VIII.

DANN veränderten die Ungeheuer ihre Gestalt, streiften ihre erste Haut ab

und richteten sich mit ihren riesenhaften Tatzen mächtiger auf; die

ungeheure Masse ihrer Körper zerbrach die Zweige und zerstörte das Gras und

in der Unordnung der Natur lieferten sie Schlachten, an denen ich selbst

teilnahm, denn ich hatte einen ebenso sonderbaren Körper wie sie selbst.

Plötzlich tönte eine seltsame Harmonie in unsere Einsamkeit und es schien

als ob das verwirrte Schreien, Heulen und Pfeifen der primitiven Wesen

hinfort in diese göttliche Weise überginge. Die Variationen folgten

einander ins Unendliche, der Planet erhellte sich allmählich, göttliche

Formen zeichneten sich auf dem Grün und in den Tiefen der Gebüsche ab, und

die nun zahmen Ungeheuer, die ich gesehen hatte, warfen ihre sonderbaren

Formen von sich und wurden Männer und Frauen; andere bekleideten sich in

ihren Verwandlungen wieder mit den Gestalten von wilden Tieren, Fischen und

Vögeln.

Wer hatte wohl dieses Wunder vollbracht? Eine strahlende Göttin führte in

diese neuen »Avatars« die rasche Entwicklung der Menschheit. Es wurde jetzt

eine Unterscheidung der Rassen eingeführt, die von der Ordnung der Vögel

ausging und auch die Vierfüßler, die Fische und die Reptilien mitinbegriff:

das waren die Devas, die Peris, die Undinen und die Salamander; jedesmal

wenn eines dieser Wesen starb erstand es sogleich wieder unter schönerer

Form und sang den Ruhm der Götter. -- Indessen hatte einer der Elohim den

Gedanken, ein fünftes Geschlecht zu gründen, das sich aus den Elementen der

Erde zusammensetzen sollte, das man Afriten nannte. -- Das war das Zeichen

zu einer vollständigen Umwälzung unter den Geistern, die die neuen

Weltbesitzer nicht anerkennen wollten. Ich weiß nicht, wieviel tausend

Jahre diese Kämpfe dauerten, die den Erdball mit Blut überschwemmten. Drei

der Elohim wurden schließlich mit den Geistern ihrer Geschlechter nach dem

Süden der Erde verbannt, wo sie ungeheure Reiche gründeten. Sie hatten die

Geheimnisse der göttlichen Kabbala, die die Welten verbindet, mit sich

genommen und nahmen ihre Kraft aus der Anbetung gewisser Gestirne, mit

denen sie stets in Verbindung stehen. Diese Nekromanten, die an die

äußersten Grenzen der Erde verbannt wurden, hatten sich verständigt, um

einander die Macht zu übertragen. Jeder ihrer Herrscher war von Frauen und

Sklaven umgeben und hatte sich der Macht versichert, unter der Gestalt

seiner Kinder wiedergeboren zu werden. Ihr Leben währte tausend Jahre.

Mächtige Kabbalisten schlossen sie beim Herannahen ihres Todes in

wohlbewachte Grabstätten ein, wo sie mit Elixieren und lebenerhaltenden

Stoffen ernährt wurden. Lange noch behielten sie den Anschein des Lebens,

dann schliefen sie vierzig Tage wie die Schmetterlingspuppe, die ihren

Kokon spinnt, und dann erstanden sie wieder unter der Gestalt eines kleinen

Kindes, das später in das Reich berufen wurde. Indessen erschöpften sich

die lebenspendenden Kräfte der Erde beim Ernähren dieser Familien, deren

immer gleiches Blut neue Nachkommen gebar. In weiten unterirdischen

Gewölben, die unter Totengrüften und Pyramiden ausgehöhlt waren, hatten sie

alle Schätze der vergangenen Geschlechter aufgehäuft und gewisse Talismane,

die sie gegen den Zorn der Götter schützten, versteckt.

Im Innern Afrikas, jenseits des Mondgebirges und des alten Äthiopien fanden

diese seltsamen Mysterien statt. Lange hatte ich mit einem Teil des

Menschengeschlechts in der Gefangenschaft geseufzt. Die Gesträuche, die ich

so grün gesehen, trugen nur mehr bleiche Blüten und welke Blätter. Eine

unerbittliche Sonne fraß diese Gegenden, und die schwächlichen Kinder

dieser ewigen Dynastien schienen von der Bürde des Lebens niedergedrückt zu

sein. Diese erhabene und einförmige Größe, die durch die Etikette und

hieratische Gebräuche geregelt war, drückte alle, ohne daß jemand gewagt

hätte, sich ihr zu entziehen. Die Greise schmachteten unter dem Gewicht

ihrer Kronen und ihrer kaiserlichen Schmuckstücke zwischen Ärzten und

Priestern, deren Willen ihnen die Unsterblichkeit sicherte. Was das Volk

betrifft, das für immer in Kasten eingezwängt war, so konnte es weder auf

das Leben noch auf die Freiheit zählen. Am Fuße der vom Tod getroffenen,

unfruchtbaren Bäume, an den versiegten Quellen, sah man auf dem verbrannten

Gras Kinder und junge, entnervte und farblose Frauen dahinsiechen. Die

Pracht der königlichen Gemächer, die Majestät der Säulenhallen, der Glanz

der Kleider und des Schmucks waren nur ein schwacher Trost für die ewige

Langweile dieser Einsamkeit. Bald wurden die Völker durch Krankheiten

dezimiert, die Tiere und Pflanzen starben, und die Unsterblichen selbst

verfielen unter ihren prächtigen Gewändern. Eine Geißel, die größer war als

alle andern, kam plötzlich und verjüngte und rettete die Welt. Das

Sternbild des Orion eröffnete am Himmel die Katarakte der Gewässer; die

Erde, die vom Eise des entgegengesetzten Pols zu stark belastet war, machte

eine halbe Drehung um sich selbst, und die Meere, die die Gestade

überstiegen, überfluteten die Hochebenen Afrikas und Asiens; die

Überschwemmung durchdrang den Sand, erfüllte die Gräber und die Pyramiden

und vierzig Tage lang schwamm eine geheimnisvolle Arche auf den Meeren und

trug die Hoffnung einer neuen Schöpfung.

Drei der Elohim hatten sich auf den höchsten Gipfel der afrikanischen Berge

geflüchtet. Unter ihnen wurde ein Kampf ausgefochten. Hier verwirrt sich

mein Gedächtnis und ich weiß nicht, was das Ergebnis dieses erhabenen

Streites war. Nur sehe ich noch aufrecht auf einem von Wasser umspülten

Gipfel ein von ihnen verlassenes Weib, das mit aufgelöstem Haar schreit und

sich gegen den Tod wehrt. Ihre Klagerufe übertönten den Lärm der Wasser

. . . . Wurde sie gerettet? Ich weiß es nicht. Die Götter, ihre Brüder,

hatten sie verdammt, aber über ihrem Haupt glänzte der Abendstern, der

seine Flammenstrahlen über ihre Stirn ergoß.

Die unterbrochene Hymne der Erde und der Himmel hallte harmonisch wieder,

um die Eintracht der neuen Geschlechter zu weihen. Und während die Söhne

Noahs mühsam unter den Strahlen einer neuen Sonne arbeiteten, bewachten die

in ihren unterirdischen Gewölben kauernden Nekromanten immer noch ihre

Schätze und gefielen sich in dem Schweigen der Nacht. Hie und da kamen sie

schüchtern aus ihren Zufluchtsstätten und erschreckten die Lebenden oder

verbreiteten unter den Bösen die verderblichen Lehren ihres Wissens.

Das sind die Erinnerungen, die ich in einer Art unklarer Intuition der

Vergangenheit schilderte: ich schauderte, indem ich die scheußlichen Züge

dieser verfluchten Geschlechter darstellte. Überall starb, weinte oder

seufzte das Leidensbild der »Ewigen Mutter«. Quer durch die wirren

Zivilisationen Asiens und Afrikas sah man eine blutige Szene von Orgien und

Gemetzel sich stets wiederholen, die von denselben Geistern in immer neuen

Formen hervorgebracht wurden.

Die letzte fand in Granada statt, wo der geheiligte Talisman unter den

feindlichen Körpern der Christen und der Mauren zertrümmert wurde. Wieviel

Jahre wird die Welt noch zu leiden haben, denn die Rache dieser ewigen

Feinde muß sich unter andern Himmeln erneuern! Das sind die abgeteilten

Stücke der Schlange, die den Erdkreis umgibt . . . . . Das Eisen hat sie

getrennt und sie vereinigen sich in einem scheußlichen, mit Menschenblut

verklebten Kuß. --

Aurelia, oder, Der Traum und das Leben · 第 17 / 29 题