Agathe kopfschüttelnd.
„O,“ rief Sigismund, „sieh mich an, Agathe! sieh mich an mit Deinen
guten lieben Augen! und freundlich, Agathe, nicht besorgt! Glaube mir,
wenn ich bei Dir bin, so fehlt mir nichts, und wenn ich nicht bei Dir
bin, so fehlt mir auch nichts -- als Du.“
Agathe versuchte ihn anzusehen, aber ihre Augen füllten sich mit
Thränen; um sie zu verbergen, schlug sie die Augen nieder. Es war ein
so milder sanfter Ausdruck in ihrer ganzen Erscheinung, daß Sigismund
vor dem Gedanken bebte, diesem Mädchen auf irgend eine Weise weh zu
thun.
Der Abend verging gut. Die Erinnerung an den gestrigen stieg zwar
ein Paarmal lebhaft in Sigismund auf, wenn er dessen extatische
Emotionen mit dem Stillleben des heutigen verglich. Aber er schob sie
gewaltsam zurück, und wiederholte heimlich: heute ist’s besser! --
In dem Glanz des gestrigen Abends stand Tosca wie die Rose in einem
persischen Gedicht; in dem Frieden des heutigen erschien ihm Agathe
wie das Veilchen in irgend einem deutschen Frühlingsliede. Spät ging
er fort, und zu seinem Schwager, bei dem er wohnte. Er fühlte sich
recht zufrieden, und seines Entschlusses herzlich froh. Einige Tage bei
Agathen, und die Arbeit ein vernünftiger Mensch zu werden war dennoch
gelungen -- trotz Toscas Prophezeihung, oder vielleicht wegen ihres
„Glück zu!“ -- Denn mächtig ist sie! dachte Sigismund; und ob sie wol
an mich denkt .... an ihr Flacon, das bei mir geblieben ist? -- So
dachte er vor dem Einschlafen, wenn der Geist und der Wille nicht mehr
im Stande sind die vagabondirenden Gedanken zu beherrschen; sie flogen
zu Tosca, nicht zu Agathen.
Am andern Morgen, nachdem Sigismund eine Weile bei Agathen gewesen war,
sagte sie:
„Aber, lieber Sigismund, warum parfümirst Du Dich so stark? ich bin das
gar nicht an Dir gewohnt.“
Er griff unwillkürlich nach der Brusttasche, um sich zu überzeugen, ob
das Flacon sich nicht geöffnet habe; denn er hatte sich schon so an den
Geruch gewöhnt, daß er ihn nicht mehr bemerkte. Agathens Blick folgte
seiner Hand.
„Bitte, zeige mir, was es ist,“ sagte sie.
Er gab ihr das Flacon, aber ein wenig widerwillig. Sie rief:
„O das ist allerliebst! doch die Essenz wollen wir ausgießen; die mag
ich nicht.“
„Gnade für die Essenz, liebe Agathe! sie wird Dir gewiß gefallen,
wenn ich Dir sage, daß es die alten Narden sind, die Narden, welche
die heiligen drei Könige samt Gold und Spezereien dem Christuskinde
darbrachten. Jetzt heißen sie _vétivert_.“
„O, im _vétivert_ ist gewiß nichts mehr von den alten Narden enthalten!
ich kann wirklich nicht ertragen, daß Du Dich damit parfümirst“ ... --
„Ich will es weglegen, liebe Agathe,“ sagte Sigismund und streckte die
Hand danach aus.
Aber Agathe behielt es in der ihren, die sie zurückzog, und sagte:
„Bitte, Sigismund, o bitte, schenke mir das Flacon! es ist gar
niedlich.“
„Ich werde Dir ein andres geben, liebe Agathe, ein größeres,
eleganteres, mit irgend einer Essenz, die Du gern magst.“
„Nein, ich danke Dir! ein eleganteres will ich nicht ... und es giebt
auch keines! und die größeren sind nur unbequem.“
„Du kannst ein größeres auf Deine Toilette stellen.“
„Ich hab keine Toilette, zu welcher ein elegantes Flacon paßt,
Sigismund. Ich mögte nur dies ... um es immer bei mir zu tragen .... so
wie Du es getragen hast.“
„Aber Du magst nicht den Parfüm, Agathe.“
„Nein gar nicht! drum will ich ihn Dir nehmen.“
„Ich könnte ihn mir ja wieder bei jedem Parfümeur kaufen.“
„O das thust Du nicht, wenn es mir unangenehm ist. Bitte, Sigismund,
schenke mir das Flacon.“
Er hätte einfach sagen können, es gehöre ihm nicht; aber ihm graute
vor den Erörterungen, wie, wann, von wem er es bekommen habe, und
er fühlte, daß er nicht im Stande sei, irgend eine kleine erklärende
Geschichte, wie die Männer sie sonst immer bereit zu haben pflegen,
in ~diesem~ Augenblick zu erfinden. Wie man das denn immer höchst
ungeschickt macht: um aus der Verlegenheit zu kommen wird man heftig.
„Ich bitte sehr um Verzeihung,“ sagte er kurz, „allein das Flacon ist
mir lieb.“
„Eben darum!“ sagte sie bittend.
„Mein Gott!“ rief er heftig, „wenn Du eine so große Liebhaberei für
Flacons hast, will ich Dir ein Dutzend kaufen!“
Kaum hatte er’s gesagt, so that es ihm leid, denn Agathe sagte sehr
traurig:
„Du willst es mir also nicht geben?“
„Laß es mir, liebe Agathe!“ bat er sanft.
„Da!“ sprach sie. Doch noch ehe er es nehmen konnte, machte sie ihre
Hand auf und ließ es fallen, zu absichtlich um den Zufall anklagen zu
dürfen. Sigismund wurde blaß, stand auf und nahm seinen Hut. Als Agathe
das gewahrte, sprang sie ihm in den Weg, faltete die Hände, und sagte
zitternd:
„Sigismund!“
„Es thut nichts, liebe Agathe,“ erwiderte Sigismund mit etwas
gezwungenem Lächeln. „Ich bin ungeschickt gewesen -- nicht Du.“
„O Du bist erzürnt!“ rief sie mit tiefem Schmerz.
„Gar nicht! mein Wort darauf! ein Flacon ist ja etwas sehr
Zerbrechliches! In einer halben Stunde bin ich wieder hier, Agathe --
jetzt muß ich einen Gang durch die Stadt machen.“
„O nicht jetzt ... nicht so im Zorn!“ bat sie. „Geh nicht fort, ohne
mir einen Kuß zu geben -- das ist noch nie geschehen, Sigismund!“
-- Sie sagte das aus tiefer, trauriger Liebe, doch es berührte ihn
unangenehm.
„Laß mich gehen, gute Agathe, ich bitte Dich!“ sprach er im halb
gereizten, halb befehlenden Ton.
„O Himmel!“ sagte Agathe und trat zurück. Sie bebte vom Scheitel bis
zur Sohle, schloß die Augen, und lehnte sich an die Wand neben der
Thür. Das ging ihm durchs Herz. Agathe hatte ja nicht Unrecht; sie
hatte nur den unbegreiflich feinen und richtigen Instinkt der Liebe.
Er! er hatte Unrecht gegen sie, und fügte jetzt noch die herbste
Kränkung dazu! Er warf den Hut fort, er umfaßte Agathe, ließ sie
niedersitzen, kniete vor ihr, gab ihr tausend süße Namen und liebe
Worte. Sie hielt unablässig beide Hände vor dem Gesicht. Er bat sie ihn
nur anzusehen, wenn auch nicht freundlich.
„Nein!“ sagte sie, „ich bin beschämt, ich kann nicht.“
„Du strafst mich hart, Agathe,“ sagte er, wieder etwas heftig.
„Es sollte nicht Strafe sein, Sigismund,“ sprach sie und ließ die Hände
sinken. „Aber höre! wenn ich zu Dir spreche: Gieb mir einen Kuß! so
mußt Du es thun -- denn Du kannst Dir vorstellen, daß mir so viel daran
liegt ... so viel ... wie vorhin. Versprich mir das.“
„Ja, liebe Agathe.“
„Dafür versprech’ ich Dir, daß ich es nie wieder thun will -- nie
wieder.“
„Aber wenn ich Dich um einen Kuß bitte -- was wirst Du thun?“
„Ich werde immer thun, was Du wünschest,“ entgegnete sie, und die
Trauer auf ihrem Gesicht machte einer wunderholden Freundlichkeit
Platz. „Und jetzt bleibst Du hier? nicht wahr?“ fragte sie.
„Ich habe meiner Schwester versprochen bei ihr zu Mittag zu essen,“
antwortete er.
„O nicht bei Deiner Schwester!“ rief Agathe ängstlich; „iß bei uns,
Sigismund.“
„So muß ich ihr doch sagen, daß ich nicht komme.“
„Ja, thue das! aber komm’ bald wieder; denn Deine Schwester mag mich
nicht.“
„Sie mag Dich nicht?“ rief er befremdet.
„O, sie mag nicht, daß Du mich heirathest! ich bin ihr für Dich nicht
reich und vornehm genug. Sie meint, Du könntest eine ganz andre Partie
machen -- was ich freilich auch sehr gern glaube.“
„Eine Partie machen!“ rief Sigismund; „aber ich will gar keine Partie
machen! Heirathen will ich! ... und zwar Dich, Agathe!“
Er umarmte sie und ging. Sie sprang an das Fenster und blickte ihm
nach, wie er dahin ging, fest, rasch, mit wenigen Bewegungen. Ihr
schien, als habe sie nie Jemand so sicher und ruhig gehen sehen. So
lange sie ihn sah, fühlte sie sich froh und leicht; als er verschwand,
als sie ins Zimmer zurücktrat, als sie die himmelblauen und goldnen
Scherben des Flacons gewahrte, fiel ihr Herz gleichsam in namenlose
Beklommenheit zurück. Sie grämte sich, daß Sigismund ihr nicht das
Flacon hatte geben wollen, daß sein Wunsch, es zu behalten, größer war,
als sein Wunsch, ihr eine Freude zu machen. „O wenn er es mir gegeben
hätte,“ sagte sie halblaut, „so hätte ich es ihm ja auf der Stelle
zurückgegeben! behalten wollte ich es gar nicht, nur wissen, ob das,
was sein ist, auch mein ist.“
Als die Mutter eintrat, fand sie Agathe am Boden kniend, und weinend
die Scherben in ihrer Schürze sammelnd. Sie fragte, was ihr widerfahren
sei? Agathe sagte nur, es thue ihr so leid, daß sie Sigismunds
allerliebstes Flacon habe zu Boden fallen lassen, und dabei weinte sie,
als wolle sie mit ihren Thränen die Erinnerung daran überfluthen. Das
sind unsre bittersten Schmerzen, die, welche wir Keinem anvertrauen
mögen, weil wir sie in uns selbst nicht zum Bewußtsein kommen lassen
mögten.
Sigismund fühlte sich mißgestimmt. „Es liegt doch etwas Krittliches,
Kleinliches, Eifersüchtelndes im Frauencharacter,“ sprach er zu sich
selbst. Sein Besuch bei seiner Schwester erhöhte diese Mißstimmung; sie
machte ihm Vorwürfe, daß er sie um seiner Braut willen vernachlässige;
-- sehr zärtlich, sehr freundlich that sie das; die Intimität eines
halben Menschenlebens, ihre lange vertrauliche, durch die Kindheit und
erste Jugend fortgesetzte Freundschaft rechnete sie ihm vor, welche
jetzt durch eine Bekanntschaft von sechs Monaten in Schatten gestellt
werde. Sie war eine sehr hübsche und elegante Frau, durch die günstigen
Verhältnisse ihres Mannes in eine glänzende Lage versetzt. Wie das
zuweilen geht zwischen Geschwistern, so ging es auch hier: eins von
ihnen ist der Liebling der übrigen -- bald ist es das älteste, bald
das jüngste, bald der einzige Bruder oder die einzige Schwester, bald
nichts von dem Allen, sondern eben nur der allgemeine Familienliebling;
für den ersinnen sich die übrigen ganz besondre Schicksale voll Glück
und Segen und Glanz, und malen seine Wege mit so idealischen Farben
aus, wie sie ihn selbst in eine Glorie der Vollkommenheit stellen.
Sucht er dann auf ganz gewöhnlichen Pfaden und zwischen gewöhnlichen
Verhältnissen sein Glück, so liegen die ~unter~ der Erwartung der
Geschwister, und sie fühlen sich ein wenig gedemüthigt in ihren
hochfliegenden Hoffnungen. Wirft er sich aufs Ungewöhnliche, so liegt
das, wenn nicht ~über~ -- doch ~außerhalb~ der Kreise ihrer Wünsche,
und es verletzt sie, daß er etwas ergriffen hat, was sie nicht für ihn
ausgedacht. Und dies Alles aus lauter Liebe! -- Sigismunds Schwester
fand, daß Agathe durch ihre Heirath ein namenloses Glück mache, zu
welchem sie durch nichts berechtigt sei. „Es ist ein hübsches gutes
Kind,“ sagte sie oft zu ihrem Mann, „doch ich dächte, mein Bruder
dürfte wol andre Ansprüche machen.“ -- Und jetzt fand sie sich in
ihrer schwesterlichen Zärtlichkeit beeinträchtigt um Agathens willen!
Geschwisterliebe ist ein geliehenes Gut; sie kann so lange genügend,
ja, exclusiv sein, bis das Herz zur Erkenntniß gekommen. Ist das
geschehen, weiß es, was es fordern -- oder besser, was es geben kann:
so tritt die geschwisterliche Liebe in ihre Schranken zurück, kann
Trost, Freude, Beruhigung gewähren, aber nicht das unermeßliche Glück,
nach welchem das Herz durstig worden ist, ach! oft ohne Befriedigung
zu finden. Um Familien- und überhaupt alle intimen Verhältnisse in
einer Sphäre zu erhalten, wo sie nicht allzu sehr vom dicken Staube der
Alltäglichkeit zu leiden haben, ist nichts so nothwendig, als gewisse
Fühlfaden an der Seele, welche auf manchen Punkten vor der lindesten
Berührung sich zusammenziehen, und vor dem Vorwärtsdringen warnen. Wir
~haben~ auch solche Fühlfaden; wir ~empfinden~ auch ihre Einwirkung;
dennoch übertäuben wir oft ihre Warnung, weil übertriebene Eigenliebe
uns zuflüstert, daß wir mehr geben, als empfangen, daß Kälte und Mangel
an Vertrauen uns gegenüber stehen. Das kann wol sein! aber der Bruder
ist Mann, aber die Schwester ist Weib; tausend und aber tausend feine,
unsichtbare und dennoch unzerreißbare Rücksichten weben eine leicht
verletzliche Schranke. Ich glaube, daß die Menschen, um sich ~nur~ als
Geschwister zu fühlen, immer in der Kinderstube bleiben müßten.
Sigismund hatte für die zärtlichen Vorwürfe seiner Schwester keine
Antwort. Er versuchte mit ihr darüber zu scherzen, aber sie nahm die
Sache tragisch, als sie sah, daß er sie lustig nehmen wollte -- so,
aus bloßem Widerspruchsgeist, der sich bisweilen wie eine nervose
Irritation der Frauen bemeistert, und sie fast gegen ihren Willen
Dinge thun und sagen läßt, welche sie hinterdrein herzlich bereuen. Ich
habe sehr nachgedacht, woher das kommen möge; ich glaube, es ist, weil
die Frauen sich nothgedrungen so sehr fügen und schicken, der fremden
Meinung unterordnen, der fremden Ansicht folgen, das Gegentheil von dem
thun und lassen müssen, wie es ihnen ums Herz ist. All die heimlichen
Protestationen, welche sie einreichen, und welche vom Schicksal nicht
angenommen werden, sammeln sich in ihrer Seele auf, und bilden darin
eine Opposition, welche nur darum bei erbärmlichen Kleinigkeiten
hervortritt, weil sie es bei wichtigen Dingen nicht immer darf.
Um Vieles verstimmter, als er gekommen war, verließ Sigismund seine
Schwester. Vor der Thür begegnete ihm sein Schwager, und hielt ihn am
Arm fest.
„Was Teufel fehlt Dir, daß Du mich fast über den Haufen rennst?“ fragte
er.
„Frag’ mich nur nicht!“ rief Sigismund; „denn Deine Frau hat mich
geärgert!“
„Meine Frau ist Deine Schwester,“ entgegnete Friedrich äußerst
gelassen; „und wie kannst Du Dich überhaupt ärgern lassen? so lange
Du das noch thust, bist Du nicht reif für die Ehe. Ich ärgere mich nie
über meine Patienten; sie sind eben krank.“
„Seelenunarten kann ich nicht Krankheit nennen,“ erwiederte Sigismund.
„Ich thue es, und ich befinde mich sehr wohl dabei,“ entgegnete
Friedrich. „Deine Schwester ist eine so gute Frau, wie eine! das
hindert aber nicht, daß ich häufig Gelegenheit hätte, mich über sie zu
ärgern. Oben hinaus will sie, immer oben hinaus .... und das hat denn
doch seine Grenzen! da setz’ ich ihr eine unerschütterliche, eiserne
Ruhe entgegen“ .... --
„Und reizest sie dadurch immer heftiger auf,“ unterbrach Sigismund;
„nein, Freund! von solcher Ruhe kann eine Frau ganz desperat werden.“
„Ich werde mich doch nicht mit ihr zanken sollen? Das ist ganz gegen
meine Grundsätze.“
Sigismund machte eine ungeduldige Bewegung.
„Es ist kalt hier draußen, nicht wahr?“ sagte Friedrich; „komm zu mir,
wir wollen schwatzen.“
„Nein!“ rief Sigismund, „heut komm’ ich nicht zu Dir! heut hab’ ich
Unglück! es giebt solche verwünschte Tage, die im Kalender eines
schadenfrohen Dämons übel angestrichen sein müssen -- und ein solcher
ist der heutige.“
„Was hast Du denn mit der Auguste gehabt?“ fragte Friedrich bedächtig.
„Sie ist eifersüchtig auf Agathe! ich bitte Dich, bringe ihr doch bei,
daß die Eifersucht nicht in geschwisterliche und freundschaftliche
Verhältnisse gehört, sondern zur Liebe, zur Ehe“ .... --
„Den Teufel auch!“ rief Friedrich; „Eifersucht zur Ehe! ein horrender
Gedanke, der! besonders in meinen Verhältnissen. Nein! wenn meine
Frau eifersüchtige Launen haben will, so gönne ich sie Dir von ganzem
Herzen, lieber als mir -- Denn ein Bruder fragt doch weniger danach,
als ein Mann. Adieu, mein Alter.“
Er ging ins Haus, und Sigismund zu Agathen.
Agathe hatte so heftig geweint, daß ihre Augenlieder noch ganz roth und
geschwollen waren, und daß ihre Stimme noch das leise Zittern hatte,
das nach starkem Weinen eine Zeitlang währt. Davon wissen die Männer
nichts -- schon darum nicht, weil sie nicht zu weinen pflegen. Thränen
sind ihnen nun einmal verhaßt. Bei sich selbst schämen sie sich ihrer,
weil sie als weibische Schwäche sie betrachten; bei den Frauen sind sie
ihnen unerträglich, theils weil sie allzu gerührt durch deren Thränen
werden -- was ihnen wieder weibisch vorkommt -- theils weil sie der
Aufrichtigkeit dieser Thränen mißtrauen. Das Aeußerste, was ein Mann in
dieser Beziehung für eine Frau thut, ist, daß er sie weinen läßt, ohne
ihr darüber Vorwürfe zu machen. Hat er ihr das gestattet, wie man einem
verzogenen Kinde stillschweigend eine Unart nachsieht, so soll sie
dafür, wenn sie sich kaum die Augen abgetrocknet hat, flugs fröhlich
und freundlich sein. Könnte sie das sein, so wären ihre Thränen
wirklich nur aus einer Unart, nicht aus einem Schmerz entsprungen,
und die Männer begreifen nun einmal nicht, daß man aus Schmerz weint.
Begriffe es einer, so würde er mild gegen die Thränen sein. Aber es
giebt Punkte, in denen der Mann und das Weib sich gegenseitig durch
und durch unverständlich sind, und aller Mühe ungeachtet auch bleiben
werden. Das rührt nicht von der Erziehung, von den Gesetzen der Welt
und der Gesellschaft her; es liegt an der geistigen und körperlichen
Organisation: von seinem Geschlecht kann keiner sich losreißen, und das
Geschlecht ist an gewisse Bedingungen geknüpft, die sich ewig gelten
machen. Je größer die Liebe, um desto tiefer wird das gegenseitige
Verständniß sein; doch auf ein vollständiges rechne nur Niemand. Es
giebt gute Momente; da kann man sagen: „Siehst Du! so und so und so
bin ich, denk’ ich, fühl’ ich; hast Du das begriffen?“ -- Und der
Andre wird mit Ueberzeugung Ja! sagen, und dennoch nach fünf Minuten
handeln, als ob er Nein! gesagt hätte. Das ist um sich todt zu grämen!
Kämen wir gleich beim ersten Schritt ins Leben zu dieser Erkenntniß,
so würden wir vielleicht wirklich durch sie überwältigt und zerknickt
werden; aber die Schule der Enttäuschung ist so lang, und wir sind so
ungemein wißbegierige Schüler, daß wir selbst nicht auf der Schwelle
zusammensinken mögen.
Agathe hatte eine sanfte Seele und ein liebendes Herz; sie empfing also
Sigismund sehr freundlich, nur aber fröhlich, so wie sie sonst zu sein
pflegte, und wie er sie immer gesehen, fröhlich war sie nicht. Bisher
war zwischen ihr und Sigismund die vollkommenste Einigkeit gewesen;
die Ueberzeugung, daß zwei Wünsche, zwei Willen bei ihnen existiren,
und von jedem bis zur letzten Consequenz durchgeführt werden könnten,
drängte sich wie ein Stachel in ihre Brust. Sie dachte nicht daran, ob
er Unrecht habe, oder sie; auch nicht, worin es bestehe; sie dachte
nur: O Gott, wie ist es möglich, daß ich nicht ganz glückselig bin,
wenn Er da ist! -- Durch nichts wird eine Frau so traurig, als wenn sie
sich das zum ersten Mal eingesteht. Was für Schmerz und Weh und Leid
ihr auch widerfahren möge: ~damit~ ist nichts zu vergleichen! es ist
doch Alles höchstens nur der ~Verlust~ einer Welt; aber jenes Gefühl
ist der ~Untergang~ der ganzen goldnen, seligen, unerschütterlich
gewähnten Liebeswelt. In der Ehe -- da sind denn die Kinder dazu da,
um den Stachel minder fühlbar zu machen, so heißt es; so spricht der
Mensch, der sich nun einmal entschlossen hat, mit seinen Schmerzen
fertig zu werden. Aber vor der Ehe, wenn man das Herz in die Liebe
getaucht hat, wie in das Weltmeer, dessen Küsten man nicht kennt --
wenn man jung und stark genug ist, um nicht an Ersatz zu glauben und um
Trost zu verschmähen -- welche wohlklingende, halbwahre, oberflächliche
Redensart spricht da der Mensch? Am Besten ist’s noch, wenn er die
Achseln zuckt und schweigt.
Die Rückwirkung von Agathens Niedergeschlagenheit auf Sigismund war
heftig. Sonst neben ihr wie unter dem lichten blauen Himmel, fühlte
er sich jetzt wie unter einer Wolke, und der Gedanke, daß seine
Anwesenheit sie nicht mehr durch und durch erfreue, daß sie sich
gegenseitig weh gethan, daß er sie verletzt, daß sie um ihn geweint
habe -- lag lähmend auf seinem Herzen. Indessen, er verstand mehr,
sich zu beherrschen, als die junge unerfahrne Agathe. Er wollte nicht
die Nebel, die zwischen ihnen aufdämmerten, sich verdichten lassen. Er
gab sich die größte Mühe, Agathe heiter zu stimmen, indem er mit ihr
Plane für die Zukunft machte, und sie so rosenroth ausmalte, wie seine
Liebe für sie es ihm gestattete. Er war sehr gesprächig, sehr herzlich,
sehr theilnehmend, sehr munter -- und dadurch sehr liebenswürdig, weil
sein gewohnter Ernst dabei zerschmolz und in den Hintergrund trat,
wie die Gletscher in einem Alpenthal. Und Agathe widerstand dieser
Liebenswürdigkeit nicht. Die unruhigen Wellen ihres Herzens legten
sich. Sigismund war der Zauberer, der sie zur Ruhe sprach. Sigismund
war der Stern, der das Gewölk in ihrem Innern lichtete.
„Sigismund!“ rief sie; „o, ich liebe Dich.“
Sie warf die Arme um seinen Hals; sie sah ihn an, so fest, so lang, so
tief, als ob sie mit dem Blick in seine Seele hinein gleiten wollte.
„Wohl mir!“ sagte Sigismund. Aber er sagte es nicht triumphirend,
sondern erschöpft; es klang wie ein Seufzer, nicht wie ein Jubelruf.
Agathe strich leise mit der Hand über seine Stirn. Er fragte:
„Was ist da?“
„Ich weiß nicht,“ entgegnete sie, „aber Etwas ist da, was ich
wegschaffen mögte.“
„Falten, Agathe?“
„O nein! ich weiß nicht, was es ist! sag’ es mir, Sigismund.“
„Kind! Kind!“ sagte er lächelnd, „grabe doch nicht so in die Tiefe! da
giebt’s ja Särge und Leichen.“
„Ja,“ rief sie lebhaft, „und deren Gespenster kommen auf die Oberwelt,
und ich mögte sie verscheuchen.“
„Was meinst Du eigentlich?“ fragte er und sah sie ein wenig befremdet
an.
„O! daß ich Dich liebe, Sigismund!“ sagte sie sanft.
Als er Agathe in ihrer Liebe bestärkt und beruhigt sah, that er einen
langen innerlichen Athemzug, als fühle er sich von einer Sorge befreit.
Später kam seine Schwester mit ihrem Mann. Sie sagte freundlich:
„Wenn Du mich nicht aufsuchst, lieber Sigismund, so such’ ich Dich auf
-- verwöhnter Mensch, der Du bist. Wir können nun einmal Alle nicht von
Dir lassen.“
Das rührte und erfreute ihn. Sein Herz hob sich wieder, um aus der
Beklommenheit herauszutreten, die ihn den ganzen Tag umspannt gehalten.
Diese Frauen, Auguste und Agathe, beide so verschieden, und einander
so fremd im innersten Wesen, schienen sich nur in der Liebe zu ihm zu
begegnen und zu verstehen. Die Schwester freute sich an der Adoration,
mit der die Braut zu ihm emporsah; und die Braut an der huldigenden
Zärtlichkeit der Schwester. Ihm wurde wohl, er fing an, sich heimisch
zu fühlen. Plötzlich fragte ihn sein Schwager:
„Bist Du denn nicht in Berlin der Tosca Beiron begegnet? sie soll ja da
sein -- hört’ ich heute.“
Sigismund war zu Muth wie Jemand, der dem Ufer nah in den Strudel der
Wellen sich zurückgerissen fühlt. Er sagte entschlossen:
„Ich wohne mit ihr in demselben Hause und habe sie öfter gesehen.“
„Und das sagst Du mir nicht!“ rief Friedrich; „aber nun erzähle! wie
sieht sie aus, wie geht’s ihr, wie lebt sie? hat sie wirklich einen
alten kränklichen Mann? Tosca Beiron mußt Du wissen, Gustchen -- wandte
er sich an seine Frau -- war in Bonn meine Göttin, und Sigismunds erste
Liebe, Fräulein Agathe“ -- sagte er zu dieser.
„Ich kann mir keine Person vorstellen,“ entgegnete Auguste, „die auf
Euch Beide einen gleich tiefen Eindruck machen könnte.“
„Das war er auch mit nichten!“ sagte Friedrich; „ich behielt immer
den Kopf oben; aber Sigismund war weg -- rein weg. Sigismund bei
einundzwanzig Jahren, als Student zu Bonn, Fräulein Agathe, war nicht
der ernsthafte Regierungsrath zu Magdeburg, der Ihnen jetzt zur Seite
sitzt, und ich war damals auch ein ganz Andrer.“
„Ich glaube gar, Du seufzest,“ rief Auguste. „Wenn ich mit Dir
zufrieden bin, so wie Du jetzt bist, so seh’ ich nicht ein, was Du zu
seufzen hast.“
„Es ist eine ganz schlechte Gewohnheit,“ sagte Sigismund, „bei der
Erinnerung an die Jugendzeit zu seufzen. Wir sollten lieber lachen,
daß wir ihre Freuden gehabt haben, und daß ihre Thorheiten hinter uns
liegen.“
„Aber Sigismund -- wer ist Tosca Beiron?“ fragte Agathe.
„Erlauben Sie mir Ihre Frage zu beantworten!“ nahm Friedrich schnell
und neckend das Wort; „den armen Sigismund dürfte es verlegen machen.“
„O!“ rief Sigismund, „es wäre übel mit mir bestellt, wenn ich um jedes
Frauenzimmer verlegen werden sollte, das mir gefallen hat.“
„Gefallen hat!“ rief Friedrich lachend; „das nennt er gefallen hat!
Fräulein Agathe, die Zeiten sind längst vorüber, und ein Student hat
ein andres Herz als ein Mann, aber glauben Sie mir: Ihr Sigismund war
dermaßen ernsthaft verliebt in Tosca Beiron, wie zu seiner Zeit von den
sechshundert Studenten zu Bonn nicht ein einziger verliebt war.“
„Das gefällt mir von meinem Bruder!“ sagte Auguste.
„Würd’ es Dir auch von Deinem Mann gefallen?“ fragte Friedrich.
„Gewiß!“ entgegnete sie, „lieber tüchtig, als matt verliebt sein.“
„Gustel! so spricht eine alte Ehefrau aus der temperirten Zone des
ehelichen Lebens heraus,“ sagte ihr Mann. „Eine Braut wird immer
wünschen, daß ihr Herzliebster wo möglich gar nicht -- oder doch nur so
matt wie möglich verliebt gewesen sei, bis er ihr gegenüber in Flammen
steht. Gelt, Fräulein Agathe?“
„O Himmel, Sigismund! wer ist Tosca Beiron?“ sagte Agathe und faltete
bittend ihre Hände gegen ihn zusammen. Es war ihr unmöglich auf
Friedrichs Scherze einzugehen. Sie konnte das sonst, zuweilen, wenn
sie grade recht fröhlicher Laune war. Die gehört dazu, um solchen
Neckereien zu begegnen, welche manche Menschen die Gewohnheit haben
gegen ein Brautpaar, und vorzugsweise gegen die Braut zu richten. Eine
gräßliche Gewohnheit! ganz genügend, wenn man glücklich ist, einem
die neckenden Leute -- und wenn mans nicht ist, einem den Bräutigam
unerträglich zu machen.
„Sie ist die Frau des General Beiron,“ antwortete Sigismund, „lebt
diesen Winter in Berlin, und ich habe unsre durch zwölf Jahre
unterbrochene Bekanntschaft wieder angeknüpft, weil wir in demselben
Hause wohnen, und weil ich ihr -- oder eigentlich ihrem Mann -- eine
kleine Gefälligkeit erzeigen durfte.“ -- Er erzählte darauf den Wechsel
seiner Wohnung, und Agathe hörte ihm mit gespannter Theilnahme zu.
„Und ist sie denn noch schön?“ fragte Auguste.
„O wunderschön!“ entgegnete Sigismund; „es ist vielleicht zu viel
Licht in dem Antlitz; die Augen, die Farben, die Zähne, die Lippen,
das Haar -- Alles ist Glanz, nirgends Schatten! aber es ist der Glanz
des Diamants. Und so ist auch ihr Wesen, ihr Blick, ihr Lächeln, ihre
Stimme -- nichts Dunkles in der ganzen Erscheinung.“
„So war sie schon damals!“ rief Friedrich; „ganz genau so! mirakulös,
daß sie sich so gut conservirt hat! die Blondinen verblühen meistens
mit fünfundzwanzig Jahren, und sie muß wol dreißig sein.“
„Ah, sie ist schon dreißig Jahr alt?“ rief Agathe mit einem freudigen
Seufzer.
„Ich schmeichle mir,“ sagte Auguste, „daß ich mit meinen dreißig
Jahren nicht blos gut conservirt aussehe, was beiläufig eine
ganz unerträgliche Redeweise ist, lieber Friedrich, sondern sehr
bezaubernd.“
„Es ist eine alte Erfahrung,“ sprach Sigismund lächelnd, „daß die
Bezauberung völlig unabhängig von Jugend und Schönheit sein kann.
Cleopatra war eine kleine magre schwarze Frau; Prinzessin Eboli
hatte nur ein Auge; Diane de Poitiers hätte bequem die Mutter ihres
königlichen Geliebten sein können. Die Bezauberung fängt eben da an, wo
die gewöhnlichen Mittel um zu gefallen aufhören.“
„Das ist recht trostreich für uns!“ rief Auguste.
„Ach nein!“ sagte Agathe; -- „man müßte denn das Bewußtsein eines
Zaubermittels in sich tragen.“
„Ich weiß etwas,“ sagte Friedrich, „worauf solch’ ein Zauber sich
wesentlich stützt. Aber Ihr werdet mich Alle dermaßen anschreien, daß
ich es Euch nicht zum Besten gebe.“
„O ich errathe schon, was das ist!“ entgegnete Auguste; „Geist,
Güte, Grazie -- dies Kleeblatt, welches Ihr uns immer in vollen
Sträußen anwünschet, und an welchem Ihr doch häufig so gleichgültig
vorüberstreift.“
„Sehr natürlich!“ erwiderte Friedrich neckend. „Geist? -- unbequem!
Güte? -- langweilig! Grazie? -- überflüssig! am Heerd und in der
Kinderstube total überflüssig! -- Nein, Gustel, das war schlecht
gerathen! denk Dir was Andres aus!“
„Ich verstehe gar nicht zu rathen,“ sprach Agathe bittend; „sein Sie
gut! sagen Sie mir das Mittel.“
„Gut denn! ich werd’ es sagen! Paßt auf und glaubt mir,“ sprach
Friedrich. „Die Gesundheit ist’s.“
„Das nenn’ ich wie ein Arzt gesprochen!“ rief Auguste.
„Wie ein Menschenkenner, liebes Kind,“ entgegnete ihr Mann gelassen,
„was freilich synonym mit Arzt ist. Ich sage Euch: ohne Gesundheit,
ohne die Frische, die Kräftigkeit, die Unverwüstlichkeit der leiblichen
Organisation ist gar keine Verzauberung möglich. Ja, die schöne Eboli
hatte nur ein Auge! ja, die schöne Diana war vierzig Jahr alt! und
geweint, und gesorgt, und sich gegrämt haben Beide gewiß in reichlichem
Maß -- denn umsonst ist Niemand bezaubernd! das merkt Euch, und man
muß dafür zahlen mit Schmerzen und Thränen! -- aber was schadet das?
die schönste Gabe des Himmels, eine unzerstörbare Gesundheit, machte,
daß sie durch Sorgen, Unruh und Aengste nicht häßlich wurden. Eine
Frau kann ein halbes Jahr in Thränen zerschmelzen, und es wird ihrer
Schönheit bei Weitem weniger Eintrag thun, als wenn sie drei Tage den
Magenkrampf hat. Gesund muß sie sein! in einem welken und gebrechlichen
Körper ist der Seele schlecht zu Muth, hat sie nicht ihre Fähigkeiten,
ihre Gaben rund und klar und frisch beisammen! weder die leiblichen
noch die geistigen Grazien können hervortreten. Der Geist ist ohne
Spannkraft, ohne Energie; in lahmen, mürrischen oder sentimentalen
Launen schleicht er dahin -- matt wie der Puls, der das Blut nur
nothdürftig durch die Adern treibt, so daß das Auge nicht stralen,
die Wange nicht glühen kann. Wenn ich von einer ungewöhnlich schönen
und liebenswürdigen Frau höre, so schreib’ ich flugs sieben Achtel
ihrer Herrlichkeit ihrer guten Gesundheit zu, und freue mich einen
Beruf gewählt zu haben, der dies Fundament aller Vortrefflichkeit im
Menschengeschlecht herzustellen oder zu begründen strebt. Gewiß hat
Tosca Beiron eine wundervolle Gesundheit.“
Sigismund lachte hell auf, klopfte seinen Schwager auf die Achsel und
sagte zu seiner Schwester:
„Straf’ ihn Lügen, liebe Auguste, weil er vorhin gesagt hat: ein Mann
hat ein andres Herz als ein Student. Glaube Du mir: er hat noch ganz
dasselbe wie vor zwölf Jahren! da fing er auch seine Reden mit Galenus,
Boerhaave und Paracelsus an, und endete sie unfehlbar mit Tosca
Beiron.“
„Ich mögte sie wol sehen,“ sprach Agathe.
„Uns würde sie nicht verzaubern, liebe Agathe,“ rief Auguste. „Frauen,
die allen Männern gefallen, gefallen uns nicht.“
„Sehr natürlich!“ sprach Friedrich; „Ihr beneidet sie.“
„Neid? weil sie Euch gefallen?“ sagte Auguste spöttisch. „Ach nein! das
gelingt Jeder, die es darauf anlegt; und eben diese Koketterie ist’s,
welche uns Andere abstößt.“
„Euch Andere, die Ihr nicht kokett seid; nicht wahr, Gustel, das willst
Du sagen?“ sprach Friedrich. „Liebes Kind, wenn Dirs nur einer glaubte!
Koketterie ist Euer Fach, Eure Bestimmung, Eure Neigung, Eure Glorie.
Ihr sollt und wollt gefallen -- dazu seid Ihr von der Natur bestimmt.
Eine Frau, die keinem Mann gefällt, ist ein unglückseliges Geschöpf,
eine mißrathene Creatur, ein Monstrum“ .... --
„Welche Uebertreibung!“ unterbrach Auguste ihn verdrießlich. „Was
Du eine mißrathene Creatur nennst, ist oft ein liebes bescheidenes
Wesen, das sich nicht vordrängt, nicht breit macht, nicht ihre kleinen
Vortrefflichkeiten herausstellt, dafür von Euch übersehen, aber von uns
mit den allerfreundlichsten Augen angesehen wird.“
„Das glaub’ ich gern!“ rief Sigismund lachend.
„Und was hat das liebe bescheidene Wesen davon, daß Ihr sie freundlich
anseht?“ fragte Friedrich.
„Du bist allzu impertinent, Friedrich!“ sagte Auguste geärgert.
„Ich würde mich und jeden Mann heftig bedauern,“ sagte Sigismund,
„der nur seinem Geschlecht gefiele. Das läßt eine überwiegend plumpe,
bärenhafte, brutale Natur voraussetzen, die Euch durch und durch
zuwider ist; aber es schließt freilich nicht gewisse Verdienste und
eine gewisse Tüchtigkeit aus, die wir zu schätzen wissen. Wenn ich von
Jemand sagen höre: Er ist ein prächtiger Junge! oder auch: Er ist ein
guter Kerl! -- so weiß ich schon, daß ihm die Bärentatzen zu schaffen
machen, wenn er auch zwölf Paar gelbe Handschuh über einander zöge, und
daß er den Frauen ein Greuel sein wird. Nun sag mir, liebe Auguste, was
hat der arme Teufel davon, daß ein Paar von uns sagen: Er ist aber doch
ein guter Kerl! -- Ihr müßt ein lobendes und beifälliges Wort über uns
sagen; das erquickt, das erfreut, das giebt Sicherheit, Feinheit, Takt,
endlich gar -- Glück! -- Und das sollte bei Euch anders sein?“
„Lieber Sigismund,“ erwiderte Auguste, „gefallen wollen und kokettiren
hat mit dem Glück nichts zu schaffen.“
„Wer weiß!“ entgegnete er; „man muß der Koketterie nur keine böswillige
Bedeutung beilegen, ihr keine heuchlerische Absicht unterschieben; was
ist sie dann anders, als eine graziöse Geschicklichkeit, liebliche und
einnehmende Gaben herauszustellen, und das am rechten Ort thun -- kann
tiefes Glück begründen.“
„Aber welch’ ein Studium, welche Absichtlichkeit und Berechnung läßt
das voraussetzen!“ rief sie.
„Nichts von dem Allen!“ sagte Sigismund; „dafür habt Ihr Euern
wundervoll feinen Instinkt! Nämlich die Begabten unter Euch haben ihn!
die gemeinen und schwerfälligen Naturen machen aus dem reizenden Scherz
der Koketterie eine plumpe abstoßende Berechnung, die oberflächlichen
ein ödes gedankenloses Spiel, die eiteln ein leichtsinniges“ ... --
„Und was sollen wir denn eigentlich daraus machen, Sigismund?“ fragte
Agathe ganz ernstlich.
„Bravo, Agathe!“ rief Auguste schadenfroh.
„Eure schöne, liebenswürdige Natur sollt Ihr zeigen,“ entgegnete
Sigismund; „sollt nicht prüde thun, wie vorhin mein Schwesterchen gegen
die Frauen, welche uns gefallen; sollt nicht die prächtigen unter Euch
beneiden, und die alltäglichen herausstreichen, was beiläufig gesagt,
ein ganz abgebrauchtes Mittel ist; kurz, lieblich sollt Ihr sein.“
„O,“ rief Auguste, „wie kannst Du das ~Sein~ Koketterie nennen!“
„Nicht das Sein -- das Zeigen!“ sagte Sigismund.
„Ich nenne nur das Scheinen so,“ entgegnete sie.
„Es ist umsonst, Sigismund!“ sprach Friedrich; „gegen manche Dinge,
Worte, Personen, haben die Frauen Vorurtheile, und es ist leichter,
eine Welt von Männern zu bekehren, als das Vorurtheil einer einzigen
Frau zu besiegen. Auguste hat sich nun einmal entschlossen, der
Koketterie ihren Platz im tiefsten Höllenpfuhl anzuweisen. Da könnte
unser Herrgott sie des Paradieses würdig erachten; Auguste würde
sprechen: Unser Herrgott thut sehr übel daran. Und das geschieht, um
mir einen Beweis ihrer Aufrichtigkeit zu geben, ihrer himmelklaren
Gesinnung, welche jede Schminke verachtet, jeden Um- und Nebenweg
verschmäht, jede Huldigung abweist. Und das soll ich glauben! O Ihr
Frauen! wenn’s Euch möglich wäre, aufrichtig zu sein, so wärt Ihr
göttlich“ .... --
„Und folglich viel zu gut für Euch!“ unterbrach ihn Auguste. „Ihr
könnt so wenig unsre Aufrichtigkeit vertragen, daß wir sehr gescheut
daran thun, Euch nicht zu tief in unsre Gefühle, sogar für Euch selbst,
einzuweihen. Das macht Euch auf der Stelle gleichgültig. Eigenliebig,
wie Ihr nun einmal im erschreckendsten Grade seid, denkt Ihr alsbald:
‚So hoch liebt sie mich nur? so tief liebt sie mich nur? Aber da sind
ja Schranken und Grenzen! Nein, ich muß ganz anders geliebt werden!
Wollen es mal mit einer Andern versuchen.’ Was Euch fesseln sollte,
stößt Euch ab, Euch verkehrte Leute! und wenn wir Takt genug haben,
unsre Seele vor Euch zu verschleiern, um Euch Euer Glück zu bewahren,
so klagt Ihr, wir wären nicht göttlich genug für Euch. Das ist zum
Todtlachen!“
„Ach! zum Todtweinen eher!“ rief Agathe.
„Nun grämt sich dies arme unschuldige Kind,“ sagte Auguste lachend.
„Tröste sie doch, Sigismund. Sag’ ihr doch, das, was ich gesagt habe,
sei nicht wahr. Sie wartet ja nur auf ein halbes Wort von Dir, um auf
dessen Wahrheit zu schwören, und um meine Wahrheiten Blasphemie zu
nennen.“
„Es ist doch etwas Traurig-Wahres in ihnen!“ entgegnete Sigismund;
„es paßt auf die allgemeinen Fälle, aber Jeder behauptet, für seinen
besondern Fall sei eine Ausnahme zu machen.“
„Und glaubst Du nicht an solche Ausnahme, Sigismund?“ fragte Agathe
dringend.
„Ich hoffe auf sie, liebe Agathe,“ sprach er freundlich.
„Ich wüßte aber doch gern noch mehr von Tosca Beiron,“ hub Friedrich
wieder an; „erzähle mir von ihr, von ihrem Mann, ihren Verhältnissen“
... --
„Ach!“ rief Auguste, „Du wirst langweilig! wie kannst Du Dich so
lebhaft für eine Frau interessiren, die Du in zwölf Jahren nicht
gesehen hast?“
„Ich dächte, Gustel, das müßte Dir angenehmer sein, als wenn ich sie in
zwölf Tagen nicht gesehen hätte,“ antwortete Friedrich.
„Nein!“ entgegnete sie; „diesmal will ich aufrichtig sein und Dir
sagen, daß solche unvergeßliche Personen mich geniren. Gegen eine so
lange Erinnerung kann nichts -- nichts in die Schranken treten, und
die Gegenwart am wenigsten, weil grade deren Mangelhaftigkeit uns den
Erinnerungen gegenüber doppelt fühlbar wird.“
Bei jedem Wort seiner Schwester fühlte Sigismund sein Herz schwerer
und immer schwerer werden. Er dankte ihr und dem Himmel, als sie sich
sofort mit einer Frage nach Liszt an ihn wendete, und ihn aufforderte
von ihm zu erzählen, wie er gespielt habe, und was.
„Schuberts Ave Maria hat er gespielt,“ antwortete Sigismund.
„Weshalb ist Dir das besonders im Gedächtniß geblieben? war es
vorzugsweise schön?“ fragte Agathe.
„Es war Alles schön!“ entgegnete Sigismund ausweichend; „ich hab’ Euch
den Conzertzettel mitgebracht -- da könnt Ihr sehen, was er gespielt
hat.“
Er zog sein kleines Portefeuille aus der Tasche und nahm den Zettel
heraus.
„O wie verbraucht sieht Dein Schreibtäfelchen aus!“ rief Agathe. „Ich
werde Dir ein anderes arbeiten. Zeig’ her! ich will genau das Maß
nehmen.“
Sigismund gab es ihr.
„Darf ich wol ein wenig darin blättern?“ setzte sie neugierig hinzu.
„O sehr gern,“ erwiederte er; „es ist nur gar nichts drin, was Dich
unterhalten könnte. Auf der einen Seite ein Paar Visitenbillets, auf
der andern ein Paar Thalerscheine.“
Agathe hatte mit der äußersten Geschwindigkeit die Papiere durch ihre
Finger gleiten lassen.
„Und das?“ fragte sie plötzlich, „was ist das für eine getrocknete
Blume?“ Sie nahm aus der Tiefe des einen Seitentäschchens die Tazette
heraus, welche am Neujahrstag aus Toscas Blumenstrauß gefallen war,
und welche Sigismund wirklich ganz und gar vergessen hatte -- nicht aus
Vergeßlichkeit, sondern weil er des dürren Erinnerungszeichens an Tosca
nicht bedurfte.
„Was ist das für eine Blume?“ wiederholte sie.
„Eine Tazette!“ sagte er gedankenlos.
Agathe sah ihn rasch mit tief fragendem Blick an; darauf schlug sie
eben so rasch die Augen nieder. Sie wollte nicht in Sigismunds Augen
lesen, daß seine Gedanken nicht bei ihr waren. Sie hielt die arme
Tazette krampfhaft zwischen ihren Fingern. Sie hatte Lust, sie in Staub
zu zerreiben und unter ihre Füße zu werfen. Da fiel ihr das Flacon ein,
und die Szene, welche darauf gefolgt war, und auf einmal fühlte sich
das arme Mädchen in ihre Bestimmung eingeweiht: zu schweigen und zu
leiden. Sie ließ die Tazette zwischen die Visitenbillets zurückgleiten,
schloß das Portefeuille, gab es sanft an Sigismund zurück und sagte:
„Ich werde Dir eins von violettem Maroquin mit goldnen Schnürchen
machen; das trägt sich sehr bequem, und dann wirst Du es brauchen --
nicht!“
Er nahm ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Er fühlte sich
innerlichst zerknirscht durch diese Selbstverleugnung, und durch seine
Undankbarkeit; denn Freude darüber, daß sie nicht weiter fragte, hatte
großen Theil an seinem innigen Dank: das verhehlte er sich nicht. „Aber
ich bin ein Ungeheuer!“ sprach er immerfort heimlich zu sich selbst,
während er laut eine muntere Unterhaltung mit seiner Schwester und
ihrem Mann fortsetzte. Die Zeit wurde ihm lang, unermeßlich lang. Ihm
war, als sei er bereits Wochen in Magdeburg gewesen. Die Gegenwart
drückte ihn, und doch graute ihn vor der Rückkehr nach Berlin.
Erschöpft, wie von der mühseligsten Arbeit, verließ er Agathe am späten
Abend, und so wie der gestrige ihn beruhigt hatte, eben so aufgeregt
hatte ihn der heutige. Der ganze Tag war qualvoll gewesen .... qualvoll
durch die unendliche Erinnerung an Tosca, die sich zwischen ihn und
die arme Agathe wie eine Wolke drängte ... qualvoll durch die Sorge,
Agathen weh gethan zu haben in Allem, was er gesagt, und nicht gesagt
... qualvoll durch die Vorwürfe, die er sich selbst nicht sparte über
seine Kälte gegen die Liebe eines so jungen, frischen, zärtlichen
Herzens. Er hatte nie eine leidenschaftliche Neigung für Agathe gehabt;
aber er hatte sich auch sonst noch nie darüber entsetzt, daß er sie
nicht habe. Jung, schön, intelligent, von tiefem Gefühl, einfach und
anspruchlos erzogen, wie Agathe war, konnte er unmöglich an einem
häuslichen Glück, an einer zufriedenen Ehe mit ihr zweifeln. In dieser
tiefen Zuversicht hatte er ihr seine Hand geboten .... und durch die
Begegnung mit einer Frau, welche die Gattin eines Andern war, und von
der er gar nicht wußte, ob sie andre, als gleichgültige Gesinnungen
gegen ihn hege -- war diese Zuversicht im Fundament erschüttert. Er
stellte die beiden Frauen neben einander; er führte sich Alles vor
die Seele, was zu Agathens Gunsten sprach. Ja, Tosca war zehn Jahr
älter! war verwöhnt durch die Welt und die Menschen! machte Ansprüche,
hatte Wünsche, welche Agathen vielleicht ewig fern bleiben würden!
-- Aber wenn er sich die Möglichkeit dachte, sie die Seine nennen zu
dürfen, wie Agathe es werden sollte: so kam ihm auf einmal das Leben
durchstralt und verklärt vor, und zu einer Sphäre emporgehoben, die
sich zu seinem gewohnten Zustand verhielt, wie der volle Mittsommertag
zu einem stillfreundlichen Herbsttag; -- so fluteten ihm namenlose
Freudigkeiten durch die Seele, wie Naphthaquellen, unauslöschlich,
flammend; -- so erschien ihm sein ganzes Dasein klar, abgerundet,
ein Weg zu ihr, ein Streben nach ihr, befriedigt und beseligt durch
sie, die ihm die Krone des Lebens reichen würde. Für sie würde die
Anstrengung ein Reiz und der Ehrgeiz ein Genuß sein. Weil sie fliegende
Wünsche und große Ansprüche hatte, weil sie vom materiellen Leben
nichts kannte, als Sammt und Atlas, so wär’ es ihm eine Wonne gewesen,
sie wie eine Königin unter einen sammtnen Baldachin zu stellen. „Denn
ich liebe sie!“ sprach er ganz laut in der stillen Nacht, und fuhr
zusammen bei dem Schall seiner Stimme, bei dem Wort, durch welches er
von sicherm Glück sich schied, um ungewissen Qualen entgegen zu gehen.
Die Arme fielen ihm schlaff herab. „Nein!“ rief er dann plötzlich
ermannt, „es soll und darf nicht sein! ist bei ~ihr~ die Macht, so sei
bei mir die Kraft. Ich gehöre Agathen an; ich habe kein Recht mehr auf
mich selbst.“
Kaum war es Tag, so eilte er zu Agathen. Freudig überrascht fiel sie in
seine Arme. Er drückte sie heftig an sich und sagte beklommen:
„Agathe, liebe einzige Agathe! ich hab’ eine Bitte, eine glühende,
dringende Bitte. Heirathe mich heute, gleich, auf der Stelle.“
„Um Gottes willen, Sigismund, was ist Dir widerfahren!“ rief Agathe und
blickte mit Angst in sein bleiches Antlitz, in sein tiefliegendes Auge,
das von der schlaflosen Nacht und der bittern Seelenpein zugleich müde
und fieberhaft aussah.
„Nichts! ich schwör’ Dir -- nichts!“ sagte er. „Es sind mir nur
Gedanken gekommen von der Nutzlosigkeit unsrer ferneren Trennung. Wo
ist Deine Mutter, liebe Agathe? hilf mir bitten, bis sie Ja sagt! ...
Denn Du sagst Ja! nicht wahr?“
„Ich weiß nicht, Sigismund,“ entgegnete sie schüchtern; „aber ich werde
die Mutter rufen.“ Sie ging.
„Gott lenke ihr Herz!“ dachte Sigismund. „In dem Bewußtsein, mein Wort
nicht gebrochen und Agathens Glück begründet zu haben, werd’ ich all’
meine Kraft und Besonnenheit wiederfinden.“ -- Agathe kam mit ihrer
Mutter, und weniger stürmisch, doch ebenso dringend, legte Sigismund
ihr seine Bitte ans Herz.
„Das ist ganz unmöglich,“ entgegnete die Justizräthin Gertner höchst
gelassen, „denn Agathens Aussteuer ist nicht fertig.“
„Ums Himmels willen!“ rief Sigismund; „lassen Sie doch nicht von ein
Paar unfertigen Kleidern das Glück meines Lebens abhängen.“
„Aber was soll denn diese unstatthafte Eile vorstellen?“ sagte die
Justizräthin mißvergnügt. „In die ersten Tage des April war Ihre
Hochzeit gesetzt; darauf hab’ ich mich eingerichtet, und dabei muß es
bleiben. Sie haben ja weder Dach noch Fach für eine Frau.“
„Ich hab’ meine Wohnung!“ rief Sigismund; „drei freundliche Zimmer! was
braucht Agathe mehr?“
„Küche, Keller, Kammern,“ erwiederte die Justizräthin. „Und was zahlen
Sie für Ihre Wohnung?“
„Monatlich sieben Louisd’or,“ sagte Sigismund ein wenig ungeduldig.
„Da das jährlich vierundachtzig Louisd’or sein würden, und da man
das Sechsfache von dem was die Wohnung kostet, als ganz nothwendig
zur Bestreitung des Hauswesens annimmt -- die ungewöhnlichen und
unvorhergesehenen Ausgaben abgerechnet -- so ist Ihre jetzige Wohnung
ganz gewiß zu kostbar für Ihre Verhältnisse, mein lieber Forster,“
sagte die Justizräthin.
„So können wir eine andre nehmen,“ rief er.
„Aber so warten Sie doch bis zum April,“ sagte sie ermahnend. „Das
ist die Zeit, wo man Wohnungen fürs Jahr zu nehmen pflegt. Sie haben
dann eine größere Auswahl, und bekommen sie obenein viel billiger,
als wenn Sie nur monatweise sie nehmen. Gönnen Sie doch Agathen die
Annehmlichkeit, in eine ruhige, geordnete Wohnung einzuziehen, in der
es an nichts fehlt, und die ihr den Eindruck eines Hauses und ihres
Eigenthums macht. So wie Sie jetzt eingerichtet sind, mit lauter
fremden Sachen, ohne Wirthschaft, ohne Hauswesen -- da hinein findet
sich kein verständiges, ordnungsliebendes Frauenzimmer. Das ist eine
Art von Gasthofsleben, welches sich nicht für die Ehe schickt.“
„Es würde ja nur auf kurze Zeit sein, liebe Mutter;“ wandte Agathe
schüchtern ein, da sie sah, daß die mütterliche Predigt keineswegs nach
Sigismunds Geschmack war; „und ich würde mich recht gut darein finden,
wenn er es wünscht.“
„Dieser Wunsch ist wirklich nicht zu begreifen, mein bester Forster“
.... -- sagte die Justizräthin.
„Ich find’ es in der That noch unbegreiflicher,“ unterbrach Sigismund
sie lebhaft, „daß Sie Sich so sehr darüber verwundern. Wir sind jetzt
sechs Wochen verlobt, und die Zeit ist mir lang genug geworden, um zu
wünschen, daß sie aufhören möge. Agathe lebt hier, ich lebe in Berlin;
ich kann nicht so oft herüber kommen, als es uns Beiden lieb wäre; --
die Heirath bringt das in Ordnung.“
„Ich bin nicht für solche eilfertige Heirath, ohne vorhergegangenen
Brautstand,“ sagte die Justizräthin sehr trocken, und fügte die
hergebrachte Phrase hinzu: „Ihr müßt Euch doch Beide ein wenig kennen
lernen, ehe Ihr Euch heirathet.“
„Das geschieht viel gründlicher in der Ehe,“ versicherte Sigismund.
„Aber lassen Sie mir meine Tochter doch noch die zwei armseligen
Monate!“ rief die Justizräthin. Sie hatte nun einmal ihre Einrichtungen
für die ersten Apriltage gemacht; pünktlich und bedächtig, wie sie
war, schien es ihr Frevel, an dieser wohlüberlegten Veranstaltung zu
rütteln. Da sie durch ihre Gründe Sigismund nicht überzeugte, so nahm
sie zur mütterlichen Zärtlichkeit ihre Zuflucht, wohl wissend, daß
dies die letzte Epoche sei, in welcher der künftige Schwiegersohn auf
dieselbe Rücksicht nehmen würde.
„Auf diesen Ausspruch darf ich freilich keine Bitte mehr folgen
lassen,“ sagte Sigismund sehr niedergeschlagen; „aber Sie wissen nicht,
Frau Justizräthin, wie weh Sie mir thun.“
„Mein bester Forster,“ erwiederte sie begütigend und froh, weil sie den
Sieg davon getragen, „wie kommen Sie, ein verständiger Mann, zu solcher
kindischen Ungeduld? Das Gute trifft ja immer früh genug ein, sobald
wir nur sicher wissen, daß es eintrifft, und wir haben das Glück um
desto lieber, je länger wir uns danach gesehnt haben.“
Sigismund konnte ihr nicht antworten, daß diese Sehnsucht aber zuweilen
verschwinde, und daß es das höchste Glück des Glückes sei, wenn es
grade im rechten Moment eintreffe; denn heute kann dasjenige Wonne
bereiten, was morgen Angst bereitet, und das Ereigniß, das uns jetzt
als ein Segen trifft, hätte ein Jahr früher ein Fluch sein können.
Die Justizräthin erzählte ihm weitläuftig, wie die Wohnung beschaffen
sein müsse, die er zu wählen habe: nicht unten im Hause, da sei es
leicht kellerhaft und feucht; und auch nicht zu viel Treppen hoch,
das sei beschwerlich für die Wirthschaft; nicht unter den Linden, wo
es wenigstens um ein Drittel theurer sei, aber auch nicht zu tief in
der Stadt, weil die Abgelegenheit auch ihre großen Unbequemlichkeiten
mit sich bringe. Dann ging sie auf die Meubles über, auf Tische und
Stühle; ob von Mahagoni, ob von weniger kostbarem Holz. Zuletzt auf das
Küchendepartement! Sigismund wurde immer einsylbiger und einsylbiger.
Vorgestern noch, vielleicht noch gestern, hätte er lebhaften Antheil an
diesen kleinen Verhandlungen genommen, die allen Personen interessant
sind, welche sich ihr Haus begründen wollen, weil sich dabei viel
Eigenthümlichkeit des Geschmacks und der Neigungen offenbart. Je enger
die Verhältnisse sind, um desto mehr nehmen sie den Character der
Wichtigkeit an, denn es gehören Studium und Combinationen dazu, um
mit beschränkten Mitteln auszulangen. In leichter Stimmung fühlt man
diese Beschränkung nicht wie einen Druck; im Gegentheil! nur wie einen
Reiz, um ihn zu besiegen. In trüber Stimmung wird ein unerträglicher
Druck daraus! Ein schweres Herz ist gleichgültig gegen die materiellen
Aeußerlichkeiten des Lebens, die ihm nicht anders als nebensächlich
erscheinen können, und durch diesen höchst natürlichen Mangel an
Theilnahme, den Andre sich freilich nicht erklären können, kommt
er ihnen, und wol gar sich selbst, lieblos vor. Was lag Sigismund
in diesem Augenblick daran, ob ein Tisch von Polixandre- oder von
Tannenholz sei?
Agathe nahm seine Verstimmung wahr, und sie grämte sich darum. Sie
hatte ihre alte Zuversicht zu Sigismund verloren. Der gestrige Tag,
voll Unbehagen und Schmerzlichkeit; dann seine heutige übereilte Bitte,
auf welche eine so große Abspannung, wie eben jetzt folgte -- brachte
sie ganz aus ihrem Gleichgewicht. Sie hätte ihm gern etwas Herzliches
gesagt; aber sie fürchtete, zu viel zu sagen. Sie hätte auch eben
so gern geschwiegen; aber dann erfuhr sie noch weniger Sigismunds
Gedanken, der gar nicht in mittheilender Laune zu sein schien. Am
liebsten unzweifelhaft hätte sie geweint; aber sie schämte sich so zu
weinen ohne bestimmten Grund.
Endlich ging die Justizräthin, um einen Blick in die Küche zu werfen,
und Sigismund sprach ganz erschöpft:
„Liebe Agathe, spiele mir etwas auf dem Piano vor, das wird mir gut
thun.“
„Ach Sigismund,“ sagte sie, „kannst Du mir denn wirklich nicht sagen,
was Dir eigentlich geschehen ist? Schon vorgestern kamst Du mir vor,
als habe man Dir etwas zu Leid gethan .... und heute noch mehr! und
dazu Deine seltsame Bitte!“ ... --
„Agathe!“ unterbrach er sie, „sprich nicht wie Deine Mutter! Dir kann
die Bitte unmöglich seltsam vorkommen, wenn Du mich lieb hast.“
„Ich meinte nur die heftige, fast angstvolle Art und Weise,“ entgegnete
sie erröthend.
„Ich bin sehr heftig, Agathe, ~wenn~ ich’s einmal bin,“ sagte er.
„Und daher thut es mir bitter leid, daß Deine Mutter keine Rücksicht
auf meinen glühenden Wunsch genommen hat. Es giebt Wünsche von so
unerhörter Gewalt, daß sie vielleicht Fingerzeige des Schicksals sind,
und daß an ihrer Erfüllung Leben und Tod hängen mag.“
„Sigismund!“ sagte Agathe mit bebenden Lippen, „Du ängstigst mich todt.“
Er nahm ihre Hände und drückte sie vor seine heiße Stirn. „Das thut
gut!“ sagte er; „was hast Du für prächtig kalte Hände! O ängstige Dich
nicht, Agathe! mir wird besser. Der plötzlich zurückgedrängte Wunsch
machte mir ein flüchtiges Fieber.“
„Aber wie ist er nur so plötzlich in Dir aufgewacht?“ fragte sie.
„Ich dachte daran, wie das glücklich wäre, wenn ich Dich morgen mit
mir nach Berlin nehmen dürfte. Dann wäre Alles abgethan, sicher und
fest. Nun bin ich in ewiger Spannung; ich möchte zu Dir, und kann
nicht; nichts ist mir recht, weil ich weiß, daß es bald so ganz anders
sein wird. Das einsame Leben ist mir zur Last, macht mich unruhig,
und die Menschen ... geben mir auch nicht die Ruhe, nach der mich
so tief verlangt. Es ist eine zernagende Sehnsucht in mir, die sich
zuweilen ins Unglaubliche, und immer ins Unsägliche steigert; -- und
der Gedanke, daß sie mich noch ganze Tage, Wochen, Monate, zernagen
soll, macht mich unglückselig. In mir, vor mir, um mich, muß Alles
klar und bestimmt sein: dann bin ich in meinem Element! dann kann ich
ertragen, thun, handeln, auch leiden -- wenn’s sein muß! -- nur aber
die Schwankungen vernichten mich.“
„O Sigismund, wie ist das traurig, daß eine süße Erwartung Dir zur
Qual wird. Aber ich sehe doch wirklich keinen Grund zu Schwankungen um
uns herum! was Du für heute gewünscht hast, wird in zwei Monaten statt
finden: das ist ja ganz fest bestimmt.“
„Du hast Recht! ich bin ein Thor, Agathe! ob heut, ob in zwei Monaten
-- darauf kommt im Grunde nichts an.“ Er richtete den Kopf auf, und
hielt ihre Hände fest, während er das sagte.
„Ich werde Dich auszanken, Sigismund,“ rief Agathe ganz fröhlich, „daß
Du Dich so nutzlos in einen Anfall von Spleen, und mich dadurch in
tiefe Bekümmerniß versenkst. Bist Du denn oft in solcher Stimmung, sag’
mir? Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich dabei benehmen werde, wenn
ich Deine Frau bin! muß ich dann schweigen, oder reden, oder fortgehen,
oder Dich zerstreuen, oder was sonst? -- sprich!“
Während sie plauderte, war sein Blick auf ihre Hände gefallen. Agathe,
wie die meisten jungen Mädchen, hatte rothe Hände. Darüber gräme sich
doch Keine! sie werden mit der Zeit schon weiß werden, aber freilich
schön, so daß das Innere der Hand und die Fingerspitzen rosenfarben
bleiben -- schön werden nicht alle. Nun, rothe Hände machen unnützer
Weise manchen jungen Mädchen Sorge, und auf manche Männer einen
schlechten Eindruck. Sigismund würde sie dennoch nicht mißfällig bei
Agathen bemerkt haben, wenn ihm nicht zum Unglück ein Wort von Ignaz
an Tosca eingefallen wäre. Als sie einmal die Theemaschine aufheben
wollte, und damit nicht zu Stande kam, rief er mit scheinbarer
Ungeduld, indem er ihr Hülfe leistete: „Aber muthen Sie doch diesen
Händen von weißem Musselin mit rosenfarbenem Tafft gefüttert, keine
solche Anstrengung zu!“ Der Gedanke an diese Hände von weißem Musselin
machte ihn ganz, aber ganz zerstreut.
„Sprich!“ wiederholte Agathe; „was muß ich thun?“
„Ein wenig das Piano spielen,“ sagte Sigismund der nicht auf ihre Worte
geachtet hatte, und dem seine frühere Bitte einfiel.
„O das ist leicht! das thue ich gern!“ rief sie und ging zum Flügel.
Sie spielte ungewöhnlich gut. Sie hatte noch immer einen Lehrmeister,
der seine höchste Ehre darin setzte, daß sie mit Geschmack und
Gewandtheit die krausen wirbelnden Compositionen der neusten Zeit zu
spielen verstehe, welche mehr Auge und Finger, als den musikalischen
Sinn ausbilden. Sie studirte und übte die Musik, auch gern, auch
mit innerem Genuß; aber noch nie hat ein junges Mädchen, sobald
nicht der Genius der Kunst sie beseelt, an ein Talent ihre ganze
Seele verschwendet. Sie kann Anmuthiges leisten, sie kann zu schönen
Hoffnungen berechtigen; allein ihre Productionen werden dämmerig und
unvollständig sein, und nie einen befriedigenden Eindruck machen. Was
kannst du werden? ist die Frage, die man in jeder Beziehung an ein
junges Mädchen richten muß; und nie: Was bist du? Da liegt das Räthsel,
und daneben -- der Irrthum.
Agathe setzte sich an den Flügel und spielte mit bewundernswerther
Fertigkeit höchst schwierige Variationen von Chopin, bei denen
Sigismund alle Gedanken an Musik vergingen. Es war ihm ein wirres
Getön, das ihn weder erfreute noch beruhigte. Keine Melodie umschmiegte
ihn! keine Harmonie trug ihn! Er dachte an Tosca, wie ihr Ave Maria in
stiller Nacht ihn erquickt hatte. Agathe erschien ihm oberflächlich.
Er verfiel in namenlose Traurigkeit. „Es geht nicht!“ sprach er dumpf
zu sich selbst. Trotz ihres Spiels hatte Agathe sein halblautes Wort
gehört, und es auf eine schwierige Variation beziehend rief sie eifrig:
„Aber es soll gehen!“ und spielte sie noch einmal. Dann sprang sie
fröhlich auf und sagte:
„Nun lobe mich, Sigismund! hab’ ich meine Sache nicht sehr gut gemacht?“
„Unbegreiflich gut!“ sprach er zerstreut.
Sein kühler Ton that ihr weh; weher noch die Vorstellung, daß sie nicht
das Rechte getroffen, um ihn zu zerstreuen, und daß sie doch nichts
Andres habe auffinden können. Sie setzte sich und nahm eine Arbeit zur
Hand, schweigend, niedergeschlagen. Auch Sigismund schwieg. In solchem
Moment ist das Schweigen höchst bedenklich. Ist man ganz vertraut
mit einander -- ich meine seelenvertraut -- so ist es nicht lästig;
ja, in Momenten tiefen Glückes kann es sehr süß sein. Aber in einem
vertraulichen Verhältniß wie zwischen Sigismund und Agathen, wenn da
das Schweigen aus Befangenheit, aus Mangel an Hingebung eintritt: so
ist’s ein böses Zeichen. Jeder hat dann Zeit, sich in seine einsamen
störenden Gedanken wie in Nebel einzuhüllen, welche ihn dem Andern
unerkennbar und unerreichbar machen. Zuweilen fällt ein günstiger
Sonnenstral auf die Nebel, und verjagt sie, wenn es grade noch Zeit
ist. Aber das ist ein hohes Glück.
Sigismund fühlte wol, daß er Agathen irgend etwas sagen müsse. Sie
nähte emsig; sie mogte in ihre Arbeit vertieft sein! aber er! er saß
auf dem Sopha, den Kopf in die Hand gestützt, und that nichts! er hatte
gar keinen Vorwand um schweigen zu dürfen. O Gott! dachte er heimlich,
was das für ein unschätzbares Glück ist -- nähen zu können, und was
für Vortheile die Stellung der Frauen ihnen bringt! hinter solchem
Stückchen Leinwand oder Tapisserie sind sie wohlverschanzt und kümmern
sich um nichts, während wir uns abängstigen müssen! -- Während er so
dachte, bekämpfte Agathe mühsam ihre Thränen; aber freilich! so eine
Handarbeit ist ein Ableiter für die innere Aufregung. Die mechanische
Regelmäßigkeit, die mit ihr verbunden ist, übt eine beschwichtigende
Gewalt über Manche. Ueber Andere übt das Gehen eine solche, und die ist
vielleicht noch kräftiger, weil sie zugleich den Leib müde macht. Gewiß
aber bleibt es, daß eine mechanische Bewegung Beschwichtigung auf die
leidende Seele ausübt.
Endlich fiel Sigismund auf das unglücklichste Thema, welches er zum
Gespräch mit Agathen hätte wählen können. Er sagte:
„Was war denn das, was Du mir gestern sagtest, Agathe? meine Schwester
wäre Dir nicht freundlich gesinnt -- oder dergleichen. Davon hab’ ich
doch wirklich nichts bemerkt.“
„O nein!“ sagte Agathe unbefangen, „wenn Du da bist, so ist sie
freundlich .... Deinetwegen.“
Diese Antwort verdroß ihn, weil er die Ueberzeugung hatte, daß sie ganz
wahr sei. Auguste hatte ihm seit mehren Jahren verschiedene Partien
vorgeschlagen, die sie glänzend und daher wünschenswerth nannte. Als
seine Wahl überraschend auf Agathe fiel, hatte sie in _prima furia_
schwesterlicher Theilnahme für Agathe passionirt, und ihr eine Menge
von Vortrefflichkeiten angedichtet, welche Sigismunds Neigung motiviren
sollten. Aber von solcher excentrischen Vorliebe kommt man ebenso
schnell zurück, als man sie heftig gefaßt hat, und dann erscheint einem
die Person doppelt insipid mit dem illusorischen Bilde verglichen, das
wir uns von ihr ausgemalt haben. So ging es Augusten, und Sigismund
kannte sie zu gut, um an Agathens Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Doch wenn
er auch innerlich einstimmte -- es schien ihm Pflicht, äußerlich die
Schwester zu vertheidigen, und er sagte:
„Ich habe doch niemals Auguste so falsch gefunden.“
„Ach!“ rief Agathe, „sie ist nicht falsch! sie zeigt sich jedes Mal,
wie ihr eben ums Herz ist.“
„Dann wäre sie doch sehr launenhaft!“
Agathe schwieg; sie mogte nicht Ja -- und konnte nicht Nein sagen.
„Bist Du nicht etwa ein wenig mißtrauisch, liebe Agathe?“ fragte
Sigismund.
„Wie käm’ ich dazu?“ entgegnete sie unbefangen.
„Du bist das einzige Kind Deiner Mutter, ein wenig verzogen als
solches, durch Liebe verwöhnt, das kann gar nicht anders sein. Aber
wenn Dir Andere nicht mit ähnlicher Liebe entgegen kommen, so setzest
Du sofort einer Mißstimmung gegen Dich bei ihnen voraus. Ist das
wol recht? und besonders gegen meine Schwester, die eine so ganz
brave und angenehme Frau ist, und mich so zärtlich liebt, daß Du ihr
schon deshalb gut sein müßtest!“ Er hatte ganz freundlich und sanft
gesprochen, nicht ermahnend, viel weniger erzürnet; aber Agathe war
in schmerzlich gereizter Stimmung! die Thränen, welche sie den ganzen
Morgen mühsam verhalten hatte, brachen hervor, und sie sagte weinend:
„Ich bitte Dich, Sigismund, mache mir keine Vorwürfe .... ich verdiene
sie nicht.“
„Es fällt mir nicht ein, Dir Vorwürfe zu machen,“ sagte er gelassen;
„aber Du siehst, daß ich Recht habe, Dich ein wenig verwöhnt zu nennen:
der bloße Gedanke an einen möglichen Tadel kränkt Dich.“
Die arme Agathe suchte nicht sich zu entschuldigen; sie nahm den
Vorwurf hin, aber sie fragte:
„O Sigismund! warum bist Du denn so sehr unzufrieden mit mir?“ -- und
weinte, als ob sie sich in ihren Thränen auflösen wolle.
„Wenn Du bei der geringsten Diskussion sofort anfängst zu weinen,
Agathe, so ist es ganz unmöglich, mit Dir vernünftig zu sprechen.“
„Vernünftig wol! ... aber nicht hart.“
Er war sich bewußt, weder in Ton, noch Worte, noch Ausdruck, die
geringste Härte gelegt zu haben. Er stand auf und sagte:
„Einer so übertriebenen Empfindlichkeit gegenüber kann ich nur
schweigen, denn was ich sagen mögte, würde Dich in Deiner gegenwärtigen
Stimmung kränken oder betrüben.“
Er nahm den Hut und ging. Gestern, bei einer ähnlichen Szene, hatte
Agathe ihm den Weg vertreten und ihn nicht fortgehen lassen; heute
hatte sie nicht mehr den Muth dazu, weil sie nicht die Zuversicht zu
sich selbst hatte, ihn festhalten zu können. Sie ließ ihn gehen; aber
es war ihr, als ob er über ihr Herz wegginge. Sigismund dachte traurig:
Ach! warum hält sie mich denn nicht bei sich zurück? -- --
Er ging zu seiner Schwester. Er wollte mit ihr plaudern, von der
Heimat, der Mutter, den Geschwistern, den alten gemeinschaftlichen
Jugendfreunden. Er wollte sich recht ausruhen, recht still werden,
um ganz gelassen wieder vor Agathe zu treten. O Himmel! welch’ einen
Tumult fand er bei seiner Schwester! Die Köchin und die Kinderwärterin
hatten sich aufs Heftigste mit einander verzankt, und schrien zu der
Frau Doctorin um Recht und Gerechtigkeit, indem Jede begehrte, daß die
Gegnerin auf der Stelle das Haus verlasse, und im entgegengesetzten
Fall es zu verlassen drohte. Die Doctorin suchte die Megären, die
übrigens höchst schätzbare Eigenschaften hatten, zu beschwichtigen,
weil sie keine von ihnen verlieren wollte. Ihr Töchterchen weinte
bitterlich, weil sie die zärtlichgeliebte Wärterin weinen sah; ihre
Knaben benutzten den Zustand allgemeiner Verwirrung, um sich einmal
recht gründlich und ungestört gegenseitig durchzuprügeln. Es war
eine häusliche Szene, die auf den glühendsten Enthusiasten für die
Freuden der Häuslichkeit abkühlend wie ein Sturzbad gewirkt hätte.
Hilf Himmel! dachte Sigismund, können denn auch solche widerwärtige
Ereignisse dereinst unter meinem Dach vorfallen? eine empfindliche,
weinende Frau, und zänkische Dienstboten, und schreiende Kinder -- das
ist mehr, als ein Mann billiger Weise ertragen kann! -- Er betrat nicht
das Zimmer seiner Schwester, in welchem sie ihren Gerichtshof hielt.
Er begnügte sich aus dem Vorzimmer einen Blick hineinzuwerfen, und zog
sich dann schleunig in das seine zurück. Nach fünf Minuten lockte ihn
ein heftiges Gepolter, durchdringendes Geschrei, und die Donnerstimme
seines Schwagers wieder heraus. Die Schlacht der beiden Knaben hatte
sich bis zur Treppe gezogen, und der älteste hatte den jüngsten
hinabgestoßen, so daß der die Stufen hinab dem eben heimkehrenden Vater
vor die Füße kollerte. Auguste ließ die keifenden Mägde im Stich, um
zu den schreienden Kindern zu eilen. Ihr Mann trat ihr heftig erzürnt
entgegen. Der Kleinste war sein Liebling, weil er ihm am ähnlichsten
war; der Aelteste war Liebling der Mutter. Der Kleine blutete aus
Nas’ und Mund, und schrie, daß er ganz blau im Gesicht war, und ohne
Weiteres gab der Vater dem Großen einen tüchtigen Schlag und sagte:
„Auguste, Du verziehst den Heinrich so unmenschlich, daß er Deinetwegen
ungestraft den Theophil umbringen dürfte.“
„Aber der Theophil kann ja von selbst die Treppe herabgefallen sein!“
sagte sie ärgerlich.
„Ei was!“ rief ihr Mann erzürnt, „wenn ein Bube von fünf Jahren sich
über einen dreijährigen hermacht, so fällt der nicht von selbst die
Treppe herunter! Und es ist überhaupt unverantwortlich, daß Du den
Buben solche Streiche gestattest, bei denen sie ums Leben kommen
können.“
„Wie soll ich’s anfangen!“ rief sie heftig; „sie sind so unbändig, daß
sie mir nicht gehorchen.“
„Ja, das kommt von Deiner verkehrten Erziehungsweise her! es ist
doch wirklich miserabel, ein Paar Würmern, hoch wie der Tisch, keinen
Respect beibringen zu können.“
Die häusliche Szene hatte sich in eine eheliche verwandelt. Auguste
schien auf der Stelle der Ermahnung ihres Mannes Folge leisten zu
wollen. Sie nahm den Theophil heftig von seinem Arm, und sagte zu dem
schreienden Kinde sehr zornig:
„Schweig’ auf der Stelle, Junge! sonst giebt es die Ruthe.“
Mit großen Schritten trug sie ihn ins Zimmer zurück, während ihr Mann
den widerstrebenden Heinrich beim Arm nahm, und ihn fortführend ebenso
zornig sagte:
„Warte! ich werde Dich lehren, Deinen kleinen Bruder von der Treppe zu
schleudern!“
Sigismund, über die Schicksale der Kinder beruhigt, hatte sich sogleich
wieder zurückgezogen. In einer andern Stimmung hätten all diese kleinen
Ungewitter ihn vielleicht höchlichst belustigt. Wenn die Verhältnisse
uns vor ihnen sicher stellen, so sieht man ihnen aus der Ferne oder
als Beobachter mit demselben Behagen zu, welches man im warmen Zimmer
empfindet, wenn es draußen regnet und stürmt. Das warme Zimmer kommt
einem paradiesisch vor gegen das Unwetter; und so auch die einsamen
stillen Verhältnisse paradiesisch gegen die gemeinschaftlichen
geräuschvollen. Steht man in diesen mitten drin, so hat man sie dennoch
lieb, trotz des Verdrusses und der Widerwärtigkeiten, die sie mit sich
bringen, so treibt man doch Abgötterei mit den schreienden Kindern,
so fühlt man sich doch dem heftigen Mann oder der empfindlichen Frau
ans Herz gekettet. Aber Sigismunds Herz war wund: dann erscheint
das Alltägliche schwer, und das Schwere unaushaltbar. Wie ein
Rosenknöspchen hatte ihm die Neigung zu Agathen vor Augen gestanden;
wie eine Rose mit all’ ihren Reizen und all’ ihren Dornen, drang ihm
die Liebe zu Tosca in die Seele. Bei ruhigen und mäßigen Ansprüchen an
Glück, wenn man sich in der Welt umgesehen und erkannt hat, daß die
positiven Verhältnisse sich selten über die Mittelmäßigkeit erheben
-- da kann man sich in ihr und ihren Beschränkungen zurechtfinden,
ohne sich verletzt zu fühlen. Man kommt nicht auf den Gedanken,
eine Ausnahme vom allgemeinen Gesetz für sich zu begehren, was eine
höchst günstige Stimmung ist, um eine Ehe zu schließen. Je geringer
die Erwartung, desto geringer die Enttäuschung; und das ist in einem
Verhältniß, welches lang und fest und dauernd sein soll, und welches
ganz positive Zwecke hat, die Hauptsache. Alles, was man von der Ehe
hoffen darf, ist: daß man sich gegenseitig achte und ertrage. Die Leute
werden sprechen, wie sie das denn auch schon thun: ich sei gemüthlos,
ich sei in Vorurtheil befangen, es gebe unendlich viel Glück in der
Ehe. Gott hat den Wurm so eingerichtet, daß er in einem Regentropfen
ertrinken kann, als ob es das Weltmeer sei; Gott hat den Menschen
so eingerichtet, daß er aus und in den engsten Verhältnissen, den
trübsten und dürftigsten Lagen, etwas Erfreuliches und Erleichterndes
finde; daß er sich stets bereit zeige mit Ersatz vorlieb zu nehmen;
daß er schmiegsam genug sei, seine eigenen Wünsche zu vergessen. So
mag er denn in der Ehe manche Freude, manchen Genuß, ja sogar große
Zufriedenheit -- mehr noch! er mag Glück finden; aber ~das~ Glück, was
er geträumt hat, das hohe, selige, unermeßliche -- das hat er ~nicht~
gefunden. Vielleicht ist es nirgends; das ist möglich! Aber eben darum
frag’ ich: weshalb soll es denn in der Ehe sein? Da ist Keiner, aber
nicht ein Einziger, der sich mit einem Jubelruf in sie hineingeworfen,
und dem sich nicht der Freudengesang in einen Schmerzensschrei
verwandelt hätte. Er mag ihn erstickt haben, er mag ihn sich selbst
nicht eingestehen wollen -- und daher ist es auch ganz begreiflich, daß
er ihn mir nicht eingestehen will; -- allein die Prahlerei, die sollte
er denn auch dafür bei Seite lassen und, wenn nicht offenherzig, doch
wenigstens ehrlich sein.
Die Ehe ist eine ernsthafte Veranstaltung, zu der zwei Menschen sich
entschließen, um mit Anstand Kinder zu haben, und um ein mühsames,
sorgenvolles Leben gemeinschaftlich zu führen, und durch die
Gemeinschaft zu erleichtern und zu erheitern. Dies Leben fördert ihre
innere Entwickelung und entspricht ihrer Bestimmung, die da auf Erden
heißt: viel Arbeit und wenig Genuß; und ich denke, es wäre recht gut,
wenn die Menschen mit diesen seriösen Ansichten die Ehen eingingen.
Statt aber an die ungeheuren und schweren Verpflichtungen zu denken,
die sie über sich nehmen, denken sie an ein ungeheures Glück, in das
sie geradesweges ohne sonderliche Mühe hineinschweben werden; denn sie
sind nun einmal so beschaffen, daß sie in den Zustand, den sie ~nicht~
kennen, die Seligkeit verlegen.
Bis zu dem Augenblick, wo Sigismund Tosca Beiron wiedersah, war
ihm die Ehe in einem ernsten und wohlthätigen Licht erschienen, das
den Ansprüchen des Verstandes, und mäßigen Forderungen des Herzens
genügte, und Agathe als eine Frau, welche in solcher Ehe vollkommene
Befriedigung finden und geben müßte. Jetzt auf einmal war das anders.
Aspirationen nach einem namenlosen Glück, nach endlosen Freuden, nach
ungeahnten Verständnissen, nach extatischen Offenbarungen, gingen
wie Götterbilder leuchtend durch seine allerinnerste Seele, wohin
der Gedanke Agathe! nie gedrungen war, und jetzt erschien ihm die
Ehe -- bald in einem Licht, das aus dem Himmel stralte, und für das
es keine irdische Verfinsterungen gab, und bald in so grauen, matten
Farben, daß kein Sonnenstral im Stande war, sie zu verklären. Die
kleinen Verdrießlichkeiten des Alltaglebens, unvermeidliche Momente,
wie die, deren Zeuge er so eben gewesen war, wälzten sich ihm wie
unüberwindliche Lasten auf die Brust, und beklemmten ihm den Athem. Ihm
fiel ein Wort ein, welches ihm einst eine liebenswürdige Frau gesagt
hatte: „Eine glückliche Ehe besteht darin, daß man sich alle Tage
zankt und alle Abend wieder versöhnt.“ Er war ein feingebildeter und
nervenzarter Mensch; er litt geistig und körperlich durch die kleinen
Szenen dieser Tage mit Agathen. Er suchte nicht vor sich selbst zu
verleugnen, daß er Veranlassung dazu gegeben; aber die Art, wie Agathe
sich dabei benommen, war ihm peinlich. Wie sie listig das Flacon
fallen ließ, das ihm lieb war! wie sie weinte nur bei dem Gedanken,
daß er sie tadeln könne! Das ist so recht der Frauencharacter nach
kleinem Zuschnitt -- dachte er. Ich denke, er hätte sagen müssen:
nach allgemeinem Zuschnitt. Sein Unbehagen wuchs von einer Minute
zur andern. Ihm war zu Muth, als müsse er schnurstracks nach Berlin
zurückfahren, und nie wiederkommen. „Aber einer Frau das gegebene
Wort brechen, das ist ehrlos!“ sagte er plötzlich ganz laut. --
Wenn zwischen Verlobten das Frauenzimmer ihr Wort zurücknimmt, so
sieht es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal nur launenhaft und
leichtsinnig, und höchstens ein Mal gehässig aus; thut’s der Mann, so
ist’s grade umgekehrt! Das ist das einzige Verhältniß auf der Welt, bei
dem man die Frau leichter entschuldigt, als den Mann, wahrscheinlich
deshalb, weil ihre Zukunft mehr dadurch gefährdet wird, als die seine.
Er wird über einer solchen Kränkung nimmermehr am gebrochenen Herzen
sterben; aber bei Frauen ist das geschehen. Er soll überlegt und
besonnen zu Werk gegangen sein, während sie oftmals nur gehorcht hat.
Das Alles stürmte ihm durch die Gedanken, und jagte sich wild, wie
Wolken vom Sturm getrieben. Kein bestimmtes Bild, keine klare Gestalt
tauchte empor; nicht einmal Tosca. Er wußte gar nicht, ob Tosca ihn
lieben könne, lieben werde; er glaubte es nicht; er wagte nicht es zu
hoffen; aber er -- er liebte sie! ihn schwindelte bei der Vorstellung,
der Gatte einer Andern werden zu müssen, denn er fühlte, neben seiner
eigenen Verzweiflung darüber, das Unheil, welches nothwendig für
Agathe daraus erwachsen müsse, sobald sie früher oder später in der
Ehe zur Erkenntniß seiner Gesinnung kommen werde. „Aber so weit kann es
nicht kommen!“ sagte er ganz gefaßt; „denn es ist mir schlechterdings
unmöglich, sie zu heirathen! sterben will ich, wenn sie’s verlangt;
heirathen kann ich sie nicht.“
Er hörte den Schritt seines Schwagers sich seiner Thür nähern. Er hatte
große Lust, den Riegel vorzuschieben, um ungestört allein zu sein; doch
bevor er es thun konnte, trat Friedrich ein, die Cigarre im Munde, die
Cigarrentasche in der Hand, welche er sogleich Sigismund anbot. Der
dankte. Friedrich setzte sich bequem im Sopha zurecht, nahm mit einer
gewissen nachlässigen Leichtigkeit, welche nur eingefleischten Rauchern
eigen ist, die Cigarre zwischen Vor- und Mittelfinger aus dem Munde,
ließ ebenso nachlässig den Rauch zwischen seinen Lippen hervorgehen,
und sagte:
„Die Wohlthat einer Cigarre wirst Du erst schätzen lernen, mein lieber
Sigismund, wenn Du Ehemann bist. Als Student raucht man aus jener
unwiderstehlichen Liebhaberei der Studenten, alles Andre lieber zu
thun, als zu studiren. Ist jene Oppositionszeit vorüber, so sinken
Pfeife und Cigarre häufig in die Vergessenheit hinab, bis die Ehe
ihnen wieder ihren Ehrenplatz anweist. Sokrates ~ohne~ Cigarre seiner
holdseligen Gemahlin gegenüber, scheint mir ein bewundernswerther Kauz;
~mit~ der Cigarre ein ganz alltäglicher, so wie ich selber es bin. Sie
giebt eine gewisse hausherrliche Würde, die von ganz vortrefflichem
Effect auf die Frauen ist. Mit der Cigarre zwischen den Lippen ist es
nicht gut möglich, anders als in kurzen Sätzen zu reden -- das klingt
so majestätisch. Nimmt man sie zwischen die Finger, so darf man auch
so gar viel Worte nicht machen, sonst erlischt sie, und man muß sie
wieder anrauchen, was unbequem ist, sobald nicht beständig ein Licht
im Zimmer brennt -- was beiläufig gesagt, meiner Frau aus angeborner
Sparsamkeit ein Greuel ist. Sie behauptet zwar, sie lösche es nur aus,
weil das Kerzenlicht im Tageslicht fahl und widerwärtig aussehe, aber
da sie sehr gelassen rohes blutiges Fleisch und geschundenen Fisch ohne
sonderliche Beleidigung ihres Schönheitssinnes anschaut, so weiß ich
sehr gut, woran ich bin; allein ich thue ihr den Gefallen, denn ich
finde es zweckmäßig für unsern häuslichen Frieden, daß kein Licht bei
Tage brenne. Je weniger Worte der Mann bei gewissen Diskussionen der
Frau gegenüber macht, um desto mehr imponirt er ihr. Und dann! welch
ein niederdonnernder Moment der, wo meine Geduld dermaßen erschöpft
und meine Langmuth so ganz aufgezehrt ist, daß ich meine Cigarre bei
Seite werfe, mich gar nicht um ihre ferneren Schicksale kümmere, nicht
hinsehe, ob sie ein Loch in die Tischdecke brennt, oder uns das Haus
über dem Kopf anzündet, -- und nun meine Meinung sage. So wie meine
Frau gewahr wird, daß ich Miene mache, meine Cigarre fortzuwerfen, so
sucht sie fast immer einzulenken, denn sie erkennt daran, daß sie zu
weit gegangen. Die Bewegungen meiner Cigarre sind das Quecksilber im
Barometer unsers häuslichen Lebens. Fällt sie, so giebts Unwetter.“
Sigismund sagte fast traurig: „Ich muß Dir gestehen, lieber Friedrich,
daß ich bis daher Eure Ehe immer für eine recht glückliche gehalten
habe, und daß es mich betrübt, mehr als ich’s sagen kann, daß sie es
nicht so ganz ist.“
„Aber, zum Teufel! wo nimmst Du das her?“ fragte Friedrich mit
ungeheuchelter Verwunderung. „Meine Ehe ist nicht blos eine recht
glückliche -- wie Du bis daher gemeint hast; sondern eine ganz
außerordentlich glückliche. Was? weil man verschiedener Meinung ist,
weil man Fehler und Schwächen hat, weil man gegenseitiger Nachsicht
bedarf, weil hie und da ein heftiges Wort fällt -- darum müßte
man sofort eine unglückliche Ehe führen? Aber was für extravagante
Foderungen stellst Du denn überhaupt an die Ehe? welch ein idealisches
Glück soll sie Dir gewähren, wenn Dir die simpelste Schattenseite
jedes intimen Verhältnisses: zwei Köpfe, die bisweilen ein wenig
Mühe und Arbeit haben, um sich unter einen Hut zu bringen, -- wie ein
gramwerthes Unglück erscheint? Da beklag’ ich Dich, mein Alter! und
noch mehr beklag’ ich die Agathe. Sei doch nicht so ungerecht, von
ihr zu begehren, daß sie zu Allem, was Du thust, denkst, sprichst,
wünschest, ein willenloses Ja sage.“
„Das begehre ich keinesweges!“ rief Sigismund erstaunt; „wie kannst
Du das von mir glauben! Aber ich will nur keinen Zank, keinen Streit,
keine Heftigkeit, keine Vorwürfe, keinen Hader“ .... --
„Dann laß Dir eine Wachsfigur antrauen, denn eine solche Frau existirt
nicht.“
„Aber ich verlange ja von meiner Seite ganz dasselbe! ich begehre ja
nichts von ihr, was ich nicht bereit wäre für sie zu thun!“
„Ach Du willst urplötzlich in die Vollkommenheit hineinspringen!“ sagte
Friedrich gleichmüthig. „Das ist so eine ächte Bräutigamslaune, die Du
drei Wochen nach der Hochzeit total vergessen hast.“
„So wiederhol’ ich Dir, daß mich das sehr betrübt,“ sagte Sigismund
ernst.
„Du mißverstehst mich absichtlich!“ rief Friedrich ungeduldig. „Niemand
ist mehr als ich der Meinung, daß man sich in jedem Verhältniß bemühen
müsse, brav und tüchtig zu sein; nur muß man dabei die menschliche
Natur, die bürgerlichen Einrichtungen im Auge behalten, und sich
nicht einbilden, urplötzlich, durch den Zauberspruch des gewechselten
Ringes, das Kleid des Alltagmenschen, das wir vielleicht dreißig Jahr
getragen haben, mit dem idealen Gewande eines Halbgotts vertauschen zu
können. Das werden wir eben so wenig, als das arme junge Mädchen, das
wir heirathen, ein Engel wird. Aber eine brave und treue Frau und eine
sorgsame Mutter kann sie werden, und uns dadurch so glücklich machen,
wie der Mensch es nur sein kann, und wie ich es mit Deiner Schwester
bin.“
Indem kratzte etwas an der Thür. Sigismund öffnete. Es waren die beiden
Knaben, welche Auguste schickte, um die Männer zum Speisen rufen zu
lassen.
„Nun, Ihr Buben,“ sagte der Vater freundlich, „habt Ihr Euch denn auch
mit einander vertragen?“
In Kinderseelen wechseln die Affecte mit solcher Blitzesschnelle, wie
Erwachsene es sich gar nicht vorstellen können. Die Knaben hatten
nicht daran gedacht, sich wieder zu vertragen, weil sie vergessen,
daß sie sich verzankt hatten. Als aber der Vater sie daran erinnerte,
umarmten und küßten sie sich mit jener unnachahmlichen Lieblichkeit der
Bewegungen und des Ausdrucks, welche fast allen Menschen als Kind, und
später höchstens einer oder der andern Frau eigen ist.
„So macht man’s, um sich zu versöhnen, wenn man sich gezankt hat,“
sprach Friedrich und nahm seinen Schwager lachend unter den Arm,
während Sigismund nicht umhin konnte, bei dieser Erklärung an die
Definition einer glücklichen Ehe zu denken, die ihm vorhin schon in den
Sinn gekommen war.
Es wäre nicht freundlich gewesen, wenn er nicht bei seiner Schwester zu
Mittag gegessen hätte; aber es that ihm doch leid, Agathe in Thränen
verlassen zu haben, und sie jetzt mehre Stunden nicht zu sehen. Wenn
der Nachtfrost den Abendthau auf den Blumen in Eistropfen verwandelt,
so erfrieren die armen Blumen. Es geht auch zuweilen mit Thränen
so. Während sie bei Tische waren, bekam Auguste einen Brief von der
Mutter mit Beilagen von den Geschwistern. Die Schwester war im ersten
Wochenbett, und schrieb glückselig über ihr Kind. Der jüngste Bruder
hatte sein erstes Duell auf der Universität gehabt, war im kleinen
Finger verwundet, und schrieb ebenso glückselig über diese Wunde.
Der andere Bruder schrieb traurig, niedergeschlagen, man wußte nicht
warum; die Mutter wußte es auch nicht; das machte solchen Contrast
mit den zwei Jubelbriefen -- Contraste, an denen das Leben so reich
ist. Sigismund und Auguste vertieften sich ganz in die Briefe, und
in Plaudereien und Muthmaßungen über deren verschiedenen Inhalt. Wenn
das Gespräch innig und lebhaft ist, vergeht die Zeit gar schnell. Dem
Doctor wurde sein Wagen gemeldet, um die gewohnte Abendrundfahrt bei
den Kranken zu machen. Sigismund erschrak, daß es schon so spät sei. Er
lief zu Agathen. Er kam an einem Blumenladen vorüber; er trat hinein,
um irgend eine recht schöne Blume für sie zu kaufen. Das Prachtstück
des Magazins, worauf sein Auge sogleich fiel und haften blieb, war ein
Topf voll wunderschöner blaßrother Camellien. Keine Blume auf der Welt
kam ihm so schön vor, als die blaßrothe Camellie, seit er sie in Toscas
Locken gesehen. Er kaufte den Topf und ließ ihn sich nachtragen, und
ganz heiter kam er zu Agathen.
Sie empfing ihn eiskalt. Sein Benehmen, sein steter Wechsel von
Freundlichkeit und Gleichgültigkeit, heut früh die dringende Hast,
darauf die Apathie, und dann gewisse Räthsel oder Falten in seiner
Seele, die sie nicht zu ergründen vermogte -- das Alles schien ihr
so unbehaglich, so launenhaft, so ganz unähnlich dem ernst ruhigen
Sigismund, den sie bis dahin gekannt, daß sie zu sich selbst sprach:
„Es ist etwas Fremdes in ihn hineingedrungen, und das Fremde, mir
Unverständliche, ist mir feindlich; so lange also das in ihm ist,
muß er mir fern bleiben.“ -- Aber der Schmerz, den sie über diese
Erkenntniß oder über ihren Entschluß empfand, machte sie herb und
streng. Nur schmerzgeprüfte Seelen, nur solche, die den Schmerz wie
einen Segen empfangen, ganz still, ganz klagelos, aber die sich dennoch
von ihm weder beugen noch brechen lassen, nur die macht er mild. Und
wie kann man von dem unerfahrnen, auf Glück rechnenden jungen Gemüth
erwarten, daß der erste Schmerz es schon so reif mache?
„Da bin ich, liebe Agathe,“ sprach Sigismund freundlich, „und bringe
Dir eine Blume mit, die Deinen Platz dort im Fenster in die prächtigste
Laube verwandeln wird.“
Er ließ die Camellie hinstellen, und rückte sie sorgsam zurecht, um sie
schön zu präsentiren.
„Ich danke Dir,“ sagte Agathe.
Er erzählte ihr darauf von den Briefen der Seinigen und Agathe war
froh, daß er sprach, und von einem Gegenstand, der ihm lieb war,
und daß sie schweigen, oder höchstens eine Frage thun durfte, um die
Unterhaltung nicht fallen zu lassen. Sie sah so heftig verweint aus,
daß Sigismund erschrak, als Licht in das dämmerige Zimmer gebracht
wurde. „Aber sie wird sich grämen, vielleicht krank werden, vielleicht
sterben .... Gott, mein Gott! sie wird sich fürchterlich grämen,
wenn es zum Bruch zwischen uns kommt!“ dachte er heimlich, indem
er sie unsäglich traurig ansah. Vor wenig Stunden hatte er es für
eine Unmöglichkeit gehalten, sie zu heirathen; jetzt, dieser lieben,
stillen Gestalt gegenüber, schien es ihm noch unmöglicher. Sie gefiel
ihm, er hatte sie lieb, so wie am Ende jeder Mann ein wunderhübsches,
anmuthiges, junges Mädchen, das ihn von ganzer Seele liebt, lieb
hat; aber weder in ihrem Wesen, noch in ihrer Erscheinung lag etwas
Hinreißendes für ihn. Agathe war keine Macht für Sigismund. Er konnte
mit ihr gehen, ihr entgegenkommen; doch niemals -- ihr folgen! niemals
in dem Drang, in der Nothwendigkeit ihr folgen zu müssen, und nicht zu
sollen, nicht zu dürfen, Qual und Befriedigung finden. Er fühlte sich
nicht ~ihr~ unterworfen, sondern seinem Wort, und durch nichts an sie
gefesselt, als durch die Pflicht. „Aber Wort und Pflicht einer Frau,
einem jungen Mädchen gegenüber -- sind hochheilig!“ sprach er leise.
Wie das manchen Personen geht: wenn sie traurig sind, sehen sie statt
dessen verdrießlich aus, so ging es auch Agathen. Es kommt darauf an,
wohin der Ausdruck der Trauer sich flüchtet. Ist es in die Augen --
ich meine nicht blos in den Blick -- sondern in die ganze Umgebung, in
die Augenhöhle, Braunen, Lieder: so kann er von unbeschreiblich schöner
Melancholie sein; ist es auf die Stirn, so wird er meistens streng und
finster sein, wie die Knochen, die Falten das mit sich bringen; ist es
um Mund und Wangen, so herrscht die Verdrießlichkeit vor, und das macht
sehr unschön. Agathe stellte sich so unvortheilhaft als möglich dar;
und grade das rührte Sigismund, denn er stellte sich vor, wie schwer
und bitter das arme junge Herz zerwühlt sein müsse, um zu diesem ihm so
fremden Ausdruck zu kommen.
„Agathe,“ sagte er plötzlich, „vergieb mir.“
Manchen Menschen ist nichts in der Welt geläufiger, als zu sagen:
„Vergieb mir!“ Ob sie Jemand auf den Fuß, oder aufs Herz treten --
sie sagen ganz unbefangen: „Vergebung! es thut mir sehr leid! es soll
nicht wieder geschehen!“ etc. und damit haben sie Alles gut gemacht
nach ihrer Meinung, und nach drei Tagen beginnt dieselbe Geschichte
von Neuem. Ich bin für die Menschen, die ~nicht~ um Vergebung bitten,
und sich dafür in Acht nehmen, nicht wieder Andern weh zu thun. Aber es
giebt doch Momente und Menschen, wo es sehr schön und sehr stark ist,
wenn man die Bitte um Vergebung ausspricht, und eine solche muß man
immer erhören.
Freilich muß man tiefe Erkenntniß seiner selbst sowol als des Andern
haben, um zu wissen, ob sie am rechten Ort ist, um zu erwägen, welche
Selbstüberwindung, welch Opfer sie kostet. Die arme Agathe hatte nie
Gelegenheit gehabt, das zu ermessen. Sie hatte wol tausend Mal im
Leben die Mutter um Vergebung gebeten, die Lehrer, die Gespielinnen,
um kleiner armseliger Vergehen willen; und unter dem Einfluß dieser
Erinnerungen, des Flacons gedenkend, der getrockneten Blume, des
Namens Tosca Beiron, der Fieberhast des heutigen Morgens, rief sie ganz
trostlos:
„O Sigismund, was hast Du denn gethan?“
„Gethan!“ sagte Sigismund fürchterlich verletzt; „o ganz und gar
nichts, liebe Agathe.“
„Weshalb bittest Du mich denn um Verzeihung?“
„Du hast geweint, Agathe, und siehst betrübt aus -- da denk’ ich, daß
das meine Schuld sein muß.“
Das hätte Agathe annehmen sollen. So etwas sagt ein Mann selten, und
sagt es nie zum zweiten Mal. Aber Agathe hätte begehrt die ganze
Geschichte von dem Flacon, von der getrockneten Blume, von Tosca
Beiron, von Allem, was ihr seit zwei Tagen verwirrend durch den Kopf
ging. Als sie hörte, daß nur von ihrer Betrübniß die Rede war, sagte
sie kalt:
„Ich verstehe Dich nicht, Sigismund!“ -- und setzte dann abbrechend
hinzu, indem sie zur Camellie trat: „Eine prächtige Blume, aber recht
stolz, recht kalt ... findest Du nicht?“
„Die Rose ist allerdings lieblicher,“ sagte er sanft; aber seine
gerührte Stimmung war dahin.
Die Justizräthin kam herein und sagte froh und neckend:
„Ah, da sind Sie, mein lieber Forster, das ist gut! ich dachte schon,
Sie wären in Ihrem Raptus von heute früh auf und davon gefahren. Mit
den Dampfwagen ist das jetzt so, daß man im Nu verschwinden und hundert
Meilen von einander sein kann, ohne daß der Andre eine Ahnung davon
hat. Jetzt wollen wir ein wenig von Ihrer künftigen Einrichtung reden.
Heute morgen waren Sie gar nicht dazu aufgelegt, und ich versichere
Sie, daß es noch ganz entsetzlich viel zu bedenken und zu besprechen,
zu beschaffen und zu thun gibt bis zur Hochzeit.“
„Sie haben ganz recht, Frau Justizräthin, und nichts kann wichtiger für
mich sein,“ entgegnete Sigismund geduldig und freundlich, und setzte
sich zu ihr, um mit ihr Berathungen zu pflegen. Agathe setzte sich auch
an den Tisch, aber mit ihrer Arbeit, obwol sie wußte, daß Sigismund
es unerträglich fand. Er meinte, Abends, wenn man traulich beisammen
sitzt, um zu plaudern, da dürften die Hände ruhen und das Tagewerk
sei vollbracht. Stricken -- das ließ er noch gelten; das beschäftigt
nicht die Gedanken, läßt das Auge, das Gesicht frei, verkrümmt nicht
die Haltung; stricken ist ebenso mechanisch, als mit dem Fächer oder
der Lorgnette spielen; aber zu nähenden Frauen zu reden, die gesenkten
Hauptes dasitzen, und mit Nähnadel und Faden in den Lüften herumfahren,
-- das war ihm ein Greuel. Agathe wollte ihn aber nicht ansehen, ein
wenig um ihn zu strafen, ein wenig -- weil sie eben verdrießlich war.
Sie umbaute sich mit Arbeitskästchen und Körben, und nähte. Zuweilen
blickte sie beobachtend auf ihn, und horchte genau auf die Inflexionen
seiner Stimme. Zuweilen, wenn er gradezu das Wort an sie richtete,
sah sie ihn an, aber gleichsam nur gezwungen durch seine Auffoderung.
Ganz unwillkürlich stellte sich für Sigismund Toscas Bild, wie er
sie am letzten Abend gesehen, neben Agathe, und wurde immer heller
und heller. Wie hatte er einst sie verletzt, sie, die Schöne, die
Gefeierte, und in ihrem zartesten, ihr selbst fast unbewußten Gefühl,
und welch einen stillen _Mater dolorosa_-Blick hatte sie ihm dafür
zugeworfen! und welch einen heiligen und heiligenden damals, als er
sie fragte: „Und nun?“ Und welche Seele wohnte überhaupt in dieser
Frau, um in so schwierigen Verhältnissen, wie die ihrigen unleugbar
waren, zwischen den Verlockungen der Welt und den Vorspiegelungen der
Eitelkeit, in dieser wundervollen, unangetasteten Klarheit zu bleiben.
Bei zwanzig Jahren ein Engel zu sein -- das ist sehr leicht; bei
dreißig -- sehr schwer. Allmälig gingen all’ seine Gedanken zu ihr.
Er schob Ja und Nein, ganz gewiß! und: meinen Sie? mit mechanischer
Geläufigkeit zwischen die Auseinandersetzungen der Justizräthin, aber
seine ganze Seele war bei ihr, der Frühgeliebten, der Verlornen, der
Wiedergefundenen, der Einzig- und Ewiggeliebten. Und jetzt, grade
jetzt, wo sie nicht da war, wo ihr Blick sich nicht wie eine Sonne über
ihn legte, wo ihr Lächeln ihm nicht Morgenröthe und Gestirne vors Auge
und in die Seele zauberte -- jetzt, mit dem ungestörten klaren Gedanken
an sie, jetzt war’s erst recht, als ob die Liebe ihre stillen und
unlöschbaren Naphthaquellen in ihm erschließe.
„Liebe Mutter, Du ermüdest Sigismund,“ sagte Agathe plötzlich zur
Justizräthin.
„Das ist wahr!“ rief diese gutmüthig; „wenn man in Einzelheiten
übergeht und auf Kleinigkeiten kommt, so sind die Männer gleich
gelangweilt. Merke Dir das, mein liebes Kind. Aber hast Du denn schon
heute dem Sigismund etwas vorgespielt?“
„Ja,“ sagte Agathe trocken.
„Nicht genug,“ sagte Sigismund.
„Es ist gewiß ein hübsches Talent, das meine Agathe hat,“ fuhr
die Justizräthin fort, „und das allerangenehmste fürs Haus. Musik
erheitert Alle; jedes andre Talent nur den, der es treibt. Was hat
der Mann davon, wenn die Frau schön malt, oder schön dichtet? nichts
als Langeweile in den Stunden, die ihr sehr kurz und sehr angenehm
scheinen. Musik allein verbindet die Herzen; jedes andre Talent
scheidet sie.“
Zu dieser etwas einseitigen, d. h. mütterlichen Lobpreisung des
Talentes ihrer Tochter lächelte Sigismund und bat Agathe, ein wenig
Musik zu machen.
„Soll ich singen oder spielen?“ fragte sie und stand bereitwillig auf,
ganz froh, seinen Gedanken eine andre Richtung geben zu dürfen.
„Ich bitte Dich -- singe, liebe Agathe,“ sprach er.
Sie blätterte in ihren Noten; wählte und sang. Ihr erster Ton traf
sein Herz wie ein elektrischer Schlag. Es war Schuberts Ave Maria.
Eine Musik, die wir in gewissen Momenten gehört haben, und die uns
damals durch ihre Uebereinstimmung oder durch ihren Contrast mit
unsrer Stimmung frappirte, werden wir nie wieder hören, ohne in jene
Stimmung zurückversetzt zu werden. Ich erinnere mich, daß ich einmal
in Baden bei Wien, auf der Straße, unter meinem Fenster, von einer
vorübergehenden frischen jungen Stimme ganz gedankenlos: „Freut euch
des Lebens“ singen hörte. Seitdem, wenn ich das Lied höre, gar nur an
die Melodie denke, geht mir ein Schauer durch die Seele, Thränen treten
mir in die Augen, und ich meine, nie ein melancholischeres gehört zu
haben. Doch ist es nur _tout bonnement_ ein Gassenhauer. Was uns trifft
-- sei’s ein Sandkorn, sei’s eine Krone -- hat keine Bedeutung für uns.
Wie es uns trifft, darin liegt das Gewicht! das kann den Sandkorn zum
Montblanc machen, wie es den Gassenhauer zum Grablied macht.
Sigismund wagte nicht, Agathe zu stören.
„Das ist ein überwältigendes Lied,“ sagte er nachdem sie geendet.
„Meinst Du wegen der Composition, oder weil Du es neulich gehört hast?“
fragte sie.
„Woher weißt Du, daß ich’s gehört habe?“ rief er ganz erstaunt, denn er
dachte an Tosca.
„Du sagtest, nichts in dem ganzen Conzert habe Dir so hinreißend
geschienen.“
„Das ist wahr,“ sprach er zerstreut; „es mag also wol sein, weil ich es
gehört habe und nicht wegen der Composition.“
Agathe spielte und sang noch Einiges; der Abend ging hin. In der Frühe
des nächsten Morgens wollte Sigismund wieder abreisen. Er sagte es.
„Du kommst wol fürs Erste nicht wieder?“ fragte Agathe.
„Wenn es Dir keine Freude macht, gewiß nicht,“ sagte Sigismund.
„Mein Gott, liebster Forster! wie sollt’ es der Agathe keine Freude
machen!“ rief die Justizräthin ganz erstaunt über den kühlen Ton der
beiden Verlobten. Sie sah erst Sigismund, dann ihre Tochter an, und
fragte endlich besorgt: „Aber was ist denn zwischen Euch vorgefallen?“
Wie vorhin Agathens Frage: „Was hast Du gethan?“ -- ebenso erkältend
traf die der Justizräthin auf Sigismund. Er wunderte sich, daß die
Frauen so positiv im Inquiriren sind, und das mißfiel ihm über alle
Maßen. Eine fragende, spähende, forschende Schwiegermutter war der
Schlußstein der Marterkammer, Ehe genannt, in die er heute einen andern
Blick, als bisher, geworfen. Die Möglichkeit eines ungeheuern Glückes
in ihr, zu deren Realisirung für ihn auch nicht die allergeringste
Hoffnung da war, hatte sein Verlangen nach mittelmäßigem und
alltäglichem Glück für immer ausgelöscht. Vorgefallen aber, wie die
Justizräthin sagte, war nichts, gar nichts. Nur sein Herz war näher
zu Tosca gedrungen -- sein äußeres Leben um kein Haar breit. Er
beantwortete nicht die Frage der Justizräthin; er sprach ebensowenig
davon, daß und wann er wiederkommen werde. Er sprach allerlei
Oberflächlichkeiten, wie man thut, um die Zeit hinzubringen. Dann nahm
er Abschied mit trauriger Freundlichkeit. Er fühlte -- es war aus und
vorbei.
Als die Thür hinter ihm zugefallen war, sank Agathe der Justizräthin in
die Arme und rief in lauter Verzweiflung:
„Mutter, o Mutter, er liebt mich nicht!“ -- --
„Die Schwankungen in mir müssen aufhören,“ dachte Sigismund in dieser
Nacht. „Es ist ja ganz miserabel, die Sachen um acht Uhr anders zu
sehen, als um sieben, und um neun wieder anders. Ich breche mein
Wort, ich thue Agathen weh, ich zerstöre ihr und mir das ruhige Leben,
welches ich so friedlich für uns zu begründen hoffte, ich stelle mich
vor der Welt als ein wankelmüthiger, leichtsinniger Mensch dar --
und das Alles .... um mich nicht in Zwiespalt mit meinem Gefühl zu
bringen. Ist das Gefühl solcher Opfer werth? werde ich nie bedauern,
nie bereuen, sie gebracht zu haben? Nicht heut, nicht morgen -- aber
in zehn oder zwanzig Jahren? Reue thut weh, und das Leben ist lang ....
lang und einsam ohne Liebe, ohne ~die~ Liebe, die Hütten bauen läßt.“
Das sagte er sich Alles, ernst, überlegt, gelassen. Er führte sich
Agathe vor, wie sie war, lieb und gut, jung und schmiegsam, bereit
Alles zu sein, zu werden, was er wünschte; wie sie auf keine Weise
die bittere Kränkung, den tiefen Schmerz verschuldet hatte, die sie
bedrohten; wie er vielleicht ihre ganze Zukunft in Grund und Boden
verderbe, indem er ihre Zuversicht auf die Treue, ihren Glauben an
Liebe untergrabe. Aber immer und immer kam er auf den Schluß zurück:
Es ist doch unmöglich, meine Hand Agathen zu geben, während mein Blick
~sie~ sucht und, wenn nicht außer mir, doch ewig in mir sie findet.
Denn in mir -- da hat sie gelebt, die langen, langen Jahre hindurch,
und nur zuletzt .... geschlafen, eingewiegt von dem monotonen Geschwirr
des Lebens, das mich umfing. Hätte ~sie~ nicht immer in mir gelebt, wie
würde sie denn urplötzlich so göttlich lebendig geworden sein? Es giebt
Menschen, in denen lebt nichts; deshalb können sie für Alles leben,
was außerhalb ihnen liegt. Andre fühlen sich gedrungen ~für~ das zu
leben, was ~in~ ihnen lebt; die nennt man thöricht, oder egoistisch,
oder ... groß, je nachdem ihre Wesenheit sich an ihrer inwohnenden Idee
ausbildet. Die Größe giebt Gott seinen Begnadigten; die erwirbt man
nicht, man empfängt sie nur. Aber tüchtig kann man auf seine eigene
Hand werden; auch wenn man seinen Ideen nachgeht, auch wenn es thöricht
aussieht. Und egoistisch? wer sich elend fühlt, und ein fremdes Wesen
an dies Bewußtsein schmiedet, macht es um so elender, je zarter es
empfindet, und bei zwanzig Jahren wiegen ein Paar Tage voll Schmerz
nicht so schwer, als bei vierzig ein Leben voll Bitterkeit, Mißstimmung
und Jammer. Und egoistisch? ich erreiche nichts, ich gewinne nichts!
~sie~ denkt nicht an mich. Aber ich, o Gott, bin frei, an sie denken zu
dürfen.
Er versuchte sogleich an Agathe zu schreiben. Doch Herz und Hand
zitterten ihm. Es ist ein fürchterlicher Entschluß für einen besonnenen
Menschen, einem Unschuldigen weh zu thun. Auch schien es ihm gar so
übereilt. Er verbrannte den Brief. Drei Tage nach seiner Rückkehr nach
Berlin wollte er lieber schreiben. Es kam ihm kein Zweifel ein, daß
auch dann sein Brief in demselben Sinne lauten würde, denn sein Herz
war wie erfroren gegen Agathe. Er hatte sie im Schmerz gesehen: das ist
ein scharfer Probirstein für die Seelen. Die Freude nicht! ihrer Natur
nach verklärt sie, so wie der Schmerz seiner Natur nach verdüstert.
Wie stralend muß die Seele beschaffen sein, welche mit ihrem Licht die
Verdüsterung des Schmerzes besiegt. Als er im Ausbruch des tiefsten
und wahrsten Gefühls sie um Vergebung bat, da fragte Agathe: „Was
hast Du gethan?“ -- und vergab nicht, und blieb verdrießlich. Das
ist das Uebelste, was eine Frau thun kann. Die Verdrießlichkeit ist
etwas so ganz Unerträgliches, daß ihr gegenüber der Mann sich selbst
ganz gerechtfertigt vorkommt, auch wenn er weiß Gott was für Unthaten
begangen hätte.
Tags darauf ging Sigismund Forster von der Eisenbahn kommend die Linden
herauf. Er ging unter den Bäumen. Er sah sich nicht um, als auf dem
Reitweg rasches Pferdegetrappel erscholl, aber als Tosca Beiron, ihr
Pferd an die Barriere lenkend, ihm zurief:
„Guten Morgen! aber schönen guten Morgen!“
Da mußte er freilich aufsehen. Er that’s; er nahm den Hut ab. Es war
ihm eine selige Befriedigung so, mit diesem Zeichen der Ergebenheit,
und zu ihr emporschauend, vor ihr stehen zu dürfen. Sein erstes Gefühl
ihr gegenüber war, wie einst, das der unermeßlichsten Bewunderung; nur
aber war es nicht, wie einst, in das kleine Wort zu fassen: sie ist
schön! sondern -- in gar keines.
„Wie geht’s denn?“ fragte sie.
Er antwortete nicht. Er sah sie an -- wer kann sagen, mit welchem Blick!
Blitzschnell berührte sie den Hals ihres Pferdes mit der Reitgerte und
sprengte fort; Ignaz ihr nach.
Ignaz sagte zum General, als er mit Tosca bei ihm eintrat:
„Stellen Sie Sich vor, lieber Onkel, meine schöne Tante hat den
Regierungsrath Forster entdeckt. Ja, ja, entdeckt! wir waren eben ins
Brandenburger Thor hineingeritten, und er war ungefähr zwanzig Schritte
von unserm Hause“ .... --
„Wie Sie übertreiben, Ignaz!“ rief sie lachend.
„Und, wohlverstanden, den Rücken uns zugewendet, als meine schöne Tante
sich plötzlich, allen Polizeigesetzen zuwider, in Carriere setzt, oder,
daß ich nicht übertreibe! _in train du chasse_, weil sie in dieser
unerhörten Entfernung, unter diesen vielen Menschen, den Regierungsrath
Forster erkannt hat -- vermuthlich mit einem sechsten oder siebenten
Sinn, denn die gewöhnlichen fünf reichen unmöglich dazu aus -- und eben
deshalb nannte ich diese Erkennung eine Entdeckung.“
„Ich war ganz neugierig, zu erfahren, was ihn so lange unsichtbar
gemacht hat,“ -- sagte Tosca unwillkürlich, ein wenig verlegen und ein
wenig unwahr; denn mogte sie auch noch so neugierig gewesen sein, als
sie Sigismund gewahrte, empfand sie nichts -- als Freude.
„Nun? und was sagte er?“ fragte der General.
„Ich hatte nicht Zeit, ihn zu fragen,“ entgegnete sie noch etwas
verlegener; „Ignaz ritt so rasch fort.“ ... --
„Ich? himmlische Tante! wie ein Lamm so ruhig verhielt ich mich neben
Ihnen! Aber die Wahrheit ist, lieber Onkel, daß der Regierungsrath
Forster nicht sehr bei Laune zu sein schien, und noch ernsthafter
als gewöhnlich aussah. Da verlor meine schöne Tante die Geduld, und
sprengte von dannen, wie sie gekommen war -- da es gewiß höchst
verdrießlich ist, keine Antwort auf die freundlichsten Fragen zu
erhalten.“
„Ignaz! was erfinden Sie für Geschichten!“ sprach Tosca lächelnd; aber
sie sah ihn mißtrauisch an, nicht wissend, ob Scherz oder Bosheit im
Spiel sei.
„Aber welch ein Scharfblick! aber welch ein Adlerauge!“ fuhr er fort;
„woran erkannten Sie ihn nur? nicht wahr, am schwarzen Ueberrock und an
den gelben Handschuhen, welche alle Welt genau so trägt?“
„Trägt; aber vermuthlich nicht ~so~ trägt,“ entgegnete sie gelassen;
„denn am Gang und an der Haltung muß ich doch wol den Regierungsrath
Forster erkannt haben, da Sie selbst ja meinen, an der Allerweltslivree
von schwarzem Rock und gelben Handschuhen könne es nicht sein.
Uebrigens wundre ich mich auch über mein scharfes Auge. Ich habe nie
diese Fähigkeit in solchem Grad bei mir bemerkt.“
„Vielleicht weil Sie kein Interesse hatten, sie zu beachten.“
Sie sah ihm scharf in die Augen; sie fand darin den kleinen lauernden
Ausdruck, den sie immer hatten, und an den sie dermaßen gewöhnt
war, daß sie sich wunderte, wie sie ihn bemerkte; auf seinen Lippen
lag sein gewohntes Lächeln, das, obgleich in Gewohnheit ausgeartet,
dennoch auf seinem schönen Munde hübsch war. Es war nichts, gar nichts
in dem Gesichte, was sie plötzlich hätte frappiren können. Sie sagte
scherzend:
„Mein Ignaz, Sie sind neidisch.“
Er fuhr innerlich zusammen, und sprach mit unveränderter Miene: „Und
wenn ich’s wäre?“
„So würde ich Ihnen rathen, den fatalen Fehler abzulegen,“ antwortete
sie halb ernst, halb schelmisch, und ging ihrem Zimmer zu.
„Bleib hier, Tosca!“ rief der General, „und hadert noch ein wenig mit
einander, liebe Kinder! ich versichere euch, daß nichts in der Welt mir
ergötzlicher anzuhören ist.“
„Ich werfe nur das schwere Reitkleid ab,“ sagte Tosca.
Als sie nach zehn Minuten wiederkam, fand sie Besuch vor.
Am Abend, zur gewohnten Stunde, erschien Sigismund. Der General sagte
freundlich:
„Wir haben Sie recht vermißt.“
„Und sind ganz besorgt um Ihr Verschwinden gewesen,“ sagte Ignaz noch
freundlicher.
„Das ist viel,“ sagte Sigismund zum General und „Zu viel“ zu Ignaz.
„Und ist Ihre Arbeit gelungen?“ fragte Tosca.
„Welche Arbeit, gnädige Frau?“ entgegnete er.
„Nun die, welche Sie am Abend nach Liszts Conzert mit schwerem Herzen
unternehmen wollten, und zu der ich Ihnen Glück zu! wünschte.“
„Ah die!“ rief er, plötzlich sich auf die Unterhaltung besinnend; --
„ja, gnädige Frau, ich schmeichle mir“ ...
„O wenn Schmeichelei dabei im Spiele ist, dann irrt man sich leicht!“
rief sie.
„Aber welch’ erstaunenswerthes Gedächtniß haben Sie,“ sagte Sigismund.
„Ja!“ rief Ignaz, „merkwürdige Gaben aller Art hat meine himmlische
Tante, und es ist wirklich eine Gnade von Gott, daß er ihr ~eine~
versagt hat. Rathen Sie, Herr Regierungsrath, was das ist, ich bitte.“
„Sie werden es nie errathen,“ sagte Tosca und sah Sigismund vertrauend
an.
„Ich bitte, rathen Sie doch!“ fuhr Ignaz fort; „was meinen Sie wol das
meiner schönen Tante fehlen dürfte?“
„Ich wüßte nichts -- als Menschenkenntniß etwa,“ sagte Sigismund etwas
trocken.
Der General neigte mit bejahender Zustimmung den Kopf, und Tosca rief
sehr vergnügt:
„Mit dieser Lösung bin ich ungemein zufrieden, um so mehr da mein Mann
ganz derselben Meinung ist. Nun, _beau neveu_, haben Sie noch Lust mit
Ihrer Behauptung hervorzutreten?“
„Hervortreten? nein! denn ich könnte Ihnen doch am Ende damit etwas
zu leide thun, schöne Tante; aber behaupten -- ja! in aller Demuth,
versteht sich.“
Der kleine gewohnte Kreis fand sich zusammen. Ignaz ging fort.
Sigismund nahm lebhaft an der Unterhaltung Theil, und es machte sich
von selbst, daß er von seiner Fahrt nach Magdeburg, von seinem Besuch
bei seiner Schwester erzählte, und dabei Tosca die Huldigung seines
Schwagers darbrachte, welche dieser im Augenblick des Abschieds ihm
dringend aufgetragen, mit der banalen Anhängselphrase: Falls sie sich
noch meiner erinnert. Tosca nahm es dankbar an; sie freute sich bei der
Gelegenheit erfahren zu haben, wo und bei wem er gewesen sei. Sigismund
hatte gefühlt, daß sie das zu wissen wünsche. Nun ward er schweigsamer.
Er versank in ein ihm ganz neues Glück: er fühlte sich innerlichst
frei, frei sie anbeten zu dürfen, und er dachte mit tiefster
Aufrichtigkeit, daß, wenn er sie alle Abend in seinem Leben so wie
heute sehen dürfe, so fehle ihm nichts, um glücklich zu sein. Sie war
gar nicht übernatürlich geistreich, sie hatte auch keine ungewöhnliche
Talente, sie war schön -- wie man es bei dreißig Jahren sein kann.
Aber wie sie ist, so ist sie ein Lichtgeist, der nicht unsrer Zeit und
unsrer Welt angehört! -- dachte Sigismund -- und welche himmlische
Gabe könnte ihr fehlen? was Ignaz Mangel nennt, ist gewiß nur eine
Herrlichkeit mehr. Zuletzt schwieg er ganz. Die Minuten, in welchen er
sie hören und sehen durfte, kamen ihm wie Jahrhunderte vor, zu wichtig,
zu inhaltschwer, um oberflächliche Worte in sie zu verflechten.
Es sollte eine Schachpartie organisirt werden; der General sah ihr
gern zu. Sigismund wechselte seinen Platz mit einem der Anwesenden, und
setzte sich zu Tosca, welche die in seinen Augen wundervolle Gewohnheit
hatte, Abends niemals Tapisserie zu nähen. Sie sagte freundlich:
„Ich werde Sie bei Gelegenheit um mein kleines blaues Flacon bitten.“
„Ach Gott!“ rief er, „das ist zerbrochen.“
Er hatte ganz und gar das unglückliche Flacon vergessen, und daß Tosca
daran ein Recht habe. Die Aufrichtigkeit in seinem Ton überzeugte sie.
„Nun wenn’s zerbrochen ist, so ist’s gut!“ sagte sie beruhigend.
„Sie würden es mir also nicht lassen?“
„Ich weiß, daß Sie Sich nichts aus kleinen Geschenken machen,“
erwiderte sie mit heiter spöttischem Lächeln.
„Gnädige Frau,“ entgegnete Sigismund ganz ernsthaft, „wenn man einmal
huld- und gnadenreich Vergebung der Sünden ertheilt hat, so darf man
nicht mehr auf sie zurückkommen. Das heißt nutzlos martern.“
„Da haben Sie wol Recht,“ antwortete sie sanft, „aber ich scherzte nur,
denn glauben Sie mir, es ist kein Vorwurf mehr in meiner Seele, nur
Dank.“
„Dank, weil ich Ihnen Schmerz gemacht?“ fragte er ungläubig.
„Als der Schmerz über mich kam, da nahm ich mir vor, besser zu werden
als ich war, damit mich künftig kein ähnlicher treffen möge; denn in
all’ unsern Schmerzen liegt eine ganz heimliche, ganz kleine, oft vor
uns selbst verborgene Schuld. Je besser der Mensch, um desto weniger
Schmerz hat er, weil innerer Vorwurf der Giftzahn des Schmerzes ist --
und keinen Schmerz hat er, der ihn zernichtet. Ich denke doch ein wenig
tüchtiger geworden zu sein, als ich damals war, und ist es da nicht
sehr natürlich, demjenigen Dank zu wissen, der mir dazu geholfen hat?“
„Mit diesen Gefühlen wird man Märtyrin,“ sagte Sigismund, der es besser
fand, im Scherz als im Ernst zu antworten.
„O behüte!“ rief sie, „um das zu werden, müssen sich diese Gefühle
einzig und allein Gott zuwenden.“
„Wenn ich Sie reden höre, so gut, so klar, so einfach, so wünschte ich
wol von Graf Adlercron zu erfahren, welche Vollkommenheit Ihnen fehlen
sollte.“
„Er meint, daß ich kein Herz hätte,“ sagte sie unbefangen.
„Da ist er im großen Irrthum!“ rief er.
„Nicht wahr?“ fragte sie; und mit wundervoller Klarheit legten sich
ihre Blicke auf sein Auge.
„Ich meine, daß Sie es da haben, wohin es gehört -- und nirgends
sonst,“ sagte Sigismund fast feierlich.
„Haben Sie zu vielen Menschen so tiefes Vertrauen?“ fragte Tosca.
„Nein, o nein!“ rief er rasch; „nur zu Ihnen ... denn ein Character,
wie der Ihre, rechtfertigt jede Zuversicht dieser Art“ -- setzte er
gefaßter hinzu.
Seine Worte, sein Ton, sein Ausdruck fielen tief und stark in ihre
Seele; sie meinte plötzlich in sich eine Schatzkammer von ungeahnten
Reichthümern gewahr zu werden, und um sich eine Frühlingswelt voll
duftender, glänzender, freudiger Blüten. Es überlief sie der wundersam
geheimnißvolle Schauer, der über uns hinrieselt, wenn wir fühlen, ohne
es zu denken, daß unserm innerlichsten Leben eine Krisis bevorsteht. Es
ist, als hörten wir die Würfel fallen, die den Gang unsrer zukünftigen
Schicksale bezeichnen, und wir schauern in uns selbst zusammen,
wie die alten Propheten, wenn der Finger Gottes sie berührte. Ja,
sie waren mächtig, die alten Propheten, mit tiefsinnigem Blick, mit
weisheitvollen Lippen, sie wußten die Geschicke der Völker und die
Umwandlungen der Welt; -- und wir sind schwach und blind! aber wenn der
Finger Gottes uns berührt, so sind wir Alle gleich klein oder gleich
groß; -- und er berührt Jeden von uns.
Mit bewundernswerther Kraft deckte Tosca, wie eine Nonne mit ihrem
Schleier, ihre mächtige Bewegung zu, und sagte in ihrer heitern Weise,
die Ignaz, nur weil er herzensunkundig war, herzlos nannte, und ohne
Sigismund anzusehen:
„Ah! ich hab’ also einen Character! das ist mir lieb zu erfahren! ich
gesteh’ Ihnen, ich hab’ ihn mir nicht zugetraut.“
„Das ist die Art und Weise tüchtiger Menschen: sie sind, sie haben;
allein sie trauen es sich nicht zu.“
„Sagen Sie mir nicht solche Sachen!“ rief sie fast ungeduldig; „oder
sagen Sie sie in einem Ton, womit man Fadaisen zu sagen pflegt! denn
jetzt mit Ihrem ernsten Ton gesprochen, da machen Sie mich am Ende
glauben, daß Sie aus Ueberzeugung sprechen.“
„Und das ist’s grade, was ich wünsche und was Sie, gnädige Frau ....
sollt’ ich meinen, wünschen müßten. Man hört und sagt so unermeßlich
viel Fadaisen, daß man ihrer, nach einer Reihe von Jahren, so
überdrüssig wird, wie gewisser allzu süßer Speisen.“
„Sie sind aber wirklich nicht für die Fadaisen, das merk’ ich!“ rief
Tosca lachend. „Wer in aller Welt hat je zu einer Frau, die sich
einbildet noch sehr schön und sehr jung zu sein, von ‚einer Reihe von
Jahren’ gesprochen?“
„Sie sind so ganz anders, als die Frauen zu sein pflegen, daß man
unwillkürlich auch anders zu Ihnen redet, freier, zuversichtlicher, des
Verständnisses gewisser -- und daher unbefangen.“
„Und das Alles zu Ehren meines Characters?“
„Ja, denn er ist das, was ich am höchsten im Menschen schätze.“
„Ach,“ sagte Tosca mit einem leichten Seufzer, „er mag doch schwer
durchzuführen sein, ein Character, sobald das Leben schwer wird. Was am
Morgen leicht war, kann am Mittag mühselig sein! wie schwierig, unter
allen Umständen immer Dasselbe zu thun!“
„Nicht -- immer Dasselbe thun, das kann auch der urtheil- und
einsichtslose Eigensinn. Aber -- immer das Rechte thun, unter allen
Umständen: das macht den Character.“
„Haben Sie Character?“ fragte sie mit gedankenvollem Ernst.
„Gnädige, Frau, Sie selbst wissen am Besten, daß ich keineswegs zu
jeder Zeit das Rechte gethan,“ erwiderte er lächelnd.
„O ich denke nicht an die Kindergeschichten!“ rief sie ungeduldig.
„Sie bereiten doch vielleicht den Character vor,“ antwortete er
gelassen. „Trotz, Eigensinn, Uebermuth können wohldurcharbeitet zum
Character heraufgebildet werden, und undurcharbeitet ein wüstes Chaos
bleiben.“
„Nun? und Sie?“
„Ich arbeite!“ sagte er.
Sie blickte ihn an; sein ungewöhnlich strenger Ausdruck überraschte
sie. „O Verzeihung, wenn ich Ihnen weh gethan!“ sprach sie schüchtern.
„Sie thun mir nie anders als wohl,“ erwiederte er, und ein Lächeln
glitt in seine Augen, ohne bis zu den Lippen herab zu steigen.