MEIN Übel begann wieder mit wechselnden Anfällen. Nach einem Monat war ich
wieder hergestellt. Während der zwei Monate, die nun folgten, nahm ich
meine Pilgerfahrten rund um Paris wieder auf. Die längste Reise, die ich
gemacht habe, war der Besuch des Doms von Reims. Nach und nach fing ich
wieder an zu schreiben und verfaßte eine meiner besten Novellen. Ich
schrieb sie allerdings mühsam fast immer mit Bleistift auf lose Blätter,
geleitet von dem Zufall meiner Träumereien und Spaziergänge. Die
Korrekturen regten mich sehr auf. Wenige Tage nach Veröffentlichung der
Novelle fühlte ich mich von hartnäckiger Schlaflosigkeit befallen. Die
ganze Nacht ging ich auf dem Hügel von Montmartre spazieren und sah von
dort den Sonnenaufgang. Ich plauderte lange mit Bauern und Arbeitern. In
andern Augenblicken wand ich mich den Hallen zu. Eine Nacht ging ich zum
Essen in ein Café am Boulevard und vergnügte mich damit, Gold- und
Silberstücke in die Luft zu werfen. Dann ging ich zu den Hallen und stritt
mit einem Unbekannten, dem ich eine grobe Ohrfeige gab. Ich weiß nicht,
wieso das gar keine Folgen hatte. Zu einer gewissen Stunde, als ich die
Turmuhr von St. Eustache schlagen hörte, begann ich an die Kämpfe der
Herzöge von Burgund und der Armagnacs zu denken, und ich glaubte, daß sich
die Schatten der Kämpfenden jener Epoche um mich herum erhoben. Ich kam in
Streit mit einem Dienstmann, der auf seiner Brust ein silbernes Täfelchen
trug und zu dem ich sagte, daß er der Herzog Johann von Burgund sei. Ich
wollte ihn verhindern, in eine Schenke zu treten. Durch eine
Eigentümlichkeit, die ich mir nicht erkläre, bedeckte sich sein Gesicht mit
Tränen als er sah, daß ich ihm mit Tod drohte. Das rührte mich, und ich
hieß ihn vorbeigehen.
Ich wendete mich gegen die Tuilerien, die geschlossen waren, und ging den
Quais entlang; dann begab ich mich zum Luxembourg und ging dann mit einem
Freund frühstücken. Dann betrat ich St. Eustache, wo ich fromm am Altar der
heiligen Jungfrau niederkniete und an meine Mutter dachte. Die Tränen, die
ich vergoß, erleichterten meine Seele und als ich aus der Kirche kam,
kaufte ich einen silbernen Ring. Darauf stattete ich meinem Vater einen
Besuch ab, bei dem ich einen Strauß Margueriten zurückließ, da er abwesend
war. Von da ging ich zum Jardin des Plantes. Es waren viele Menschen dort
und ich verweilte einige Zeit und sah mir das Nilpferd an, das gerade in
einem Bassin badete. -- Darauf begab ich mich in die osteologischen
Sammlungen. Der Anblick der Ungetüme, die sie enthalten, ließ mich an die
Sintflut denken und als ich hinausging, fiel ein schrecklicher Platzregen
im Garten nieder. Ich sagte mir: Was für ein Unglück! All diese Frauen, all
diese Kinder werden durchnäßt! . . . Dann sagte ich mir: Aber es ist noch
mehr! Die wirkliche Sintflut beginnt! Das Wasser stieg in den
Nachbarstraßen an; ich lief die Straße Saint-Victor hinunter und im
Gedanken das aufzuhalten, was ich für die Weltüberschwemmung hielt, warf
ich an der tiefsten Stelle den Ring, den ich bei Saint-Eustache gekauft
hatte, ins Wasser. Ungefähr in demselben Augenblick beruhigte sich das
Gewitter und ein Sonnenstrahl begann zu glitzern.
Hoffnung kehrte in meine Seele zurück. Um vier Uhr hatte ich eine
Verabredung bei meinem Freunde Georg; ich ging nach seiner Wohnung. Als ich
bei einem Kuriositätenhändler vorüberging, kaufte ich zwei Ofenschirme aus
Samt, die mit hieroglyphischen Figuren bedeckt waren. Das schien mir die
Weihe für die himmlische Verzeihung zu sein. Ich kam zur bestimmten Zeit zu
Georg und vertraute ihm meine Hoffnung an. Ich war durchnäßt und müde. Ich
wechselte meine Kleider und legte mich auf sein Bett. Während meines
Schlummers hatte ich eine wunderbare Vision. Es kam mir vor, als ob die
Göttin mir erschiene und zu mir sagte: »Ich bin dieselbe wie Maria,
dieselbe wie deine Mutter, dieselbe auch, die du stets unter allen Formen
geliebt hast. Bei jeder deiner Prüfungen habe ich eine meiner Masken
aufgegeben, mit denen ich meine Züge verschleiere und bald wirst du mich
sehen so wie ich bin . . .« Ein köstlicher Weinberg wuchs aus dem Gewölk
hinter ihr hervor, ein sanftes und durchdringendes Licht erhellte dieses
Paradies; indessen hörte ich nur ihre Stimme, aber ich fühlte mich in eine
entzückende Trunkenheit getaucht. -- Kurze Zeit darauf erwachte ich und
sagte zu Georg: »Laß uns ausgehen!« Während wir den Pont des Arts
überschritten, erklärte ich ihm die Seelenwanderung und sagte zu ihm: »Es
kommt mir vor, als hätte ich heute abend die Seele Napoleons in mir, die
mich begeistert und mir große Dinge befiehlt.« --In der Rue du Coq kaufte
ich einen Hut und während Georg das Kleingeld erhielt auf das Goldstück,
das ich auf den Ladentisch geworfen hatte, setzte ich meinen Weg fort und
gelangte nach den Galerien des Palais Royal.
Da schien es mir, als ob jedermann mich ansähe. Eine beharrliche Idee hatte
sich in meinem Geiste festgesetzt, nämlich, daß es keine Toten mehr gebe;
ich durchlief die Galerie de Foy und sagte: »Ich habe einen Fehler
begangen«; und als ich mein Gedächtnis, welches ich für das Napoleons
hielt, frug, konnte ich nicht dahinter kommen, was für einen. »Irgend etwas
habe ich hier nicht bezahlt!« in diesem Gedanken betrat ich das Café de Foy
und glaubte in einem der Stammgäste den Vater Bertin von den »Débats« zu
erkennen. Dann durchschritt ich den Garten, wobei ich den Rundtänzen der
kleinen Mädchen einiges Interesse schenkte. Von da verließ ich die Galerien
und richtete meine Schritte nach der Rue St. Honoré. Ich trat in einen
Laden, um eine Zigarre zu kaufen, und als ich hinaustrat, war die Menge so
dicht, daß ich fast erdrückt worden wäre. Zwei meiner Freunde befreiten
mich, indem sie für mich bürgten, und ließen mich in ein Kaffeehaus
eintreten, während einer von ihnen eine Droschke holte. Man brachte mich
zum Charitéhospital.
Während der Nacht nahm das Delirium zu, besonders am Morgen, als ich
bemerkte, daß ich angebunden war. Es gelang mir, mich von der Zwangsjacke
zu befreien, und gegen Morgen ging ich in den Sälen herum. Der Gedanke, daß
ich einem Gott gleich geworden sei, und die Kraft zu heilen besäße, ließ
mich einigen Kranken die Hände auflegen; dann trat ich auf ein Standbild
der heiligen Jungfrau zu, der ich den Kranz von künstlichen Blumen abnahm,
um die Macht, die ich zu besitzen glaubte, noch zu unterstützen. Ich ging
mit großen Schritten, wobei ich mit Lebhaftigkeit über die Unwissenheit der
Menschen sprach, die glaubten, mit der Wissenschaft allein heilen zu
können, und als ich auf dem Tische ein Fläschchen mit Äther sah, verschlang
ich seinen Inhalt mit einem Schluck. Ein Assistenzarzt, dessen Gesicht ich
mit dem der Engel verglich, wollte mich aufhalten, aber die nervöse Kraft
unterstützte mich und bereit ihn niederzuwerfen blieb ich stehen und sagte
ihm, er verstehe nicht was meine Mission sei. Dann kamen Ärzte und ich
setzte meine Rede über die Ohnmacht ihrer Kunst fort. Hierauf ging ich die
Treppe hinunter, obwohl ich keine Fußbekleidung hatte. Als ich an einem
Blumengarten angelangt war, ging ich hinein und pflückte Blumen, wobei ich
auf dem Rasen herumging.
Einer meiner Freunde war zurückgekommen, um mich zu holen. Da verließ ich
den Blumengarten und während ich mit ihm sprach, warf man mir eine
Zwangsjacke über die Schultern, dann ließ man mich in eine Droschke steigen
und brachte mich in eine Irrenanstalt außerhalb von Paris. Ich verstand als
ich mich unter den Irrsinnigen sah, daß alles bisher für mich nur
Einbildung gewesen war. Übrigens schien es mir, daß die Versprechungen, die
ich der Göttin Isis zuschrieb, sich durch eine Reihe von Prüfungen
verwirklichten, die ich zu ertragen bestimmt war. Ich nahm sie also mit
Ergebung hin.
Der Teil des Gebäudes, in dem ich mich befand, ging auf eine weite, von
Nußbäumen beschattete Wandelbahn. In einer Ecke befand sich ein kleiner
Erdhügel, wo einer der Gefangenen den ganzen Tag im Kreis herumging. Andere
beschränkten sich wie ich, auf dem Erdwall oder der Terrasse auf und ab zu
gehen, die von einer Rasenböschung begrenzt wurde. Auf einer Mauer, die
nach Sonnenuntergang lag, waren Figuren gezeichnet, deren eine die Form des
Mondes mit geometrisch gezeichneten Augen und Mund darstellte; über dieses
Gesicht hatte man eine Art Maske gemalt; die Mauer zur Linken stellte
verschiedene Profilzeichnungen vor, worunter eine einer Art japanischer
Gottheit glich. Etwas weiter war ein Totenkopf in den Gips modelliert. An
der gegenüberliegenden Seite waren zwei Quadersteine von einem der Gäste
des Gartens behauen worden und stellten kleine, ganz gut getroffene Fratzen
dar. Zwei Türen führten in die Keller und ich bildete mir ein, daß das
unterirdische Gänge seien, die denen gleichen, die ich am Eingang der
Pyramiden gesehen hatte.