IX.

SO waren die Bilder, die sich der Reihe nach vor meinen Augen zeigten. Nach

und nach war wieder Ruhe über meinen Geist gekommen und ich verließ diese

Wohnstätte, die für mich ein Paradies war; verhängnisvolle Umstände

bereiteten lange nachher einen Rückfall vor, der an die unterbrochene

Reihenfolge dieser seltsamen Träume wieder anknüpfte. --

Ich ging auf dem Land spazieren mit einer Arbeit beschäftigt, die sich auf

religiöse Gedanken bezog. Als ich an einem Haus vorüberging, hörte ich

einen Vogel, der einige Worte nachsprach, die man ihn gelehrt hatte, aber

sein verwirrtes Geschwätz schien mir einen Sinn zu haben; er erinnerte mich

an den Vogel der Vision, die ich weiter oben erzählt habe, und ich fühlte

einen Schauder von übler Vorbedeutung. Einige Schritte weiter begegnete ich

einem Freund, den ich lange nicht gesehen hatte, und der in einem

Nachbarhause wohnte. Er wollte mich sein Besitztum sehen lassen und bei

diesem Besuch führte er mich auf eine erhöhte Terrasse, von wo aus sich ein

weiter Ausblick eröffnete. Es war bei Sonnenuntergang. Als ich eine

ländliche Treppe hinunterstieg, machte ich einen Fehltritt und stieß mit

der Brust an die Kante eines Möbels. Ich hatte Kraft genug aufzustehen und

bis in die Mitte des Gartens zu stürzen; ich glaubte ich sei zu Tode

getroffen und wollte vor dem Sterben einen letzten Blick auf die

untergehende Sonne werfen. Mitten in dem Bedauern, das ein solcher

Augenblick mit sich bringt, fühlte ich mich glücklich so zu sterben, zu

dieser Stunde, inmitten der Bäume, der Traubengeländer und der

Herbstblumen. Es war indessen nur eine Ohnmacht, nach welcher ich noch die

Kraft fand meine Wohnung zu erreichen und zu Bett zu gehen. Fieber ergriff

mich; als ich mich besonnen hatte, von welcher Stelle ich gefallen war,

erinnerte ich mich, daß die Aussicht, die ich bewundert hatte, auf einen

Friedhof ging und zwar auf denselben, auf dem sich das Grab Aurelias

befand. Ich dachte wirklich erst jetzt daran, sonst könnte ich meinen Fall

dem Eindruck zuschreiben, den dieser Anblick in mir hätte hervorrufen

können. Gerade das brachte mich auf den Gedanken an ein bestimmteres

Verhängnis. Um so mehr bedauerte ich, daß der Tod mich nicht mit ihr

vereint hatte. Dann, als ich darüber nachdachte, sagte ich mir, daß ich

dessen nicht würdig sei. Ich stellte mir verbittert das Leben vor, das ich

seit ihrem Tod geführt hatte, und warf mir vor, nicht etwa sie vergessen zu

haben, was nicht geschehen war, sondern daß ich durch leichte Liebschaften

ihr Andenken geschändet hatte. Mir kam der Gedanke, den Schlaf zu befragen.

Aber IHR Bild, das mir oft erschienen war, kehrte in meinen Träumen nicht

wieder. Ich hatte zuerst nur verwirrte, mit blutigen Szenen vermischte

Träume. Es schien als ob ein ganzes unglückseliges Geschlecht inmitten der

idealen Welt entfesselt wäre, die ich früher erblickt hatte und deren

Königin sie war.

Derselbe Geist, der mich bedroht hatte, als ich in die Wohnung dieser

reinen Familie trat, die die Höhen der »geheimnisvollen Stadt« bewohnten,

-- glitt vor mir her und zwar nicht mehr in dem weißen Gewand, das er

ehemals so wie die andern seiner Rasse trug, sondern gekleidet wie ein

orientalischer Prinz. Ich stürzte auf ihn zu und bedrohte ihn, aber er wand

sich ruhig zu mir. Welches Entsetzen! Welche Wut! es war MEIN Gesicht, es

war meine ganze idealisierte und vergrößerte Gestalt . . . Da erinnerte ich

mich des Menschen, der in derselben Nacht wie ich arretiert worden war und

den man wie ich dachte unter meinem Namen von der Wache fortgeführt hatte,

als meine zwei Freunde gekommen waren, um mich zu holen. Er trug in der

Hand eine Waffe, deren Form ich schlecht unterschied, und einer von denen,

die ihn begleiteten, sagte: »Damit hat er ihn getroffen!«

Ich weiß nicht, wie ich auseinandersetzen soll, daß in meinen Gedanken die

irdischen Ereignisse mit denen der übernatürlichen Welt zusammenfallen

konnten; das ist leichter zu fühlen als klar auszudrücken.[*] Aber wer war

wohl dieser Geist, der ICH war und der auch AUSSER MIR war? War er der

Doppelgänger der Legenden oder der mystische Bruder, den die Orientalen

»Ferwer« nennen?

War ich nicht überrascht gewesen von der Geschichte jenes Ritters, der eine

ganze Nacht in einem Wald gegen einen Unbekannten kämpfte, der er selbst

war? Wie dem auch sei, ich glaube, daß die menschliche Einbildungskraft

nichts erfunden hat, was nicht in dieser oder einer andern Welt wahr ist,

und ich konnte nicht an dem zweifeln, was ich deutlich GESEHEN hatte.

Ein schrecklicher Gedanke überkam mich: »der Mensch ist doppelt«, sagte ich

mir. »Ich fühle zwei Menschen in mir«, hat ein Kirchenvater geschrieben.

Das Zusammentreffen zweier Seelen hat diesen gemischten Keim in einen

Körper gelegt, der selbst dem Blick zwei ähnliche Teile darbietet, die in

allen Organen seines Aufbaues wiederkehren. In jedem Menschen steckt ein

Beobachter und ein Handelnder, der, welcher spricht und der, welcher

antwortet. Die Orientalen haben darin zwei Feinde gesehen: den guten und

den bösen Geist. »Bin ich der gute, bin ich der böse?« sagte ich mir. Auf

jeden Fall ist der »ANDERE« mir feindlich . . . Wer weiß, ob es nicht

Umstände oder irgendein Alter gibt, wo diese beiden Geister sich trennen.

Beide sind durch eine mütterliche Verwandtschaft an denselben Körper

gefesselt, vielleicht ist einer zu Ruhm und Glück, der andere zu

Vernichtung und ewigem Leiden bestimmt?« -- Ein verhängnisvoller Blitz

durchschnitt plötzlich diese Dunkelheit . . . Aurelia gehörte mir nicht

mehr! . . . Ich glaubte von einer Zeremonie, die sich irgendwo anders

vollzog, sprechen zu hören und von den Zurüstungen zu einer mystischen

Hochzeit, welche die MEINE war, und wo der ANDERE im Begriff war, den

Irrtum meiner Freunde und Aurelias selbst zu benutzen. Die teuersten

Personen, die mich besuchten und trösteten, schienen mir eine Beute der

Ungewißheit, das heißt, die beiden Teile ihrer Seele trennten sich auch in

bezug auf mich; die eine war liebevoll und vertrauend, die andere wie zu

Tod erschrocken über mich. In dem, was diese Leute zu mir sagten, lebte ein

doppelter Sinn, wenn sie sich auch oft davon keine Rechenschaft ablegten,

da sie ja nicht so »im Geist« waren wie ich. Einen Augenblick kam mir

dieser Gedanke sogar komisch vor, wenn ich an Amphitrion und an Sofias

dachte. Wenn aber dieses groteske Symbol auch etwas anderes war, -- wenn es

wie in andern Sagen des Altertums die unglückselige Wahrheit unter der

Maske der Tollheit war? »Wohlan«, sagte ich mir, »kämpfen wir gegen den

verhängnisvollen Geist, kämpfen wir gegen den Gott selbst mit den Waffen

der Überlieferung und der Wissenschaft. Was er auch im Schatten der Nacht

tun mag, ich existiere -- und ich habe um ihn zu besiegen die ganze Zeit,

die mir zum Leben auf der Erde noch gegeben ist.

[Fußnote *: Für mich war das eine Anspielung auf den Stoß, den ich beim

Fallen erhalten habe.]

Aurelia, oder, Der Traum und das Leben · 第 18 / 29 题