ALLES um mich herum wechselte seine Gestalt. Der Geist, mit dem ich mich
unterhielt, hatte nicht mehr dasselbe Aussehen. Es war ein junger Mann, der
von nun an mehr von mir die Gedanken erhielt, als daß er sie mir mitteilte
. . . War ich zu weit in jene Höhen gestiegen, wo einen der Schwindel
erfaßt? Ich glaubte zu verstehen, daß solche Fragen dunkel oder gefährlich
seien selbst für die Geister der Welt, die ich damals wahrnahm. Vielleicht
untersagte mir auch eine höhere Macht die Nachforschungen. Ich sah mich in
den Straßen einer stark bevölkerten, unbekannten Stadt umherirren. Ich
bemerkte, daß sie von hügeligen Rücken durchzogen und von einem ganz mit
Wohnstätten bedeckten Berg beherrscht war. Zwischen dem Volk dieser
Hauptstadt unterschied ich gewisse Menschen, die einer besonderen Nation
anzugehören schienen; ihre lebhaften, entschlossenen Mienen, der energische
Ausdruck ihrer Züge veranlaßten mich, an die unabhängigen und kriegerischen
Gebirgs- oder Inselvölker zu denken, die wenig von Fremden besucht werden;
indessen war es mitten in einer großen Stadt, mit einer gemischten und
gewöhnlichen Bevölkerung, wo sie ihre wilde Eigenart aufrecht zu erhalten
wußten. Wer waren denn diese Menschen? Mein Führer ließ mich abschüssige
und lärmvolle Straßen erklimmen, die von den verschiedenartigen Geräuschen
der Tätigkeit widerhallten. Wir stiegen noch lange Reihen von Treppen
empor, hinter welchen sich die Aussicht erschloß.
Hie und da sah man mit Gitterwerk bekleidete Terrassen, kleine, in
geebneten Zwischenräumen angelegte Gärtchen, Dächer, leicht gebaute
Pavillons, die mit launiger Geduld bemalt und ausgehauen waren;
Fernsichten, die durch lange Streifen von kletterndem Grün miteinander
verbunden waren, verführten das Auge und erfreuten den Geist wie der
Anblick einer köstlichen Oase einer unbekannten Einsamkeit oberhalb der
Wirrnis jener von unten kommenden Geräusche, die hier nur mehr ein Gemurmel
waren. Man hat oft von geächteten Völkern gesprochen, die im Schatten der
Totenstädte und der Grüfte leben. Hier war zweifellos das Gegenteil der
Fall. Ein glückliches Geschlecht hatte sich diesen Zufluchtsort geschaffen,
den Vögel, Blumen, reine Luft und Helle liebten. »Das sind«, sagte mir mein
Führer, »die alten Bewohner dieser Berge, die die Stadt beherrschen, in der
wir eben weilen. Lange haben sie hier gelebt, hatten einfache Sitten,
liebten sich und waren gerecht und behielten die natürlichen Tugenden der
ersten Erdentage. Das benachbarte Volk ehrte sie und richtete sich nach
ihnen.«
Von dem Punkt, wo ich mich eben befand, stieg ich meinem Führer folgend
hinunter und gelangte in eine dieser hohen Behausungen, deren vereinte
Dächer einen so sonderbaren Anblick boten. Es schien mir, als ob meine Füße
sich in die aufeinanderfolgenden Schichten der Gebäude verschiedener
Zeitalter eingrüben. Diese Gespenster der Bauten deckten immer wieder
andere auf, wo sich der eigentümliche Geschmack jedes Jahrhunderts zeigte
und das war wie der Anblick von Nachgrabungen, die man in den antiken
Städten vornimmt, außer daß alles luftig, lebendig und von tausend Lichtern
durchspielt war.
Endlich befand ich mich in einem geräumigen Zimmer, wo ich einen Greis vor
einem Tisch mit ich weiß nicht was für einem Handwerk beschäftigt sah. Im
Augenblick, als ich die Tür durchschritt, bedrohte mich ein weißgekleideter
Mann, dessen Gesicht ich schlecht unterschied, mit einer Waffe, die er in
der Hand hielt; aber der, welcher mich geleitete, machte ihm ein Zeichen
sich zu entfernen. Es schien, als wolle man mich verhindern, das Geheimnis
dieser Abgeschiedenheit zu durchdringen. Ohne meinen Führer zu fragen,
begriff ich intuitiv, daß diese Höhen und gleichzeitig diese Tiefen der
Zufluchtsort der primitiven Bergbewohner waren. Sie trotzten stets der
überschwemmenden Flut der Rassenanhäufung und lebten hier einfach von
Sitten, liebend und gerecht, geschickt, stark und erfinderisch, -- und als
friedfertige Besieger der blinden Massen, die so oft ihr Erbteil überfallen
hatten.
Wie? weder verderbt, noch vernichtet, noch Sklaven, rein, obwohl sie die
Unwissenheit besiegt haben, im Wohlstand von den Tugenden der Armut
erfüllt! -- Ein Kind ergötzte sich am Boden mit Kristallen, Muscheln und
gravierten Steinen und machte zweifellos aus dem Studium ein Spiel. Eine
bejahrte aber noch schöne Frau beschäftigte sich mit den Sorgen des
Haushalts. In diesem Augenblick traten mehrere junge Leute lärmend ein, als
ob sie von ihren Arbeiten heimkehrten. Ich war erstaunt, sie alle in Weiß
gekleidet zu sehen; aber das war, wie es scheint, nur eine Täuschung meiner
Augen. Um mir das klar zu machen, begann mein Führer ihre Kleidung als
lebhaft farbig zu beschreiben, wobei er mir zu verstehen gab, daß sie in
Wirklichkeit so wäre. Das Weiß, das mich befremdete, kam vielleicht von
einem besonderen Glanz, von einem Lichterspiel, wobei sich die gewöhnlichen
Farben des Prismas vermischten.
Ich ging aus dem Zimmer und befand mich auf einer in einen Ziergarten
verwandelten Terrasse. Hier gingen junge Mädchen und Kinder spazieren und
spielten. Ihre Kleider erschienen mir weiß wie die andern, aber sie waren
mit rosa Stickereien verziert. Diese Geschöpfe waren so schön, ihre Züge so
lieblich und der Glanz ihrer Seele leuchtete so lebhaft durch ihre zarten
Formen, daß sie alle eine Art Liebe ohne Bevorzugung und ohne Begierde
einflößten, die den ganzen Taumel der grenzenlosen Jugendleidenschaften
zusammenfaßte.
Ich kann das Gefühl nicht wiedergeben, das ich inmitten dieser entzückenden
Wesen empfand, die mir teuer waren, ohne daß ich sie kannte. Es war wie
eine primitive und himmlische Familie, deren lächelnde Augen die meinen mit
sanfter Teilnahme suchten; ich fing an heiße Tränen zu weinen, wie in
Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Da fühlte ich bitter, daß ich nur
Reisender in dieser zugleich fremden und geliebten Welt war, und ich
zitterte bei dem Gedanken, daß ich ins Leben zurückkehren müsse. Umsonst
drängten sich die Frauen und Kinder um mich wie um mich zurückzuhalten.
Schon verschmolzen ihre hinreißenden Formen in wirren Nebeln; diese schönen
Gesichter erbleichten, diese bestimmten Züge, diese schimmernden Augen
verloren sich in einem Schatten, wo noch der letzte Strahl des Lächelns
leuchtete . . . . . .
So war diese Vision oder so waren wenigstens die Haupteinzelheiten, die ich
in Erinnerung behalten habe. Der kataleptische Zustand, in dem ich mich
mehrere Tage lang befunden hatte, wurde mir wissenschaftlich erklärt und
die Berichte derer, die mich so gesehen hatten, versetzten mich in eine Art
Gereiztheit als ich sah, daß man der Geistesverirrung die Bewegungen und
Worte zuschrieb, die für mich mit den verschiedenen Phasen einer logischen
Kette von Ereignissen zusammenfielen. Ich liebte mehr die meiner Freunde,
die aus geduldiger Gefälligkeit oder in Folge ähnlicher Gedanken mich zu
langen Erzählungen der Dinge veranlaßten, die ich im Geist gesehen hatte.
Einer von ihnen sagte weinend zu mir: »Nicht wahr, es gibt einen Gott?« --
»Ja«, sagte ich voll Begeisterung zu ihm. Und wir umarmten uns wie zwei
Brüder dieses mystischen Vaterlandes, das ich geschaut hatte. -- Welches
Glück fand ich zuerst in dieser Überzeugung! So war der ewige Zweifel an
der Unsterblichkeit der Seele, der die besten Geister angreift, für mich
entschieden. Kein Tod mehr, keine Traurigkeit, keine Unruhe! Die, welche
ich liebte, Eltern, Freunde gaben mir sichere Zeichen ihres ewigen Lebens,
und ich war von ihnen nur noch durch die Stunden des Tages getrennt. Die
der Nacht erwartete ich in einer sanften Schwermut.