X.

WIE soll ich die seltsame Verzweiflung ausmalen, in die solche Ideen mich

nach und nach brachten? Ein böser Geist hatte meinen Platz in der Welt der

Seelen eingenommen, -- für Aurelia war ich es selbst, und der trostlose

Geist, der meinen Körper belebte, und der geschwächt, verkannt und von ihr

verachtet war, sah sich für immer der Verzweiflung oder dem Nichts

verfallen. Ich entfaltete meine ganze Willenskraft, um das Rätsel, von dem

ich einige Schleier gehoben hatte, besser zu durchdringen. Der Traum machte

sich manchmal lustig über meine Anstrengungen und führte mir nur verzerrte

und flüchtige Gestalten zu. Ich kann hier nur eine ziemlich bizarre Idee

wiedergeben von dem, was sich aus dieser Anspannung des Geistes ergab. Ich

fühlte mich gleiten wie auf einem ausgespannten Faden, dessen Länge

unendlich war. Die Erde, die von farbigen Adern geschmolzenen Metalls

durchzogen war, wie ich es schon gesehen hatte, erhellte sich nach und nach

durch das Aufglühen des zentralen Feuers, dessen Weiße mit den kirschroten

Tönen verschmolz, die die Seiten des innern Kreises färbten. Ich wunderte

mich, zeitweilig großen Wasserpfützen zu begegnen, die wie Wolken in der

Luft hingen und die dennoch eine solche Dichtigkeit aufwiesen, daß man

Flocken davon loslösen konnte; aber es ist klar, daß es sich da um eine von

dem irdischen Wasser verschiedene Flüssigkeit handelte, die ohne Zweifel

die Verdunstung dessen war, was für die Welt der Geister das Meer und die

Flüsse darstellte.

Mein Auge entdeckte eine weite, bergige Küste; sie war ganz mit einer Art

grünlichen Schilfrohres bedeckt, das an der Spitze gelblich war, wie wenn

der Brand der Sonne es teilweise ausgetrocknet hätte; aber ich habe nicht

mehr von der Sonne gesehen als die andern Male. -- Ein Schloß beherrschte

den Abhang, den ich zu erklimmen begann. Auf der andern Abdachung sah ich

eine ungeheure Stadt sich ausbreiten. Während ich das Gebirg überschritten

hatte, war die Nacht gekommen und ich beobachtete die Lichter der

Behausungen und der Straßen. Als ich hinunterstieg, befand ich mich auf

einem Markt, wo man Früchte und Gemüse verkaufte, ähnlich denen im Süden.

Ich stieg auf einer dunkeln Treppe hinunter und befand mich in den Straßen.

Man verkündete durch Zettelanschlag die Eröffnung eines Kasinos und die

Einzelheiten seiner Einteilung wurden in Artikeln beschrieben. Die

typographische Umrahmung war aus Blumenkränzen gebildet, die so gut

dargestellt und gefärbt waren, daß sie natürlich zu sein schienen. -- Ein

Teil des Gebäudes war noch im Entstehen. Ich trat in eine Werkstatt, wo ich

Arbeiter sah, die aus Ton ein ungeheures Tier in der Gestalt eines Lamas

modellierten, das aber offenbar mit großen Flügeln versehen werden sollte.

Dieses Ungetüm war wie durchzogen von einem Feuerstrahl, der es allmählich

belebte, so daß es sich wand; es war von tausend purpurnen Fasern

durchzogen. Diese bildeten Venen und Arterien und befruchteten sozusagen

die träge Materie, die sich mit einer augenblicklichen Vegetation von

faserigen Anhängseln, Flügelchen und wolligen Büscheln bedeckte. Ich blieb

stehen, um dieses Meisterwerk zu betrachten, wo man der göttlichen

Schöpfung ihre Geheimnisse abgesehen zu haben schien. »Das kommt daher, daß

wir hier das Urfeuer haben, das die ersten Wesen belebte«, -- sagte man

mir. -- »Ehemals ist es bis zur Erdoberfläche gedrungen, aber die Quellen

sind versiegt.« Ich sah auch die Goldschmiedearbeiten, bei denen man zwei

auf der Erde unbekannte Metalle benutzte: ein rotes, das dem Zinnober zu

entsprechen schien und ein anderes azurblaues. Die Ornamente waren weder

getrieben noch ziseliert, aber sie formten, färbten und erschlossen sich

wie metallische Pflanzen, die man aus gewissen chemischen Mischungen

entstehen läßt. »Könnte man nicht auch Menschen schaffen?« sagte ich zu

einem der Arbeiter, aber er versetzte: »Die Menschen kommen aus der Höhe

und nicht aus der Tiefe. Können wir uns selbst schaffen? Hier formt man nur

mit Hilfe der allmählichen Fortschritte unsrer Fähigkeit eine Materie, die

feiner ist als die, aus welcher die Erdrinde besteht. Diese Blumen, die

euch natürlich vorkommen, dieses Tier, das scheinbar leben wird, werden nur

Produkte unsrer bis zum höchsten Punkt unsrer Kenntnisse entwickelten Kunst

sein und jeder wird sie so beurteilen.«

Dies sind ungefähr die Worte, die mir entweder gesagt wurden oder deren

Bedeutung ich zu erfassen glaubte. Ich begann die Säle des Kasinos zu

durcheilen, und ich sah eine große Menge, in welcher ich einige mir

bekannte Personen unterschied: die einen lebten, die andern waren zu

verschiedenen Zeiten gestorben. Die ersten schienen mich nicht zu sehen,

während die andern mir antworteten, ohne mich anscheinend zu erkennen. Ich

war im größten Saal angekommen, der ganz mit mohnrotem Samt bespannt war,

in den goldene Bänder eingewebt waren, die reiche Muster bildeten. In der

Mitte befand sich ein Ruhebett in der Form eines Throns. Einige

Vorübergehende setzten sich nieder um seine Elastizität zu prüfen; aber da

die Vorbereitungen noch nicht beendet waren, wandten sie sich andern Sälen

zu. Man sprach von einer Hochzeit und von dem Gatten, der, wie man sagte,

kommen müsse um den Augenblick des Festes zu verkünden. Sogleich

bemächtigte sich meiner eine unsinnige Wahnvorstellung. Ich bildete mir

ein, daß der, welchen man erwartete, mein Doppelgänger sei, der Aurelia

heiraten müsse und ich machte einen Lärm, der die Versammlung zu verblüffen

schien. Ich fing mit Heftigkeit zu sprechen an, schilderte meinen Kummer

und rief die Hilfe derer an, die mich kannten. Ein Greis sagte zu mir:

»Aber so führt man sich nicht auf, Sie erschrecken ja jedermann!« Da rief

ich aus: »Ich weiß wohl, daß er mich schon mit seinen Waffen getroffen hat,

aber ich erwarte ihn furchtlos und ich kenne das Zeichen, das ihn besiegen

muß.«

In diesem Augenblick erschien ein Arbeiter aus der Werkstatt, die ich beim

Hereinkommen besucht hatte; er trug eine lange Stange, deren Ende aus einer

im Feuer geröteten Kugel bestand. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die

Kugel, die er in die Höhe hielt, bedrohte stets meinen Kopf. Man schien

sich um mich herum über meine Ohnmacht lustig zu machen . . . Da zog ich

mich bis zum Thron zurück, die Seele voll namenlosen Stolzes, und ich hob

den Arm auf, um ein Zeichen zu machen, das mir eine Zauberkraft zu haben

schien. Der deutliche und zitternde Schrei einer Frau, der nach

herzzerreißendem Schmerz klang, weckte mich plötzlich auf! Die Silben eines

unbekannten Wortes, das ich im Begriff stand auszusprechen, erstarben auf

meinen Lippen . . . Ich stürzte mich zur Erde und fing inbrünstig und unter

heißen Tränen zu beten an. -- Aber was war das nur für eine Stimme, die

soeben so schmerzlich durch die Nacht gehallt war?!

Sie gehörte nicht dem Traum an; es war die Stimme einer lebendigen Person,

und doch war es für mich die Stimme und der Tonfall Aurelias . . . .

Ich öffnete mein Fenster; alles war ruhig und der Schrei wiederholte sich

nicht. -- Ich erkundigte mich draußen -- niemand hatte etwas gehört. -- Und

trotzdem bin ich noch sicher, daß der Schrei wirklich war und daß der Ton

Lebender darin erklungen war. Ohne Zweifel wird man mir sagen, daß der

Zufall veranlassen konnte, daß eine leidende Frau in der Umgebung meiner

Wohnung geschrieen habe. -- Aber meinem Gedanken nach waren die irdischen

Ereignisse mit denen der unsichtbaren Welt verbunden. Das ist eine jener

seltsamen Beziehungen, über die ich mir selbst keine Rechenschaft ablege,

und die man leichter andeuten als erklären kann . . . .

Was hatte ich getan? Ich hatte die Harmonie des magischen Weltalls gestört,

aus der meine Seele die Sicherheit einer unsterblichen Existenz schöpfte.

Ich war vielleicht verflucht, weil ich in ein schauerliches Mysterium

dringen wollte, indem ich das göttliche Gesetz beleidigte; ich hatte nur

noch Zorn und Verachtung zu erwarten! Die aufgebrachten Schatten entflohen

schreiend und zogen in der Luft verhängnisvolle Kreise wie die Vögel beim

Herannahen eines Gewitters.

Aurelia, oder, Der Traum und das Leben · 第 19 / 29 题