VII.

NACH diesem Traum, der anfangs so glücklich war, bemächtigte sich meiner

eine große Bestürzung. Was bedeutete er? Ich wußte es erst später, Aurelia

war tot.

Zuerst bekam ich nur die Nachricht von ihrer Krankheit. Als Folge meines

Geisteszustands empfand ich nur einen unbestimmten, mit Hoffnung gemischten

Kummer. Ich glaubte, daß ich selbst nur noch kurze Zeit zu leben hätte und

war von nun an des Vorhandenseins einer Welt sicher, wo die liebenden

Herzen sich wiederfinden. Übrigens gehörte sie mir im Tode viel mehr als im

Leben . . . ein selbstsüchtiger Gedanke, den mein Verstand später mit

bitterer Reue bezahlen mußte.

Ich möchte nicht zu sehr auf Ahnungen bauen; der Zufall macht sonderbare

Sachen; aber ich war damals stark von einer Erinnerung an unsre so rasche

Vereinigung beschäftigt. Ich hatte ihr einen Ring von alter Arbeit gegeben,

dessen Stein ein herzförmig geschnittener Opal bildete. Da dieser Ring für

ihren Finger zu groß war, hatte ich die verhängnisvolle Idee gehabt, ihn

durchschneiden zu lassen, um den Reif zu verkleinern. Ich verstand meinen

Fehler erst, als ich das Geräusch der Säge hörte. Es schien mir, als sähe

ich Blut fließen . . . . .

Sorgfalt und Kunst hatten mir die Gesundheit wiedergegeben, ohne noch in

meinen Geist den regelmäßigen Gang der menschlichen Vernunft zurückgeführt

zu haben. Das Haus, in dem ich mich befand, lag auf einer Anhöhe und hatte

einen weitläufigen mit kostbaren Bäumen bepflanzten Garten. Die reine Luft

des Hügels, auf dem es lag, der erste Hauch des Frühlings, die

Annehmlichkeit einer durchaus sympathischen Gesellschaft verschafften mir

lange Tage der Ruhe.

Die ersten Blätter der Sykomoren entzückten mich durch die Lebhaftigkeit

ihrer Farben, die dem Federbusch eines Pharaohahns glichen. Die Aussicht,

die sich über die Ebene erstreckte, zeigte vom Morgen bis zum Abend

entzückende Horizonte, deren abgestufte Farbentöne meine Einbildungskraft

erfreuten. Ich bevölkerte die Abhänge und die Wolken mit göttlichen

Gestalten, deren Umrisse ich deutlich zu sehen meinte. -- Ich wollte meine

Lieblingsgedanken besser festhalten und bedeckte bald mit Hilfe von Kohle-

und Ziegelstückchen, die ich auflas, die Mauern mit einer Serie von

Fresken, wo sich meine Eindrücke verwirklichten. Eine Gestalt herrschte

immer vor: die Aurelias, die mit den Zügen einer Göttlichkeit gemalt war,

so wie sie mir im Traum erschienen war. Unter ihren Füßen drehte sich ein

Rad und die Götter bildeten ihren Zug. Es gelang mir, diese Gruppe zu

kolorieren, indem ich den Saft der Gräser und Blumen auspreßte. -- Wie oft

habe ich vor diesem geliebten Idol geträumt. Ich tat noch mehr; ich

versuchte den Körper derer, die ich liebte, aus Erde nachzubilden; jeden

Morgen mußte ich meine Arbeit wieder machen, denn die Verrückten, die

eifersüchtig auf mein Glück waren, gefielen sich darin, sein Bild zu

zerstören.

Man gab mir Papier und lange Zeit hindurch befleißigte ich mich durch

tausend Figuren, die von Erzählungen, von Versen und Inschriften in allen

bekannten Sprachen begleitet waren, eine Art Weltgeschichte darzustellen,

die mit Erinnerungen an Studien und mit Bruchstücken von Träumen vermischt

war, die durch meinen Geisteszustand intensiver oder verlängert erschienen.

Ich blieb nicht bei den modernen Überlieferungen der Schöpfung stehen. Mein

Gedanke stieg darüber hinaus. Ich sah wie in einer Erinnerung den ersten

Bund, der von Genien mit Hilfe von Talismanen geschlossen wurde. Ich hatte

versucht, die Steine der heiligen Tafelrunde zusammenzustellen, und um sie

herum die sieben ersten Elohim darzustellen, die sich in die Welt geteilt

haben.

Dieses System der Geschichte, die ich den orientalischen Überlieferungen

entnahm, fing mit der glücklichen Einigung der »Naturmächte« an, die das

Weltall gestalteten und organisierten. -- Während der Nacht, die meiner

Arbeit voranging, glaubte ich mich auf einen dunkeln Planeten versetzt, wo

die ersten Keime der Schöpfung umherschwirrten. Aus dem Schoß des noch

weichen Tons erhoben sich riesenhafte Palmbäume, giftige Euphorbien und um

Kakteen gewundene Akanthusstauden; die ausgetrockneten Formen der Felsen

stürzten hervor wie Skelette dieses Schöpfungsentwurfs und scheußliche

Reptilien schlängelten sich, machten sich breit oder rundeten sich mitten

in diesem unentwirrbaren Netz einer wilden Vegetation. Das bleiche

Sternenlicht erhellte allein die bläulichen Perspektiven dieses seltsamen

Horizonts; in dem Maß jedoch, als diese Schöpfungen Form gewannen, zog ein

hellerer Stern aus ihnen die Keime des Lichts.

Aurelia, oder, Der Traum und das Leben · 第 16 / 29 题