Eine lange Reihe von Jahren lag dazwischen. -- Es giebt Momente, in
denen wir Jahre verschwenden; es giebt Jahre, die uns in der Erinnerung
zu Momenten zusammenschrumpfen. Wie wir sie durchleben -- ob arm,
ob reich: das nimmt oder giebt ihnen Gewicht. Als ein Krösus sich zu
fühlen, im königlichen Pomp des Daseins, überschüttet mit allen Kronen
des Lebens, seien sie von Damen, oder von Rosen, oder von Diamanten,
oder von Lichtstralen -- das preßt die Essenz des Lebens in flüchtige
Augenblicke zusammen, die durch ihren Inhalt unermeßlich werden. Oder
als ein Arbeiter sich zu fühlen, der pünktlich seine Aufgabe erfüllt
und dafür seinen Lohn empfängt, von einem Tage zum andern, heute wie
morgen, und der sich etwa nur Sonntags ein kleines Vergnügen bereitet,
recht blaß, recht steril, ohne lange Vorfreude, ohne längeren Nachhall
-- das dehnt das Leben aus, ohne es zu erfüllen, und verwandelt lange
inhaltlose Epochen in schnellvergessene Augenblicke. Hier ist das
Dasein wie ein Goldfädchen, das dünn, dünn und immer dünner, bis zur
Unscheinbarkeit und Unhaltbarkeit fortgezogen wird; dort ein Goldbarren
.... so prächtig, so schwer, häufig ~zu~ schwer. So ist das Leben
eingerichtet: am Ueberfluß oder am Mangel leidet der Mensch.
Es war in Berlin am Neujahrstage. Im ersten Stockwerk eines hellgrauen
Hauses unter den Linden an der Ecke der Kirchgasse, saß ein noch junger
Mann am Schreibtisch und schrieb. Vor ihm lag ein Brief von Frauenhand;
er blickte zuweilen hinein, lächelte und schrieb weiter. Zuweilen legte
er die Feder hin, lehnte sich zurück und verfiel in Nachsinnen. Die
Mittagssonne glänzte hell ins Zimmer hinein. Es sah sehr freundlich,
sehr wohlgeordnet aus, ebenso entfernt von Confusion, als von
übertriebener Zierlichkeit. Kissen in Tapisserie genäht, lagen auf
dem Sopha; an den Wänden hingen einige hübsche Lithographien, Blumen
standen in den Fenstern.
Ein Wagen hielt vor dem Hause, und eine Dame stieg aus, begehrte mit
der Besitzerin desselben zu sprechen, und hatte eine lange Unterhaltung
mit ihr. Der Schluß davon war, daß die Dame ein wenig ungeduldig sagte:
„Nun, so werde ich selbst den Herrn darum bitten müssen! Sein Sie so
gut, mich bei ihm zu melden.“
Die Hauswirthin ging voran, die Dame folgte ihr auf dem Fuß, und
während sie die Treppe heraufstieg, fragte sie ein wenig besorgt:
„Der Herr raucht wol sehr stark?“
„Gar nicht, gnädige Frau,“ lautete die beruhigende Antwort der
Hauswirthin, welche eben das Zimmer nach raschem Anpochen hastig
öffnete, und hineinsprach:
„Herr Regierungsrath, die Frau Generalin von Beiron wünscht Sie zu
sprechen.“
Der Mann machte eine lebhafte Bewegung, griff mechanisch nach der
Brille, die neben ihm auf dem Schreibtisch lag, und setzte sie auf,
indem er sich erhob.
Heutzutag hat ein Mann über dreißig Jahr entweder eine kahle Platte,
oder er trägt eine Brille. An diesen Wahrzeichen sind die Söhne unsers
Jahrhunderts zu erkennen. Wem sie fehlen, der gehört, mit seltnen
Ausnahmen, den letzten Tagen des vergangenen an.
„Da ist der Herr Regierungsrath Forster,“ sagte die Hauswirthin zu der
Dame.
Tosca Beiron und Sigismund Forster standen sich gegenüber. Er erkannte
sie auf der Stelle. Er wunderte sich, daß sie den Namen trug, den einst
ihre Mutter getragen, aber er war nicht einen Augenblick in Zweifel.
Sie hatte die ganze Eigenthümlichkeit ihrer Physiognomie behalten: ihre
beherrschenden Augen, ihr reizendes Lächeln, ihre unbefangene stolze
Haltung; auch ihre Züge waren dieselben, nur ausgeprägter, schärfer,
der Mund vielleicht etwas zu groß und die Stirn an den Schläfen nicht
mehr ganz frisch. Mit einem Blick übersah es Sigismund. Von Kopf zu Fuß
war sie in violetten Sammet gekleidet, und in der Hand hielt sie einen
großen Strauß der allerschönsten Frühlingsblumen. Sie sah magnifik aus,
als sie so mitten in dem sonnenerleuchteten Zimmer stand. Sie erkannte
ihn nicht; oder vielmehr -- sie dachte nicht daran, ihn zu erkennen.
Sie hatte jetzt andere Gedanken, als ihn. Und überdies war Sigismund
auch nicht mehr der schöne heitere Jüngling aus Bonn. Heutzutag
ist das Leben eines Mannes, der seinen Weg auf ganz gewöhnlichem
Wege machen muß, und darin durch keine allmächtige Protektionen und
Connexionen unterstützt, oder durch keine ganz überwältigende Talente
gehoben wird -- anstrengend und mühselig. Und Anstrengung zerstört
die Schönheit -- die Schönheit der Züge, die des Ausdrucks nicht.
Sigismund hatte scharfe Züge, und sah ernst und kalt aus, kalt sogar,
wenn er verbindlich sprach und lächelte. Die Schmarre, welche ihm einst
Hohenberg auf der linken Wange beigebracht, war durch einen starken
dunkeln Bart bedeckt. Seine Augen hätten vielleicht die Strenge des
Gesichts mildern können; aber die Brille verdarb sie, wie zu starker
Firniß den Eindruck des schönsten Oelgemäldes schwächt. Bei dem Allen
war etwas Festes und Klares in dem Gesicht, etwas, das Vertrauen
weckte, und als er mit fester und tönender Stimme, und sich verbeugend,
zu Tosca sagte:
„Was verschafft mir die Ehre, Sie hier zu sehen, gnädigste Frau?“
Da entgegnete sie zuversichtlich:
„Die Hoffnung, daß Sie mir eine große, eine übergroße Bitte nicht
abschlagen werden.“
Sie setzte sich und fuhr fort, als er sie schweigend und erwartungsvoll
ansah:
„Mit zwei Worten: ich wünschte, daß Sie mir diese Ihre Wohnung abtreten
und dafür die im zweiten Stockwerk, welche ihr ganz ähnlich ist,
nehmen mögten. Meinethalben würde ich weder Sie noch irgend Jemand
mit dieser Bitte belästigen; ob ich eine Treppe oder drei steige, ist
mir einerlei, und eben so, ob mein Zimmer nach Süden oder nach Norden
liegt. Aber mein Mann ist krank, sehr krank; jeder Schritt wird ihm
schwer, und mit der, den meisten Kranken eigenen Laune behauptet er,
grade diese Wohnung, eine Treppe hoch, Südseite, und in der wir schon
vor einigen Jahren gewohnt haben, sei ihm die bequemste, ja mehr! die
heilsamste in ganz Berlin. Wir wohnen in British Hotel; es hat dieselbe
Lage, allein das Geräusch des Gasthofs ist ihm unerträglich. Da drüben
ist ein Haus ganz zu unsrer Disposition; er behauptet, durch die Lage
nach Norden wären die Zimmer in Keller verwandelt. Auf der ganzen
Südseite der Linden ist in keinem Privathause eine Miethwohnung frei,
außer hier im zweiten Stockwerk -- und die Linden .... verlassen Fremde
so ungern“ .... --
„Gnädige Frau,“ sagte Sigismund, „diese Wohnung steht Ihnen sofort zu
Befehl.“
„O Sie sind gütig!“ rief sie lebhaft.
„Es ist mir, wie Ihnen, vollkommen einerlei, gnädige Frau, wie viel
Stufen ich zu meinem Zimmer zu steigen habe,“ sagte er ruhig.
„So freut es mich doppelt, daß Sie kein Opfer zu bringen haben, indem
Sie den Wunsch eines beklagenswerthen Kranken erfüllen,“ entgegnete sie
sanft. „Und wann würden Sie, ohne allzu unbequeme Uebereilung, diese
Wohnung verlassen können?“
„Das Zelt eines einzelnen Mannes ist eben so leicht abgebrochen als
wieder aufgeschlagen, gnädige Frau, und ich werde es heute und sogleich
thun .... denn Ihr Herr Gemahl mag schon ungeduldig sein.“
Tosca stand auf und machte eine Bewegung, als wolle sie ihm die Hand
geben; aber, sich besinnend, drückte sie beide Hände gefalten vor die
Brust und sagte mit großer Herzlichkeit:
„Ach, ~daß~ Sie es thun würden, wußt’ ich wohl, aber ~wie~ -- das
konnt’ ich freilich nicht ahnen.“
„Und dürfte ich fragen,“ entgegnete Sigismund lächelnd, „was Ihnen im
Voraus die Gewißheit meines Gehorsams gab?“
„O mein Herr!“ rief Tosca lebhaft, „die Außergewöhnlichkeit meiner
Bitte! eine so extraordinäre Insolenz von meiner Seite muß durch einen
sehr gewichtigen Grund motivirt und entschuldigt werden -- und das wird
der begreifen, dem ich meinen Wunsch ausspreche, und ihm willfahren;
-- so dacht’ ich. Allein, das ~Wie~ liebenswürdig zu finden .... darauf
durft’ ich nicht rechnen.“
Sie ging der Thür zu, stand still, sah sich rings im Zimmer um und
sagte:
„Ach, es ist freundlich hier! Sie haben hier gewiß manche angenehme
Stunde, manchen lieben Augenblick verlebt, und wir verjagen Sie
unbarmherzig, und machen Ihnen gar heute den Festtag zu einem recht
unbequemen Werktag. Nun, ich danke Ihnen aus voller Seele! Ein warmer
aufrichtiger Dank bringt mehr Segen, als alle Neujahrsglückwünsche.“
„Das glaub’ ich gern, gnädige Frau,“ entgegnete Sigismund
und begleitete Tosca bis zur Treppe. Dann kehrte er ins Zimmer
zurück, trat ans Fenster und sah sie in den Wagen steigen, der die
Linden herauf fuhr. Ihm war leicht ums Herz, so, als habe er die
knabenhafte Ungezogenheit von Bonn gut gemacht. Und wie sie schön
ist, wie beherrschend durch Blick und Haltung! dachte er, als er ihr
nachblickte; eine prächtige Erscheinung -- ganz, wie sie zu werden
versprach. -- Neben dem Stuhl, auf welchem Tosca gesessen, lag eine
Tazettenblüthe, wie ein kleiner goldener, aus dem Himmel auf die
Erde gefallener Stern. Sigismund hob sie auf und legte sie in sein
Portefeuille. Dann begann er seine Uebersiedelung. Damit verging
der Tag. Am Abend saß Sigismund im Zimmer des zweiten Stockwerks am
Schreibtisch, um den Brief zu beenden, bei dem er durch Toscas Eintritt
gestört worden war. Drei Seiten waren beschrieben. Auf die vierte
schrieb er:
„Ich bin unterbrochen worden, liebe Agathe. Aber es thut
nichts, denn ich hoffe nächstens auf ein Paar Tage nach
Magdeburg kommen zu können, und da holen wir mit Plaudern nach,
was ich heut mit Schreiben versäumen mußte. Diese Aussicht
macht Deine lieben freundlichen Augen noch freundlicher --
nicht wahr? Gott segne diese lieben Augen, meine Agathe, damit
sie nichts als Freude, Glück und Liebe auf der Welt sehen, und
mir ins Herz blicken mögen.“
S. F.
Dreiviertel des letzten Blatts blieb unbeschrieben. Sigismund
couvertirte den Brief und trug ihn selbst auf die Post. Er ging an
British Hotel vorüber und sah zu einigen hellerleuchteten Fenstern im
ersten Stockwerk empor. Da wohnt sie gewiß, dachte er, und mit einem
kranken Mann! -- Ihm fiel ein, daß es grade zwölf Jahre waren seit
jenem Tage in Bonn, wo er sie so muthwillig gekränkt, und zum letzten
Mal ihr schönes Gesichtchen, aber erbleichend und traurig, zwischen den
Blumen im Fenster gesehen hatte. Am Abend spät war er wieder vorbei
gegangen, und mehrmals auf und ab; seine Ungezogenheit that ihm gar
so leid! Er wünschte glühend, sie gut zu machen, Tosca um Verzeihung
zu bitten .... aber er sah sie nicht mehr, nie wieder. Ihre Mutter
starb, sie erkrankte, sie reiste; er trauerte mit ihr, um sie. Wie ein
Meteor, das man ein Mal sieht und nimmer wieder, so war sie aus seinem
Horizont verschwunden. Jahre lang dachte er an sie. Wenn er eine schöne
Blondine sah, so flüsterte eine Stimme ganz heimlich in ihm: „Fast so
schön wie Tosca Beiron.“ Großer Schmerz kam über ihn, sein Vater starb
und hinterließ seine Familie unbemittelt. Es folgten eiserne Zeiten
voll Sorge und Anstrengung. Durch Schmerzen und durch Mühen mußte er
sich kämpfen, und er that es. Die Seinen blickten mit Hoffnung und
Liebe auf ihn. Er war ihr Trost, ihre Zuversicht, ihre Freude. Und so
ging es ihm denn allmälig besser, und zuletzt gut. Jetzt hatte er im
Hause seiner Schwester, die in Magdeburg mit seinem Universitätsfreund
Friedrich verheirathet war, ein junges Mädchen kennen gelernt, das er
herzlich lieb hatte. Er war mit ihr verlobt, im Frühling wollte er sie
heirathen. Toscas Bild war erst blaß und nebelhaft in ihm geworden,
dann verschwunden, wie eine Todte im Grabe. Das Leben rauscht darüber
hin, und deckt es zu, und nimmt uns so in Anspruch, daß wir nicht Zeit
haben, an unsre Todten zu denken. Ständen sie aber auf aus ihrem Grabe,
in ihrer alten Schönheit, mit ihrer alten Macht, so würden sie uns
wieder beherrschen, wenn sie uns je beherrscht haben; denn begraben
können wir viel, aber tödten nichts.
Solche Bilder glitten an Sigismund vorüber, als er durch die Straßen
ging. Er versuchte an die Zukunft zu denken, aber magnetisch zogen ihn
die Gedanken in die Vergangenheit zurück. „Agathe, zu Dir!“ sagte er
halblaut. -- --
Am andern Morgen gegen zehn Uhr nahm der General Beiron die Wohnung in
Besitz, welche Sigismund verlassen hatte. Zwei Diener trugen ihn aus
dem Wagen die Treppe hinauf; er hatte die Brustwassersucht. Ein junger
Mann, der schon zwei Stunden früher in Begleitung von Handwerkern und
Trägern mit vielen Meublen und Geräthschaften gekommen war, empfing ihn
und Tosca, und sagte:
„Ich hoffe, lieber Onkel, daß Sie ziemlich zufrieden mit meinen
Anordnungen sein werden, und daß meine schöne Tante ein andres Wort,
als ein spöttisches für mich hat.“
„Mein guter Ignaz, ich danke Dir!“ sagte der General freundlich, und
gab ihm die Hand.
„Das wollen wir sehen, Ignaz,“ sagte Tosca und ging durch die Zimmer.
Nach zwei Minuten kam sie wieder und sagte lachend:
„Ich muß Sie loben, mein Ignaz! in allen Zimmern ist etwas ganz
Wesentliches vergessen. Hier im Salon ein Schachbrett-Tisch, im Zimmer
meines Mannes Sophapolster, und in meinem Zimmer Blumen.“
„Sie sehen, lieber Onkel, daß ich wirklich Recht habe, mich ein wenig
über die eiserne Unnachsichtigkeit meiner schönen Tante zu grämen.
Gestern waren alle Magazine geschlossen; heute war’s bis früh acht Uhr
Nacht. Ich schmeichelte mir, in zwei Stunden geleistet zu haben, was in
menschlicher Kraft steht .... aber nein!“ ....
„Und abermals nein!“ unterbrach ihn Tosca; „denn Sie haben mich
bis daher immer glauben machen, daß Ihnen zu meinem Dienst mehr als
menschliche Kräfte zu Gebot ständen.“
„Ist sie liebenswürdig?“ sagte der General lächelnd zu seinem Neffen.
„Ach, ich bin unglückselig!“ rief Ignaz. „Eine solche Aeußerung müßte
mir ja wenigstens Flügel und Zauberstab verleihen, und statt dem Allen
steht mir nichts zu Gebot, als ein Miethwagen .... und mein guter
Wille.“
„Mit dem guten Willen macht man hübsche Phrasen und weiter nichts!“
sagte Tosca lachend.
„Ich gehe schon, ich gehe!“ rief Ignaz; „aber gestehen Sie, daß es
hart ist, nie ein Wort der Zufriedenheit zu hören .... wenigstens kein
directes.“
Er verließ das Zimmer. Tosca blickte ihm seltsam nach, und der General
sagte:
„Welch ein Mensch! welch ein goldnes Herz an Treue und Ergebenheit.
Wahrlich, er gehört nicht unsrer Zeit und unsrer Welt an.“
„Das denk’ ich auch .... zuweilen,“ sagte Tosca. Ihr Mann sah sie
fragend an. „Ja,“ fuhr sie fort, „mit dem Alter, glaub’ ich, kommt
uns der Zweifel, und ich werde älter und immer älter, und da mein’ ich
zuweilen, der Ignaz spiele Komödie.“
„Wenn er das thut,“ entgegnete der General, „so hat er sich wenigstens
eine schöne und schwere Rolle gewählt.“
„O, nicht schwer!“ rief Tosca. Sie setzte sich zu ihrem Mann, sie nahm
seine abgemagerte Hand in ihre weichen feinen Hände, sie sah ihm mit
tiefer Innigkeit in das blasse, greisenhafte Gesicht.
„Doch! doch! mein guter Engel,“ antwortete er traurig. „Welch ein Leben
führt Ihr Beide, Du und er, seit drei Jahren. Es ist hart in Eurem
Alter Krankenpfleger sein zu müssen.“
„Für ihn vielleicht, nicht für mich, denn ich thue ja nichts weiter
für Dich, als daß ich bei Dir bin .... und auch das erlaubst Du mir ja
nicht immer.“
„Gewiß nicht!“ sagte der General eifrig; „Du mußt ausgehen, mußt mit
Menschen verkehren, mußt Dir die Welt ansehen und ihre Huldigung
und Bewunderung hinnehmen. Ja, das mußt Du! dazu bist Du geboren,
und ich bestehe vielleicht aus Egoismus darauf. Nicht als ob es
mir schmeichelte, Dich gefeiert zu wissen -- wie das so oft alten
Männern von schönen jungen Frauen geschieht -- sondern weil es Deiner
Eigenthümlichkeit zusagt, sich in bunten Kreisen zu bewegen, weil
es Dich anregt, Dich heiter stimmt, Dir Gelegenheit giebt, Deine
Liebenswürdigkeit zu entfalten; und weil der Mensch, wenn er sich auf
seinem rechten Platz fühlt, zufrieden mit sich und mit Andern ist und
Muth und Laune nicht verliert, die Du doch so sehr nöthig hast bei
Deinem alten kranken Mann. Du siehst, wie egoistisch ich bin.“
„Wie gut Du bist,“ sagte Tosca sanft. Sie weinte nicht, aber die
Thränen fielen ihr langsam und fest aus den diamantnen Augen. Der
General machte eine leise verneinende Bewegung mit dem Kopfe.
„Ich kann besser Blut sehen als Thränen,“ sprach er.
Tosca schloß einen Moment die Augen, und that sie frisch und stralend
auf. Er nickte ihr freundlich zu.
„Sag mir,“ hub er wieder an, nachdem er sich im Zimmer umgesehen, „wie
heißt der Mann, den wir aus dieser freundlichen Wohnung vertrieben
haben?“
„Regierungsrath ist er,“ antwortete sie; „die Hauswirthin nannte auch
seinen Namen, aber, wie das bei Präsentationen immer geht, ich verstand
ihn nicht.“
„Gleichviel! ich mögte doch sehr gern seine Bekanntschaft
machen. Solche Bereitwilligkeit gegen wild-fremde Menschen ist
erstaunenswerth.“
„Das dächt’ ich doch nicht,“ sagte sie gelassen.
„Lieber Engel, die meisten Leute scheuen weniger ein großes Opfer,
als eine große Unbequemlichkeit, und eine solche haben wir ihm doch
verursacht.“
„Das ist wahr!“ rief sie, „ich werd’ ihm zwei Worte schreiben.“
Sie schrieb:
„Sie müssen jetzt die Consequenzen Ihrer wundervollen Güte
hinnehmen, und meinem Mann die Gelegenheit gönnen, Ihnen seinen
herzlichen Dank auszusprechen. Es würde ihn betrüben, wenn er
Ihre Freundlichkeit nur wie ein Almosen betrachten müßte -- und
mich auch
Tosca Beiron.“
Das Billet wurde herauf geschickt, und die mündliche Antwort lautete,
der Herr werde später die Ehre haben, seinen Besuch zu machen.
Ignaz kam zurück; Blumen, Schachbretttisch, Sophapolster langten
auch an. Es wurde Alles geordnet, eingerichtet, so viel wie möglich
behaglich gemacht. Der General sagte endlich:
„Jetzt glaube ich, daß wir den Winter hier ganz leidlich verbringen
werden.“
Da gab Tosca ihre Hand an Ignaz, und sagte mit ihrem holdseligsten
Lächeln:
„Das ist hauptsächlich Ihr Werk! ich danke Ihnen.“
Ignaz küßte diese Hand, aber er drückte sie heftiger, als man bei
einem Handkuß zu thun pflegt. Der General ging in sein Zimmer; er
war angegriffen, der unruhevolle Morgen hatte ihn ermüdet. Seine
Nächte waren ohnehin fast immer schlecht; Tags schlief er zuweilen im
Lehnstuhl ein. Ignaz kniete auf Toscas Fußkissen vor ihr nieder, als
sie allein waren, und sagte:
„Sie wissen, wie ein freundliches Wort, ein holder Blick von Ihnen mich
beseligt: weshalb denn geizen Sie so unbarmherzig damit?“
„Ich geize nicht, Ignaz, ich verschwende nur nicht,“ antwortete sie
ruhig, lehnte sich im Sopha zurück und ließ ihn knien.
„Tosca!“ sagte er und schüttelte langsam und nachdenklich den
Kopf, „Sie sind schön, Sie sind geistreich, Sie sind edel, Sie sind
liebenswürdig...“
„Ja, ja, ja! ich bin vollkommen!“ unterbrach sie ihn.
„Nein,“ entgegnete er, „vollkommen sind Sie nicht.“
„Gott sei Dank!“ rief sie, „Gott sei Dank! denn vollkommne Menschen,
hab ich mir sagen lassen, würden nicht geliebt -- nur bewundert.“
„Aber warum wollen Sie geliebt werden? was liegt Ihnen an Liebe? -- Sie
lieben ja nicht wieder! Das ist Ihr einziger Fehler, Tosca, Sie haben
ein eiskaltes, ein marmornes Herz: Sie können nicht lieben.“
„O doch!“ sagte sie höchst gelassen; „ich liebe meinen Mann, und nächst
ihm -- Sie.“
Ignaz sprang auf und rief heftig: „O entweihen Sie nicht die Liebe,
indem Sie jenes dürftige Gefühlchen so nennen.“
„Dürftig wie es ist, füllt es mein Herz aus. Ich kann nicht dafür, daß
Gott es so eng und klein gemacht hat,“ entgegnete sie spöttisch.
„Tosca!“ rief Ignaz ganz außer sich, „Du lästerst! Dein Herz“ .... --
„Ich bitte mir aus, Ignaz, daß Sie mich ~Sie~ nennen,“ unterbrach ihn
Tosca, -- „nun also: mein Herz“ .... --
„O Sie haben kein Herz! ich sagte vorhin, es sei von Marmor, aber
es ist nicht wahr! Sie haben keins. Gott hat Ihnen den Stempel der
Vollendung nicht aufgedrückt, Ihnen fehlt die Glorie des Weibes.“
„So sagen alle Männer, wenn wir ihnen nicht überwunden in die Arme --
oder noch besser, zu Füßen sinken.“
„Ich zweifle nicht, gnädige Frau, daß Sie manche Erfahrungen der Art
gemacht haben!“ rief er bitter.
„Ach Ignaz,“ sagte Tosca freundlich, „ergrimmen Sie Sich doch nicht so
unnütz gegen mich, Sie wissen ja, wie ich gegen Sie gesinnt, daß ich
Ihnen von Herzen gut bin. Wir haben ja längst mit einander ausgemacht,
ich sei keiner leidenschaftlichen Liebe fähig, Sie meinen: weil ich zu
kalt und stolz sei; ich sage: weil ich zu schüchtern bin...“
„Aber Schüchternheit hindert die Liebe nicht, steigert sie wol gar! Das
schüchternste Mädchen liebt“ .... --
„Und wird dafür gekränkt und verletzt, Ignaz; dadurch verlernt man zu
lieben.“
„Sie wollen nicht lieben, Tosca!“
„Ich hab’ oft gehört und gelesen, die Liebe sei ganz unabhängig vom
Willen, und stärker als er .... und ich glaub’ es.“
„Warum?“ fragte Ignaz mißtrauisch.
„Inquisitor!“ warf sie hin. „Weil ich es mit dem Liebenwollen nie bis
zum Lieben gebracht habe,“ setzte sie hinzu.
Ignaz stand mit untergeschlagenen Armen vor ihr, fixirte sie scharf und
sagte: „Das ist mein Trost.“ Er sah recht schön aus. Schwarze Locken
legten sich dick und schwer um seine Stirn, von der sich die Nase zart
und grade herabsenkte. Die Augen traten tief unter den Augenknochen
zurück; schwarze Brauen und lange schwarze Wimpern verschatteten sie
dermaßen, daß sie wie unterirdisches Licht glänzten, wozu freilich
auch ihre Farbe beitrug; sie waren gelb und der äußerste Rand der Iris
war orangefarben. Scharf wie die Augen war auch der Mund, ganz klein,
ganz festgeschlossen, mit schmalen purpurrothen Lippen. Im Ganzen war
das Gesicht vielleicht noch frappanter, als es schön war, weil es den
Antinous und den Vampyr verschmolz. Auf Tosca schien er übrigens weder
den einen noch den andern Eindruck zu machen. Sie fing an in einem
großen Korb von indischem Rohr, zwischen Wolle, Seide, Chenille und
Stickmuster umher zu suchen, und sagte während der Zeit:
„Was wir ganz nothwendig haben müssen, das sind Reitpferde, lieber
Ignaz. Gelt, die besorgen Sie?“
„Ich wundre mich, gnädige Frau, daß Sie nicht müde werden, Ihre Befehle
einem so gleichgültigen Menschen, wie ich es Ihnen bin, zu ertheilen,“
sagte er gereizt.
„Wenn’s Ihnen zu viel wird, so lassen Sie sie unausgeführt! ich finde
wol einen andern Vollstrecker nicht meines letzten -- sondern überhaupt
meines Willens.“
Diese Worte schienen Ignaz zur Besinnung zu bringen. Sein Ausdruck
wurde sanfter, die leidenschaftliche Aufregung schien sich zu legen.
„Vergebung!“ sprach er mit schmeichelndem Ton.
„Gern, mein guter Ignaz!“ sagte sie ohne ihre arbeitsame Laune
unterbrechen zu lassen.
Er ging. Auf dem Vorsaal begegnete ihm Sigismund, der eben die Treppe
herabkam. Beide fixirten sich im Vorüberstreifen. Ignaz eilte fort.
Sigismund ließ sich bei Tosca melden. Als er dem Diener, der seinen
Namen nannte, auf dem Fuß folgte, und ohne Brille eintrat, erkannte
Tosca ihn plötzlich, erröthete heftig und sagte sehr überrascht, fast
verlegen:
„Sind ~Sie~ es?... mein Gott!“
„Ich glaube, wir sind alte Bekannte,“ entgegnete er, „und ich war schon
gestern nicht im Zweifel, wen ich die Ehre hatte zu sehen.“
„Ich erkannte Sie nicht, und wahrscheinlich deshalb nicht, weil Ihr
Auge wie ein Bild hinter Glas und Rahmen lag. Jetzt gut -- sehr gut!“
„Doch wol kaum, gnädigste Frau; ein halbes Leben liegt zwischen heut
und damals. Da verändert man sich, oft, durch und durch! Ernst tritt an
die Stelle der Heiterkeit, Zweifel an die des Vertrauens, Ueberlegung
an die der Unbesonnenheit.“
„Vielleicht ist das mehr bei Männern der Fall als bei Frauen,“
entgegnete Tosca. „Jene müssen ihre Stellung oder ihre Existenz der
Welt abringen; diesen wird sie gemacht und dargeboten. Unser Leben
ist von der Wiege bis zum Grabe recht sorglos und leicht, und daher
verändern wir uns auch wenig.“
„Es freut mich von ganzem Herzen, daß Sie Ihr Leben leicht und
sorglos nennen, gnädige Frau -- und nicht blos darum, weil es für Ihre
Zufriedenheit spricht, sondern ebensosehr, weil Sie es anerkennen.“
„Ja ja, ich weiß wol,“ sagte Tosca, „daß einige kleine Klagen über
verschwundene Illusionen und unerfüllte Wünsche und zerknickte
Hoffnungen uns sehr gut stehen; aber ich liebe es wahr zu sein, und da
mir nichts zerknickt noch untergegangen ist, so versteh ich auch nicht
graziös darüber zu lamentiren. Jetzt bin ich aber doch traurig,“ setzte
sie ernst hinzu; „mein Mann ist leidend, und rettungslos. So spricht
er selbst, so geben die Aerzte es zu verstehen. Es ist entsetzlich,
keine andre Erlösung von so großen Qualen erwarten zu dürfen, als den
Tod. Wissen Sie, was es heißt, Jemand leiden, hinsterben und sterben zu
sehen, den man liebt?“
„Ich weiß es! ich habe meinen Vater an jammervoller Krankheit verloren.“
„Ihren Vater? ... o ja, das ist beklagenswerth. Aber sehen Sie, es
ist doch noch ein andrer Schmerz. Ich habe auch meinen guten Vater
verloren, und meine geliebte angebetete Mutter...“
„Damals war ich in Bonn.“
„Ich erinnre mich,“ sagte Tosca erröthend. „Nun, ich beweinte, ich
betrauerte die Eltern, ich denke noch jetzt nie ohne Dankbarkeit für
ihr Leben und Wehmuth um ihren Tod an sie; aber wenn der Mann uns
stirbt, da fehlt uns die Erde unter den Füßen, da ist uns die Gegenwart
und die Zukunft ruinirt; die Eltern gehören nur unsrer Vergangenheit
an.“
„Die Natur hat Kräfte und Hülfsquellen, gnädige Frau, welche oft die
Aerzte selbst überraschen“ ... --
Tosca schüttelte traurig den Kopf: „Seit drei Jahren leidet er an der
Brustwassersucht; davon erholt man sich nicht! Er nicht! er ist nicht
jung mehr, er ist im sechszigsten Jahr.“
Während Tosca gesprochen, hatte Sigismund sich unwillkürlich von
dem General das Bild eines noch jungen Mannes entworfen, ihrem Alter
angemessen, leidend an irgend einem Uebel, das durch eine starke Natur
zu heben sein werde; -- aber die Brustwassersucht, aber sechszig
Jahr, aber ein kranker Greis! und für ihn solche Zärtlichkeit! das
überraschte ihn so, daß er Mißtrauen gegen sie faßte, und in diesem
Sinn sagte er:
„Tröstungen sind immer unstatthaft. Indessen gnädige Frau, sollte die
bedeutende Altersverschiedenheit zwischen Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl
Sie doch von Anfang an auf die Möglichkeit vorbereitet haben, ihn zu
verlieren.“
„Ach!“ rief sie ein wenig ungeduldig, „wer denkt an so triste
Möglichkeiten, wenn man glücklich ist? Es ist wahr! ich war 18 Jahr,
als ich ihn heirathete, und er war 48. Allein der Unterschied der Jahre
machte mir keinen andern Eindruck, als daß ich mich zuweilen zu jung
für ihn fand; er kam mir nie zu alt für mich vor. Und dann .... daß man
jung ist, ist ja kein Grund um lange zu leben.“
„Doch ist er gültiger für die Jugend als fürs Alter,“ erwiderte
Sigismund lächelnd.
„Ueber die Jugend kommen die plötzlichen, die vernichtenden Stürme,“
sagte sie. „Im Frühling fallen im Gebirg die Lawinen -- nicht im
Winter.“
Sigismund sah sie an. Jung, schön, glücklich, und so ernst? dachte er
heimlich; und weil er dachte, so schwieg er. Tosca sagte während der
Zeit:
„Mein Mann wünscht sehr Ihre Bekanntschaft zu machen. Wenn Sie diesen
Wunsch ebenso freundlich erfüllen wollen wie seinen ersten, so müssen
Sie ihn Abends besuchen; das ist seine gute Zeit. Er ist so gesellig,
so mittheilsam, interessirt sich so lebhaft für Alles, was draußen
in der Welt vorgeht, und kann jetzt nur noch durch Erzählung Anderer
daran Theil nehmen. Aber das erfrischt ihn sichtlich. Zum Glück hat
er hier manche Bekannte aus früherer Zeit, die ihm gern ein Stündchen
schenken.... -- Vergebung!“ unterbrach sie sich plötzlich und verließ
rasch das Zimmer.
Sigismund blickte ihr nach. Er fand sie eine wunderherrliche
Erscheinung, voll unsäglichem Adel, aber, dachte er noch immer
mißtrauisch, warum spricht sie so viel von ihrem Mann? Tosca kehrte
zurück.
„Vergebung,“ sagte sie, „ich hörte eine kleine Schelle, durch die mein
Mann mich zu rufen pflegt.“
Sigismund stand auf.
„Ah!“ rief sie lachend, „haben Sie es übel genommen, daß ich Sie allein
gelassen?“
„Ich muß mich wol sehr schlecht auf Pantomime verstehen, wenn Sie,
gnädige Frau, die meine so deuten,“ antwortete er und setzte sich
wieder.
Sie sprachen allerlei, über fremde Länder, Reisen, Kunst, Gesellschaft,
Schicksale. Tosca hatte Vieles gesehen, Manches gedacht, Einiges
empfunden, und -- Nichts erlebt. Sie war an Allem vorbei geglitten,
wie unter einer Taucherglocke oder wie in einem Luftballon. Erfahrung
und Menschenkenntniß hatte sie gar nicht. Welch eine himmlische
Unvollkommenheit! dachte Sigismund, und er konnte sich nicht enthalten,
ihr diese Bemerkung auszusprechen.
„Das kann wol sein,“ erwiderte Tosca. „Ich bin mit nichts und mit
Niemand in Conflict gerathen ... mein Mann denkt, sorgt, thut für
mich; wie hätte ich es da wol anfangen sollen, um klug zu werden... --
oder weltklug, wenn Sie lieber wollen,“ setzte sie mit heiterm Lächeln
hinzu.
„Ich stelle es mir als das höchste Glück des Mannes vor,“ sagte
Sigismund, „in dieser Weise neben einer Frau stehen zu können. Er
kämpft für sie den ganzen Kampf mit der Wirklichkeit, und sie freut
sich der Trophäen seiner Siege, ohne zu wissen, welche Anstrengungen
sie ihn kosten.“
„Und dann,“ sagte Tosca mit fröhlichem Spott, „wird die Frau so
prächtig bequem durch ihre Unwissenheit beherrscht.“
„Immer noch spöttisch wie sonst,“ sagte Sigismund.
Ihre Unterhaltung hätte vielleicht noch lange gewährt, wenn Ignaz nicht
gekommen wäre.
„Graf Adlercron, meines Mannes Neffe, unser treuer Gefährte seit drei
Jahren;“ sprach Tosca und nannte darauf Sigismund.
Ignaz machte ihm einen widerwärtigen Eindruck, obgleich er die
verbindlichsten Manieren hatte; sie waren nur zu verbindlich; daher
blieb auch Sigismund kalt und hoch. Er ging bald. Die Intimität
zwischen Tosca und Ignaz mißfiel ihm. Er bat nicht um Erlaubniß
wiederkommen zu dürfen, und da Tosca ihn schon einmal dazu aufgefodert
hatte, so hielt sie die Wiederholung für überflüssig.
Einige Tage vergingen, ohne daß er sich um seine Hausgenossen
bekümmerte, und nur zufällig sah er einmal Tosca und Ignaz in der
Mittagstunde spazieren reiten -- -- wie der Engel des Lichts und der
der Finsterniß! flog ihm durch den Sinn. Ein Brief, den er erhalten
hatte, mogte ihn wol in dem Entschluß bestärkt haben, sich nicht mit
diesen Menschen abzugeben.
„Lieber Sigismund,“ lautete der, „zum ersten Mal, seit Du
mir schreibst, habe ich über Deinen Brief vom Neujahrstag und
von Deinem Geburtstag keine reine Freude gehabt. Du wirst’s
nicht glauben, und noch weniger glauben, wenn ich Dir die
Ursache sage. Es war -- weil ich nicht Deine Schrift durch das
Couvert schimmern sah. Sonst, wenn ich Deine Briefe bekomme,
überfluthet mich immer eine ungeheure Freude, noch ehe ich sie
erbreche, weil ich durch das dünne Papier hindurch sehe, daß Du
nicht ein Plätzchen leer gelassen hast, auf welchem ein liebes
Wort stehen kann. Gestern erschrak ich und dachte: Jesus! er
ist krank, er schreibt mir flüchtig! -- Das war meine erste
Empfindung bei Deinem Brief! ja, stell’ Dir vor, Sigismund,
nicht Freude, sondern Bekümmerniß! -- Hernach, als ich ihn
las, verlor sich das; ach, wie sollte es nicht, wenn Du an
mich denkst, und ich an Dich? Aber es that mir doch leid, daß
der Brief so gelegt sein mußte, um mich durch sein ungewohntes
weißes Blatt zu erschrecken; und dann, daß Du mir nicht
erzählst, ob eine angenehme oder unangenehme Unterbrechung
Dich gestört hat. Aber das Alles ging unter, als ich Dein
Versprechen las, bald wieder herüber zu kommen, Sigismund
meines Herzens! Es ist doch noch nicht so gar lange her, seit
dem Weihnachtsfest; doch wenn ich daran denke, daß ich Dich
seitdem nicht gesehen habe, so kommts mir vor wie tausend Jahr.
Und wenn ichs recht bedenke, so ist mirs doch auch wieder ganz
nah, denn noch jetzt leb’ und webe ich darin, und mit Dir! und
ich höre Deine Stimme, und ich weiß jedes Wort, das Du gesagt
hast, und ich fühle Deinen Blick, und es kommt eine große
Freude über mich -- weil ich Dich so sehr liebe! -- Hör! was
Du von meinen Augen schreibst -- das machte mich glücklich,
aber ganz himmlisch glücklich. Ich lief vor den Spiegel, und
sah sie an. Ich sollt’s wol eigentlich nicht sagen, allein ich
gesteh’ es Dir doch; ja, sie kamen mir hübsch vor, sehr hübsch,
meine Augen! und wenn ich später nur erst immer und immer bei
Dir sein werde, wie sollten sie da etwas Andres auf der Welt
sehen, als Freude, Glück und Liebe? denn Du bist meine Freude,
mein Glück und meine Liebe, Sigismund, und diese Gewißheit
wird uns Beiden das Leben so verklären, daß auf der Erde unsrer
Seligkeit kein Ende sein wird; -- nicht wahr? und im Himmel da
geht sie von Neuem an. -- Ich bitte Dich, schreibe mir, wann Du
kommen wirst; dann rechne ich die Stunden, Minuten und Sekunden
bis zum Wiedersehen aus, und damit bild’ ich mir ein, vergeht
die Zeit schneller. Geliebter Sigismund, leb’ recht wohl, und
immer eingedenk Deiner Agathe.“
Er wollte Agathen und sich selbst so bald wie möglich die Freude des
Wiedersehens machen, und da er sehr beschäftigt war, jeden Augenblick
zur Arbeit verwenden, um früher frei zu werden.
Es war ein Uhr Nachts. Sigismund legte die Feder fort, um für heute
sein Tagewerk zu beschließen. Da hörte er unten beim General Beiron,
wo schon seit anderthalb Stunden Alles still gewesen war, heftig
schellen, Thüren auf und zugehen, Schritte, Stimmen, große Unruh’. In
einer Miethwohnung pflegt man sehr gleichgültig für seine Hausgenossen
zu sein, allein der Gedanke, daß der General vielleicht im Sterben
liege, erschreckte Sigismund, und noch mehr der, daß Tosca allein bei
ihm sei, denn in solchem Moment zählen Dienstboten nicht und Ignaz,
das wußte er, wohnte in British Hotel. Er ging herunter, wenigstens
um Erkundigungen einzuziehen. Die Thür zum Salon stand auf, und Toscas
Kammerfrau mitten drin, ganz verblüfft und verschlafen nach Art solcher
Leute, die in ungewohnten Vorfällen vollkommen unbrauchbar zu sein
pflegen, sobald sie nicht einen bestimmten Auftrag zu vollziehen haben.
Dienstboten verstehen im Grunde nichts, als Befehle. Sigismund fragte
nach dem Unfall. Das Mädchen antwortete im winselnden Ton. Als Tosca
reden hörte, kam sie geschwind herein; sie glaubte, es sei der Arzt.
Sigismund gewahrend versuchte sie zu lächeln und sagte:
„Es ist ein erstickender Anfall, Schlagfluß ... ich weiß auch nicht
was! aber ich ängstige mich!... Wir haben Sie wol gestört?“ -- Und
ohne seine Antwort zu erwarten, ging sie zurück. Sie schien seine
Gegenwart, seine Theilnahme ganz natürlich zu finden, und sie doch
nicht im Geringsten auf sich selbst zu beziehen. Das Kammermädchen fuhr
sehr gesprächig, aber in leiserem Ton fort, ihm von dem Befinden des
Generals Bericht zu erstatten, und wie die gnädige Frau oft drei bis
viermal Nachts aufstehe, um zu sehen, wie es ihm gehe, und wie der Herr
General sie nie anders nenne als Engel -- was sie denn auch wirklich
sei, und sich den Himmel an ihm verdiene. Er hörte ihr aufmerksam zu.
Ach, er kannte die Welt so lange und so tief, daß es ihm schwer ward an
den Engel zu glauben, daß er das große Vermögen des Generals und seinen
schönen Neffen immer im Hintergrund von Toscas Zärtlichkeit für ihren
alten Gemahl gewahrte. Wenn er sie sah, verschwand dies Mißtrauen; aber
wenn er nur ihre Verhältnisse überdachte, stieg es auf.
Der Arzt kam und ging zum Kranken. Sigismund blieb, um dessen Ausspruch
zu erwarten. Da trat Tosca ein, sagte zur Kammerfrau:
„Machen Sie mir Thee;“ und dann hastig zu Sigismund:
„Gut! o gut, daß Sie da sind! nicht wahr, Sie sind Jurist, da können
Sie ein Testament machen.“
„Mein eignes nur, gnädige Frau,“ entgegnete er fast verächtlich.
„Also nicht das meine?“ fragte sie traurig.
„Das Ihre!“ rief er überrascht; „aber dies ist ja gar nicht der Moment,
um an das ~Ihre~ zu denken.“
„Sie meinen, an das meines Mannes,“ sagte sie und die Thränen rollten
ihr langsam aus den Augen; „das ist längst gemacht, und ich weiß
auch wie: ich bin seine alleinige Erbin. Aber eben darum will ich das
meinige machen, oder vielmehr eine Donation“ .... --
„Eine Donation?“ rief er noch überraschter.
„Ja, des ganzen Vermögens, an Graf Ignaz.“
„Ah so!“ sagte Sigismund wieder abgekühlt.
„Denn sonst giebt es einen entsetzlichen Prozeß gegen mich von Seiten
der Adlercronschen Familie, spricht Ignaz“ -- fuhr sie fort und weinte
heftiger -- „und Sie sehen doch wol ein, daß ich mich nicht am Todbette
und über dem Grabe meines Mannes um sein Vermögen mit seinen Verwandten
zanken werde.“
„Und deshalb wollen Sie das ganze Vermögen an Graf Adlercron abtreten?“
fragte Sigismund mit dem höchsten Erstaunen.
„Ja,“ sagte sie; „er wird dann Alles arrangiren, denn er versteht es,
und ich nicht.“
„Eben deshalb,“ rief Sigismund lebhaft und bewegt, „dürfen Sie nicht
-- verzeihen Sie das Wort! so unerhört unbedachtsam zu Werke gehen. Sie
geben sich ja ganz in Graf Adlercrons Hände.“
„Nun ja! irgend Jemand muß meine Geschäfte führen; weshalb nicht er,
der die Verhältnisse kennt?“
„Ich zweifle ja auf keine Weise an Graf Adlercrons Ergebenheit für Sie,
noch an seiner Geschicklichkeit; -- aber ist er selbständig, unabhängig
genug, um nicht einen fremden Vortheil -- ich sage nicht seinen eigenen
-- dem Ihren vorzuziehen?“
„Er ist ganz unbemittelt,“ sprach Tosca nachdenklich, „und er hat eine
Mutter und eilf Geschwister.“
Sigismund taumelte fast zurück, dann sagte er dringend und ernst:
„Gnädige Frau, ich beschwöre Sie, in dieser Angelegenheit nicht
mit allzu blindem Vertrauen zu Werke zu gehen. Hören Sie Rath und
Vorschläge von Männern an, welche die Verhältnisse verstehen und auf
keine Weise dabei betheiligt sind“ ... --
„Ich kenne Niemand als Sie,“ unterbrach sie ihn.
„Geben Sie mir Ihr Wort, vor der Hand nichts zu thun, und Sich zu
nichts drängen zu lassen“ ... --
„Aber warum soll ich nichts thun?“
„Weil Sie noch nicht an dem Zustand Ihres Herrn Gemahls verzweifeln
dürfen!“ rief er.
Indem trat der Arzt ein und sprach:
„Beruhigen Sie Sich, gnädige Frau! es ist ein vorübergehender Anfall,
vielleicht eine geringe Erkältung gewesen. Sie haben nichts zu
fürchten.“
Tosca dankte dem Arzt. Dann warf sie ein stralendes Lächeln auf
Sigismund und sagte:
„Glücksprophet!“ und ging zu ihrem Mann.
Sigismund eilte auf sein Zimmer. Er warf sich in einen Lehnstuhl und
den Kopf in die Hand. Aber sie wird ja ruinirt, dachte er, wenn sie
in ihrer blinden Großmuth oder großmüthigen Uneigennützigkeit solche
Thorheit begeht. Jenem Menschen, mit seinem affablen Lächeln, seinen
glatten Worten und seinen stechenden Augen, der unbemittelt ist, und
eilf Geschwister hat -- und der, das ist ganz klar, sie zu diesem
Schritt zu bewegen sucht -- dem traue ich nicht! -- Er nahm sich
vor, Tosca zu bewachen, und Graf Adlercron zu beobachten. Ihm schien,
als könne er dadurch einem großen Unrecht vorbeugen, heimliche Plane
zerstören, welche eine arme, unbefangene Frau wie ein geschicktes Netz
umgarnten. Er bat ihr heimlich den ungerechten Verdacht ab, den er
gegen sie gehegt. Es freute ihn in der Seele, daß ihre prächtig edle
Wesenheit ihre prächtig edle Erscheinung bedinge, daß ihr Herz so rein
sei wie ihre Stirn, so hell wie ihr Lächeln, so hoch wie ihr Auge; daß
ihre Seele ihrer Schönheit Wort halte. Er war innerlichst befriedigt,
als habe er ein Kleinod, das er verloren geglaubt, überraschend
wiedergefunden. Die Welt ist dermaßen in egoistischen Bestrebungen
begraben, daß uns nichts so rührt, als die Uneigennützigkeit, die
Absichtslosigkeit, welcher Art sie auch sei -- wohlverstanden,
~wenn~ sie uns rührt; denn Viele betrachten den Eigennutz als eine
Schutzwaffe, um nicht düpirt zu werden, und den, der ihn verschmäht,
als einen Einfaltspinsel.
Gegen vier Uhr Morgens ging Sigismund wieder herunter, und fragte einen
der Bedienten, wie es gehe. Der General war besser; Tosca hatte ihn
eben verlassen, um die gestörte Ruhe zu suchen, und ganz beruhigt that
Sigismund es auch.
Als Ignaz am andern Morgen wie gewöhnlich kam und durch den General
den nächtlichen Unfall erfuhr, gerieth er in die heftigste Aufregung,
beklagte sich über Vernachlässigung, über Vorenthaltung seines Rechts,
in solchem wichtigen Moment nicht gerufen worden zu sein, so daß sein
Onkel gar nicht wußte, wie ihn trösten und beruhigen. Ignaz verharrte
in seiner Verzweiflung, und ging tief gekränkt zu Tosca.
„Mein Gott,“ sagte sie, nachdem er bitter geklagt, „ich dachte nur an
meinen Mann, bis der Doctor kam, und als der ging, war ja fernere Sorge
unnütz; wozu sollt’ ich Sie da noch rufen lassen?“
„Sie wissen, Tosca, daß ich jeden Augenblick der Sorge mit Ihnen
theilen, und dadurch Ihnen erleichtern mögte, und es ist grausam von
Ihnen, mir diese Befriedigung zu mißgönnen,“ sagte er heftig.
„_Beau cousin_,“ antwortete sie gleichmüthig, „die Theilnahme
der Freunde ist sehr wohlthätig, so lange sie nicht in Zwang und
Zudringlichkeit ausartet.“
„Das ist die Entschuldigung der Undankbarkeit!“ rief Ignaz immer
heftiger.
Sigismund kam in dem Augenblick die Treppe herab, um auszugehen. Er
hörte die heftige Stimme im Salon; sein geheimer Groll gegen Ignaz, dem
er sie zuschrieb, erwachte; er wünschte ihn zu stören, und fragte den
im Vorsaal sitzenden Diener, ob er die Frau Generalin sprechen könne.
Der öffnete sogleich die Thür, und als Sigismund eintrat, rief ihm
Tosca freudig entgegen:
„Es geht gut, recht gut! aber sagen Sie mir, welcher gute Geist Sie
über Nacht herführte?“
Ignaz fuhr zusammen. Er war so überrascht, daß er vergaß sein Gesicht
zu beherrschen, und daß aus seiner verbindlichen Miene ein Blick, wie
ein plötzlich gezückter Dolch auf Sigismund flog. Der beachtete ihn
nicht, sondern gab an Tosca die begehrte Antwort, und bat um Erlaubniß,
am Abend wiederkommen zu dürfen.
„Das haben wir längst gewünscht,“ sprach sie, und Sigismund ging gleich
darauf.
Kaum war er fort, so brach bei Ignaz ein wahrer Sturm aus. Vorwürfe,
Bitten, Warnungen, Bestürmungen jagten einander. Tosca zuckte stumm die
Achseln. Endlich rief sie:
„Mit welchem Recht sagen Sie mir eigentlich all diese Impertinenzen!
ich bin wahrlich recht gütig, daß ich Ihnen nicht die Thür weise, und
meine Liebe für meinen Mann muß sehr groß sein, um die Insolenz seines
Neffen ertragen zu lassen.“
„Insolenz!“ rief Ignaz, und fiel wie geknickt in einen Stuhl. „Sie
nennen Insolenz, wenn mir das Herz bricht, weil ich sehe, daß Sie einem
wildfremden Manne Bevorzugungen gestatten, die Sie mir versagen.“
Tosca lachte hell auf: „Sie werden wahrhaft ergötzlich, armer Ignaz!
Wären Sie vorhin nicht in Wuth gewesen, hätten Sie dem ‚wildfremden
Mann,’ wie Sie ihn nennen, zugehört, so würden Sie jetzt wissen, wie
es mit diesen Bevorzugungen zusammenhängt -- ein Wort,“ setzte sie
sehr ernst hinzu, „das übrigens mir gegenüber in Ihrem Munde höchst
unstatthaft ist.“
„Nun zürnen Sie mir wol gar?“ .... rief Ignaz.
„Nein!“ unterbrach sie ihn; „Sie verstehen nur nicht die Verhältnisse
-- wenigstens nicht mich. Sie scheinen immer von geheimer Angst bewegt“
.... --
„Ich? von Angst? und von geheimer?“ rief Ignaz erschrocken; „ich habe
kein Geheimniß vor Ihnen! mein Herz liegt vor Ihren Blicken da. Ich
liebe Sie. Mein Leben, meine Zukunft .... die Zukunft meines Herzens --
hängt von Ihnen ab.“ .... --
„O Ignaz! wie können Sie ~so~ zu mir sprechen?“ rief Tosca mit stolzem
Unwillen. „Der beste, edelste Mann lebt, lebt in langer herber Qual;
ich stehe an seinem Krankenbett mit den Gefühlen, die ich stets für
ihn gehabt habe und die Sie kennen; Sie stehen ihm zur Seite als Sohn,
mir als Freund, uns Beiden als Stütze; und Sie sprechen ~so~ zu mir! O
schämen Sie Sich, Ignaz! das ist nicht recht!“
Sie stand auf, um den Salon zu verlassen. Er wollte sie zurückhalten,
an der Hand, am Kleide; sie machte eine abwehrende Bewegung, und
ging in ihr Zimmer. Ignaz blieb zurück, und in tiefen Gedanken. Ihm
wurde diese Existenz neben einem kranken alten Mann und einer schönen
unbeugsamen Frau nach grade unerträglich. Er lechzte nach Erlösung,
nach Freiheit; aber er mußte nun schon in seiner Stellung verharren, um
zu seinem Zweck zu kommen.
Als der General Beiron zehn Jahr nach dem Tode seiner ersten
Frau die achtzehnjährige Tosca heirathete, war dieser Schritt ein
Todesstoß für die Hoffnung seiner Schwester, der verwittweten Gräfin
Adlercron. Sie hatte sich in diesen zehn Jahren daran gewöhnt,
sein glänzendes Vermögen als die Erbschaft ihrer zwölf unversorgten
Kinder zu betrachten; sie war ihrem Bruder oft lästig gefallen durch
die Ansprüche, die sie an seine Gegenwart und Zukunft machte; sie
betrachtete es als seine Pflicht, daß er gutmache an ihren Kindern,
was der verschwenderische Graf Adlercron gegen sie gefehlt. Aber
solche Ansprüche sind unerträglich! Die Familien sollten es sich doch
endlich merken, daß das, was ein Onkel, ein Großvater für sie thut,
von ihnen nicht als eine Pflicht -- sondern als großmüthiger freier
Wille betrachtet werden muß, sobald ihnen daran gelegen ist, den Geber
nicht zu verstimmen oder gar zu erbittern. Kein Mensch läßt es sich
gern gefallen, bei seinen nächsten Anverwandten für einen Ziehbrunnen
des Glücks zu gelten, aus welchem zu schöpfen jedem Neffen, jeder
Nichte, jedem Enkel frei steht. In ihrer Habgier und Unersättlichkeit
vergessen diese die menschliche Schwäche zu schonen, die für ihre
Güte und Wohlthätigkeit Dank -- oder mindestens Anerkennung, wenn
nicht öffentlich begehrt, doch heimlich wünscht. General Beiron fand
die Ansprüche seiner Schwester mit Recht eben so lächerlich, als
unaushaltbar. Er war ein schöner stattlicher Mann; er hatte eine so
glückliche Stellung in der Welt und einen solchen Ruf von Tüchtigkeit,
daß er wol glaubte, mit diesen Eigenschaften noch gefallen, und in
der Ehe glücklich werden zu können. Auf einer Reise in der Schweiz
traf er ganz absichtslos mit seinem Namensvetter, Toscas Vater, und
mit ihr selbst zusammen, und die Folge davon war seine Heirath. Gräfin
Adlercron machte ihm Szenen, überhäufte ihn mit Vorwürfen; das hätte er
vielleicht ihrer mütterlichen Zärtlichkeit vergeben. Allein sie vergaß
sich so weit, Tosca eine raffinirte Kokette zu nennen; und das vergab
er ihr nicht. Die Geschwister sahen sich von dem Augenblick an nicht
mehr. Der General gab der Gräfin nach wie vor das Jahrgeld, welches
sie dringend für die Erziehung ihrer Kinder bedurfte. Sie nahm es,
weil sie es nicht entbehren konnte, allein sie nahm es mit Groll, und
der Haß gegen ihre Schwägerin wuchs dadurch, denn sie hätte ihr gern
einen bösen Einfluß hinsichtlich ihrer auf den General zugeschrieben,
und sie konnte es nicht. Schuld und Fehler bei einem Feinde zu finden,
erleichtert das Herz, das sich dem Haß hingegeben hat, weil es sich
dadurch gleichsam in seinem Recht fühlt; das Gegentheil beschwert es.
Tosca versuchte es, ihren Mann milder gegen seine Schwester zu stimmen,
um ihn allendlich mit ihr zu versöhnen. Mit wundervoller Festigkeit
widerstand er ihr. Er kannte die Charaktere beider Frauen, und daher
wußte er, daß eine wirkliche Annäherung zwischen ihnen unmöglich -- und
eine scheinbare für Tosca auf eine oder die andere Weise nachtheilig
oder schmerzlich sein würde; und seiner Frau galten seine ersten, seine
höchsten Rücksichten. Er liebte sie mit tiefer Zärtlichkeit, so wie in
der Ehe der Mann das Weib lieben muß, mit dem stets wachen Bewußtsein,
ihr Schutz und Schirm gewähren, ihr Halt und Stütze sein zu müssen.
Er ließ sich nicht von ihrer Schönheit blenden, und durch ihre Anmuth
gängeln. Er wußte wohl, daß das Glück einer Frau nicht darin besteht,
daß der Mann zu jeder Laune, jedem Wunsch, jedem Einfall Ja spreche;
sondern wie er Ja oder Nein spricht -- darin liegt ihr Glück. Eine
Frau, welche nie ein brutales Nein! nie ein verdrießliches Ja! gehört
hat, ist selig zu preisen. Ich weiß aber nicht, ob es eine solche
giebt.
Das fühlte Tosca, und mit jener tiefen Dankbarkeit, die jedes
unverdorbene Frauenherz für den Mann empfindet, der ihm die
Abhängigkeit leicht macht. Er hatte Alles, was das Vertrauen einer Frau
weckt: Sicherheit, Erfahrung, Verstand, ernste Gesinnung. Wo inniges
Vertrauen, ist Liebe nicht fern; -- ich meine die beglückende Liebe,
nicht die Leidenschaft mit ihren Qualen und Entzückungen. Tosca liebte
ihren Mann, und nur ihn. Die kleine, flüchtige, fast noch kindische
und dennoch unvergeßliche Begegnung mit Sigismund Forster hatte ihrem
stolzen, zarten Herzen eine Wunde gemacht, dessen Narbe ihr kein
Schmerz, aber eine beständige Erinnerung war. Sie hatte Scheu vor den
Männern; nicht in der Gesellschaft, da war sie ihrer Ueberlegenheit
und Herrschaft gewiß; aber mit ihren Gefühlen einem Mann gegenüber.
Um nicht verletzt zu werden, hielt sie sich immer hoch und fern. Das
entsprang nicht sowohl aus Räsonnement, als aus ihrer Natur, die nicht
in Glut aufloderte, nicht in wehenden Flammen stand, wol aber tiefen
Feuers fähig war. Sie galt für kalt, für übermüthig, für wegwerfend:
es war ihr gleichgültig, denn ihr Mann liebte sie und sie fühlte sich
glücklich. Durch ihre Unbefangenheit, ihre Frische, vielleicht auch
durch ihre prächtige Schönheit, gefiel sie allgemein und überall; auch
das war ihr gleichgültig -- nämlich so, wie es einer Frau gleichgültig
sein kann: sie nahm Huldigung und Bewunderung sehr gelassen hin, allein
sie würde sich doch ein wenig verwundert haben, wenn sie ausgeblieben
wären.
Acht Jahr vergingen ihr in den glücklichsten Verhältnissen. Daß
ihre Ehe kinderlos war, störte nicht das gute Vernehmen. Durch alle
Liebenswürdigkeit, die ihr zu Gebote stand, bat Tosca um Vergebung
für diesen Fehler, der von manchen Männern so streng gerügt wird;
und der General liebte in Tosca die Frau, die er hatte, und das Kind,
das ihm fehlte. Eine heftige Erkältung bei einem Manoeuvre zog ihm da
die Krankheit zu, von der er nicht wieder genas, obgleich er seinen
Abschied nahm, und in Bädern, bei berühmten Aerzten, in besserem Clima
die Genesung suchte.
Als Gräfin Adlercron von der Krankheit ihres Bruders hörte,
durchblitzte sie dämonische Freude und dämonischer Schreck. Freude:
wenn der General starb und die kinderlose Frau zurückließ, so war die
Möglichkeit wieder da, durch Prozeß, oder List, oder Schmeichelei,
gleichviel wie! das Vermögen an ihre Familie bringen zu können.
Schreck: ~bis jetzt~ war die Ehe kinderlos gewesen; gegen die Wittwe
ihres Bruders waren Machinationen zu versuchen, aber nicht gegen die
Mutter seiner Kinder! wie, wenn Tosca das wüßte? Um jeden Preis mußte
einem solchen Ereigniß vorgebeugt werden. Sie kannte Tosca nicht, und
sie hielt sie gemeiner Gesinnung und niedriger Handlung fähig.
Ignaz, der älteste Sohn der Gräfin Adlercron, war damals dreiundzwanzig
Jahr alt. Sie hatte ihren Kindern die ~äußere~ Erziehung geben lassen,
welche man in der Gesellschaft in einem gewissen Stande begehrt: jene
oberflächliche Politur von Kenntnissen und Talenten, welche mit der
wahren Bildung so wenig Aehnlichkeit hat, als Theaterdekoration mit der
Gebirgsnatur. Für die ~innere~ Erziehung hatte sie nur eine Lehre: der
Name Adlercron berechtige sie zu den höchsten Ansprüchen, und um diese
in der Welt geltend zu machen, sei vor Allem Glanz nothwendig, Glanz
der Stellung, des Vermögens, des Ranges -- und besonders des Namens,
damit kein andrer dem Adlercron’schen gleichkomme. Nach diesem Prinzip
verheirathete sie auch ihre Töchter, die zu sehr vom mütterlichen
Einfluß beherrscht waren, um nicht gern und ganz die Ansichten der
Mutter zu theilen. Sie war schlau und intrigant, die Mädchen waren sehr
hübsch. So wie eine von ihnen erwachsen war, wußte sie eine Partie
zu finden. Die Aelteste war mit einem Mann verheirathet, der dem
Blödsinn so nahe war, wie es möglich ist, ohne unter Curatel gestellt
zu werden; aber Graf und von kolossalem Vermögen. Die Zweite, mit einem
Taugenichts, Spieler und Verschwender, dessen uralter gräflicher,
mit fürstlichen Familien verwandter Name, der Gräfin Bürgschaft für
das Glück ihres funfzehnjährigen Kindes gab. Die Dritte, mit einem
gichtbrüchigen Greise von einigen sechszig Jahren, bei dem der Graf und
viele Orden den Mangel an Jugend, Vermögen, Geist und Liebenswürdigkeit
ersetzen sollten. Die Vierte hatte so eben nicht blos eine Partie,
sondern wirklich eine gute Heirath gemacht; denn ihr Mann war nicht
blos Graf, er war auch ein tüchtiger, wohlhabender, junger Mann. Gräfin
Adlercron triumphirte. Doch jetzt blieben ihr noch zwei Töchter, und
leider! leider! ebenso häßlich, als die vier ersten schön. Für deren
Versorgung und für die Carriere ihrer sechs Söhne, von denen die
meisten noch Kinder waren, zitterte sie. Sie überredete sich, daß
sie ein Unrecht gegen ihre Kinder begehe, wenn sie nicht um jeden
Preis das Vermögen des General Beiron ihnen zuzuwenden suche. Ignaz
war ihr Liebling. Bei ihm sah sie ihre Prinzipien in Blüthe stehen;
ihre Töchter hatten sie nur passiv annehmen und befolgen können; der
Sohn, der schöne, gewandte, kluge Sohn, konnte freier und umsichtiger
nach ihnen handeln. Eine Mutter muß es bereits zu einer so bodenlosen
Verderbtheit gebracht haben, wie sie nur ausnahmsweise getroffen wird
-- um ihrem Kinde gradezu eine Infamie anzurathen. Das that Gräfin
Adlercron auch keineswegs. Aber sie hatte ihre Kinder in dem Gefühl
auferzogen, daß der Onkel ihnen bitteres Unrecht durch seine zweite
Heirath zugefügt, und daß seine Frau eine kokette Intrigante sei,
welche seine Schwäche benutze, um ihn unglücklich, und sich selbst
reich zu machen. Sie stellte ihrem Sohn vor, jetzt sei der Augenblick
gekommen, um dem bösen Einfluß dieser listigen Frau durch seinen guten
das Gegengewicht zu halten. Was er thue, geschähe zum Besten seiner
Familie, und daher müsse er durchaus bei dem General erst Eingang,
dann Einfluß gewinnen, und ihn benutzen, um die unerhörten Ansprüche
der Frau zu unterdrücken. Ignaz verstand die halben Worte. Wie sich
Männer nach einer Laufbahn sehnen, welche ihrem Ehrgeiz entspricht,
oder Frauen nach einem Kreise, in welchem ihr Herz Befriedigung
findet: so sehnte sich Ignaz nach einem Verhältniß, um sein Talent
für die Intrigue zu üben, und mittelst derselben zu seinem Ziel, dem
größtmöglichen Glanz in der Welt, zu gelangen. Er hatte, wie alle
Leute, die unter jeder Bedingung entschlossen sind, ihre Zwecke zu
erreichen, gar keine bestimmte Ansichten, und dafür die geschmeidigste
Fügsamkeit in die fremden, von denen er sich Vortheil versprach. Er
suchte alle Menschen für sich zu gewinnen, weil er nicht wußte, ob
er sie nicht würde benutzen können; da er aber alle Menschen, die
nicht Adlercron hießen, heimlich in unermeßliche Tiefen unter sich
stellte: so rächte er sich durch inneren Haß für die äußere Artigkeit
und Verbindlichkeit, mit welchen er sie aus Grundsatz behandelte.
Er lechzte danach, aus seiner untergeordneten Stellung, in welche
ihn die Welt wegen seines Mangels an Vermögen wies, in eine andre
zu kommen, die seinem Hochmuth entsprach. Er lechzte danach, seiner
wahren Gesinnung gemäß mit den Menschen umgehen zu dürfen, und sich
unabhängig von ihnen zu fühlen. Darum lechzte er nach Geld. Nichts
konnte ihm willkommner sein, als der Vorschlag seiner Mutter; und da
der Mensch vor nichts eine so hohe Achtung hat, als vor unegoistischen
Handlungen, so suchte Ignaz die seine zu heben und zu adeln, indem er
sich bemühte, den Blick hauptsächlich auf der Zukunft seiner Familie
ruhen zu lassen. Wer mit sich selbst heuchelt, wird es auch leicht
mit Andern thun. Er kannte seinen Onkel und dessen Frau nur aus den
Beschreibungen seiner Mutter, und obgleich er eine hohe Meinung von
deren Welt- und Menschenkenntniß hegte, so war er doch klug genug, um
zu wissen, daß nichts so einseitig ist, als die Parteilichkeit einer
leidenschaftlichen Frau. Er beschloß, vorsichtig und aufmerksam, mit so
geringen Vorurtheilen, wie möglich, das Terrain kennen zu lernen.
Er ging nach Dresden, wo der General sich damals in ärztlicher
Behandlung befand. Schüchtern betrat er dessen Haus; schüchtern wandte
er sich an Tosca, mit der Bitte, seinen Onkel sehen zu dürfen. Frauen
lieben es, zu protegiren -- dachte er. Es fiel ihr nicht ein, ihm
Protection angedeihen zu lassen, und er brauchte sie nicht bei dem
General. Der empfing ihn mit offenen Armen! Der pflegte die Menschen
danach zu würdigen, was sie werth waren, und nicht woher sie stammten,
und daher übertrug er seine Abneigung gegen Gräfin Adlercron nicht auf
deren Sohn. Im Gegentheil! es gefiel ihm ungemein, daß der junge Mann
ihn grade jetzt aufsuchte, jetzt, wo er krank und außer Dienst, und
folglich nicht im Stande war, ihm irgend welche Wege zu öffnen oder
zu ebnen. Ignaz wußte sich ihm erst angenehm, dann nützlich, endlich
unentbehrlich zu machen. Der General behandelte ihn wie einen Sohn,
und übertrug ihm seine Geldgeschäfte, die Führung seines Hauses, die
Anordnungen seiner Reisen -- lauter Dinge, von denen Tosca nichts
verstand, die der General bis daher immer in Händen gehabt hatte,
und mit denen er höchst ungern seine Frau belästigt haben würde. Es
war ihm eine Wonne, sie jeder Sorge und Beschwerde der materiellen
Existenz zu überheben. Sie war es nicht anders gewohnt. Sie fand es
natürlich, daß die Last des Lebens auf den Schultern des Mannes liege;
sie betrachtete Ignaz als zu ihnen gehörig, und so war seine Stellung
ganz in der Ordnung. Sie sah nur durch die Augen ihres Mannes die
Menschen an, und der General, durch seine Krankheit abhängig, auf
seine nächste Umgebung angewiesen, dankbar, wie eine edle Natur es
immer für Theilnahme und Wohlwollen ist -- der General betrachtete
Ignaz nicht mit dem unbefangenen Blick, den er noch vor einem Jahr
für ihn gehabt haben würde. Ignaz staunte selbst, als er sich nach
einigen Wochen so leicht, so ganz mühelos auf dem Platz sah, den er
so schwer zu erkämpfen gewähnt: er war der Sohn des Hauses, und mit
fast unumschränkter Gewalt bekleidet. Nichts geschah ohne seinen
Rath, nichts unterblieb ohne seine Genehmigung. Er war Freund und
Vertrauter. Einen Augenblick fiel ihm ein, ob er nicht auch Liebhaber
werden könne; ob Toscas Herz, und mit demselben Hand und Vermögen
dereinst, nicht zu gewinnen sein dürften, so daß ihr beiderseitiges
Interesse zu verschmelzen wäre. Aber Männer wie Ignaz lieben nicht,
können nicht lieben; der Egoismus hat ihr Herz dermaßen ausgedorrt
und verschrumpft, daß es der Expansion der Liebe nicht fähig ist.
Ihr Interesse für Frauen ist von der allerinferiörsten Art! entweder
suchen sie in einem Verhältniß zu ihnen Befriedigung ihrer Eitelkeit,
oder es ist eine Bedingung ihrer animalischen Existenz. Hätte Ignaz
bei Tosca einen Nebenbuhler gefunden, und ihn zu überwinden gehabt:
so hätte das seine Eitelkeit heftig aufgestachelt und ihr einen hohen
Reiz verliehen. Jetzt aber hatte sie keinen Zauber für ihn! ihre reine
hohe Natur verstand er nicht, und ihre wundervolle Schönheit ließ ihn
höchst gleichgültig, weil er immer in geheime Intriguen verwickelt
war. Sein einziges Bestreben bei Tosca ging dahin -- von ihr geliebt
zu werden, nicht um sie wieder zu lieben, oder um sich von ihr beleben
und durchstralen zu lassen, nicht um sie zu besitzen, blos um sie zu
beherrschen. Mit der Herrschaft gelang es ihm; mit der Liebe nicht.
Frauen wie Tosca, die sich schroff und stolz den Männern gegenüber
stellen, weil sie scheu und mißtrauisch, entweder von Natur oder durch
Erfahrung den Contact mit ihnen fürchten, sind, sobald sie einmal
Vertrauen und Zuversicht zu einem Mann gefaßt haben, leichter zu
beherrschen, als Kinder. Sie sind so erfreut, so glücklich endlich!
endlich einmal einer Kraft ohne Mißbrauch zu begegnen, daß sie sich
ihr alsdann blindlings ergeben. Tosca fand Ignaz so bewundernswerth,
opferwillig, besonnen und stark, daß sie mit einer Art von Andacht zu
ihm emporsah; aber bis zur Liebe brachte sie es nicht. Sie sah ihn in
der größten Intimität, zu jeder Stunde, auf Reisen; er stellte sich
ihr immer mit einer glühenden Adoration dar; er wußte allmälig die
Sache so herauszustellen, daß er Alles, was er für den General that,
ihretwegen zu thun schien; das rührte sie zum innigsten Dank, zur Liebe
nicht. Ignaz hätte jedes Opfer von ihr begehren dürfen, und sie hätte
es ihm gebracht, ohne sich zu besinnen; nur aber nicht die geringste
Gunst, welche die Liebe gewährt: Er hatte Anfälle von Melancholie,
von Trostlosigkeit, gar von Verzweiflung -- Alles, wie er glaubte es
nöthig zu haben, um eine beabsichtigte Wirkung hervorzubringen -- sie
lächelte, oder tröstete, oder scherzte die bösen Anfälle fort. Er hatte
sich nicht gescheut, sich als zerfallen mit seiner Mutter darzustellen,
weil sie den Plan habe, nach des Generals Tode mit Tosca um dessen
Erbschaft zu prozessiren -- was er nicht billigen könne. Tosca fragte
ihn, ob denn dieser Prozeß nicht durch einen Vergleich, oder durch
Theilung des Vermögens vermieden werden könne. Mit unendlicher Vorsicht
wußte er ihr allmälig einleuchtend zu machen, sobald er, wenn auch
nur nominel, in Besitz der Erbschaft sei, so werde seine Mutter ganz
natürlich gegen ihn, ihren ältesten und geliebtesten Sohn, keine
Schritte thun; und Tosca dürfe wol überzeugt sein, daß und wie er
in so kritischen Verhältnissen ihr Interesse wahrnehmen werde, da
sie ja längst wisse und sehe, daß er ihr gegenüber ein persönliches
völlig aufgegeben habe, und nichts beabsichtige, als ihre Ruhe und
ihr Glück. Sie sah das auch wirklich. Weder sie noch ihr Mann brachten
es in Anschlag, daß Ignaz bei ihnen so unabhängig, und in geselliger
Beziehung so angenehm lebe, wie nur irgendwo. Wohin der General kam --
überall hatte er Freunde oder Bekannte; überall öffnete sich für Tosca
ein ihr entsprechender socialer Kreis, und da er für sie Zerstreuung
und Erheiterung liebte, so trat sie in jene Kreise, und Ignaz mit ihr.
Ignaz war nicht ans Krankenzimmer gefesselt, nicht einmal ans Haus des
Generals; zuweilen wohnte er mit ihm zusammen, dann auch wieder nicht
-- wie nun eben die Localität es mit sich brachte. Der General hatte
ihm mit liebenswürdiger Güte gesagt:
„Du mußt Freiheit haben, zu kommen und zu gehen, Du mußt Luft und
Athem schöpfen, und Deine eignen Allüren haben dürfen, Ignaz, und die
sind bei einem jungen Mann anders, als bei einem alten und kranken. Du
würdest immer auf mich Rücksicht nehmen, wenn Du bei mir wohntest, also
richte Dich ein, wo und wie es Dir gefällt.“
Dafür allerdings hatte Ignaz die größten Aufmerksamkeiten für den
General, und war bei ihm stets von bewundernswerth heitrer Laune -- was
Tosca ihm als ein großes Zeichen von Selbstüberwindung anrechnete, weil
er bei ihr oft schwermüthig und niedergeschlagen war -- während er doch
durch beide Stimmungen wie ein Schauspieler durch seine Rollen ging.
Wie die Dinge jetzt standen, so war ihr künftiges Schicksal in seiner
Hand -- doch ihr Herz nicht.
Der Zustand des Generals währte nun schon drei Jahr. Auf eine so
lange Zeit war Ignaz nicht vorbereitet gewesen; er fand, daß der Onkel
entsetzlich lange lebe. Aber er durfte ihn doch nicht verlassen, weil
jeder Augenblick sein letzter sein konnte. Den Aufenthalt in Berlin
wollte er benutzen, um Tosca den Schritt thun zu lassen, der ihm die
Erbschaft in die Hände gab. „Hab’ ich sie,“ sprach er zu sich selbst,
„so geb’ ich ~ihr~ eine Pension, und mache dann mit meinem Namen und
meinem Vermögen eine ganz ungeheuer reiche und glänzende Heirath.“
-- Er fing an, ungeduldig zu werden, und sehnsüchtig in die Zukunft
zu schauen; daher langweilte ihn die Gegenwart, und aus Langerweile
dachte er: „In diesem tristen nordischen Nest würde es meine allzu
einfarbigen Verhältnisse doch ein klein wenig pikant machen, wenn ich
~sie~ dahin brächte, sich in mich zu verlieben.“ An jenem Morgen, als
sie ihn unwillig verließ, dachte er: „Sacristi! die Weiber! nie ist man
mit ihnen sicher, nie! jahrelang kann man sich abgemüht haben, um sie
auf einen Punkt hinzubringen; eine Laune kommt über sie, und siehe da!
als wär’s ein Kartenhaus, so plötzlich, so leicht, werfen sie unsern
kunstvollen, wohlstudirten und überlegten Bau über den Haufen. Ich
hasse die Weiber, sobald sie etwas Andres sind, als mein Spielwerk!
ich hasse ihre instinktmäßige Schlauheit, gegen welche wir mit unsrer
feinsten List nichts ausrichten. Dumme Weiber -- das sind göttliche
Geschöpfe! denn für Liebesintriguen haben auch noch die dümmsten
Verstand genug, und über ~die~ brauchen sie nicht hinauszugehen.
Sacristi! diese hochfahrende Tosca! es ist gar kein Weib! sie hat kein
Herz, keine Seele ... ah bah! Herz? Seele? bah! sie hat kein Blut,
keine Sinne! Dreißig Jahr ist ihr Mann älter als sie, und nie! nie!
hat sie einen Liebhaber gehabt ... nie! das ist ja eine monströse
Tugend. -- -- Aber wie kam denn dieser Herr .... Forster, oder wie er
heißt! mit einem Mal hieher! und gar in der Nacht? Es ist wohl der, der
unsertwegen eine Treppe höher gestiegen ist! Nun, ich hab’ nicht Lust,
seinetwegen herabzusteigen! Aufgepaßt, Ignaz!“ -- --
Am Abend kam Sigismund. Der General empfing ihn mit großer
Freundlichkeit.
„Ihnen danke ich es, daß ich mich hier so behaglich fühle, wie ein
Kranker sich fühlen kann,“ sagte er und gab ihm die Hand.
Tosca warf ihm ihr prächtiges Lächeln zu. Sigismund fühlte sich ganz
beglückt und sprach es unbefangen aus.
„Denn es kommt so selten im Leben vor, daß man noch andern Menschen,
als den Freunden, durch Kleinigkeiten wohlthun darf,“ sagte er,
und ein heitrer Glanz legte sich über sein ernstes, fast strenges
Gesicht, und erinnerte Tosca an ~den~ Sigismund Forster, welcher sie
einst so dringend um einen Walzer bat. Er sprach mit dem General.
Sie saß zurückgesunken in einem Fauteuil, hatte den Ellbogen auf die
Seitenlehne gestützt, und das Kinn auf die Hand gelegt; ihr Blick
haftete auf Sigismund, und mit diesem Blick schob sie ihn gleichsam
tief, tief in die Vergangenheit zurück. Sie sah ihn, wie er damals war,
wie er ihr kindisches Herzchen überwältigt und zerknickt hatte, wie sie
mehr durch ihn gelitten hatte, als je durch einen Menschen, und ohne
daß er es wußte. Und nun sah sie ihn wieder, unter ganz veränderten
Verhältnissen! Da saß er -- ihrem Gemahl gegenüber. Das waren die
Männer, welche ihrem Leben die Richtung bestimmt hatten. Es kam ihr
unvollkommen vor -- das Leben; sie bedauerte nichts, sie beklagte
nichts, sie wünschte nichts; aber die Halbheit oder Unvollkommenheit
der Zustände, welche uns doch zuweilen so befriedigend erscheinen,
glitt ihr durch die Seele, und machte, daß sie in die Zukunft einen
traurigen fragenden Blick warf. Ihre langen blonden Locken rieselten
ihr über den Arm herab, und die breiten Augenlieder deckten halb die
großen Augen zu.
„Warum so schweigsam, Tosca?“ fragte der General. Sigismund sah sie
an und sein Herz bebte; denn diesen unsäglich traurigen Ausdruck hatte
Tosca damals gehabt, als er sie zum letzten Mal in Bonn zwischen ihren
Blumen am Fenster sah. Und langsam, auch wie damals, wendete sie den
Kopf, und er würde sich nicht gewundert haben, eine Thräne aus ihrem
Auge fallen zu sehen. Im Gegentheil! er wunderte sich, als sie die
Locken zurückwarf und die Augen aufschlug, daß sie ganz munter sagte:
„Ich glaub’, ich bin schläfrig, denn ich habe ein wenig geträumt.“
„Ich finde, es träumt sich am Besten ohne Schläfrigkeit, mit recht
wacher Seele,“ sagte Sigismund.
„Was hör’ ich!“ rief Tosca und schlug die Hände mit komischem Erstaunen
zusammen; „Sie wissen von Träumen, die man mit offenen Augen träumt?
Sie? ein Mann! ein Regierungsrath! -- Aber sagen Sie mir, thut das
Ihrer Carriere keinen Schaden?“
„Was die betrifft,“ entgegnete Sigismund, „so ist sie dermaßen
miserabel, daß meine kleinen Liebhabereien oder Absurditäten ihr keinen
Eintrag zu thun im Stande sind.“
„Die Klage rührt mich gar nicht!“ sagte Tosca. „Alle Frauen klagen,
daß sie nicht verstanden werden, und alle Männer, daß sie eine elende
Carriere machen; das ist so in der Ordnung, denn unser Herz und Ihr
Ehrgeiz sind nicht zu befriedigen.“
„So sind wir zwiefach beklagenswerth, gnädigste Frau,“ antwortete
Sigismund lächelnd; „denn auf diese Weise leiden wir und machen
leiden.“
„O was das Leidenmachen betrifft,“ rief Tosca, „darüber trösten sich
die Männer gar leicht, und durch den Ehrgeiz zu leiden, das, denk’
ich mir, muß ein recht angenehmer Stachel sein, weil er zu lebhaften
Bestrebungen anregt.“
„Kein Stachel ist angenehm,“ sagte Sigismund, „denn er überreizt uns
leicht.“
„So?“ rief Tosca spottend; „Sie sind also, wie ich sehe, bequem und
gemächlich für Rosen ohne Dornen?“
Plötzlich fiel ihm ein, daß sein Schwager Friedrich ehedem Tosca
Dornenröslein zu nennen pflegte, und daß sie wol noch jetzt ganz den
lieblichen Namen verdienen möge. Er antwortete lächelnd:
„Ich würde es vielleicht sein, wenn ich das wundersame Glück hätte,
eine solche Rose zu finden.“
„Dann müßte aber noch das Mirakel geschehen,“ sagte Tosca, „daß die
Rose Ihnen nicht fade erschiene.“
„Mirakel gehört zu jedem Glück, gnädige Frau! oder vielleicht ist jedes
Glück ein Mirakel, das uns in Sphären wirft, oder zu Zielen führt, die
wir ohne sie, durch Mühsal, Anstrengung und Berechnung, nimmer erreicht
hätten.“
„Ob solche Mirakel selten sind?“ fragte sie nachdenklich.
„Ich denke, wol sehr selten! man muß die Seele haben, um sie
aufzufassen, und das Auge, um sie zu erkennen; ach, und im Leben wird
jene so leicht matt, und dieses so früh stumpf“ ... --
„Denn wir tragen Brillen!“ rief Tosca neckend.
„Leider!“ sagte Sigismund mit Achselzucken.
„Wie kann ein ehrlicher Mann Brillen tragen!“ rief sie.
„Tosca!“ sprach der General ein wenig ermahnend.
„Ich frage: wie kann er?“ fuhr sie fort und wendete sich zu ihm; „ich
sehe Dir ins Auge und Du mir, und wir lesen so das Seelenaccompagnement
zu unsern Worten. Wer Brillen trägt, liest es ebenfalls im fremden
Auge, während das seine versteckt hinter einem gläsernen Wall liegt.
Das ist ein Kampf mit ungleichen Waffen, und ist der ehrlich?“
„Ohne diesen kleinen gläsernen Wall,“ sagte Sigismund und nahm seine
Brille ab, „ist mein Gegner im entschiedenen Vortheil -- denn er sieht,
und ich bin blind.“
„Darum,“ sprach Tosca lieblich, „sollen Sie sie auch draußen in der
Welt, wo es Gegner giebt, tragen, doch nicht zwischen Freunden. -- Und
schon aus Eitelkeit sollten Sie es nicht thun!“ fuhr sie fort, ohne ihm
Zeit zur Antwort zu lassen; „eine solche Maschine im Gesicht entstellt
ja, und es giebt nichts Anmuthigeres, als den sanften, kurzsichtigen
Blick einer Frau! da ich scharf wie ein Falke sehe, so darf ich das
sagen.“
„Ja, einer Frau!“ wiederholte Sigismund, der an Agathens
sammetschwarzes und sammetweiches kurzsichtiges Auge erinnert ward;
-- „aber was bei einer Frau reizend ist, kann bei einem Mann linkisch
aussehen.“
„Das ist wahr!“ rief Tosca lachend.
Ignaz trat ein. Unwillkürlich, als fühle er sich dem Gegner, von dem er
gesprochen, gegenüber, setzte Sigismund seine Brille wieder auf. Die
Unterhaltung nahm eine andre Wendung. Ignaz kam aus der italienischen
Oper.
„Einen Act hab’ ich anhören können,“ sagte er, „mehr nicht. Eine
italienische Oper, die nicht erster Ordnung ist, ist unaushaltbar.
Diese Art der Musik begehrt die Perfektion des Vortrags. Sie würden
nicht zufrieden sein, schöne Tante.“
„Dann geh’ ich lieber gar nicht hin,“ sagte Tosca.
„Sie sollten doch -- um selbst zu hören und zu urtheilen,“ sagte
Sigismund.
„Wie mühselig!“ rief sie, und legte den Kopf bequem auf die Rückenlehne
des Stuhls.
„So träge?“ fragte Sigismund lächelnd.
„O ganz unglaublich träge!“ rief Ignaz, „träge wie eine Orientalin. Nur
keine Mühe, d. h. nur keine Langeweile! nicht wahr, schöne Tante?“
„Wozu auch?“ fragte sie.
„Um ein eignes Urtheil zu haben,“ entgegnete Sigismund.
„Sie protegiren die italienische Oper, Herr Regierungsrath?“ fragte
Ignaz.
„Nein, Herr Graf,“ erwiderte Sigismund, „ich liebe vielleicht zu
exclusiv deutsche Musik, und nur im Allgemeinen sprach ich meine
Ansicht aus.“
„Das Publikum war sehr entzückt,“ erzählte Ignaz weiter. „Es rief
bravo! und brava! genau wo es hingehörte, und schien in dieser
Darlegung tiefen Kunsturtheils große Befriedigung zu finden.“
So plauderte er weiter. Tosca lachte, der General lächelte; Sigismund
mußte es auch zuweilen, fast widerwillig, thun, denn Ignaz mißfiel
ihm über allen Ausdruck. Das ist ein Mensch, dachte er heimlich, dem
ich mit Vergnügen eine Impertinenz sagen würde. Aber Ignaz war von der
äußersten Höflichkeit. Obwol ihn das ein wenig verstimmte, fühlte er
sich dennoch sehr wohl, fast glücklich. Das ist die Macht der Schönheit
und Grazie. Wer ihr unbefangen gegenüber tritt, wer nichts von ihr
begehrt, als sich an ihr zu erfreuen, wie an Duft und Farbenspiel einer
Blume -- den wird sie immer wohlthätig berühren. Durch sie hat der
Himmel den Frauen einen lieblichen Zauberstab verliehen. Wie gute Feen
könnten sie herrschen. Aber ach! wer hat die Herrschaft nie mißbraucht?
Als Sigismund ging, dankte ihm der General so herzlich, daß er ihn
dadurch zum baldigen Wiederkommen fast verpflichtete; und das war ihm
sehr lieb. Er lebte ziemlich einsam in Berlin; er war noch nicht lange
da, hatte keine Anverwandten, keine näheren Freunde dort; er arbeitete
sehr fleißig. Ueberdies gingen seine Interessen aus der Gegenwart
heraus. Oberflächliche gesellige Verbindungen waren ihm grade jetzt
gleichgültig, wo all seinen Verhältnissen durch seine Heirath ein
großer Wechsel bevorstand. Dieser Umgang, mit Fremden, kam ihm höchst
erwünscht. Die alte Theilnahme für Tosca mogte dann wol auch dabei im
Spiele sein. Gewiß ist’s, daß wäre Tosca im ehrwürdigen Alter ihres
Gemahls gewesen, Sigismund sich schwerlich der Aussicht gefreut haben
würde, einige Mal wöchentlich den Thee bei ihr zu trinken. Nun that er
das. Er kam um sieben Uhr Abends, und er ging um halb zehn. Das war
die Stunde, in welcher Tosca in die Gesellschaft zu gehen pflegte --
denn der General und Ignaz hatten nicht eher mit Bitten nachgelassen,
als bis sie sich dazu entschloß. Ihr Mann entbehrte sie nicht zu so
später Stunde; er suchte dann die Ruhe, wenn auch nicht den Schlaf.
Für Sigismund war jeder solcher Abend ein Fest, besonders wenn Ignaz
fehlte; und das kam häufig vor, denn er machte einer russischen
Fürstin lebhaft den Hof, und fehlte nicht gern im Schauspiel, wenn sie
es besuchte. Daß andre Personen öfter bei dem General waren, störte
Sigismund nicht; nur eben Ignaz machte ihm Unbehagen, so wie es manchen
Menschen unbehaglich ist, mit einer Katze im nämlichen Zimmer zu sein,
oder mit einer Spinne, oder mit einer Maus. Zuweilen warf er sich
diesen Widerwillen als ein Unrecht vor; sah er aber, wie sich Tosca von
Ignaz beherrschen ließ, zwar nicht in Meinung und Ansichten, jedoch in
all den tausend kleinen Vorkommenheiten des Lebens, welche grade dem
Beherrschenden eine außerordentlich große Gewalt gaben: so erwachte er
verstärkt. Tosca zog ihn grade so an, wie vor zwölf Jahren, vielleicht
noch mehr. Damals war er unbewußt ihrer Magie gefolgt; jetzt sagte ihm
der Verstand, welch’ eine seltene und schöne Erscheinung sie sei. Ihr
diamantenes Herz war ihm gleichsam eine Beruhigung, wenn er es sich
auch nicht eingestand, daß das seine derselben bedurfte.
Eines Abends kam er später als gewöhnlich herunter. Es waren mehre
Personen beim General, und um Niemand zu stören, setzte sich Sigismund
seitwärts hinter Tosca. Sie hatte eine Theerose in der Hand und spielte
damit.
„Gnädige Frau!“ sagte er bittend.
Tosca wendete sich zu ihm.
„Ich wollte nur fragen, ob Sie ein gutes Gedächtniß haben?“ fuhr er
fort und sah die Rose an.
Tosca folgte seinem Blick, verstand ihn und rief:
„O ein ganz excellentes! besonders für fremde Sünden.“
„Und ich hab’ es für die eigenen; werden Sie mich denn nicht etwas
beklagen?“
„Behüte der Himmel! gerechte Strafe zu leiden ist sehr heilsam! --
Sagen Sie mir,“ fuhr sie fort, indem sie sich ganz zu ihm wendete, „was
hatte ich Ihnen denn eigentlich damals zu Leide gethan? ich hab Sie
schon immer danach fragen wollen.“
„Gnädige Frau, es ist eine kindische Geschichte!“
„Gleichviel!“ rief Tosca; „die Kindereien liegen jetzt so weit hinter
uns, daß wir uns ihrer nicht mehr zu schämen brauchen ... denn sonst
müßte auch ich es thun.“
„Und werden Sie in dieser kleinen Geschichte auch das entschuldigen,
was -- nicht kindisch ist?“
„Gewiß! denn es ist verjährt,“ sagte sie erröthend.
Sie erröthete sehr oft. Wenn sie lebhaft sprach, wenn sie Partei für
und wider etwas nahm, wenn sie sich freute oder erschrak, wenn sie gar
mit eigenen stillen Gedanken beschäftigt war -- all’ Augenblick zeigte
ein rascher, feiner Farbenwechsel, daß die geistige Anregung ihr ans
Herz klopfe. Diese reizende Gabe verlieren die Frauen fast Alle sehr
früh, entweder weil sie durch so heftige Emotionen gehen, daß geringe
keinen Effect auf sie machen, oder weil sie in Lagen kommen, welche
ihnen die Beherrschung der Empfindung zur Pflicht und somit die des
Ausdrucks zur Nothwendigkeit machen. Eine frische unangetastete Seele
hat immer etwas Erquickendes; darin besteht der Zauber der jungen
Mädchen; er ist doppelt groß da, wo man ihn nicht mehr voraussetzen
darf.
„So müssen Sie denn gleich zuerst wissen, gnädigste Frau,“ sprach
Sigismund entschlossen, „daß ich Sie anbetete, so wie ich das Glück
hatte Sie zu sehen.“
„Diese Sünde vergiebt jede Frau,“ sagte Tosca lachend; „gestehen Sie
aber, daß Sie mir nicht Gelegenheit gegeben haben, diese Empfindung in
Ihnen zu ahnen.“
„O doch, gnädige Frau, doch!“ rief er lebhaft. „Im Anfang unsrer
flüchtigen Bekanntschaft gewiß.“
Das war so wahr, daß Tosca fast verlegen sagte:
„Nun? wo bleibt die kindische Geschichte?“
„Sie hängt damit zusammen, gnädige Frau. Ihr Name verwandelte meine
Anbetung in -- ich weiß selbst nicht was für ein Gefühl von Haß,
Entsetzen, Schmerz, gar Verzweiflung.“
Tosca sah ihn ungläubig an.
„Sie zweifeln, gnädige Frau? Sie werden es noch unbegreiflicher finden,
sobald ich Ihnen den geheimen Grund, den Urgrund dieser plötzlichen
Verwandlung sage; aber dennoch: ich sage Ihnen die Wahrheit. Ich war
ein eitler Knabe, gnädige Frau, ein verzogenes, übermüthiges Kind; ich
beherrschte meine Eltern, meine Geschwister; mein Vater konnte nicht
meine Erziehung lenken; ich hielt mich für schöner, klüger, besser,
als die ganze Welt. Was nicht meinen Eltern, nicht meinen Lehrern,
nicht meinen Kameraden gelungen war, das gelang einem kleinen Mädchen:
es demüthigte mich. Es war eine kleine Gräfin H., ein Kind von zwölf
bis dreizehn Jahren. Ich sehe sie noch lebhaft vor mir, mit ihren
funkelnden dunkelblauen Augen, ihren dicken hellbraunen Locken, die
ihr bis zum Gürtel herabfielen. Sie hieß Antonie. Ich weiß nicht, was
aus ihr geworden ist; aber das Kind, gnädige Frau, war meine erste
Liebe! Ich war damals funfzehn Jahr, und mein Vater hatte mich mit nach
Pyrmont genommen, wo er die Kur brauchen mußte und wo er nicht ganz
allein sein mogte. Dort war auch die kleine Antonie mit ihren Eltern,
und wir bewohnten dasselbe Haus. Ich will Sie nicht langweilen mit der
Beschreibung dieser knabenhaften Leidenschaft -- doch wie in der grünen
Knospe die ganze duftende stralende Rose eingewickelt liegt -- und wie
eine Ouvertüre alle Melodien der Oper enthält -- so entwickelte sie in
mir alle Gefühle, welche spätern Jahren eigen zu sein pflegen. Bedenke
ich, wie früh und wie vehement das Leben meines Herzens begann, so muß
ich mir unwillkürlich sagen, daß es auch früh enden müsse.“
„Nein!“ unterbrach ihn Tosca; „es giebt immerblühende Rosen, und das
Herz ist mehr, ist stärker und schöner als eine Blume.“
„Und gehorcht andern Gesetzen, gnädige Frau. Ein Leben, das früh und
vehement beginnt, endet fast immer früh und matt. Nur seltene und
hochbegabte Naturen machen Ausnahmen. Ich darf mich nicht zu ihnen
rechnen, und so ist mein glühendster Wunsch denn der: so sei es
früh, nur aber nicht matt! -- Jenes Kind warf mich in alle Emotionen,
von der unsäglichsten Freude bis zur namenlosesten Traurigkeit; von
der glühendsten Eifersucht bis zum blindesten Vertrauen. Wenn sie
mich anlächelte, traten mir zuweilen die Thränen in die Augen; wenn
sie fröhlich umherhüpfte, jauchzte ich vor Vergnügen. Sie spielte
leidenschaftlich gern Ball und Volant; wir trieben das stundenlang.
Dann liefen wir um die Wette in der großen Allee von Pyrmont, sie lief,
wie ein Vogel fliegt, so leicht, so geschwind; es ward mir schwer,
sie zu überholen. Zuweilen ließ ich ihr absichtlich den Spaß, früher
am Ziel anzulangen, als ich. Aber das merkte sie jedes Mal, und dann
schüttelte sie ärgerlich das schöne glühende Lockenköpfchen. Einmal
sollte ich sie haschen, und ziemlich ungeschickt fing ich sie bei ihren
flatternden Locken und that ihr weh, so daß sie einen kleinen Schrei
ausstieß. „O, ich bitte um Verzeihung!“ rief ich trostlos, und küßte
ihre Locken, wie um den Schmerz wieder gutzumachen. Allein sie nahm
es heftig übel! sie ging stolz von dannen, und ich dachte den ganzen
einsamen Abend darüber nach, ob ich nicht am Besten thun würde, auf
und davon zu gehen, in die weite Welt, um ihr nie mehr vor die schönen
erzürnten Augen zu kommen. Als sie mir am nächsten Morgen am Brunnen
freundlich Guten Morgen sagte, war mir zu Muth, als sei ich von einem
Verbrechen freigesprochen.“
„Mein Gott!“ rief Tosca, und schlug erstaunt die Hände zusammen, „welch
ein bezauberndes Kind muß das gewesen sein, und welch eine interessante
Frau mag sie geworden sein!“
„Sie vergessen, daß die kleine Antonie ihren Zauber an einem
funfzehnjährigen Knaben übte, der sie jetzt vermuthlich selbst mit
ganz andern Augen betrachten würde. Ich habe nie wieder von ihr
gehört. Nun aber, um zum Ende zu kommen! Die Fürstin von Waldeck gab
einen Kinderball. Antonie, mit einem frischen Rosenkranz auf ihren
prächtigen Locken, und mit einem langen rosenfarbenen Gürtel, sah
aus wie Psyche, so lieblich und ätherisch. Ich bat sie um den ersten
Walzer; und einen Augenblick ~nach~ mir bat ein andrer Knabe sie
darum, und sie schlug es mir ab, und tanzte mit ihm, mit ihm, der kaum
so groß als sie, und ein blasser, unschöner Knabe war, der ein wenig
stammelte, und auf den ich mit unsäglicher Geringschätzung herab sah.
Eine ihrer Gespielinnen wollte ihr zu meinen Gunsten Vorwürfe machen
und ihr vorstellen, daß ich doch im Grunde das erste Recht hätte.
„Nein, nein!“ rief sie sehr entschieden, „er ist kein Graf!“ Hätte sie
gesagt: „Der Andre ist hübscher, oder ist mir lieber“ -- das hätte ich
ihr vergeben, denn es wäre nun einmal ihr Geschmack gewesen, und mein
Selbstgefühl hätte mir vielleicht zugeflüstert, ihr Geschmack sei nicht
der richtige. Aber dies Wort demüthigte mich fürchterlich, erstens,
weil ich in der That kein Graf war und nicht wußte, welch Gewicht ich
dagegen in die Wagschaale werfen könnte; zweitens, weil dieser Grund
mir ihrer ganz unwürdig schien. Es kränkte mich über allen Ausdruck,
meine Zärtlichkeit, meine Vergötterung an ein Mädchen verschwendet zu
haben, das, als es zu wählen hatte, nur nach einer ganz inhaltlosen
Aeußerlichkeit seine Wahl traf. Leidenschaftlich, wie ich war, fühlte
ich mir förmlich das Herz im Busen umgedreht, und ein unerhörter
Widerwille setzte sich darin gegen Frauenzimmer Ihres Standes fest.
Sobald ich in Bonn erfuhr, Sie seien die Tochter einer Gräfin und eines
Freiherrn, wachte meine alte Abneigung um so heftiger auf, je stärker
die Anziehungskraft war, und von meiner fixen Idee beherrscht, benahm
ich mich wie ein Verrückter, oder wenn Sie lieber wollen, wie ein
dummer Junge. Und nun beschwör’ ich Sie, gnädige Frau, lachen Sie mich
tüchtig aus.“
„Also ich war ganz, aber wirklich ganz unschuldig an Ihrem Benehmen, so
daß, wäre mein Vater nicht Baron gewesen, Sie mit mir getanzt und meine
Blumen nicht verschenkt hätten?“
„O nimmermehr!“
„Gott! Gott! wie freut mich das!“ sagte Tosca mit stillem Jubel
und legte die Hand über die Augen. Dann erzählte sie ihm, wie sie
eigentlich durch Friedrichs Bericht veranlaßt worden sei, ihm eine
heimliche Freude machen zu wollen, und wie sie sich später halb
todt gegrämt über ihre Unbesonnenheit, und über den Vorwurf, den
sein Benehmen ihr darüber gemacht. „Aber dennoch bin ich Ihnen Dank
schuldig, tiefen innigen Dank,“ schloß sie, „denn diese scharfe Warnung
vor jeder Unbesonnenheit habe ich nie vergessen! Ohne es zu wollen,
sind Sie vielleicht ein guter Schutzgeist für mich gewesen.“
„So wie Antonie mein böser Engel,“ sprach Sigismund traurig.
„Und was halten Sie denn jetzt von uns?“ fragte sie neckend. „Ihre
Strafe sei eine Beichte.“
„Ich denke, daß in jedem Stande holdselige Erscheinungen selten -- aber
dennoch zu finden sind.“
„Sagen Sie das nur, oder denken Sie es wirklich?“
„Ich denk’ es! mein Wort darauf!“
„Das ist gut! man muß nicht exclusiv sein, denn man thut Andern weh
und sich selbst nicht wohl. Aber ist es nicht ungemein interessant,
in welcher feinen, geheimnißvollen und doch so gewichtigen Verbindung
Menschen zu einander stehen, welche äußerlich und flüchtig aneinander
vorbei gestreift sind? Wir sollten doch wirklich mehr auf uns und
unser Thun und Lassen achten, da wir gar nicht wissen können, in
welcher vortheilhaften oder nachtheiligen Weise wir dadurch auf Andre
einwirken.“
„Die Schicksale blitzen vom Himmel herab,“ sagte Sigismund,
„unbekümmert ob wir uns so oder so beachten! Einen unbeachteten Punkt
giebt’s ohnehin immer in uns, und er wird getroffen oder trifft.“
„Dann sind wir willenlose Maschinen in Ihren Augen?“
„Nein! der Wille bleibt uns, um die Schicksale zu zerbrechen, oder uns
selbst. Aber um zu sagen: in dieser oder jener Weise will ich wirken
-- dazu, mein’ ich, ist unser Wille nicht stark genug, obgleich wir uns
in der Jugend einbilden, nichts sei leichter, und wir dürften nur immer
gradeaus gehen und sehen, um zu diesem Ziel zu gelangen.“
„Wie traurig, daß aus den kühnen, hochfliegenden Träumen der Jugend
nichts wird, als eine lahme, matte Wirklichkeit.“
„O, sie ist nicht matt, gnädige Frau! ... wenigstens nicht immer. All
unser Heil liegt in ihr, und ein tieferes, ein ächteres, als in unsern
jugendlichen Träumen; denn die Wirklichkeit ist nicht die schaale und
mittelmäßige Alltäglichkeit, die wie Staub und Nebel an uns vorüber
weht und uns keinen bestimmten Eindruck zurückläßt; das Bleibende und
Wahrhafte in ihr: das ist die Wirklichkeit, und ich gestehe Ihnen, ich
habe sie schöner gefunden, als meine Träume.“
„Das freut mich sehr! dann müssen Sie Sich ungemein glücklich fühlen.“
„Zuweilen, wenn diese Ueberzeugung recht klar in mir aufwacht -- ja!
Zuweilen, wenn ich mir sagen muß: sie ist schöner, aber sie gehört mir
nicht! dann -- nein!... Und wo wäre der, der sich das nicht sehr oft
sagen müßte?“
„Mit nichten!“ rief Tosca; „man sage sich doch lieber immer, daß man
das Schönste und Beste erreicht habe, was auf dem eingeschlagenen Wege
zu erreichen war.“
„Kann man das nicht mit Ueberzeugung sagen, so ist es Eigensinn und
bleibt nutzlos.“
„Nutzlos -- wie ein Wiegenlied, das von wundervollen goldnen
Herrlichkeiten, die nie existirt haben, uns vorsingt und in den Schlaf
lullt.“
„Ist schlafen -- glücklich sein, gnädige Frau?“
„O Sie machen mich traurig,“ sagte Tosca lebhaft. Sie hatte sich
bis daher so gesetzt, daß sie ihm grade ins Gesicht sah; nun wendete
sie sich ab, und dem Kreise zu, der um den Tisch versammelt war. Sie
mischte sich in die Unterhaltung, und sprach sehr munter und scherzend.
Sigismund hörte ihr zu. Sie hatte eine reine biegsame Stimme, ein
frisches Lachen, unbefangene Bewegungen, den natürlichsten Ausdruck.
„Ist schlafen -- glücklich sein?“ wiederholte Sigismund heimlich für
sich, „schläft sie? ... aber so selbstbewußt! wacht sie? ... aber so
bewußtlos!“ -- Er vertiefte sich in seine Gedanken, wie einem das wol
in der Gesellschaft geschehen kann, wenn man in schweigsamer Laune ist,
und das Gespräch der Uebrigen, wie einen zum Nachsinnen auffordernden,
murmelnden Bach, an sich vorübergleiten läßt. Es überfiel ihn eine
brennende traurige Sehnsucht nach Agathen. „Denn sie liebt mich!“
dachte er. Hätte er gedacht: „denn ich liebe sie!“ so wäre die
Sehnsucht wol brennender, aber nicht traurig gewesen.
„Und Sie gehen morgen auch mit, nicht wahr?“ wandte sich Tosca
plötzlich zu ihm.
„Mit dem größten Vergnügen,“ sagte er fast erschreckt auffahrend; --
„aber wohin, gnädige Frau?“
Tosca drohte ihm mit dem Finger: „Ist das recht, so zerstreut, so
theilnahmlos zu sein? Wo waren Sie denn mit Ihren Gedanken?“
Er wollte schon antworten: „Bei meiner Braut;“ -- aber sie setzte
sogleich hinzu: „Und warum sehen Sie denn überhaupt so eisern ernst
heute aus?“ -- Da paßte die Antwort nicht mehr, und er sagte:
„Das Gespräch von vorhin hat mich so ernst gestimmt, denn
die Erinnerungen sind in mir wach geworden, und die haben die
melancholische Magie des Mondlichts über mich. Ich bitte, haben Sie die
Gnade, mir zu sagen, wohin ich morgen gehen werde?“
„Ins Conzert, zu Liszt; ich denke, Sie thun es gern.“
Er verbeugte sich. Ignaz kam, und setzte sich zu ihm; aber das Gespräch
belebte sich nie zwischen ihnen. Man findet bisweilen mit gewissen
Personen durchaus keine Berührungspunkte, welche nach beiden Seiten
hin eine vibrirende Saite anschlügen, und dann bleibt man bei den
dürftigsten Aeußerlichkeiten haften. Ignaz hatte seine eifersüchtige
Grille aufgegeben, weil Tosca nicht mehr noch weniger Interesse für
Sigismund, als für jeden andern Mann ihrer Bekanntschaft an den Tag
legte. Aber als Sigismund gehen wollte, ward Ignaz förmlich erschreckt
durch den Ton, mit welchem Tosca zu ihm sagte:
„Ich dank’ Ihnen tausend und aber tausend Mal.“
„Wofür?“ fragte Sigismund, selbst überrascht.
„Für Ihre Erzählung,“ sagte sie.
„Schöne Tante, Sie haben mich unerhört neugierig auf jene Erzählung
gemacht,“ sagte Ignaz, nachdem Sigismund fort war.
„Das kann ich mir vorstellen,“ sagte sie gleichmüthig.
„Aber Sie dürfen sie mir wol nicht wieder erzählen?“
„Dürfen ist Eines -- mögen ein Anderes.“
„Und warum mögen Sie nicht?“
„Weil Sie die Geschichte gar nicht verstehen würden.“
„Ist sie so hoch in den Wolken, oder so tief unter meinem Horizont?“
„Ignaz,“ rief sie ganz ungeduldig, „Sie sind wahrlich ein Inquisitor.“
„Wenn meine Fragen Sie ärgern, schöne Tante, so war die Geschichte
gewiß ausnehmend ... interessant.“
„Es ist keine Möglichkeit, von Ihnen los zu kommen,“ sagte sie lachend;
„also hören Sie zu.“
Sie erzählte ihm Sigismunds Liebe zu Antonien, aber ohne die Folgen,
welche sich später für ihn daraus entwickelt hatten.
„Und dafür dankten Sie dem Regierungsrath Forster so herzlich, als ob
er Ihnen weiß Gott was für eine Freude gemacht hätte?“ sagte Ignaz,
nachdem sie zu Ende war.
Tosca hatte keineswegs ihren Dank auf diesen Abschnitt von Sigismunds
Erzählung bezogen, doch sie sagte:
„Und warum nicht? solche kleine unschuldige Herzensregung hat etwas
Rührendes und Erfreuliches zwischen der Abgestorbenheit späterer
Jahre.“
„Sie hatten ganz Recht,“ entgegnete er; „solche Kindereien verstehe
ich nicht, und ich glaube, daß sie die Abgestorbenheit vorbereiten und
beschleunigen, von der Sie sprechen, schöne Tante.“
Tosca sah ihn an. Er saß auf dem Platz, wo Sigismund gesessen. Sein
schönes Gesicht mißfiel ihr, wenn Sie es mit Sigismunds ernstem Antlitz
verglich. Sie sagte gleichgültig: „Das kann wol sein, und geht mich
nichts an.“ Dann gingen ihre Gedanken zu Sigismund zurück. „Seltsam!“
dachte sie; „die heftigsten Emotionen meines Lebens kommen mir durch
diesen Mann, und von ihm! einst -- Schmerz, Beschämung, Gram; jetzt --
Freude, aber unglaubliche Freude, denn der einzige Moment in meinem
Leben, an den ich mit einem kleinen Gefühl von peinlicher Bitterkeit
dachte -- der ist jetzt hell und licht worden! und ~dafür~ hab’ ich ihm
gedankt, und noch lange nicht genug.“
Sigismund kam am andern Abend und fand den General allein, der ihm
sagte, seine Frau sei noch bei der Toilette, welche heute besondere
Sorgfalt erheische, da sie aus dem Conzert auf einen großen Ball gehen
müsse. Nach zehn Minuten etwa trat Tosca ein. Sie trug ein Kleid von
blaßblauem Moor mit Fluthen von Spitzen garnirt, einen Schmuck von
Türkisen und Perlen, und in den Locken einige hellrothe Camellien. Sie
trat rasch ein, und sagte zu ihrem Mann, ohne Sigismund zu sehen, den
sie noch nicht erwartete:
„Da bin ich! ... nun? bin ich hübsch?“
„Wie eine Email von Petitot,“ antwortete der General freundlich,
„glänzend und zart.“
„O Himmel!“ rief sie, Sigismund gewahrend; „sehen Sie, so macht man’s,
um sich Complimente sagen zu lassen.“
Sigismund hatte unwillkürlich einen Moment die Augen geschlossen. Ihm
war als fliege ein Meteor vorüber. Sie sah ganz ungewöhnlich schön
aus, das Auge noch leuchtender, die Farbe noch duftiger, die Haltung
noch ätherischer als sonst. „Wo sind die Flügel, von denen sie getragen
wird?“ fragte er sich heimlich; „so sieht man im gleichgültigen Zustand
nicht aus!“
„O ich freue mich!“ sagte sie und ihr Lächeln glitt über ihn hin, wie
der Sonnenstral.
Sigismund hätte ihr gern gesagt, daß ihre Freude ihm weh thue, denn ihm
war trübe zu Sinn; er fragte nur:
„Und wozu? gnädige Frau?“
„Zum Conzert! wozu denn sonst?“
„Nicht auch zum Ball?“
„Bah! mit achtzehn Jahren freut man sich zum Ball.“
Es kamen ein Paar alte Bekannte des Generals, um ihm Gesellschaft zu
leisten; Tosca empfahl ihnen ihren Mann; es war ihr ungewohnt, ihn um
diese Stunde zu verlassen. Dann fuhr sie fort mit Sigismund und Ignaz.
Der Saal war gedrängt voll Menschen. Sigismund setzte sich hinter
Tosca; der Platz war ihm willkommen: er brauchte ihr nun nicht in die
stralenden Augen zu sehen, die ihm weh thaten. Er dachte an Agathens
linde, sanfte Augen; aber ihr Blick blieb nicht in seiner Seele haften,
glitt hinein, und erlosch, und war doch so lieb, so gut! Ihm war,
als müsse er zu ihr, sie um Vergebung bitten, sie beschwören, sich
zwischen ihn und Tosca Beiron zu stellen. Dann fragte er sich unwillig:
„Aber wozu? ich werde doch nicht vor dem Lächeln einer schönen Frau
zerschmelzen?“ -- Dann heftete er fest den Blick auf Tosca, wie sie
da vor ihm saß; auf den zierlichen Kopf mit der Lockenfülle, den der
schlanke Hals so stolz und so graziös trug, auf den schönen Nacken,
um den ihr dunkler Sammetshawl sich in weichen, breiten Falten legte,
auf die ganze Gestalt, bei der jede Bewegung von biegsamer Elastizität
war. Er that es mit einem strengen, kritischen Blick; er wollte sich
überzeugen, daß er schönere Frauen gesehen, daß Agathe reizender sei.
Allmälig aber vergaß er die beabsichtigte Kritik, und Alles entschwand
ihm, wie zwischen Nebeln und Hochgebirg: die Frauen, die Menschen, die
Welt; nur nicht Tosca Beiron, die er als Jüngling gesehen und geliebt
hatte, und die er jetzt als Mann wiedersah -- und nicht mehr lieben
durfte! denn sie war gefesselt an einen siechen Greis, und er an ein
blühendes Mädchen; denn ihre Wege gingen weit, weit auseinander, und
hätten doch einst sich vereinigen können! Damals, als Tosca Beiron,
um mit ihm zu tanzen, ein anderes Engagement brach; damals, als sie
ihm täglich, wie aus dem Himmel, einen Guten Morgen zuwinkte; damals,
als sie ihm, den sie krank und niedergeschlagen wähnte, mit süßer
Theilnahme das Beste und Liebste schickte, was sie hatte -- ihre
Blumen .... die er mit Füßen trat; denn damals -- o ja! da liebte sie
ihn, mit jener aufdämmernden Empfindung, welche nur der Gewißheit der
Erwiederung bedurft hätte, um in rosigen Flammen aufzuschlagen.
Liszt spielte und spielte. Sigismund wußte nicht was, und fragte auch
nicht danach; ihm war, als spiele er ihm seine ganze Vergangenheit wie
eine stralende _Fata Morgana_ aus den grauen Wellen seiner Erinnerung
empor. Und aus der Vergangenheit ging er in die Gegenwart über, in die
des Augenblicks; es lag eine Berauschung in diesem Tonmeer, wie sie in
jeder überschwenglichen Fülle liegt, und überdies giebt es wol keine
feinere, zauberischere Seligkeit, als einen geistigen Genuß mit einer
sehr geliebten Person zu theilen. Wie vor der Pforte des Paradieses
findet man sich mit ihr zusammen, lautlos, anbetungsdurstig, bebend
vor Sehnsucht, der ewigen Schönheit ins Sonnenantlitz zu schauen.
Die Klänge, die sein Ohr berauschten, zogen auch in ihre Seele! die
Melodien, die ihm das Herz umwogten, schaukelten auch das ihre! Es
war eine unirdische, und doch wundersam süße Gemeinschaft! vielleicht
ist die Liebe so auf irgend einem höheren und glückseligeren Gestirn,
als unsre Erde ist. Toscas Sammetshawl war von ihrem Nacken auf die
Lehne ihres Stuhles geglitten. Sigismund legte die Hand darauf, wie
um sich an etwas zu halten, das im Stande sei, ihm wirklich einen
Halt zu geben, denn ihm war, als könne er in die Unermeßlichkeit
fortgeschleudert werden. Durch den Handschuh hindurch fühlte er den
Sammet wie eine linde Berührung, wie eine Beschwichtigung. Er zog
geschwind den Handschuh aus, und lehnte die Stirn auf die Hand, die
auf dem Shawl lag. Ganz leise berührte er den Sammet mit seinen Lippen.
Ein feiner, fast unmerklicher Duft von _vétivert_ war darin. Sigismund
schloß die Augen; er vergaß die Unermeßlichkeit der Welt und des Lebens
-- aber nicht die des Glücks.
Liszt spielte und spielte. Goldne Wolken legten sich um Sigismunds
Seele. Was war ihm Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? es schmolz
zusammen in dem seligsten Bewußtsein der Nähe der schönen Geliebten.
Ja, sie gehörte einem andern Mann! Ja, sie war ihm verloren ... was man
so verloren nennt! Aber sie war auf der Welt! aber sie war da! In ihrem
bloßen Dasein schien ihm eine unendliche Verheißung zu liegen. Konnten
sich nicht die Schicksale wenden? gab es nicht wunderbare, göttliche
Fügungen? Fremde Gestalten blitzten wie Geister in seine wachen Träume:
Agathe, das liebe Mädchen; der General, sterbend, todt; Ignaz, lauernd,
schlangenhaft, als sinne er darauf, Tosca zu verderben. Sigismund fuhr
verstört empor: Liszt hatte den Schlußakkord gemacht. Tosca kehrte sich
zu ihm; sie sah beinah blaß aus.
„Nicht wahr,“ fragte sie, „das ist kaum auszuhalten? Der Mensch spielt
einem die Seele fort.“
„Ob er nicht eine neue Incarnation des alten Rattenfängers von Hameln
ist,“ sprach Sigismund, aber mit so beklemmter Stimme und bleichen
Lippen, daß Tosca besorglich und freundlich sagte:
„Sie werden doch nicht ohnmächtig werden? wollen Sie mein Flacon? er
fängt gleich wieder an zu spielen.“
Sie gab ihm das Flacon. Sigismund behielt es in der Hand, ohne es zu
brauchen. Ohnmächtig wäre er nicht gern geworden -- doch gestorben
recht gern; nur ~eine~ Gewißheit wollte er.
„Sagen Sie mir,“ fing er an, „ich bitte, sagen Sie mir aufrichtig --
haben Sie mir vergeben?“
„Rührt die Musik Ihr Gewissen?“ fragte sie.
„Also haben Sie mir nicht vergeben!“ rief er.
Sie legte den Finger an die Lippen, und sagte dann: „Ich habe Ihnen
vergeben.“
„Und warum haben Sie es gethan?“
„Weil Sie gutgemacht haben.“
„Wodurch?“
„Durch Ihre Erzählung von gestern Abend.“
„Und nun?“
„Und nun?“ wiederholte sie und sah ihm mit ihren großen mächtigen Augen
grad’ ins Antlitz. Es glitt ein Rosenschimmer, wie der Wiederschein
einer hohen Freude, über ihre Wangen; sie sah aus wie innerlich
illuminirt, und sagte endlich: „O ... nun ist’s gut.“
Die Musik begann von Neuem. „Sie hat recht!“ dachte Sigismund; „nun
ist’s gut .... zwischen ihr und mir. Ihr schönes lichtes Wesen bedarf
des Friedens! weil es so friedlich ist wie der Regenbogen, und so hoch
wie der Regenbogen -- darum ist’s auch magisch und herzstärkend, wie
er. Du bist sehr göttlich, Tosca Beiron.“ -- -- -- Das Conzert war zu
Ende. -- -- --
„Nun? hat es Ihnen gefallen?“ sagte Ignaz zu Tosca, als sie fortgingen.
„Nein!“ antwortete sie kurz.
„Nein?“ rief Ignaz; „nun, meine schöne Tante, dann wiederhol’ ich
Ihnen, was ich schon oft gesagt, Sie haben kein Herz.“
Sie schwieg. Ignaz sprach mit Sigismund weiter. Als sie in den Wagen
stieg, sagte Tosca:
„Nach Hause!“
„Noch eine Ueberraschung!“ rief Ignaz verwundert; „wollen Sie nicht auf
den Ball? ... oder etwa später?“
„Nein!“ sagte sie wieder.
Ignaz schüttelte den Kopf. Zu Hause angelangt, sagte Tosca zu Sigismund:
„Mein Neffe geht auf den Ball; kommen Sie zu meinem Mann, wir wollen
ihm erzählen und Thee trinken.“ -- Er folgte ihr stumm.
„Nun, bist Du befriedigt, liebe Tosca?“ fragte der General, als sie
eintraten.
Tosca ließ sich neben ihm in einen Lehnstuhl fallen, holte tief Athem;
küßte ihm dann die Hand und sagte:
„Befriedigt! ja, das ist das Wort! ... befriedigt, mein Ignaz --
wendete sie sich zu diesem -- und zwar so sehr, daß ich nicht im Stande
bin, heute Abend Tanzmusik zu hören. Ich bleib’ daheim.“
Sie zog die Handschuhe aus, legte Shawl und Fächer ab, und sagte zum
General:
„Ich weiß nicht ... bin ich ~ent~seelt, bin ich ~neu~beseelt, aber
genug! irgend etwas ist meiner Seele geschehen.“
„Sie ist den Launen zugänglich worden,“ sprach Ignaz lachend.
„Lachen Sie immerhin, _beau neveu_!“ entgegnete sie sehr gleichmüthig
und dann zu Sigismund: „Nicht wahr, ~er~ warf auch Sie in ganz
überwältigende Emotionen? Sie sehen noch ganz angegriffen aus.“
„Haben Sie so schwache Nerven, Herr Regierungsrath?“ fragte Ignaz immer
noch lachend.
„Die Nerven sind gut, Herr Graf,“ erwiederte Sigismund eben so
gleichgültig als Tosca; „aber die Emotionen gehen bei mir tiefer, als
bis zur Erschütterung der Nerven.“
„Lieber Onkel,“ sagte Ignaz, „wie ein schlichter Mensch, der ich bin,
habe ich Liszt’s Spiel in jeder Beziehung meisterhaft gefunden; allein
so erschüttert, wie diese Herrschaften, bin ich nicht davon, und darum
werde ich auch _tout bonnement_ auf den Ball gehen.“
„Wo Sie, als ein eleganter Tänzer, der Sie schlichter Mensch sind --
auch viel nothwendiger sind, als ich,“ sagte Tosca freundlich, und
nickte ihm ihren Abschiedsgruß zu.
„Sie bekommt Launen,“ dachte Ignaz, während er zum Ball fuhr: „das
ist ein Zeichen von Herzensunruh. Aber durch wen? ... ~Der~ Mann?
... unmöglich! Doch wen sieht sie denn sonst noch?“ -- Er durchlief
die Reihe der Männer, welche sie kannte, und wiederholte bei Jedem:
unmöglich! Endlich blieb er bei sich selber stehen: „mir däucht, sie
antwortete mir ein paar Mal kurz und verdrießlich; das pflegt ein
Zeichen von Mißfallen zu sein -- allein das Mißfallen entspringt oft
nur aus einer Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Moment, und nicht
mit dem, gegen welchen es sich äußert.“ Dennoch brachte er es in diesem
Punkt nicht bis zur Ueberzeugung; immer tauchte Sigismund wieder auf,
so oft er auch sein: unmöglich! vor ihm wiederholte.
Sigismund blieb nur kurze Zeit beim General. Alles, was Tosca sagte,
wie sie es sagte, ihr Blick, ihre Bewegungen, magnetisirten ihn,
machten ihn kraft- und willenlos. Sie saß ihm und dem General grade
gegenüber und hatte beide Arme auf den Tisch gelegt. Zuweilen hob
sie den einen, stützte den Kopf in die Hand, oder strich mit der Hand
über die Stirn. Die Lampe warf ihr helles Licht auf sie und ins Zimmer
hinein; sie schwamm in Glanz; nach der Seite des Generals war die Lampe
mit einem Schirm bedeckt, so daß die beiden Männer im Finstern saßen.
Tosca sprach viel über die Musik; Sigismund antwortete nur einsilbig,
nur grade genug, um sie reden zu machen. Er konnte nicht anders. Er
saß da, und blickte zu ihr hinüber, aus seiner Finsterniß in ihr Licht,
wie von der Erde zu irgend einem goldnen Stern. Nichts stand zwischen
ihnen als der Tisch; er meinte sich durch Welten von ihr getrennt,
und dennoch war’s ein Durst, ein Drang nach der Sphäre dieses schönen
Sternes, daß auch Welten den Gang zu ihm nicht hemmen würden.
„Wollen Sie schon schlafen gehen?“ fragte Tosca, als er den Hut nahm.
„Nicht schlafen -- arbeiten!“ sagte er mit so besondrem Ausdruck, daß
Tosca sagte:
„Ach, das wird Ihnen zu schwer werden! Sie seufzen ja, wenn Sie nur
daran denken! lassen Sie die Arbeit, sie gelingt Ihnen nicht.“
„Gnädige Frau,“ erwiederte Sigismund in ganz heiterm Ton, „ich muß
arbeiten, um morgen wieder ein vernünftiger Mensch zu sein.“
„Glück zu!“ sagte sie lieblich, und der General sprach:
„Geben Sie Sich nicht allzu viel Mühe, um ein vernünftiger Mensch zu
werden! -- es kommt eine Zeit, und früh genug, und ganz von selbst,
in der wir tief bedauern, nicht mehr unsrer früheren extatischen
Thorheiten und sublimen Schwärmereien fähig zu sein.“
„So ist’s!“ entgegnete Sigismund, „aufs Bedauern sind wir unser
Lebelang angewiesen.“
Als er auf sein Zimmer kam, fiel er tödtlich erschöpft in den Sopha.
„Lassen Sie die Arbeit, sie gelingt Ihnen nicht!“ hörte er unablässig
Toscas Stimme in sein Ohr flüstern. Er verfiel in einen Zustand
zwischen Wachen und Traum. Eine schwere, fieberhafte Aufregung brütete
über ihm. Unbeweglich lag er da, und fühlte sich beängstigt, wie in
schweren Ketten, und kraftlos, um sie abzustreifen. Plötzlich wehte ihn
Erquickung an; Töne erklangen, er wußte nicht wo; sie kamen ihm bekannt
vor und doch so, als ob er sie noch nie gehört. Er athmete freier, das
Herz klopfte ihm ruhiger! allmälig kehrte ihm das volle Bewußtsein
zurück. Er richtete sich auf und fuhr mit der Hand über Stirn und
Augen, um sich zu überzeugen, daß er wache; dann horchte er. Es war
Schuberts „_Ave Maria_,“ das Liszt gespielt hatte -- und das jetzt
Tosca Beiron sang! -- Diese stillen innigen Töne, in tiefer Nacht von
ihr gesungen, von ihm gehört, überwältigten ihn. Er warf beide Hände
vors Gesicht, wie um sich zu verbergen; dann sprang er heftig auf, und
sagte ganz laut: „Ja, es ist so! ich schmelze in ihre Wesenheit hinüber
... aber ich will nicht! -- ich will fort! Agathe, zu Dir!“
Tosca hatte aufgehört zu singen. Es war so still im Hause und auf der
Straße, daß er hörte, wie sie die Thür aus dem Salon nach ihrem Zimmer
auf- und zumachte. „Nun geht sie schlafen!“ dachte er; „Gott segne
Dich, unvergeßliches Geschöpf!“ -- und mit einem traurigen Rückblick
auf sich, fügte er den Schluß eines Liedes hinzu: „Und ~die~ Nacht, und
~die~ Nacht -- Hat sie schlafend verbracht!“ --
Dann traf er geschwind einige Anordnungen, warf sich aufs Bett, und
fuhr in der Frühe des nächsten Morgens nach Magdeburg auf der Eisenbahn
-- die, was das Zusammenkommen betrifft, eine eben so wundervolle
Veranstaltung, als hinsichtlich des Reisens widerwärtig ist. Im Wagen
bemächtigte sich seiner eine Art von Betäubung, die ihm sehr wohl that,
ein Seelenschlaf, aus dem er gestärkt zu erwachen hoffte. Endlich griff
er ungeduldig nach der Uhr, um zu sehen, wie lange er denn noch bis
Magdeburg zu fahren habe. Außer der Uhr fand er in seiner Brusttasche
Toscas Flacon. Es war von hellblauem Hyalith, mit goldnen chinesischen
Zeichnungen, platt und flach, bequem in der Tasche zu tragen. Als
Sigismund es betrachtete, die glänzende Farbe, die phantastischen
Figuren, fiel ihm ein, ob es nicht ein Amulet sein möge, ein Talisman,
und ob er es nicht lieber aus dem Wagen werfen solle; aber der Gedanke,
daß es ihm ja nicht gehöre, hielt ihn zurück. Dies Flacon warf ihn
wieder in seinen gestrigen Ideenkreis! er dachte wieder an Tosca, an
den holdselig gedankenvollen Blick, womit sie „Und nun?“ gesagt, an
die Musik, an ihren Sammetshawl, an den leichten Duft von _vétivert_.
Er öffnete das Flacon; richtig! es war _vétivert_ darin. Er goß einen
Tropfen auf seinen Rock.
Zwei junge Leute saßen neben ihm. Er hatte bis daher ihr Geplauder
nicht beachtet; als aber der Eine den Dom von Magdeburg erblickte, und
zum Andern scherzend sagte, indem er auf die Stadt wies:
„Da wohnt Deine künftige Liebste!“
Da erschrak Sigismund fast, denn seine Liebste wohnte da, und seine
Gedanken gingen nicht zu ihr -- sondern zurück! zurück! -- --
Er eilte zu Agathen. Er schellte; ihre Mutter öffnete ihm die Thür und
empfing ihn mit herzlicher Freude. Er fragte ungeduldig nach Agathen.
„Sie plättet;“ sagte die Mutter, und rief in ein andres Zimmer hinein:
„Agathe, komm einmal her, geschwind!“
Agathe kam munter hereingelaufen und stieß einen hellen Freudenschrei
aus, als Sigismund ihr entgegen trat. Es war ein wunderhübsches
Mädchen, groß, voll und schlank von Gestalt, mit einem prächtigen
blaßgelben Teint, dessen Colorit ebenso warm und frisch als die
rosigere Farbe der Blondinen ist, mit rabenschwarzem Haar, in welchem
das farblose Antlitz wie eine Perle auf Sammet lag, und mit guten
sanften schwarzen Augen, die das Gesicht, welches durch Züge und Farbe
hätte hart sein können, ganz weich machten. Jetzt sah sie überdas sehr
glücklich aus, so wie man bei zwanzig Jahren dem Geliebten gegenüber
auszusehen pflegt. Dieser Ausdruck von Glück rührte Sigismund. Ist es
Dankbarkeit? ist es Eigenliebe? nichts fesselt den Menschen so an einen
andern, als das Bewußtsein, ihn bis ins innerste Herz zu beglücken.
„O Sigismund!“ sagte Agathe, „Du hättest doch lieber vorher schreiben
sollen, denn jetzt freu’ ich mich so sehr ... daß ich gar nichts sagen
kann.“
Sie setzte sich, nahm seine Hand in die ihren und sah ihn an. Er
erzählte ihr, daß er nicht vorher seine Ankunft hätte bestimmen können,
weil er den Entschluß gern von augenblicklicher Stimmung abhangen
lasse, von einer unüberwindlichen Lust, oder von tiefer Sehnsucht,
oder von der plötzlichen Ueberzeugung: jetzt sei es grade an der Zeit.
Zu Allem, was er sagte, nickte Agathe freundlich mit dem Kopf; sie
hörte auf seine Stimme, auf seine Worte nicht. Was er sprach, war ihr
höchst gleichgültig; daß er da war, beseligte sie. Sie unterbrach ihn
plötzlich:
„Sigismund!“ rief sie, „hast Du mich lieb?“
Das ist eine unselige Frage! Unter hundert Malen stimmt sie den,
an welchen sie gerichtet wird, neunundneunzig Mal traurig. Liebt er
aus voller Seele, mit tiefster Hingebung, so scheint ihm die Frage
zu alltäglich, um nicht überflüssig zu sein. Thut er das nicht,
so setzt er im Andern Mißtrauen und Zweifel voraus und fühlt sich
gekränkt, wenigstens verstimmt, weil -- er es verdient. Die Frauen
haben eine unglückliche Leidenschaft für diese Frage, denn sie lieben
Demonstrationen des Gefühls, sie sind demonstrativer als die Männer
-- vielleicht, weil sie mehr Zeit dazu haben, vielleicht weil es eine
ihrer Grazien ist. Eine Frau weiß unter vier Augen unendlich viel mehr
Liebliches zu sagen als ein Mann; darauf sollte sie sich beschränken,
das hört er immer gern. Aber die Frage: „hast Du mich lieb?“ sollte
sie nie an ihn richten, höchstens in den allerernstesten Momenten oder
in fröhlichem Uebermuth, spottend, neckend; -- nur dann wird er zu
antworten wissen. -- Dies rathe ich den Frauen sehr wohlmeinend.
Ueber Sigismund legte sich ein Schatten, als er sagte:
„Ja, liebe Agathe; aber warum fragst Du?“
„Weil ich dies Ja lieber hören mag, als Alles, was Du sonst sagst,
mög’ es noch so gescheut und klug sein,“ erwiderte Agathe aus so vollem
Herzen, daß er sie gerührt und zärtlich umfaßte und sagte:
„Bei Dir hab’ ich’s gut, meine Agathe.“
„Und wo denn nicht, Sigismund?“
„Nirgends -- wo Du nicht bist.“
„Nun, das muß ja auch so sein. -- Aber,“ fügte sie hinzu und sah ihn
besorgt an, „mir däucht, Du siehst angegriffen aus. Bist Du krank? hat
Dir Jemand was zu Leide gethan?“