Wag' es Fischlein mein,

Wag's zur guten Stund,

Schwimm in's Meer hinein!

Dem kleinen Prinzen B. von C. zum Geburtstage.

Kleiner Prinz, wirst größer werden,

Wandle wohlgemut auf Erden

Dein sei Freude, dein sei Glück,

C...land kehre Dir zurück.

Deiner Ahnen hohe Ziele

Waren keine Kinderspiele

Menschenfreunde gab's dabei:

Prinz, ein Freund der Menschen sei!

Hebe hoch die freien Schwingen,

Laß Dich nicht vom Feind berücken,

Hülfe kann der Morgen bringen,

Und die Bosheit geht in Stücken.

Zu des Orkus finsteren Gewalten

Lege ich mein lebensmüdes Haupt,

Ungeheuer, öffne Deine Falten,

Viel hab' ich gestrebt und viel geglaubt!

Jung und kräftig und vom Muthe strahlend,

Lebenswarm die Brust, das weiche Herz:

Mitwelt, Deine Schuld bezahlend,

Gräbt die Nachwelt einst mein Bild in Erz.

Vöglein auf den grünen Zweigen,

Die sich auf- und abwärts neigen,

Freude hebet eure Brust,

Klopfen hör' ich sie vor Lust!

Frühlingswonne, Schwalben, Lerchen,

Laut Geklapper unter Störchen,

Wiedersehen, Reiselust,

Hohe Freude in der Brust.

Gönnet mir die Freudenfeier,

Meine Seele athmet freier,

Herr im Himmel, habe Dank

Für den innern Festgesang!

Ein purpurnes Röslein auf grüner Au,

Ein güldenes Sternlein am himmlischen Blau,

Ein singendes Vöglein auf schwankendem Ast,

Sag' an, was Du Schönres zu zeigen hast?

Gar schön ist das Röslein auf grüner Au,

Gar prächtig das Sternlein am himmlischen Blau,

Gar frei ist das Vöglein auf schwankendem Ast,

Und Freiheit und Schönheit zusammen wohl paßt!

Ist die Weihe denn gewichen

Sind die Blumen all' verblüht?

Ist der duft'ge Schmelz gestrichen?

Ach, ein dichter Nebel zieht!

Und in diesen eingehüllet

Lichtlos scheint der Horizont --

Keine Sehnsucht wird gestillet,

Keine Blüthe, die sich sonnt!

Hab' ich Dich bisher geleitet,

Wanke nicht an meiner Hand,

Sieh', der Teppich ist gebreitet,

Und es grüßt das Uferland.

Und es lächeln alle Sterne,

Und die schön're Sonne winkt, --

In der Nähe, in der Ferne

Dich der Allmacht Arm umschlingt. -- --

Als ich heut so bitterlich,

Tief vor Gott geweinet,

Da -- ein kleines Vögelein

Meinem Schmerz sich einet;

Flog zu mir bis an den Sims

Meines Fensters treulich:

»Weine nicht, Du Herzensmaid,

Schrecklich ist es freilich.«

Also sprach das Vögelein,

Mit den braunen Blicken:

»Einstens wird es besser sein!« --

Und mit Kopfesnicken,

Breitet es die Flügelein,

Und entfloh den Blicken.

Alles Träumen

Tauget nichts,

Werth ist's kaum

Des Stückchen Lichts.

Alles schwindet

Um uns her,

Groß ist nur der

Vergangenheit Meer. --

Tief gelegen

Hinter mir,

Ist der Traum,

Der goldne, mir.

Alles Träumen

Tauget nichts,

Werth ist's kaum

Des Stückchen Lichts.

Heiße Thränen fließen, rauschen,

Ueber mein Gesicht,

Ob die Englein ihnen lauschen?

O, ich zweifle nicht!

Bin so öde, bin so trübe,

Melancholische Gestalt,

Wenn es nur nicht also bliebe,

Glühend heiß und kalt!

Frühlingslüfte wehen leise,

Traurig ist das Herz,

In der unbewußten Weise,

Doch verwandt dem Schmerz.

Bunte Schmetterlinge fliegen

Zu den Blüthen auf,

Nächst der Blüthe kriecht das Würmlein,

Lauert schon darauf! --

Ist auch schön die Außenseite,

Inn'res ist nicht -- süß:

In der Welten Länge und Breite

»Bitter« -- man es hieß!

Habt ihr mir es gar verleidet,

Dieses kleine Leben, ach,

Wenn mein Geist einst von euch scheidet,

Sag' ich euch nichts Gutes nach;

Denn das Aller-Allerbeste,

Trug ich glücklich in der Brust,

Freudig glich sie einem Feste,

Täglich feiernd neue Lust!

Und die frohen Blüthen alle,

Breitete ich vor euch aus:

Wieder gab't ihr mir nur Galle,

Machtet traurig, ach mein Loos!

Purpurn glänzt die Abendröthe,

Still der Prosna zugekehrt,

Man ein Frau'nbild beten hört:

Warum weint Frau Margarethe?

Fremdling frägst, warum ich bete?

Hast von der Legion gehört,

Die vom Schwerte ausgezehrt,

Polens Boden blutig säte?

Lieber Sohn war mit dabei,

Hochgelehrt und achtzehn Jahr,

Stärker war die Tyrannei;

Reichte das Schwert ihm selber dar,

Fremdling, eine Thräne weih':

Polens Asche, sei fruchtbar! --

Alles grünt und alles blüht,

Aber nicht in meinem Herzen,

Ach, in meinem Herzen glüht

Nur das Morgenroth der Schmerzen;

Seine Blüthe, Röselein,

Purpurröselein genennet,

Das erschließt sich groß und klein,

Wenn 'ne schlimme Wunde brennet.

Lawinenmasse.

Wie Lawinenmasse stürzet

Sich die Sorge auf das Herz.

Gleicht des Weltmeers finsterer Welle,

Schwarz und weiß, und grau wie Erz. --

Kummer steigst Du auf und nieder,

Und verschlingst die Freude wild,

Und entrollst mit Sturmesschnelle

Der Verzweiflung wirres Bild.

Frage.

Dieses Leben liebst Du noch?

Diese wechselvolle Pein?

Dieses schmerzerfüllte Sein?

Antwort.

Ach, man liebt es heimlich doch! --

Dunkle Veilchen, weiße Blüthen,

Aller Seelen Freudenfest!

Stimmen aus dem Saitenspiele

Nie verklungner Harmonie! --

Thränen könnet ihr entlocken

Aus der tiefsten Seele mir,

Doch gemischt sind diese Thränen:

Freuden auf des Schmerzes Grund! --

Dorten winkt ein neuer Morgen,

Dorten bin ich wieder »ich«,

Nicht allein und ganz geborgen

Find' ich, meine Mutter, Dich!

Was ich Hohes je geträumt,

Was ich Sinniges gedacht,

Was sich mir im Geist gereimt,

Wenn die Seele hat gelacht.

Alles, Alles ist verklungen,

Sieht mich fast gespenstisch an,

In den Abgrund ist's gesprungen,

Funkelt wie ein Feuermann! --

In der Schweiz.

Unter Felsen wandelst Du,

Unter Träumen wirkest Du,

Wandle, wirke immer zu,

Doch das Herz find't keine Ruh.

Nicht die Wüste, nicht der Strand,

Nicht die Küste, nicht das Land

Bringen es zum Schweigen

Wenn der Schmerz sein eigen.

Kennst Du nicht das Licht des Lebens,

Kennst Du seine Schatten nur,

Nicht des Lebens goldne Sonne,

Nur des düstern Nebels Spur?

Zage nicht, die Truggestalten

Schwinden hin gleich eitlem Schein,

Dorten wird die Tugend leuchten,

Und das Blendwerk dunkel sein!

Hoch auf der Berge Gipfel

Vergeß' ich die ganze Welt,

Der Selbstsucht bunte Wipfel,

Die Bosheit und das Geld.

In kleiner mosiger Hütte,

Da leb' ich so wohlgemuth,

Voll Gottesfurcht im Herzen,

Im Herzen froh und gut.

Der Morgen höret mich beten,

Der Abend den Gottes Dank,

Es ernten Diejenigen, die säten,

Ihr ganzes Leben lang.

Es grünen die Bäume des Waldes,

Es kündigt der Frühling sich an,

Hinweg mit dem frostigen Winter,

Der Frühling ist ein sanfter Mann!

Die langen goldnen Strahlen,

Sie sind wie ein langes Haar!

Die Veilchen im tiefen Grase,

Sind blau wie ein Augenpaar!

Kannst Du zweifeln, kannst Du zagen?

Blick' nach jenem »großen Wagen,«

Wovon jeder Himmelszoll

Von Myriaden Welten voll.

Myriaden Welten, Sonnen

Ewigkeiten, ew'ge Wonnen,

Heilge Gottheit, höre mich,

Tief im Staube preis ich Dich!

Lied.

Wird auch das Leben

Manchmal so schwer,

Lächelt die Liebe

Von oben doch her!

Lächelt die Liebe

Von oben hinein,

Dürfen die Herzen

Nicht kummervoll sein!

Ich lehn' am Fensterkreuze,

Es schmerzet tief in mir,

Die alt' und frischen Wunden

Sie alle bluten mir.

Doch Eines, sanft balsamisch,

Es ziehet drüber hin,

Daß ich an allen Wunden

Unschuldig bin.

Laßt mich in die Wüste eilen,

Wo die siebzig Palmen sind,

Dort in =der= Oase weilen

Wo die Quelle ewig rinnt.[A]

Dort in jenen schlanken Bäumen

Mit dem großen Geist allein,

Will ich Alle glücklich träumen

Und will selber glücklich sein.

Der Dichter lebt im Traume,

Er spielt im Weltenraume

Mit Zeit und Ewigkeit --

Verscherzet Glück und Zeit!

Und wenn er nichts erzielet

Als das, was er gespielet,

So bleibt's doch immer Viel,

Denn werthvoll ist sein Spiel!

Wer die Bangigkeit

Jemals hat gefühlt,

Jene Ewigkeit,

Die im Schmerze wühlt --

Der nur, der allein

Kennt die ew'ge Macht:

Ueber seinem Sein

Hat sie doch gewacht. --

Es flammet das herrlichste Sonnengold

Im Westen -- die Sonne geht unter --

Der grünende Teppich ist aufgerollt,

Er strotzet voll Blumen, voll bunter.

Ein Mensch in Gedanken im Schatten steht

Und fühlet im Herzen ein froh Gebet.

Er kehrte zurück aus dem Menschen-Gewühl

Der Städte -- das Herz entzweit und zerrissen,

Verletzt und verwundet sein innigst Gefühl,

Gerettet allein sein Gewissen. --

Und kaum, daß er einsam drei Tage weilt --

Sein Herz, sein Gefühl sind plötzlich geheilt.

Das Ideelle.

Wie die Rose unter Dornen

Steht das Ideelle jetzt,

Nur das Scheußlich-Materielle,

Kommt zuerst und kommt zuletzt!

Wird gepredigt aller Orten,

Als Vernunft, Gebot der Zeit,

Und mit Beispiel und mit Worten

Macht es überall sich breit.

Aber, wie die Röslein blühen

Ungetrübt und ewig rein.

Trotz der Dünste, die da ziehen, --

Bleibet alle Schönheit sein. --

'S ist ja Alles nur ein Träumen,

Nur ein silberweißes Schäumen

Von dem Meere, das erst wird;

Wie ein Degen, der da klirrt,

Eh er aus der Scheide irrt

Zu den thatengroßen Räumen:

Wie der Aar die Schwingen hebt,

Wenn er noch im Neste lebt,

Eh' er auf gen Himmel schwebt.

Du siehst das Vöglein in den Lüften fliegen,

Die kleinen Blüthen auf dem Rasenland,

Die Käfer schwirrend in den blauen Lüften

Und mitten hin des Stromes Silberband!

O freue Dich! denn nur durch Wunder

Schwebt in der Luft das Vögelein,

Die Blüthen und der Strom sind Wunder!

Wo Wunder sind, muß Gottes Tempel sein! --

Es scheint der Mond so helle,

So silbern strahlt der Mond,

Ich stehe auf der Schwelle,

Wo all' mein Lieben wohnt.

Ich stehe still und segne

Den Platz, das Haus, die Luft,

Daß niemals drin begegne,

Was Schmerz und Thränen ruft.

Der Lorbeer sprießt!

Sei mir gegrüßt,

Du liebes Blatt!

Erkoren bist

Was edel ist

Zu krönen Du!

Der Böse haßt,

Das Laster praßt,

Der Dichter denkt --

Im Traume schenkt,

Im Traume senkt

Dies Blatt sich seinem Haupt!

Grüne Zweige, goldne Frucht!

Wer sie findet, wer sie sucht!

Kennst du ihren tiefen Sinn?

In der Seele wohnt er drin. --

Grüne Zweige, goldne Frucht!

Wer sie findet, wer sie sucht!

Suchen, finden wirst Du sie,

Brechen, ach, auf Erden nie. --

Sag', was hängst Du so daran,

An dem ird'schen Wahn?

Sieh das Glück in Wahrheit an,

Gleicht es schwankem Kahn. --

Schaukelt auf den Wellen sich,

Gleitet hin und her,

Schwebet leicht veränderlich

Auf des Lebens Meer.

O mag ein Engel Dir die Schrift diktiren,

Daß jedes Wort mir Wonne sei und Lust,

Ein Engel Deine Feder führen,

Ein Zauber drinnen leben unbewußt!

Damit, wenn ich das Siegel löse,

Das Glück sich ungetrübt daraus ergießt,

Und keine Wolke, keine böse,

Mein Geist von Deinem Geiste liest.

Unter mir die tausend Plagen

Unsrer Kleinlichkeit,

Ueber mir die tausend Fragen

Unsrer Ewigkeit.

Neben mir der Rosenschimmer

Goldner Poesie,

Schlag't das Saitenspiel in Trümmer,

Sie zerstört ihr nie! --

Es schwebt mir auf der Zung' ein Lied,

Ein frohes sinnig Lied,

Es wächst so rasch, es grünt, es blüht,

Ging ich, so ging's, schied ich, es schied.

O goldnes Lied, geboren kaum,

Gedankenschwerer junger Traum,

Fürwahr Du bist von Gott gesandt,

Des Himmels süßes Unterpfand.

Das Leben träumt, der Traum er lebt,

Seht, wie er hoch am Himmel schwebt,

Des Dichters Traum, des Dichters Sang,

Es ist der Wahrheit goldner Klang! --

Schwarze Wolken, graue Wolken,

Grau der Kummer, schwarz der Kampf,

Sieh, dort unter grünen Bäumen

Steigt herauf ein weißer Dampf.

Blauer Himmel, goldne Sterne,

Güt'ger Allmacht Zauberlicht,

Strahlend, wachend in der Ferne:

Herr und Gott verlaß mich nicht!

O gieb mir Laut und Stimme,

O gieb mir Wort und Sang,

Daß ich ein Lied anstimme

Für Dich zum Lobgesang.

Laß mich Dein Geist durchdringen,

Dein hoher Gottesgeist,

Ich will's den Menschen singen,

Wie man Dich, Höchster, preißt!

Ich will's der Menschheit singen,

Daß Du die Welten lenkst,

Daß Du das Licht erschaffen,

Daß Du die Meere tränkst.

Daß Du im tiefsten Abgrund

Das kleinste Wesen nährst,

Daß Du vom tiefsten Kerker

Den stillsten Seufzer hörst!

Daß Du mit Deiner Schöne

Die Sonnen hast geschmückt,

Doch auch das kleinste Blümlein

An Deine Brust gedrückt;

Bevor Du sie erschaffen

Bevor Du uns sie giebst,

Nimmst Du die kleine Blüthe

Und zärtlich Du sie liebst!

Du giebst ihr Glanz und Leben,

Du machst sie zart und schön,

Du giebst ihr Licht und Sonne,

Und läßt sie Sonnen seh'n.

Daß Du die blauen Himmel,

Die goldnen Sterne schufst,

Daß Du mit Deiner Stimme

Der Berge Echo rufst:

Damit man endlich wisse

Daß jeder Laut Dir kund,

Daß unterdrückter Seufzer

Durchdringt der Tiefe Grund;

Durchdringt der Meere Klippen,

Dringt hin zum Himmelszelt,

Zu Gott dem Allerhöchsten,

Dem Schöpfer aller Welt;

Daß er den Seufzer stille,

Dem Schwachen Kraft verleih',

Daß er das Recht bewähre,

Der Unschuld Schutzfels sei.

Es stimmen meines Herzens Saiten,

O Herr, Dir an ein Dankgebet,

Und tausend Stimmen mich begleiten,

Ich sing' es früh und spät.

Was sing ich denn? Ich singe: »Erhaben,

Hoch über Zeit und Raum,

Bist Du, o Herr, und Deine Gaben

Sind Wirklichkeit, nicht Traum!«

Ich halte still, und juble weiter:

»Das goldne Leben gleicht

Nur einer Sprosse auf der Leiter,

Die bis zum Himmel reicht; --

»Die Jakobsleiter, voller Wesen

-- Jahrtausende der Grund --

Aus dem sie werden, sind gewesen,

Ein Chaos, schön und bunt!

»Ein Chaos, Herr, von tausend Sonnen,

Von Sternen, Mondschein-Pracht,

Von kleinen Blüthen, Millionen Wonnen,

Dazwischen Dämm'rung, Traum und Nacht!

»Dazwischen milde Frühlingslüfte

Und Thränenschauer liegt,

Und süßes Hoffen, Himmelsdüfte,

Und was das Herz besiegt!«

Ich juble laut und singe weiter,

»Hab' Dank, o Herr, dafür:

Wie auf dem Gipfel jener Leiter, --

So preis ich Dich schon hier!«

Und hätte ich nicht im Herzen

Den großen Trost aus der Höh,

Ich wäre ja längst vergangen

Vor Kummer und schwerem Weh!

Und hätte ich nicht den Glauben

An Gottes Barmherzigkeit,

Ich wäre ja längst erlegen

Der Bosheit, dem albernen Neid!

Es scheint der Mond in's Zimmer,

Ein Sternlein strahlt in's Haus,

Ich denke nach, wie immer,

O nicht an Saus und Braus.

Ich denk' an all das Schöne --

Die große Illusion --

Der Täuschung Meistertöne --

Ein Jeder kennt sie schon.

Was ihr das Herz erzählte,

Das süße Märchen, schön,

In Worten, lieb gewählte, --

-- Doch wild auch gleich dem Föhn

Wie Saiten, hart gestählte --

Ein flüsterndes Gestöhn.

Tröstend senkt die Poesie

Sich auf meine Seele,

Ihren Schleier hebet sie,

Wenn ich's euch erzähle.

Goldne Leyer, bleibe mein,

Häng' Dich um die Seele,

Deine Töne, klar und rein,

Liebend ich sie stehle.

Daß die Sterne blässer werden,

Wenn das Herz vor Leiden glüht,

Hätte nimmer ich gedacht!

Wenn das Herz vor Freuden lacht,

Jedes Sternlein Feuer sprüht,

Und die Sterne dunkler werden.

Ich träumte schön und träumte viel,

Das Leben schien ein Kinderspiel,

Das Gute schien so federleicht,

Als hätte man es bald erreicht!

Das Leben ist ein Kampfesspiel,

Und bot der Wunden schwer und viel,

Das Gute, ach, ein goldner Traum,

Erreichbar selten oder kaum!

Siehst Du nicht die grünen Matten,

Und das blaue Himmelszelt,

Und der Bäume lange Schatten

Und die ganze Frühlingswelt?

All die Bäche und die Quellen,

Und die Wiesen gelb und grün,

All die Knospen, die da schwellen,

Und die Düfte, die da ziehn?

Der Himmel so blau,

Die Erde so grün,

O laß uns ein wenig

Nach Süden hin ziehn!

Dort blühet die Myrthe,

Orangen sind frisch,

Dort decken die Blüthen

Dir freundlich den Tisch.

Meine Thränen fließen

Brennend heiß,

Gott nur weiß,

Was für Segnungen d'raus sprießen.

Wenn im Innern verletzet

Stolzes Herz,

Seelenschmerz

Seine Stacheln wetzet.

Laß die Thränen fließen

Brennend heiß,

Gott nur weiß,

Was für Segnungen d'raus sprießen.

Laßt mich schlafen, schlafen,

Träumen lange Zeit,

Damit ich verträume

Halbe Ewigkeit! --

Ewigkeit hat keine Hälfte,

Stets erneuernd sich --

Stets auf's Neu beginnend,

Währt sie ewiglich.

Nun, so laßt mich schlafen,

Träumen ew'ge Zeit,

Daß ich schön verträume

Ganze Ewigkeit!

Ganz gebrochen ist die Kraft,

Und entmuthigt ist der Sinn,

Weltumfassend kühne Träume,

Fahret alle, alle hin.

Goldbesäumte Wolken lagen

Ueber wonnig Morgenroth,

Düst're Nacht ist's. Nimmer tagen

Wird das Licht: Das Licht ist todt!

Was nützen alle Lieder,

Was nützt das beste Herz?

Dämonen kehren wieder,

Mit Zungen hart wie Erz.

Dämonen kehren wieder,

Im Aug' den gift'gen Strahl,

Was soll das blau Gefieder,

Des Dichters Ideal?

O schweigt ihr goldnen Lieder,

Halt stille, Poesie:

Du fielst vom Himmel nieder,

Hier wirst Du heimisch nie!

Ansicht.

In Abenddämm'rung schwanken

Die Lilien hin und her,

Und frische Rebenranken

Bespült das glatte Meer.

Die Schatten steigen nieder,

Der Mond mit weißem Strahl

Bescheint die Höhen wieder

Rings um das stille Thal.

Von einer jener Stellen,

Gelehnt an Felsenwand,

Sieht man des Jordans Wellen,

So weiß wie ein Gewand.

Es ringt der Regen mit dem Winde,

Es ringt der Segen mit dem Fluch,

Es ringt das Alter mit dem Kinde,

Es ringt die Sage mit dem Buch.

Es ringt die Tugend mit dem Bösen,

Es ringt die Arbeit mit dem Gold,

Es ringt ein jeglich, jeglich Wesen:

Ob es, und ob es nicht gewollt!

Die Eingebung.

Die Vögel singen ihr Morgenlied,

Man hört den Jubel im ganzen Gebiet,

Im Ost die purpurne Sonne glüht

Und sendet Strahlen nach West und Süd.

Allein in meinem stillen Gemach,

Umrankt von üppigem Blätterdach,

So saß ich träumend -- ach, träumend wach --

Und dachte und sann gar eifrig nach --

-- Den Kopf auf beide Hände gestützt: --

»Hat es gezündet, hat es genützt?

Was ich geschrieben, so frei und frisch?«

Und kindisch schlug ich auf den Tisch.

»Ist dies der Lohn für alle Müh',

Für Wirklichkeit und Poesie?

Wen kümmert's wohl, wer steht mir nah,

Steht Alles nicht noch feindlich da?«

Da horch, da sieh! Was sprengt heran?

Welch prächtiges, glänzendes Viergespann!

Apollo selber im Sonnenwagen:

Kannst Du Dich jetzo noch beklagen?

Unter den Linden.

Die Blätter der Bäume fallen

Die herrlichen Linden entlang,

In allen Farben und Formen

Bestreut ist der reizende Gang.

Ihr Blätter und Bäume und Menschen,

Verschieden an Farbe so sehr:

Ein Windstoß weht Alles zusammen,

Man merkt keinen Unterschied mehr!

Edelweiß.

Von den höchsten Bergen

Kommst Du so weit her!

Weiße, sammtne Blume

Intressirst mich sehr.

Hast gar viel gesehen,

Fels und Berg und Thal,

All' die grünen Seen,

Wunder ohne Zahl.

Und des Eises Grotte,

Und des Gletschers Wand,

Rauschende Luzzine,

Schwarz und weiß genannt.

Und den Savoyarden,

Streckend aus die Hand,

Seine dunklen Blicke,

Flehend, festgebannt.

Viel hast Du gesehen,

Fels und Berg und Thal,

Eis und Schnee und Seen,

Wunder ohne Zahl.

Deine Heimath, Blümlein,

Edelweiß genannt,

Ist ein kleines Eden,

Schön das Schweizerland.

Zwecklos scheint mein Leben

Ohne Zweck mein Sein,

Doch ein einzig Streben

Hüllt's in Dunkel ein. --

Ist's dereinst gelungen.

Wird vielleicht gesungen:

»Viel hat sie gethan,

Wenige sahn's ihr an.« --

Die Gefangenen.

Ihr Vöglein, die ihr in Freiheit,

Ihr Vöglein, jubelt laut,

Wir Andern leben in Knechtschaft,

Vor Kummer früh ergraut;

Die Menschen leben im Wahne,

Wir wären nur für sie da,

Zu ihrem Spiel und Vergnügen,

Zu ihrem Essen, ja!

Wir sind nicht zu ihrem Vergnügen,

Wir sind für uns selber da,

Die Menschen sind unsre Verwandte

Im Essen und Trinken so nah. --

Ihr Vöglein, die ihr in Freiheit,

O singet den Menschen nichts vor:

Die Menschen sind schlechte Verwandte!

So sangen die Vöglein im Chor!

Es wankt der Boden unter unsren Füßen,

Des letzten Morgenrothes heilige Parole,

Gesegnet schön und anerkannt von Pol zu Pole:

Die Menschlichkeit ist aus und Thränen fließen.

Es zieht die Nacht hinaus, die Schwerter blitzen,

Das Irrlicht sprüht, kein einzig klares Sternlein glüht,

Das zarte Blümlein unter Rosseshuf verblüht, --

Die Pulse glühn, die Leidenschaften sich erhitzen.

Was wird aus dieser späten Nacht entstehen?

Das Schönste, was man glaubt, es wird zum Raube,

Und Lieb' und Duldung liegen tief im Staube,

Was bleibt von allen Erdengütern da noch stehen?

Der müde Wandrer sitzet am Steg,

Vorüber eilet der Fluß,

Am Ufer lehnend, die Hände gekreuzt,

Und badet den müden Fuß.

Die Hände so braun und braun ist der Fuß,

Noch brauner ist das Gesicht,

Wo kam er nur her, der müde Gesell?

Wahrhaftig, ich weiß es nicht.

Die Nemesis, sie waltet

Bei Allem, was man thut,

Nehmt euch in Acht, ihr Menschen,

Die Nemesis nie ruht.

Nero's Angedenken.

Wo bist Du hin, Du liebes Thier,

Das mir so treu gewesen,

Das sich vor Freuden nicht fassen konnt',

Durft' es in meinen Blicken lesen;

Das hoch hinauf zum Wagen sprang

Mit wonnigem Geschreie

Wenn ich nach Haus zurückgekehrt:

Ein solches Herz ist Weihe!

Ein solches Herz vergehet nicht,

Es lebt zu allen Zeiten,

Die Seele nur erkennt und liebt,

Nur Thoren es bestreiten.

Nicht mehr sprechen die Sterne,

Nicht mehr die Sonne zu mir,

Verstummt ist, ach, die Sprache,

Die allerschönste hier.

Es sprechen nur noch die Affen,

Die Masken alle zu mir,

Algebra der Dummheit sie reden,

Die häßlichste Sprache hier!

Die Blätter lautlos, die Vögel,

Ganz ohne Lied und Ton,

Die Reifen der Röcke nur klirren,

Wie Schimpf und Schande und Hohn.

Der stolze Heinrich.

Zartes Blümlein wunderhold,

Zogest aus der Gartenwelt,

In das freie, offne Feld,

Helles Blümlein, duftend Gold!

Liebtest's nicht, im engen Raum

Einzeln, müßig dazustehen,

Steif und nutzlos auszusehen

Wie ein stilles Bild im Traum! --

Nach Sedan, an den Kaiser Wilhelm I.

Ist das des Jahrhunderts schöne Erde,

Ströme Blut's und Berge voller Leichen!

Wird das Böse nicht dem Guten weichen?

Wär's nicht Zeit, daß endlich Frieden werde?

Frevelnd ward der Krieg heraufbeschworen,

Der Urheber Anseh'n ging verloren,

Ausgekämpfet ist der Krieg, genug gethan

Ist's an Allem, was Europas Augen sah'n!

Doch nicht Rache will der große Sieger,

Menschlich fühlt der ruhmgekrönte Krieger,

Theuer ist ihm seines Volkes Blut,

Das vertrauensvoll in seinen Händen ruht!

Und die weisen Lehren der Geschichte treten,

Und das Wort, um das die Völker beten,

Das =Erbarmen=, es tritt vor ihn hin,

Leuchtet heute seinem Königlichen Sinn!

Und des Ahnherrn wohlbekannte Sympathien --

Unbegründet -- in der Sprache im Gedicht --

Steigen auf vor seinem Angesicht,

Und des Königs Blicke Segen sprühen:

Wollen aller Welt den Frieden geben,

Einen langen Sonntag uns'rem Vaterland,

Das um uns wie Heldenmauer stand, --

Und -- bestraftem Uebermuthe sei vergeben! --

Nach der Aufführung »Rudolfs II.« in Berlin.

Der Lorbeer liegt in meinem Zimmer,

Der Himmel mir ihn gab!

Ich will ihn nächstens tragen

Auf meiner Mutter Grab.

O wißt ihr, was ich denke?

O nein, ihr wißt es nicht!

Wenn ich mich ganz versenke,

Dann denk ich ein Gedicht!

Ein leeres Bauer, ein leeres Haus,

Das sieht so triste und traurig aus,

Wo sind Deine Bewohner, Du leerer Raum?

Entschwunden, versunken, ein seliger Traum!

Es geht die Zeit den sichern Gang,

Den Gang zur Ewigkeit.

Die Zeit ist kurz, die Zeit ist lang --

Der Weg bald schmal, bald breit!

=Motto=: Der Weg zur neuen Bildung geht

Von Humanität

Durch Nationalität

Zur Bestialität.

(Grillparzers Gedichte.)

Zanket nicht, hetzet nicht,

Friedlich scheint das Sonnenlicht,

Laßt die Juden und die Christen

Ungekränkt ihr Leben fristen.

Zanket nicht, hetzet nicht,

Jedem scheint das Sonnenlicht,

Laßt die Christen und die Juden,

Muselmänner, Botokuden;

Lasset Alle ungestört,

Jede Feindlichkeit zerstört

Harmonien nah und fern!

Lobet Alle Gott, den Herrn,

Dessen güt'ge Vorsicht hört

Solch Gezänke gar nicht gern!

Wehmüthig,

Demüthig,

Viel verkannt und tief gebeugt,

Ist der Mensch, vom Weib erzeugt.

Untergeh'nde Sonne, sprich,

Wird es ewig dauern,

All das düstere Mißgeschick,

Alt das dumpfe Trauern?

Brüderlich, brüderlich,

Nennt die Welt das Ideal,

Die Utopie, die einstmal

Sich verwirklicht feierlich!

Weißt Du was, ich will Dir sagen,

Was die Weltgeschichte ist:

Ein Gemisch von Thrän' und Klagen,

Falschheit, Grausamkeit und List.

Auch Goethe war nicht unfehlbar,

Was auch die Goethe-Jünger meinen:

Was sich nicht schickt, schickt sich für Keinen,

Für Jeden das, was recht und wahr.

O Faust, Du Bild des Menschen,

Bald groß und klar, bald düster wild

Wer Dich gemalt, er war an Kunst ein Riese,

Gigantisch war der Stoff, und schön gelang das Bild.

Nicht Farbe und nicht Glaube,

Sie trennen uns nicht mehr,

Es fiel der Zeit zum Raube,

Was uns geschmerzt so sehr.

Du willst verbinden, was sich ewig flieht,

Die Tugend mit dem ird'schen Glück?

Wie sich Dein Geist auch drum bemüht:

Eins weichet vor dem Anderen zurück.

Gott ist groß, Dein Sinn kann ihn nicht fassen, --

Kannst Du Sterne zählen, des Meeres Wellen? --

Lieb' und Güte, Gnade, die er Dir erweist,

Notir' so viel Du kannst, wenn's auch unzählbar ist.

Der Scheintodte.

Gedichte Sechste vermehrte Auflage · 第 3 / 6 段