SO waren die Bilder, die sich der Reihe nach vor meinen Augen zeigten. Nach
und nach war wieder Ruhe über meinen Geist gekommen und ich verließ diese
Wohnstätte, die für mich ein Paradies war; verhängnisvolle Umstände
bereiteten lange nachher einen Rückfall vor, der an die unterbrochene
Reihenfolge dieser seltsamen Träume wieder anknüpfte. --
Ich ging auf dem Land spazieren mit einer Arbeit beschäftigt, die sich auf
religiöse Gedanken bezog. Als ich an einem Haus vorüberging, hörte ich
einen Vogel, der einige Worte nachsprach, die man ihn gelehrt hatte, aber
sein verwirrtes Geschwätz schien mir einen Sinn zu haben; er erinnerte mich
an den Vogel der Vision, die ich weiter oben erzählt habe, und ich fühlte
einen Schauder von übler Vorbedeutung. Einige Schritte weiter begegnete ich
einem Freund, den ich lange nicht gesehen hatte, und der in einem
Nachbarhause wohnte. Er wollte mich sein Besitztum sehen lassen und bei
diesem Besuch führte er mich auf eine erhöhte Terrasse, von wo aus sich ein
weiter Ausblick eröffnete. Es war bei Sonnenuntergang. Als ich eine
ländliche Treppe hinunterstieg, machte ich einen Fehltritt und stieß mit
der Brust an die Kante eines Möbels. Ich hatte Kraft genug aufzustehen und
bis in die Mitte des Gartens zu stürzen; ich glaubte ich sei zu Tode
getroffen und wollte vor dem Sterben einen letzten Blick auf die
untergehende Sonne werfen. Mitten in dem Bedauern, das ein solcher
Augenblick mit sich bringt, fühlte ich mich glücklich so zu sterben, zu
dieser Stunde, inmitten der Bäume, der Traubengeländer und der
Herbstblumen. Es war indessen nur eine Ohnmacht, nach welcher ich noch die
Kraft fand meine Wohnung zu erreichen und zu Bett zu gehen. Fieber ergriff
mich; als ich mich besonnen hatte, von welcher Stelle ich gefallen war,
erinnerte ich mich, daß die Aussicht, die ich bewundert hatte, auf einen
Friedhof ging und zwar auf denselben, auf dem sich das Grab Aurelias
befand. Ich dachte wirklich erst jetzt daran, sonst könnte ich meinen Fall
dem Eindruck zuschreiben, den dieser Anblick in mir hätte hervorrufen
können. Gerade das brachte mich auf den Gedanken an ein bestimmteres
Verhängnis. Um so mehr bedauerte ich, daß der Tod mich nicht mit ihr
vereint hatte. Dann, als ich darüber nachdachte, sagte ich mir, daß ich
dessen nicht würdig sei. Ich stellte mir verbittert das Leben vor, das ich
seit ihrem Tod geführt hatte, und warf mir vor, nicht etwa sie vergessen zu
haben, was nicht geschehen war, sondern daß ich durch leichte Liebschaften
ihr Andenken geschändet hatte. Mir kam der Gedanke, den Schlaf zu befragen.
Aber IHR Bild, das mir oft erschienen war, kehrte in meinen Träumen nicht
wieder. Ich hatte zuerst nur verwirrte, mit blutigen Szenen vermischte
Träume. Es schien als ob ein ganzes unglückseliges Geschlecht inmitten der
idealen Welt entfesselt wäre, die ich früher erblickt hatte und deren
Königin sie war.
Derselbe Geist, der mich bedroht hatte, als ich in die Wohnung dieser
reinen Familie trat, die die Höhen der »geheimnisvollen Stadt« bewohnten,
-- glitt vor mir her und zwar nicht mehr in dem weißen Gewand, das er
ehemals so wie die andern seiner Rasse trug, sondern gekleidet wie ein
orientalischer Prinz. Ich stürzte auf ihn zu und bedrohte ihn, aber er wand
sich ruhig zu mir. Welches Entsetzen! Welche Wut! es war MEIN Gesicht, es
war meine ganze idealisierte und vergrößerte Gestalt . . . Da erinnerte ich
mich des Menschen, der in derselben Nacht wie ich arretiert worden war und
den man wie ich dachte unter meinem Namen von der Wache fortgeführt hatte,
als meine zwei Freunde gekommen waren, um mich zu holen. Er trug in der
Hand eine Waffe, deren Form ich schlecht unterschied, und einer von denen,
die ihn begleiteten, sagte: »Damit hat er ihn getroffen!«
Ich weiß nicht, wie ich auseinandersetzen soll, daß in meinen Gedanken die
irdischen Ereignisse mit denen der übernatürlichen Welt zusammenfallen
konnten; das ist leichter zu fühlen als klar auszudrücken.[*] Aber wer war
wohl dieser Geist, der ICH war und der auch AUSSER MIR war? War er der
Doppelgänger der Legenden oder der mystische Bruder, den die Orientalen
»Ferwer« nennen?
War ich nicht überrascht gewesen von der Geschichte jenes Ritters, der eine
ganze Nacht in einem Wald gegen einen Unbekannten kämpfte, der er selbst
war? Wie dem auch sei, ich glaube, daß die menschliche Einbildungskraft
nichts erfunden hat, was nicht in dieser oder einer andern Welt wahr ist,
und ich konnte nicht an dem zweifeln, was ich deutlich GESEHEN hatte.
Ein schrecklicher Gedanke überkam mich: »der Mensch ist doppelt«, sagte ich
mir. »Ich fühle zwei Menschen in mir«, hat ein Kirchenvater geschrieben.
Das Zusammentreffen zweier Seelen hat diesen gemischten Keim in einen
Körper gelegt, der selbst dem Blick zwei ähnliche Teile darbietet, die in
allen Organen seines Aufbaues wiederkehren. In jedem Menschen steckt ein
Beobachter und ein Handelnder, der, welcher spricht und der, welcher
antwortet. Die Orientalen haben darin zwei Feinde gesehen: den guten und
den bösen Geist. »Bin ich der gute, bin ich der böse?« sagte ich mir. Auf
jeden Fall ist der »ANDERE« mir feindlich . . . Wer weiß, ob es nicht
Umstände oder irgendein Alter gibt, wo diese beiden Geister sich trennen.
Beide sind durch eine mütterliche Verwandtschaft an denselben Körper
gefesselt, vielleicht ist einer zu Ruhm und Glück, der andere zu
Vernichtung und ewigem Leiden bestimmt?« -- Ein verhängnisvoller Blitz
durchschnitt plötzlich diese Dunkelheit . . . Aurelia gehörte mir nicht
mehr! . . . Ich glaubte von einer Zeremonie, die sich irgendwo anders
vollzog, sprechen zu hören und von den Zurüstungen zu einer mystischen
Hochzeit, welche die MEINE war, und wo der ANDERE im Begriff war, den
Irrtum meiner Freunde und Aurelias selbst zu benutzen. Die teuersten
Personen, die mich besuchten und trösteten, schienen mir eine Beute der
Ungewißheit, das heißt, die beiden Teile ihrer Seele trennten sich auch in
bezug auf mich; die eine war liebevoll und vertrauend, die andere wie zu
Tod erschrocken über mich. In dem, was diese Leute zu mir sagten, lebte ein
doppelter Sinn, wenn sie sich auch oft davon keine Rechenschaft ablegten,
da sie ja nicht so »im Geist« waren wie ich. Einen Augenblick kam mir
dieser Gedanke sogar komisch vor, wenn ich an Amphitrion und an Sofias
dachte. Wenn aber dieses groteske Symbol auch etwas anderes war, -- wenn es
wie in andern Sagen des Altertums die unglückselige Wahrheit unter der
Maske der Tollheit war? »Wohlan«, sagte ich mir, »kämpfen wir gegen den
verhängnisvollen Geist, kämpfen wir gegen den Gott selbst mit den Waffen
der Überlieferung und der Wissenschaft. Was er auch im Schatten der Nacht
tun mag, ich existiere -- und ich habe um ihn zu besiegen die ganze Zeit,
die mir zum Leben auf der Erde noch gegeben ist.
[Fußnote *: Für mich war das eine Anspielung auf den Stoß, den ich beim
Fallen erhalten habe.]