HIER hat für mich das begonnen, was ich das Hineinwachsen des Traums in das
wirkliche Leben nennen will. Von diesem Moment gewann alles mitunter ein
doppeltes Aussehen -- und zwar ohne daß das Denken jeder Logik entbehrt und
das Gedächtnis die geringsten Einzelheiten dessen, was mir widerfuhr,
verloren hätte. Nur meine scheinbar sinnlosen Handlungen waren dem
unterworfen, was man nach der menschlichen Vernunft »Illusion« nennt.
Der Gedanke ist mir sehr häufig gekommen, daß sich in gewissen ernsten
Augenblicken des Lebens ein solcher Geist der äußern Welt plötzlich in der
Gestalt einer alltäglichen Person verkörperte und auf uns wirkte oder zu
wirken versuchte, ohne daß diese Person Kenntnis davon hatte oder eine
Erinnerung daran bewahrte.
Mein Freund hatte mich verlassen als er sah, daß seine Anstrengungen
nutzlos waren und hielt mich zweifellos für die Beute irgendeiner fixen
Idee, die das Gehen beruhigen würde. Als ich allein war, erhob ich mich mit
Anstrengung und machte mich wieder auf den Weg, wobei ich der Richtung des
Sternes folgte, auf den ich den Blick unaufhörlich heftete. Ich sang im
Gehen eine geheimnisvolle Hymne, deren ich mich aus einem früheren Leben zu
entsinnen glaubte und die mich mit unsäglicher Freude erfüllte.
Gleichzeitig legte ich meine irdischen Kleider ab und streute sie um mich
aus. Der Weg schien stets anzusteigen und der Stern größer zu werden. Dann
blieb ich mit ausgebreiteten Armen stehen und erwartete den Augenblick, wo
die magnetisch in den Strahl des Sterns gezogene Seele sich vom Körper
trennen würde. Da fühlte ich einen Schauer; die Sehnsucht nach der Erde und
denen, die ich dort liebte, griff mir ans Herz; ich beschwor innerlich den
GEIST, der mich anzog, so inbrünstig, daß es mir schien als sänke ich
wieder zu den Menschen zurück; -- ich geriet unter Soldaten, die die
Nachtrunde machten. Da hatte ich die Idee, daß ich sehr groß geworden sei,
und daß ich durch eine Flut von elektrischen Kräften alles niederwerfen
würde, was sich mir näherte. Es war etwas Komisches in der Sorgfalt, mit
der ich meine Kräfte im Zaum hielt und das Leben der Soldaten, die mich
aufgehoben hatten, verschonte.
Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es die Aufgabe eines Schriftstellers
ist, aufrichtig zu schildern, was er in den ernsten Lebensumständen
empfindet, und wenn ich mir nicht ein Ziel steckte, das ich für nützlich
halte, würde ich hier aufhören und nicht versuchen das zu beschreiben, was
ich dann in einer Reihe von vielleicht sinnlosen oder gewöhnlichen,
krankhaften Visionen empfand.
Ich lag ausgestreckt auf einem Feldbett und glaubte zu sehen, wie der
Himmel sich entschleierte und sich in tausend Ausblicken von unerhörten
Herrlichkeiten öffnete. Das Schicksal der befreiten Seele schien sich mir
zu enthüllen, wie um mir Bedauern darüber einzuflößen, daß ich wieder mit
allen Kräften meines Geistes auf der Erde Fuß fassen wollte, die ich zu
verlassen im Begriff war. Ungeheure Kreise zeichneten sich in die
Unendlichkeit ab wie die Ringe auf dem Wasser, das der Fall eines Körpers
beunruhigt; jede Region war von strahlenden Gestalten bevölkert und färbte,
bewegte und löste sich abwechselnd auf, und eine sich immer gleiche
Gottheit warf lächelnd die heimlichen Masken ihrer verschiedenen
Inkarnationen von sich ab und floh endlich unergreifbar in die mystische
Helle des Himmels Asiens.
Dieses himmlische Gesicht machte mich durch eines jener Phänomene, die
jedermann in gewissen Träumen gefühlt hat, nicht gleichgültig gegen das,
was um mich herum vorging. Ich lag auf einem Feldbett und hörte, wie die
Soldaten sich um mich herum von einem Unbekannten unterhielten, den man wie
mich aufgegriffen hatte, und dessen Stimme in dem gleichen Saal
widerhallte. Durch eine sonderbare Vibrationswirkung schien es mir, als ob
diese Stimme in meiner Brust mitklänge, und daß meine Seele sich sozusagen
verdoppelte, wobei sie sich deutlich zwischen der Vision und der
Wirklichkeit teilte. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken mich mit
Anstrengung nach dem herumzudrehen, von dem die Rede war; dann zitterte ich
bei der Erinnerung an eine in Deutschland wohlbekannte Überlieferung,
wonach jeder Mensch einen DOPPELGÄNGER hat, und daß, wenn er ihn sieht,
sein Tod nahe sei. -- Ich schloß die Augen und kam in einen verwirrten
Geisteszustand, wo die eingebildeten oder wirklichen Gestalten, die mich
umgaben, in tausend flüchtige Erscheinungen zerbarsten. Einen Augenblick
sah ich nahe bei mir zwei meiner Freunde, die nach mir fragten. Die
Soldaten wiesen auf mich; dann öffnete sich die Tür und jemand von meiner
Gestalt, dessen Gesicht ich nicht sah, ging mit meinen Freunden hinaus, die
ich vergeblich zurückrief: »Aber man irrt sich«! schrie ich, »sie sind
gekommen, um mich zu holen und ein anderer geht mit ihnen fort!« -- Ich
lärmte so, daß man mich in Arrest brachte. Dort blieb ich mehrere Stunden
in einer Art Stumpfheit; endlich kamen die beiden Freunde, die ich schon ZU
SEHEN GEGLAUBT HATTE und holten mich mit einem Wagen ab. Ich erzählte ihnen
alles, was sich ereignet hatte, aber sie leugneten, in der Nacht gekommen
zu sein. Ich aß ziemlich ruhig mit ihnen zu Abend, aber je näher die Nacht
herankam, desto deutlicher schien es mir, daß ich dieselbe Stunde zu
fürchten hätte, die mir am Abend vorher fast verhängnisvoll geworden wäre.
Ich verlangte von einem von ihnen einen orientalischen Ring, den er am
Finger trug und den ich für einen alten Talisman hielt. Ich knüpfte ihn mit
einem seidenen Tuch um den Hals und bemühte mich den Stein, einen Türkisen,
auf den Punkt meines Nackens zu drehen, wo ich Schmerzen fühlte. Meiner
Ansicht nach war es dieser Punkt, bei dem die Seele zu entfliehen in Gefahr
war und zwar in dem Augenblick, wo ein gewisser Strahl des Sterns, den ich
am Vorabend gesehen hatte, in Beziehung zu mir mit dem Zenith
zusammentreffen würde. Sei es Zufall, sei es die Wirkung meiner starken
Voreingenommenheit, ich stürzte zur selben Stunde wie am Vorabend wie vom
Blitz getroffen nieder. Man legte mich auf ein Bett und während langer Zeit
verlor ich den Sinn und den Zusammenhang der Bilder, die sich vor mir
abrollten. Dieser Zustand dauerte mehrere Tage. Ich wurde in eine
Heilanstalt verbracht. Viele Verwandte und Freunde besuchten mich, ohne daß
ich Kenntnis davon gehabt hätte. Der einzige Unterschied, der für mich
zwischen Wachen und Schlafen bestand, war, daß sich während des Wachens
alles vor meinen Augen umformte; jede Person, die sich mir näherte, schien
verändert, die materiellen Dinge hatten etwas wie einen Halbschatten, der
ihre Form umgestaltete, und die Spiele des Lichts, die Verbindungen der
Farben lösten sich auf, so daß sie mich in einer beharrlichen Folge von
miteinander verbundenen Eindrücken hielten. Dadurch, daß ich träumte, waren
sie mehr von den äußeren Elementen befreit und verloren nicht an
Wahrscheinlichkeit.