»Nein«, sagte Lucy, die nicht aus der Fassung zu bringen war, mit einem

schalkhaften Ernst, der sie zum Entzücken kleidete, »nein, das würde sich

schlecht schicken; aber er weiß, daß wir uns alle freuen, wenn er kommt.

Auch Sie haben Frieden gemacht, nicht wahr?« fragte sie mich, indem sie

sich zu mir neigte und meine Hände zwischen ihre schlanken Finger nahm.

»Gewiß«, erwiderte ich. »Und so ist es Ihnen nicht unangenehm, hier mit

ihm zusammenzutreffen?« Ich antwortete, indem sich mir das Herz schmerzlich

zusammenzog, mir wurde bang bei der Aussicht auf eine Zeit, da ich jeden

Tag bittere Schmerzen zu leiden haben würde, ich fürchtete mich davor, wie

man sich vor dem Zahnweh fürchtet.

Noch spät, als ich mich nach dem Abendessen auf mein Zimmer zurückgezogen

hatte, saß ich vor dem Feuer und suchte mir klar zu werden, ob es nicht zu

feig für eine Günthershofen sein würde, denn mein Geschlecht legte mir,

wie ich damals glaubte, noch ganz besondere Verpflichtungen der Selbstzucht

auf, wenn ich all der Pein, die mir bevorstand, auf gute Art zu entkommen

suchte. Die Aeltern von Frau Gray, zwei liebenswürdige, sehr alte Leute,

hatten mich wiederholt zu sich eingeladen, ich konnte den durch meinen

Verlust sehr gerechtfertigten Wunsch nach einer Ruhe aussprechen, die für

die kommenden Wochen im Hause nicht zu erwarten stand, und dort, fern im

Norden Englands, eine stille Festzeit verleben. Aber eins ließ ich bei

diesem Plane außer Acht, meine große Sehnsucht, den Freiherrn zu sehen, und

wäre es auch nur auf wenige Augenblicke jeden Tag, und seine liebe Stimme

zu hören. Das Verlangen nach ihm wurde denn auch immer mächtiger, je näher

die Zeit heranrückte, in welcher wir seine Ankunft erwarten durften, die

er inzwischen mit Bestimmtheit angesagt hatte; nach meiner damaligen

verschrobenen Art zu denken aber wurde gerade dies Verlangen der Beweggrund

für mich, meinen Fluchtplan immer ernstlicher ins Auge zu fassen. »Es ist

eine Schwäche« -- das war der Name, den ich gern jeder natürlichen Regung

beilegte -- »und ihr nicht nachzugeben bist du dir schuldig«; so sagte

ich zu mir selber, und bedachte ich nun erst, wie ich auch das fröhliche

Gesicht John's und Roger's freundlichen Ernst entbehren sollte und all die

vielen behaglichen Scenen des köstlichen weihnachtlichen Familienlebens,

so erschien mir die Reise erst recht als ein verdienstlicher Act der

Selbstüberwindung.

Ich klopfte denn auch eines Tages an das Zimmer der Frau Gray, in

der Absicht, ihr meinen Wunsch mitzutheilen. Die liebe Frau saß am

Schreibtisch, beschäftigt mit der Expedition einer Anzahl jener Billets

haushaltlichen Inhalts, deren die englische Hausfrau so viele schreibt,

da der nothwendige Verkehr mit dem Fleischer, Krämer und Gemüsehändler

größtentheils ein schriftlicher ist. Ihre anmuthige Erscheinung ist mir

gerade von jenem Tage besonders im Gedächtniß geblieben. Die stattliche

Höhe, das noch immer schöne und reiche, von vielen Silberfäden durchzogene

Haar um ein liebenswürdiges, etwas scharfes Gesicht, dem man die frühere

Schönheit ansah, die sichern, ruhigen Bewegungen, die gewinnende Art zu

sprechen, alles das machte sie würdig und geschickt, an der Spitze einer

so harmonisch entwickelten Familie zu stehen, als Gattin eines echten

Gentlemans, als Mutter schöner, kräftiger und braver Söhne und Töchter.

Sie sah mir an, daß ich eine Unterredung wünschte, und stand daher sogleich

auf, um sich behaglich, auf Alles gefaßt, wie sie lächelnd sagte, am Feuer

niederzulassen.

»Nun, mein Kind, was haben Sie vor? Nichts Geringes, das kann man Ihnen

abmerken.«

Als ich mein Anliegen vorgebracht und begründet hatte, schüttelte sie den

Kopf.

»Jetzt, in dieser Jahreszeit dahinauf -- Sie werden krank werden, und dann,

gesetzt Sie kämen leidlich hin, dann die Weihnachtszeit in dem einsamen

Hause verbringen, bei den Aeltern, die keine Einladungen mehr annehmen und

zu denen gewiß in diesem Winterwetter auch kein Mensch kommt, da muß ja

eine junge Seele wie Sie melancholisch werden. Und nun erst die Kinder

hier! Was sollen die Mädchen ohne Sie anfangen? Und die Jungen, die werden

es mir nie verzeihen, wenn ich Sie fortlasse. Sagt doch John in jedem

Briefe, wie sehr er sich auf Sie freue, und Roger, der so große Stücke auf

Sie hält!«

Sie war lebhaft geworden, jetzt hielt sie nach ihrer Art eine Weile inne

und beschränkte dann selber ihre Gründe gegen meine Absicht.

»Ich darf freilich nicht nur an uns denken; wir würden Sie alle sehr

vermissen, aber das ist Nebensache. Auch sind ja Blanche und Lucy alt

genug, um im Hause selbstständig figuriren zu können, und in Gesellschaft

zu Andern kann ich sie begleiten. John würde seine Enttäuschung mit Würde

tragen müssen und Roger ist vernünftig genug, um Ihre Gründe zu ehren. Aber

Sie selbst, liebe Maggie, sind Sie auch sicher, daß Sie das Rechte wählen?

Denken Sie darüber nach, ob es im Sinne Ihrer Mutter gehandelt ist, wenn

Sie sich von Freunden, von unschuldigen Familienfesten zurückziehen, um nur

Ihren traurigen Erinnerungen zu leben.«

In dem liebevollsten Tone fuhr sie fort mir abzurathen, während ich schwieg

und meine Lüge immer peinlicher, immer entwürdigender empfand. Ich konnte

es zuletzt nicht mehr ertragen, stumm dazusitzen und mit sanftem Vorwurf,

dem sich eine gewisse Anerkennung beimischte, mich von meinem Vorhaben

abmahnen zu lassen, ich war auf dem Punkte, der mütterlichen Freundin Alles

zu gestehen, ihr zu sagen, daß, so viel und so sehnlich ich auch immer

an meine Mutter denke, der Schmerz um ihren Verlust nicht der Grund sei,

weshalb ich das Leben hier für die kommenden Wochen so sehr fürchte, da

störte uns irgend ein geringfügiger Vorfall, ein Dienstbote mit einer

Frage, soviel ich mich erinnere, und als wir wieder allein waren, konnte

ich die Worte nicht finden, die mir zuvor auf der Zunge geschwebt hatten.

Wir verharrten eine Weile schweigend, bis Frau Gray sagte: »Wenn Sie bei

Ihrem Wunsche bleiben, Maggie, so steht es mir nicht an, Sie zurückhalten

zu wollen, nur werde ich Ihnen keinen sehr langen Urlaub bewilligen, denn

ich halte mich für Ihre leibliche und geistige Gesundheit doch einigermaßen

verantwortlich, obgleich unser Gesetz Sie für mündig erklärt. Einer von den

Jungen soll Sie gleich nach Neujahr wieder hierher holen; Sie versprechen

mir dann zu kommen.« Ich schlug zögernd ein, sie zog mich an sich und küßte

mich. »Kind«, sagte sie, wieder Kind, wie der Freiherr schon damals mich

genannt hatte. Mich peinigte das, so sehr mich die Güte der liebenswürdigen

Frau rührte; fast wie der thörichte Tannenbaum im Andersen'schen Märchen,

der nur wachsen will, sehnte ich mich danach, alt zu werden, um endlich

einmal in der Welt für voll zu gelten.

Der Widerstand der Dame meinem Vorhaben gegenüber war Kinderspiel gewesen

gegen den Sturm, den Lucy und Blanche dagegen erhoben; für nicht viel

abenteuerlicher und absonderlicher als die projectirte Reise hätten sie

es gehalten, wenn ich einen Zug nach Island gegen die Nebelriesen hätte

unternehmen wollen. Uebrigens waren sie wirklich betrübt darüber, daß

ich sie verlassen wollte, und das dauerte mich; ich kam mir zuletzt recht

selbstsüchtig vor bei dem eigensinnigen Durchführen einer Maßregel, mit der

ich doch nur mir selber Schmerzen ersparen wollte, welche schon so Viele

haben ertragen müssen. Aber ich mußte fort, die leise Reue half nichts;

traurig sagte ich dem Hause, dessen Fenster wohnlich schimmerten, um das

die immergrünen Stechpalmenhecken freundlich standen, sagte dem leeren

Park, der trauten Gegend auf einige Wochen Lebewohl.

Lucy fuhr mich selber nach dem Bahnhofe, obwohl sie noch ein wenig mit

mir schmollte. »Wissen Sie«, sagte sie, nachdem wir einen Theil des Weges

schweigend zurückgelegt hatten, plötzlich, »wissen Sie, daß ich die ganze

Zeit bei mir gedacht habe, Sie gehen doch nur Ihrem Vetter aus dem Wege?«

Sie sah mich dabei mit den großen Augen forschend an; zum Glück hatte die

scharfe Luft, wie ich hoffen durfte, mein Gesicht schon geröthet, so mochte

das Blut, was ich mir in die Wangen steigen fühlte, sich nicht weiter

bemerklich machen. Im beruhigenden Bewußtsein dieses günstigen Umstandes

vermochte ich denn auch bald gleichgültig zu fragen, wie sie darauf komme.

»Das will ich Ihnen sagen«, entgegnete sie und entwickelte nun ihre Gründe

mit der Klarheit, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. »Einen Mann wie

Ihren Vetter kann man nicht so einfach nicht leiden können; entweder man

hat ihn, an Ihrer Stelle natürlich, gern, schon weil er ein Verwandter, und

hat ihn sehr gern, weil er ein überlegener, besonderer Mann ist, oder man

sieht ihn ganz und gar mit feindlichen Augen an, denn nur so kann er

einem mißfallen, und dazu gehört ein sehr triftiger Grund. Es steht etwas

zwischen Ihnen beiden, das hab' ich damals gemerkt, darum ist Ihnen seine

Nähe unangenehm.«

Ja, Lucy mit ihrer Annahme, die für eine junge Dame recht scharfsinnig war,

hatte einmal Recht gehabt, aber jetzt, wie anders war es jetzt!

»Sie wollen es nicht eingestehen«, meinte sie, als ich nachdenklich

schwieg.

»Nein«, sagte ich mit einiger Hast, »ich habe nichts zu verhehlen. Früher

waren Familienverhältnisse die Ursache, daß ich dem Vetter, der

übrigens eigentlich gar nicht mit mir verwandt ist und den ich nur der

Bequemlichkeit halber so nenne, allerdings nicht freundlich gesinnt war,

jetzt hat sich Alles aufgeklärt und wir stehen so gut mit einander, wie

man es verlangen kann. Es freut mich, daß Dir der Freiherr so gut gefällt,

Lucy« -- hier machte ich eine Kunstpause -- »daran kannst Du sehen, daß ich

ihm wohlwill.«

»Was kann es für ihn ausmachen, ob er mir gefällt oder nicht«, sagte sie

gleichmüthig; sie hatte sich entweder sehr in der Gewalt oder sie empfand

bei der Nennung seines Namens nicht das, was ich meiner überklugen

Hypothese nach erwartete.

»Leben Sie wohl, Sie deutsche Wassernixe«, sagte sie, als ich schon im

Coupé saß und sie mich leicht und mit Grazie küßte.

»Was soll das nun wieder heißen, Lucy?«

»Nun, Sie sind wie die Frauen im Märchen, die hatten unter ihren Kleidern

einen Fischschwanz und außerdem kein Herz.«

»Ich danke für den Vergleich, schöne Ingeborg.«

Sie lachte und gab mir die Hand. »Aber so eine Undine kann unter Umständen

ein Herz bekommen«, flüsterte sie noch. »Sie haben die Geschichte gelesen

und gehen der Gefahr aus dem Wege.«

Damit ging das seltsame Mädchen und ließ mich in der nicht eben

beneidenswerthen Stimmung derjenigen, welchen eben eine Ahnung aufgeht,

daß sie in einem recht dummen Streich begriffen sind, während sie meinten,

einen erhabenen Sieg über sich selbst davonzutragen.

Zwölftes Kapitel.

Der erfahrene Leser wird, wenn er meiner Geschichte bis hierher

freundlich und geduldig gefolgt ist, sich nun nachgerade bei derselben des

beruhigenden Gefühls erfreuen: es muß jetzt bald zu Ende gehen, wir werden

nun bald erfahren, ob -- immer vorausgesetzt natürlich, daß er nicht schon

längst, nach wohl zu entschuldigender Gewohnheit, das letzte Blatt des

letzten Kapitels vorweg gelesen hat und das, was sich nun noch ereignen

mag, mit behaglicher Ruhe an sich herankommen läßt. Wie weit aber sind

die handelnden Personen der kleinen Welt, in die ihm der Autor den Blick

eröffnet, gerade zu der Zeit, wo sich ihnen unbewußt die Krisis herannaht,

von jener köstlichen Ruhe entfernt, die der Leser besonders dann genießt,

wenn er sich durch den eben angedeuteten kleinen Kunstgriff zur Höhe der

Vorsehung jenes Weltfragments erhoben hat! Ich dachte damals, als ich in

den trüben, kurzen Wintertag hineinfuhr, an alles Andere eher, als daß nun

bald eine Wendung und gar eine glückliche in meinem Schicksale eintreten

müsse. Mir war es im Gegentheil, als stehe ich am Anfange eines langen,

geraden, trübseligen Weges, auf welchem mir rauhe Winde ins Antlitz wehen

würden, gegen die ich mich keines Schutzes zu gewärtigen hätte. Du wirst es

tragen müssen, sagte ich zu mir selber, daß von vielen nun kommenden Tagen

dir ein jeder des Morgens seine Last von Weh aufbürdet, die bis zum Abend

getragen sein will, und es ist nur gut, daß die Zeit -- denn so klug oder

so altklug war ich damals schon, der Zeit auch etwas zuzutrauen -- daß

die Zeit diese Bürde allmälig leichter machen wird. Uebrigens verhinderte

dieser Ansatz zu einer philosophischen Anschauung meines Schicksals mich

durchaus nicht, viele Thränen in mein Taschentuch hinein zu weinen, sodaß

ich mich gegen Ende des Weges nur schwer zu einer ruhigen Miene fassen

konnte. Der Zwang dauerte aber nicht länger, als bis ich, hinter dem alten

Diener sitzend, der mich von der letzten Station abgeholt hatte, durch die

Wiesengelände der Besitzung und zuletzt auf Kieswegen in den eigentlichen

Garten eingefahren war. Hier war Alles so abgeschlossen, so friedlich, fast

traurig anzusehen, daß mir die Last vom Herzen gleichsam wegthaute; ich

empfand den Genuß -- er wird einem nicht eben häufig zu Theil -- mich in

einer mit meiner Stimmung harmonirenden Umgebung zu befinden, freilich ohne

mir, wie ich es jetzt bin, über den Grund dieses melancholischen Behagens

klar zu sein. Es war Anfang December und die Luft auffallend mild

und frühlingsartig; die immergrünen Sträucher im Garten, die hohen

Tannengruppen, welche der bleiche Mond dann und wann, wenn ihn die rasch

dahinziehenden Wolken auf Augenblicke frei ließen, matt beleuchtete,

verhinderten den Anstrich winterlicher Oede, welchen die freien Felder

draußen hatten; wie gefeit erschien die nächste Umgebung des Hauses und das

Haus selbst wie der Sitz der gütigen Wundermächte. Im Stil des Zeitalters

der Elisabeth gebaut, spitz und vielgieblig, mit schmalen Fenstern in der

langen Mauerfläche, war es auf einer Seite ganz mit Epheu überzogen;

aus dem Bogen des mittlern Eingangs fiel gastliches Licht auf den Rasen

draußen. So steht es mir noch immer, wie Kindern ein Märchenschloß, von

eigenem Zauber umweht, im Gedächtniß.

Spät am Abend noch, ganz ausnahmsweise spät für sie, wie mir die alte Dame

freundlich sagte, saß ich zwischen den lieben Leuten am Feuer und erzählte,

erzählte alles Mögliche von Goldwell-House, von dem Befinden eines Jeden,

von Menschen und Thieren bis zu den Katzen hinab und bewunderte das rege,

gern eingreifende Interesse, mit welchem besonders die Großmutter dem Leben

dort folgte, das vortreffliche Gedächtniß und die scharfe Beobachtungsgabe,

welche sie dabei unterstützten. Bis auf vierzehn Tage vor meiner Abreise

wußte sie so ziemlich Alles, was sich dort von wichtigen und unwichtigen

Dingen zugetragen, da sie von Tochter und Enkeln regelmäßig und in kurzen

Zwischenräumen Briefe erhielt. Aber es sei doch einmal etwas ganz Anderes,

erzählt zu bekommen, und ich erzähle so hübsch, meinte sie. Uebrigens

wechselten wir nachgehends die Rollen und dabei stand ich mich besonders

gut; der alte Herr war der Repräsentant einer in ihrer Reinheit immer

mehr verschwindenden ehrenwerthen Gattung des altenglischen, auf dem Lande

lebenden Grundbesitzers, innig verwachsen mit den Angelegenheiten der

Landschaft, die er seit Jahren im Parlament vertrat, wohl bewandert in den

oft romantischen Geschichten der in der Nähe begüterten Adelsgeschlechter

und sonstigen Honoratioren, dazu unerschöpflich an Jagdanekdoten und

nebenbei treu anhänglich den literarischen Koryphäen der Periode, in welche

seine Jugend gefallen, im Ganzen tüchtig gebildet und weit freisinniger,

als es die Klasse, zu der er gehörte, zu sein pflegt -- man konnte sich

keinen bessern Gesellschafter in langen Winterabenden wünschen. Es ist

mir erst in spätern Jahren, als der gute Herr lange todt war, ja, als ich

selber anfing, mich für eine alternde Frau zu halten, klar geworden, was

seine Lebensanschauung auszeichnete, was ihr eine erquickende, beruhigende

Klarheit verlieh, was das warme Licht über all die Scenen ausgoß, welche er

schilderte, sodaß sie zu köstlich vollendeten Bildern wurden -- es war ein

Strahl von Humor, von dem echten Humor, der einige seiner Landsleute groß

gemacht, von der Weisheit, welche die Welt liebevoll nimmt, wie sie ist,

ohne sie etwa für vortrefflich zu halten, etwas von dem Bewußtsein des

nicht zu lösenden Widerspruchs, der in den Erscheinungen zu Tage kommt.

Seiner sonst so praktischen Gattin fehlten diese Gaben gänzlich; sie hatte

große Reformationsgelüste und hielt dafür, daß es einigen klugen Leuten

vorbehalten sei, die Welt von Grund aus zu verbessern. Beide aber hatten

sich, trotz bedenklicher Verschiedenheiten in den Charakteren, so in

einander gelebt, daß es eine Lust war, sie zu beobachten.

Fast dünkt mich, als hätte ich hier in meiner Erzählung einen Fehler

begangen, indem ich durch diese objective Beurtheilung meiner beiden

liebenswürdigen Wirthe von vornherein beim Leser jeden Hauch der Stimmung

verscheucht habe, die mich doch während meines Aufenthalts in Eldhall fast

durchgängig beherrschte und welche ich durch den Vergleich des Hauses

mit einem verzauberten Schlosse anzudeuten gesucht. Mein ungestörtes

Zusammensein mit dem Herrn und der Frau vom Hause beschränkte sich nämlich,

die Hauptmahlzeit etwa noch ausgenommen, auf die Abende, welche freilich

einen ansehnlichen Theil der trüben Wintertage einnahmen; am Morgen und

frühen Nachmittag war ich meist allein, wie ich es mir wünschte, und diesen

Stunden schrankenloser Träumerei hielt die Zeit des heitern Zusammenseins

um so weniger das Gleichgewicht, als die Geschichten des alten Herrn gar

oft dazu angethan waren, meine Stimmung zu nähren. Ich versenkte mich gern

in das Gefühl der Abgeschiedenheit des Ortes, an dem ich mich befand, und

hätte gewünscht mir einbilden zu dürfen, es würde stets so bleiben und wir

von allem Verkehr auf immer abgeschnitten sein. In dem altmodischen Garten

zwischen hohen Hecken ging ich umher, auch wohl ein Stück in die Wiesen

hinein, welche uns rings umgaben, hier und da von Gehölz, den Resten eines

alten, großen Waldes, unterbrochen, wo sich Brombeerranken um die Stämme

zogen, an denen braungrüne, scheinbar lebende Blätter noch hingen, und wo

es üppiges Moos und feuchtglänzende Epheublätter in Menge gab. Das Alles

hatte freilich ein Ende, als nach plötzlichem Umschlag des lauen Wetters

zu scharfem Froste ein heftiger Schneefall eintrat, der das Hinausgehen

unmöglich machte. Da saß ich denn viel für mich und es fehlte mir zu dem

trauernden, einsamen Fräulein der Märchen nicht einmal das Thurmgemach. Das

Gebäude erfreute sich nämlich eines hervorspringenden Erkers gerade an der

Seite, wo der Garten sich terrassenartig hinabsenkte, sodaß man unterhalb

in eine Art Tiefe blickte, und mir hatte man das Erkerzimmer eingeräumt, zu

dem nur leider keine Wendeltreppe führte. Jetzt nach Jahren kann ich über

das Schmerzbehagen lächeln, mit welchem ich damals hinaus in den Schnee

nach den Krähen blickte, welche um die meinem Fenster nahen Spitzen der aus

der Tiefe ragenden Föhren flogen, kann darüber lächeln, daß mir dies Zimmer

für eine wehmüthig resignirte Stimmung, in die ich mich gern versetzte,

fast unentbehrlich war; jetzt vermag ich aber auch diese wunderlichen

Arabesken von dem wirklichen Grame, der leise nagenden Sehnsucht, die sie

hervorbrachte, zu sondern, darf mir das Zeugniß geben, daß ich wirklich und

ehrlich litt, nicht nur phantastisch mit dem Gefühle spielte.

Verflossene Stunden: Novelle · 第 9 / 11 段