, fanden sie, es

ging nicht mehr recht, sie waren schon zu alt und weise geworden.

Da erzählte Klemens, wenn seine landwirtschaftliche Ausbildung sich in

Hohenheim vollendet habe, wolle er nach Posen gehen und dort neues Land

bebauen. Ja, in zwanzig Jahren konnte er ein großer Gutsbesitzer sein.

Auch Leonore wußte etwas, wahrer als grüne Jägergeschichten. Sie

wollte als Schwester vom Roten Kreuz nach Afrika und dort Matrosen und

Schwarze pflegen. Und dann -- einst -- auch in zwanzig Jahren, wollte

sie Klemens besuchen, und sie würden in seiner Jagdstube sitzen und

draußen ging der Novembersturm. Und denn erzählte Leonore, wie sie in

heißen Nächten dort unten am Äquator gesessen habe, in einer Baracke

voll kranker Männer, fern von der Heimat, fern -- fern -- Und hinter

der Stille der Nacht hörte man die Meeresbrandung, hörte man das Heulen

der Schakale.

Sie waren beide sehr gerührt von diesem Wiedersehen nach zwanzig Jahren.

Klemens mußte jetzt den ganzen Tag draußen bei der Ernte sein; den

Grafen Kurtzen vermißte man doch jetzt sehr bei der Aufsicht.

Leonore war viel allein. Nun ging sie oft zu dem Heidenhügel hinter

dem Dorf. Ein hoher Erdwall war es, mit alten Buchen bestanden. Und

sie dachte manchmal an den Kaspar Mühlfund, der hier draußen Glück

und Unglück gehabt hatte. O, sie begriff nun so viel. Die schönen

Frauen aus diesem Hause, Mutter und Tochter, hatten ihre junge Liebe

betrogen. Was Dankmar noch so lustig gelesen, war ihm eigenes Erleben

geworden. Und Leonore lag auf den Heidengräbern und sah über die weiten

Kornfelder, die sich dehnten im Sonnenbrand.

* * * * *

An den Mauern rötete sich der wilde Wein; die Grillen hatten aufgehört

zu zirpen, im Garten blühten Astern, und der Wind, der über die

Hochebene ging, hatte etwas sonderbar Lockendes, Schmerzliches. Da war

es, daß Klemens und Leonore stumm und bedrückt miteinander im Garten

standen, und mit ängstlichen Augen auf die bunten Blumen sahen -- und

daß ihnen keine Abenteuer mehr einfielen und keine Erobererhistorien.

Sie sprachen nichts miteinander, und verlangten doch nacheinander.

Sie gingen wortlos, und jedes erwartete vom andern ein Wort. Das kam

nicht. Nur der Wind kam zu ihnen und erzählte ihnen von fernen Ländern

und von weiten Geschehnissen, und sie dachten beide, wir sind ja

Ausgeschlossene, ausgeschlossen von Freude und Hoffnung.

Die Gemeindeschwester ging über den Hof. Die Kinder wechselten einen

Blick. Sie konnten nicht sprechen.

Droben in seiner Stube lag der Großvater auf dem Bett. Er war im Wald

gefallen. Darüber hatte er erst gelacht, es sei ja nichts gebrochen,

sagte er. Aber ein paar Tage später konnte er morgens nicht mehr

aufstehen. Da wäre eine innere Verletzung, fand der Arzt. Und nun lag

der Großvater und redete nichts mehr als: lasset mich allein. Die

Großmutter saß neben seinem Bett und schwieg. Und Tante Charlotte ging

mit tränenlosen Augen umher, und manchmal stand der Arzt bei ihr auf

dem Korridor und sagte: „Liebes Fräulein Charlotte“ zu ihr, oder: „Sie

müssen die Tapfere sein.“ Der Großvater redete nichts. Wußte er, daß er

sterben mußte? Er sagte kein Wort. Aber hinter seinem müden Gesicht lag

eine Trauer, die den Kindern das Herz zerriß.

Ja, das war oben in der stillen Stube, und die Kinder waren im Garten

bei den Blumen.

Da bückte sich Leonore und pflückte die schönsten von den roten Astern.

Sie sagte: „Ich will sie dem Großvater bringen.“ Und Klemens merkte,

daß sie Tränen in den Augen hatte.

Der Junge sah starr vor sich hin. Er wollte doch ein Mann sein. Aber

er und die Freundin waren dem Menschentum noch näher, als sie Mann und

Weib nahe waren. Der Junge preßte heraus: „Nun muß er fort von seinem

Wald, er hat ihn so sehr geliebt. Ich will ihm Eichenreiser holen.“

Leonore meinte, auch sie müsse tapfer sein, sie müsse zeigen, daß auch

die Traurigkeit und die Furcht nicht Macht hatten, sie zu bezwingen.

„Geh,“ sagte sie, „ich will bei der Großmutter bleiben.“

Und sie überwand eine rätselhafte und grauenvolle Scheu und ging hinein

in das Zimmer, das so still, so unnennbar still war. Sie überwand die

Scheu und lächelte und gab dem Großvater die Astern und gab auch eine

davon der Großmutter in die bleichen, mühsamen Hände.

„Die blühen noch,“ sagte der Großvater. Das klang Leonore, als hieße

es: die Blumen blühen noch und ich bin bald tot.

Sie biß sich ganz tief in die Lippen, daß sie einen scharfen Schmerz

spürte, dann sagte sie: „Der Garten ist jetzt so schön. Wenn du

wieder heraus kommst, Großvater, wirst du dich freuen. Alles steht

voll Sonnenblumen, und die Anna sagt immer: meine Sonnenrosen sind

die schönsten. Weil sie sie begossen hat, sagt sie, +meine+

Sonnenrosen.“

Leonore stockte einen Augenblick, dann redete sie weiter: „Vorgestern

haben wir die Kassiopeia durch den Turm gesehen. Nachmittags um drei

Uhr. Das ist doch wunderlich, noch nie ist es uns geglückt, als

vorgestern. Das kommt wohl, weil jetzt die Sonne nicht mehr so nah und

mächtig wirkt als im Sommer? Die Anna wollte es aber gar nicht glauben,

sie sagte: da hat höchstens der Herr Klemens oben am Turm einen Lampion

aufgehängt. So dumm ist die Anna. In der Schule hat sie wohl etwas von

mathematischer Geographie gelernt, aber das glaubt sie nicht. Sie

sagt, das wäre nur ausgedacht, daß die Kinder was zu lernen hätten.“

„Es ist wohl schon lang her, daß die Anna zur Schule ging,“ sagte der

Großvater und lächelte ein klein wenig.

Der alte Mann, der wußte, daß er bald sterben mußte, lächelte ein

klein wenig, weil das junge Mädchen, in dessen Augen die Angst lag,

ihm zeigen wollte: da war keine Angst, da war nichts, was man fürchten

müsse.

„Gestern ist die Anna vom Markt gekommen und war ganz verstört. Alles

war teurer, schrie sie und tanzte dabei vor Aufregung in der Küche

umher: Alles wird teurer, fünf Pfennig hab ich mehr für das Pfund

Fleisch müßt geben -- die Menschen, sprech’ch, die Menschen kenn’ sich

nicht mehr lang behaupten, was nicht ein Geschäfte hat, das kann bald

betteln. Und Krieg gibt es -- ja, das hat mir ein sehr anständiger

Mann, der mich unterwegs gefragt hat, ob er mich begleiten derfte,

erzählt. Und drunten in Bayern hat man Menschen erschlagen, und

Soldaten sind verhungert. Aber wie sie nun mitten im Klagen war, ist

ihr eingefallen, daß sie die Karpfen aus dem Teich so teuer verkauft

hat. Und da fing sie auf einmal an, Freudensprünge zu machen, und

erzählte von dem Fischhändler. Der hätte ein Bassin, das wäre eine

Sehenswürdigkeit. Großartig. Da schwämmen die Fische wie in einem See

-- Karpfen und Forellen und Hechte, so stattlich wie Mannsleute. Da

bin ich weggelaufen. Ich denke mir oft, wie es wohl in so einer Anna

aussieht. Die weiß keine Zusammenhänge, obwohl sie denkt. Die nimmt

lauter Bilder auf, und was sie erfassen kann, prägt sich fest -- aber

dann kommt es wie Schrecken und Entsetzen über sie, wenn sie daran

erinnert wird. Was ist das eigentlich für eine Fähigkeit, die uns die

Zusammenhänge erkennen läßt, Großvater?“

„Weil wir den Ursachen der Geschehnisse nachgehen können, und weil wir

so viel gelernt haben, daß wir an dem Bleibenden des Lebens und an der

Erfahrung die Dinge messen, vergleichen und bewerten können, ist uns

das Einzelereignis begreiflich und weniger belangvoll.“

Leonore dachte nach. Dann sagte sie: „So viel Furcht haben diese

Menschen in sich. In ihnen spuken noch die alten Märchen und alte

Geschichten von Krieg und Teuerung. Sie wissen gar nicht, daß man sich

sein Schicksal machen kann.“

„Ja, woher weißt denn du das, kleine Leonore?“

„Ich meine, man muß es nur wollen.“

„Hat dir das jemand gesagt?“

Kapellendorf · 第 9 / 43 题