Auch in Bezug auf die Abtretung des Besitzes sprach die Mutter anders, als

ich erwartet hatte. »Ich werde nicht mehr lange bei Dir sein, mein Kind«,

sagte sie, »und es ist gut, daß Du nicht allein und zugleich bettelarm in

der Welt dastehen wirst. Das Schloß ist allerdings nur ein Theil des

uns zukommenden Besitzes, aber wenn es dem Freiherrn Ernst ist mit der

Restitution, so nimm sie an. Er ist ja ohne dasselbe reich genug; wir

wollen es als ein Geschenk von Gott ansehen, dem es einst gefiel, uns Alles

zu nehmen, und dem es jetzt gefällt, uns einen Theil wiederzuerstatten.«

Weiter wurde zwischen uns von der gewaltigen Veränderung, die nun in unserm

Leben eintreten konnte, nicht geredet, und auch unsern Gedanken vermochte

sie keine neue Richtung zu geben. Ich wenigstens empfand keinerlei

Genugthuung darüber; noch nie war ich so niedergeschlagen, so hoffnungslos

traurig gewesen, als ich es nach jenem Abend wurde. Von den wenigen

Bekannten, die ich im Städtchen besaß, zog ich mich infolge dieser Stimmung

ganz zurück; Tage und Wochen lang sah ich kaum einen Menschen außer

meiner Mutter und der Magd. Ich pflegte gegen Abend erst hinauszugehen, am

liebsten unter die Weiden bei der Stadtmauer, und dann allemal, ehe ich ins

Zimmer zurückkehrte, erst auf jenen erhöhten Platz im Garten. Dort stand

ich eine Weile, nahm den Hut ab und ließ mir die laue Abendluft durch das

Haar wehen. Tönten einmal draußen auf der Straße Schritte, so schrak ich

zusammen und konnte mein Zittern eine Zeit lang kaum bemeistern.

Blicke ich jetzt, nach Jahren, auf jenen Zustand zurück, so muß ich

allemal meinem Geschick danken, daß es die Keime, welche sich damals in mir

zeigten, nicht zur Reife kommen ließ. Meinen geistigen Thätigkeiten fehlte

das Gleichgewicht, und hätten die Umstände fortgefahren, einige so sehr

auf Kosten der andern zu begünstigen, so wäre ich eine excentrische,

trübsinnige Einsiedlerin geworden. Fürs erste zerriß das Schicksal das

Gewebe meiner müßigen Träumereien, indem es den Gedanken einen wirklichen

Gegenstand unterschob, und zwar durch einen Brief von Lucy. Ich hatte deren

schon viele gehabt; sie schrieb mir mit der größten Regelmäßigkeit und ich

antwortete ebenso. Bedeutenden Inhalts pflegten diese Documente im Ganzen

nicht zu sein; es waren Berichte über beiderseitiges Befinden und stets

fand sich darin der Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen ausgesprochen.

Diesmal war Lucy's Schreiben länger als gewöhnlich und die erste Nachricht,

die sie mir mit lebhaften Worten mittheilte, war, daß der Freiherr sich im

Hause ihrer Aeltern befinde. Sie erzählte dann, wie gut man sich amüsire,

wie viele Land- und Wasserfahrten man mache, daß bei schlechtem Wetter

im Hause deutsch gelesen werde, und wie sehr sie mich zu dem Allem

herbeiwünsche, obgleich ich, wie sie sich erinnere, meinem Vetter damals

nicht besonders hold gewesen sei. »Wären Sie aber jetzt hier«, meinte sie

weiter, »so würde die Fehde zwischen Ihnen wohl aufhören, so liebenswürdig

ist der Freiherr; Sie würden ihm nicht widerstehen können. Uns alle erhält

er in guter Laune, sogar der Bär Forster -- dies Epitheton führte der

Jurist bei dem lustigen Mädchen schon lange -- sogar er, der seit Ihrer

Abreise, um mit John zu reden, stets ein Gesicht wie ein Leichenstein

gemacht hat, fängt langsam an aufzuthauen. Was uns ärgert, ist, daß er

lange, geheimnißvolle Privatunterredungen mit dem Freiherrn hält, während

welcher wir uns langweilen müssen; es wird dabei, wie man allgemein

behauptet, von Ihnen gesprochen. Sie müssen kommen, unsere Minerva,

Miß Mentor, wie Papa Sie nennt, und Ihrem Landsmann den verlorenen

Seelenfrieden wiederbringen, denn wir alle sind darin einig, daß er

denselben in Ihrer Verwahrung gelassen hat.«

Jetzt wußte ich plötzlich, warum ich unglücklich war; durch diesen Brief

mit seinem schonungslosen Uebermuth errang ich mir eine Klarheit, von der

ich damals glaubte, sie sei das einzige Gut, auf welches ich im Leben noch

Anspruch zu machen habe. Ich gewann den Muth, mir einzugestehen, daß der

Freiherr längst alle meine Gedanken erfüllte, und philosophirte sehr weise

darüber, ob dies wohl die Liebe sei, von der die Dichter seit alten Zeiten

singen, von deren Kunde die Weltgeschichte voll ist. Fast zweifelte

ich daran, denn jene Liebe, das hatte ich in Büchern gelesen, verlangte

ungestüm nach Besitz, und ich bildete mir ein, daß ich mich darauf freue,

Herrn Bardolph als Gemahl Lucy's zu sehen, weil er dann glücklich sein

würde. Das erstickende Gefühl, was mich allemal überkam, wenn ich mir

dachte, wie er sie in seine Arme nehmen und ihr schöner blonder Kopf an

seiner Brust ruhen würde, nannte ich Schwäche und hoffte es mit der Zeit

zu überwinden. Nachdem ich einigermaßen mit mir selber fertig geworden war,

blieb mir noch eine Pflicht zu erfüllen: ich schrieb an Forster und bat ihn

um Verzeihung, daß ich ihm damals nicht gleich mit Bestimmtheit geantwortet

habe. »Sie ließen mir freilich wenig Zeit dazu«, sagte ich ihm; »Sie

wollten keine Antwort, aber ich würde Ihnen dennoch eine gegeben haben,

wenn ich schon damals mit mir selbst im Klaren gewesen wäre, wie ich es

jetzt bin. Und warum sollte ich Ihnen nicht den Grund meiner Ablehnung

Ihres ehrenden Antrags sagen? Mich dünkt, Sie haben ein Recht darauf, ihn

zu wissen. Besonders aber drängt es mich zu dem Geständniß, was ich Ihnen

machen will, weil es mir scheint, als müßten Sie aus demselben eine Art

Trost schöpfen können, wenn anders ich wirklich das Unglück habe, Ihnen

Schmerz zu bereiten. Ich liebe einen edlen, vortrefflichen Mann, der von

meiner Neigung nichts weiß und nie davon erfahren wird. Es kostet mich

keine Scheu, keine Verlegenheit, Ihnen dies zu sagen; jenes Gefühl ist ohne

mein Zuthun in mir entstanden, es wird mich nicht hindern, der Verbindung

des so sehr Geliebten mit einer Andern mit dem einzigen Wunsche zuzusehen,

daß beide glücklich werden mögen. Und das Letztere wünsche ich Ihnen auch

und bin überzeugt, Sie werden noch finden, was Sie suchen.«

Auch Lucy antwortete ich; wider meinen Willen wurde der Brief gegen

den ihrigen etwas kalt und karg. Wochen vergingen, ohne daß ich Antwort

erhielt; die Grays waren jetzt auf ihrer Herbstreise und wahrscheinlich

hatten meine Briefe ihre Adressen noch gar nicht erreicht. Ich liebte es,

mit einer Art trauriger Genugthuung mir die fröhlichen Scenen auf jener

Reise, die Gruppen glücklicher Menschen auszumalen; an dem Abglanz jenes

Glückes wollte ich mich auch erwärmen, an den schrägen, matten Strahlen,

die von weither zu mir herüberschossen; aber sie gaben ein gar kaltes

Licht.

Mit dem scheidenden Sommer verschlimmerte sich der Zustand meiner Mutter

auch wieder, das Leiden, von dem sie lange schon nie ganz frei gewesen,

trat heftiger auf und machte sie immer mehr mit dem Gedanken an einen

baldigen Tod vertraut. Sie fürchtete ihn nicht, sie hatte sich jahrelang

das Sterben, in dem sie eine Wiedervereinigung mit ihren geliebten Todten

sah, leise herbeigesehnt; sie trauerte aber um mich, die so ganz allein

zurückbleiben sollte. Wir hatten jetzt oft, wenn es der Zustand der Mutter

zuließ, lange Gespräche mit einander; zuerst eigentlich in meinem Leben

gab sie mir Gelegenheit, meine Ideen und Meinungen über so Manches

auszusprechen, wovon ich früher vor ihr nicht zu reden gewagt. Sie hörte

mich dabei mit einer fast ängstlichen, forschenden Aufmerksamkeit an, die

ich mir nicht recht erklären konnte. Ich sprach aber gern, meine Hand auf

ihren Knieen und ihr von Zeit zu Zeit in das liebe Antlitz mit den noch

immer schönen Augen blickend, während sie die Worte von meinen Lippen zu

trinken schien. »Gott sei Dank, Margarethe«, sagte sie einst, während eines

solchen Zwiegesprächs, tief aufathmend, »daß Du geworden bist, wie ich

Dich jetzt kennen lerne. Mir verdankst Du es nicht -- ich habe Dich

vernachlässigt, habe in meinem egoistischen Kummer das arme Kind sich

selbst überlassen; nein, versuche nicht, mir zu widersprechen, ich weiß,

wie schwer ich gefehlt habe. Jahre sind vergangen, während welcher ich Dich

kaum kannte, mich nicht um Dich kümmerte, da Du stündlich um mich warest,

jetzt werd' ich gewahr, was ich für eine Tochter habe, aber Gott straft

mich gerecht, indem er mich nicht ernten läßt, wo ich nicht säete; Du bist

aufgewachsen zur Freude und ich muß fort.«

»Mutter, sprich nicht so!« bat ich. »Du hast noch gar Vieles zu erleben;

Du sollst in Schloß Günthershofen einziehen und die Margarethe als

Schloßfräulein sehen.«

Die Mutter schüttelte ernst mit dem Kopfe.

»Ich kann nicht glauben, daß mir das zu Theil werden sollte; ich könnte es

auch nur um Deinetwillen wünschen. Ich mag nicht noch einmal Reichthum und

Rang auf meinen Schultern fühlen, sie sind zu schwach dazu. Als ich vor so

vielen Jahren das Schloß verließ -- es gehörte uns damals noch -- da wurde

es mir einen Moment lang ganz klar, daß ich es nie wieder betreten würde.

Es gibt Menschen, denen ein solches -- Hellsehen möchte ich es nicht

nennen, es ist eine kurze Ueberzeugung, die man sich später gehabt zu haben

erinnert, ohne sie noch zu besitzen -- ein- oder zweimal im Leben zu

Theil wird; die seltsame Gabe ist mehreren Gliedern meiner Familie eigen

gewesen.«

Die Mutter schwieg sinnend und in mir ging in jenem Augenblick etwas

Seltsames vor; auch ich wußte plötzlich ganz genau, daß ich -- aber nein,

die Gewißheit, die mir wie etwas Fremdes, nicht in mir Entstandenes ans

Herz trat, war sicher nur eine blendende Lüge. Die Mutter hob nun an,

mir die Sensation jener momentanen Prophetengabe, die gleich nach ihrem

Verschwinden auch zu nichte werde, da man selber nicht an sie glaube,

zu beschreiben; mir wurde bange, ich bat sie, sich nicht aufzuregen; die

leuchtenden Augen, mit denen sie wie in eine weite Ferne zu schauen schien,

schnitten mir ins Herz; sie sah schon jetzt zuweilen aus, als gehöre sie

nicht mehr der Erde an. -- Zu andern Zeiten aber plauderten wir traulich;

ich erzählte ihr von so manchem Eindruck, den ich, besonders während meines

Draußenseins, empfangen, und die Mutter neckte mich sogar scherzend und

meinte, so altjüngferlich ich mich stelle, so wisse sie besser, wie es

eigentlich mit mir stehe. Ich erschrak dann und fragte mich, ob sie mein

Geheimniß mit mütterlichem Scharfblick errathen habe, ich wollte ihr Alles

gestehen, aber stets hielt mich eine gewisse Bangigkeit ab. Wenn ich

mich irrte, wenn das Geständniß meiner Abtrünnigkeit sie traf wie ein

Donnerschlag, wenn sie mir vielleicht von neuem gebot zu hassen! Was wußte

ich, inwieweit das furchtbar starke Gefühl in ihr sich durch die letzten

Ereignisse zu Gunsten des Freiherrn abgestumpft hatte! Und wäre es anders,

billigte sie, begriff sie auch nur meine Neigung, wozu sie ihr gestehen, da

sie unerwidert war; sie mußte im besten Falle ihren regen Stolz verwunden.

So schwieg ich, bis es zu spät war, und es ist lange Jahre ein bitterer

Schmerz für mich gewesen, zu der Neigung meines Herzens nicht den Segen

meiner Mutter empfangen zu haben.

Zehntes Kapitel.

Eines Tages hatte uns der gute Pfarrer besucht, wie er es von Zeit zu Zeit

und seit der zunehmenden Schwäche der Mutter häufiger zu thun pflegte. Ich

begleitete ihn nach meiner Gewohnheit hinaus vor die Thür. »Kommen Sie doch

einmal mit in den Garten«, sagte er, noch ehe dieselbe geschlossen war,

laut zu mir; »Sie haben da eine Rose, von der ich mir einen Ableger

ausbitten möchte.« Als wir vor den Rosenbäumchen standen, meinte er

lächelnd: »Eine Kriegslist wie diese hätten Sie mir wohl nicht zugetraut,

aber ich mußte Sie auf einige Minuten allein sprechen; Sie müssen mir

dieselbe verzeihen.«

Auf meine verwunderte Frage berichtete er rasch: »Herr von Günthershofen

hat an mich geschrieben; er hat mir auseinandergesetzt, wie Schloß

Günthershofen und mit der Zeit factisch in Ihren Besitz übergehen werde. Es

drückt ihn, Sie in Verhältnissen zu wissen, die Ihrem Range und Vermögen so

wenig angemessen sind; er schreibt mir, der Gedanke sei ihm von Tag zu Tage

unerträglicher geworden, daß Sie hier Beschränkung leiden, während seine

Mutter auf und von Ihrem Eigenthum lebe. Und er beschwört mich, Sie zu

bewegen, etwas von dem Ihren anzunehmen.« Ich schüttelte heftig mit dem

Kopfe. »Um Ihrer Mutter willen soll ich Sie bitten, welcher jede Stärkung,

jede Bequemlichkeit zu verschaffen ja Ihre Pflicht sei.« Der Pfarrer sprach

noch Manches, sprach wärmer, je mehr er sah, wie ich in meinem Widerstande

unsicher wurde, da ich daran dachte, wie oft mir das Herz weh gethan hatte,

wenn ich für die Mutter dies oder jenes nicht erlangen konnte, weil ich zu

arm war. Welches falsche Zartgefühl konnte mich abhalten, anzunehmen, was

von dem besten Manne geboten wurde und was doch auch wirklich uns zukam?

Ich schwieg in diesen Gedanken und der gute Pfarrer wollte fortfahren, mich

mit neuen Gründen zu überreden, da unterbrach ich ihn. »Ja, ich will, Herr

Pfarrer«, sagte ich abgewendet; »der Freiherr hat Recht, um der Mutter

willen darf ich mich nicht weigern.«

»Recht so, mein Kind«, sagte er und nahm meine beiden Hände; »aber lassen

Sie die Mutter nichts merken; sie möchte die Sache anders auffassen und

sich gekränkt fühlen. Ich komme bald und stelle Ihnen die Sendung zu.«

Auch in seinem Glücke dachte er also an uns! Ach ja, er war gut und edel

durch und durch; er verdiente alle Liebe, ein Jeder mußte ihm gut sein, der

ihn kannte. Dies war auch mit mir der Fall; daß er nichts davon wußte, was

lag daran? Ich liebte ihn und schämte mich dessen nicht.

All mein Denken war nun bald nur meiner Mutter zugewendet, deren Zustand

sich täglich verschlimmerte. Daß sie bald sterben würde, wußte sie; ich

wehrte mich innerlich gegen die Hoffnungslosigkeit, die auch mich nach und

nach überkam; wenn mich die liebe Kranke schonend und zärtlich vorbereiten

wollte, suchte ich dem gefürchteten Thema mit krankhafter Angst

auszuweichen. Eines Abends saß ich am Bett, während draußen ein kalter

Mondschein über der herbstlichen Welt lag; die Mutter hatte den Tag über

große Schmerzen und von fiebernder Unruhe gelitten und war in der Dämmerung

eingeschlummert. Jetzt schlug sie die Augen auf und sah mich klar und voll

an, ja sie lächelte sogar.

»Es geht Dir besser, liebste Mutter?« fragte ich, indem ich mich über sie

beugte.

»Ja, mein Kind, die Schmerzen sind vorüber; ich glaube nicht, daß sie

wiederkommen werden bis -- nein, komm Margarethe, nicht mehr dies thörichte

Zusammenzucken; was nützt es, sich der Wahrheit verschließen zu wollen? Ich

muß meine Zeit benutzen, sie ist gar kostbar für mich geworden.«

Sie hielt, schon erschöpft, inne; ich reichte ihr, indem ich die Thränen

mühsam unterdrückte, auf ihren Wink zu trinken; dann fuhr sie, häufig

ermattet stockend, mit stetigem Entschlusse fort, während ich sie nicht zu

unterbrechen wagte, und sprach von der Zeit, wo ich allein sein würde.

»Es ist besser, wir besprechen zusammen, was Dir nach meinem Tode geziemen

wird zu thun, liebe Tochter«, sagte sie; »Du wirst ohne Verwandte, ohne

Schutz dastehen unter eigenthümlichen Verhältnissen. Der Freiherr wird

Dir nach dem, was vorgefallen ist, gewiß Schloß Günthershofen zur

Wohnung anbieten; ich möchte von Dir hören, wie Du über Deine Zukunft zu

entscheiden gedenkst. Sei stark, meine Tochter! Ich weiß, ich verlange

viel, aber Du bist Deiner sterbenden Mutter den Kampf mit diesen Thränen

schuldig; laß mich wissen, soweit dies Menschen vorherbestimmen können, was

aus Dir werden wird, damit ich beruhigt hinübergehen kann.«

Ja, die Mutter verlangte viel; noch in ihren letzten Stunden schien in

ihrem Wesen jene Vornehmheit, jenes ruhig, selbstverständlich Gebietende

durch, was sie stets ausgezeichnet hatte. Ich sollte meinen unsaglich

bittern Jammer hinunterschlucken, sollte mich des Gefühls, daß ich sie

besaß, daß sie doch noch bei mir war, berauben, in den letzten Augenblicken

vielleicht, in denen es mich noch auf Erden beglücken konnte. Ich that es,

ich dachte an die Zeit, die so trostlos öde vor mir lag, die Zeit, in der

ich, gleichsam mit allen Wurzeln aus dem Boden gerissen, heimatlos und

ganz, ganz allein sein würde. Die Mutter fragte wieder:

»Willst Du mit seiner Mutter auf Schloß Günthershofen wohnen?«

»Nein«, rief ich heftig, »nein, nein! Ach Mutter, kann ich denn nicht hier

bleiben, in diesen Zimmern, wo Du und ich zusammen waren --«

»Hier bleiben, ganz allein? Nein, mein Kind; versprich mir, das nicht zu

thun -- ich bitte Dich, ich befehle es Dir, auch wenn Dir die Mittel

dazu geboten würden. Ich habe Dich in der letzten Zeit beobachtet, das

Alleinsein hat Gefahr für Dich. Höre meinen Rath, meinen Wunsch! Gehe nach

England zurück; ich bin gewiß, man wird Dich liebevoll aufnehmen. Es ist

ja auch nur für einige Jahre; glättet sich später die Angelegenheit mit dem

Freiherrn, wird Günthershofen einmal durch den Tod seiner Mutter frei, so

bist Du in den Stand gesetzt, zu leben, wo und wie es Dir gefällt, Du wirst

unabhängig sein. Ich danke Gott, mein Kind, daß es so gekommen ist.«

Wir sprachen danach wenig mehr; die Mutter nahm meine Hand, ich blieb lange

unbeweglich, während es endlich todtenstill im Zimmer geworden war. Noch

einmal gelang es mir, alles Andere zu vergessen und nur zu wissen, daß

ich bei meiner Mutter sei und ihre warme Hand die meine halte. Am nächsten

Morgen war ich allein, die theure Gestalt lag noch da, aber sie gehörte

mir nicht mehr -- geheimnißvoll hatte sich in der Stille der Nacht etwas

derselben entwunden, war mir entflohen -- ich kam mir wie betrogen, wie

hintergangen vor. Thränen fand ich da nicht, ich saß ganz still; einmal

berührte ich das Kopfkissen, um es noch mechanisch zu glätten, ich fuhr

zurück, es war eiskalt. Ich konnte, was vorgegangen war, nicht fassen:

gestern Abend hatten von diesem Munde noch Worte an mein Ohr geklungen,

jetzt war er unbewegt. Erst leise, dann immer heftiger sagte ich

wiederholt: »Mutter, sprich, sprich, Mutter, noch einmal, noch ein Wort!«

Ich küßte ihre Hand, hauchte darauf, hielt sie zwischen meinen Händen

und rieb sie sanft; einmal schien mir's, als sei sie wieder warm, in

erstickender Bewegung schaute ich nach dem Antlitz und erkannte meinen

Irrthum. Da fiel mir ein, daß man Todten die Augen schließe; mit zitternden

Fingern berührte ich ihre kalten, schweren Lider, und damit, mit dem

Bewußtsein, daß ich der Mutter nun den letzten Dienst erwiesen, kam erst

Leben in meinen Schmerz -- mit einem Jammerruf warf ich mich neben dem

stillen Lager nieder.

Elftes Kapitel.

»Herbst ist es nun, Stürme des Meeres, die wollen nicht ruhn!« So hatten

wir in der rührenden Klage der schönen Ingeborg gelesen. Jetzt wurden wir

still, die beiden jungen Mädchen, denen ich die Frithjofssage zum ersten

Male vorführte, waren ergriffen von den eben gehörten Worten und schauten

beide sinnend ins Feuer, welches vor uns im Kamine brannte. Alles stimmte

zu behaglicher Ruhe in meinem Zimmer, wo ich jetzt, nicht mehr wie früher

in der »Schulstube«, meinen nun erwachsenen Schülerinnen ihre deutschen

Stunden gab. Die Sessel und das niedrige Kanapee, Teppiche, Vorhänge und

die Tapeten der Wände waren dunkelfarbig, durch die Glasthür und über

die Veranda hinaus sah man auf den winterlichen Park und blickte von dem

grauen, windgefegten Himmel nur um so lieber zurück auf die warmen Farben

des kleinen Raums und in die prächtig glühenden Kohlen. Lucy stand jetzt

von ihrem niedrigen Sitze auf und schaute, die hohe Gestalt leicht nach

hinten gebogen, aus dem Fenster, während sie vor dem Feuer stehen blieb.

Wie oft sah ich sie jetzt still bewundernd an, sie war gar so schön; in

diesem Augenblicke verkörperte sie mir Ingeborg, ein Maler hätte sich kein

edleres und lieblicheres Vorbild für die königliche nordische Jungfrau

denken können. Und nun richtete sich neben Lucy eine Andere auf, umfaßte

sie leicht und blickte in den Spiegel, der dicht vor den beiden über dem

Kaminsims sich erhob. Da sah sie, wenig kleiner als die Lucy's, eine

dunkle Gestalt und ein bleiches Gesicht, welches, wie es ihr schien, die

Jugendfrische der Gefährtin nur mehr hervorhob, und wendete sich leise

seufzend ab.

Solche Anwandlungen gekränkter Eitelkeit hatte ich je zuweilen neben der

immer prächtiger erblühenden Lucy, nicht ohne daß ich mich ihrer stets

geschämt hätte, und das um so mehr, je enger ich in herzlicher Liebe

und Anhänglichkeit mit der Familie Gray verbunden wurde. Sie hatten mich

empfangen wie eine Tochter, die man längst erwartet; mit dem Takte der

Herzensgüte richtete Frau Gray Alles wie für einen beständigen Aufenthalt

um mich ein, ich sollte das Haus wie meine Heimat betrachten lernen. Von

meinen Verhältnissen hatte ich Einiges fallen lassen, mehr schien die Dame,

wie ich mir dachte, von dem Freiherrn erfahren zu haben; es war mir klar,

daß man mich zwar für heimatlos, aber nicht für arm und von meiner

Arbeit abhängig halte. Es kam mir vor, als überlasse man mir die wenigen

Gouvernantenpflichten, welche der Unterricht der Töchter etwa noch

forderte, nur um zu verhindern, daß ich mich für unnütz und überflüssig

im Hause halte; als ich aber nach einiger Zeit der Mutter meine Scrupel,

länger als Erzieherin bei ihr zu fungiren, eröffnete, da die jüngern Kinder

eine Gouvernante hatten, bat sie mich so inständig zu bleiben, wußte so

viel von dem guten Einfluß zu sagen, den ich auf die Mädchen haben sollte,

von ihrer aller Gewöhnung an mich und dergleichen, daß ich mich auf eine

Zeit lang wieder beruhigte.

Ich hatte das Haus ziemlich still gefunden bei meiner Rückkehr. John war

in seinem ersten Semester zu O., wo er mit Forster, der an der

Universitätsbibliothek eine ehrende Anstellung erhalten hatte, zusammen

hauste; Roger war auf Reisen. Uns wurde indessen die Zeit nicht lang, wir

gingen, ritten und fuhren umher, nähten und lasen und thaten, was jeder Tag

verlangte; dabei wurde jedoch viel von den Abwesenden gesprochen und die

Zeit leise herbeigesehnt, da man wieder einmal zusammensein würde wie

»damals«, das hieß, den ersten Herbst nach meiner Ankunft.

Auch an jenem Nachmittage, da wir der zunehmenden Dunkelheit wegen unser

Buch zugeklappt hatten, kam die Rede auf jene Zeit; wir sprachen von

Forster, rühmten ihn und tauschten unsere Muthmaßungen über seine künftige

Carrière aus, ob er sich ganz in England einleben, einen englischen

Hausstand gründen und dazu ein englisches Weib nehmen, oder ob er, wenn

eine Amnestie, welche halb und halb erwartet wurde, eintreten sollte, sich

der Heimat zuwenden würde. Mit dem den Engländern häufig eigenen Ernst in

kleinen Dingen wurden diese Möglichkeiten von den beiden jungen Geschöpfen

neben mir gründlich erörtert. Darüber, daß man wisse, er habe von mir eine

Zurückweisung erfahren und wie bleich und grämlich er danach umhergegangen

sei, hatte ich schon früher vertrauliche Mittheilungen entgegennehmen

müssen, jetzt meinte die kleine Blanche wieder: »Ach, wie haben Sie es auch

nur thun können, Miß Margareth! Ein so guter Mensch! Ich würde es nicht

übers Herz bringen, nein zu einem zu sagen, wenn ich sehen könnte, daß es

ihn so sehr kränken würde.«

Ich war nicht aufgelegt, die Sache ernst zu nehmen und dem Kinde

auseinander zu setzen, wie dieses Nein unter Umständen die heilige Pflicht

eines ehrlichen Mädchens sei, wußte ich doch auch, daß sie nicht so

einfältig sei, wie sie sich oft zu stellen liebte. Von der Schwester wurde

sie wegen ihrer etwas weitgehenden Gutherzigkeit geneckt, und vielleicht

um eine kleine Rache auszuüben, sagte sie leichthin: »Und wann kommt der

Freiherr, Lucy? Hat er es Dir im letzten Briefe nicht mitgetheilt?«

Ich fühlte plötzlich die Nothwendigkeit, mich niederzusetzen; die Schwäche,

welche ich weder vor noch nachher empfunden zu haben mich erinnere, mochte

in den jüngsten traurigen Vorgängen zum Theil ihren Grund haben. Doch

bemerkten die Mädchen nicht, daß Blanche, gegen ihren Willen, die Schwester

mit ihrer kleinen Malice weit weniger getroffen hatte als mich; Lucy hob

den schönen blonden Kopf langsam in die Höhe und sagte gleichmüthig: »Herr

von Günthershofen schrieb mir, wie Du weißt, vor einem Monat zuletzt aus

Südfrankreich und meinte, es wäre möglich, daß er Weihnachten bei uns

zubrächte.«

»Und Du hast ihn in Deiner Antwort gebeten, sich durch nichts abhalten zu

lassen«, fuhr die ungezogene Jüngere beharrlich fort.

Verflossene Stunden: Novelle · 第 8 / 11 段