Er schüttelte den Kopf und sagte: „Und Sie sind es wol nicht, Tosca?“

„Oh .... ich!“ rief sie, und faltete demüthig die Hände.

Sie hatte keinen andern Gedanken, als der sich auf die Pflege ihres

Mannes bezog. Ignaz sprach zu sich selbst: „In der Stimmung wäre sie,

um die Donation zu machen; aber! aber! der Moment ist nicht günstig!

ich darf mir jetzt, am Sterbebett, nicht merken lassen, woran ich

denke. Sie muß für mich in ihrer gegenwärtigen Stimmung bleiben.“

-- Sie sah Sigismund nicht. Er hatte den Takt, nicht zu kommen. Er

fragte die Dienstboten .... wol zwanzig Mal täglich; zuweilen den

Arzt. Bei den Fragen nach dem General erfuhr er beiläufig etwas über

Tosca. Er war in qualvoller Angst, daß ihre Gesundheit leiden möge,

und die Sorge, welche er zuerst um sie gehabt, erwachte mit erneuter

Stärke: Ignaz werde ihre Rührung und Trauer benutzen, um sie zu einem,

hinsichtlich ihres Vermögens nachtheiligen Schritt zu bewegen -- im

Fall der General stürbe.

Im Fall der General stürbe! sein Herz schlug hoch auf. „O wenn sie mich

liebte!“ dachte er unter jenem Strom des Entzückens, der wie der Tod

den ganzen Menschen zugleich vernichtet und verklärt. „O wäre doch mein

Brief an Agathe damals fortgegangen!“ dachte er gleich darauf. Ehe er

sich ihr gegenüber nicht frei hingestellt hatte, fühlte er sich nicht

frei.

Am siebenten Tage starb der General. Tosca benahm sich ernst und

ruhig, eben so fern von Verzweiflung, als von Gleichgültigkeit.

In seinen letzten Stunden war ihm das Dämmerlicht des Bewußtseins

aufgeflackert, und er hatte ihr Worte des Dankes, der Anerkennung, der

Liebe gestammelt, die sie zu hören verdiente, und die sie mit heiliger

Rührung anhörte.

Er war todt und begraben. Bis dahin hatte sie Niemand gesehen, nicht

Ignaz, nicht Sigismund; sie wollte nicht. Ihr war beklommen zu Muth,

wenn sie an Sigismund dachte. Sie versuchte nachzudenken, wie sie sich

ihm gegenüber zu benehmen, was sie zu thun habe. Der Schluß davon war:

Nichts hab’ ich zu thun, denn ich liebe ihn .... und Er? -- --

Am Tage nach dem Begräbniß des Generals kam sie aus ihrer Klausur

hervor. Sie wollte sich nicht den Anschein einer Untröstlichkeit

geben, die sie nicht wirklich empfand. Sie ließ Ignaz zu sich bitten.

Sie sagte ihm, sie gedächte die ersten sechs Wochen der tiefen Trauer

in Berlin zuzubringen, und dann zur Testamentseröffnung nach Trier

zu gehen, wo der General das seine gemacht und niedergelegt habe.

Während der Zeit wolle sie hier mit Rechtsgelehrten sprechen über

die Art und Weise, wie sie sich mit seiner Familie am besten in der

Erbschaftsangelegenheit auseinanderzusetzen habe. Sie hatte nicht

vergessen, was Sigismund ihr in jener Nacht gerathen. Sie sprach und

erschien ganz selbständig und überlegend. Sie schien zu fühlen, daß

sie für die Zukunft allein auf sich selbst angewiesen sei, und für

sich selbst sorgen müsse. Sie sprach so klar und bestimmt, daß Ignaz

seine Hoffnungen schwinden sah. Kein Rechtsgelehrter auf der Welt,

das wußte er sehr gut -- würde ihr je zu der Donation rathen. Durch

diese Donation allein konnte er Herr des ganzen Vermögens werden;

alsdann gab er der Mutter, den Geschwistern, an Tosca selbst, nur

eine Rente; die Masse blieb sein, und er konnte mit diesem Vermögen

Anspruch auf eine große und reiche Heirath machen. Ohne die Donation,

wenn es zu einem Vergleich kam, ja, wenn Tosca sogar die Hälfte der

Erbschaft abtrat, war immer seine Mutter die Erbin, und er ging mit

seinen Geschwistern dereinst nur zu gleichen Theilen aus. Das war ein

ganz miserables Loos! Er dachte, da sei es doch schon besser, Tosca zu

heirathen, und er freute sich unaussprechlich, daß er von jeher Worte

hatte fallen lassen, welche auf eine tiefe und heimliche Liebe zu ihr

deuteten. Er hatte freilich einer Andern lebhaft den Hof gemacht, und

sogar in Toscas Gegenwart von der Möglichkeit einer Verbindung mit

ihr gesprochen; aber das ließe sich vielleicht als eine nothwendige

Zerstreuung darstellen. Auf einmal fuhr über diese geistige Rechentafel

ein nasser Schwamm. Es war der Gedanke an Sigismund Forster.

„Tosca!“ rief Ignaz sehr lebhaft, „warum sprechen Sie mit mir von Hab

und Gut? Haben Sie keine andre Worte für mich?“

„Ihre Zukunft liegt mir sehr am Herzen, guter Ignaz,“ erwiederte sie,

„denn Sie haben die schwere Vergangenheit treu mit mir getheilt. Ich

mögte jene gern sicherstellen und leicht machen. Und wir haben ja auch

schon früher darüber geredet! -- Uebrigens wissen Sie wol, daß mir für

meinen Dank nur die Worte fehlen, und daß ich ihn in Gesinnung und That

auszusprechen wünsche. Wie kann Sie das plötzlich kränken?“

„Nicht kränken -- nur tief betrüben, daß Sie mich nicht verstehen

wollen. Vergebung!“ rief er, als sie ihn ernst und mißbilligend

ansah; „Vergebung! ich schweige .... jetzt! -- Aber,“ fuhr er in

seinem gewohnten Ton fort, „weshalb wollen Sie hier sechs lange Wochen

verbringen? Sie haben hier keine nähern Freunde und da draußen am Rhein

so viele, welche sich alle beeifern würden Sie zu zerstreuen.“

„Wozu das?“ fragte Tosca; „die Zerstreuung kommt immer früh genug.“

„Jetzt, bei dem frischen Winterwetter würde das Reisen nicht

beschwerlich sein.“

„Das Hierbleiben ist es auch nicht, lieber Ignaz, und ich mag mich

nicht gern ohne Noth in meinen tiefen Trauerkleidern auf der Landstraße

und in Gasthöfen umhertreiben.“

Ignaz ergrimmte innerlichst. Es quoll ein bittrer Haß gegen Sigismund

in ihm auf. Ist er denn nicht aus dem Wege zu schaffen? dachte er. Aber

er versuchte nicht Toscas Plänen länger zu widersprechen, er wußte wol,

daß nichts den Menschen so fest an seine Meinung schmiedet, als der

fremde Widerspruch.

Nachdem Ignaz gegangen war, ließ Tosca an Sigismund sagen, es würde ihr

lieb sein, wenn er zu ihr kommen könne. Er kam sogleich. Er war ganz

schwarz gekleidet, und sah sehr blaß und sehr ernst aus. Seit jenem

heitern Morgen hatten sie sich nicht gesehen. Nun standen sie einander

gegenüber, die zwei edlen Gestalten, und die Herzen voll verschwiegener

Liebe waren mit den Trauerkleidern zugedeckt. Ein leichtes Zittern

überglitt Tosca; sie setzte sich. Da trat Sigismund zu ihr heran,

kniete vor ihr nieder, und reichte ihr seine Hand. Sie legte die

ihre hinein, und er hielt sie einen Augenblick, wie man ein Geschenk

empfängt, ohne sie anzufassen, ohne sie zu drücken. Dann ließ er sie

sanft fallen, stand auf, und setzte sich ihr gegenüber. Das Alles war

ernst und langsam geschehen, fast feierlich. Kein Wort war gewechselt,

nur ein Blick.

„Gnädigste Frau,“ sagte Sigismund darauf mit fester Stimme, „wenn Sie

bei irgend einer Angelegenheit eines ergebenen Menschen bedürfen, so

befehlen Sie nur über mich.“

Es war eine große Erquickung für Tosca, daß es ihm nicht einfiel, ihr

sein Bedauern oder seine Theilnahme anders auszusprechen, als durch

seine Erscheinung. Sie sprach von der großen Dankbarkeit, die sie

Ignaz schuldig sei, und wie ihr so sehr daran liege, mit ihm und seiner

Familie in freundlichem Vernehmen zu sein. Sie sagte in Bezug auf den

General:

„Er hatte gewichtige Gründe, um zu handeln, wie er eben that, und

wenn er in den letzten Jahren sein Testament nicht verändert hat, so

geschah das ganz gewiß, weil er wohl wußte, daß ich der Veränderung

seines Sinnes gemäß handeln würde. Ignaz hat sich wie ein Sohn für

ihn benommen, und so denk’ ich, daß er auch in die Rechte eines Sohnes

treten muß.“

„Thun Sie Alles, was Sie für recht und gut halten, gnädige Frau, nur

begeben Sie Sich nicht in irgend eine Abhängigkeit von dem Grafen

Adlercron. Dergleichen Verhältnisse sind immer peinlich, auch bei den

edelsten, den reinsten Gesinnungen auf beiden Seiten, und es können

Umstände eintreten, welche sie unerträglich machen. Daher beschwör’ ich

Sie, den Gedanken an eine Donation, den Sie einmal flüchtig gegen mich

äußerten, aufzugeben.“

„Ich hab’ es gethan,“ sagte sie erröthend; ... „aber ich mögte doch

gern ohne einen Prozeß davon kommen.“

„Wer sind die nächsten Blutsverwandten des Generals?“

„Seine einzige Schwester, Gräfin Adlercron.“

„Wenn Sie die Erbschaft mit ihr theilen, so wird sie diesen friedlichen

Ausgang dem unfriedlichen und unsichern eines langwierigen Prozesses

vorziehen .... sollt’ ich meinen.“

„Ignaz hat mir gestanden,“ sagte Tosca ein wenig verlegen, „daß seine

Mutter sehr ... ja, ganz außerordentlich an Geld und Gut hange; da

würde sie vielleicht doch nicht damit zufrieden sein.“

„Es wäre doch des Versuches werth, gnädigste Frau. Ich gestehe Ihnen,

ich zweifle nicht an friedlicher Ausgleichung.“

„Und das wäre vielleicht ein Mittel, um sie mit ihrem Sohn zu

versöhnen!“ rief Tosca lebhaft.

„Ist sie mit ihm entzweit?“ fragte Sigismund.

„Ja,“ sagte Tosca, vertrauenvoll nacherzählend, was Ignaz ihr

vorerzählt hatte; -- „weil sie mit ihrem Bruder gespannt war, so

mißbilligte sie es, daß Ignaz zu uns kam, und hat ihn in den ganzen

drei Jahren nicht sehen wollen. Da sie aber so am irdischen Gut hangen

soll, so mein’ ich, wird sie ihm seinen Ungehorsam verzeihen, wenn sie

einsieht, daß sie ihm das ersehnte Vermögen verdankt. Dann, welch’ eine

Freude für Ignaz!“

Sigismund dachte auf der Stelle, daß Ignaz, wenn er wirklich nicht im

guten Vernehmen mit seiner Mutter lebe, wol im Stande sein könne, die

Erbschaft für sich allein zu wünschen und ... zu behalten. Eingedenk

der eilf Geschwister, welche ihn damals in Toscas Mund so heftig

erschreckt hatten, bestärkte er Tosca in ihrer Ansicht, die Erbschaft

mit Gräfin Adlercron und nicht mit ihrem Sohn zu theilen, weil sie die

natürliche Erbin des Generals sei. An der Freude, welche Ignaz nach

Toscas Meinung empfinden würde, zweifelte Sigismund heimlich; aber er

sprach den Zweifel nicht aus. Möge sie ihn immerhin für gut und redlich

halten, dachte er, sobald Ignaz dies Vertrauen nicht mißbrauchen kann,

so schadet es ihr nichts.

Tosca bat Sigismund ihr einen verständigen und zuverlässigen Mann

zuzuführen, dem sie diese Angelegenheit übertragen könne. Er versprach

es. Dann wechselten sie noch ein Paar Worte über ihr Befinden, und

Sigismund ging ernst und gelassen, wie er gekommen war, und ebenso

blickte Tosca ihm nach; aber Beiden war zu Muth, als hätten sie ein

neues Leben angetreten.

Tosca war ein Paar Tage hindurch nicht wohl. Der Rückschlag der

heftigen Emotionen machte sich durch nervöse Abspannung fühlbar. Sie

litt nichts Bestimmtes, aber sie fühlte sich durch und durch leidend,

wie das zart organisirten Personen geht, welche nicht an schmerzlich

aufregende Erschütterungen gewöhnt sind. Sie sah Ignaz alle Tage auf

kurze Zeit, und Sigismund gar nicht. Daraus schöpfte Ignaz Hoffnung,

und als sie sich eines Abends besser befand, sprach er ihr sein

Entzücken darüber so lebhaft aus, daß er sich dafür einen kleinen

Vorwurf von ihr zuzog.

„Wie kann ich anders!“ rief er, und kniete neben dem Sopha nieder, auf

dem sie lag; „Sie wissen ja, daß mein Herz voll von Ihnen ist.“

„Ja, nebenher!“ sagte Tosca lächelnd.

„Sie haben mich nie verstehen wollen, immer den Ausbruch des Gefühls

in mich zurückgedrängt,“ sprach er mit niedergeschlagenem Ton. „Früher

mogten Sie Gründe haben, die ich ehrte; doch jetzt martern Sie mich

nicht länger -- es wäre eine ganz nutzlose Grausamkeit. Ich liebe Sie,

Tosca,“ fuhr er lebhaft fort, ohne sich von ihr unterbrechen zu lassen;

„ich habe Sie geliebt, drei Jahr an Ihrer Seite, täglich, stündlich

Sie sehend, in Ihrer größten Intimität lebend, hab’ ich Sie schweigend

geliebt, und gewiß nur in ganz überwältigenden Momenten meine Liebe

verrathen. Aber nun ist’s vorbei mit der Kraft! ich kann nicht mehr

schweigen! ach! zürnen Sie mir nicht; ich sehe Ihre Trauerkleider, ich

kenne die kühle abwehrende Außenseite, welche Sie wie einen Schild

hervorkehren; ich begehre ja auch vor der Hand keine Gewißheit, nur

Hoffnung, Tosca!“

Während er sprach, sah sie ihn gelassen an. Sigismund hatte vor einigen

Tagen auch vor ihr gekniet, nichts gesagt, nichts gethan, nichts

erfleht; und sie hatte ihn verstanden und ihm geglaubt. Von Allem, was

Ignaz ihr sagte, glaubte sie kein Wort.

„Sie täuschen sich, Ignaz!“ antwortete sie ruhig; „bis daher hab’ ich

immer geglaubt, daß Sie mir gut wären; jetzt, glaub’ ich, daß Sie Sich

für mich fanatisirt haben, durch die traurigen und schmerzenreichen

Situationen, in denen Sie mich gesehen, durch meine tiefe Einsamkeit,

welche mich ohne Eltern, ohne Kinder, ohne Brüder ins Leben gestellt

hat, und mich jetzt der treusten und sichersten Stütze -- des Generals

beraubt. Aber lieben? ... nein, Ignaz, Sie lieben mich nicht!“

„Aber was verstehen Sie denn unter Liebe, Tosca, wenn eine so

grenzenlose Ergebenheit, wie die meine, Ihnen nicht diesen Namen zu

verdienen scheint!“ rief Ignaz heftig; „und wenn Sie doch eben so wenig

die Ausbrüche der Leidenschaft, die in mir wohnt, dafür gelten lassen

werden.“

„Die grenzenlose Ergebenheit und die Glut der Leidenschaft gehören

auch zur Liebe,“ sagte sie gedankenvoll, aber ohne an Ignaz zu denken.

„Allein ... wie ich sie mir vorstelle, muß sie doch noch etwas Andres

sein“ .... --

„Und was muß sie sein, Tosca! wie stellst Du Dir vor, daß die Liebe

sein müsse?“ fragte Ignaz, ganz bereit auf ihre Vorstellung einzugehen.

„Ignaz!“ sagte Tosca ungeduldig, „ich hab’ Ihnen schon einmal verboten

mich Du zu nennen.“

Sigismund Forster · 第 6 / 7 题