Ihrer Landsleute in ähnlichem Falle?« Er schüttelte mit dem Kopfe. »Sie
hören es ja«, sagte er, »an welcher thörichten Schwäche ich laborire; ach,
und das ist die thörichtste nicht!«
Er brach ab. Ich fühlte ein so tiefes Mitleid mit ihm, daß ich -- mein
eigener Kummer mochte mich weicher gestimmt haben als gewöhnlich -- meine
Thränen kaum zurückhalten konnte bei diesen halb unwilligen und spottenden
und daher um so rührendern Klagen und nichts sehnlicher wünschte, als
endlich allein zu sein, um ungestört weinen zu können.
Nachdem wir, auf der Werfte angelangt, meinen Platz auf dem Dampfboot
gesichert und das Gepäck an Bord gesehen hatten, blieb noch fast eine
Stunde bis zur Abfahrt des Schiffes. Forster bat um die Erlaubniß, während
derselben bei mir bleiben zu dürfen, und wir gingen auf der überbauten
Werfte in dem lauen Sommerabend auf und ab. Da sprachen wir nun von diesem
und jenem, von den allergleichgültigsten Dingen und fühlten doch beide,
daß etwas zwischen uns lag, um das wir absichtlich in großen Kreisen
herumgingen, daß wir uns fürchteten, an die eigentliche Stimmung der Stunde
zu rühren. Da schlug eine Uhr in der Nähe, es blieb uns nur noch eine
Viertelstunde; Forster hatte abgebrochen, um die Glockenschläge zu zählen,
er nahm auch das fallengelassene Thema nicht wieder auf. Ich merkte es
nicht, ich dachte darüber nach, daß ich diesen Menschen, der mir doch nahe
gestanden hatte, noch eine Viertelstunde und dann vielleicht nie mehr sehen
würde. »Sonderbar«, sagte ich zu mir selber, »sonderbar und traurig!«
»Fräulein von Günthershofen«, sagte Forster plötzlich, »darf ich fragen,
ob Sie, wenn Ihre Mutter sich wieder wohl befindet, zu der Familie Gray
zurückkehren werden?«
Ich antwortete, daß ich davon nichts wisse, daß ich aber schon zuweilen
gedacht, es wäre besser, wenn ich bei der Mutter bliebe. »Ich kann Stunden
geben«, sagte ich gleichsam entschuldigend, »und bringe auch einige
Ersparnisse mit.«
»Sie also werden in Deutschland sein und ich muß in England bleiben!« rief
er schmerzlich und fuhr, als ich über den plötzlichen Ausbruch betroffen
zu ihm aufsah, hastig fort: »Das überrascht Sie, Fräulein, ich kann es mir
denken; Ort und Stunde sind gut gewählt, um Geständnisse zu machen, nicht
wahr? Aber es mag nun drum sein -- Sie mögen von mir, dem deutschen Bären,
denken, was Sie wollen, ich will mir die Buße auferlegen, Ihnen hier zu
gestehen, daß ich -- daß ich -- daß ich Sie unvernünftig liebe, Margarethe!
Es ist schlecht von mir, Sie hier zu überrumpeln, hier, wo Sie mir nicht
entrinnen, mir nicht die Thür weisen können, wie Sie es sonst wohl thäten,
aber ich habe absichtlich so lange gewartet, um Sie nur eine
Viertelstunde zu quälen; Sie werden mir zugestehen, daß ich mich bis jetzt
zusammengenommen habe. Und ich will auch jetzt keine Antwort«, fuhr er
fort, die Worte hastig herausstoßend, da ich in die Höhe blickte und
sprechen wollte; er war unter dem Einfluß einer Erregung, die peinlich
anzusehen war. »Still, ich kann Ihr Nein jetzt nicht ertragen, sagen Sie
nichts als nur das Eine, Margarethe: sind Sie versagt, gehört Ihre Liebe
einem Andern?«
Ich schüttelte mit dem Kopfe.
»Dann will ich ruhig warten. Gehen Sie, pflegen Sie Ihre kranke Mutter und
nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß ein armes, trauriges Herz im Exil Ihr
Bild in sich geschlossen hat wie ein Kleinod. Ich weiß, ich habe auf Ihre
Zuneigung keinen Anspruch, bin ich Ihnen doch nicht einmal mit den äußern
Zeichen von Aufmerksamkeit begegnet, die man in der Gesellschaft gewöhnlich
für eine Dame hat. Ich wagte das nicht. Sie schienen mir so fern, so fremd,
so kalt, vom ersten Tage an, wo Sie mit der griechischen Jungfrau um die
Heimat klagten: »das Land der Griechen mit der Seele suchend« -- ich werde
den Ton Ihrer Stimme bei jenen Worten nie vergessen. Und dann später,
als Sie mich um Rath fragten, als Sie in Ihrem kindlichen Sinn das Recht
wollten um des Rechts willen und so wenig an den Besitz dachten, sogar bei
den Ausbrüchen dessen, was Sie für Haß hielten, ach, wie verschieden war
Ihr edles Aufglühen von dem niedrigen Haß der Bösen! Als ich Sie immer
besser kennen lernte, da verlor ich mich selber immer mehr, und jetzt --«
Er schwieg endlich. In unaussprechlicher Beklommenheit blickte ich nach dem
Schiffe, die Bewegung auf demselben deutete auf seine schleunige Abfahrt.
Während wir nach der hölzernen Brücke zugingen, welche auf das Verdeck
führte, sagte ich hastig, erregt durch die Kürze der Zeit und ohne meine
Worte viel zu messen: »Herr Doctor, ich danke Ihnen für Ihre Neigung, sie
ist mir nicht gleichgültig; mehr verlangen Sie jetzt nicht. Leben Sie wohl,
Gott segne Sie und lasse Sie bald die Heimat wiedersehen.«
Erschüttert beugte er sich tief über meine Hand, welche ich ihm hingereicht
hatte. Unsere Zeit war um, die Schiffsleute näherten sich der Brücke, auf
welcher wir uns befanden, um sie in die Höhe zu ziehen -- wir schieden.
Er eilte fort; ich stand, während sich das Schiff schwerfällig in Bewegung
setzte, auf dem Verdeck und schaute ihm nach und wünschte ihm von ganzem
Herzen Friede, Freude und alles Gute, was er verdiente. Stundenlang noch,
während das Schiff in ruhiger Bewegung den dunkeln Fluß hinabfuhr, blieb
ich, auf die Brüstung gelehnt, stehen oder ging auf und ab und blickte zu
den Sternen in die Höhe, die ich nun bald über den Wipfeln der heimischen
Bäume sehen sollte, und in die Gedanken an meine Mutter und die heiße
Sehnsucht nach ihr tönten doch immer die seltsamen Worte, welcher Forster
zu mir gesprochen hatte.
Die weitere Reise verlief ruhig und rasch; am Abend des folgenden Tages saß
ich am Bette der Mutter.
Achtes Kapitel.
Sie war sehr krank. Ein heftiges Fieber hatte sich zu einem anfangs
leichten Unwohlsein gesellt, der Arzt empfahl dringend die allergrößte
Ruhe um sie her. Ich war von ihm sorgfältig angemeldet worden, sodaß meine
Gegenwart die Mutter nicht überraschte, doch sah sie mich, als sie mich
zuerst erblickte, verwirrt an; ich gewahrte, daß sie sich zu sammeln und
sich mein Kommen klar zu machen suchte. Ich sollte keine Gemüthsbewegung
verrathen, hatte der Arzt dictirt, aber als ich ihre lieben Augen mit
so fremdem Blick auf mich gerichtet sah, konnte ich meine Thränen nicht
zurückhalten. Um sie zu verbergen, kniete ich am Bett nieder und senkte den
Kopf in die Kissen; mir war in dem Augenblicke zu Muth, als sei ich schon
jetzt allein in der Welt, als gehöre ich zu Niemand mehr und Niemand zu
mir, als habe sich die Mutter während meines Fortseins von mir abgewendet,
ganz ihren Todten zu. Ihre Stimme aber löste den Bann.
»Du bist es, liebe Margarethe«, sagte sie schwach; »ich dachte -- ich wußte
nicht -- ich dachte, ich sei es selber, mein Jugendbild sei es, welches mir
ankündigen wollte, daß ich nun gehen müsse. Aber Du bist es, das ist gut.«
Sie schwieg und schloß die Augen; der Arzt, welcher zugegen gewesen war,
nickte zufrieden. »Gut«, sagte er, »und nun, mein Fräulein, seien Sie am
Platze!« Damit gab er mir einige Anordnungen für die Nacht. Die Nacht kam
und verging, ebenso die folgende, ohne daß sich im Zustand meiner Mutter
eine merkliche Veränderung gezeigt hätte; sie lag still und verrieth keine
Theilnahme an dem, was um sie vorging. Ich saß meist an ihrem Bette; trotz
aller Ermüdung der Reise schlief ich wenig, und in den Stunden der kurzen
Rast ließen mich die seltsamsten Träume nicht eigentlich ruhen; alle die
Verstorbenen der Familie schienen sich das Wort gegeben zu haben, mich
heimzusuchen, um sich selbst untereinander und mit den Lebenden zu
vermischen. Und das Wachen war kaum weniger ein Traum: die Pflege der
Mutter erheischte nur einfache Dienstleistungen; die Pünktlichkeit und die
Ruhe, womit dieselben zu verrichten waren, mußten besonders mein Augenmerk
sein. Und wenn ich so mit einer einfachen Arbeit oder häufig mit müßigen
Händen in dem großen Lehnstuhl der Mutter an ihrem Lager saß, wenn
das Licht nur gedämpft durch die Vorhänge drang und mit ihm die milde
Herbstluft durch das oben leichtgeöffnete Fenster, dann mußte ich mich
oft zusammennehmen, um mir bewußt zu bleiben, daß ich wache und daß Alles
Wirklichkeit sei. Die Sorge war verschwunden, die Aufmerksamkeit auf das
Befinden meiner Kranken, auf das kleinste Symptom des Leidens oder der
Besserung schloß den Gedanken an ihren möglichen Tod ganz aus: sie war
krank -- weiter dachte ich nicht. Mein Leben in den letzten Monaten schien
weit hinter mir zu liegen, wie eine bunte Ferne; die Erklärung Forster's
hatte, wie eine glänzende Lufterscheinung zuweilen thut, welche zu schnell
wieder verschwindet, alle Kraft der Wirklichkeit verloren, ich glaubte
kaum, daß ich sie erlebt. Und nun gar mein Streben nach Wiedererlangung
unseres Erbgutes, meine bestimmten Pläne, mein Dichten und Trachten nach
Genugthuung erschienen mir wie ein Märchen, Schloß Günthershofen wie ein
Feenpalast der Tausend und eine Nacht.
Noch einige Tage des Wachens und der sorgsamsten Pflege, und die Mutter
war außer Gefahr, einer Gefahr, deren Größe ich jetzt erst erfuhr; die
Fiebernebel wichen von ihren Augen und sie schaute mich mit Bewußtsein an.
Nun erst begrüßte sie mich auf das liebevollste; sie fragte mit sanfter,
leiser Stimme und wurde nicht müde, mir zuzuhören; wenn ich durch das
Zimmer ging, folgte sie mir mit den Blicken, sie schien sich über mein
Aussehen zu freuen. Ich erzählte ihr meine Erlebnisse in England aufs
genaueste; auch von Forster sprach ich und in einer stillen Abendstunde
deutete ich der Mutter an, was zwischen uns vorgefallen war. Sie begnügte
sich mit den wenigen Worten, die ich darüber sagte, da sie merken konnte,
daß ich sein Werben nicht ermuthigt hatte; mir schien es, als sei sie froh
über diesen Ausgang der Sache.
Die Mutter erholte sich nur langsam; an ein Wiederfortgehen meinerseits war
nicht zu denken, da ihr eine große Schwäche zurückgeblieben war und ich
sie kaum auf Augenblicke verlassen mochte. So kam ein stiller Winter heran,
dessen ich mich jetzt als fast der eigenthümlichsten Zeit meines Lebens
erinnere, der es an einem eigenen, traumhaften Reize nicht gebrach. Der
Schnee fiel früh und ungewöhnlich tief; wochenlang leuchtete die seltsame
Helle desselben in unsere kleinen Fenster hinein. Und still, wie es draußen
war, da die Schuljugend des Städtchens ihre Schneeballkämpfe meist weit
von unserm abgelegenen Hause ausfocht, so still war es drinnen bei uns. Die
Mutter bevölkerte diese Einsamkeit für mich mit mannichfachen Gestalten;
das Eis war gebrochen, welches früher ihre Vergangenheit gleichsam umstarrt
hatte; sie sprach jetzt von ihrer Kindheit, ihrem Hofleben und ihrer
Ehe und ich versenkte mich mit ganzer Seele in die Zeiten, welche sie
heraufbeschwor. Das Haus verließ ich selten und nur wenn mich die Mutter
gewissermaßen dazu zwang. »Du siehst bleich aus, Margarethe, und Deine
Augen werden immer größer«, sagte sie einmal; »Du wirst zu ernsthaft; eine
alte, weltmüde Frau taugt nicht als einziger Umgang für ein junges Mädchen.
Geh zu Pfarrers, zu Amtmanns; die Kinder dort musiciren und tanzen zusammen
und sehen frisch und vergnügt aus.«
Ich bat die Mutter flehentlich, mich nicht unter die Leute zu schicken; ich
sei tausendmal glücklicher und zufriedener zu Hause bei ihr; sie wisse ja,
daß ich als Kind schon nicht mit den andern gespielt habe. Sie schüttelte
den Kopf und meinte: »Es ist unnatürlich; ich bereue jetzt, Dich früher von
den Mädchen Deines Alters hier fern gehalten zu haben, sodaß Du jetzt ihrem
Umgang keinen Geschmack abgewinnen kannst. Sie sagten mir freilich damals
wenig zu, aber eine oder die andere war doch wohl darunter, die Dir eine
liebe Freundin hätte werden können.«
Ich wunderte mich, als ich die Mutter so sprechen hörte, noch mehr aber, da
sie fortfuhr: »Es geht mir ans Herz, Kind, daß Du bei einer alten Frau, in
einem Landstädtchen verkümmern mußt. Du gehörst in die große Welt; Deine
unter Mangel und Kummer verlebte Jugend hat Dir doch das nicht nehmen
können, was Dich vor hundert andern auszeichnen würde; ja, mein Kind, Du
siehst aus wie eine geborene Freifrau von Günthershofen.«
Ein Todesschreck durchfuhr mich bei den letzten Worten. »Liebe Mutter, was
willst Du?« fragte ich verwirrt. Sie beachtete meinen Einwurf nicht. »Du
wirst Dich wahrscheinlich nicht verheirathen«, fuhr sie fort, »und das
thut mir ebenfalls weh; ich wünsche zwar nicht, daß Du die Gattin eines
Bürgerlichen würdest, und auch dazu wirst Du wohl kaum Gelegenheit finden,
aber --«
»Aber, liebe Mutter, das thut nichts«, fiel ich ein. »Ich versichere Dir,
ich möchte nie anders leben, als wir es jetzt thun, ich kann mir keinen
behaglichern, wünschenswerthern Zustand denken und bin ganz zufrieden.«
Die Mutter schüttelte den Kopf, aber sie schwieg; zuweilen bemerkte ich,
wie ihre Augen mit Sorge auf mir ruhten, sie mochte an die Zeit denken,
wo sie nicht mehr da sein würde. Ich aber lebte nur in der Gegenwart oder
vielmehr in der Vergangenheit, welche in dieser stillen Zeit so mächtig
über mich geworden war, ich war froh, wenn nichts mich von meinen
Träumereien abzog.
Einige Monate mochten nach meiner Rückkehr verflossen sein, als eines
Tages die Mutter einen Brief von einem alten Rechtsfreunde erhielt, der mit
meinem Vater in Verbindung gestanden hatte. Derselbe theilte ihr mit, es
habe sich Jemand bei ihm nach dem jetzigen Aufenthaltsort der Frau von
Günthershofen-Erbrück erkundigt, da er eine schon sehr alte Schuld zu
tilgen wünsche, wozu ihn seine Verhältnisse erst jetzt ermächtigten. Namen
und Wohnort des Mannes waren genannt, ich habe beide vergessen; sie waren
damals der Mutter und mir gleich unbekannt. Der letztern fiel die Sache
nicht auf, da sie wußte, daß mein Vater durch seine weitläufige Oekonomie
in Verbindung mit Landwirthen und Kaufleuten gestanden und manchem
wesentliche Dienste geleistet hatte. Der alte Advocat theilte uns ferner
mit, daß wir nach Erfüllung einiger Förmlichkeiten das Geld, eine ziemlich
bedeutende Summe, in Empfang nehmen könnten, und so traf es denn binnen
kurzer Zeit auch ein, mir besonders hoch willkommen, da nun so manches
zur Pflege der Mutter Dienliche bequem bestritten werden konnte. Sogar ein
Badeaufenthalt für den Sommer wurde geplant und wir sahen dem kommenden
Frühling ruhig und friedlich entgegen.
Obgleich in unsern traulichen Plaudereien eine ferne Vergangenheit das
Hauptthema bildete, hatte meine Mutter des verhängnißvollen Processes mit
keinem Worte wieder gedacht und auch ich hatte über meine Versuche, meine
Unterredungen mit Forster, erst wegen der Schwäche der Mutter, später, weil
ich sie dadurch zu verstimmen fürchtete, geschwiegen; der Name des Herrn
Bardolph war nicht einmal zwischen uns genannt worden. Die Ruhe aber, die
wir so gern um uns erhielten und in der wir alles Störende fern zu halten
suchten, sollte gar bald unterbrochen werden.
Es war an einem der lauen Tage, wo die Frühlingssonne mit stetiger Milde
die schneegetränkte Erde erwärmt. Ich kam von einem kleinen Gange durch die
noch braunen Felder zurück, einige grüne Blättchen und frische Halme in der
Hand, als Boten an die Mutter von dem Frühling, der nun wirklich da war;
den eigenen Geruch der erneuten Erde hatte ich mit Entzücken eingesogen,
hatte mir eben gesagt, daß man von der Erde eigentlich kein anderes Glück
brauche als das Genießen ihrer Erscheinungen in den verschiedenen Zeiten
des Jahres, das köstlich frische Wiedererwachen im Frühling, die Fülle
des Lebens, die Macht der Sonne im Sommer, die Klarheit, die Milde, den
Früchtesegen eines schönen Herbstes und die heimliche Ruhe im Winter -- da
sollte ich mich bald überzeugen, wie das Menschenleben uns doch so leicht
nicht losläßt, an wie vielfachen Fäden es uns hält. Da stand das Schicksal
an der Thür, in Gestalt des Postboten freilich nur, und ich hielt einen
Brief in der Hand, an Fräulein von Günthershofen gerichtet. Ich kannte
die Schrift der Adresse nicht; wer mochte an mich schreiben außer den
englischen Freunden, von denen der Brief augenscheinlich nicht kam? Eine
Vermuthung, die ich sogleich als toll verwarf, zurückdrängend, trat ich in
das Gärtchen am Hause, in die kahle Laube, und riß das Couvert auseinander.
Ja, doch -- es wahr wirklich wahr! Das Schreiben begann mit »Liebe
Cousine!« und war unterschrieben: »Bardolph von Günthershofen.« Er wollte
mir also sagen, daß er keine Indicien gefunden, daß Alles beim Alten sei
und bleiben werde. Ich hielt inne, nachdem ich die ersten Worte gelesen,
mein Herz klopfte stürmisch -- wo war die Ruhe hin, in welche ich mich seit
Monaten hineingelebt? Nein, ich wollte nicht zittern vor irgend etwas, das
mir noch begegnen konnte, und hier, was fürchtete ich eigentlich? Hatte
ich nicht alle Hoffnung längst aufgegeben? Lag nicht auch der Mutter jeder
Gedanke an eine Aenderung in unserm Schicksal fern? Wie konnte mich
also eine neue Bestätigung des längst Gewußten erregen? Nachdem ich mich
beruhigt zu haben glaubte, las ich den Brief und las ihn wieder und wieder
und rieb mir die Augen, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träume. Dann
ging ich hinauf zur Mutter, zeigte ihr meine grünen Blättchen, plauderte
mit ihr, las ihr vor und fuhr nur von Zeit zu Zeit mit der Hand über die
Stirn, weil mir war, als umziehe sie ein Nebelgebilde. Nachdem die Mutter
zur Ruhe gegangen, setzte ich mich aufs Sopha, zog die Lampe dicht vor mich
und nahm den Brief aus der Tasche; aber nein, so fiel das Licht zu grell
auf denselben, ich stand wieder auf und holte einen Schirm, schob die Lampe
fort und legte das Blatt so beschattet vor mich hin. Da fiel mir ein, die
Magd könnte mich stören; ich erhob mich von neuem und verriegelte die Thür,
dann setzte ich mich, bezwang meine fiebernde Unruhe und las. Der seltsame
Brief lautete folgendermaßen:
»Liebe Cousine!
Als wir uns in Schottland trafen, versprach ich Ihnen, nach meiner
Rückkehr auf Schloß Günthershofen eine genaue Nachforschung mit Bezug
auf irgendwelche Papiere anzustellen, die mit dem Rechtsstreit zwischen
unsern Familien in Verbindung ständen, und Ihnen so bald als möglich
von meinem Erfolge zu berichten. Diesem Versprechen komme ich hiermit
nach. Ich begab mich, sobald ich mich zu Hause oder vielmehr
in Günthershofen eingerichtet hatte, an jedem Morgen nach dem
Bibliothekzimmer, welches wir, da es alle unsere Familie angehenden
Papiere enthält, das Archiv nennen. Hier unterzog ich Alles
der genauesten Durchsicht. Ich fand die verschiedenen Urkunden,
Bescheinigungen, Erlasse, Correspondenzen alle in guter Ordnung;
jedes einzelne Document ging durch meine Hände. Nachdem ich sie alle
vergebens durchsucht, wendete ich mich zu den alten Schränken selber,
in welchen sie enthalten gewesen, da ich Grund hatte, ein geheimes Fach
zu vermuthen; ich ging dann die Bibliothek durch, durchblätterte ein
jedes Buch, aber ebenfalls ohne zu finden, was ich suchte. Ihnen muß
ich es gestehen, mit der Erfolglosigkeit meiner Bemühungen wurde das
Mißtrauen gegen unsere Sache in mir rege. Es war auffallend, daß sich
von einem langen Rechtsstreit kein einziges Document, daß sich unter
den Quittungen nicht die Kostenberechnung eines Advocaten, noch mehr,
daß sich unter den Briefen, die ich alle durchging, kein einziger fand,
in dem ein Wort über jene Vorfälle zu lesen gewesen wäre; ich fing an,
eine Vernichtung gewisser Papiere zu argwöhnen. Wie die Sache sich aber
auch verhielt und wie sehr ich meinet- und Ihrethalben eine Aufklärung
gewünscht hätte, ich hatte kein Recht, die Ehre meiner Aeltern Ihnen
gegenüber bloßzustellen, indem ich meinem Argwohn Worte gab, und so
verschob ich es von Tag zu Tag, Ihnen das unbefriedigende Resultat
mitzutheilen.
Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich so ganz ohne meine Mutter
handelte, doch liegt die Erklärung nahe. War sie nun so fest überzeugt
von der Rechtlichkeit unserer Ansprüche wie ich es gewesen war, oder
war sie Mitwisserin eines schlimmen Geheimnisses, im einen wie im
andern Falle würde sie meine Zweifel als abenteuerliche Ideen verworfen
haben. Ich nahm mir jedoch vor, mir von ihr die ganze Sache noch einmal
erzählen zu lassen. Den günstigen Augenblick dazu glaubte ich gekommen,
als ich mich eines Abends in ihren Zimmern befand; ich stellte
einige Fragen, unser Gespräch wurde aber plötzlich durch ein heftiges
Unwohlsein meiner Mutter unterbrochen. Die Kammerjungfer eilte in das
Nebenzimmer, um aus einer Schatulle der Mutter die Tropfen zu holen,
deren sie sich in solchen Fällen bedient; das Mädchen konnte das Fach
nicht öffnen, ich eilte ihr zu Hülfe und da hatten wir das Unglück,
die Schatulle umzuwerfen. Dadurch war eine in das Holz fest eingefügte
Klappe aufgesprungen und verschiedene Paquete mit Papieren zum
Vorschein gekommen -- ein eigenthümlicher Zufall, nicht wahr, mein
Fräulein? Ein Blick auf eins derselben erfüllte mich mit solchem
Interesse, daß ich meiner Mutter, sobald dieselbe einigermaßen wieder
zu sich gekommen war, meine Absicht zu erkennen gab, die Sachen auf
meinem Zimmer einer genauen Durchsicht zu unterwerfen. Ich will Sie mit
weitern Einzelnheiten verschonen, mein Fräulein, und erlaube mir
nur noch, Ihnen mitzutheilen, daß Ihre Frau Mutter die rechtmäßige
Besitzerin von Günthershofen und Erbrück, meine Familie und ich aber
Betrüger sind. Da ich jedoch diesen Charakter bisher ohne mein Wissen,
ohne meine Schuld getragen und nicht jetzt als Erbtitel von meinem
Vater mit Wissen und Willen überkommen möchte, so verzichte ich
meinerseits vollständig auf den Nießbrauch der Ihnen zugehörigen Güter
und habe auch meinen Entschluß meiner Mutter und den Herren von Erbrück
zu wissen gethan. Bei ihnen nun finde ich dieselbe Bereitwilligkeit,
sich des ungerechten Gutes zu entledigen, nicht vor, wie ja auch zu
erwarten stand; sie wollen den Preis eines unter der Ehrlosigkeit
zugebrachten Lebens nicht leichten Kaufs hergeben. Ihrer Frau
Mutter, mein Fräulein, rathe ich aber nun dringend den Rechtsweg an;
ausgerüstet mit den Papieren, welche ich gefunden und die ich Ihnen
selbst überbringen werde, ist der Erfolg nicht zu bezweifeln. Es wäre
jedoch auch möglich, daß Ihre Frau Mutter einen Vergleich wünschte,
zu dem sich meine Mutter und die von Erbrück im Bewußtsein der
Unhaltbarkeit ihrer Sache gewiß herbeilassen werden, sobald sie sehen,
daß es mir mit der Ueberlieferung der Papiere an Sie Ernst ist; sie
scheinen es bis jetzt noch nicht zu glauben. -- Was ich bei all diesen
Vorgängen fühle, mein Fräulein, brauche ich wohl nicht auszudrücken,
meine Handlungsweise mag für mich Zeugniß ablegen. Versichern Sie Ihre
edle Mutter meiner tiefsten Ehrerbietung, welche sie aber, wie ich
leider fürchten muß, als von dem Mitglied einer ruchlosen und ihr
verhaßten Familie kommend, mit Verachtung von sich weisen wird.
Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich Sie am Anfang des Briefes
meine Cousine genannt habe; ich hätte eine ohnedies sehr entfernte
Verwandtschaft im Augenblicke solcher Enthüllungen nicht betonen
sollen.«
So schrieb der Freiherr. Es wäre vergeblich, schildern zu wollen, was ich
bei diesen Aufschlüssen empfand; soviel nur ist mir noch jetzt klar, daß
ich die Tragweite derselben in Bezug auf uns, die Veränderung, die uns
bevorstand, nicht fassen konnte und wenig bedachte; ich beschäftigte mich
vorzugsweise mit der Handlungsweise des Freiherrn, seinem Opfer, seinem
Zustande dabei. Süße Thränen weinte ich darüber, daß ein Mensch so
großartig uneigennützig denken und handeln konnte; daß dieser Mensch
jetzt lebte, daß ich ihn kannte, daß das Alles nicht eine kalte That der
Vergangenheit, ein Vorfall aus Büchern, sondern Wirklichkeit war, entzückte
mich.