Mit der tiefen Einsamkeit übrigens, die mir so sehr zusagte, hatte es ein

Ende, sobald der Schnee rings zu Wegen und Stegen sich geebnet hatte

und schönes klares Wetter eingetreten war. Da sprachen die benachbarten

Grundbesitzer häufig nach der Jagd bei uns ein und fanden gastlichen

Empfang; sogar die jüngern Sprößlinge hochadliger Häuser verkehrten auf

diese Weise ganz freundschaftlich in Eldhall. Sie kamen, wie die alte

Haushälterin augenzwinkernd behauptete, jetzt öfter als sonst; die Kunde,

es sei eine junge Dame aus Goldwell-House da, mochte sie anlocken, denn

jeder dachte dabei gleich an die schöne Lucy, welche die Großältern nicht

selten besuchte; ich muß es den meist stattlichen, liebenswürdigen jungen

Leuten nachsagen, daß sie ihre Enttäuschung, nur mich zu finden, mit gutem

Anstand verhehlten. Außer diesen Besuchen und noch mehr als sie bildeten

die Briefe aus Goldwell-House Ereignisse in unserm Leben, wahre

Chroniken im Ganzen, die einzelnen aber doch immer ziemlich kurz; unsere

Correspondenten, zu denen sogar die ältesten der »Kleinen« schon gehörten,

vertheilten den zu bewältigenden Stoff gewissenhaft unter einander und eine

Epistel ergänzte die andere. Da hörten wir, wie die jungen Leute angekommen

waren, einer nach dem andern, auch Forster unter ihnen. »Er fragte gleich,

nachdem er sich gesetzt hatte, wo denn Fräulein Margarethe sei«, schrieb

klein Annie mit zolllangen Kinderbuchstaben; meinen Brief mit der Erklärung

hatte er unbeantwortet gelassen, ich wußte nicht, was ich davon denken

sollte. Von John lief bald darauf ein acht Seiten langes Billet an mich

ein, in welchem er im Tone erhabenen Unwillens die Freuden schilderte,

welche ich durch meine Einsamkeitsmanie entbehre, und ein anderes an die

Großmutter, worin er sie bei allem Möglichen beschwor, mich auf der Stelle

fortzuschicken; die Gesellschaft wurde uns beschrieben, welche sich am

Weihnachtsabend im Gray'schen Hause zusammengefunden. Von Blanche erhielten

wir Bericht darüber, was eine jede junge Dame »angehabt«, sie und Lucy

eingeschlossen; daß Lucy sehr gefallen, hörten wir aus derselben Quelle.

Lucy selbst ließ sich herab, der Großmutter eine ausführliche Beschreibung

der Pfänderspiele jenes Abends zu liefern und der Ereignisse, die sich

dabei zugetragen. Frau Gray erzählte von ihren Arrangements zum Empfang der

Gäste, wobei sich mancher Wink der alten Dame trefflich bewährt hatte.

Dann folgten in kurzen Zwischenräumen Bulletins über eine ganze Serie von

Vergnügungen, kurz, wir erhielten wie durch eine magische Laterne Einblicke

in ein buntes, fröhliches Treiben, welches sich aber zu unerhörten

Festlichkeiten zu steigern versprach, da nach Blanche's immer häufigern

geheimnißvollen Andeutungen eine Verlobung in der Familie, Verrath im

Lager, wie sie's ausdrückte, nahe bevorstand. Dabei wurde immer dringender

auf meinem Kommen bestanden; von meiner Verabredung mit ihrer Mutter,

wonach ich bleiben sollte, bis man mich abhole, schienen die jungen Leute

nichts zu wissen. Und bei alledem kein Wort vom Freiherrn! Daß auf Lucy's

Verlobung angespielt werde, bezweifelte auch die Großmutter nicht; ich war

im innersten Herzen überzeugt, er wünsche sie sich zu erwerben. Wo aber

blieb er? War er schon längst in Goldwell-House, wo man ihn doch erwartet

hatte, und man verschwieg absichtlich seine Ankunft? Mir wurde bei dieser

Ungewißheit bald unerträglich zu Muthe; ich hatte geglaubt, die Nachricht

von seiner Verständigung mit Lucy hier, wo ich sicher war, nicht auf

unbequeme Art beobachtet zu werden, ziemlich ruhig hinnehmen und mit mir

selber im Stillen fertig werden zu können. Auf diese Spannung hatte ich

nicht gerechnet; es erwuchs daraus ein Zustand der Qual, wie ich ihn zuvor

kaum für möglich gehalten hätte, und doch wagte ich nicht, ein Ende zu

machen, indem ich mir von Blanche, wie ich wohl gekonnt hätte, im Vertrauen

eine Erklärung erbat. Dazu fiel mir endlich die Gleichgültigkeit der

Großmutter gegen die Sache auf. Hatte sie von ihrer Tochter Nachricht

erhalten, ohne daß ich's wußte? War man übereingekommen, aus irgendwelchen

Gründen die bevorstehende Verlobung vorläufig vor mir geheim zu halten? Ich

klammerte mich an dieser ungereimten Voraussetzung fest und sie störte mein

bisher so gutes Verhältniß zu der alten Dame; dieselbe kam mir plötzlich

herrisch und kalt vor. Wahrscheinlich ging von ihr der Plan aus, mir nichts

zu sagen, bis alles im Reinen war; die Andern hätten daran nicht gedacht,

sie aber spielte ja so gern die Vorsehung; gewiß redete sie sich noch dazu

ein, es geschehe Alles zu meinem Besten. Ich konnte in ihrer Gegenwart

nicht mehr frei wie sonst sprechen, denn immer kam es mir vor, als würde

die Unterhaltung von ihr geschickt um unsichtbare Klippen herumgesteuert;

die Unbefangenheit des alten Herrn dagegen wurde unter diesen Umständen

eine Wohlthat für mich. Ich schloß mich ihm auch immer enger an, ich las

ihm vor und ging und ritt mit ihm herum, und wir waren so gute Freunde, daß

seine Gattin gutmüthig genug über meine Neigung zu ältern Herrn spottete,

worin ich dann sogleich einen gewissen Bezug entdeckte. Seine Erzählungen

aus längstvergangener Zeit, von Leiden und Freuden, über die »schon lange

Gras gewachsen war«, vermochten auch am ehesten den Geist der Ruhelosigkeit

zu bannen, der mich quälte. War ich aber allein, dann machten sich bei

mir die Personen aus seinen Geschichten den Rang streitig mit denen

der Wirklichkeit, von welchen ich fern lebte, ja sie wurden wirklicher,

körperlicher als jene, welche seltsam erblaßten und zurückwichen; ich

war wieder einmal die Beute meiner Phantasie, einer Phantasie, die, ohne

Gestaltungskraft nach außen, stets, bald zum Heil und bald zum Unheil,

große Macht über mich besessen. Jetzt erwies sie mir die zweifelhafte

Wohlthat, die Pein, welche ich fühlte, nach und nach in einen dumpfen,

traumartigen Schmerz zu verwandeln; ich empfand sie nur als ein dunkles

Etwas, welches über mir lag und woran die Trauer um den schönen jungen

Lord, den vor fünfzig Jahren sein eigener Vater im Gehölz in der Nähe

nach wüthendem Wortwechsel erschossen, weil er von einer armen Braut nicht

lassen wollte, so viel Antheil haben mochte als etwas Anderes. Ich trug

meine trübselige, beängstigende Gedankenwelt gern hinaus, um sie los zu

werden, ich machte weite Gänge, ich wollte das Draußen auf mich wirken

lassen, aber das half wenig, die Gegend erschien mir öde, die Menschen

hatten traurige Gesichter.

Als ich einst von einer solchen unerquicklichen Streiferei zurückkehrte, da

es schon dämmerte, stand die Haushälterin mit wichtiger Miene in der Thür.

»Es ist Jemand da, Fräulein«, begann sie diplomatisch die feierlichen

Eröffnungen, welche sie vorhaben mochte. »So«, sagte ich gleichmüthig

und wollte an ihr vorüber. »Ja, aber ein fremder Herr, er kommt von

Goldwell-House.« Ich begann zu zittern und lehnte mich leicht an den

Thürflügel. »Ich glaube, er bringt gute Nachrichten«, fuhr sie fort; war

sie von der Herrin, die ihr viel Vertrauen schenkte, angewiesen worden, mir

die Sache beizubringen, und hier, in der Hausthür? Dagegen rebellirte ich

innerlich, ich wendete mich und ging mit einem kühlen Wort nach meinem

Zimmer. Die Alte folgte mir und trat mit ein, um nach dem Feuer zu sehen.

»Fräulein werden sich anziehen wollen und es ist ganz kalt hier! -- Ich

glaube, der Herr ist ein Landsmann von Ihnen; er spricht wie Sie, auch

sehr gut, aber man hört doch, daß er ein Fremder ist. -- So, nun brennt's

wieder, nun will ich geschwind noch etwas zum Thee backen.«

Also Forster einmal wieder; er kam, um mich zu holen; er brachte die

Nachricht von Lucy's Verlobung; ich würde mit ihm unterwegs über das

Ereigniß zu sprechen haben. Wie zartfühlend, gerade ihn zu schicken -- ich

hörte mich plötzlich laut lachen und erschrak vor der eigenen Stimme. Was

ich bisher gelitten, war Kinderspiel, jetzt erst kam die ganze Wucht auf

mich nieder; mir war, als schlüge mir ein heißer Brodem entgegen aus einem

Orte der Qual und ich müsse hinein, hindurch. Scheu, als stände das Unglück

körperlich hinter mir, sank ich in die Kniee und faltete angstvoll die

Hände, aber ich konnte nicht beten, weil ich wußte, daß kein Gott den

Menschen das Leid ersparen kann, was sie sich selber einer dem andern

bereiten. »Das thut _er_ mir«, dachte ich bitter, »und ich habe ihn doch

so lieb, so lieb!« Daß es gerade die ungerufene Liebe sei, die mir Schmerz

mache, hätte ich mir vernünftigerweise sagen müssen, aber ich war nicht

vernünftig, sondern unglücklich. So elend, wie ich niedergekniet war, stand

oder fuhr ich wieder auf; es war ja Alles eins, ich mußte die kommende Zeit

durchleben, wenn es nur geschwind, geschwind gehen wollte. Hastig schritt

ich auf meine Kommode zu und zog ein Fach heraus, dann stand ich da und

besann mich, was ich hatte herausnehmen wollen; lange konnte ich nicht

darauf kommen, was ich eigentlich zu thun im Begriff gewesen sei. Da

ging unten eine Thür und nun fiel mir ein, daß ich hinunter müsse; mit

unsaglichem Ekel nahm ich eine Schleife und befestigte sie im Haar. »Auch

das noch, auch die Mühe noch zu den Schmerzen! Wäre ich doch todt!« dachte

ich dabei.

Als ich ins Speisezimmer trat, fand ich es nur vom ungewissen Feuerschein

erleuchtet, man hatte Dämmerstunde gehalten, das aber konnte ich erkennen,

daß die Gestalt, welche sich von dem niedrigen Sitze neben dem Kamin zu

stattlicher Höhe aufrichtete, nicht die Forster's sei; wie im Traume

hörte ich mich von einer tiefen Stimme in gedämpftem Tone, der zu

dem Dämmerlichte paßte, als liebe Margarethe begrüßt und fühlte einen

Händedruck, bei dem mich eine Wonne durchfuhr, wie ich sie nie zuvor

empfunden; die Last war vom Herzen verschwunden, er war da, in seiner Nähe

war Ruhe und Glück. Nach wenigen Augenblicken freilich, als die Lichter

angesteckt worden waren und der Freiherr und ich uns officiell begrüßt

hatten, kehrte mir das Bewußtsein von dem Zwecke seiner Reise zurück, die

ich mir leicht deuten konnte; er wollte sich den Großältern als künftigen

Gatten der ältesten Enkelin vorstellen und nebenbei mich nach Hause

zurückgeleiten, damit ich den Verlobungsfeierlichkeiten beiwohne.

Seltsamerweise aber wollte mich trotzdem das Gefühl der innerlich

erwärmenden Freude nicht verlassen. »Ich werde doch einen ganzen Tag mit

ihm zusammen sein dürfen«, dachte ich; »er wird neben mir sitzen und zu

mir sprechen; bin ich doch seiner Sorge für diesen Tag anvertraut, bin für

diesen einen Tag noch ein Etwas in seinen Gedanken. Nachher komme, was da

will; und müßte ich ihn mit meinem Leben erkaufen, ich gäbe den morgenden

Tag nicht hin. Ja, könnte ich nur den nächsten Morgen sterben, das würde

bei weitem das Beste sein.« Unter solchen Gedanken wagte ich doch nur dann

und wann nach dem Freiherrn hinüberzublicken und dann fand ich mehrmals

seine Augen auf mir ruhen und freundlich aufleuchten, sobald sie den meinen

begegneten. Er war glücklich, wie gut ihm das stand; gleichviel, weshalb er

es war, und wenn auch nicht um meinetwillen, und was konnte er, was

konnte ich dazu, daß ich ihn gar, gar so lieb hatte! Ich fühlte in manchen

Augenblicken an jenem Abend den Muth, es ihm zu sagen; ob mir derselbe

Stich gehalten hätte, wenn mir eine Gelegenheit des Alleinseins mit Herrn

Bardolph geworden wäre, weiß ich nicht. Aber eine solche fand sich nicht;

man saß bis spät zusammen, denn Wirthe und Gast hatten sich schnell in

einander gefunden und die Unterhaltung war lebhaft und besonders heiter.

Ich lachte mit über die Scherze des alten Herrn, welcher sehr gut aufgelegt

schien, aber mit meinen Gedanken war ich so wenig bei dem, was um mich

vorging -- nur die Stimme des Freiherrn hallte jedesmal gleichsam in mir

wieder, wenn sie sich hören ließ -- daß ich keine Erregung empfand bei der

Nachricht, Roger habe sich mit einer jungen Dame aus der Nachbarschaft von

Goldwell-House verlobt. »Er auch?« sagte ich freundlich, fast mechanisch,

ohne daß man viel auf meine Worte Acht gegeben hätte; es kam eben auf

unsere Abreise die Rede, welche der Freiherr auf den folgenden Tag

ansetzte. Davon wollten die alten Leute nichts hören; der Gast müsse sich

erst ein paar Tage bei ihnen erholen, eher könne an Fortgehen nicht gedacht

werden; ob mir denn so viel daran liege, sie gleich zu verlassen. Ich! Ich

hätte mein Herzblut gegeben für eine Woche hier im stillen Schnee mit dem

Bewußtsein, daß Herr Bardolph unter einem Dache mit mir lebe; es beglückte

mich schon zu wissen, daß er nicht ohne mich gehen würde. Ich freute

mich allemal, wenn er, von mir und sich redend, wir sagte. So war ich

seltsamerweise nicht trostlos trotz der Ueberzeugung, ihn auf immer

verloren zu haben.

Ehe wir an jenem Abend auseinandergingen -- es war über dem Abendessen spät

geworden und wir trennten uns gleich, nachdem dasselbe beendet war -- fand

der Freiherr Gelegenheit, mir, indem er meine Hand mit der ihm eigenen

überlegenen Milde faßte, zu sagen: »Sie waren heute Abend sehr still, liebe

Margarethe, und sehen nicht wohl aus; mir, Ihrem Vetter, müssen Sie schon

erlauben, ein wenig zu controliren. Ich werde Sie morgen in Beschlag

nehmen; Sie haben mir Mancherlei zu berichten.«

Dabei sah er mich an, bald aber kam ein Ausdruck der Abwesenheit in seine

Augen, bei dem ich plötzlich bittern Schmerz empfand; er blickte gleichsam

über mich hinaus in die Ferne. »Wer weiß, an wen er jetzt denkt«, sagte ich

zu mir selber; »an dich gewiß nicht«, und ich entzog ihm meine Hand, indem

mich zum ersten Mal ein Gefühl der Demüthigung wegen meiner unerwiderten

oder vielmehr lange nicht genug erwiderten Liebe überkam; denn daß der

Freiherr eine verwandtschaftlich freundliche Neigung zu mir hegte, konnte

ich wohl merken. Aber es hielt nicht an; ich schlief an jenem Abend

ein, indem mich die süße Erwartung des morgenden Tages, wo ich mit ihm

zusammensein würde, wie mit rosigen Flügeln überschattete.

Dreizehntes Kapitel.

»Miß Maggie«, sagte der alte Herr am andern Morgen beim Frühstück zu mir,

»Sie müssen heute an unserer Statt dem Herrn Baron die Honneurs der Gegend

machen, immer vorausgesetzt natürlich, daß ihm mit einem Spazierritt durch

ein Stück Sibirien gedient ist. Ich kann Sie als Cicerone empfehlen; mich

dünkt, Sie werden einem so trefflichen Lehrer, wie ich mir schmeichle

gewesen zu sein, alle Ehre machen und unserm Gaste von jedem Baume etwas zu

erzählen wissen; auch in den Chroniken der Krähenansiedlungen auf Meilen in

die Runde sind Sie, denk' ich, nunmehr wohl bewandert. Wollen Sie reiten?«

Ich sah den Freiherrn an, aber er blickte nicht zu mir herüber, was ich ihm

sehr übel nahm; er dankte unserm Wirthe und sagte, er habe nichts lieber

als einen scharfen Ritt an einem Wintertage. Auf Befragen erzählte er vom

Winter in der Heimat, von der Jagd dort, so verschieden von der englischen

grausamen Parforcejagd, von dem Wildstand auf seinen Gütern, von diesem und

jenem, während ich ungeduldig die Aufhebung der Mahlzeit erwartete und dem

Freiherrn fast zürnte, daß ihm so wenig an dem Ritt mit mir gelegen schien,

da er denselben durch sein Gespräch verzögerte.

Endlich stand man auf. Ich eilte fort, bestellte die Pferde, war im Nu im

Reitkleid wieder unten und hatte die Kränkung, einige lange Minuten auf

meinen Begleiter warten zu müssen. So drehte ich mich denn gar nicht um,

als er endlich kam und aufstieg; ich war schon im Sattel und deutete,

halb zu ihm gewendet, mit der Gerte auf den Weg, welchen wir jenseits des

Gartens zu nehmen hatten. Dann ging's fort; ich setzte, als wir endlich

die schöne ebene Landstraße erreicht hatten, mein kleines Pferd in scharfen

Trott, was den Freiherrn überraschen mochte, denn er war nicht gleich

bereit, mir zu folgen, und brachte sein Thier erst nach einigen Minuten

neben mich. »So rasch, Fräulein Margarethe?« fragte er lächelnd; ich

nickte, der alte Trotz und ein ganz neuer toller Uebermuth überkamen mich.

»Mit dem alten Herrn hab' ich immer bedächtig reiten müssen«, sagte

ich; »thun Sie mir das Eine zu Gefallen und lassen Sie uns eine Weile

galoppiren.«

Statt aller Antwort gab er seinem Rassepferd den Zügel, und es schoß dahin;

ärgerlich über den Vorsprung, den er gewann, brauchte ich die Gerte, riß

am Zügel und brachte so mein sonst lammfrommes Rößchen in eine der meinen

ähnliche Stimmung; es griff tüchtig aus. Die scharfe klare Luft erhöhte den

unbeschreiblichen Reiz der raschen Bewegung; mein Herz hüpfte vor Lust, mit

meinem ganzen Wesen, möchte ich sagen, begleitete ich den Takt der matt

auf dem festen Schnee hallenden Hufe; ich warf den Kopf zurück und sah

mit Entzücken auf die schneebedeckten schimmernden Felder, auf den sie

begrenzenden hellblauen Himmel, die sonnenverklärte farbige Nebelschicht

am Horizont, die dunkelgrünen Tannengruppen hier und da; freilich die

gewöhnlichen, unzählige Male hergenannten Factoren der Winterlandschaft

=par excellence=, aber welcher Duft lag darüber, welches unbeschreibliche

Etwas war in der Luft, sodaß sie einen vor Lust fast toll machte. Ich sagte

Aehnliches, während wir dahinsausten; die wilde Jagd müsse doch nicht so

übel sein und ich für mein Theil möchte so fort reiten bis ans Ende der

Welt. »Aber auf Geisterpferden«, sagte Herr von Günthershofen; »Ihr Thier

zum Beispiel hält schon bald nicht mehr aus.«

Das war nun allerdings die Wahrheit; das Thierchen ließ nach an

Schnelligkeit, trotz Zügel und Gerte, es wäre grausam gewesen, dasselbe

ferner anzutreiben. Aber des Freiherrn Bemerkung gefiel mir doch nicht; es

war von da an, als stände etwas zwischen uns, ich konnte mich nicht mehr,

wie den Abend zuvor, der Freude an seiner Nähe hingeben, seine Art und

Weise hatte mich erkältet.

So ritten wir denn vernünftig neben einander, und ich erinnerte mich meiner

Verpflichtung, ihm, was ich irgend Bemerkenswerthes von der Landschaft

wußte, zu erzählen. Auf die Besitzungen, an denen wir vorbeikamen, machte

ich ihn je nach ihrer Merkwürdigkeit aufmerksam; ich nannte ihm den

Edelmann aus dem Hofstaate Heinrich's =VIII.=, der dies Schloß gebaut,

erzählte ihm, wie Georg =IV.= häufig jenes mit seinem Besuche beehrt,

zeigte ihm das Gut, dessen Herr die besten Rennpferde in der Gegend halte,

deutete auf den Hügel abseits im Felde, der aus heidnischer Vorzeit berühmt

war, kurz, ich machte mich so nützlich, wie ich konnte, und mein Begleiter

bewies durch manche Frage, daß er meinem Texte Aufmerksamkeit schenkte.

Nach einem weiten Rundritt kamen wir wieder auf das Haus zu, ohne von

einander nur ein Wort gesagt zu haben. Wir hatten den besten Theil des

Tages auf unsern Ritt verwendet; als wir vom Mittagstisch aufstanden,

dämmerte es bereits; ein Tag, einer von den drei Tagen, die mir das

Schicksal als Geschenk gönnte, war nun schon bald entglitten und hatte

nicht gehalten, was er versprochen. Schade, schade darum, dachte ich; aber

ich mochte mir nicht eingestehen, wie es zum großen Theil meine Schuld

gewesen, daß zwischen dem Freiherrn und mir heute kein freundschaftliches

Wort gefallen war. Jetzt nahm ihn der alte Herr in Beschlag, ich schlüpfte

hinaus und auf mein Zimmer; da saß ich auf einem niedrigen Schemel neben

dem alterthümlichen, geradlehnigen Stuhle, der in der Fensternische stand,

lehnte den etwas müden Kopf an das geschnörkelte Holz desselben und schaute

durch die Scheiben nach dem schönen, hellen Himmel, an welchem der Vollmond

mit der Dunkelheit auf der Erde an Macht gewann. Da hörte ich draußen die

Stimmen der Großmutter und des Freiherrn, ohne mir viel dabei zu denken;

als es bald darauf an meine Thür klopfte, glaubte ich, die alte Dame würde

gutmüthig scheltend eintreten und mich hinunterholen, wie sie häufig that.

So sagte ich denn, da sich die Thür öffnete: »Ich komme schon«, noch von

dem hellen Himmel geblendet nach dem dunkeln Grund des Zimmers hin. Die

eingetretene Person schloß die Thür hinter sich und that auf dem weichen

Teppich einige Schritte vorwärts. »Darf ich, liebe Margarethe?« Ich

erkannte jetzt erst den Freiherrn. »Die alte Dame, glaub' ich, hat sich

entsetzt, indem ich um die Erlaubniß bat, Sie hier aufsuchen zu dürfen;

aber was blieb mir Anderes übrig, wenn ich Sie einmal für mich haben

wollte? Bin ich draußen mit Ihnen, so wollen Sie mir fortreiten bis ans

Ende der Welt -- ich muß Sie einmal förmlich belagern, um endlich zu

erfahren, wie es Ihnen eigentlich geht.«

Ich bat den Freiherrn, sich niederzulassen, und ging, das Feuer im Kamin

zu schüren, welches nun hell aufflackernd seltsame Lichter und Schatten

im Zimmer erzeugte; die Fensternische wurde vom hochstehenden Monde

vollständig erhellt. Als ich zurückkam, hatte Herr Bardolph sich in den

Schatten gesetzt und mir den geschnitzten Sessel so gerückt, daß das Licht

voll darauf fiel.

»Setzen Sie sich dahin«, bat er. Ich that es ohne weiteres, wollte mich

aber meinerseits dem hellen Strahle entziehen, indem ich den Stuhl leise

fortzuschieben versuchte. Er legte die Hand auf die Armlehne. »Thun Sie mir

das Eine zu Gefallen und bleiben Sie gerade da, Margarethe«, sagte er

dabei mit eigenthümlicher Betonung. Er will mir jetzt von seiner Verlobung

erzählen und dabei soll ich im Lichte sitzen und er bleibt im bequemen

Schatten? dachte ich und fand die Einrichtung unbillig. Doch ergab ich

mich darein und saß, die Hände im Schooße, wie Jemand, der sein Urtheil

erwartet. Als ein seltsamer Anfang zu den Erörterungen, denen ich

entgegensah, mußte es mir erscheinen, daß der Freiherr abermals meine Hand

ergriff und fast ängstlich festhielt, während er sich vorbeugte, aus der

schützenden Dunkelheit heraus, sodaß ich sehen konnte, wie sein Gesicht

sehr bleich war und eine ihm sonst fremde Spannung darauf zu liegen schien.

»Ich wollte Sie besonders fragen«, begann er, nicht mit dem milden Tone, in

dem er sonst immer zu mir gesprochen hatte, sondern hastig und fast rauh,

»was Sie mit Ihrer Zukunft eigentlich zu thun gedenken, Margarethe. Wollen

Sie immerfort als heimatlose Fremde bei diesen Leuten bleiben, immer

gewissermaßen abhängig --«

Er hielt inne; wie tief hatte er mich mit den wenigen Worten verwundet!

Ich glaubte sein Motiv zu erkennen, er wollte nicht, daß Jemand, der seinen

Namen trug, in einem Verhältniß zu der Familie seiner Braut stände, welches

seinen Stolz kränkte. Und war ich nicht -- ich empfand das aufs bitterste

in jenem Augenblick -- war ich nicht auch gewissermaßen von ihm abhängig?

Band mich nicht eine Schuld der Dankbarkeit an ihn? War nicht, nach

Allem, Schloß Günthershofen doch nur ein Geschenk von ihm? Ich fühlte mich

hülflos, heimatlos, namenlos elend, ich schlug die Hände vors Gesicht und

sagte tonlos: »Wo wollen Sie, daß ich hingehe? Für mich ist auf der ganzen

Welt kein Platz; kein Platz«, wiederholte ich leise, »nirgends, nirgends!«

Da wurden mir die Hände leise von den Augen weggezogen; ich schrak

zusammen, als ich das Antlitz des Freiherrn dicht vor mir erblickte; er

war von seinem Sitze herab leicht auf ein Knie geglitten, als wolle er mir

besser ins Gesicht sehen.

»Was fehlt Ihnen, Margarethe, liebe Margarethe?« sagte er leise und

leidenschaftlich. »O daß ich ein Recht hätte, Sie zu fragen, in Sie zu

dringen, daß Sie mir Alles sagen müßten! Sie schweigen? Sie haben mir

nichts zu erwidern? Und doch will ich weiter fragen, sind Sie doch

immer wenigstens offen gegen mich gewesen. Wer ist es, den Sie lieben,

Margarethe, der Thor, vor dessen Thür das köstliche Kleinod liegt und er

hebt es nicht auf, er ahnt nichts davon; das Kleinod, welches alle seine

Tage beseligen würde, welches zu besitzen ich wohl nicht verdiene, nach dem

aber schon jahrelang meine Sehnsucht steht?«

Ich war von diesen Worten wie betäubt; während der Schall an mein Ohr

drang, vermochte ich den Sinn nicht gleich zu fassen und starrte den

Freiherrn fast entsetzt an.

»Wollen Sie mir nichts sagen?« fuhr er in derselben Weise fort. »Natürlich,

wer bin ich auch, daß ich ein Recht auf Ihr Geheimniß hätte! Warum mußte

mir Forster den Brief zeigen, der mich aus meiner Laßheit aufrüttelte! Aber

Sie leiden sehen -- o Margarethe, kann ich Ihnen gar nichts zu Liebe thun?«

Ich mußte nun freilich etwas sagen, aber wo waren die Worte, um diese

Wirren zu lösen, wie schwer gerade das, was mir zu gestehen oblag, denn

daß ich es ihm jetzt gestehen müsse, war der Gedanke, der mich ganz

beherrschte. So sprach ich endlich, aber ich wußte kaum, was, die Worte

kamen hart und hastig von meinen Lippen, und wenn sie gesprochen waren,

mutheten sie mich fremd an und erschreckten mich. Er sei es gewesen, von

dem ich in meinem Briefe an Forster gesprochen, ich habe mich in die Idee

eingelebt, er liebe Lucy und wünsche sie sich zum Weibe. Der Freiherr stand

langsam auf, als ich ausgeredet hatte. »Ich, Margarethe?« sagte er mit

seltsamer Ruhe. »Mir ist, als träume ich. Sie sagen mir, daß Sie mich

geliebt haben, wie man von vergangenen Geschichten erzählt, und jetzt,

jetzt --«

Da überkam mich bei dieser sonderbaren Scene und vielleicht im Vorgefühle

des Glückes, das ja doch nahe war, obgleich wir beide uns blind nebenher

tasteten, eine wilde Laune, ich sagte fast drohend zu dem Manne vor mir:

»Ja, Herr Freiherr, ich liebte Sie damals. Und wenn ich Sie jetzt noch

ebenso liebe, nein, viel tausendmal mehr, was geht es Sie an?«

Und nun war der Bann gebrochen, das Glück da. Fast jauchzend hatte der

Freiherr meinen Namen gerufen, als wolle er mich aufwecken oder als sei ich

fern, ich saß still vor mich hin, ganz eingehüllt in das Gefühl, daß ich

nun weiter nichts zu sagen oder zu thun brauche. Er stand vor mir, zog mich

zu sich in die Höhe und verschränkte seine Arme fest um mich; dann drückte

er mit der einen Hand meinen Kopf sanft gegen seine Brust. »Hier ist Dein

Platz, Margarethe, meine Margarethe; seit ich Dich zuerst gesehen, habe

ich mich gesehnt, Dein Köpfchen hier betten zu können. Jetzt werd' ich

gesunden; mich hat in der letzten Zeit der Wunsch fast verzehrt, Dir nahe

sein, Dich hegen und lieben zu dürfen.«

So sprach er leise in mich hinein, während ich still in seinen Armen lag,

von einer seligen Ruhe erfüllt. Ich antwortete ihm dann auch, in halblauten

Wechselreden gingen wir die Jahre gegenseitigen schmerzlichen Entbehrens

durch; in dem sanften Mondlicht klärte sich Alles und zuletzt lag die Zeit,

in der wir uns gekannt, hell und schön da, wie ein Blatt, auf dem wir jetzt

lesen konnten, daß wir stets zu einander gehört hatten. »Ich habe viel

wieder gut zu machen«, sagte mein Bräutigam, indem er mir das Haupt

zurückbog und das Haar aus der Stirn strich. »Deine lieben, ernsten

Augen, Margarethe, die von keiner frohen Jugend zeugen, scheinen mir immer

vorwurfsvoll ins Herz zu blicken.«

»So will ich sie schließen«, entgegnete ich lächelnd. Er küßte mich sanft

darauf. »Bald sollst Du sie öffnen auf das Land, nach dem Du Dich

oft gesehnt hast, Du sollst Dir von dem Himmel Italiens goldene Lust

hineinscheinen lassen. Wann willst Du mein Weib werden, Margarethe?« fragte

er mich plötzlich hastig.

»Sobald Du willst, mein Freund«, antwortete ich; »ich gehöre Niemand auf

der Welt an als Dir.«

* * * * *

Wenige Wochen nach diesem Abend befand ich mich mit meinem Gemahl in

Rom. Dort erhielten wir die überraschende, aber uns herzlich erfreuende

Nachricht, daß sich Lucy, die glänzende Lucy, dazu verstehen wolle, meinem

gelehrten Landsmann Forster die Sehnsucht nach der Heimat und alle trüben

Erinnerungen auf immer vergessen zu machen. So fiel denn von dorther

kein Schatten auf unsern Weg, als wir im nächsten Herbste -- die Frau

von Günthershofen war im Sommer gestorben -- in unserm deutschen Schlosse

einzogen, und heiter durfte ich die Räume bewohnen, in denen einst meine

theure Mutter gewaltet hatte und welche mir wie durch einen Hauch ihrer

Gegenwart geheiligt schienen.

Druck von Richard Schmidt in Reudnitz-Leipzig.

Des Hauses Eckstein.

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von

#J. von Oben#.

3 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr.

Standes-Vorurtheile.

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_Alfred Steffens_.

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_A. von Winterfeld_.

4 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr.

=El paso de las animas.=

_Roman_

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#E. von Bibra#.

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4 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr.

Mütze und Krone.

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=Non possumus.=

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#Fr. Hilarius#.

3 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr.

Druck von Richard Schmidt in Reudnitz-Leipzig

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 6:

"." eingefügt

(die zu Thautropfen auf meinen wollenen Rosen bestimmt waren.)

Verflossene Stunden: Novelle · 第 10 / 11 段