EINES Abends glaubte ich ganz bestimmt, an die Ufer des Rheins versetzt zu
sein. Gegenüber von mir befanden sich finstere Felsen, deren Perspektive
sich im Schatten andeutete. Ich trat in ein freundliches Haus, durch dessen
weinumwachsene grüne Läden ein Strahl der untergehenden Sonne fiel. Es
schien mir, als kehrte ich in eine bekannte Wohnung zurück, nämlich in die
eines Onkels mütterlicherseits, eines flämischen Malers, der seit mehr als
einem Jahrhundert tot war. Entwürfe zu Bildern waren hie und da aufgehängt,
einer davon stellte die berühmte Fee dieses Gestades dar. Eine alte Magd,
die ich Margarete nannte und die ich seit der Kindheit zu kennen wähnte,
sagte zu mir: »Wollen Sie sich nicht auf das Bett legen? Denn Sie kommen
von weit her, und Ihr Onkel wird spät zurückkommen; man wird Sie zum
Abendessen wecken.« Ich streckte mich auf einem Bett mit Säulen aus, das
mit blauem, groß und rotgeblumtem Tuch drapiert war. Gegenüber von mir hing
an der Wand eine bäurische Uhr und darauf saß ein Vogel, der mit mir wie
ein Mensch zu reden anhub. Und ich hatte den Gedanken, daß die Seele meines
Ahnen in diesem Vogel sei; aber ich war ebensowenig erstaunt über seine
Sprache und seine Gestalt als darüber, daß ich mich ein Jahrhundert
zurückversetzt sah. Der Vogel sprach zu mir von lebenden oder zu
verschiedenen Zeiten verstorbenen Familienmitgliedern, wie wenn sie
gleichzeitig existierten und sagte zu mir: »Sie sehen, Ihr Onkel hat Sorge
getragen, SEIN Bildnis im voraus zu machen . . . jetzt lebt SIE mit uns.«
Ich richtete die Augen auf eine Leinwand, die eine Frau in altdeutscher
Tracht darstellte, die sich über das Flußufer beugte und den Blick auf
einen Busch Vergißmeinnicht heftete.
-- Indessen wurde die Nacht immer dichter, und das Aussehen, die Laute und
die Stimmung der Orte verwischten sich in meinem schläfrigen Geist; ich
glaubte in einen Abgrund zu stürzen, der die Erdkugel durchschnitt. Ich
fühlte mich schmerzlos von einem Strom geschmolzenen Metalls fortgetrieben
und tausend ähnliche Flüsse, deren Färbungen die chemischen
Verschiedenheiten anzeigten, durchfurchten den Schoß der Erde wie die
Gefäße und Adern, die sich zwischen den Gehirnlappen schlängeln. Alle
strömten, kreisten und zitterten so, und ich hatte das Gefühl, daß diese
Flüsse aus lebenden Seelen im Molekularzustand beständen, und daß die
Geschwindigkeit dieser Reise allein mich verhinderte ihn zu erkennen. Eine
bleiche Helligkeit zog allmählich in diese Kanäle ein und ich sah endlich
einen neuen Horizont sich wie eine gewaltige Kuppel erweitern, wo sich
Inseln abzeichneten, die von leuchtenden Fluten umgeben waren. Ich befand
mich auf einer von diesem sonnelosen Tag erleuchteten Küste, und sah einen
Greis, der das Land bestellte. Ich erkannte in ihm denselben, der mit der
Stimme des Vogels zu mir geredet hatte, und sei es, daß er mit mir sprach,
sei es, daß ich ihn in meinem Innern verstand, es wurde mir klar, daß die
Vorfahren die Gestalt gewisser Tiere annehmen, um uns auf der Erde zu
besuchen, und daß sie so als stumme Beobachter den Phasen unserer Existenz
beiwohnen.
Der Greis verließ seine Arbeit und begleitete mich bis zu seinem Haus, das
sich in der Nähe erhob. Die Landschaft, die uns umgab, erinnerte mich an
einen Teil von Französisch-Flandern, wo meine Eltern gelebt haben und wo
sich ihre Gräber befinden; das von Gebüschen umgebene Feld am Waldrand, der
benachbarte See, der Fluß und der Waschplatz, das Dorf mit seiner
ansteigenden Straße, der Hügel aus dunkelm Sandstein und die Büschel aus
Ginster und Heidekraut, -- alles das war ein verjüngtes Bild der Orte, die
ich geliebt habe. Nur das Haus, in das ich trat, war mir unbekannt. Ich
begriff, daß es in ich weiß nicht welcher Zeit bestanden hat und daß in der
Welt, die ich eben besuchte, das Gespenst der Dinge das des Körpers
begleitete.
Ich trat in einen geräumigen Saal, wo viele Menschen versammelt waren.
Überall entdeckte ich bekannte Gesichter. Die Züge der toten Verwandten,
die ich beweint hatte, fanden sich in anderen wieder, die mir, in
altmodischen Kleidern, denselben väterlichen Empfang bereiteten. Sie
schienen zu einer Familientafel vereinigt zu sein. Einer dieser Verwandten
kam auf mich zu und umarmte mich zärtlich. Er trug ein altertümliches
Gewand, dessen Farben verblichen schienen, und sein lächelndes Antlitz
unter den gepuderten Haaren hatte einige Ähnlichkeit mit dem meinen. Er
schien mir ausgesprochener lebendig zu sein als die andern und sozusagen in
freiwilligerem Rapport mit meinem Geist. -- Es war mein Onkel. Er hieß mich
neben sich sitzen, und eine Art Verbindung stellte sich zwischen uns her;
denn ich kann nicht sagen, daß ich seine Stimme gehört hätte; nur in dem
Maße, als ich meine Gedanken auf einen Punkt richtete, wurde mir sogleich
seine Bedeutung klar, und die Bilder wurden vor meinen Augen so bestimmt
wie belebte Gemälde.
»Es ist also wahr,« sagte ich mit Entzücken, »wir sind unsterblich und
behalten hier die Bilder der Welt, die wir bewohnt haben. Welch ein Glück
zu denken, daß alles was wir geliebt haben, immer um uns herum bestehen
wird! Ich war des Lebens recht müde!« . . .
»Freue dich nicht zu früh,« sagte er, »denn du gehörst noch der oberen Welt
an, und du hast noch rauhe Prüfungsjahre zu bestehen. Der Aufenthalt, der
dich entzückt, hat selbst seine Schmerzen, Kämpfe und Gefahren! Die Erde,
die wir bewohnt haben, ist stets der Schauplatz, wo sich unsere Geschicke
knüpfen und lösen; wir sind die Strahlen des zentralen Feuers, das sie
belebt und das sich schon abgeschwächt hat« . . . . -- »Ach was!« sagte
ich, »die Erde könnte sterben und wir würden von dem Nichts verschlungen?«
-- »Das Nichts«, sagte er, »besteht nicht in dem Sinn wie man es meint;
aber die Erde ist selbst ein materieller Körper, dessen geistiger Extrakt
die Seele ist. Die Materie kann nicht mehr zugrund gehen als der Geist,
aber sie kann sich verändern nach dem Guten und nach dem Bösen. Unsre
Vergangenheit und unsre Zukunft sind eins. Wir leben in unsrer Rasse und
unsre Rasse lebt in uns.«
Dieser Gedanke leuchtete mir sogleich ein, und wie wenn sich die Mauern des
Saales auf unendliche Perspektiven geöffnet hätten, schien es mir als sähe
ich eine ununterbrochene Kette von Männern und Frauen, in denen ich
enthalten war und die ich selbst waren. Die Trachten aller Völker, die
Bilder aller Länder erschienen gleichzeitig deutlich, wie wenn sich meine
Beobachtungsfähigkeiten vervielfacht hätten, ohne sich zu verwirren; dies
geschah durch ein Wunder des Raums gleich dem der Zeit, das ein Jahrhundert
voll Taten in eine Traumminute zusammenpreßt. Mein Befremden wuchs als ich
sah, daß diese ungeheure Menge nur aus Personen bestand, die sich im Saal
befanden und deren Bilder sich vor meinen Augen in tausend flüchtigen
Erscheinungen getrennt und verbunden hatten.
»Wir sind sieben«, sagte ich zu meinem Onkel.
»Das ist tatsächlich«, sagte er, »die typische Zahl jeder menschlichen
Familie und im Falle der Ausdehnung sieben mal sieben oder mehr.«
Ich kann nicht hoffen, diese Antwort verständlich zu machen, die für mich
selbst sehr dunkel geblieben ist. Die Metaphysik versorgte mich nicht mit
Ausdrücken für die Beobachtung, die von den Beziehungen dieser Personenzahl
zur allgemeinen Harmonie herrührte. Man begreift wohl im Vater und der
Mutter die Analogie der elektrischen Naturkräfte, aber wie soll man die
individuellen Zentren feststellen, die sie ausströmen, wovon sie ausströmen
wie eine animische Gesamtfigur, deren Zusammensetzung gleichzeitig
mannigfaltig und begrenzt wäre? Geradesogut könnte man von der Blume
Rechenschaft fordern für die Zahl ihrer Blütenblätter oder für die
Einteilung ihrer Krone, . . . . von der Erde für die Formen, die sie
bildet, von der Sonne für die Farben, die sie schafft.