EINES Nachts sprach und sang ich in einer Art Ekstase. Einer der
Bediensteten des Hauses holte mich in meiner Zelle und ließ mich in ein
Parterrezimmer hinuntergehen, wo er mich einschloß. Ich setzte meinen Traum
fort und obwohl ich aufrecht stand, glaubte ich mich in einer Art
orientalischen Kiosks eingeschlossen. Ich untersuchte alle Winkel und
erkannte, daß er achteckig war. Ein Diwan beherrschte die ganzen Wände;
diese schienen mir aus dickem Spiegelglas geformt, jenseits deren ich
Schätze, Schals und Stickereien glänzen sah. Eine vom Mond erhellte
Landschaft erschien mir durch das Türgitter und ich glaubte die Formen von
Baumstümpfen und Felsen zu erkennen. Ich hatte dort schon in irgendeiner
andern Existenz geweilt und glaubte die tiefen Grotten von Ellorah zu
erkennen. Nach und nach drang bläuliches Tageslicht in den Kiosk und ließ
bizarre Bilder zutage treten. Ich glaubte mich nun mitten in einem
ungeheuren Fleischhaufen zu befinden, wo die Weltgeschichte in blutigen
Zügen niedergeschrieben war. Der Körper einer riesenhaften Frau war mir
gegenüber gemalt, nur waren ihre verschiedenen Teile wie von einem Säbel
zerschnitten. Andre Frauen verschiedener Rassen, deren Körper nacheinander
vorherrschten, stellten auf den andern Mauern eine blutigen Wirrwarr von
Gliedern und Köpfen dar, von den Kaiserinnen und Königinnen bis herab zur
bescheidenen Bäuerin. Das war die Geschichte aller Verbrechen und es
genügte, die Augen auf diesen oder jenen Punkt zu heften, um dort einen
tragischen Vorgang sich abspielen zu sehen. -- Das ist es nun, sagte ich
mir, was die den Menschen verliehene Gewalt hervorgebracht hat. Sie haben
den ewigen Typus der Schönheit nach und nach so gut zerstört und in tausend
Stücke geschnitten, daß die Rassen immer mehr an Kraft und Vollkommenheit
verlieren. Und ich sah wirklich auf einer Schattenlinie, die sich durch
eine der Spalten der Tür einschlich, die absteigenden Generationen der
Zukunftsrassen.
Endlich wurde ich dieser düstern Betrachtung entrissen. Das gute und
mitfühlende Gesicht meines vortrefflichen Arztes gab mich der Welt des
Lebendigen zurück. Er ließ mich einem Schauspiel beiwohnen, das mich
lebhaft interessierte. Unter den Kranken befand sich ein junger Mann, ein
alter Soldat aus Afrika, der sich seit sechs Wochen weigerte Nahrung
aufzunehmen. Vermittels eines langen Kautschukschlauchs, den man in ein
Nasenloch einführte, ließ man ihm eine genügende Menge Gries und Schokolade
in den Magen rinnen.
Dieses Schauspiel machte mir lebhaften Eindruck. Bis dahin war ich dem
einförmigen Kreislauf meiner Erregungen und meiner moralischen Leiden
überlassen gewesen, da begegnete mir ein unbeschreibliches, schweigsames
und geduldiges Wesen, das wie eine Sphynx an den äußersten Toren des Lebens
saß. Ich fing an, es wegen seines Unglücks und seiner Verlassenheit zu
lieben, und ich fühlte mich durch diese Zuneigung und dieses Mitleid
gehoben. Es schien mir so zwischen das Leben und den Tod gestellt wie ein
erhabener Dolmetscher, wie ein Beichtvater, der dazu bestimmt ist jene
Geheimnisse der Seele zu hören, die das Wort nicht zu übermitteln wagte
noch vermöchte. Es war das Ohr Gottes ohne die Beimischung des Gedankens
eines andern. Ich verbrachte ganze Stunden damit, mich im Geist zu prüfen,
wobei ich mein Haupt auf das seine neigte und ihn bei der Hand hielt. Es
kam mir vor als vereinte ein gewisser Magnetismus unsre beiden Geister und
ich war entzückt, als zum erstenmal ein Wort aus seinem Mund kam. Man
wollte nichts davon glauben und ich schrieb meinem glühenden Wunsch diesen
Beginn der Heilung zu. In dieser Nacht hatte ich einen köstlichen Traum,
den ersten seit recht langer Zeit.
Ich war in einem Turm, der so tief in der Erde steckte und so hoch in den
Himmel ragte, daß mein ganzes Leben mit Hinauf- und Hinabsteigen ausgefüllt
schien. Schon waren meine Kräfte erschöpft und der Mut begann mich zu
verlassen, als sich eine Seitentür öffnet. Ein Geist tritt hervor und sagt
zu mir: »Komm, Bruder! . . . .« Ich weiß nicht, wie es mir in den Sinn kam,
daß er Saturnin hieß. Er hatte die Züge des armen Kranken, aber verklärt
und wissend. Wir waren auf einem sternerhellten Felde; wir blieben stehen
und betrachteten das himmlische Schauspiel und der Geist legte seine Hand
auf meine Stirn, wie ich es am Abend vorher gemacht hatte, als ich meinen
Gefährten zu magnetisieren versuchte; sogleich fing einer der Sterne des
Himmels zu wachsen an, und die Gottheit meiner Träume erschien mir lächelnd
in einem fast indischen Gewand, so wie ich sie früher gesehen hatte. Sie
schritt zwischen uns beiden und die Wiesen ergrünten, die Blüten und
Blätter erhoben sich von der Erde auf der Spur ihrer Schritte . . . . Sie
sprach zu mir: »Die Prüfung, der du unterworfen warst, ist zu Ende; diese
zahllosen Stufen, bei deren Erklimmen und Hinabsteigen du dich ermüdetest,
waren die Bande der alten Einbildungen selbst, die deine Gedanken
verwirrten und jetzt erinnere dich des Tags, wo du die heilige Jungfrau
angefleht hast und da du sie tot glaubtest, sich das Delirium deines
Geistes bemächtigt hat. Es war nötig, daß ihr dein Wunsch von einer
einfachen von der Erde losgelösten Seele überbracht wurde. Diese hat sich
in deiner Nähe gefunden und darum ist es mir selbst erlaubt zu kommen und
dir Mut zuzusprechen.« Die Freude, die dieser Traum in meinem Geist
verbreitete, verschaffte mir ein köstliches Erwachen. Der Tag begann
anzubrechen. Ich wollte ein greifbares Zeichen der Erscheinung haben, die
mich getröstet hatte und ich schrieb diese Worte auf die Mauer: »Du hast
mich in dieser Nacht besucht.« Ich verzeichne hier unter dem Titel