Tosca schlug die ihren zu Boden und fragte: „Reiten Sie nie spazieren?“

Es ist bedenklich, wenn so abgebrochene und unzusammenhängende Fragen

plötzlich ins Gespräch hineinspringen, weil sie eben zeigen, daß es

durchaus unterbrochen werden soll.

Sigismund kam und ging, und ging und kam. Er hatte in diesen Tagen

keine Gelegenheit zu einer besondern Unterhaltung mit Tosca. Er

fand sie immer allein mit ihrem Mann; aber grade dann kam sie ihm

am allerbewundernswerthesten vor. Immer die gleiche freundliche

Laune, immer das liebe herzliche Wort, und eine Geschicklichkeit ohne

Gleichen, um den Gesprächen die Wendung zu geben, welche dem General

die liebste war. Gottes Engel müssen so klar, so mild aussehen --

dachte Sigismund -- aber ist es denn möglich, daß dies zarte, schöne,

tiefe Herz nichts geliebt hat, als die Pflicht?

Ihn hatte es geliebt, und nach ihm -- die Pflicht; sonst nichts. Seelen

wie Tosca sind aus einem Stück. Sie lieben ganz, ~wenn~ sie lieben und

~was~ sie lieben, ohne zu handeln, zu feilschen, oder Concessionen zu

machen. Sie sehen stolz aus, weil sie hoch -- und kalt, weil sie tief

sind; wenigstens urtheilen so die oberflächlichen, an die gewöhnlichen

Allüren gewohnten Menschen. „Sie ist nicht stolz, sie ist nicht kalt,“

dachte Sigismund. Aber: „Mich hat sie geliebt!“ -- das wagte er nicht

zu denken, denn das konnte bei einer Gesinnung, wie die ihre, wol

heißen: „Und mich würde sie lieben.“

Der General befand sich so gut, wie lange nicht. Die Aerzte hatten

nicht grade Hoffnung zur Genesung, aber doch zu einem bessern Zustand

gegeben. Tosca sprach vom Frühling, von sommerlichen Reisen, um dem

armen Kranken immer mehr Zuversicht einzuflößen, als ob es nur seines

Entschlusses bedürfe, um in den Wagen zu steigen.

„Anfang April, gewiß! da werden wir abreisen können,“ sagte sie, „und

nach dem Rhein -- nicht wahr? -- Dort ist’s am schönsten auf der ganzen

Welt ... so weit ich sie kenne.“

Ein unsäglicher Schmerz legte sich wie eine Geierkralle auf Sigismunds

Brust. Anfang April, da wollte sie gehen! wenn der Frühling kam, wollte

sie fort, und dann sah er sie vielleicht nie wieder -- wahrscheinlich

sogar. Dann sank das Leben wieder in die Schatten zurück, die sie, wie

die Sonne, zertheilt hatte. Aber äußerlich ruhig sprach er mit ihr vom

Rhein, von Bonn und vom Professor Zeller.

Später ging er auf sein Zimmer und schrieb:

„Agathe! Du ahnest gewiß, was ich Dir zu sagen habe. Nein! Sie

wissen es, Agathe, ohne daß ich es Ihnen zu sagen brauchte.

Vergebung. Aber es ist so: lieber kein Herz, als ein halbes.

Das Leben führt uns bisweilen zu überraschenden Wendepunkten,

von wo man die Dinge anders, in anderm Licht, in andrem

Zusammenhang betrachtet. Das ist mir geschehen, und Sie haben

es nur zu wohl bemerkt. Ein Name ist genannt, auch in Ihrer

Gegenwart; ~der~ Name ist’s. Ich sage das, weil ich nicht

lügen kann, noch mag, und weil ich wünsche, daß Sie mir nun

auch glauben, wenn ich ferner sage: ~der~ Name zerstört meine

Gegenwart, ohne mir eine Zukunft zu verheißen, und er hat

nichts für mich gethan, als daß er, wie ein Gestirn, wieder

aus dem Meer der Vergangenheit aufgetaucht ist. Weiter nichts!

und auch ferner wird es heißen: weiter nichts! Sie sehen, ich

weise das stille, schöne Glück, das Sie mir versprachen, nicht

für die Hoffnung auf ein chimärisches Glück fort, sondern --

für gar keine. Es muß also wol aus Ueberzeugung sein. Aber ich

fühle, daß ich Ihnen nichts Andres sagen kann und darf, als --

Vergebung! --

Sigismund Forster.“

Er versiegelte und adressirte den Brief. Am andern Tage wollte er ihn

nach seiner Gewohnheit selbst auf die Post bringen. Eh das geschah,

empfing er einen von der Justizräthin Gertner.

„Mein lieber Forster,“ schrieb sie, „da ich keine Ahnung

davon habe, was eigentlich zwischen Ihnen und meiner Tochter

vorgefallen sein mag, und da Agathe mit unglaublicher

Hartnäckigkeit darüber schweigt, so habe ich Ihnen nichts

weiter zu sagen, als das, was Agathe mir aufträgt. Sie bittet

Sie, ihr binnen drei oder vier Wochen nicht zu schreiben,

keine Zeile, kein Wort, und noch viel weniger herzukommen.

Sie sagt: bis dahin werde sie ruhig sein und Ihnen schreiben,

und dann würde Alles gut werden; doch jetzt könne sie nichts

hören, nichts denken, nichts schreiben, nichts, gar nichts; und

sie hofft, daß Sie diesen Wunsch ehren werden, indem Sie ihm

nachkommen. Sie sei übrigens ganz wohl und gesund, läßt sie

Ihnen sagen, und ich bestätige das, weil ich meine, daß Sie

diese Beruhigung brauchen.“

Eine freudige Aufregung bemächtigte sich Sigismunds. Zwar that es ihm

leid, daß der Brief an Agathe nicht auf der Stelle Alles zwischen ihm

und ihr klar machen solle; aber der Gedanke, daß sie wahrscheinlich

selbst die Vorstellung der gelösten Verbindung in sich keimen und

wachsen lassen, daß sie selbst ihr Wort zurücknehmen wolle, machte ihn

fast glücklich. Auf welche Weise der Bruch geschehen solle, je weniger

peinlich und schmerzlich für Agathe -- desto willkommner ihm! und alle

Eitelkeit, alle eigenliebige Härte, welche im Mann so mächtig sind,

verstummten gänzlich vor der unsäglichen Freude -- frei zu werden ohne

zerknickende Härte.

Er wollte hinaus, in die frische Luft, unter den heitern blauen

Himmel. Ihm war, als höre er schon die Lerche ihren kleinen jubelnden

Auferstehungsgesang tiriliren. Er sprang die Treppe hinab, und traf auf

dem Vorsaal des ersten Stockwerks mit Tosca zusammen.

„Da bin ich!“ sagte er mit ganz besondrer Freudigkeit. Was lag ihm

jetzt daran, ob sie einst fortging. Jetzt war sie da, und er bei ihr.

„Himmel!“ rief sie, „Sie sehen aus wie vor zwölf Jahren -- so

gewissermaßen glückselig übermüthig.“

„Fahren Sie aus, gnädige Frau?“ fragte er, denn sie war im Pelz und ein

Diener stand hinter ihr.

„Ich gehe aus, es ist so schön! ich muß in die Stadt, muß etwas kaufen

für Ignaz, dessen Geburtstag morgen ist -- ich weiß nur nicht, was und

nicht wo.“

„Darf ich Sie zu Rey führen?“

„O ja .... aber ich schäme mich Ihrer ein wenig, denn Sie sehen

wahrlich aus, als hätten Sie nicht übel Lust, unter den Linden einen

Freudensprung zu machen.“

Sigismund versicherte, ganz gesetzt einher wandeln zu wollen. Sie

gingen zusammen aus. Es war ein prächtiger Wintertag. Lauter Krystall,

und die Sonne durchfunkelte ihn. Und die Herzen waren auch frisch

und hell wie Krystall, und die Aurora der Liebe dämmerte ihren

bezaubernden Prismaschein in sie hinein. Aber sie sprachen von den

allergleichgültigsten Dingen, und amüsirten sich dennoch vortrefflich.

Ich gestehe, nichts hat mir einen höhern Begriff von der Zaubermacht

der Liebe beigebracht, als die Bemerkung, daß wenn zwei Menschen unter

ihr stehen, kluge, gescheute, geistreiche Menschen, die sonst ziemlich

viel Aufwand von Verstand begehren oder machen, wenn sie sich bei einem

Gespräch unterhalten sollen, -- daß die ganz befriedigt sind, und die

Conversation vollkommen nach ihrem Geschmack zu finden scheinen, wenn

der Eine spricht: „Heut ist schön Wetter!“ -- und der Andre antwortet:

„O wunderschön.“ -- So gewiß ist’s, daß man nicht durch den Geist

glücklich ist ... nur durch das Herz. Aber dennoch glaub’ ich auch, daß

auf die Dauer ein wenig Geist der Liebe keinen Schaden thut. Sie hat

nur so ihre kindlichen Momente, wo sie gleichsam in der Wiege liegt

und lallt. Da ist sie noch nicht bis zum Geist, bis zum Bewußtsein

vorgedrungen, da hat der Schmetterling erst eben seine Raupenhülle

abgestreift, und die Schwingen noch nicht versucht; und da meint er

noch, in dem Rosenkelch, wo er geboren sei, müsse er leben und sterben.

Später wagt er denn doch den Flug, und bis zum Himmel hinauf; und dazu

gehören denn freilich alle Kräfte der Psyche.

Tosca war nicht zufrieden mit den Sachen, die man ihr bei Rey zeigte.

„Was soll ein Mann mit all solchen Kinkerlitzchen anfangen?“ fragte

sie. „Lieben Sie dergleichen Kram?“

„Als Geschenke von lieben Händen -- sehr.“

„Das ist was Anders! auf dem Fuß steh’ ich nicht mit Ignaz. Warum

lachen Sie?“ rief sie, als Sigismund nicht ein Lächeln unterdrücken

konnte.

„Weil ich mich wundre, daß Sie Sich zu täuschen suchen. Sie wissen sehr

wohl, welchen Werth Graf Adlercron auf Ihre Huld legt.“

„Ja, in wichtigen Dingen! aber bei solchem Plunder“ ....

„Für dies Gefühl giebt es keinen Plunder! die Krone oder der Bonbon

sind von gleichem Werth.“

„Wenn ich Ihnen aber sage, daß grade von diesem Gefühl nicht die Rede

ist, und daß mein Neffe, so sehr er mir auch ergeben ist, und so gern

er auch Bonbon speist, dennoch lieber eine Krone von mir annimmt, als

ein Schreibzeug?“

„So beklag’ ich ihn.“

„Aber das wußten Sie ja längst.“

„Wie hätte ich das wissen sollen, gnädige Frau?“ fragte Sigismund

unbarmherzig.

Tosca erröthete und rief: „Sie haben mich auf einen guten Einfall

gebracht! ich werde Bonbon für Ignaz kaufen. Er ißt leidenschaftlich

gern Bonbon. Begreifen Sie diese Liebhaberei?“

„Jede Liebhaberei ist schwer zu begreifen, wenn man sie nicht theilt;

indessen scheint sie mir doch viel unschuldiger, als für den Wein z.

B., oder für Cigarren, oder für Schnupftaback.“

„Ach!“ rief sie lachend, „die Unschuld ist so entsetzlich unpassend für

einen Mann! Ja, ja! ich spreche ernsthaft. Es giebt allerlei kleine

Dinge, die ihm nicht gut stehen, und die er den unschuldigen Kindern

oder den schwachen Frauen überlassen muß.“

„Ich weiß nicht,“ rief Sigismund, „wie Ihr Geschlecht zum Prädikat des

schwachen gekommen ist, gnädige Frau! da es doch unleugbar das stärkere

ist. Wir haben freilich die Kraft, aber bei der Frau ist die Macht.“

„Die Leute sehen sich nur auf der Oberfläche um und nach außen: da

tritt ihnen die Kraft überwältigend entgegen. Um die Macht zu erkennen,

muß man tiefer gehen, muß eigene Beobachtungen und Erfahrungen gemacht

haben, wozu ich, als Frau, natürlich nie Gelegenheit hatte.“

Sigismund schüttelte den Kopf und sagte: „Jede Frau ist sich ihrer

Macht bewußt“ .... --

„Vielleicht in sehr glücklichen Verhältnissen,“ unterbrach ihn Tosca.

„Im Allgemeinen scheitert dies Bewußtsein an der Kraft des Mannes, die

oft .... Härte ist.“

Ihm schien, als ob sich eine Wolke über ihre schönen Augen legen wolle.

Darum fragte er hastig und scherzend:

„Ich bitte, gnädige Frau, bin ich etwa auch mit einigen von den

‚kleinen Dingen’ behaftet, die Sie unpassend für einen Mann finden?“

„Ich kann’s nicht leiden,“ entgegnete sie, „wenn ein Mann Bonbon liebt,

Parfüms braucht, helle, bunte Farben im Anzug trägt, und kleine Hände

hat. Das Alles hat einen gewissen gebrechlichen Anstrich, den ich nur

uns gestatte.“

Ignaz hatte heute viel zu leiden, obgleich Tosca Geburtstagsgeschenke

für ihn einkaufte; denn dies Alles war gegen ihn gesagt.

„Wie Sie mich demüthigen, gnädigste Frau!“ rief Sigismund; „die einzige

Schönheit, welche ich mir schmeichelte zu besitzen, eine wohlgebildete

Hand -- belegen Sie mit dem Anathema.“

„Ja,“ sagte Tosca lachend, „wenn Ihre Hand nicht durchgearbeitet, stark

und geschmeidig aussieht -- wenn sie nicht aussieht fest und bestimmt,

als wisse sie zu halten, was sie ergriffen, zu stützen, was sich ihr

anvertraut, durchzuführen, was sie begonnen hat: so haben Sie eine ganz

unschöne Hand, zu der Niemand auf der Welt Vertrauen haben wird.“

Sie wußte sehr genau, welch eine schöne, edelgebildete Hand Sigismund

hatte, und er freute sich unglaublich, daß sie es ihm in dieser Weise

sagte.

„Also eine ganze Theorie über die Bildung der Hände steht Ihnen zu

Gebot?“ fragte er.

„Gewiß! ich kenne Jemand, der aus dem Fuß und dem Gang der Menschen

Schlüsse auf ihren Charakter macht; weshalb sollt’ ich nicht aus der

Hand und ihren Bewegungen?“

„Für den Scherz ist das Alles sehr gut, für den Ernst sehr gefährlich.“

„Ach!“ rief Tosca, „mit all meinen Beobachtungen komme ich doch nicht

vom Fleck! es ist mir nicht Ernst damit. Ich frage meinen Mann, was er

von Diesem und von Jenem hält; und danach richt’ ich mich ein. Das ist

ungleich bequemer.“

Während sie das sagte, fiel ihr ein, daß sie bei Sigismund eine

Ausnahme von dieser Gewohnheit gemacht, und den General nie um seine

Meinung über ihn gefragt hatte. „Denn ich kannte ihn früher,“ -- sagte

sie sich heimlich, wie zu ihrer Rechtfertigung.

„Und warum verschmähen Sie, durch eigene Beobachtung zu einem Urtheil

zu kommen?“ fragte er.

„Weil ich ihm so gern dankbar und verpflichtet mich fühle,“ entgegnete

sie ruhig.

Sigismund antwortete nichts. Er sah sie an mit einem Blick voll

Ehrfurcht und Huldigung. Könnte ein demüthiges Herz je triumphiren, so

würde dies Gefühl jetzt Toscas Herz bewegt haben, denn zum ersten Mal

fiel es ihr ein, daß ihr Leben schön und edel sein möge. Sie hatte nie

daran gedacht; sein Blick sagte es ihr. „Aber das Schöne und Edle wird

geliebt“ -- sprach heimlich eine Stimme in ihr -- „und nur das!“

Sie fuhr zusammen und sagte fast ängstlich:

„Der Wind hebt an recht scharf zu wehen;“ und sie gingen nach Hause.

Auf dem Vorsaal trat Toscas Kammermädchen ganz verstört ihr entgegen,

und sagte, der General sei plötzlich heftig erkrankt. Tosca eilte zu

ihm. Ignaz war schon da; der Arzt auch. Es war derselbe Zufall, wie in

jener Nacht; nur stärker, bedenklicher.

„Er stirbt!“ rief Tosca, als sie ihn ohne Bewegung und Besinnung fand.

Der Arzt sagte nicht Nein.

Es vergingen einige fürchterliche Tage. Es ist eine unermeßliche

Folter, am Krankenbett nicht mehr hoffen zu dürfen! unwillkürlich

taucht der Gedanke auf, der Tod sei unter diesen Umständen ein Erlöser,

und doch kommt Einem solch ein Wunsch wie ein Mord vor. Tosca litt

unsäglich. Sie warf sich die anderthalb Stunden ihrer Entfernung

als ein Verbrechen vor, obgleich es ihre tägliche Promenade war. Sie

glaubte eine Strafe des Himmels für jedes Wort zu empfangen, welches

sie zu Sigismund gesagt hatte. „Mit der Liebe für einen Andern im

Herzen, sitz’ ich am Sterbebett des besten und edelsten Mannes“ --

sprach sie langsam und schwer zu sich selbst. Sie war erdrückt, wie von

einer ungeheuern Schuld. Sie flehte zu Gott um das Leben ihres Mannes,

und wenn sie der Erhörung ihres Gebets gewiß zu sein glaubte, so

ergriff sie ein namenloser Schmerz, denn sie fühlte, daß ihr innerstes

Leben umgewandelt sei, und daß sie in Zukunft Dornen finden werde, wo

sie bisher nur Blumen gekannt.

Sie war die unermüdliche Pflegerin des Generals. Sie verließ nie

freiwillig sein Zimmer. Wenn sie überwältigt vom Schlaf, oder

halbohnmächtig zusammensank, so trugen Ignaz und die Krankenwärterinnen

sie nach ihrem Zimmer, wo sie ein Paar bleierne Stunden verschlief.

Ignaz stand ihr treu zur Seite.

„Sie sind sublim, Ignaz!“ sagte sie einmal und gab ihm die Hand.

Sigismund Forster · 第 5 / 7 题