ZUERST stellte ich mir vor, daß die in diesem Garten versammelten Personen
alle irgend einen Einfluß auf die Gestirne hätten, und daß der, welcher
sich unaufhörlich in demselben Kreise drehte, dadurch den Gang der Sonne
regulierte. Ein Greis, den man zu gewissen Tageszeiten herführte und der
Knoten machte, wenn er seine Taschenuhr konsultierte, schien mir damit
betraut zu sein, den Gang der Stunden festzustellen. Mir selbst schrieb ich
einen Einfluß auf den Lauf des Mondes zu und ich glaubte, dieses Gestirn
habe einen Blitzstrahl des Allmächtigen empfangen, der auf sein Antlitz die
Maske geprägt habe, die ich bemerkt hatte.
Ich legte den Unterhaltungen der Wärter und denen meiner Genossen einen
mystischen Sinn unter. Sie schienen mir die Repräsentanten aller Rassen der
Erde zu sein und ich glaubte, daß wir dazu da seien, die Bahnen der
Gestirne aufs neue festzusetzen und dem System eine größere Entwicklung zu
geben. Meiner Meinung nach hatte sich ein Irrtum bei der
Hauptzusammenstellung der Zahlen eingeschlichen, und davon leitete ich alle
Übel der Menschheit ab. Ich glaubte noch, daß die himmlischen Geister
menschliche Formen angenommen hätten und dieser Generalversammlung
beiwohnten, obwohl sie von gemeinen Sorgen eingenommen schienen. Meine
Rolle schien mir zu sein, die Harmonie des Weltalls durch kabbalistische
Kunst wiederherzustellen und eine Lösung zu suchen, indem ich die okkulten
Kräfte der verschiedenen Religionen heraufbeschwor. Außer der Wandelbahn
hatten wir noch einen Saal, dessen senkrecht vergitterte Fenster ins Grüne
hinausgingen. Wenn ich hinter diesen Scheiben die Linie der äußern
Baulichkeiten ansah, gewahrte ich, wie sich die Fassade und die Fenster in
tausend mit Arabesken geschmückte Pavillons zerteilten; darüber erhoben
sich Ausschnitte und Spitzen, die mir die kaiserlichen Kioske, die den
Bosporus umgeben, ins Gedächtnis riefen. Das führte natürlich meinen Geist
zur Beschäftigung mit dem Orient. Gegen zwei Uhr brachte man mich ins Bad
und ich glaubte mich von den Walküren, den Töchtern Odins bedient, die mich
zur Unsterblichkeit erheben wollten, indem sie nach und nach meinen Körper
von allem Unreinen befreiten.
Abends ging ich heiter im Mondschein spazieren, und wenn ich meine Augen zu
den Bäumen erhob, schienen sich die Blätter eigenartig zu rollen, so daß
sie Bilder von Kavalieren und Damen bildeten, die von aufgeputzten Pferden
getragen wurden. Das waren für mich die triumphierenden Gestalten der
Ahnen. Dieser Gedanke leitete mich zu dem andern, daß eine ausgedehnte
Verschwörung unter allen Lebewesen bestand, um die Welt in ihrer ersten
Harmonie wieder herzustellen, daß die Verbindungen durch den Magnetismus
der Gestirne stattfanden, daß eine ununterbrochene Kette die mit jener
allgemeinen Verbindung beschäftigten Intelligenzen rings um die Erde
verband und daß die magnetisierten Gesänge, Tänze und Blicke nach und nach
dasselbe Streben übertrugen. Der Mond war für mich der Zufluchtsort der
verbrüderten Seelen, die von ihren sterblichen Körpern befreit freier an
der Wieederherstellung des Weltalls arbeiteten.
Für mich schien die Zeit eines jeden Tages schon um zwei Stunden zugenommen
zu haben, so daß ich, wenn ich zu den durch die Uhren des Hauses
festgesetzten Stunden aufstand, mich nur im Reich der Schatten bewegte. Die
Genossen, die mich umgaben, schienen mir eingeschlafen und dem Anblick des
Tartarus zu gleichen bis zur Stunde, wo für mich die Sonne aufging. Dann
begrüßte ich dieses Gestirn durch ein Gebet und mein wirkliches Leben
begann.
Von dem Augenblick an, wo ich mich soweit vergewissert hatte, daß ich den
Prüfungen der heiligen Einweihung unterworfen war, empfing mein Geist eine
unbezwingliche Kraft. Ich hielt mich für einen Helden, der unter dem Blick
der Götter lebt; alles in der Natur gewann ein neues Ansehen und geheime
Stimmen kamen aus der Pflanze, dem Baum, den Tieren, den geringsten
Insekten, um mich zu benachrichtigen und zu ermutigen. Die Sprache meiner
Gefährten hatte geheimnisvolle Wendungen, deren Sinn ich verstand,
Gegenstände ohne Form und ohne Leben fügten sich von selbst den
Berechnungen meines Geistes ein; -- aus der Zusammenstellung von
Kieselsteinen, den Figuren von Winkeln, Spalten und Öffnungen, den
Schnittlinien von Blättern, aus Farben, Düften und Tönen sah ich bis dahin
unbekannte Harmonien hervorgehen. »Wie«, sagte ich mir, »habe ich nur so
lange außerhalb der Natur bestehen können und ohne mich mit ihr zu
identifizieren? Alles lebt, alles handelt, alles steht in Beziehung; die
magnetischen Strahlen, die von mir oder von andern ausgehen, überschreiten
ohne Hindernis die unendliche Kette der geschaffenen Dinge; ein
durchsichtiges Netz bedeckt die Welt, dessen gelockerte Fäden sich von Ort
zu Ort den Planeten und den Sternen mitteilen. Ich bin für den Augenblick
an die Erde gefesselt und unterhalte mich mit dem Chor der Gestirne, die an
meinen Freuden und Schmerzen teilnehmen!«
Sofort zitterte ich, wenn ich bedachte, daß selbst dieses Mysterium
belauert werden könnte. -- »Wenn die Elektrizität,« sagte ich mir, »die der
Magnetismus der physischen Körper ist, einer Leitung unterworfen sein kann,
die ihr Gesetze auferlegt, so können noch viel mehr die feindlichen und
tyrannischen Geister die Intelligenzen unterjochen und sich ihrer geteilten
Kräfte zum Zweck der Herrschaft bedienen. So sind die alten Götter besiegt
und durch die neuen Götter geknechtet worden. So«, sagte ich mir weiter
indem ich meine Erinnerungen an die alte Welt zu Rate zog, »haben die
Nekromanten ganze Völker beherrscht, deren unter ihrem ewigen Zepter
gefesselte Geschlechter einander folgten. O Unglück! Selbst der Tod kann
sie nicht befreien, denn wir leben wieder in unsern Söhnen, wie wir in
unsern Vätern gelebt haben, -- und die unerbittliche Wissenschaft unsrer
Feinde weiß uns überall zu erkennen. Die Stunde unsrer Geburt, der Punkt
der Erde an dem wir erscheinen, die erste Bewegung, der Name, das Zimmer,
-- und all jene Weihen und all jene Gebräuche, die man uns auferlegt, alles
das stellt eine glückliche oder verhängnisvolle Reihenfolge dar, von der
die ganze Zukunft abhängt. Aber wenn das schon nach menschlicher Berechnung
fürchterlich ist, verstehe man was das sein muß, wenn es an die
geheimnisvollen Formeln anknüpft, auf denen die Ordnung der Welten beruht!
Man hat richtig gesagt: Nichts ist gleichgültig, nichts ist ohnmächtig im
Weltall; ein Atom kann alles auflösen, ein Atom kann alles retten!
O Entsetzen! Das ist der ewige Unterschied zwischen Gut und Böse! Ist meine
Seele das unzerstörbare Molekül, die Blase, die ein bißchen Luft aufbläht,
aber die ihren Platz in der Natur wiederfindet, oder die Leere selbst, ein
Bild des Nichts, das in der Unendlichkeit verschwindet? Wäre sie ferner das
unglückselige Teilchen, das bestimmt ist unter all seinen Verwandlungen der
Rache der mächtigen Wesen zu unterliegen? So sah ich mich dahin gebracht,
von mir Rechenschaft für mein Leben und selbst für meine früheren
Existenzen zu fordern. Indem ich mir bewies, daß ich gut sei, bewies ich
mir, daß ich es stets gewesen sein müsse. Und wenn ich schlecht gewesen
bin, sollte da nicht mein gegenwärtiges Leben eine genügende Sühne sein?
Dieser Gedanke beruhigte mich, aber nahm mir nicht die Angst, für immer
unter die Unglücklichen eingereiht zu werden. Ich fühlte mich in kaltes
Wasser getaucht, und ein noch kälteres Wasser rieselte über meine Stirn.
Ich lenkte meinen Gedanken wieder zur ewigen Isis, zur Mutter und heiligen
Gattin. All mein Streben, all meine Gebete vereinigten sich in diesem
zauberhaften Namen, ich fühlte mich in ihr wieder aufleben und bisweilen
erschien sie mir unter der Gestalt der antiken Venus, bald auch unter den
Zügen der christlichen Jungfrau. Die Nacht brachte mir diese geliebte
Erscheinung deutlicher und trotzdem sagte ich mir: Was kann sie, die
besiegt und vielleicht unterdrückt ist, für ihre armen Kinder tun? Die
bleiche und zerrissene Mondsichel wurde jeden Abend schmäler und würde bald
verschwinden; vielleicht sollten wir sie nicht am Himmel wiedersehen!
Indessen schien es mir, als sei dieses Gestirn die Zuflucht aller meiner
Schwesterseelen und ich sah es von klagenden Schatten bewohnt, die bestimmt
waren, dereinst auf der Erde wiedergeboren zu werden . . . . Mein Zimmer
ist am äußersten Ende eines Ganges, der auf der einen Seite von den
Verrückten bewohnt ist, auf der andern von den Bediensteten des Hauses. Es
hat allein den Vorteil eines Fensters, das auf der Hofseite durchgebrochen
ist; der Hof ist mit Bäumen bepflanzt und dient tagsüber als Spazierplatz.
Meine Blicke heften sich mit Vergnügen auf einen buschigen Nußbaum und auf
zwei chinesische Maulbeerbäume. Darüber gewahrt man undeutlich zwischen den
grün bemalten Gittern eine ziemlich belebte Straße. Gegen Sonnenuntergang
erweitert sich der Horizont; es ist wie ein Dorf mit Fenstern, die mit Grün
bekleidet oder mit Vogelkäfigen oder Lumpen zum Trocknen behängt sind, und
wo man von Zeit zu Zeit das Profil einer jungen oder alten Hausfrau oder
irgendeinen rosigen Kinderkopf hervorlugen sieht. Man schreit, singt,
bricht in Lachen aus; es ist froh oder traurig zum Anhören, je nach den
Stunden und den Eindrücken.
Ich habe hier alle Trümmer meiner verschiedenen Vermögen gefunden, die
verworrenen Reste mehrerer verstreuten oder seit zwanzig Jahren
wiederverkauften Mobiliare. Es ist eine Trödlerstube wie die des Doktor
Faust. Ein antiker dreifüßiger Tisch mit Adlerköpfen, eine von einer
geflügelten Sphynx gehaltene Konsole, eine Kommode aus dem siebzehnten
Jahrhundert, eine Bibliothek des achtzehnten, ein Bett aus derselben Zeit,
dessen ovaler Himmel, den man aber nicht aufrichten kann, mit blauen und
roten Stoffen bekleidet ist; ein bäurisches Gestell, auf dem meist ziemlich
stark beschädigte Fayencen und Gegenstände aus Sèvresporzellan stehen; eine
aus Konstantinopel mitgebrachte Wasserpfeife, einen großen Becher aus
Alabaster, ein Kristallgefäß; Wandfüllungen aus Holz, die vom Abbruch eines
alten Hauses herrührten, das ich auf dem Louvreplatz bewohnt hatte und die
mit mythologischen Malereien von der Hand heute berühmter Freunde bedeckt
waren; zwei große Gemälde im Geschmacke Prudhons, die die Musen der
Geschichte und der Schauspielkunst darstellten. Mehrere Tage lang hat es
mir Spaß gemacht, all das zu ordnen und in der engen Mansarde eine bizarre
Zusammenstellung zu schaffen, die etwas vom Palast und etwas von der Hütte
hat und einen ziemlich guten Auszug meines unsteten Lebens gibt. Über
meinem Bett habe ich meine arabischen Kleider aufgehängt, meine zwei
sorgsam ausgebesserten Kaschmirschals, eine Pilgerflasche, einen ungeheuren
Plan von Kairo; eine Konsole aus Bambus steht zu Kopfende meines Bettes und
trägt eine indische Lackplatte, auf der ich meine Toilettegegenstände
ordnen kann. Ich habe mit Freude diese bescheidenen Reste meiner
abwechselnd im Wohlleben und im Elend verbrachten Jahre wiedergefunden, an
die sich alle Erinnerungen meines Lebens knüpften. Man hatte nur ein
kleines Gemälde auf Kupfer im Geschmack Correggios auf die Seite gelegt,
das Venus und Amor darstellte, Wandspiegel mit Jägerinnen und Satyrn und
einen Pfeil, den ich zum Andenken an die Gesellschaften beim Valoisbogen
aufbewahrt hatte; die Waffen waren nach den neuen Gesetzen verkauft worden.
Im ganzen fand ich alles wieder, was ich zuletzt besessen hatte. Meine
Bücher bildeten eine bizarre Anhäufung der Wissenschaft aller Zeiten,
Geschichte, Reisen, Religion, Kabbala, Astrologie; sie hätten den Schatten
Picos de la Mirandola, des weisen Meursius und Nikolas' de Cusa Freude
gemacht, -- der Turm zu Babel in zweihundert Bänden; -- alles das hatte man
mir gelassen! Es war genug, um einen Weisen närrisch zu machen; hoffentlich
auch genug, um einen Narren weise zu machen!
Mit welchem Entzücken habe ich in meinen Schubladen den Haufen meiner
Aufzeichnungen und intimen und öffentlichen, alltäglichen und glänzenden
Briefwechsel ordnen können; sie waren gewöhnlich oder bedeutend, wie es der
Zufall der Begegnungen oder der entfernten Länder, die ich bereist habe,
mit sich brachte. In Rollen, die besser verwahrt sind als die andern, finde
ich arabische Briefe, Reliquien aus Kairo und Stambul wieder.
O Glück! O tödliche Traurigkeit! Diese vergilbten Buchstaben, diese
verwischten Entwürfe, diese halbzerknitterten Briefe, das ist der Schatz
meiner einzigen Liebe. Lesen wir sie wieder! Viele Briefe fehlen, viele
andere sind zerrissen oder unleserlich gemacht! -- -- --