WIE soll ich die seltsame Verzweiflung ausmalen, in die solche Ideen mich
nach und nach brachten? Ein böser Geist hatte meinen Platz in der Welt der
Seelen eingenommen, -- für Aurelia war ich es selbst, und der trostlose
Geist, der meinen Körper belebte, und der geschwächt, verkannt und von ihr
verachtet war, sah sich für immer der Verzweiflung oder dem Nichts
verfallen. Ich entfaltete meine ganze Willenskraft, um das Rätsel, von dem
ich einige Schleier gehoben hatte, besser zu durchdringen. Der Traum machte
sich manchmal lustig über meine Anstrengungen und führte mir nur verzerrte
und flüchtige Gestalten zu. Ich kann hier nur eine ziemlich bizarre Idee
wiedergeben von dem, was sich aus dieser Anspannung des Geistes ergab. Ich
fühlte mich gleiten wie auf einem ausgespannten Faden, dessen Länge
unendlich war. Die Erde, die von farbigen Adern geschmolzenen Metalls
durchzogen war, wie ich es schon gesehen hatte, erhellte sich nach und nach
durch das Aufglühen des zentralen Feuers, dessen Weiße mit den kirschroten
Tönen verschmolz, die die Seiten des innern Kreises färbten. Ich wunderte
mich, zeitweilig großen Wasserpfützen zu begegnen, die wie Wolken in der
Luft hingen und die dennoch eine solche Dichtigkeit aufwiesen, daß man
Flocken davon loslösen konnte; aber es ist klar, daß es sich da um eine von
dem irdischen Wasser verschiedene Flüssigkeit handelte, die ohne Zweifel
die Verdunstung dessen war, was für die Welt der Geister das Meer und die
Flüsse darstellte.
Mein Auge entdeckte eine weite, bergige Küste; sie war ganz mit einer Art
grünlichen Schilfrohres bedeckt, das an der Spitze gelblich war, wie wenn
der Brand der Sonne es teilweise ausgetrocknet hätte; aber ich habe nicht
mehr von der Sonne gesehen als die andern Male. -- Ein Schloß beherrschte
den Abhang, den ich zu erklimmen begann. Auf der andern Abdachung sah ich
eine ungeheure Stadt sich ausbreiten. Während ich das Gebirg überschritten
hatte, war die Nacht gekommen und ich beobachtete die Lichter der
Behausungen und der Straßen. Als ich hinunterstieg, befand ich mich auf
einem Markt, wo man Früchte und Gemüse verkaufte, ähnlich denen im Süden.
Ich stieg auf einer dunkeln Treppe hinunter und befand mich in den Straßen.
Man verkündete durch Zettelanschlag die Eröffnung eines Kasinos und die
Einzelheiten seiner Einteilung wurden in Artikeln beschrieben. Die
typographische Umrahmung war aus Blumenkränzen gebildet, die so gut
dargestellt und gefärbt waren, daß sie natürlich zu sein schienen. -- Ein
Teil des Gebäudes war noch im Entstehen. Ich trat in eine Werkstatt, wo ich
Arbeiter sah, die aus Ton ein ungeheures Tier in der Gestalt eines Lamas
modellierten, das aber offenbar mit großen Flügeln versehen werden sollte.
Dieses Ungetüm war wie durchzogen von einem Feuerstrahl, der es allmählich
belebte, so daß es sich wand; es war von tausend purpurnen Fasern
durchzogen. Diese bildeten Venen und Arterien und befruchteten sozusagen
die träge Materie, die sich mit einer augenblicklichen Vegetation von
faserigen Anhängseln, Flügelchen und wolligen Büscheln bedeckte. Ich blieb
stehen, um dieses Meisterwerk zu betrachten, wo man der göttlichen
Schöpfung ihre Geheimnisse abgesehen zu haben schien. »Das kommt daher, daß
wir hier das Urfeuer haben, das die ersten Wesen belebte«, -- sagte man
mir. -- »Ehemals ist es bis zur Erdoberfläche gedrungen, aber die Quellen
sind versiegt.« Ich sah auch die Goldschmiedearbeiten, bei denen man zwei
auf der Erde unbekannte Metalle benutzte: ein rotes, das dem Zinnober zu
entsprechen schien und ein anderes azurblaues. Die Ornamente waren weder
getrieben noch ziseliert, aber sie formten, färbten und erschlossen sich
wie metallische Pflanzen, die man aus gewissen chemischen Mischungen
entstehen läßt. »Könnte man nicht auch Menschen schaffen?« sagte ich zu
einem der Arbeiter, aber er versetzte: »Die Menschen kommen aus der Höhe
und nicht aus der Tiefe. Können wir uns selbst schaffen? Hier formt man nur
mit Hilfe der allmählichen Fortschritte unsrer Fähigkeit eine Materie, die
feiner ist als die, aus welcher die Erdrinde besteht. Diese Blumen, die
euch natürlich vorkommen, dieses Tier, das scheinbar leben wird, werden nur
Produkte unsrer bis zum höchsten Punkt unsrer Kenntnisse entwickelten Kunst
sein und jeder wird sie so beurteilen.«
Dies sind ungefähr die Worte, die mir entweder gesagt wurden oder deren
Bedeutung ich zu erfassen glaubte. Ich begann die Säle des Kasinos zu
durcheilen, und ich sah eine große Menge, in welcher ich einige mir
bekannte Personen unterschied: die einen lebten, die andern waren zu
verschiedenen Zeiten gestorben. Die ersten schienen mich nicht zu sehen,
während die andern mir antworteten, ohne mich anscheinend zu erkennen. Ich
war im größten Saal angekommen, der ganz mit mohnrotem Samt bespannt war,
in den goldene Bänder eingewebt waren, die reiche Muster bildeten. In der
Mitte befand sich ein Ruhebett in der Form eines Throns. Einige
Vorübergehende setzten sich nieder um seine Elastizität zu prüfen; aber da
die Vorbereitungen noch nicht beendet waren, wandten sie sich andern Sälen
zu. Man sprach von einer Hochzeit und von dem Gatten, der, wie man sagte,
kommen müsse um den Augenblick des Festes zu verkünden. Sogleich
bemächtigte sich meiner eine unsinnige Wahnvorstellung. Ich bildete mir
ein, daß der, welchen man erwartete, mein Doppelgänger sei, der Aurelia
heiraten müsse und ich machte einen Lärm, der die Versammlung zu verblüffen
schien. Ich fing mit Heftigkeit zu sprechen an, schilderte meinen Kummer
und rief die Hilfe derer an, die mich kannten. Ein Greis sagte zu mir:
»Aber so führt man sich nicht auf, Sie erschrecken ja jedermann!« Da rief
ich aus: »Ich weiß wohl, daß er mich schon mit seinen Waffen getroffen hat,
aber ich erwarte ihn furchtlos und ich kenne das Zeichen, das ihn besiegen
muß.«
In diesem Augenblick erschien ein Arbeiter aus der Werkstatt, die ich beim
Hereinkommen besucht hatte; er trug eine lange Stange, deren Ende aus einer
im Feuer geröteten Kugel bestand. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die
Kugel, die er in die Höhe hielt, bedrohte stets meinen Kopf. Man schien
sich um mich herum über meine Ohnmacht lustig zu machen . . . Da zog ich
mich bis zum Thron zurück, die Seele voll namenlosen Stolzes, und ich hob
den Arm auf, um ein Zeichen zu machen, das mir eine Zauberkraft zu haben
schien. Der deutliche und zitternde Schrei einer Frau, der nach
herzzerreißendem Schmerz klang, weckte mich plötzlich auf! Die Silben eines
unbekannten Wortes, das ich im Begriff stand auszusprechen, erstarben auf
meinen Lippen . . . Ich stürzte mich zur Erde und fing inbrünstig und unter
heißen Tränen zu beten an. -- Aber was war das nur für eine Stimme, die
soeben so schmerzlich durch die Nacht gehallt war?!
Sie gehörte nicht dem Traum an; es war die Stimme einer lebendigen Person,
und doch war es für mich die Stimme und der Tonfall Aurelias . . . .
Ich öffnete mein Fenster; alles war ruhig und der Schrei wiederholte sich
nicht. -- Ich erkundigte mich draußen -- niemand hatte etwas gehört. -- Und
trotzdem bin ich noch sicher, daß der Schrei wirklich war und daß der Ton
Lebender darin erklungen war. Ohne Zweifel wird man mir sagen, daß der
Zufall veranlassen konnte, daß eine leidende Frau in der Umgebung meiner
Wohnung geschrieen habe. -- Aber meinem Gedanken nach waren die irdischen
Ereignisse mit denen der unsichtbaren Welt verbunden. Das ist eine jener
seltsamen Beziehungen, über die ich mir selbst keine Rechenschaft ablege,
und die man leichter andeuten als erklären kann . . . .
Was hatte ich getan? Ich hatte die Harmonie des magischen Weltalls gestört,
aus der meine Seele die Sicherheit einer unsterblichen Existenz schöpfte.
Ich war vielleicht verflucht, weil ich in ein schauerliches Mysterium
dringen wollte, indem ich das göttliche Gesetz beleidigte; ich hatte nur
noch Zorn und Verachtung zu erwarten! Die aufgebrachten Schatten entflohen
schreiend und zogen in der Luft verhängnisvolle Kreise wie die Vögel beim
Herannahen eines Gewitters.