SPÄTER begegnete ich ihr in einer anderen Stadt, wo sich die Dame befand,
die ich immer noch ohne Hoffnung liebte. Ein Zufall machte sie miteinander
bekannt, und die erste hatte zweifellos Gelegenheit, die, welche mich aus
ihrem Herzen verbannt hatte, in Hinsicht auf mich zu rühren, so daß ich sie
eines Tages, als ich mich in einer Gesellschaft befand, an der auch sie
teilnahm, auf mich zukommen und mir die Hand entgegenstrecken sah. Wie soll
ich diesen Schritt und den tiefen traurigen Blick beschreiben, mit dem sie
ihren Gruß begleitete? Ich glaubte darin die Verzeihung für die
Vergangenheit zu lesen. Der göttliche Ausdruck des Mitleids gab den
einfachen Worten, die sie an mich richtete, einen unaussprechlichen Wert,
wie wenn sich etwas Religiöses in die Süßigkeiten einer bis dahin profanen
Liebe gemischt hätte und ihr den Stempel der Ewigkeit aufdrückte.
Eine gebieterische Pflicht zwang mich nach Paris zurückzukehren, aber ich
faßte sogleich den Entschluß, nur wenige Tage dort zu bleiben und zu meinen
beiden Freundinnen zurückzueilen. Die Freude und die Ungeduld versetzten
mich in eine Art Betäubung, die sich mit der Sorge für die Geschäfte
verwickelte, die ich zu beenden hatte. Eines Abends, gegen Mitternacht,
ging ich wieder die Vorstadtstraße entlang, wo sich meine Wohnung befand.
Als ich zufällig die Augen aufhob, erkannte ich die Nummer des Hauses, die
durch einen Gasarm erleuchtet war. Diese Zahl war die meines Alters. Gleich
darauf sah ich, als ich den Blick wieder senkte, vor mir eine Frau von
fahler Gesichtsfarbe mit hohlen Augen, die mir die Züge von Aurelia zu
haben schien. Ich sagte mir: »Ihr, oder mein Tod wird mir angekündigt!«
Aber ich weiß nicht, warum ich bei der letzten Annahme stehen blieb und ich
erschreckte mich mit der Idee, daß es am folgenden Tag um dieselbe Stunde
sein würde.
In dieser Nacht hatte ich einen Traum, der diesen Gedanken in mir
befestigte. Ich irrte in einem weitläufigen Gebäude, das aus mehreren Sälen
bestand, von denen die einen dem Studium gewidmet waren, während die andern
der Unterhaltung oder philosophischen Diskussionen dienten. Ich blieb voll
Interesse in einem der ersten stehen, wo ich meine alten Lehrer und
Mitschüler zu erkennen glaubte. Die Stunden über die lateinischen und
griechischen Schriftsteller nahmen ihren Fortgang mit diesem eintönigen
Gemurmel, das ein Gebet zur Göttin Mnemosyne zu sein scheint. -- Ich ging
in einen andern Saal, wo philosophische Vorträge stattfanden. Ich nahm
einige Zeit teil daran, dann ging ich hinaus, um mein Zimmer in einer Art
Gasthaus mit ungeheuren Treppen zu suchen, das voll war von geschäftigen
Reisenden.
Ich verirrte mich mehrere Male in den langen Gängen und als ich eine der
Mittelgalerien kreuzte, wurde ich von einem seltsamen Schauspiel
überrascht. Ein Wesen von unermeßlicher Größe -- ob Mann oder Frau weiß ich
nicht -- hielt sich mühsam über dem Raum in der Schwebe und schien sich
zwischen dem dichten Gewölk zu überschlagen. Da es ihm an Atem und Kraft
gebrach, fiel es endlich mitten in den dunkeln Hof, wobei es mit seinen
Flügeln am Dach und an den Balustraden bald hängen blieb und bald sich
stieß.
Ich konnte es einen Augenblick betrachten. Es war in hochroten Tönen
gefärbt und seine Flügel schillerten in tausendfach wechselndem
Widerschein. In seinem langen Kleid mit antikem Faltenwurf glich es dem
Engel der Melancholie von Albrecht Dürer. Ich konnte mich nicht enthalten,
Schreie des Entsetzens auszustoßen, die mich plötzlich aufweckten.
Am folgenden Tag beeilte ich mich, alle meine Freunde aufzusuchen. Ich
sagte ihnen in Gedanken Lebewohl und ohne ihnen etwas von dem zu verraten,
was meinen Geist beschäftigte, erörterte ich mit Wärme mystische
Gegenstände; ich erstaunte sie durch eine besondere Beredsamkeit; es kam
mir vor, als wüßte ich alles und als enthüllten sich mir die Geheimnisse
der Welt in diesen erhabenen Stunden.
Am Abend als die verhängnisvolle Stunde sich zu nähern schien, sprach ich
mit zwei Freunden am Tisch eines Klubs über Malerei und Musik und erklärte
von meinem Standpunkt aus die Entstehung der Farben und den Sinn der
Zahlen. Einer von ihnen, namens Paul ***, wollte mich nach Hause begleiten,
aber ich sagte ihm, daß ich nicht heim ginge. »Wo gehst du hin?« frug er
mich. »NACH DEM ORIENT.« Und während er mich begleitete, suchte ich am
Himmel nach einem Stern, den ich zu kennen glaubte, wie wenn er einigen
Einfluß auf mein Geschick hätte. Nachdem ich ihn gefunden, setzte ich
meinen Weg fort und folgte den Straßen, in deren Richtung er sichtbar war.
Ich ging sozusagen meinem Geschick entgegen und wollte den Stern beobachten
bis zu dem Augenblick, wo der Tod mich treffen würde. Als ich indessen an
eine Kreuzung von drei Straßen gelangt war, wollte ich nicht mehr weiter
gehen. Es schien mir, als wenn mein Freund eine übermenschliche Kraft
entfalte, um mich zu veranlassen, den Platz zu wechseln; er wuchs vor
meinen Augen und bekam die Züge eines Apostels. Ich glaubte zu sehen, wie
der Ort, wo wir uns befanden, sich erhob und die Form seines städtischen
Aussehens verlor. Die Szene verwandelte sich in einen Hügel, den ungeheure
Einsamkeit umgab; sie zeigte den Kampf zweier Geister wie eine biblische
Versuchung.
»Nein!« sagte ich, »ich gehöre nicht deinem Himmel an. Auf diesem Stern
sind die, welche mich erwarten. Sie waren schon vor der Offenbarung, die du
angekündigt hast. Laß mich zu ihnen, denn die ich liebe weilt an jenem Ort
und dort sollen wir uns wiederfinden.«