Im Gasthof zum Stern in Bonn saß eine Gesellschaft fröhlicher Studenten
beisammen. Sie tranken lebhaft und sprachen noch lebhafter über
rosenrothe Mädchen und graue Professoren, und zwar nach Studentenart,
nämlich so, daß am Ende sonnenklar erwiesen wurde, wie kein Mädchen
hübsch genug und kein Professor geistreich genug sei, um von Studenten
sonderlich beachtet zu werden. Darin stimmten Alle überein, auch die,
welche eben zum Beginn der Wintervorlesungen nach Bonn gekommen waren,
und folglich von dessen Professoren nur die Namen, und von dessen
hübschen Mädchen nur das wußten, was ihnen die schnellgewonnenen
Freunde, die schon länger da gewesen waren, von ihnen erzählten. Mitten
in dieser allgemeinen Weiberverachtung sprang ein junger Mensch lebhaft
auf und ans Fenster und rief:
„Sacristi! da geht ein bildschönes Mädchen!“
Die Hälfte seiner Gefährten sprang ihm nach, aber das Mädchen war schon
verschwunden.
„Wer war es? wie sah sie aus?“ fragten sie ihn.
„Die ist schön!“ wiederholte er und sah mit seinen dunkeln leuchtenden
Augen unverwandt auf den Platz hinaus.
„Diese Pomona etwa?“ fragte der Eine und zeigte auf eine recht hübsche
Obstverkäuferin, die mit einem Korb voll Weintrauben sich dem Fenster
näherte, als sie die jungen Leute an demselben sah.
„Oder diese Meduse mit den schwarzen Schlangenlocken?“ fragte ein
Anderer, auf eine ältliche Engländerin zeigend, die am Arm ihres Gatten
auf den Gasthof zuschritt.
„Wozu habt Ihr Augen, wenn Ihr damit nicht zu sehen versteht?“ rief der
junge Mann, kehrte zu den Gefährten am Trinktisch zurück, setzte sich,
und sprach zu dem Einen: „Friedrich! wer war das Mädchen?“
„Ich bin zwar ein großer Anhänger des animalischen Magnetismus, mein
Alter, entgegnete Friedrich ernsthaft, aber so weit hab’ ich’s doch
noch nicht gebracht, um mich mit allen Frauenzimmern in Bonn dermaßen
in magnetischen Rapport gesetzt zu haben, daß ich, wenn ich mit dem
Rücken nach dem Fenster gekehrt sitze, sagen könnte, wer diejenige ist,
welche grade über die Straße geht.“
„Zum Teufel Dein Magnetismus!“ rief Jener; „damit hat das Mädchen
nichts zu schaffen, denn es sieht weder blaß noch krank aus.“
„Nun, so gieb mir ihr Signalement,“ sagte Friedrich, „dann werd’ ich
sie Dir vielleicht nennen können.“
„Ja, ihr Signalement!“ riefen die Uebrigen, „wir wollen sie auch
kennen, wenn wir ihr begegnen.“
„Das ist leicht zu geben: groß, schlank, blond, Wangen zum Küssen, Mund
zum Küssen“ .... --
„Tosca Beiron!“ unterbrach ihn Friedrich; „einzige Tochter des General
Beiron allhier!“
„Richtig! sie ist’s! sie ging am Arm eines alten Schnurrbarts!“ jubelte
Jener; „also, Tosca Beiron.“
„Aber warum sagst Du, Friedrich, daß sie die einzige Tochter des
Generals sei?“ fragte ein Anderer. „Die Professorin Zeller ist auch
seine Tochter.“
„Mein Junge,“ entgegnete Friedrich, „eine Professorin ist ein für
alle Mal in meinen Augen keine Tochter mehr, sondern die Frau eines
Professors, und als solche ein unerfreuliches Gebilde, das ich
respectuös und zeremoniös zu behandeln habe, besonders wenn ich bei
ihrem Manne, wie beim Professor Zeller, Collegia höre. Wie in aller
Welt sollte mir einfallen, solch ein Wesen in die junge, frische,
allerliebste Categorie der Töchter zu stellen! Nein! der General
Beiron hat nur eine Tochter, die da verdiente von Sigismund Forster
beschrieben und von mir nach dem Signalement auf der Stelle erkannt
zu werden; und das ist Tosca. Auf ihr Wohl! gelt, Sigismund?“ Er hielt
sein Glas hin.
„Sie lebe! und schön und glücklich!“ rief Sigismund Forster, stieß an,
trank und warf sein Glas zu Boden.
Acht Tage darauf war Ball, und Tosca Beiron dessen Königin. So wie sie
den Saal betrat, war sie umringt und hatte alle Tänze vergeben, ehe
Sigismund Forster, der nicht zudringlich sein mochte, nur daran denken
konnte, sich ihr zu nähern. Sie trug ein einfaches weißes Florkleid
und einen Kranz von rothen Rosen auf ihrem schönen blonden Haar. Sie
war selbst wie eine eben erblühende Rose, siebzehn Jahr alt, lieblich,
heiter, unbefangen, vielleicht zu unbefangen, zu bewußt ihrer Schönheit
und der Siege, welche durch sie zu erringen sind. Indessen, ihre Jugend
und Grazie milderte das. Ein Beobachter hätte vielleicht gesagt: das
junge Mädchen wird übermüthig werden; -- aber er durfte noch nicht
sagen: sie ist es. Sigismund dachte heimlich: sie sieht ein wenig
schnippisch aus, und das ist nun ganz und gar anbetungswürdig. Er bat
sie um einen Walzer. Sie sah in dem Schreibtäfelchen nach, welches sie
am Gürtel trug, und bedauerte sehr keinen mehr übrig zu haben. Dann um
einen Galopp. Auch die waren sämmtlich vergeben.
„Und welchen Tanz werden Sie die Gnade haben, mir allendlichst zu
schenken, mein Fräulein?“ fragte er darauf.
Tosca untersuchte abermals ihr Täfelchen.
„O ich bitte!“ rief er, „nur keinen von den dort verzeichneten Tänzen!
Die alle sind nicht für mich; sondern einen andern.“
Tosca sah ihn an. Bis daher hatte sie nur einen Tänzer in ihm gesehen;
jetzt war sie durch den ungewöhnlich schönen jungen Mann überrascht,
der so dringend und mit so wohlklingender Stimme um einen Tanz bat. Mit
großen Augen sah sie ihn an; dann schlug sie die Augen nieder, weil er
sie fixirte, und sagte endlich, munter auf ihr Täfelchen deutend:
„Wenn die hier verzeichneten Tänze getanzt sind, ist der Ball aus.“
„Warum denn?“ entgegnete Sigismund ganz verwundert. „Befehlen Sie nur,
und es wird mehr getanzt.“
Tosca sah ihn wieder an, wie um sich zu überzeugen, was für eine Art
Mensch denn eigentlich vor ihr stehe, ob ein Geck, ob ein zudringlicher
Gesell, ob ein roher Bursche. Nichts von dem Allen. Sigismund Forster
sah vollkommen wohlerzogen aus. Ein kleines halbunterdrücktes Lächeln
glitt über ihren allerliebsten Mund.
„Ja,“ sagte Sigismund, als ob er dies Lächeln beantworten müsse, „ja,
es würde mich sehr glücklich machen, wenn Sie mir einen Tanz gönnen
mögten.“
In dem Augenblick näherte sich ihnen schüchtern ein junger Mann, und
Tosca rief ihm mit einem zauberhaften Lächeln zu, indem sie ihre Hände
bittend zusammenlegte:
„O Herr von Geldern, welch’ eine unerhörte Confusion hab’ ich gemacht!
Bitte, bitte! nehmen Sie es nicht übel. Nicht wahr, den dritten Walzer
hatte ich Ihnen gegeben?“
„Sie waren so gnädig,“ antwortete Herr von Geldern.
„Und sehen Sie -- diesen dritten Walzer hatte ich schon versagt,“
sprach Tosca erröthend und machte mit der Hand eine leise Bewegung, die
auf Sigismund wies.
Herr von Geldern verbeugte sich und zog sich zurück, ohne ein Wort zu
sagen. Sigismund Forster hatte den Takt, nichts weiter zu sagen, als:
„Der dritte Walzer also,“ und mit einer tiefen Verbeugung ebenfalls
zurückzutreten.
Tosca dachte bei sich selbst, um ihr Gewissen zu beschwichtigen: „Auf
dem nächsten Ball will ich den Cotillon mit Geldern tanzen, er ist
immer so bescheiden!“ --
Dergleichen kleine Ball-Unredlichkeiten hat jedes junge Mädchen
begangen. Es darf nicht zu dem Einen sprechen: Mit Ihnen mag ich
nicht -- und zu dem Andern: Mit Ihnen mögt’ ich gern tanzen. Es muß
die Aufforderung annehmen, und es nimmt sie auch an, schon aus bloßer
Furcht vor der Möglichkeit, einen Tanz sitzen zu bleiben. Aber dann
treten kleine absichtliche Unordnungen ein, um die Tänze, welche
regelrecht vergeben sind, nach Lust und Laune zu tanzen, und da weiß
das junge Mädchen es sehr geschickt anzufangen, daß grade derjenige zu
leiden habe, den es als so schüchtern, so wohlerzogen, oder so ergeben
kennt, daß er es ihr nicht nachtragen wird, und für den es sich, trotz
dieser guten Eigenschaften, nicht im Geringsten interessirt. Einen
solchen Patito hat das junge Mädchen, und es nimmt sich sehr in Acht,
einen Andern als ihn zu verletzen oder zurückzusetzen. Ohne ein wenig
List und Grausamkeit geht es nun einmal nicht in der Welt, und im
Ballsaal machen wir unsere Vorschule durch.
Sigismund tanzte keinen Schritt vor dem dritten Walzer. Friedrich und
mehre seiner Freunde neckten ihn mit seiner Unbeweglichkeit.
„Ich muß Euch aufrichtig gestehen,“ sagte er lustig, „ich begreife
nicht Euren Muth, wie Ihr wagen mögt, Euch mit diesen Tänzerinnen zu
präsentiren.“
„Ah! und wem willst denn Du Dich präsentiren?“ rief Friedrich.
„Nun, dem ganzen Ball,“ entgegnete Sigismund.
„Und hab’ ich mich etwa schlecht präsentirt?“ fragte Friedrich weiter,
der eben mit Tosca getanzt hatte.
„O, Du lieber Bruder,“ sagte Sigismund lachend, „Du bist schon ein Jahr
hier, Dich kennt man, Du hast nicht mehr nöthig, an einen glänzenden
Eintritt zu denken, wie ich Fremdling. Aber ich tanze lieber gar nicht,
als mit so einem winzigen, eckigen Grashüpfer, als Deine Tänzerin im
ersten Walzer war.“
„Grashüpfer!“ wiederholte Friedrich, „das ist ein guter Name. Fortan
soll sie gar nicht anders heißen. Aber ich habe auch einen Namen
erfunden, und zwar für die Tosca Beiron.“
„Und der heißt?“ fragte Sigismund gespannt.
„Dornenröschen! So schnippisch, so kurz angebunden ist mir in meinem
Leben kein Mädchen vorgekommen. Es wird ihr zu viel weiß gemacht, und
das taugt den Frauenzimmern nichts.“
Das Orchester spielte den dritten Walzer und Sigismund eilte zu Tosca.
Tanz ist Tanz, meint man, und wenn zwei Personen nur Takt zu halten
verstehen, so muß es ziemlich einerlei sein, mit wem man sich im Saal
herumdreht. O mit nichten. Man versuche es nur einmal beim Gehen! Man
nehme nur einmal den Arm und lasse sich führen, die Treppe herunter,
oder nur über die Straße; welch ein Unterschied! Man kann nicht Schritt
halten, man wird müde, man wird gestoßen, der Arm, der Schutz und
Stütze sein soll, wird zur Last, zur Unbequemlichkeit; ganz lahm kann
man davon werden, wenn’s lange dauert, und ganz verdrießlich. Und
dann ein anderer Arm! Da geht man mit demselben Schritt, da hat man
dieselben Bewegungen, da passen Gang und Haltung so genau zusammen, daß
Keiner den Andern genirt, da sieht der Mann nicht gehemmt und die Frau
nicht übereilt aus. Wie viel mehr ist das beim Tanz der Fall, wo man,
von Melodien getragen, gleichsam in höherer Sphäre geht, und folglich
durch den Mittänzer sehr gehoben und sehr gefesselt werden kann.
Sigismund tanzte mit Tosca, als ob er sie trage.
„Welch eine liebliche schwebende Musik hat dieser Walzer,“ sagte sie
freundlich. Und es war doch nur eine ganz gewöhnliche Tanzmusik.
Sie machten die oberflächliche Unterhaltung einer ersten Bekanntschaft,
und Sigismund fand, daß Tosca auf keine Weise den Beinamen verdiene,
welchen Friedrich ihr gegeben. Sie war fröhlich und gesprächig, und
hatte zuweilen ein allerliebstes schelmisches Lächeln. Dies Lächeln
wird ihn aus dem Häusel gebracht haben, den armen Friedrich, dachte
Sigismund heimlich; er ist zuweilen ein bischen schwerfällig.
Mit diesem dritten Walzer begann und beschloß sich der Ball für ihn. Er
tanzte nicht mehr, aber er sah Tosca tanzen, und es war ihm, wenn sie
an ihm vorüber schwebte, als sehe sie ihn bald fragend, bald freundlich
an. Und allerdings verwunderte es sie sehr, daß ein so ausgezeichneter
Tänzer so gar wenig Freude am Tanz zu finden scheine, und doch einen
ganz besondern Werth auf einen Walzer mit ihr gelegt habe. Nach dem
Cotillon verließ sie den Ball.
„Die Lampen brennen ganz dunkel vom Staube,“ sagte Sigismund, der ihr
bis zur Thür nachgeblickt, zu einem Freunde; „komm, laß uns gehen.“
„Gehen, trinken, spielen -- was? welch Verbum willst Du conjugiren?“
antwortete der.
„Alle drei!“ rief Sigismund; „und nimm Dich nur in Acht! heut hab’ ich
Glück.“
Als Sigismund Forster um acht Uhr früh statt ins Collegium -- zu
Bett ging, hatte er nicht blos das Glück gehabt, hundert Louisd’or
zu gewinnen, sondern das größere noch, daß seines Freundes Kasse sich
grade in hoher Flut befand, so daß der ihm auch wirklich seinen Gewinn
auszahlte.
Tosca Beiron saß im Wohnzimmer ihrer Mutter am Stickrahmen im Fenster,
und nähte sehr eifrig Tapisserie, während sie ganz leise, mehr mit den
Gedanken als mit den Lippen die Melodie des Walzers summte, welchen sie
mit Sigismund getanzt. Sie lehnte sich im Stuhl zurück, betrachtete
ihre Arbeit aus der Ferne, und fand die Theerose, die sie eben
gestickt, ungewöhnlich schlecht schattirt. Um ihr Werk zu verbessern,
sah sie die wirkliche Theerose an, die in ihrem Fenster blühte. Sie
stützte ihren Kopf in die Hand, und betrachtete gedankenvoll die zarte
Blume. Da glitt ihr Blick auf die Straße hinab. Sigismund Forster
ging vorüber mit einer Mappe unter dem Arm. Er schlenderte nur so hin,
und blickte rechts und links; dabei gewahrte er sie, und grüßte. Sie
dankte erröthend. Dann sah sie fast unwillkürlich, und gewiß ohne sich
Rechenschaft davon zu geben, nach der Uhr. Es fehlten zwei Minuten an
eilf. Er geht also hier vorüber in die Vorlesung, und gewiß täglich --
dachte sie. Nie war ihr eingefallen, von ihrer Arbeit auf- und nach
den jungen Leuten hinzublicken, die, oft nur ihretwegen, über die
Straße gingen. Nie war ihr eingefallen, von ihrem Fenster aus einen
Gruß anzunehmen, oder gar zu erwiedern. Aber für Sigismund Forster
machte sie fortan eine Ausnahme. Täglich ging er um zwei Minuten vor
eilf Uhr vorüber, und täglich dankte ihm Tosca für seinen bescheidenen
Gruß mit einer sanften Neigung ihres zierlichen Kopfes. Um zwölf Uhr,
nach beendeter Vorlesung, ging er wieder vorüber; auch wol Nachmittags,
und jedes Mal sah sie ihn zwischen ihren Blumen hindurch; aber dann
grüßte sie nicht mehr. Sie dachte: guten Morgen dürfe sie wol auf diese
Weise sagen, doch mehr nicht. Sie hätte gern etwas über ihn erfahren,
woher er sei, was er studire; allein es war ihr ganz unmöglich, direct
nach ihm zu fragen, erstens weil es sie verlegen machte, und zweitens
weil sie nicht wußte wen; denn ins Haus ihrer Eltern kam Niemand von
diesen jungen Leuten anders, als auf ganz besondere Empfehlung, und
dann machte ihre Mutter mit ihnen die Unterhaltung, und sie konnte nur
ein oder das andere Wort dazwischen werfen. Bei ihrem Schwager hatte
sie einmal versucht indirect zu fragen nach seinen Zuhörern, und nach
diesem und jenem; allein ihr Schwager war Arzt, und liebte als solcher
genaue und klare Fragen und Antworten, so daß er sie ganz und gar nicht
verstand. Tosca dachte heimlich und ein wenig verdrießlich: Ach, wie
konnt’ ich nur meinen Schwager fragen! Unter dessen Zuhörern wird ~er~
ja nicht sein. Rezepte und Arzeneien und Krankenzimmer, und all die
fatalen Sachen sind sehr gut für den lieben Zeller -- aber nur nicht
für ihn. Ob er nicht studirt .... wie man König wird? -- --
Eines Morgens kam Tosca zu ihrer Schwester. Sie hörte lebhaft im Zimmer
reden, und war schon im Begriff, vor der Thür wieder umzukehren, weil
sie glaubte, ihr Schwager könne einen ernsthaften, langweiligen Besuch
haben, als plötzlich eine klingende Stimme ihr Ohr traf, ~die~ Stimme,
welche zu ihr gesagt hatte: Es würde mich sehr glücklich machen, wenn
Sie mir einen Tanz gönnen mögten. Sie erröthete vor Freude, sie war
ganz sicher, sich nicht zu irren. Sie blieb noch einen Augenblick
vor der Thür stehen, um die kleine freudige Bewegung vorüberziehen zu
lassen; dann trat sie ein. Sigismund Forster, Friedrich und noch ein
dritter junger Mann waren bei ihrer Schwester. In Sigismunds Augen
ging eine Freudensonne auf. Tosca sah es wol, und daher blieb sie ganz
ruhig; so bringt es die Taktik mit sich! aber sie war glänzend schön,
wie vom Morgenroth umstralt. Man sprach -- was man denn so zu sprechen
pflegt. Die Professorin Zeller war eine beschränkte, hausmütterliche
Frau, die den jungen Männern gute Rathschläge ertheilte, wie sie es
anfangen müßten, um nicht zu viel Geld auszugeben, und die fast jede
ihrer Phrasen mit den drei, für sie heiligen und unumstößlichen Worten
begann: „Mein Mann sagt.“ Endlich richtete Sigismund das Wort an Tosca
und fragte, ob sie den nächsten Ball besuchen werde.
„Ich hoffe es,“ entgegnete sie mit stralenden Augen.
Die drei jungen Männer baten sie sogleich, ihnen einen Tanz aufzuheben.
Aber sie verneinte es standhaft.
„Ich weiß noch nicht, ob der Papa es erlaubt,“ sagte sie.
„Aber auf den Fall,“ bat Sigismund.
„Dann können wir ja auf dem Ball selbst darüber sprechen,“ erwiederte
sie.
„Warum willst Du Dich denn nicht vorher engagiren, Tosca?“ fragte die
Schwester; „ich dächte, es wäre doch sehr angenehm, im Voraus einiger
Tänze sicher zu sein.“
„O, was das betrifft, liebe Marie,“ sagte Tosca nachlässig .... --
„Nur nicht übermüthig!“ unterbrach die Professorin Zeller mit
seinsollender Bescheidenheit, und drohte der Schwester mit aufgehobenem
Finger.
„O gar nicht!“ rief Tosca mit ihrem reizend schelmischen Lächeln; „ich
fürchte nur mein schlechtes Gedächtniß. So lange vorher .... könnt’ ich
leicht die Engagements vergessen.“
Es ist der Instinkt der Frau, dem Manne die Sicherheit seines Glücks
-- nicht zu geben. Hat sie’s gethan, so ist sie nicht mehr frei. Um
den Verlust der Freiheit verschmerzen zu lassen, muß man lieben. Bei
siebzehn Jahren liebt man noch nicht; man versucht es erst. Daher ist
in den jungen Mädchenköpfen oft eine so wunderliche Verschrobenheit
oder Exaltation. Das Herz mögte seine starken Schwingungen machen, aber
es hat sich dazu noch nicht Raum in der Brust geschaffen, und weiß noch
nicht, ob es für den mächtigen Schlag den Athem lang’ genug haben wird.
-- Tosca verbrauchte einstweilen ihren Athem zum Tanzen und Singen.
Als die jungen Männer ihren Besuch beendet hatten, sprang Sigismund mit
einem Satz aus der Hausthür mitten auf die Straße, und sagte halblaut:
„Welch ein unerhörtes Glück!“
„Ja,“ sagte Friedrich, „Dornenröschen war heute ungewöhnlich gnädig;
aber es ist doch eine wunderliche Laune, daß sie sich nicht zum Tanz
versagen will.“
„Wozu auch?“ rief Sigismund. „Man braucht ja nur auf dem Ball der Erste
zu sein, und diese Aufmerksamkeit darf sie doch wol erwarten.“
Er nahm seine Freunde, jeden unter einen Arm, und sie gingen zum
Speisen in den Gasthof zum Stern. Tosca blieb aber der Gegenstand
ihres Gespräches; wenigstens wußte Sigismund es immer wieder auf sie
zu bringen, und Friedrich fing schon an, ihm zu erklären, daß er nach
grade langweilig werde.
„Thut mir leid für Dich,“ entgegnete Sigismund fröhlich; „ich meines
Theils bin in meinem Leben nicht muntrer und besser aufgelegt gewesen,
und ich wünschte nichts, als die Gewißheit einer solchen täglichen
Begegnung.“
Er ließ Champagner bringen. „Das geschieht ihr zu Ehren, daß Ihr’s
wißt!“ sagte er; „nur der Champagner verdient’s, daß darin auf ihr
Wohl getrunken werde. -- Tosca Beiron, Tosca Beiron, Blume deutscher
Mädchenschaar“ .... --
Friedrich lachte laut auf: „Pascal Vivas, Pascal Vivas, Blume
span’scher Ritterschaft!“
„Du parodirst Uhland in Deiner Extase,“ sprach der Dritte.
„Was kümmert’s mich,“ rief Sigismund launig, „daß Uhland schon früher
meine Verse gebraucht hat. Es ist eine große Ehre für seinen Pascal
Vivas, daß sie mir grade jetzt einfallen.“
„Weißt Du auch den Anfang, mein Junge? -- In den abendlichen Gärten
-- Ging die Gräfin Julia -- Es wär’ doch hübsch, wenn Du es auch zu
solchem Ritterdienst bringen könntest. Nur schade, daß sie nicht Gräfin
ist.“
„Schade?“ fragte Sigismund gedehnt.
„Schade, weil’s so gewissermaßen feierlich und poetisch klingt: Gräfin
Tosca!“
„Wäre Tosca Beiron Gräfin“ .... -- rief Sigismund sehr lebhaft und
schwieg plötzlich.
„Nun?“ fragte der Andere gespannt.
„So wäre sie mir so gleichgültig wie ~das~,“ sagte Sigismund,
und schnippte mit Daumen und Zeigefinger den Kork von der
Champagnerflasche.
„Dies finde ich unbegreiflich,“ sagte Jener und veränderte sichtlich
die Farbe.
„Nimm’s nicht übel, lieber Bruder,“ entgegnete Sigismund freundlich,
„Du bist Graf Hohenberg und ich bin Dir eben so gut, als wärest Du
Herr Hohenberg. Mit den Männern ist’s was Andres! Die werden vom
Leben anders durchgebildet. Allein die Frauen Deines Standes sind
im Durchschnitt zu verschrobene Geschöpfe, als daß ich nicht eine
unüberwindliche Abneigung gegen sie haben sollte.“
„Und doch ist Tosca Beirons liebenswürdige und verständige Mutter --
Gräfin,“ sagte Hohenberg.
„Was?“ rief Sigismund und stellte erblassend sein Glas auf den Tisch.
„Ja, ja! ich sage Dir eine Gräfin, und noch dazu vom alten Reichsadel;
ich kann mich nur eben nicht auf ihren Namen besinnen.“
„Und hat eine solche Mißheirath gemacht?“ rief Sigismund bitter.
„Eine Mißheirath?“ entgegnete Hohenberg erstaunt; „nun, das muß ich
sagen, Du ziehst scharfe Grenzlinien, wenn Du findest, daß der Freiherr
von Beiron-Königsegg eine Mißheirath für irgend eine Gräfin unter der
Sonne ist.“
„Und wer ist der Freiherr von Beiron-Königsegg?“ fragte Sigismund.
„Mein Gott, der General, Tosca’s Vater!“ riefen Hohenberg und Friedrich
aus einem Munde.
„Ah, sie ist also ein Fräulein ~von~ Beiron!“ sprach Sigismund langsam
und nachdenklich.
„Nichts anders! stiftsfähig und hoffähig, wie Eine, die es von
väterlicher und mütterlicher Seite wol bis zu zweiunddreißig Ahnen
bringen mag.“
„O zum Teufel die Ahnen!“ sprach Sigismund und zerknickte sein
Champagnerglas.
Hohenberg fuhr heftig auf.
„Meine Jungen, meine Jungen!“ sagte Friedrich begütigend, „habe Tosca
Beiron zweiunddreißig Ahnen oder gar keine, sie bleibt ja immer das
holdselig schnippische Dornenröslein, und das ist für ein Mädchen die
Hauptsache; -- denn mit ihrer Schönheit verzaubert sie uns Alle, und
daran liegt jedem Mädchen mehr, als an ihren vermoderten Ahnen. Ein
Beispiel ist Tosca’s Schwester.“
Sigismund schlug ein schallendes Gelächter auf.
„Lieber Bruder!“ rief er, „der guten Frau, so unschön, so geistlos, und
ich glaube gar ein wenig bucklich, ist wohl Niemand sonst zu verzaubern
vorgekommen, als der würdige Professor Zeller. Frag’ einmal Fräulein
Tosca ~von~ Beiron, ob sie wird einen Arzt heirathen mögen.“
„Ich sehe nicht ein, weshalb sie grade für einen Arzt eine besondere
Liebhaberei haben sollte, wenn ich nicht etwa dieser Glückliche wäre.
Das, ja das würde mir ganz begreiflich sein,“ entgegnete Friedrich.
„Uebrigens aber -- wer denkt denn gleich ans Heirathen? Man plaudert
mit einem Dornenröslein, man tanzt mit ihm, man neckt es, man bekommt
schnippische Antworten und -- wenn’s Glück ungeheuer gut ist ....
könnte man wol gar einen Kuß erobern.“ .... --
„O,“ rief Sigismund sehr heftig, „jetzt könnte mir diese Tosca einen
Kuß geben wollen -- ich nähm’ ihn nicht.“
„Holla! Holla!“ rief Friedrich, „ein Kuß ist immer eine ganz
allerliebste Sache, von der man beileibe nicht so wegwerfend reden
darf, Freund Sigismund Forster, möge er nun bei der Tochter des
Großmoguls oder des Scharfrichters zu finden sein.“
„Und Tosca Beiron wird ihn Dir auch schwerlich geben wollen,“ sagte
Hohenberg gleichzeitig.
„Und wenn sie tausend Mal wollte!“ rief Sigismund; „ich, Sigismund
Forster, würde nicht wollen! und meine Lippen sollten verdorren, wenn
sie sie küßten!“ .... --
„Und das Alles, weil Tosca Beiron die Tochter einer Gräfin und eines
Freiherrn ist?“ rief Hohenberg geärgert; „ich muß Dir sagen, mein
lieber Bruder, daß ich das mehr wie sonderbar finde.“
Am andern Morgen schlug sich Sigismund Forster wegen des Kusses
von Tosca Beiron, den er ~nicht~ wollte, mit seinem guten Freunde
Hohenberg, verwundete ihn im Arm, und bekam von ihm eine Schmarre über
die linke Wange.
Ein Paar Tage hindurch blickte Tosca Beiron umsonst zwei Minuten vor
eilf Uhr auf die Straße hinab -- umsonst! denn Sigismund Forster ging
nicht vorbei! und weder dann, noch Mittags, noch Nachmittags. Was war
ihm widerfahren? sie hatte alle Zeit, sich mit Beantwortung dieser
Frage abzuquälen, und tausend Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu
ersinnen. Endlich! endlich! sah sie ihn die Straße herauf kommen, mit
der Mappe unter dem Arm, und mit einem breiten schwarzen Taftstreif
über die linke Wange. Sie freute sich so, daß sie die Hand über die
Augen legte, um deren Jubel zu beschwichtigen. Allein sie hätte diese
Vorsicht nicht nöthig gehabt, denn Sigismund Forster ging vorüber
ohne aufzublicken, geschweige zu grüßen. Tosca glaubte sich getäuscht
zu haben. Ganz verwundert dachte sie: Wie doch so ein schwarzes Band
übers Gesicht verändert! Ich hätte darauf gewettet, ~er~ sei es ....
und er war’s doch nicht .... o, unmöglich! -- Um zwölf Uhr kam er
aus der Vorlesung zurück. Sie gab genau Achtung, sie erkannte ihn
unwidersprechlich; er war’s, aber er ging vorüber ohne aufzublicken
und ohne zu grüßen. Ihr sanken die Hände in den Schooß vor traurigem
Erstaunen. Sollte er es übel genommen haben, daß ich mich neulich nicht
mit ihm zum Tanz engagiren wollte? fragte sie sich heimlich. Seit dem
Tage ist er zuerst verschwunden, und ~so~ wiedergekehrt. Ich hatte
aber eine bessere Meinung von ihm. -- Sie suchte sich zu zerstreuen;
sie stickte emsig, sie sang, und dazwischen tauchte immer die Hoffnung
auf, daß sich auf dem Ball Alles erklären und ausgleichen werde. Ob
Herr von Geldern, ob Friedrich, ob Graf Hohenberg ihr eine kleine
Laune übel genommen hätten, darüber hätte Tosca muthwillig gelacht oder
gleichgültig die Achseln gezuckt; aber Sigismund Forster? -- Sie war
nicht im Stande, sich Rechenschaft darüber zu geben, weshalb sie grade
ihn um keinen Preis verletzen möchte.
Am nächsten Morgen, als Sigismund vorüber ging, bückte sich Tosca tief
auf ihre Arbeit, so daß er sie nicht gewahr werden konnte, wenn er etwa
heimlich doch zum Fenster hinaufblickte. Dann hob sie rasch den Kopf
-- und siehe! er ~hatte~ herauf gesehen, ihre Blicke begegneten sich.
Aber blitzschnell wendete Sigismund den Kopf auf die andere Seite, und
Tosca dachte: Richtig! er hat mir irgend etwas übel genommen ... aber
in aller Welt was?
So vergingen die Tage bis zum Ball. Dadurch, daß Sigismund immer
pünktlich an Tosca’s Fenster vorüber ging, zeigte er ihr, daß er
sie nicht sehen wollte. Sie hoffte auf den Ball! sie traute sich zu,
durch einige Worte die Mißstimmung zu vernichten, in welche Sigismund,
sie begriff nicht, wodurch? ihr gegenüber gerathen war. Sie kleidete
sich mit äußerster Sorgfalt an. Sie schmückte sich nicht, aber sie
wählte die Blumen, die Farben, die ihr besonders gut standen, und
zuversichtlich, freudig, betrat sie den Ballsaal. Sigismund stand
der Eingangsthür zehn Schritte gegenüber und mit dem Gesicht ihr
zugekehrt. So wie Tosca mit ihren Eltern erschien, fixirte er sie einen
Moment ganz starr, und trat darauf in eine Gruppe hinein, ohne sie zu
grüßen, ja, ohne nur zu thun, als ob er sie kenne. Eine unermeßliche
Traurigkeit drückte Tosca’s Herz zusammen. Was habe ich ihm gethan?
fragte sie sich heimlich; und dann setzte sie schnell hinzu: Er ist
übermüthig; weil er besser aussieht, als jeder Andere, bildet er sich
gewiß ein, ich würde mich sehr um seine Vernachlässigung grämen! doch
daraus soll nichts werden. -- Sie nahm sich zusammen, sie empfing alle
Ansprachen der Tänzer, sie war munter, ungezwungen, sie versprach ganz
von selbst dem Herrn von Geldern den Cotillon; sie sah gar nicht hin
nach Sigismund. Allmälig zwang sie sich nicht mehr zur Heiterkeit, sie
wurde wirklich heiter, sie fühlte sich befreit von dem unbegreiflichen
Interesse, welches sie bis daher für Sigismund ganz unwillkürlich
empfunden. Nie war sie schöner gewesen, und nie anmuthiger. Es war,
als ob sie sich in ihrer ganzen Lichtseite zeigen, und all ihre kleinen
Sonnenflecke vergessen machen wollte.
„Heut ist Tosca Beiron wahrlich kein Dornenröslein,“ sagte Friedrich,
nachdem er mit ihr getanzt hatte, ganz in Extase zu Sigismund, „sondern
eine Rose ohne Dorn.“
„Wie Herr Walter von der Vogelweide bereits vor einem halben
Jahrtausend von der Kaiserin Irene gesagt und gesungen,“ erwiederte
Sigismund spöttisch und wandte sich ab.
Er langweilte sich. Hätte er Tosca anders als triumphirend gesehen,
so würde es ihn interessirt haben, sie aufs genaueste zu beobachten;
jetzt, in ihrem Uebermuth, wie er es nannte, hatte er nicht Lust dazu.
Und doch mochte er nicht den Ball verlassen. „Sie könnte meinen, ich
ginge gelangweilt fort, weil ich mich nicht mit ihr beschäftige,“
sprach er heimlich; „ich muß nur tanzen! Aber mit wem denn? wie sie
Alle, Alle so unhübsch, ungraziös, unbedeutend neben ihr aussehen!
Gleichviel! getanzt muß werden!“ --
Er wählte aufs Gerathewohl eine Tänzerin. Es war die junge Person,
welche er auf dem vorigen Ball Grashüpfer genannt, und er trat mit
ihr zum Tanz an -- er wußte selbst nicht, zu welchem Tanz. Es war
eine Française, und Tosca tanzte ihm gegenüber. Alles ging charmant!
Sigismund tanzte mit einem Ernst, als ob es gelte, ein Examen des
Tanzes zu bestehen, und wendete nicht eine Secunde den Blick von seiner
Tänzerin ab. Tosca tanzte wie immer; nur erschien ihre Gestalt noch
graziöser, ihre Haltung noch schwebender neben den springenden und
beweglichen Sätzen des kleinen Grashüpfers. Jetzt kam eine Tour im
Contretanz, wo Tosca und Sigismund einander die Hand geben mußten, und
da konnte er nicht vermeiden, den Kopf zu ihr zu wenden. Er that es
mit einem peinlichen Gefühl, denn er wußte wol, daß sein Benehmen gegen
Tosca nicht schicklich sei. Hätte sie ihn spöttisch oder nur schelmisch
angesehen, so würde er sich dennoch in seinem guten Recht ihr gegenüber
gefühlt haben; allein der traurig ernste Ausdruck seines Gesichts
frappirte sie, und sie sah ihn sanft an, mit großen erstaunten Augen,
die zu fragen schienen: Aber was fehlt Dir denn, daß Du so verändert
bist? Das rührte ihn. Er schlug unwillkürlich die Augen nieder, um sie
nicht freundlicher anzublicken, als er wollte, und seine Hand zitterte.
Es lagen nur die Spitzen von Tosca’s Fingern in dieser Hand; allein sie
fühlte es doch! ... Da wurden sie getrennt durch eine neue Tour.
Nach beendetem Contretanz ging Sigismund ins Büffetzimmer, hielt
einige Freunde durch Champagner fest, und kehrte nicht in den Ballsaal
zurück. Tosca blieb den ganzen Abend gedankenvoll. Sie konnte sich
sein Benehmen nicht erklären. Wenn Uebermuth darin lag, so war es doch
nicht der allein! das hatten ihr der traurige Blick und die zitternde
Hand gesagt. Den Uebermüthigen würde sie sehr bald vergessen und
ihn auf gleiche Weise behandelt haben. Der Traurige beschäftigte sie
unablässig. Mit dem Gedanken an ihn blieb sie auf dem Ball, und kehrte
erst in tiefer Nacht heim. „Der Ball war matt ... heute!“ sprach sie
nachdenklich, als sie den Blumenkranz aus dem Haar nahm. „Ich glaube,
ich werde schon zu alt für den Tanz. So recht großes Vergnügen ... wie
neulich -- machte er mir nicht mehr.“ Sie entschlief und träumte von
Sigismund.
Von nun an ging Sigismund Forster nicht mehr an Tosca Beirons Fenster
vorüber. Sie grämte sich und er -- grämte sich noch mehr.
Woran hängen unsre Schicksale? Oft an Einflüssen, die, unabhängig von
uns, um unsre Wiege gewaltet haben! oft an Eindrücken, die sich in
unsre Seele ätzten, als sie sich zum ersten Mal dem Bewußtsein öffnete!
oft an Begegnissen, die sich der reizbaren Empfänglichkeit eines Kindes
unwiderstehlich bemeistern und ihm Zu- und Abneigungen einflößen,
deren es dann in seinem ganzen Leben nicht wieder Herr wird. Es mögte
interessante Aufschlüsse über manche Eigenthümlichkeiten der Menschen
geben, wenn man wüßte, welcher Empfindung sie sich in der Kindheit
zuerst bewußt worden sind. Die meine war Bangigkeit, ungeheure,
namenlose, verzweiflungsvolle Bangigkeit. Ich war ganz klein damals, so
klein, daß Jahre folgen, von denen ich nicht die geringste Erinnerung
habe, also vielleicht zwei oder drei Jahre alt. Es war in Remplin und
ein großer Maskenball, und ich armes kleines Geschöpf dazwischen!
Wie ich dahin gekommen, ob man mir einen Spaß machen wollte, ob
ich selbst dahin verlangte -- ich weiß es nicht! Aber ich war da,
zwischen den unheimlichen, fabelhaften, vermummten Gestalten, mit
Gesichtern ohne Augen, zwischen der Musik, dem Gewühl, den Lichtern,
dem konfusen Tumult solchen Festes. Ich war halbtodt vor Angst; ich
weinte, zuletzt schrie ich Zeter; da ward ich denn fortgebracht. Und
dann war ein Feuerwerk auf der großen Pelouse hinter dem Schloß, und
mein Vater, der mich abhärten und meine Nerven stählen wollte, bestand
darauf, daß ich es ansehen sollte. Nun war aber dies große, wilde,
grelle Feuer, und die Detonation der Schwärmer und Raketen, und die
Menschenmasse bald flammend beleuchtet, bald schwarz und finster, und
wieder dieser Tumult -- etwas so Grauenvolles für mich, daß ich wieder
in unerhörtes Geschrei ausbrach. Da aber mein Vater wollte, daß ich
bleiben sollte, so blieb ich, und ertrug bis zum letzten Augenblick
die Marter eines Festes, das wahrscheinlich allen übrigen Anwesenden
großes Vergnügen machte. Mein Gott, das ist ein halbes Menschenleben
her! Doch ich glaube, daß meine traurige Scheu vor Allem, was Lärm und
Tumult, sogar der eines Festes und des Vergnügens ist, sich von jenem
entsetzenvollen Moment herschreibt; und daß der Eindruck, welchen die
Maskenball-Gesellschaft auf mich machte, mich durch mein ganzes Leben
in der Gesellschaft begleitet hat, und begleiten wird. Ja, ja, das sind
die Gesichter ohne Augen aus Remplin! Wie viel tausend Mal hab’ ich mir
das ganz unwillkürlich und ganz überzeugt gesagt, wenn ich in einen
Gesellschaftssaal trete. Nur wein’ ich nicht, so wie damals; o nein!
ich lache eher, und wohl gar ein wenig spöttisch und hochfahrend, um
mir die Larven nicht allzu nah kommen zu lassen, aber ob mir innerlich
nicht ganz beklommen dabei zu Muth ist ... das ist die Frage! --
Ich erzähle diese kindische Geschichte nur als ein Beispiel von der
Heftigkeit früher Eindrücke. Daß man diese regeln soll und beherrschen
kann, weiß ich wohl; aber dennoch glaube ich, daß die Seele dadurch
auf einen gewissen Ton gestimmt wird, möge sie auch, wie ein fügsames
Instrument, Symphonien von Beethoven oder Walzer von Strauß auf sich
spielen lassen.
Sigismund Forster ging nicht mehr an Toscas Fenster vorüber. „Sie ist
eine hochfahrende Person, wie sie Alle sind!“ sprach er zu sich selbst.
„Klagten die Uebrigen nicht sämmtlich über ihr hochmüthiges Benehmen?
Ich will nicht warten, bis sie es auch gegen mich an den Tag legt.
Und darum will ich sie auch nicht wieder sehen, nie wieder, und nicht
vorbei gehen; ich würde es nicht lassen können, sie anzusehen -- und
dann .... bekäme sie mich am Ende doch herum, mit ihren diabolisch
himmlischen Augen. Seh’ ich sie aber nicht mehr, so bring’ ich’s
vielleicht dahin, eine Andere anzusehen, und das wäre das Gescheuteste,
was ich thun könnte ... das würde mich zerstreuen.“
Er versuchte dann auch diese Art von Zerstreuung, der arme Sigismund,
während Tosca sich ganz vergeblich den Kopf zerbrach, ob Unglück oder
Unheil, Verdruß oder Krankheit ihm zugestoßen sein könne. Zuletzt
überredete sie sich, er sei zum bevorstehenden Weihnachtsfest in seine
Heimath gereist, und das beruhigte sie über seine Schicksale. Aber
zwischen Weihnachten und Neujahr begegnete sie ihm auf der Straße,
mit mehren seiner Freunde. Alle kannten Tosca, alle grüßten sie; und
Sigismund auch. Seinetwegen, oder seiner Gefährten wegen, wollte er
sich nicht absichtlich auszeichnen. Es war sehr kalt, und er sah sehr
bleich aus. Tosca bemerkte diese Blässe und seinen Gruß. „Ah! er ist
krank gewesen!“ sagte sie sich fast erfreut; „wenn er nur übermorgen zu
meinem Schwager kommt!“ --
Am Sylvesterabend gab der Professor Zeller einen kleinen Ball.
„Heut’ Abend wird’s lustig sein bei Zellers!“ sagte Friedrich beim
Mittagsessen im Gasthof zum Stern.
„Nicht lustig genug für mich,“ entgegnete Sigismund. „Ich dächte, wir
blieben unter uns.“
„Ich gewiß nicht!“ rief Friedrich.
„Ich auch nicht,“ sagte Hohenberg; „denn unter uns können wir ja
alle Tage lustig sein. Und komm doch mit, lieber Bruder, es soll ein
wunderhübsches Mädchen bei Zellers zum Besuch sein, -- eine Nichte oder
Cousine von ihm.“ .... --
„Eine Schwestertochter von ihm ist es,“ sagte Friedrich, „und sie ist
allerdings recht hübsch, wenigstens so lange sie allein ist. Aber
neulich, sobald die Tosca Beiron eintrat .... o weh! wie sah das
arme Ding aus! schwarz wie eine Zigeunerin und ungeschickt wie eine
Küchenmagd.“
„Ah, sie ist schwarz!“ rief Sigismund eifrig; „das gefällt mir! Dann
ist sie ganz gewiß schön. Schwarze Augen? schwarzes Haar?“
„Pechfinsterrabenschwarz, mein Junge!“
„Bravo! dann werden wir doch endlich mal eine wahre Schönheit zu sehen
bekommen.“
„Ich sage Dir, sie ist keine Schönheit.“
„Nun, im Vergleich zu der faden Schönheit von .... gewissen Blondinen.“
.... --
„Wenn Du etwa Tosca Beiron meinst.“ .... --
„Ja, grade sie mein’ ich!“ brach Sigismund aus.
„So muß ich Dir sagen,“ fuhr Friedrich gelassen fort, „daß Du Dich
irrst. Jenes kleine Mädchen, so munter und nett es auch ist, sieht
neben ihr aus .... etwa wie ein schwarzes Hühnchen neben einem weißen
Pfau.“
„Der Vergleich ist gut und passend!“ rief Sigismund laut lachend; „ja,
ein Pfau! -- das ist sie.“
„Ein zarter, edler, seltner, weißer Pfau -- ganz gewiß!“ beharrte
Friedrich.
„Eure Hühnerhof-Vergleiche für ein Paar hübsche Mädchen wollen mir
gar nicht behagen,“ rief Hohenberg. „Komm nur heut’ Abend zu Zellers,
Freund Sigismund, dann kannst Du doch wenigstens mit Kenntniß der
Dinge reden und Dich überzeugen, ob die kleine Fremde wirklich Deine
bereitwillige Bewunderung rechtfertigt.“
„Nein,“ sagte Sigismund, „ich mag nicht! Ich könnte mich in sie
verlieben, und das würde mir grade jetzt sehr unbequem sein --
abgesehen davon, daß man immer Verdruß und Aerger in Hülle und Fülle
dadurch hat.“
„Aerger und Verdruß? in Gottes Namen,“ sagte Hohenberg; „die gehören
nun einmal dazu, wie Senf und Pfeffer zum Salat, der ohne das gar
nüchtern und kalt sein würde. Aber was verstehst Du denn eigentlich
unter unbequem?“
„Etwas, das mich stört und mich von den Gedanken abbringt, die ich
haben mögte und sollte.“
„Und darf man in diese Gedanken eingeweiht werden, oder ihrer Richtung
folgen?“
„Warum nicht?“ entgegnete Sigismund ernst; „sie sind sehr einfach und
natürlich. Morgen werd’ ich einundzwanzig Jahr alt; seit anderthalb
Jahren soll ich studiren, und habe nichts gethan, gar nichts! Nämlich,
ich hab’ viel getrunken, viel gespielt, viel Schlägereien gehabt,
und die Universitäten sind gewiß dazu auf der Welt, daß man das Alles
aufs Gründlichste treibe! Hat man’s aber achtzehn Monat getrieben, so
wird man’s überdrüssig und das ist jetzt mein Fall. Von morgen an wird
gearbeitet .... und zwar eisern.“
„Da Du Dich entschlossen zu haben scheinst, vor der Zeit ein Philister
zu werden“ -- sagte Hohenberg ärgerlich, der seit drei Jahren auf
Universitäten nichts trieb, als -- nichts; „so wäre es viel passender,
dächte ich, auf den Zellerschen Ball gesetzt und artig in Deine
_vita nova_ überzugehen, als diese Nacht mit Wein und Karten zu
durchschwärmen.“
„Aus dem Philister wird nichts, mein Junge!“ rief Sigismund lustig;
„aus dem gesetzten Leben mach’ ich mir nichts, aber aus dem tüchtigen
viel. Und ich sage Dir ja, es wäre mir unbequem, in meinen ernsthaften
und arbeitsamen Projecten durch irgend ein Paar schwarze Augen gestört
zu werden.“
„Paperlapapp!“ sagte Friedrich; „~die~ Augen thun’s halt nicht! Hast Du
Dich doch tapfer gegen die von Tosca Beiron vertheidigt.“
„Ist er nicht possirlich mit seiner ewigen Tosca Beiron!“ rief
Sigismund und lachte.
„Possirlich?“ entgegnete Friedrich gelassen; „mit nichten, mein Alter,
nur beständig! und hauptsächlich .... beständig im guten Geschmack.“
Sigismund erröthete und fuhr auf: „Ein Geschmack, der mir zusagt, so
oder anders, ist gut.“
„Charmant! charmant!“ erwiederte Friedrich noch ruhiger, „dasselbe
meinte ich ja auch nur. Und übrigens wollt’ ich Dich nur aufmerksam
machen, daß Du Dich vor übermächtigem Einfluß schöner Augen nicht
sehr zu hüten brauchst. Du verstehst den Zauber zu brechen. Wenn ich
bedenke, in welche Extase Du vor ungefähr acht Wochen, hier, zu dieser
Stunde und in diesem Saal geriethest, als Du zum ersten Mal Tosca
Beiron sahest“ .... --
„Wahrhaftig, da ist er wieder mit seiner Tosca!“ rief Sigismund und
brach in ein so fröhliches Lachen aus, daß Hohenberg augenblicklich
einstimmte, und Friedrich selbst lächeln mußte, als er seinen Satz zu
Ende sagte:
„Und jetzt Deine Gleichgültigkeit gegen sie damit vergleiche, so
beruhigt mich das ganz ungemein über Deine ferneren Herzensschicksale.“
„Falsch! falsch! mein Junge!“ sagte Sigismund noch immer lachend.
„Damals wußte ich nicht, daß sie blaue Augen habe. Blaue Augen ....
siehst Du -- die kann ich nicht vertragen. Dabei fällt mir immer der
alte Spruch ein: Blaue Augen sind lieblich, aber sehr betrüglich.“
„Und den von den braunen kennst Du nicht? Braune Augen sind hübsch,
aber tück’sch. -- Chancen giebt’s immer, und Sonne und Mond haben ihre
Nachtseite. Graue Augen haben auch ihre Meriten, aber nicht die der
Schönheit, sondern der Tugend; denn von ihnen heißt’s: Graue Augen sind
gräulich, aber sehr getreulich.“
„Gefallen mir auch nicht sonderlich!“ rief Sigismund. „Da bleibt’s denn
schon für mich bei den schwarzen Augen, welche von keinem Sprüchlein
weder gepriesen noch getadelt werden. Aber es bleibt bei ihnen auf
meine Weise. Kennt Ihr das bairische Schnoderhüpfeln?“
„Nein,“ antwortete Friedrich verwundert.
„Das lautet so,“ sprach Sigismund und sang:
„Gelt, Du Schwarzaugeli,
Gelt für Di tauget i,
Gelt für Di wär’ i recht -- --
Wenn i Di mögt!“
„Kellner! eine Flasche Champagner!“
Einige Stunden später übersahen Tosca Beirons blaue Augen mit einem
Blick die ganze Gesellschaft im Hause ihres Schwagers, und senkten sich
betrübt zu Boden -- denn Sigismund Forster war nicht da. Sie beschloß,
um jeden Preis den Grund seiner Abwesenheit zu erfahren, und da fiel
ihr nichts Besseres ein, als geradezu Friedrich zu fragen. Der hatte
ihn bei ihrer Schwester eingeführt, folglich mußte der mit ihm in
Verbindung sein und ihr Antwort geben können. Als sie mit Friedrich
einen Walzer tanzte, ließ sie alle Tänzer mit irgend einer kleinen
Anmerkung die Revue passiren und sagte dann plötzlich, als bemerkte sie
jetzt erst seine Abwesenheit:
„Aber wo ist denn Herr Forster? meine Schwester sagte mir, er sei
eingeladen. Er ist doch nicht krank? Er ist ein so guter Tänzer, wenn
er tanzt!“ -- setzte sie hinzu, als wolle sie damit ihre Theilnahme
entschuldigen und erläutern.
„Er ist allerdings nicht ganz wohl,“ erwiederte Friedrich, der diese
kleine Unwahrheit auch schon gegen den Professor Zeller ausgesprochen
hatte, weil Sigismund dadurch sein Nichtkommen entschuldigte.
„Und wol schon seit längerer Zeit?“ fragte Tosca.
„Nein .... ganz plötzlich .... heut’ Mittag.“
„Er sah doch schon vorgestern, als ich Ihnen begegnete, recht blaß aus.“
„Ach ja, ich erinnere mich .... es ist wol schon seit vorgestern!“
sagte Friedrich ein wenig verlegen, weil er nicht recht wußte, welchen
Charakter er dieser improvisirten Krankheit geben solle.
„Sie sagen mir nicht die Wahrheit,“ rief Tosca schelmisch, „denn Sie
sehen ganz verlegen dazu aus! Bitte, weshalb hat Herr Forster nicht
herkommen wollen?“
„Nicht wollen? ach, der Arme! er kann ja nicht! Er hat ja den ganzen
Tag zu Bett gelegen.“ .... --
„So? den ganzen Tag? Sie sagten doch eben -- heut’ Mittag, ganz
plötzlich.“
„Gnädiges Fräulein, ich werd’ Ihnen die Wahrheit sagen,“ betheuerte
Friedrich ernsthaft. „Er ist allerdings unwohl, und dann ist morgen ein
wichtiger Tag für ihn, sein Geburtstag, an welchem er sich zu allerlei
guten Entschlüssen von Studien und solidem Leben fest und stark machen
will. Daher begreifen Sie gewiß, daß er den letzten Abend dieses Jahres
nicht unter Tanzmusik hinzubringen wünschte.“
„O, das begreif’ ich!“ entgegnete Tosca sanft und nachdenklich. Hätte
Friedrich ihr gesagt, daß Sigismund den Champagner mit einigen guten
Freunden den tüchtigen Entschließungen weniger hinderlich finde,
als den Ball beim Professor Zeller, so würde sich Tosca’s Theilnahme
bedeutend abgekühlt haben. Aber das mußte er aus Rücksicht für den
Professor verschweigen. Sie fragte weiter und mehr nach Sigismund.
Sie erfuhr, daß sein Vater Präsident in Paderborn, daß er selbst
der Aelteste von fünf Geschwistern sei. Jede Aeußerung Friedrichs
interessirte sie tief: daß Sigismund so ausgelassen lustig sei, und
dann wieder so ernst; scheinbar ganz hingerissen, ganz beherrscht,
und dann plötzlich eisern fest. Zuletzt erschrak sie vor ihrer gar so
großen Aufmerksamkeit, und wandte das Gespräch, allein ihre Gedanken
blieben bei Sigismund.
Sie blieben es den ganzen Abend und die ganze Nacht. Dieser
ungewöhnliche Ernst bei einem so jungen und muntern Manne gefiel ihr
außerordentlich, und daß er krank war, that ihr so leid! -- Er war
freilich nicht krank, und der Champagner schmeckte ihm sehr gut; doch
davon hatte sie keine Ahnung. Ihr Herzchen schlug für den Sigismund,
den sie verstand. -- Sie erwachte ganz früh am Neujahrsmorgen, und
mit dem Gedanken an ihn. Daß er krank, und heut an seinem Geburtstag
so allein sei, und daß vielleicht Niemand daran denke, ihm an diesem
doppelten Festtag Glück zu wünschen oder ihm eine kleine Freude zu
bereiten, fiel ihr schwer aufs Herz. Sie stand auf. Es war noch ganz
finster, und nur das letzte Viertel des Mondes warf einen matten
Schimmer über die schneebedeckte Straße. Sie öffnete die Vorhänge,
und blickte auf die leichtgefrornen Fensterscheiben. Nach einem
alten Glauben kann man am Neujahrsmorgen aus den phantastischen
Zeichnungen, welche der Frost auf die Scheiben gehaucht hat, den
Inhalt des kommenden Jahres sich prophezeihen. „Blumen und nichts
als Blumen!“ sagte sie halblaut; „das ist eine gute Vorbedeutung.“
Von den Eisblumen glitt ihr Auge auf die wirklichen, die im Fenster
blühten; auf Tazetten, Hyazinthen, auf die schöne zarte Theerose,
auf die prächtige dunkelrothe Camellia. Blumen sind lieblich -- und
besonders am Geburtstag! dachte sie, und pflückte hastig die Theerose
ab; nur schickt es sich wol nicht, daß ich ihm einen Strauß sende! Er
wird aber nicht erfahren, von wem er kommt, und ganz heimlich darf
ich mir doch wol die Freude machen, die Blumen in einen Glückwunsch
zu verwandeln! ... Und was fing’ ich jetzt an mit der Rose, die nun
mal abgepflückt ist, wenn ich sie nicht verschenkte? -- Sie brach noch
einige Blumen ab, sie mischte sie graziös mit Wintergrün und Erika,
die Theerose in der Mitte -- und der lieblichste Strauß war fertig.
Mit klopfendem Herzen und zitternden Händen legte sie ihn auf den
Tisch. Ob ich ihn nicht lieber der Mama gebe? aber die Mama ist ganz
wohl, Gottlob! dachte sie; und einem Kranken machen Blumen so viel
Freude! Das weiß ich noch, als ich vorigen Winter die Masern hatte,
und die ersten Veilchen bekam. Sie rief ihre Kammerjungfer; sie nannte
ihr Hausnummer und Straße, wohin die Blumen gebracht und schweigend
abgegeben werden sollten. Das Mädchen rief auf der Straße den ersten
besten kleinen Buben heran, und versprach ihm zehn Kreuzer, wenn er
den Strauß pünktlich da und da abliefern wolle. Der Knabe versprach es
freudig, gab den Strauß an Sigismund selbst ab, und empfing dankbar
seine Belohnung. Tosca fühlte sich beängstigt, als sie die Gewißheit
hatte, ihre Blumen wären nun in seinen Händen. Ihr einziger Trost war
der, daß er nie erfahren könne, von wem sie kämen, und daß sie ihm doch
vielleicht eine kleine Freude gemacht hätten.
Sigismund empfing den Strauß mit einigem Erstaunen. Zuerst untersuchte
er, ob nicht etwa ein Billet ihm sage, von wem. Aber nichts! Dann,
ob der Strauß nicht mit irgend einem bekannten Bande gebunden sei.
Wieder nichts! Er war durch eine Epheuranke zusammengeschlungen. Er
betrachtete die Blumen so aufmerksam, als ob sie ihm einen Namen nennen
könnten -- und siehe da! als er die Theerose erblickte, fuhr es ihm
durch den Kopf: Tosca Beiron! -- Als er ehedem unter ihrem Fenster
dahin ging, hatte er zu oft diese Blume bemerkt, um jetzt nicht die
Zusammenstellung zu machen. „Oho!“ rief er, „von ihr ist der Strauß!
von ihr! Wie kommt sie dazu, so -- zudringlich zu sein, sie, die
Hochfahrende! die Uebermüthige! O Tosca Beiron, ich habe gesagt, Deinen
Kuß wollt’ ich nicht; -- aber auch Deine Blumen will ich nicht ....
siehst Du -- ich mag Dich nicht leiden, weil .... Du blaue Augen hast;
luziferische Augen! und weil Du eine vornehme Närrin bist.“ -- Er riß
den Strauß auseinander, und ließ die schönen, von Tosca so zärtlich
gepflegten Blumen auf dem Tisch liegen. Er sann darüber nach, wie er
ihr beibringen solle, daß er ihr Geschenk verachte. Einige Freunde
störten ihn in seinen Meditationen.
„Sieh’ da! Sigismund unter Blumen, wie ein Frühlingsgott!“ rief der
Eine.
„Und welche Flora hat Dich denn mit ihren Gaben überschüttet?“ fragte
der Andre.
„Ja, ja! die Weiber kommen uns immer mit Aufmerksamkeit zuvor;“ sprach
der Dritte. „Kaum graut der Tag und wir sind bei Dir .... aber eine
Frau hat Dir schon früher ihren Glückwunsch in einem bedeutungsvollen
-- gelt, sehr bedeutungsvollen Selam ausgesprochen.“
„Nun! heraus damit! wer ist diese Flora! nur keine Geheimnißkrämerei,
Sigismund! Nun? Du wirst doch nicht den Verschwiegenen spielen wollen?“
riefen sie durcheinander.
„Ich kann nichts verschweigen, denn ich weiß nichts,“ antwortete
Sigismund kurz.
„Holla! holla! wer Dir das glaubt!“
„Die Verschwiegenheit ist eine vortreffliche Eigenschaft den Weibern
gegenüber; -- aber den Freunden?“ ....
„Wenn ich sage, daß ich nichts weiß,“ entgegnete Sigismund noch
bestimmter, „so dürft Ihr Euch auf mein Wort verlassen: ich weiß
nichts.“
Sigismund war heftig und leidenschaftlich wie ein Jüngling, und
ungezogen wie ein Knabe; aber insolent -- fast hätte ich gesagt: wie
ein Mann, -- war er nicht; und unter keiner Bedingung hätte er weder
Toscas, noch irgend einen unbescholtenen Namen genannt, oder auch nur
errathen lassen.
„Für die große Verschwiegenheit, die Du an den Tag legst, Freund
Sigismund, behandelst Du aber dies _pretium affectionis_ sehr schlecht,
indem Du es so herumliegen läßt“ -- sagte der Eine, raffte die Blumen
zusammen und stellte sie -- in einen Fidibusbecher.
O arme Tosca! dieser Platz, und von fremder gleichgültiger Hand ihren
Blumen gegeben! --
„Da ich nicht weiß, von wem sie kommen, so sind sie mir gleichgültig,“
antwortete Sigismund.
„Auf Ehre, lieber Bruder?“
„Gleichgültig! auf Ehre!“ sagte er.
„Da dürften wir uns wol die Blumen theilen?“ fragte der Andre, noch
immer mißtrauisch und wie um Sigismund zu prüfen.
„Meinetwegen!“ erwiederte der; „wir wollen sie unter uns theilen, ich
nehme die Rose.“
O arme Tosca! im Nu wurden die Blumen aus dem Fidibusbecher
herausgerissen und in das Knopfloch von jungen, ihr wildfremden Leuten
gesteckt. Dann sprachen sie von andern Dingen.
Gegen Mittag ging Sigismund aus. Könnte ich ~ihr~ doch die Lehre geben,
dachte er, daß es sich ganz und gar nicht für ein vornehmes Mädchen
schickt, so dem Ersten Besten einen Blumenstrauß, und um nichts und
wieder nichts zu senden. -- Er ging vor ihrem Hause vorbei und trug die
Rose im Knopfloch. Tosca saß wie gewöhnlich am Stickrahmen im Fenster,
während verschiedene Personen mit Neujahrsglückwünschen um den Sopha
ihrer Mutter versammelt waren. Sie beachtete nicht deren Gespräch; sie
dachte an ihre Blumen und an Sigismund. Da erkannte sie ihn und ihre
Rose. Ihre Augen leuchteten auf, ein glänzendes Roth flammte wie ein
Blitz über ihr schönes Gesichtchen. Er trug die Rose, also freute er
sich ihrer. Er blickte nicht herauf, also ahnte er nicht, daß sie von
ihr komme; oder wenn er es ahnte? -- so wollte er sie auf keine Weise
in Verlegenheit setzen. Sie wußte ihm tiefen Dank, daß er sie nicht
grüßte. Er hatte sie sehr gut bemerkt; doch mit rascheren Schritten
ging er vorbei und auf ein hübsches Frauenzimmer zu, das ihm entgegen
kam. Es war seine Hauswirthin, die Frau eines Buchbinders, für die er
immer ein halb scherzendes, halb verbindliches Wort hatte. Er kehrte
mit ihr um, er stattete ihr seinen Glückwunsch ab, er sagte, er habe
ihr nichts Besseres zu bieten, als diese Rose, und darum müsse sie
sie nehmen. Die hübsche Frau sagte, sie nehme sie sehr gern, denn eine
Theerose sei etwas Seltenes. Sigismund gab sie ihr. Tosca saß ein Paar
Minuten ganz versunken in ihre heimliche Freude da, und blickte noch
immer auf die Straße hinab. Da fuhr sie zusammen; Sigismund kam zurück,
ohne die Rose. Eine hübsche Frau ging neben ihm, und ~die~ hatte sie
in der Hand. Tosca erbleichte und konnte die Augen nicht abwenden.
Sigismund sprach lebhaft mit jener Frau. Grade als er unter Tosca’s
Fenster war, blickte er rasch mit einer stolzen Wendung des Kopfes
zu ihr auf, und grüßte sie tief, aber mit einem eisigen Ausdruck.
Dann ging er weiter mit seiner Gefährtin. Tosca erwiederte nicht den
Gruß. Er weiß Alles, und er verachtet mich! blitzte es ihr durch den
Sinn. Sie sprang auf, ging in ihr Zimmer, kniete nieder und weinte
bitterlich. -- Sigismund schloß sich den ganzen Tag in seinem Zimmer
ein.
Nachmittags klagte die Generalin Beiron über Kopfweh und Uebelbefinden.
Gegen Abend gesellte sich starkes Fieber dazu. Professor Zeller ward
gerufen; er sprach seine Besorgniß vor einem Nervenfieber aus, und that
Alles, um ihm vorzubeugen. Umsonst! nach drei Wochen starb Frau von
Beiron. Tosca hatte ihre Mutter mit unglaublicher Treue und Ausdauer
gepflegt, alle Nächte bei ihr durchwacht. Nach ihrem Tode brach die
Kraft des jungen Mädchens zusammen. Nicht daß sie von einer großen
Krankheit befallen wurde! das wäre besser gewesen, meinte der Professor
Zeller; sie wurde nervenkrank. Ihr fehlte nichts, aber sie verblühte
sichtlich und ihr sonst so fröhlicher Sinn war wie zerknickt. Sie
klagte nie. Fragte man sie um ihre Krankheit, so antwortete sie nur:
Ich bin nicht krank, aber ich gräme mich. Suchte man sie zu zerstreuen,
schlug man ihr Gesellschaft und Bälle vor, die sie sonst so sehr
geliebt, so gerieth sie in die heftigste Bewegung und bat dringend,
sie damit zu verschonen. Sie verließ nicht das Zimmer. So verging der
Winter und ein Theil des Frühlings. Im Mai trat der General eines Tages
in ihr Zimmer und sagte:
„Tosca, übermorgen reisen wir nach der Schweiz, Du sollst erst in Gais
die Molken- und dann am Leman die Traubenkur brauchen.“
„Gott segne Dich, Papa!“ rief Tosca jubelnd; „nun werd’ ich gesund!“
Als Tosca Beiron im Herbst blühend und frisch, fröhlich und schön nach
Bonn zurückkam, war Sigismund Forster nicht mehr dort.