Sie stützte sinnend den Kopf in die Hand, legte fest und tief ihre
prächtigen Augen auf die seinen und sagte langsam: „Die Liebe muß ein
unvergänglicher Austausch von unerschöpflichen und magnifiken Gefühlen
sein.“
Hätte sie alles Andre gesagt -- auch auf die kolossalste
Sentimentalität, auch auf die höchste Ueberspannung wäre Ignaz
eingegangen! Er war gefaßt auf irgend eine grandiose Phrase der Art.
Aber, daß sie keine leere Phrase sagte, sondern die Wahrheit; aber daß
sie auf den Tausch, auf die Gegenseitigkeit, die Liebe basirte: das
machte ihn stumm.
„Also lieben Sie mich nicht,“ setzte Tosca nach einer Pause hinzu,
„und Sie werden früher oder später zu dieser Erkenntniß gelangen. Auf
morgen, lieber Ignaz, morgen werd’ ich ganz gesund sein.“
Sie wünschte es lebhaft -- um die Geschäfte zu ordnen! sprach sie
heimlich. Doch weit lebhafter um Sigismund wiederzusehen. Ach, liebt
er mich denn wirklich? fragte sie sich wol tausendmal in diesen Tagen.
Aber das war nur nervöse Unruh. Ihr Herz zweifelte nie. Diese innere
Gewißheit, welche keines Wortes, keines Zeichens bedarf, ja, zuweilen
sie verschmäht, erhebt die Liebe zu einer göttlichen Eigenschaft: zur
Allwissenheit; denn ihr All’ ist das geliebte fremde Herz.
Ignaz war im heftigsten Zorn. Ein Tausch von magnifiken Gefühlen! rief
er; Gott! wie kommt nur solcher Unsinn in den Kopf einer sonst ziemlich
verständigen Frau. Ein Tausch von Ringen -- _à la bonne heure!_ unter
diesen Umständen gehörte ~der~ wesentlich zu meiner Ansicht von der
Liebe. Aber ist es denn möglich, daß sie diesem widerwärtigen, langen,
blassen, finstern Regierungsrath gegenüber auf jenen magnifiken Tausch
verfallen kann? Wenn’s eine passende Partie wäre -- oder wenn der Mann
ebenso brillant und bezaubernd wäre, wie er ~nicht~ ist -- dann ließ’
ichs gelten! ich könnt’ es begreifen! Jetzt ist’s unbegreiflich! Und
welchen Einfluß er auf sie hat! Sie denkt nicht mehr an die Donation.
O Himmel, warum ließ ich sie nicht früher machen, ehe unberufene
Rathgeber sich hinein mischten! es wäre alsdann ein freundschaftliches
Uebereinkommen zwischen uns gewesen! Jetzt, wenn die Gerichte dabei ins
Spiel kommen, wenn sie ein Paar Dutzend Advokaten, oder Justizräthe,
oder wie die Rechtsverderber heißen mögen! darum befragt: jetzt
verwandelt sich die pompöse Donation in einen magern Vergleich .... der
meiner eigensinnigen Mama zu gut kommt und ... dem Herrn Regierungsrath
Forster! Sacristi!
Grade diesen Vergleich besprach Tosca am nächsten Morgen mit einem
Rechtsgelehrten, den Sigismund ihr empfohlen hatte, und den sie zu sich
bitten ließ; dann ließ sie Ignaz rufen, und sagte, indem sie ihm mit
freudestralendem Gesicht entgegentrat:
„Mein lieber Ignaz, ich mache mir ein wahres Fest daraus, Ihnen etwas
zu sagen, das Ihnen lieb sein wird, weil es meinen unbehaglichen
Zwiespalt mit Ihrer Mutter unfehlbar beendet. Der Herr Justizrath hier
hat mir gesagt, daß ihr die Hälfte der Erbschaft zukomme“ ... --
„Ich habe nicht gesagt: zukomme! gnädige Frau,“ unterbrach sie der
Justizrath.
„Entschuldigen Sie meine ungeschickte Weise mich auszudrücken,“ sagte
Tosca, „und Sie, lieber Ignaz, schreiben Sie das Ihrer Mutter, und
bitten Sie sie in meinem Namen, die kleine Spaltung zu vergessen,
welche bis daher, ohne meinen Willen, stattgefunden hat. Der edle
Todte, den wir Alle betrauern, wird dann mit uns Allen zufrieden sein.“
Milde Thränen flossen über ihr schönes klares Antlitz, als sie ihre
Hand an Ignaz gab und die seine herzlich drückte. Er sprach sich auch
höchst gerührt und höchst dankbar aus; aber ihm war zu Muth, als müsse
er seiner Mutter rathen einen Prozeß gegen Tosca zu beginnen. Wer weiß,
ob er nicht zu unsern Gunsten sich entschiede! dachte er. -- -- --
Sigismund war durch die Ankunft seines Schwagers überrascht worden.
Er erschrak förmlich, als er ihn bei sich eintreten sah; sein Kommen
schien ihm in Verbindung mit Agathen zu sein. Aber keineswegs.
„Stell’ Dir vor!“ sagte Friedrich, „dies verdammt feuchte Wetter,
und ein Paar nothgedrungene Fahrten längs der Elbe, während ihrer
perniziösen Nebel, haben mir ein Paar Anfälle von kaltem Fieber
zugezogen. Kein Chinin ist dagegen so wirksam, als Luftveränderung:
drum komm’ ich her! morgen geh’ ich zurück.“
„Das ist zu schnell,“ sagte Sigismund; „Du hast ja nicht Zeit, die
Wirksamkeit Deines Mittels zu erproben.“
„Nicht hier, aber in Magdeburg! -- Und nun komm, mein Alter! wir wollen
zu Sala Taroni Austern essen, und zu Meinhard speisen gehen. Ich habe
schon Diesen und Diesen und Jenen besucht und begegnet, und ihnen
gesagt ebenfalls dahin zu kommen.“
„Wie?“ sagte Sigismund lachend, „Austern essen und bei Meinhard
diniren? ein Fieberkranker?“
„Wenn man reist wie ein Gesunder, muß man sich auch übrigens wie ein
Gesunder geriren!“ rief Friedrich. „Und glaubst Du, daß ich nur Andern,
nicht mir selbst, ein Rezept zu schreiben verstehe? und glaubst Du, daß
so ein Rezept sich schwerer einnimmt gegen die Austern, als gegen das
kalte Fieber? _Allons!_ zu Sala Taroni!“
Er nahm Sigismund unter den Arm. In der Thür begegneten sie einem
Diener, der Sigismund bat, gegen Abend zur Frau Generalin zu kommen;
sie wünsche ihn in Geschäften zu sprechen.
„Was ist das für eine Generalin?“ fragte Friedrich ganz neugierig.
„Frau von Beiron,“ entgegnete Sigismund.
„Was Wetter! Tosca Beiron? und in Geschäften!“
„Der General ist vor vierzehn Tagen gestorben und ich habe ihr den
Justizrath Kleber empfohlen,“ sagte Sigismund; „darauf werden sich
vielleicht die Geschäfte beziehen.“
„Ich würde ihr für mein Leben gern meine Aufwartung machen, wenn ich
nur wüßte, daß sie mich empfinge!“ rief Friedrich. „Könntest Du sie
nicht fragen?“
Sigismund war tödtlich erschrocken über diesen Vorschlag. „Sie hat
noch gar keine Besuche in dieser Zeit angenommen,“ sagte er ein wenig
verlegen.
„So so! -- Nun, mein Junge, Agathe läßt Dich vielmal grüßen!“ sagte
Friedrich etwas boshaft.
Sigismund sah ihn ganz erstaunt an.
„Ja ja,“ fuhr Friedrich lachend fort, „Du magst es wol nicht um sie
verdienen, aber sie läßt Dich doch grüßen -- gutmüthig wie sie ist --
und läßt Dir sagen, daß sie Dir sehr bald schreiben würde.“
„Gottlob!“ rief Sigismund aus tiefster Seele.
„Was Wetter? habt Ihr Euch verzankt? und schon vor der Hochzeit?“ sagte
Friedrich gespannt.
„Nein, bester Friedrich,“ sagte Sigismund kurz. Ihm schwebte auf den
Lippen dem Schwager zu sagen, wie er mit Agathen stehe; aber er dachte,
es schicke sich nicht, daß er sich früher gegen einen Andern, als gegen
sie selbst darüber ausspreche. Darum bog er ferneren Neckereien durch
die abgebrochene Antwort vor.
Nachdem die Herren die Austern bei Sala Taroni excellent gefunden
hatten, gingen sie zu Meinhard hinüber, wo sich ein Paar gute Freunde
Friedrichs zu ihnen fanden, und wo sie sehr munter zusammen speisten.
An einem Tisch neben dem ihren saß Ignaz mit zwei andern Herren.
Um fünf Uhr verließ Sigismund die fröhliche Gesellschaft, und versprach
seinem Schwager, ihn später in der italienischen Oper aufzusuchen.
Tosca sagte, als er bei ihr eintrat: „Ich freue mich recht Sie
wiederzusehen, jetzt wo mir so viel besser und leichter ums Herz ist.“
„O es ist eine Seligkeit, sich leichten Herzens zu fühlen, und wenn
es auch nur, wie das Ihre, von einem Sonnenstäubchen gedrückt worden
ist,“ sagte Sigismund. Sein Herz war schwer. Die ungelöste Verbindung
mit Agathen zermarterte ihn. Während er vor der Welt noch ihr Verlobter
war, während sie ihm Grüße schickte wie einem Geliebten -- hatte er
sich mit Herz und Hand einer Andern anverlobt. Gern hätte er keine
fernere Rücksicht auf ihre Bitte genommen, und ihr geschrieben; allein
sein Brief, der noch immer versiegelt im Schreibtisch lag, und der vor
drei Wochen die Wahrheit sagte -- war jetzt nicht mehr wahr! Er konnte
nicht mehr sagen: „weiter nichts;“, denn eine Zukunft, reich, voll,
glänzend wie das Paradies, hatte sich ihm erschlossen, und Tosca stand
in dessen Mitte und winkte ihn zu sich hinein. Er liebte, und Liebe
macht das Herz zart und empfindlich, auch für Andre; daher fühlte er,
daß jener Brief Agathe wol sehr traurig gemacht hätte; daß es aber
eine unerhörte Kränkung für sie sein würde, wenn er heute die volle
Wahrheit schriebe. Und so entschloß er sich denn, immer wieder auf
Agathens Beschluß zu warten, und die quälende Pein, die er bis dahin
leiden mußte, als eine Buße für den etwaigen Leichtsinn, den er sich
bei seiner Verlobung zu Schulden hatte kommen lassen, hinzunehmen. Daß
Agathe ihm ~nicht~ sein Wort zurückgeben werde, fiel ihm nicht ein: so
gänzlich und durch und durch fühlte er sich von ihr abgelöst, auch wenn
er nicht, wie jetzt, sich Tosca gegenüber befand.
Tosca kannte nicht die Qualen eines zerspalteten Herzens; ihr Geschick
hatte sie anders geführt. Ja, sie kannte nicht einmal ein großes Leid,
denn jener eine frühe Schmerz ihrer Jugend, der wie das Hyadengestirn
trübe an ihrem Horizont gestanden hatte, war untergegangen, seitdem
sie jetzt Sigismund kennen gelernt; -- und ihre gegenwärtige Trauer
um den General war kein herzbrechendes Weh, und sie suchte auch nicht
es vor sich selbst als ein solches darzustellen, aufrichtig, wie
sie war. Daher kannte sie im Grunde nur Aeußerlichkeiten, peinliche
Verhältnisse zu Andern etwa, welche das Herz bedrücken konnten, und
theilnehmend fragte sie Sigismund, ob er vielleicht in und mit seiner
Familie Unannehmlichkeiten habe. Ihm war zu Muth, als müsse er vor ihr
niederknien und ihr Alles sagen, seine Liebe zu ihr, sein Verhältniß
zu Agathen, das doch keins mehr war. „Aber nein!“ dachte er; „wenn ich
frei bin -- dann will ich sprechen, von Lieb’ und Leid, von Allem!
weshalb soll ich sie jetzt aus ihrem Himmel voll Frieden in meine
Unruhe hinabziehen? ... und wie lange kann es dauern? zwei, drei Tage
vielleicht, so bin ich frei.“ Er sagte zu Tosca:
„Nein, gnädige Frau, Unannehmlichkeiten hab’ ich nicht in meiner
Familie, und auch nie gehabt. Wir sind unser fünf Geschwister und die
Mutter, Alle vollkommen einig unter einander; aber Sorgen hat man
doch, wo so Viele sind, an deren Wohl und Weh man Theil nimmt. Ich
habe zwei Brüder; der jüngste ist ein Glückskind: der würde vom Thurm
herunterfallen und wohlbehalten, wie eine Katze, auf seinen Füßen auf
dem Boden anlangen; das ist ein lieber guter unbedeutender Mensch, der
es aber doch einmal zu etwas ganz Tüchtigem bringen mag. Der Andere hat
große Gaben, Geist, Schönheit, Charakter -- aber kein Glück.“ .... --
„Und darüber wundern Sie sich?“ rief Tosca; „wo die Gaben sind, ist
nie das Glück! In großen Gaben ist immer ein gewisser Stolz, der zum
Glück zu sagen scheint: ‚Geh’, ich brauch’ dich nicht.’ Wo sie fehlen,
da hat das Glück so recht freie Hand, und es liebt, wie alle Despoten,
Alles für den Schützling zu thun. Die Menschen mit großen Gaben würden
ja die ganze Welt an sich reißen, verbrauchen, beherrschen, zernichten,
wenn sie auch noch Glück hätten! nein, Gott sorgt auch für seinen
Mittelschlag.“
„Nennen Sie die Reichbegabten weniger ~sein~?“ fragte Sigismund
lächelnd.
„Ach,“ sagte Tosca, „sie sind es vielleicht mehr. Jede Gabe ist ja eine
Gnade.“
„Mein Bruder hat nicht nur kein Glück,“ fuhr Sigismund fort, „sondern
ein entschiedenes und beängstigendes Unglück. Er hatte eine große Liebe
-- und die Liebste starb, als nach fünf Jahren ihre Eltern endlich ihre
Einwilligung gaben. Er hatte ein Duell, und sein Gegner fiel. Er flößte
einem jungen Mädchen niedrigen Standes, als er in Folge dieses Duells
auf der Festung saß, ohne es zu wollen, ja, ohne eine Ahnung davon zu
haben, eine so heftige Leidenschaft ein, daß sie geisteskrank ward und
noch ist“ ... --
„Gott behüte mich vor dem unheimlichen Menschen!“ rief Tosca. „Liest
man solche Schicksale in Romanen, so meint man, der Autor habe sie sich
hinter seinem Schreibtisch zusammen gedacht.“
„Es ist doch traurige Wirklichkeit bei meinem armen Bruder,“ entgegnete
Sigismund.
„Nur das Eine muß ich bezweifeln,“ sagte sie, „daß Ihr Bruder keine
Ahnung von jener Leidenschaft des armen Mädchens gehabt haben soll.
Solche Ahnung haben Männer .... nein! ich will ehrlich sein! hat man
immer.“
„Wie konnte er! er hat sie nie gesprochen .... kaum gesehen. Wenn auch
das Wort überflüssig ist -- der Blick ist es nicht. Das Mädchen war die
Tochter des Thorschreibers. Sie sah meinen Bruder täglich. Morgens und
Abends, mit hypochondrischer Pünktlichkeit, machte er einen Spaziergang
um die Wälle der Festung, und ging dabei immer an ihrem Häuschen,
ihrem Fenster vorüber. Er war immer allein, denn er floh dazumal die
Menschen; er sah zergrämt und melancholisch aus; schön ist er, wie
ich selten einen Mann gesehen. Auf welche Weise sich die Liebe in ein
Herz von sechszehn Jahren schleicht, mit welchem Gefolge von Mitleid,
von Theilnahme, vielleicht von Romanlectüre -- wer hat das ergründet!
Als mein Bruder nach einem Jahr die Festung verließ, wurde das Mädchen
immer stiller und stiller, dann tiefsinnig, und jetzt halten die Aerzte
sie für unheilbar, weil sie in Stupidität versunken ist.“
„O Himmel, wie ist denn Ihrem Bruder dabei zu Muth?“ rief Tosca
schaudernd.
„Wie einem Manne, der, ohne es zu wollen, großes Unheil gestiftet hat:
traurig und ruhig.“
„Ist es Ihrem Bruder nie eingefallen, das arme Mädchen herzustellen,
indem er es heirathet?“
„Das glaub’ ich wol nicht, gnädige Frau! sie war ganz ungebildet, ganz
unschön, fremd seinem Wesen, seinem Herzen.“ .... --
„Aber da sie ihn so sehr liebte!“
„Was liebte sie, gnädige Frau? seine Erscheinung! seine gesenkte Stirn,
seinen melancholischen Ausdruck! ist es nicht sehr leicht möglich, daß
ihr exaltirter Kopf aufgehört hätte, ihn zu lieben, sobald sie ihn
hätte lachen hören oder Champagner trinken sehen? -- Um ein solches
Opfer sublim zu machen, muß es am rechten Ort gebracht werden.“
„Ach,“ sagte Tosca, „wird der klügelnde Verstand nicht immer behaupten,
es sei nicht der rechte Ort?“
„Wohl dem, den die Verhältnisse in einfache Situationen bringen!“ sagte
Sigismund schwer.
„Und was ist jetzt Ihrem Bruder widerfahren?“ fragte Tosca. Sie meinte,
es müsse Sigismund erfrischen, sich ihr mittheilen zu dürfen.
„Jetzt wissen wir nichts Bestimmtes von ihm. Er spricht sich selten
aus, und in gewissen Fällen nie. Wir haben nur gehört -- wie sich
denn das so herum zu sprechen pflegt -- und wie wir das nach seinen
Briefen vielleicht schließen dürfen, daß jetzt ~er~ von einer heftigen
und unglücklichen Leidenschaft ergriffen ist, die ihm seine Stellung,
seinen Beruf, ja seine ganze Existenz unerträglich macht.“
„Mein Gott!“ rief Tosca, „wenn ich aus meinem stillen, kühlen,
friedlichen Winkel heraus in die Wirbel-Existenz solcher Kinder des
Sturmes sehe, wie preise ich dann mein Schicksal, das mich nie mit
ihnen zusammen geführt hat! Sie würden mich vernichten oder zerbrechen“
.... --
„Oder auch Sie würden ihnen Ihren Frieden, Ihre lichtvolle Klarheit
geben, und wie ein Regenbogen in die Gewitterwelt hineintreten. Einer
Seele wie der Ihren begegnet zu sein, ist ein unermeßlicher Segen, denn
er wird zum Polarstern, -- und solch ein Glück ist’s, das der Mensch
braucht; denn Kind der Stürme oder nicht, Glückskind oder nicht, seine
umdunkelten Tage und Wege hat Jeder, und da fällt es schwer, sich ohne
solchen Stern zurechtzufinden.“
Er hatte mit solchem tiefen Ernst gesprochen, daß Tosca nicht daran
dachte, zu erröthen oder verlegen zu werden. Aber eine Thräne trat ihr
ins Auge. War es Freude? war es Wehmuth? sie wußte es nicht. Aber sie
dachte, indem sie Sigismund anblickte, daß er ihrem ganzen Leben die
unwandelbare Richtung gegeben habe.
Sigismund wurde ruhiger bei ihr. Seine Niedergeschlagenheit wich, die
Beklommenheit ließ nach. Er fühlte sich neben ihr wie auf dem Gebirg,
in einer freiern, reineren, herzstärkenderen Atmosphäre. Unablässig
wollten ihm die Worte, wie glücklich er sei, welche huldigende Liebe
er für sie empfinde, über die Lippen gleiten. Er drängte sie gewaltsam
zurück. Ihm schien, als sei er noch nicht werth, sie auszusprechen.
Aber dieser verhehlte Kampf machte ihn schwermüthig, und als er jene
Thräne in Toscas Auge sah, warf er zerbrochen und überwältigt beide
Hände vors Gesicht, und sank zu ihren Füßen nieder.
Sie legte sanft ihre Hand auf sein Haupt. Es war, als erlöse ihn die
linde Berührung von den spröden Fesseln der Qual. Er ließ die Hände
fallen, und blickte zu ihr empor, während sie zu ihm herabblickte.
Magnetisch sanken ihre Lippen auf einander; es war ein schüchterner,
zitternder Kuß, den das Uebermaß und nicht der Mangel an Liebe so scheu
und so flüchtig machte.
„Gehen Sie,“ sagte Tosca mit einer so süßen Inflexion der Stimme, wie
er sie nie gehört, und so sanft, daß es ihm unmöglich war, ihr nicht
zu gehorchen. Als er sie verlassen hatte, als er sich wiederfand unter
dem Himmel voll blitzender Sterne und mit einem Himmel in der Brust; da
wollt’ er sich besinnen, wie das Glück über ihn gekommen sei. Er legte
die Hand an die Stirn. Da tauchte es wie ein Blitz in ihm auf, das
Wort, welches er einst im kindischen Uebermuth gesagt: „Meine Lippen
sollen verdorren, wenn sie Tosca Beiron küßten.“ -- „O Thorheit!“
sprach er zu sich selbst; „die Fülle des Lebens erschließt sich ....
und jetzt erst recht!“ -- -- Er suchte in der Oper seinen Schwager auf
und brachte den Abend mit ihm zu.
Tosca hätte sehr gewünscht, allein und ungestört bleiben zu dürfen;
aber sie wollte Ignaz nicht absichtlich kränken und ihn abweisen
lassen, wenn er nach seiner Gewohnheit käme, um ihr guten Abend zu
wünschen.
„Mein Gott!“ rief er ihr entgegen, als er kaum ins Zimmer getreten war,
„was ist Ihnen widerfahren, schöne Tante, Sie sehen stralend aus!“
„Ich habe gelesen,“ sagte sie ein wenig verlegen und legte das Buch
fort, welches sie in der Hand hielt.
„Wenn Sie gelesen haben, so ist’s gewiß zwischen den Zeilen gewesen --
was allerdings manchem Autor öfter widerfahren mag, als ihm lieb ist.“
„Aber Sie selbst, Ignaz, sehen ungewöhnlich heiter aus,“ sagte Tosca.
„Ich hab’ auch gelesen, meine schöne Tante.“
„Und darf man fragen, welchen Autor?“
„Einen anonymen.“
„So? anonym? ist denn das heut zu Tag noch Mode? ich meinte, in unserm
vom _quasi_ beherrschten Jahrhundert sei man lieber pseudonym.“
„Briefe erlauben sich noch zuweilen die Anonymität.“
„Ach, Ignaz! einen anonymen Brief haben Sie bekommen? was steht darin?
darf ich ihn nicht sehen?“
„Es ist ein _Rendez vous_.“ ... --
„Und das plaudern Sie aus!“ rief sie, scherzend mit dem Finger drohend.
„Es ist gewiß, daß die Männer ihr Glück gar nicht zu schätzen wissen --
denn es ist Glück, mein Ignaz, in eine gewisse Spannung und Erwartung
versetzt zu werden, und ein Paar Stunden der Ungeduld und Neugier zu
haben.“
„Ach, ich glaube, die ganze Sache geht mich wenig oder gar nichts an,“
sagte Ignaz, und nahm einen Brief aus dem Portefeuille. „Was sagen Sie
zu der Handschrift?“
Tosca sah sie an und sagte: „Das ist ein absichtliches Gekritzel und
keine Handschrift.“
„Lesen Sie, wenn es Ihnen Spaß macht,“ sagte Ignaz gleichgültig.
„Sie scheinen mir sehr blasirt zu sein,“ sagte Tosca lachend, und las
den Brief, der nur die Worte enthielt:
„Wenn Graf Adlercron Mittheilungen zu haben wünscht, welche ihm
wichtig sein werden, weil sie eine Person interessiren, für die er sich
ganz außerordentlich interessirt: so muß er morgen früh um 9 Uhr im
Thiergarten bei der Statue der Venus von Milo sein.“
„O,“ sagte Tosca, „das ist nur eine Redensart! die Person, für welche
er sich ganz außerordentlich interessirt, wird wol .... er selbst
sein.“
„Und wenn Sie es wären, Tosca?“
„Ich!“ rief sie sehr erschrocken.
„Es ist doch ganz gewiß, daß ich mich lebhafter für Sie, als für mich
selbst interessire.“
„Was wissen Ihre anonymen Correspondenten davon!“ sagte sie stolz und
warf den Brief auf den Tisch.
„Die Welt weiß Alles, erfährt Alles, mischt sich in Alles“ -- sprach
er kalt. „Personen, die in ihr eine gewisse Stellung einnehmen, werden
sehr beobachtet.“ .... --
„Jetzt wollen Sie mir erzählen, daß die Augen von ganz Berlin,
vielleicht vom ganzen preußischen Staat auf meine arme Person
gerichtet sind -- nicht wahr? während ich doch die Ueberzeugung habe,
daß höchstens ein Dutzend Menschen sich sehr oberflächlich um mich
kümmern.“
„Es ist eine Schwäche der unbedeutenden Menschen, sich einzubilden,
daß die Augen der ganzen Welt auf sie gerichtet sind; und es ist eine
Manie gewisser ausgezeichneter Personen, sich einzubilden, daß sie
unsichtbar, wie verhüllte Gottheiten, durch die Welt gehen. Hier,
wie dort, ist es ein Irrthum, aber dort ist er schmeichelhaft, hier
bequem.“
„Das mag fein und richtig bemerkt sein,“ entgegnete Tosca ruhig;
„nur ich ... gehöre nicht zu denen, die sich durch fremde Augen
geschmeichelt oder genirt fühlen, und ich bleibe bei meiner Meinung,
daß der Brief Sie allein betrifft.“
„Dann lohnt’s nicht der Mühe, hinzugehen.“
„O bitte, bitte! lieber Ignaz, gehen Sie hin! erzählen Sie mir, wie man
sich benimmt bei so einem geheimnißvollen _Rendez vous_.“
„Ob es nicht Spitzbuben sind, die mich ausplündern wollen? der
Thiergarten soll nicht ganz geheuer sein.“
„Lassen Sie Uhr und Geldbeutel zu Haus und nehmen Sie ein Pistol mit.“
„Oder ob es nicht _tout bonnement_ eine Bettelei sein wird?“
„Nun, so nehmen Sie den Geldbeutel mit.“
„Und so früh! neun Uhr! da muß ich um sieben aufstehen.“
„Wenn Sie so lange Zeit auf Ihre Toilette verwenden wollen,“ rief Tosca
lachend, „so ist das ein unverkennbares Zeichen, daß Sie sich weder auf
Spitzbuben, noch auf Bettler gefaßt machen.“
„Aber ich muß doch frühstücken, schöne Tante! Sie werden mir doch nicht
zumuthen, diese enorme Promenade zur Venus von Milo in der Morgenkälte
nüchtern zu machen?“ rief Ignaz, und begann an seinen Knöpfen zu
zählen: „Soll ich -- soll ich nicht.“ .... --
„Sie sollen!“ unterbrach ihn Tosca; „ich übernehme den Ausspruch des
Schicksals.“
„Sie haben es gewollt ... ich werde gehorchen,“ sprach Ignaz.
Er hatte bei Meinhard ganz genau zugehört, wie Friedrich erzählte,
nachdem Sigismund fortgegangen, daß und mit wem sein Schwager verlobt,
und daß die Hochzeit ganz nah sei. Kein Wort war ihm entfallen. Sein
Herz schlug hoch auf vor Freude. Es war nicht seine Gewohnheit, in
irgend einer Angelegenheit ehrlich zu Werk zu gehen. Darum fiel es
ihm nicht ein, diese Nachricht an Tosca, wie eine Neuigkeit etwa, zu
erzählen. Er wollte sie ängstigen; durch die Heimlichkeit, die immer
noch eine gewisse Unsicherheit zuließ, abquälen; gegen Sigismund
erbittern; darum erfand er Brief und _Rendez vous_. Und dann war es
möglich, ja wahrscheinlich, daß Sigismund die anonymen Beschuldigungen
läugnen würde; und that er das: so wollte Ignaz schließlich Friedrichs
Namen nennen. Dann hatte er sich an Sigismund gerächt, und Tosca
gestraft; dann hoffte er die Gewalt wieder über sie zu gewinnen, die er
unleugbar nur verloren hatte, seitdem Sigismund in ihrer Nähe lebte;
und dann gab sie ihm vielleicht in Zorn und Schmerz ihre Hand -- und
somit das halbe Vermögen, welches doch immer besser war, als nichts.
Jetzt war er von ganz besonders liebenswürdiger und scherzhafter Laune;
denn er fühlte sich seines Triumphes gewiß.
„Gott!“ dachte Tosca, nachdem Ignaz endlich gegangen war; „er ist
wirklich ein recht angenehmer und guter Mensch ... aber ich sehe
wirklich nicht ein, weshalb er noch immer wie an mich geschmiedet ist!
wenn er doch zu seiner Mutter ginge ... oder wohin er sonst wollte. Ich
kann ja sehr gut allein nach Trier reisen.“
Wenn ein tiefes und mächtiges Interesse sich des Herzens bemeistert, so
werden dadurch die Bande der gewöhnlichen freundschaftlichen Theilnahme
sehr gelockert. Es müssen eben so tiefe und mächtige Freundschaften
sein, welche frisch wie der Phönix aus dem Scheiterhaufen auffliegen,
den das Herz aus seinen früheren Schätzen und Kleinodien erbaut, und
den es von den Flammen der Liebe gleichgültig verzehren läßt.
Der Justizrath Kleber kam früh am andern Morgen zu Tosca, und brachte
ihr die Acte, die er für sie nach ihrer Angabe aufgesetzt hatte. Sie
war ganz damit zufrieden, und behielt sie, um sie erst an Sigismund,
dann an Ignaz zu zeigen. Sie wünschte, Jenen früher als Diesen zu
sprechen, für den Fall, daß er irgend eine Bemerkung oder Aenderung an
der Acte zu machen habe; und dann ... hauptsächlich! ... sie wünschte
ihn zu sehen. Er war seit dem Tode des Generals noch nie zu ihr
gekommen, ohne daß sie ihn darum hatte bitten lassen; und so that sie
es auch jetzt.
Sigismund kam sogleich. Er hatte seinen Schwager zur Eisenbahn das
Geleit gegeben, und Agathe durch ihn dringend beschwören lassen, ihm
morgen zu schreiben, ihn nicht länger zu quälen; er sei wie auf der
Folter.
„Ich sehe Dir wohl die Aufregung an, mein Alter,“ erwiederte Friedrich.
„Warte nur! ich werde es der Agathe so beweglich vorstellen, was und
wie Du leidest“ .... --
„Nein, nein! um Gottes willen, sag’ ihr nichts, gar nichts, als daß sie
mir zwei Zeilen schreiben soll!“ rief Sigismund heftig.
Und kopfschüttelnd versprach Friedrich den Auftrag auszurichten.
Tosca erschrak über Sigismunds Aussehen. Es giebt einen gewissen
fatiguirten Zug um Mund und Wange, der deutet auf körperliche
Erschöpfung, und einen fatiguirten Zug um die Augen, der auf seelische
deutet. Dieser Zug in einem geliebten Antlitz ist herzzerschmelzend
oder herzzerreißend -- je nachdem man das Bewußtsein hat, ihn
verscheuchen zu können, oder nicht. Tosca wagte nicht, sich diese Kraft
zuzutrauen. Sie fragte schüchtern und traurig:
„Wie geht es?“
„Schlecht ... -- schlecht!“ antwortete Sigismund langsam und gepreßt.
Tosca hätte gern weiter gefragt: Schlecht? und ich liebe dich! Aber
liebst du mich denn nicht? -- Allein Sigismund imponirte ihr durch
seine unerschütterlich gleichmäßige Haltung, so daß sie ihm höchstens
auf ähnliche Fragen geantwortet, jedoch nimmer den Muth gehabt hätte,
sie an ihn zu richten. Sie nahm all’ ihre Kraft zusammen, gab ihm die
Akte, und bat ihn sie durchzusehen. Sigismund that es, aber seine Hand,
die das Papier hielt, zitterte.
„O Sie sind krank!“ rief Tosca, stand auf und nahm das Papier.
Sigismund sprang lebhaft auf, ergriff ihre Hand und rief überwältigt:
„Aber Tosca, könnten Sie mich denn lieben?“
Indem trat Ignaz ins Zimmer. Als er Tosca und Sigismund Hand in Hand
gewahrte, warf er ihnen ein hämisches Lächeln zu. Tosca zog ihre Hand
langsam und unverlegen zurück, nachdem sie Sigismunds gedrückt hatte,
und Sigismund setzte sich wieder, nachdem er Ignaz begrüßt hatte, und
fuhr fort die Akte zu lesen. Diese große Ruhe und der Gedanke, daß
Sigismund es sei, der ihn um ein Vermögen bringe, welches er als das
seine betrachtet hatte, erweckte den bittersten Groll in Ignaz. Als
Tosca zu ihm sagte:
„Das ist das Papier, lieber Ignaz, das Alles zwischen mir und Ihrer
Familie aufs Reine bringt;“ erwiderte er höhnisch: „Wie glücklich
ist der Regierungsrath Forster, daß Sie ihm in einer so wichtigen
Angelegenheit Ihr unbedingtes Vertrauen schenken.“
Sigismund hob den Kopf und sah Ignaz an.
Tosca sagte ruhig: „Sie haben ganz Recht, Ignaz! der Regierungsrath
Forster besitzt allerdings mein volles Vertrauen. Doch in dieser
Angelegenheit hab’ ich auch noch einen Rechtsgelehrten zu Rath gezogen,
und er hat jene Acte aufgesetzt.“
„Schöne Tante,“ sagte Ignaz mit seinem verbindlichsten Lächeln, „sollte
volles Vertrauen nicht gegenseitig sein? und hat der Regierungsrath
Forster Ihnen wol je anvertraut, daß er verlobt ist?“
Sigismund stand grade in die Höhe auf und sagte gelassen: „Herr Graf,
Sie sind ein Nichtswürdiger.“
Tosca warf einen prächtigen Blick von oben herab auf Ignaz und sprach
mit unsäglicher Verachtung: „Ah, Sie kommen von Ihrem _Rendez vous_.“
„Herr Regierungsrath,“ sagte Ignaz, „darauf werde ich Ihnen zu seiner
Zeit antworten.“ Dann wandte er sich zu Tosca: „Nein, schöne Tante! die
Anonymität würde Sie nicht überzeugen; aber das eigene Geständniß des
Regierungsrath Forster soll es. Fragen Sie ihn doch, ich bitte, ob er
sich nicht Mitte Dezember vorigen Jahres mit Fräulein Agathe, einzigen
Tochter der verwittweten Justizräthin Gertner verlobt hat, und ob seine
Hochzeit nicht auf die ersten Tage des April angesetzt ist, und ob sein
Schwager, der Doctor Friedrich zu Magdeburg, etwa diese Geschichte nur
erfunden hat. Ich würd’ es Ihnen gönnen, Herr Regierungsrath,“ sagte
er mit dem bittersten Hohn zu diesem, „wenn Sie jetzt: Lügner! sprechen
dürften.“
Während Ignaz sprach, hatte Tosca ihn so scharf und durchbohrend
angesehen, als wolle sie in den Grund seiner Seele dringen und dort die
Wahrheit lesen. Es war etwas in seinem Ausdruck, das wie vollkommne
Ueberzeugung klang, daher warf sie einen fast flehenden Blick auf
Sigismund, um ihn zu beschwören, Ignaz mit einem Worte zu widerlegen.
Sigismund stand da, wie in die Erde gewurzelt, wie versteint, nur
lebend in dem Blick, den er auf Tosca heftete. Als sie diesem Blick
begegnete, schrie sie hell auf. Sie fühlte, daß Sigismund das Wort:
Lügner! das sie hoffte und ersehnte, mit einem andern Ausdruck gesagt
haben würde.
„Tosca!“ rief Sigismund und fiel vor ihr auf die Knie.
Sie trat zu ihm heran; sie blickte ihn fest an, legte fest ihre beiden
Hände auf seine Schultern, als ob sie ihn damit zu Boden drücken
wollte, und sagte mit fester Stimme:
„Sigismund Forster! Du fragtest mich, ob ich Dich lieben könnte. Sieh!
so tief, so stark, so unauslöschlich ich Dich geliebt habe -- so tief,
so stark, so unauslöschlich verachte ich Dich.“
Langsam ging sie in ihr Zimmer. Sigismund und Ignaz wechselten einige
Worte. Dann ging Sigismund herauf. Ein Brief von Agathen lag auf seinem
Schreibtisch. Er erbrach ihn mechanisch, gedankenlos; ihm war, als
habe er mit der Welt und dem Leben abgethan, als sei er begraben unter
Toscas Verachtung. Agathe schrieb:
„Ich habe ruhig werden wollen, um ohne Zorn und ohne
Uebereilung den letzten Schritt zu thun, den, der uns trennt,
und den Sie gewiß von mir erwarten. So lange ich glücklich
war, habe ich mich über Ihre Gefühle für mich täuschen können;
jetzt, da ich es nicht mehr bin, kann ich es nicht. Sie haben
mich nie geliebt, nie mit dem ganzen Herzen, so wie Sie lieben
können, geliebt. Das ist nicht Ihre Schuld, und nicht die
meine, die Herzen liegen in Gottes Hand. Daß Sie sich mit
mir verlobten, war Ihre Schuld, und die vergeb’ ich Ihnen
aus voller Seele. Gott segne Sie -- denn es ist meine feste
Ueberzeugung, daß Sie seinen besten Segen verdienen.
Agathe Gertner.“
„Der Himmel hat meine Schuld an Dir gerächt, Agathe!“ sprach Sigismund
zu sich selbst. „Vor 24 Stunden wär’ ich mit diesem Blatt zu ihren
Füßen, frei, selig, niedergesunken; jetzt ... ist Alles, was ich ihr
sagen möge, nur eine matte Entschuldigung.“
Ignaz schickte seinen Sekundanten zu ihm. Sigismund erklärte sich mit
Allem zufrieden: das Duell sollte auf Pistolen sein, und in der Frühe
des nächsten Morgens auf der mecklenburgischen Grenze stattfinden.
Ignaz selbst wollte zu Tosca; sie ließ ihm sagen, sie könne ihn nicht
sehen. Sie war zermalmt. Sigismunds unerhörte Falschheit ätzte sich
in ihr Herz, wie nach einer Sage Gift den Diamanten zerfressen soll.
Dazwischen tauchte, wie bei einem Fieberkranken die Besinnung, so bei
ihr die Zuversicht auf, daß es sich anders verhalten könne, müsse. Aber
weshalb sprach er nicht, als es Noth that! weshalb sprach er nicht!
er konnte sich nicht entschuldigen! -- wiederholte sie wol tausend
Mal, während sie mit jener qualvollen Rastlosigkeit, welche immer das
Unbehagen der Seele zu begleiten pflegt, auf und ab in ihrem Zimmer
ging.
Als ihre Kammerfrau mit zwei Briefen eintrat, entsetzte sie sich
dermaßen, daß sie halbohnmächtig ins Sopha fiel: sie erkannte auf
dem einen Sigismunds Schrift. Sie dachte, ob es nicht besser sei, ihn
uneröffnet zurückzusenden. Aber, besser oder nicht, zu diesem Grad von
Heroismus hat es noch nie ein liebendes Herz gebracht. Schriftzüge
der geliebten Hand sind magische Zeichen, welche zu uns in andrer
Sprache reden, als die, womit man gewöhnlich zu reden pflegt. Und
dann: indem unser Blick auf ihnen ruht, hat er die Wirkung, welche
das Feuer auf sympathetische Dinte hat: unsichtbare Worte kommen zum
Vorschein. Als Tosca ihre Adresse auf dem Brief las, kam ihr Name ihr
geadelt und verklärt vor. „Ach! heiße ich denn wirklich so prächtig?“
fragte sie sich zweifelhaft. Und es war doch nur der Name, den sie ihr
ganzes Leben hindurch getragen hatte. Sie vergaß Alles: Schmerz, Zorn,
Kränkung. Sie erbrach den Umschlag. Zwei andre Briefe fielen heraus;
der eine, von Sigismund an Agathe, den er ihr nach seiner Rückkehr von
Magdeburg geschrieben und nicht gesendet hatte; der andre, den er heute
von Agathen empfangen. Von ihm an sie -- keine Zeile, kein Wort; weder
Entschuldigung noch Bitte; nichts! Tosca las die Briefe, verglich den
Datum, dachte nach, an welchem Tag Sigismund geschrieben, und das Eine,
das eine Nothwendige wurde ihr klar: Sigismund liebte sie! mogte er
Agathe gekränkt, mogte er unbesonnen und leichtsinnig gehandelt haben
-- sie durfte es ihm nicht vorwerfen, denn unter dem Einfluß seiner
Liebe zu ihr, und einer damals auf jede Weise hoffnungslosen Liebe,
hatte er gestanden. „O, er liebt mich ... er liebt mich doch! nur
mich!“ rief sie; und die Thränen, welche bis daher vom bittern Schmerz
erstarrt, wie Eis in ihrer Brust gelegen hatten, brachen hervor und
erquickten sie, wie ein Frühlingsregenschauer nach einem beklemmenden
Gewitter. Sie las die Briefe unzählige Mal. Abwechselnd jauchzte sie,
dankte Gott, und weinte wieder. „Aber ich liebe ~ihn~ wol zu sehr?“
fragte sie sich plötzlich, und der andre Brief fiel ihr in die Augen.
Er war von Ignaz. Sie erbrach ihn mit einem Gefühl, als ob eine Natter
über ihre Hand gleite. „Heimtückischer Mensch!“ murmelte sie. Sie
wurde starr vor Entsetzen, nachdem sie den Brief gelesen. Sie schrie
nach Ignaz. In der Viertelstunde, die bis zu seiner Ankunft verging,
hatte die Zeit für Tosca ihren realen Werth verloren, und Jahrhunderte
rollten vernehmlich über ihrem Haupt dahin. -- -- --
„Ignaz!“ rief sie bebend dem Eintretenden entgegen; „aus dem Duell
kann nichts werden! Sie müssen ~ihn~ um Verzeihung bitten! ... Ja, Sie
müssen, Ignaz! denn es ist nicht wahr, was Sie gehört und gesagt haben!
Alles, Alles, Alles ist nicht wahr!“
„Und was ist dann wahr?“ fragte er eisig.
„Das!“ rief sie und warf ihm die Briefe hin.
„Gut!“ sprach er kalt, nachdem er sie gelesen; „und was wird dadurch
gehoben?“
„Die Veranlassung zum Duell.“
„Mit nichten! ~er~ -- wie Sie den Regierungsrath Forster zu nennen
belieben -- hat mich beleidigt.“
„Aber Sie haben ihn gereizt, verleumdet“ .... --
„Nur gesagt, was damals Wahrheit war! und wer weiß denn, ob die Briefe
nicht falsch sind.“
„Ignaz ... Sie sind schlecht!“ rief Tosca empört.
„Ah bah, schöne Tante!“ rief Ignaz heftig, „ich handle für Sie,
zu Ihrem Heil, für Ihr Glück, ich warne Sie, ich rette Sie -- und
Sie machen mir die seltsamsten Vorwürfe in einem Augenblick, wo
ich vielleicht für Sie sterben werde ... das ist um die Geduld zu
verlieren!“
„O Ignaz!“ rief Tosca ganz außer sich, „nur nicht sterben! nicht Sie,
nicht er sollen sterben. Es geht nicht, ich will’s nicht! ... O Ignaz!
Gott will es nicht!“
„Einer von uns Beiden muß sterben!“ sprach eisig Ignaz.
„Nun, so hab’ ich die Hoffnung, daß er der Ueberlebende sein wird,“
sagte Tosca ruhig mit einem Blick voll unüberwindlichem Haß auf Ignaz.
„Lieben Sie ihn so sehr?“
„Ja!“ sprach sie triumphirend.
„Und Sie werden ihn heirathen?“
„Ja.“
„Und das sagen Sie -- Sie in der ersten, tiefen Wittwentrauer um den
kaumverstorbenen edlen General?“
„Warum fragen Sie mich?“ sagte sie stolz; „ich habe es bis zu diesem
Moment mir selbst noch nicht gesagt.“
„Und kennt er Ihr Herz?“
„Ich hoffe es.“
„Gut, gut!“ sprach Ignaz gelassen; „dies Alles ist im glücklichen Fall
~meines~ Todes. Aber ich habe den ersten Schuß, meine schöne Tante, und
Sie wissen, wie ich treffe.“
„Ignaz!“ schrie sie und fiel auf die Knie.
„Ein Mittel giebt’s,“ sprach er und hob Tosca gelassen auf, „und
ich würde bereit zur Versöhnung, zu jeder Art von Ausgleichung auf
friedlichem Wege sein. Nur meine Liebe zu Ihnen, Tosca, giebt es mir
ein: versprechen Sie mir Ihre Hand“ .... --
„Ihnen?“ sagte sie gedankenlos.
„Dann retten Sie ihn und machen mich glücklich.“
„Dann rette ich seinen Leib und tödte sein Herz. Nein, nein, und
abermals nein!“ sprach sie bestimmt.
„Sein Blut über Sie!“ sagte Ignaz feierlich.
„Gott wird gnädig sein,“ erwiederte sie ruhig und winkte ihm zu gehen.
Sie schrieb drei Worte an Sigismund -- die uralte, ewig neue
Zauberformel des Glücks: „Ich liebe Dich!“
„Es ist nun so!“ sprach sie, als er gleich darauf zu ihren Füßen lag,
und sah ihn an mit himmlischer Zärtlichkeit; -- „Du bist meine erste,
Du bist meine letzte, Du bist meine alleinzige Liebe.“
Sie klagte nicht mehr, sie weinte nicht mehr; sie wollte ihm nicht
das Herz schwach und das Auge trübe machen. In ihrer Seele war das
Bewußtsein ernsten und heiligen Glückes; sie ruhte in ihrer Liebe.
Sie hatten keine Zeit, um von Tod und Gefahr und Furcht zu sprechen.
Sie waren glücklich. Im Himmel weiß man nur von der Seligkeit.
Dem Justizrath Kleber schickte Tosca die Akte zu, mit dem Auftrag, sie
in dieser Form zu vollziehen. Dann schrieb sie ihrem Arzt und bat ihn
um den Freundschaftsdienst, heut Abend um zehn Uhr zu ihr zu kommen,
und sie auf einer kurzen Reise zu begleiten.
„Wozu? wohin?“ fragte Sigismund bebend.
„Mit Dir!“ antwortete sie gelassen.
„O nimmermehr!“ rief er.
„Soll die einsame Qual mich tödten?“ fragte sie.
„Starkes Herz!“ sagte er bewundernd.
„Sprich: liebendes Herz -- Sigismund.“
Um zehn Uhr Abends fuhr Ignaz mit seinem Sekundanten und seinem
Arzt von British Hotel ab, und Sigismund mit seinem Sekundanten,
und Tosca mit ihrem Arzt, fuhren um dieselbe Stunde von dem grauen
Hause, an der Linden- und Kirchstraßenecke fort. Es war eine feuchte,
kalte Märznacht. Durch die halb mit Schnee, halb mit Nebel gefüllte
Luft schimmerten die Laternen der drei Wagen roth und trübe wie
Trauerfackeln. Gegen Morgen kamen sie im Gehölz von Dannenwalde auf der
mecklenburgischen Grenze an. Sigismund stieg zu Tosca in den Wagen, um
sie zu beschwören, nach dem Gasthaus des Dorfes zu fahren.
„Nein!“ sagte sie, „ich bleibe Dir so nah ich kann.“
Sie war weiß, kalt, fest wie Marmor. Es war ein fürchterlicher Abschied
zwischen ihnen.
Dann verließ er sie. Tosca ließ die Fenster ihres Wagens herauf,
und die Stores herunter, und kniete nieder. Gott allein weiß, ob sie
gebetet haben mag.
Es fiel ein Schuß.
„Sigismund!“ schrie Tosca.
Es fiel kein zweiter. Die Aerzte und Sekundanten brachten Sigismund
getragen. Ignaz fuhr mit Courierpferden gen Hamburg; seine Kugel hatte
Sigismund dicht über dem Herzen getroffen. Die geringste Bewegung und
er mußte sterben.
„Unrettbar?“ fragte Tosca.
Die Aerzte schwiegen.
„Tosca“ rief Sigismund, richtete sich auf und streckte die Arme nach
ihr aus.
Sie umschlang ihn und küßte ihn; -- so starb er.
Drei Tage und drei Nächte wachte sie neben der geliebten Leiche; dann
ließ sie auf dem Gottesacker zu Dannenwalde sie bestatten. Als Erde den
Sarg bedeckte, der Alles umfing, was sie je geliebt hatte, sagte sie:
„Sigismund! bei Dir ist mein Herz erwacht und mit Dir ist’s gestorben.
Was es von Schmerz und von Glück auf der Welt gekannt hat, kam von Dir
.... Alles von dem Einen! Friede mit Dir ... und mit mir.“
Sie stieg in ihren Reisewagen.
„Wohin befehlen Sie zu fahren?“ fragte ihr Arzt, der mitleidig bei ihr
geblieben war.
„Die Welt ist groß!“ sprach sie gleichgültig.
Druck und Papier von ~Phil. Reclam~ _jun._ in Leipzig.