Die Lampe war trübe geworden; ich schloß die Augen, ein jedes Wort des

Briefes war meinem Gedächtniß gegenwärtig, ich sah sogar die Schriftzüge im

Geiste vor mir. Wie schnitt mir der herbe Ton der letzten Worte ins Herz,

wie jammerte mich der stolze Edelmann, an dem jetzt das Gefühl der Schande

nagte, welcher er sein Haupt beugte. Ich kannte ihn, so sehr ich mich

bemüht hatte, ihn zu verkennen, ich wußte, wie ihn die Entdeckung

niedergeschmettert haben mußte. Und was ließ sich Alles zwischen den Zeilen

lesen, welche widerliche Scenen mit der Mutter, mit dem bösen, herzlosen

Weibe mochten stattgefunden, welcher Festigkeit mochte er bedurft haben,

um seine Absicht aufrecht zu erhalten. Aber was sollte nun geschehen? Jetzt

erst dachte ich an die nächsten Maßregeln, dachte ich mir aus, wie ich der

Mutter morgen vorbereitend mein Zusammentreffen mit dem Freiherrn erzählen

oder vielmehr gestehen wollte und ich mußte fürchten, die bisherige

Verheimlichung desselben würde sie schmerzen. Die Nacht, während welcher

kein Schlaf in meine Augen kam, wollte nicht enden; ich sehnte den Morgen

herbei, vor dem ich doch zitterte, und sagte mir hundertmal die Worte vor,

mit denen ich mein Geständniß bei der Mutter beginnen wollte.

Neuntes Kapitel.

Die Mutter wußte nun Alles. Ich hatte ihr alle meine innern und äußern

Erlebnisse in England dargelegt, sie hatte gesehen, wie durch ihre

Erzählung der Funken geworfen worden war, welcher jetzt zur Flamme neuen

bittern Streites sich entfachen sollte, sie konnte mir, da sie die ganze

Wahrheit erfuhr, nicht zürnen. Dann hatte ich ihr, als eine Folge des vom

Freiherrn gegebenen Versprechens, seinen Brief vorgelegt. Derselbe machte

weniger Eindruck auf sie, als ich erwartet hatte; sie schien kaum zu

glauben, daß eine günstige Wendung der Dinge jetzt noch eintreten könnte,

schien die ganze Sachlage kaum zu begreifen.

»Das wäre er zu thun fähig, der Sohn des elendesten der Menschen und

eines feilen Weibes? Er wäre so ganz aus der Art geschlagen, daß er

seine betrügerische Sippschaft selber an den Pranger stellen wollte, ohne

Aussicht auf Gewinn, ja mit bedeutendem Verluste auch für sich? Und wäre

er's -- soll ich mein Eigenthum gleichsam als ein Geschenk annehmen,

welches ich seiner Großmuth verdanke? -- Nein, Margarethe, ich vermag dies

Alles nicht zu fassen«, sagte sie dann wieder. »Wie hätte er gegen seine

Mutter aufkommen können, wie will er es noch? Wie eine Tigerin den Raub,

wird sie Alles festhalten wollen, was ihr den Besitz sichern kann. Und was

sind es für Documente, die er gefunden? Werden sie vor Gericht genügen, um

das ganze, niederträchtige Gewebe von Fälschungen aufdecken zu können?

Es muß eine Correspondenz zwischen dem alten Freiherrn und seinen

vertrautesten Helfershelfern sein, und warum wäre die nicht sogleich

vernichtet worden? Ist es denkbar, daß Jemand die schlagendsten Beweise

einer entehrenden Schuld sorgfältig aufbewahrt für seine Ankläger?

Nein, Kind, der Brief kommt mir wie ein Blendwerk oder wie eine grausame

Spielerei vor.«

So erging sich die Mutter in Zweifeln und Fragen, die immer mehr zu bittern

Anklagen gegen die Familie des Freiherrn wurden. Ich stellte ihr vergebens

meine Ansichten, meine Auslegungen und Erklärungen entgegen, und was konnte

ich auch sagen? Ich konnte den Stand der Dinge nur aus einer Quelle, aus

der fremdartigen Hochherzigkeit unseres Verwandten herleiten, und zu

meinem Glauben schüttelte die Mutter bitter den Kopf; sie war alt und

kummergehärtet, sie hoffte und glaubte nicht leicht mehr.

»Aber was soll geschehen, liebe Mutter?« fragte ich endlich. »Das ist

doch immerhin eine Art Geschäftsbrief, welcher wenigstens eine Antwort

erfordert.«

»Schreibe Du«, entgegnete sie; »danke ihm für seine Handlungsweise, wenn Du

willst, sage aber auch, wie sehr ich über dieselbe betroffen gewesen,

und bitte um nähere Auseinandersetzung. Was es für Papiere sind, die

er gefunden hat, möchte ich wissen, ehe ich mich zu weitern Schritten

entschließe.«

Ich schrieb und las der Mutter meine Antwort vor. »Nein, Margarethe«, rief

sie, »zerreiße das! Welcher Ton der unbegrenzten Dankbarkeit! Was fällt

Dir ein, Kind? Will er wirklich wieder gut machen, was seine Aeltern

verbrochen, nun, was thut er da mehr, als was jeder Ehrenmann an seiner

Stelle thun würde? Erzeigt er uns etwa eine Wohlthat? Sind wir Bettler, die

er unverdient beschenkt? Nein, meine Tochter, Du bist noch zu jung, um die

Welt zu verstehen; ich hoffe wenigstens, daß er Deiner Jugend zuzuschreiben

ist, dieser Mangel, den Du noch oft zeigst, an dem, was den Adel

auszeichnen sollte und auszuzeichnen pflegte, die innere und äußere Ruhe

gegenüber selbst dem Unerwarteten, das kühle Herankommenlassen der Dinge,

der durch Leidenschaft unbeirrte Blick!«

War er der guten Mutter wohl geblieben, dieser durch Haß wie durch Liebe,

durch Furcht wie durch Dankbarkeit unbeirrte Blick? So dachte ich, zum

ersten Mal in meinem Leben mich innerlich gegen meine treuste Freundin

auflehnend. Sie sah mir an, daß ich bei mir selbst widersprach, und mit

einem flüchtigen Lächeln sagte sie in einem leichten Tone, der aber keinen

Widerspruch mehr aufkommen ließ, wie sie ihn zuweilen annehmen konnte:

»Komm, =ma fille=, schreibe, ich will dictiren.«

»In Deinem Namen, liebe Mutter?« fragte ich scheu.

»Ja, wenn Du nicht für meine Worte einstehen magst, schreibe nur meinen

Namen darunter.«

So schrieb ich denn eine kühle, geschäftlich klingende Antwort auf

den Brief des Freiherrn, in welcher die Mutter mit wenigen Worten ihre

Verpflichtung gegen ihn anerkannte, falls er wirklich gesonnen sei, das

Unrecht, welches seine Verwandten begangen, wieder gut zu machen, aber

auch nicht verfehlte, ihre, wie mich dünkte, beleidigende Verwunderung über

seinen Entschluß zu betonen, und dann um genauere Auskunft über den Fund

bat.

Ich konnte das Schreiben nicht so gehen lassen. Heimlich verschaffte ich

mir Gelegenheit, ein paar Worte hinzuzufügen. »Verzeihen Sie meiner Mutter

ihre Kälte«, schrieb ich; »bedenken Sie, wie lange sie unglücklich gewesen

ist! Sie glaubt Ihnen noch nicht, ich aber glaube Ihnen Alles und habe

Ihnen schon tausendmal im Stillen abgebeten, daß ich Sie früher verkannt

habe. Wenn sich auch unüberwindliche Schwierigkeiten dem Siege unserer

Sache entgegenstellen -- und die ahne ich fast, ich kann an keinen guten

Ausgang glauben -- so will ich Ihnen doch bis an mein Lebensende danken für

das, was Sie thun wollten und schon gethan haben. Verzeihen Sie mir!«

Der Brief ging ab, meine Nachschrift blieb unentdeckt, aber sie

beschwerte mir das Gewissen; ich brauchte meiner Mutter so selten etwas zu

verheimlichen und fühlte mich, wenn ich es that, stets dadurch erniedrigt.

Es hatte sich bei mir eine Art Cavalierehrgefühl ausgebildet, dessen

moralischer Werth zweifelhaft sein mochte.

Wir erwarteten nun von Tag zu Tage Antwort vom Freiherrn. Je länger

sie ausblieb, desto mehr fühlte sich die Mutter in ihren Zweifeln

gerechtfertigt. »Vielleicht hat unser edler Vetter gedacht, wir würden ihn

an Großmuth übertreffen und sein Anerbieten zurückweisen«, sagte sie. »Wir

beiden mitleidigen Frauen mochten denken, er würde durch seine beispiellose

Aufopferung an den Bettelstab gebracht, und das nicht übers Herz bringen

können, wir konnten uns erbieten, in unserer Dürftigkeit, die uns durch

lange Gewohnheit doch hätte lieb und theuer werden müssen, zu verbleiben.

So hat er vielleicht calculirt. Aber ich weiß, daß er in Lievland bedeutend

begütert ist, er hat dort den Oheim beerbt, von dem er uns sprach; die

Einkünfte von Günthershofen bezieht, glaub' ich, seine Mutter allein.«

Je länger das Schweigen unseres Verwandten währte, desto weniger konnte

ich den Beschuldigungen meiner Mutter entgegensetzen; sie erbitterten mich

aber, ich war weit entfernt, ihr Glauben zu schenken, ich hielt die alte

Frau für ungerecht und unmäßig hart. Sie hatte auch wirklich die Weichheit,

die nach ihrer Krankheit über sie gekommen schien, jetzt ganz wieder

abgestreift unter den Erinnerungen, welche der Brief des Freiherrn in ihr

wach rief. Und ich, zum ersten Male in meinem Leben machte ich jetzt an mir

die Erfahrung, daß ich mit vollem Bewußtsein von den Ansichten der Mutter

abwich. Im Stillen widersprach ich ihr heftig, im Gespräch wurde dieser

Widerspruch freilich nur zur schüchternen Einwendung, aber ich hielt ihn

doch aufrecht. Mit mir war überhaupt, wie ich mit Schrecken bemerkte,

Vieles ganz anders geworden; ich dachte und dachte und kam dabei oft zu

nahezu wunderlichen Resultaten. So fiel es mir einmal ein, darüber zu

speculiren, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn -- es konnte ja

dergleichen einmal später sich ereignen -- wenn meine Neigung auf Jemand

fiele, der vor den Augen meiner strengen Mutter keine Gnade fände. Würde

ich mich ihr unterwerfen, entsagen und leiden? Ich konnte zu keinem

Ergebniß kommen, vielleicht hatte ich nicht den Muth, meine Schlüsse mit

der gehörigen Consequenz zu ziehen, und hinterher tadelte ich mich bitter

über diese rebellischen Gedanken.

Der Frühling, welcher sich so lieblich angekündigt hatte, kam mit Stürmen;

der laue Wind brauste über die noch kahlen Felder, der Himmel war trübe und

tief verhangen, es war alles Andere eher als schönes Wetter bei uns. Ich

aber liebte diese Zeit, ich hatte meine Freude an dem feuchten Lebensathem,

an dem Ungestüm im Werden, ich fühlte auf einmal die größte Sehnsucht nach

draußen und wäre gern weit und breit herumgestreift, wenn mich die Sorge

um die Mutter nicht an das Haus gebannt hätte. Aber von Zeit zu Zeit,

gewöhnlich in der Dämmerung, schlüpfte ich hinaus. Unser Häuschen lehnte

sich an die Stadtmauer; auf der andern Seite desselben floß ein Bach, von

Weiden eingefaßt, deren eine Reihe zwischen dem Wässerchen und der alten

grünbewachsenen Mauer eine Art bedeckten Gang bildete. Jetzt waren sie

freilich noch fast kahl, der Boden war feucht und schlüpfrig, das Wasser

regentrübe, aber ich gewann dem heimlichen Plätzchen auf einmal großen

Geschmack ab, ich sog mit Entzücken die feuchte Luft desselben ein, ich

ließ mir den warmen, ungestümen Wind, der unter den Weidenzweigen herfuhr,

um die Stirn wehen und schaute, an die Mauer gelehnt, durch die Stämmchen

nach dem Horizont, wo sich die schweren Wolkenschichten die den übrigen

Himmel bedeckten, wie Coulissen weggeschoben und einen blendenden

weißgrauen Streifen freigelassen hatten, auf den die dunkle Decke von oben

hineinhing, wie Haar auf eine niedrige Stirn. So wenigstens sah es aus an

einem Abend im März. Ich hatte lange ruhig gestanden und mit einer Art von

schwermüthigem Behagen auf das von der fernen Helle seltsam beleuchtete

flache Land geblickt; nun bog ich um die Mauer herum, zum Stadtthore hinein

und ging nach dem Hause. Ehe ich wieder in das enge Zimmer zurückkehrte,

wollte ich noch einmal einen tiefen Athemzug aus der Frühlingluft thun; ich

öffnete die niedrige hölzerne Gitterthür und trat in das Gärtchen am Hause,

auf einen Hügel zu, der sich fast bis zur Höhe der Stadtmauer erhob und

um den diese eine niedere Brustwehr bildete. Während ich da stand, tönten

Schritte auf dem Kies, mit Befremden sah ich im Umwenden eine hohe, dunkle

Gestalt auf mich zu kommen. Der Mann trat dicht zu mir und grüßte -- es

war der Freiherr. »Sie hier?« rief ich erstaunt, indem ich ihm die Hand

reichte. Er hielt die meine fest und küßte sie.

»Sie wünschen meine Mutter zu sehen?« fragte ich nach einigen Augenblicken,

da er schwieg und noch immer meine Hand hielt; dabei wollte ich mich

losmachen und ihm vorangehen. Er hielt mich zurück.

»Nein, Margarethe«, sagte er hastig -- ich fuhr zusammen, da er mich beim

Namen nannte -- »nein, ich kann nicht vor Ihrer Mutter stehen, wenigstens

in diesem Augenblicke nicht. Sie hat Recht gehabt -- ich habe Sie mit

falscher Hoffnung erfüllt, habe Sie schnöde betrogen!«

Ich sah ihn entsetzt an, ich wollte auf seinem Gesicht die Bestätigung

seiner Worte lesen. Er war bleich, seine Augen, die ich sonst für hell

gehalten hatte, schienen fast schwarz und mir war, als fühle ich sie auf

meiner Stirn brennen.

»Lassen Sie uns einige Augenblicke hier bleiben«, bat er; »ich will Ihnen

Alles erzählen, Sie haben gesagt, daß Sie mir glauben.«

»Und ich werde Ihnen immer glauben, in Allem, was Sie mir sagen«,

entgegnete ich ihm.

»Gott segne Sie dafür, Margarethe; aber woher kommt Ihnen dies Vertrauen zu

mir? Wer sagt Ihnen, daß ich Sie nicht betrüge?«

»Sie betrügen!« rief ich unwillkürlich. »Nein, ich bin überzeugt, daß Sie

es gut meinen, o, mehr als gut meinen, daß Sie Recht und Wahrheit mehr

lieben als Besitz; ich habe nun einmal diese Gewißheit und sie scheint um

so fester, je mehr ich mich früher bemüht habe, Ihnen zu mißtrauen.«

»Sie sind ein Kind, Margarethe -- aber ein Kind, das ich anbeten könnte«,

fügte er leiser hinzu, »und dann haben Sie wieder die Klugheit und Energie

eines Mannes. Aber hören Sie! O, ich hätte nicht gedacht«, unterbrach

er sich schmerzlich, »daß ich so wie ein geständiger Verbrecher je würde

dazustehen haben!«

»Aber Sie haben kein Unrecht begangen«, nahm ich ungeduldig das Wort.

»Reden Sie! Hatten Sie sich getäuscht über jene Papiere, waren dieselben

doch nicht so wichtig, wie Sie geglaubt hatten? Nein? Nun, dann hat man Sie

Ihnen entwendet. Ihre Mutter --«

»Ha, Sie kennen die vortreffliche Frau, wie ich merke«, sagte er bitter.

»Ja, ich, in verbrecherischem Leichtsinn, in elender Leichtgläubigkeit,

hatte mich wieder, zum hundertsten Male, von ihr täuschen lassen. Als

sie sah, daß ich nicht von meiner thörichten Restitutionsidee, wie sie's

nannte, abzubringen war, ergab sie sich mit wehmüthiger Resignation darein,

Schloß Günthershofen zu verlassen. Aber damit bestach sie mich noch nicht.

Sie hatte gehofft, ich werde mich erweichen lassen; als ich fest blieb,

wurde sie krank. Mit schwacher Stimme bat sie mich, sie wenigstens auf dem

Schlosse sterben zu lassen; lange werde sie den neuen Besitzern ja nicht

im Wege sein. Ich zuckte die Achseln -- ja, Kind, das that ich -- und fuhr

unbeirrt mit meinen Vorbereitungen zu unserer Uebersiedlung nach Lievland

fort. Ich hatte dabei natürlich viel in der nahen Stadt zu thun und ritt

oft hinein; einmal blieb ich sogar über Nacht dort. Alles war nachgerade so

weit geordnet, daß ich den Tag meiner Reise zu Ihnen festsetzen konnte;

es drängte mich, die entscheidenden Papiere in Ihre Hände zu legen. Ich

bewahrte dieselben in meinem Schreibtisch unter doppeltem Verschluß, in

meinem Zimmer, welches nur mein mir ergebener Diener zu betreten pflegte

und zu dem ich den Schlüssel in jener Zeit stets bei mir trug. Lächerlich

nutzlose Vorsicht! Ich hätte bedenken sollen, daß im Schlosse Günthershofen

von jeher auf Schloß und Riegel nicht zu bauen gewesen! Als ich am Abend

vor dem Tage, der zur Abreise bestimmt war, vor meinem Schreibtisch sitzend

und mit einem Gefühl der Erleichterung Fach für Fach öffnend, an das

innerste gekommen war, in dem ich die Documente verborgen hatte, fand ich

dieselben nicht vor. Soll ich Ihnen mein fieberhaftes Suchen, die Wuth

und Angst, die mich befiel, schildern? Erlassen Sie es mir. Ich ging zur

Mutter, die an jenem Tage zuerst wieder das Bett verlassen hatte; sie

mochte mich erwarten. Ich wollte die Thür hinter mir verschließen, der

Schlüssel fehlte, der Riegel bewegte sich nicht, Alles war vorgesehen. Als

ich vor sie hintrat, blitzte der Triumph aus ihren Augen, zum ersten Mal

zeigte sie sich mir wahrhaft dämonisch. Sie mögen ermessen, was ich bei

der schrecklichen Scene litt, wenn ich Ihnen sage, daß sie mir zu verstehen

gab, sie wisse wohl, daß sie auch nach meinem innersten Wunsch gehandelt,

indem sie jene Papiere verbrannt habe -- ja armes Kind, sie waren

vernichtet -- ich könne nun wieder aufhören, den Tugendhaften zu spielen,

meinte sie. Ich hätte sie tödten können, ich faßte ihr Handgelenk, als

sie nach dem Kamin zeigte, in dem ich noch das verkohlte Papier zu sehen

glaubte, und preßte es, daß sie aufschrie, aber als ich losließ, lachte sie

höhnisch, nannte mich einen Thoren und sagte mir noch einige Wahrheiten,

für die ich ihr Dank weiß. Und nun lassen Sie mich wissen, was Sie von mir

halten.«

Mir war unheimlich geworden bei seinem hastigen Sprechen, seinem schlimmen

Lachen, zugleich aber fühlte ich das innigste Mitleid mit ihm. Der Verlust,

von welchem er sprach, machte in jenem Augenblicke wenig Eindruck auf mich,

hatte ich doch den Besitz mir noch nie recht vergegenwärtigen können. Ich

sagte ihm das mit einfachen Worten, weil ich ihn beruhigen wollte. »Der

Vorfall ist nicht so schlimm, als Sie ihn auffassen, Herr Freiherr«, sprach

ich zu ihm. »Sie müssen bedenken, daß wir uns eigentlich wenig Rechnung

auf eine günstige Wendung der Dinge gemacht hatten; weder die Mutter, das

glaube ich behaupten zu dürfen, noch auch ich werden daher das, was Sie

mir erzählt haben, als ein Unglück fühlen. Ihre edle Absicht bleibt uns zu

einer Art Beruhigung; ich für meinen Theil lasse mir für jetzt gern damit

genügen, daß unser Recht von dem Hauptrepräsentanten der Gegner anerkannt

wird und daß dieser, ich bin es überzeugt, seine Anerkennung desselben

bethätigen wird, sobald er dazu die Freiheit hat.«

Der Freiherr stand mit untergeschlagenen Armen vor mir und sah mich an, ich

glaube aber kaum, daß er mir zuhörte; erst als ich schwieg, schien er zu

merken, daß ich gesprochen hatte. Ich wiederholte daher meine Gründe für

das Unnöthige seiner Selbstanklage. Er schüttelte den Kopf.

»Sie sind unerfahren, Margarethe, bescheiden, genügsam, vergebend, ach,

Sie sind zu gut! Ihre Mutter wird anders über mich denken. Aber das muß ich

einstweilen ertragen, ich weiß, daß ich einen guten Anwalt an Ihnen habe.

Ich gehe jetzt außer Landes, sobald ich die Abtretungsurkunde von

Schloß Günthershofen mit seinen liegenden Gründen an Sie in aller

Form ausgefertigt und bei einem Notar, den ich Ihnen bezeichnen werde,

niedergelegt habe, für den Fall, daß mir etwas zustieße. Sie werden dann

nach dem Tode meiner Mutter das Schloß sogleich in Besitz nehmen können.

Sie könnten dies schon jetzt, in wenigen Wochen, aber ich bezweifle, daß

Ihre Frau Mutter sich dazu verstehen würde, auch möchte ich Sie, ich muß es

gestehen, nicht in der Nähe der jetzigen Bewohnerin wissen. Erbrück bleibt

Ihnen natürlich durch meine Schuld verloren.«

»Aber wessen klagen Sie sich eigentlich an?« fragte ich. »Wie konnten Sie

die Papiere besser verwahren als in einem verschlossenen Schreibpult in

Ihrem Zimmer?«

»Ich hätte sie gleich einem Rechtskundigen überliefern oder Ihnen

zukommen lassen sollen«, entgegnete er; »ich unterließ es während einiger

vorbereitenden Geschäfte meinerseits, weil ich mich selber in gewisser

Hinsicht als Ihren Anwalt, Ihren Stellvertreter ansah.«

»Noch eine Frage, der Mutter wegen, welche dieselbe zu stellen wünschte:

was waren es eigentlich für Papiere, die Sie gefunden hatten?«

Der Freiherr athmete schwer, es kostete ihm Anstrengung, mir zu antworten.

»Es befanden sich darunter«, sagte er endlich leise, »Briefe des Fürsten an

meine Mutter, welche die Umrisse des ganzen Plans, Sie von Ihren Gütern

und aus dem Lande zu treiben, enthielten. Bei der Vertraulichkeit, welche

zwischen beiden herrschte, kam da Allerlei zur Sprache, was vollständig

genügt haben würde, Ihre Sache zu retten. Aber das war nicht Alles. Die

Duplicate der gefälschten Correspondenz zwischen Ihrer Großmutter und dem

Baron d'Elange, jenes Hauptbeweises gegen Sie, waren da, vielleicht als

Curiosum aufbewahrt; meine Mutter muß aus einer Art teuflischer Freude an

dem ganzen Handel die compromittirenden Papiere vor der Vernichtung bewahrt

haben, anders kann ich mir ihre Existenz nicht erklären. Wir haben hier

angenehme Familienangelegenheiten durchzusprechen, nicht wahr, Cousine?«

Er brach ab und wir schwiegen einige Augenblicke. Es war ganz dunkel

geworden; jetzt erst dachte ich mit Schrecken daran, wie unruhig die Mutter

mich erwarten mochte. »Kommen Sie mit zu meiner Mutter«, sagte ich, »sie

wird sich um mich ängstigen.«

»Ja, und ich habe Sie hier in Dunkelheit und Kälte und Nässe

zurückgehalten! Sie werden krank werden. Ich habe Ihnen noch nie Anderes

als Uebles zugefügt. Gehen Sie, erzählen Sie Ihrer Mutter Alles, Sie wird

Ihnen oder vielmehr mir nicht glauben; sagen Sie ihr dann, daß sie sich

bei« -- er nannte einen Notar in einer benachbarten größern Stadt --

»erkundigen möge. Vielleicht auch wird sie niemals das ihr Angehörige unter

einer Form in Besitz nehmen wollen, welche für eine Schenkung angesehen

werden könnte. Nun, =nous verrons=! Vertrauen wir dem Glück ein ganz klein

wenig, Margarethe! Leben Sie wohl!«

»Sie wollen fort?« rief ich ängstlich.

»Ja, und ich werde Sie nun in Jahr und Tag nicht wiedersehen, =ma petite

cousine=!« Er faßte meine beiden Hände; ich konnte seinen plötzlich

leichten Ton, indem er sich über sich selber lustig zu machen schien, nicht

begreifen. »Sie sind eine kleine Zaubrerin. Sie haben die Last von mir

genommen, mit der ich vor Sie hintrat, mir ist jetzt, als werde sich noch

Alles zum Guten lösen; Ihnen muß man beichten, wenn einem die Absolution

nützen soll.«

Er blieb noch immer stehen; mit meinen Händen in den seinen drehte er sich

jetzt um und sah nach dem Hause, nach den kleinen erleuchteten Fenstern des

Wohnzimmers.

»Dort hinten hausen Sie -- schon Jahre lang? Nun, Schloß Günthershofen hat

etwas höhere Fenster und Sie werden im Park ein wenig mehr Raum haben, sich

zu ergehen, als in diesem Irrgarten. Aber ich muß nun fort, kommen Sie.«

Er geleitete mich bis zur Hausthür; ich fand nichts mehr zu erwidern.

»=Adieu, ma cousine=«, sagte er endlich, neigte den Kopf und küßte mich auf

die Stirn, dann ging er.

Ich aber -- da stand ich in der dunkeln Hausflur und Alles, was ich in

dieser Unterredung, die für mein eintöniges Leben ein Ereigniß war, gehört

und erfahren, stürmte verwirrend auf mich ein; ich empfand eine tiefe

Traurigkeit, die unerklärliche Laune des Freiherrn bei seinen letzten

Worten hatte verfehlt, mich anzustecken. Rathlos und niedergeschlagen

setzte ich mich auf die Treppenstufen -- wie sollte ich vor die Mutter

treten und ihr das Alles erzählen? Ich fühlte, daß ich es nicht konnte. Da

hörte ich oben ihre Schritte, sie hatte die Hausthür schließen hören und

wollte in ihrer Angst um mich herabkommen. Ich sprang in die Höhe und eilte

hinauf; in der Thür stand die Mutter und empfing mich in ihren Armen, so

erfreut war sie, mich wieder zu haben, ich aber, überwältigt durch diesen

seltenen Ausbruch mütterlicher Sorge und bedrückt durch ein unbestimmtes

Gefühl, daß ich dieselbe in diesem Augenblicke gar nicht verdiene, lehnte

den Kopf an ihre Schulter und brach in heiße Thränen aus. Die Mutter

gerieth darüber in die größte Bestürzung.

»Um Gotteswillen, Margarethe, mein Kind, was fehlt Dir, was ist Dir

widerfahren? Sprich doch, was kann Dir begegnet sein?«

Ich sah die Nothwendigkeit ein, meine noch immer leidende Mutter sogleich

zu beruhigen, und so entledigte ich mich denn so rasch wie möglich meiner

seltsamen Erzählung. Ich sagte der Mutter, wie ich den Freiherrn vor dem

Hause getroffen, wie er lieber mir als ihr die unglückliche Wendung der

Dinge habe mittheilen wollen, ich legte dieselbe dar, so gut ich vermochte,

und wiederholte die Selbstanklagen des Herrn von Günthershofen, ich sprach

von der uns zugedachten Wiedererstattung. Auch diesmal hatte ich mich

getäuscht mit meiner Voraussetzung darüber, wie die Mutter dies Alles

aufnehmen würde; sie schien kaum überrascht, ja fast wie befriedigt und

schenkte der Erzählung des Freiherrn unbedingten Glauben.

»Ja, das ist sie, daran erkenne ich sie«, warf sie ein, während ich sprach;

sie lächelte, als ich geendet. »Das klingt wie ein Kapitel aus einem Roman,

nicht wahr?« sagte sie. »Aber ich fühle die Wahrheit heraus. Der arme

Vetter! Besser hätte er von unserm Rechte nicht überzeugt werden

können, auch wenn er jene Briefe nie gelesen hätte, als durch dies

charakteristische Vorgehen seiner vortrefflichen Mutter.«

Verflossene Stunden: Novelle · 第 7 / 11 段