VI.

ZUERST stellte ich mir vor, daß die in diesem Garten versammelten Personen

alle irgend einen Einfluß auf die Gestirne hätten, und daß der, welcher

sich unaufhörlich in demselben Kreise drehte, dadurch den Gang der Sonne

regulierte. Ein Greis, den man zu gewissen Tageszeiten herführte und der

Knoten machte, wenn er seine Taschenuhr konsultierte, schien mir damit

betraut zu sein, den Gang der Stunden festzustellen. Mir selbst schrieb ich

einen Einfluß auf den Lauf des Mondes zu und ich glaubte, dieses Gestirn

habe einen Blitzstrahl des Allmächtigen empfangen, der auf sein Antlitz die

Maske geprägt habe, die ich bemerkt hatte.

Ich legte den Unterhaltungen der Wärter und denen meiner Genossen einen

mystischen Sinn unter. Sie schienen mir die Repräsentanten aller Rassen der

Erde zu sein und ich glaubte, daß wir dazu da seien, die Bahnen der

Gestirne aufs neue festzusetzen und dem System eine größere Entwicklung zu

geben. Meiner Meinung nach hatte sich ein Irrtum bei der

Hauptzusammenstellung der Zahlen eingeschlichen, und davon leitete ich alle

Übel der Menschheit ab. Ich glaubte noch, daß die himmlischen Geister

menschliche Formen angenommen hätten und dieser Generalversammlung

beiwohnten, obwohl sie von gemeinen Sorgen eingenommen schienen. Meine

Rolle schien mir zu sein, die Harmonie des Weltalls durch kabbalistische

Kunst wiederherzustellen und eine Lösung zu suchen, indem ich die okkulten

Kräfte der verschiedenen Religionen heraufbeschwor. Außer der Wandelbahn

hatten wir noch einen Saal, dessen senkrecht vergitterte Fenster ins Grüne

hinausgingen. Wenn ich hinter diesen Scheiben die Linie der äußern

Baulichkeiten ansah, gewahrte ich, wie sich die Fassade und die Fenster in

tausend mit Arabesken geschmückte Pavillons zerteilten; darüber erhoben

sich Ausschnitte und Spitzen, die mir die kaiserlichen Kioske, die den

Bosporus umgeben, ins Gedächtnis riefen. Das führte natürlich meinen Geist

zur Beschäftigung mit dem Orient. Gegen zwei Uhr brachte man mich ins Bad

und ich glaubte mich von den Walküren, den Töchtern Odins bedient, die mich

zur Unsterblichkeit erheben wollten, indem sie nach und nach meinen Körper

von allem Unreinen befreiten.

Abends ging ich heiter im Mondschein spazieren, und wenn ich meine Augen zu

den Bäumen erhob, schienen sich die Blätter eigenartig zu rollen, so daß

sie Bilder von Kavalieren und Damen bildeten, die von aufgeputzten Pferden

getragen wurden. Das waren für mich die triumphierenden Gestalten der

Ahnen. Dieser Gedanke leitete mich zu dem andern, daß eine ausgedehnte

Verschwörung unter allen Lebewesen bestand, um die Welt in ihrer ersten

Harmonie wieder herzustellen, daß die Verbindungen durch den Magnetismus

der Gestirne stattfanden, daß eine ununterbrochene Kette die mit jener

allgemeinen Verbindung beschäftigten Intelligenzen rings um die Erde

verband und daß die magnetisierten Gesänge, Tänze und Blicke nach und nach

dasselbe Streben übertrugen. Der Mond war für mich der Zufluchtsort der

verbrüderten Seelen, die von ihren sterblichen Körpern befreit freier an

der Wieederherstellung des Weltalls arbeiteten.

Für mich schien die Zeit eines jeden Tages schon um zwei Stunden zugenommen

zu haben, so daß ich, wenn ich zu den durch die Uhren des Hauses

festgesetzten Stunden aufstand, mich nur im Reich der Schatten bewegte. Die

Genossen, die mich umgaben, schienen mir eingeschlafen und dem Anblick des

Tartarus zu gleichen bis zur Stunde, wo für mich die Sonne aufging. Dann

begrüßte ich dieses Gestirn durch ein Gebet und mein wirkliches Leben

begann.

Von dem Augenblick an, wo ich mich soweit vergewissert hatte, daß ich den

Prüfungen der heiligen Einweihung unterworfen war, empfing mein Geist eine

unbezwingliche Kraft. Ich hielt mich für einen Helden, der unter dem Blick

der Götter lebt; alles in der Natur gewann ein neues Ansehen und geheime

Stimmen kamen aus der Pflanze, dem Baum, den Tieren, den geringsten

Insekten, um mich zu benachrichtigen und zu ermutigen. Die Sprache meiner

Gefährten hatte geheimnisvolle Wendungen, deren Sinn ich verstand,

Gegenstände ohne Form und ohne Leben fügten sich von selbst den

Berechnungen meines Geistes ein; -- aus der Zusammenstellung von

Kieselsteinen, den Figuren von Winkeln, Spalten und Öffnungen, den

Schnittlinien von Blättern, aus Farben, Düften und Tönen sah ich bis dahin

unbekannte Harmonien hervorgehen. »Wie«, sagte ich mir, »habe ich nur so

lange außerhalb der Natur bestehen können und ohne mich mit ihr zu

identifizieren? Alles lebt, alles handelt, alles steht in Beziehung; die

magnetischen Strahlen, die von mir oder von andern ausgehen, überschreiten

ohne Hindernis die unendliche Kette der geschaffenen Dinge; ein

durchsichtiges Netz bedeckt die Welt, dessen gelockerte Fäden sich von Ort

zu Ort den Planeten und den Sternen mitteilen. Ich bin für den Augenblick

an die Erde gefesselt und unterhalte mich mit dem Chor der Gestirne, die an

meinen Freuden und Schmerzen teilnehmen!«

Sofort zitterte ich, wenn ich bedachte, daß selbst dieses Mysterium

belauert werden könnte. -- »Wenn die Elektrizität,« sagte ich mir, »die der

Magnetismus der physischen Körper ist, einer Leitung unterworfen sein kann,

die ihr Gesetze auferlegt, so können noch viel mehr die feindlichen und

tyrannischen Geister die Intelligenzen unterjochen und sich ihrer geteilten

Kräfte zum Zweck der Herrschaft bedienen. So sind die alten Götter besiegt

und durch die neuen Götter geknechtet worden. So«, sagte ich mir weiter

indem ich meine Erinnerungen an die alte Welt zu Rate zog, »haben die

Nekromanten ganze Völker beherrscht, deren unter ihrem ewigen Zepter

gefesselte Geschlechter einander folgten. O Unglück! Selbst der Tod kann

sie nicht befreien, denn wir leben wieder in unsern Söhnen, wie wir in

unsern Vätern gelebt haben, -- und die unerbittliche Wissenschaft unsrer

Feinde weiß uns überall zu erkennen. Die Stunde unsrer Geburt, der Punkt

der Erde an dem wir erscheinen, die erste Bewegung, der Name, das Zimmer,

-- und all jene Weihen und all jene Gebräuche, die man uns auferlegt, alles

das stellt eine glückliche oder verhängnisvolle Reihenfolge dar, von der

die ganze Zukunft abhängt. Aber wenn das schon nach menschlicher Berechnung

fürchterlich ist, verstehe man was das sein muß, wenn es an die

geheimnisvollen Formeln anknüpft, auf denen die Ordnung der Welten beruht!

Man hat richtig gesagt: Nichts ist gleichgültig, nichts ist ohnmächtig im

Weltall; ein Atom kann alles auflösen, ein Atom kann alles retten!

O Entsetzen! Das ist der ewige Unterschied zwischen Gut und Böse! Ist meine

Seele das unzerstörbare Molekül, die Blase, die ein bißchen Luft aufbläht,

aber die ihren Platz in der Natur wiederfindet, oder die Leere selbst, ein

Bild des Nichts, das in der Unendlichkeit verschwindet? Wäre sie ferner das

unglückselige Teilchen, das bestimmt ist unter all seinen Verwandlungen der

Rache der mächtigen Wesen zu unterliegen? So sah ich mich dahin gebracht,

von mir Rechenschaft für mein Leben und selbst für meine früheren

Existenzen zu fordern. Indem ich mir bewies, daß ich gut sei, bewies ich

mir, daß ich es stets gewesen sein müsse. Und wenn ich schlecht gewesen

bin, sollte da nicht mein gegenwärtiges Leben eine genügende Sühne sein?

Dieser Gedanke beruhigte mich, aber nahm mir nicht die Angst, für immer

unter die Unglücklichen eingereiht zu werden. Ich fühlte mich in kaltes

Wasser getaucht, und ein noch kälteres Wasser rieselte über meine Stirn.

Ich lenkte meinen Gedanken wieder zur ewigen Isis, zur Mutter und heiligen

Gattin. All mein Streben, all meine Gebete vereinigten sich in diesem

zauberhaften Namen, ich fühlte mich in ihr wieder aufleben und bisweilen

erschien sie mir unter der Gestalt der antiken Venus, bald auch unter den

Zügen der christlichen Jungfrau. Die Nacht brachte mir diese geliebte

Erscheinung deutlicher und trotzdem sagte ich mir: Was kann sie, die

besiegt und vielleicht unterdrückt ist, für ihre armen Kinder tun? Die

bleiche und zerrissene Mondsichel wurde jeden Abend schmäler und würde bald

verschwinden; vielleicht sollten wir sie nicht am Himmel wiedersehen!

Indessen schien es mir, als sei dieses Gestirn die Zuflucht aller meiner

Schwesterseelen und ich sah es von klagenden Schatten bewohnt, die bestimmt

waren, dereinst auf der Erde wiedergeboren zu werden . . . . Mein Zimmer

ist am äußersten Ende eines Ganges, der auf der einen Seite von den

Verrückten bewohnt ist, auf der andern von den Bediensteten des Hauses. Es

hat allein den Vorteil eines Fensters, das auf der Hofseite durchgebrochen

ist; der Hof ist mit Bäumen bepflanzt und dient tagsüber als Spazierplatz.

Meine Blicke heften sich mit Vergnügen auf einen buschigen Nußbaum und auf

zwei chinesische Maulbeerbäume. Darüber gewahrt man undeutlich zwischen den

grün bemalten Gittern eine ziemlich belebte Straße. Gegen Sonnenuntergang

erweitert sich der Horizont; es ist wie ein Dorf mit Fenstern, die mit Grün

bekleidet oder mit Vogelkäfigen oder Lumpen zum Trocknen behängt sind, und

wo man von Zeit zu Zeit das Profil einer jungen oder alten Hausfrau oder

irgendeinen rosigen Kinderkopf hervorlugen sieht. Man schreit, singt,

bricht in Lachen aus; es ist froh oder traurig zum Anhören, je nach den

Stunden und den Eindrücken.

Ich habe hier alle Trümmer meiner verschiedenen Vermögen gefunden, die

verworrenen Reste mehrerer verstreuten oder seit zwanzig Jahren

wiederverkauften Mobiliare. Es ist eine Trödlerstube wie die des Doktor

Faust. Ein antiker dreifüßiger Tisch mit Adlerköpfen, eine von einer

geflügelten Sphynx gehaltene Konsole, eine Kommode aus dem siebzehnten

Jahrhundert, eine Bibliothek des achtzehnten, ein Bett aus derselben Zeit,

dessen ovaler Himmel, den man aber nicht aufrichten kann, mit blauen und

roten Stoffen bekleidet ist; ein bäurisches Gestell, auf dem meist ziemlich

stark beschädigte Fayencen und Gegenstände aus Sèvresporzellan stehen; eine

aus Konstantinopel mitgebrachte Wasserpfeife, einen großen Becher aus

Alabaster, ein Kristallgefäß; Wandfüllungen aus Holz, die vom Abbruch eines

alten Hauses herrührten, das ich auf dem Louvreplatz bewohnt hatte und die

mit mythologischen Malereien von der Hand heute berühmter Freunde bedeckt

waren; zwei große Gemälde im Geschmacke Prudhons, die die Musen der

Geschichte und der Schauspielkunst darstellten. Mehrere Tage lang hat es

mir Spaß gemacht, all das zu ordnen und in der engen Mansarde eine bizarre

Zusammenstellung zu schaffen, die etwas vom Palast und etwas von der Hütte

hat und einen ziemlich guten Auszug meines unsteten Lebens gibt. Über

meinem Bett habe ich meine arabischen Kleider aufgehängt, meine zwei

sorgsam ausgebesserten Kaschmirschals, eine Pilgerflasche, einen ungeheuren

Plan von Kairo; eine Konsole aus Bambus steht zu Kopfende meines Bettes und

trägt eine indische Lackplatte, auf der ich meine Toilettegegenstände

ordnen kann. Ich habe mit Freude diese bescheidenen Reste meiner

abwechselnd im Wohlleben und im Elend verbrachten Jahre wiedergefunden, an

die sich alle Erinnerungen meines Lebens knüpften. Man hatte nur ein

kleines Gemälde auf Kupfer im Geschmack Correggios auf die Seite gelegt,

das Venus und Amor darstellte, Wandspiegel mit Jägerinnen und Satyrn und

einen Pfeil, den ich zum Andenken an die Gesellschaften beim Valoisbogen

aufbewahrt hatte; die Waffen waren nach den neuen Gesetzen verkauft worden.

Im ganzen fand ich alles wieder, was ich zuletzt besessen hatte. Meine

Bücher bildeten eine bizarre Anhäufung der Wissenschaft aller Zeiten,

Geschichte, Reisen, Religion, Kabbala, Astrologie; sie hätten den Schatten

Picos de la Mirandola, des weisen Meursius und Nikolas' de Cusa Freude

gemacht, -- der Turm zu Babel in zweihundert Bänden; -- alles das hatte man

mir gelassen! Es war genug, um einen Weisen närrisch zu machen; hoffentlich

auch genug, um einen Narren weise zu machen!

Mit welchem Entzücken habe ich in meinen Schubladen den Haufen meiner

Aufzeichnungen und intimen und öffentlichen, alltäglichen und glänzenden

Briefwechsel ordnen können; sie waren gewöhnlich oder bedeutend, wie es der

Zufall der Begegnungen oder der entfernten Länder, die ich bereist habe,

mit sich brachte. In Rollen, die besser verwahrt sind als die andern, finde

ich arabische Briefe, Reliquien aus Kairo und Stambul wieder.

O Glück! O tödliche Traurigkeit! Diese vergilbten Buchstaben, diese

verwischten Entwürfe, diese halbzerknitterten Briefe, das ist der Schatz

meiner einzigen Liebe. Lesen wir sie wieder! Viele Briefe fehlen, viele

andere sind zerrissen oder unleserlich gemacht! -- -- --

Aurelia, oder, Der Traum und das Leben · 第 26 / 29 题