Der Freiherr hatte im Geschäftston, kalt und glatt, gesprochen, daher

mochte es kommen, daß mir in jenem Augenblicke die Uneigennützigkeit, der

Edelmuth seines Anerbietens nicht in dem Maße klar wurden wie später, als

ich darüber nachdachte. Ich dankte ihm mit wenigen höflichen Worten -- wir

waren in ein ganz bequemes Fahrwasser der Geschäftlichkeit gerathen.

»Bitten möchte ich Sie aber zu glauben«, fuhr mein Begleiter fort, »daß

ich bisher nie eine Ahnung davon gehabt habe, die Rechtmäßigkeit unseres

Besitzes könne angezweifelt werden.«

»Sie wird es auch, glaube ich, nur von mir und meiner Mutter«, fühlte ich

mich gedrungen zu bemerken; »vor der Welt sind Sie ganz im Rechte und uns

hat man überhaupt auch vergessen.«

»Ich fürchte, Sie sagen die Wahrheit«, entgegnete er trübe. »Ich habe erst

vor kurzer Zeit von den Umständen Ihrer Frau Mutter Kunde erhalten, bis

dahin hatte ich nichts gewußt, als daß damals zwischen den verschiedenen

Zweigen unserer Familie ein Bruch stattgefunden habe. Ich war zur Zeit des

Processes bei einem Bruder meiner Mutter in Lievland, wo ich mehrere Jahre

meiner Knabenzeit zugebracht habe. Als ich zurückkam, waren meine Aeltern

nach Günthershofen gezogen; das Gut gefiel mir und ich fragte nicht viel,

wer früher dort gewohnt habe.«

Der Freiherr war also, wie es schien, zu uns gekommen, sobald er von der

Dürftigkeit seiner Verwandten gehört hatte, und wie konnten seine Absichten

andere als wohlwollende gewesen sein? Warum hätte er sich sonst überhaupt

um uns bekümmert? Gleichgültigkeit und Uebelwollen seinerseits hätten gewiß

die Kluft bestehen lassen, welche sich zwischen den Verwandten und uns

befand. Es wurde mir immer mehr klar, daß zu Feindseligkeit oder Mißtrauen

gegen den Freiherrn absolut kein Grund vorhanden sei, ich war mir meines

abstoßenden Wesens beim Zusammentreffen mit ihm jetzt schmerzlich bewußt

und es drängte mich, dies auszusprechen. Ehe ich aber dazu den rechten

Anfang fand, gab eine Aeußerung des Freiherrn unserm Gespräche eine ganz

andere Wendung. Er schien den etwas peinlichen eigentlichen Gegenstand

desselben als erledigt zu betrachten und fing in einem ganz andern Tone an,

während wir uns auf den Heimweg machten:

»Sie haben einen guten Freund an Herrn Forster, mein Fräulein -- kannten

Sie denselben schon in Deutschland?«

Ich antwortete der Wahrheit gemäß und erzählte überhaupt von dem deutschen

Juristen, was ich wußte; es war eine Wohlthat, sich einmal auf neutralem

Gebiete bewegen zu können, ohne die Bitterkeit, welche aus dem Bewußtsein

des nun einmal zwischen uns stehenden Unrechts entsprang. Der Freiherr

hörte mir ruhig zu, während ich den Charakter, die Kenntnisse, das Benehmen

Forster's rühmte; als ich endlich schwieg, sagte er leise: »Ihr Landsmann

müßte in Ihren Augen noch ein ganz besonderes Verdienst haben -- er liebt

Sie.«

Ich blieb voller Erstaunen stehen und wartete auf einige erklärende Worte.

Da mein Begleiter schwieg, schritt ich beklommen neben ihm her; ich konnte

nichts Passendes zu antworten finden, bis er von neuem anhob:

»Nun, Fräulein von Günthershofen, haben Sie mir darauf nichts zu sagen?

Ach, gewiß war Ihnen die Thatsache längst bekannt, da Sie eine junge Dame

sind.«

»Nein«, rief ich nun lebhaft, froh, einen Anknüpfungspunkt gefunden zu

haben, »nein, ich hatte keine Ahnung davon. Herr Forster ist mir immer

als ein bloßer Bekannter mit der gewöhnlichen Höflichkeit und ziemlich

zurückhaltend begegnet; nach unserer letzten Unterredung ist er sogar, wie

ich glauben muß, unwillig von mir gegangen. Aber«, rief ich, plötzlich in

eine meiner unglücklichen impulsiven Fragen ausbrechend, »wissen Sie, was

Sie mir da mittheilen, gewiß? Und warum sagen Sie es mir überhaupt?«

»Ihre erste Frage ist leicht zu beantworten«, erwiderte Herr von

Günthershofen. »Durch die Rechtsangelegenheit sind wir, wie Sie sich denken

können, dahin geführt worden, über Ihre Umstände und über Sie selber zu

reden; da ist mir Manches klar geworden. Ein Wort hat das andere gegeben

und zuletzt hat mir Forster mit der ihm zu Zeiten eigenen, fast kindlichen

Offenheit aus seinen Gefühlen kein Hehl gemacht. Sie können sich nur durch

dieselben geehrt fühlen, Fräulein.«

Das war mir denn doch in dem Augenblicke zu viel. Vom Anfang an hatte die

Eröffnung des Freiherrn einen vorzugsweise peinlichen Eindruck auf mich

gemacht. War auch für Momente das Gefühl befriedigter Eitelkeit in mir

aufgestiegen, dessen sich wohl selten ein Mädchen erwehren wird, wenn sie

von dem Interesse oder gar der Liebe hört, die sie einem Manne einflößt, so

war dies Gefühl doch gar schnell in den Hintergrund gedrängt worden durch

die Aussicht auf den Zwang, welcher jetzt in den bisher so angenehmen

Beziehungen zwischen dem Juristen und mir eintreten mußte. Hierzu nun

gesellte sich der Gedanke, daß ich mit meinen Vorzügen und Fehlern das

Gesprächsthema jener beiden gewesen sei, und das brachte mich vollends um

allen Gleichmuth.

»Wer gibt Ihnen das Recht, so zu mir zu sprechen, Herr Freiherr?« fuhr ich

heraus. »Ob ich mich geehrt fühle durch die mir sehr unerwartete Neigung

des Herrn Forster oder nicht, das ist jedenfalls meine Sache. Sehr peinlich

muß es mich aber berühren, daß dergleichen überhaupt zwischen Ihnen

verhandelt worden ist; Herrn Forster kann es, wie mich dünkt, ebenfalls

nur unangenehm sein, durch Sie mir mitgetheilt zu wissen, was ihm allein zu

sagen zukommt, wenn es überhaupt gesagt werden soll.«

Das Gesicht des Freiherrn konnte ich in der tiefen Dämmerung kaum sehen,

den Ausdruck desselben durchaus nicht erkennen; um so mehr überraschte mich

seine Stimme, als er wieder sprach; sie klang dumpf, wie von unterdrückter

Erregung.

»Ich habe keinen Vertrauensbruch begangen, als ich Ihnen von der sehr

ernsten, innigen Neigung Forster's sprach und sie beim rechten Namen

nannte. Eines Verstoßes mag ich mich freilich damit schuldig gemacht

haben; ich weiß nicht, was in solchen interessanten Fällen die Etikette

den Wissenden gebietet, ich bin unerfahren darin. Und so will ich, auf die

Gefahr hin, weiter zu sündigen, noch eine Frage thun«, fuhr er, plötzlich

in seinen leichten Ton übergehend, fort: »Fräulein von Günthershofen,

erwidern Sie die Gefühle des Herrn Doctors?«

»Nein, durchaus nicht«, rief ich, ehe ich wußte, was ich sagte, ehe ich

erwogen hatte, daß, wie er allerdings andeutete, diese Frage dem Freiherrn

durchaus nicht zustand.

»Er ist nicht adlig«, sagte Herr von Günthershofen darauf, wie zur Antwort.

Allerdings, aber ich hatte noch nie darüber nachgedacht, ob ich mir als

Gatten nur einen Ebenbürtigen wünschte, hatte überhaupt dem Gedanken an

meine Verheirathung noch gar nicht nachgehangen und fand daher, wie mir

das häufig ging, auf die Aeußerung des Freiherrn nicht gleich eine Antwort.

»Ich weiß nicht, ob mich dieser Mangel bei Jemand abhalten würde, ihn zu

lieben«, sagte ich endlich, nachdem ich mich besonnen hatte.

»Kind!« erwiderte der Freiherr hierauf, und das war Alles; ich hätte

übrigens trotz der Dunkelheit darauf schwören mögen, daß er lächelte.

»Kind!« Was konnte er mit der Aeußerung meinen? Sollte sie Tadel,

Entschuldigung, Geringschätzung ausdrücken? Ich zerbrach mir vergebens den

Kopf darüber. Uebrigens lag es in der Eigenthümlichkeit meines Strebens und

meiner Wünsche zu jener Zeit, daß ich eine besondere Gefahr darin sah, für

ein Kind, ein unerfahrenes, unreifes Mädchen gehalten zu werden; ich war

daher äußerst empfindlich in dieser Beziehung und habe dem Freiherrn das

Wort lange nicht verziehen.

Wir waren, zuletzt schweigend, in die Nähe des Hauses gelangt, meine

Zöglinge eilten auf mich zu und nahmen mich in Beschlag und ich war froh,

daß unser seltsames Gespräch sein Ende erreicht hatte. Forster sah ich an

jenem Abend gar nicht mehr; auch das war mir lieb, ich gewann Zeit, mir

mein Benehmen gegen ihn ein wenig vorzuzeichnen. Nicht umhin konnte ich,

ein gewisses Wohlwollen gegen ihn zu hegen dafür, daß er mir seine Neigung

geschenkt hatte, ich war ihm dankbar, ich achtete das Geschenk, wenn ich es

auch nicht zu erwidern vermochte. Mir war das Alles so neu, mein Umgang mit

Männern war bisher so beschränkt gewesen. Zum ersten Mal in meinem Leben

blickte ich an jenem Abend mit Aufmerksamkeit in den Spiegel; mir kam es

vor, als müsse ich neben den hellen, freundlichen, reizenden Gestalten

meiner Zöglinge unendlich verlieren, um so mehr empfand ich mit einer

Art Rührung die deutsche Anspruchslosigkeit meines gelehrten Landsmannes,

welcher, unbeirrt durch den Glanz der fremden Blumen, sich so treu

der schlichten Heimatpflanze zugewendet hatte. Ich beschloß mit ihm

zu verkehren wie bisher; er würde, das wußte ich, mir die freundliche

Gleichgültigkeit unserer Beziehungen nicht unmöglich machen.

Am nächsten Morgen verabschiedete sich der Freiherr. Ihm war ich dankbar

dafür, daß er ging, zudem hatte ich über seine gestrigen Worte nachgedacht

und fühlte ganz die Uneigennützigkeit, aus der sie hervorgegangen waren.

So gestaltete sich unser letztes Zusammentreffen freundlicher als alle

bisherigen. Ich wünschte Herrn Bardolph Glück auf die Reise und für den

Fischfang, dankte ihm auch nochmals und fand sogar den Muth, mich zum

ersten Male nach seiner in Deutschland lebenden Familie zu erkundigen. »Wie

befindet sich Frau von Günthershofen«, fragte ich, »und wie erträgt sie

Ihre lange Abwesenheit?«

»Meine Mutter? Ich hoffe, daß es ihr gut geht; sie ist leider dem

Briefschreiben abgeneigt, und ich erhalte nicht oft directe Nachrichten von

ihr.«

Seine Mutter, jene böse Frau, welche recht eigentlich an all unserm Unglück

schuld war -- nach der hatte ich nicht fragen wollen. »Ich meinte Ihre Frau

Gemahlin«, sagte ich auch geradezu. Er sah mich erstaunt an und lächelte

dann, indem er seinerseits fragte: »Haben Sie mich für verheirathet

gehalten?«

»Ja, Herr Freiherr.«

»Ich bin es nicht; ich lebe, wenn ich in Deutschland verweile, bei meiner

Mutter, welche nach des Vaters Tode auf Günthershofen geblieben ist. Ich

bin bisher viel herumgereist und der Gedanke an einen eignen Hausstand ist

mir noch selten gekommen. In der letzten Zeit freilich mehr als zuvor«,

fügte er hinzu, indem er gedankenvoll auf die nicht ferne höchst

anziehende Gruppe der Gray'schen Familie blickte, welche auch wirklich das

Familienleben von seiner schönsten Seite darstellte.

Die Zeit seiner Abreise war nun herbeigekommen; das Pferd, welches er bis

zur nächsten Eisenbahnstation benutzen wollte, wurde eben vorgeführt, wir

gingen zu den Uebrigen zurück, die ihn alle umringten und von denen er

sich aufs herzlichste verabschiedete. Ich war neugierig auf das Lebewohl

zwischen meinen beiden Landsleuten und sah deshalb scharf hin, als der

Freiherr sich dem Juristen näherte. Sie schüttelten sich die Hände, dabei

sahen sie sich einen Moment lang ernsthaft in die Augen und der Freiherr

nickte Forster leicht zu, wie in Bejahung einer Frage, die jener mit den

Blicken gestellt hatte. Auch mir reichte der Freiherr mit wohlwollendem

Ausdruck die Hand. »Leben Sie wohl, Fräulein Margarethe«, sagte er

freundlich und dann ritt er davon.

Es entstand eine Lücke durch sein Fortgehen, das verhehlte sich keiner

der Zurückbleibenden; alle bedauerten offen, daß man nicht länger

hatte zusammenbleiben können, und freuten sich zugleich der angenehmen

Bekanntschaft, auf deren Fortsetzung sie hofften, denn der Freiherr hatte

für das nächste Jahr einen Besuch in Goldwell-House, dem Wohnsitze der

Familie, in Aussicht gestellt. Auch ich, zu meiner eignen Verwunderung,

vermißte den Freiherrn, dessen Abreise ich doch herbeigewünscht

hatte; Niemand konnte sich ganz dem Einfluß seiner edlen, bedeutenden

Persönlichkeit entziehen, ich hatte es, wie ich jetzt merkte, auch nicht

gekonnt; die Ruhe und Sicherheit seines Benehmens verfehlten nie ein

wohlthätiges Gefühl in seiner Nähe hervorzubringen, gegen welches ich mich

freilich anfangs absichtlich verhärtet hatte. Ich dachte über seine letzten

Worte nach und konnte nicht umhin, im Innersten die Frau für sehr glücklich

zu halten, welcher es vergönnt wäre, an seiner Seite durch das Leben zu

gehen. Begierig war ich darauf, wen er einmal wählen würde; ich hoffte mit

seiner Gemahlin befreundet zu werden, ich wollte dann von dem Anerbieten

der Freundschaft Gebrauch machen, welches er uns, meiner Mutter und mir,

hatte zu Theil werden lassen. Während ich mich diesen Gedanken hingab,

zwischen den Andern sitzend und ziemlich einsilbig an der Unterhaltung

Theil nehmend, fielen mir plötzlich die jungen Grays ein in Verbindung mit

der Aeußerung des Freiherrn, und bei diesem Gedanken zog sich mein Herz

schmerzlich zusammen. Die reizende, jugendliche, flatterhafte Lucy, die

ältere der beiden -- denn von der fünfzehnjährigen Blanche konnte wohl kaum

die Rede sein -- als Gattin des ernsten deutschen Edelmanns -- ich sagte

mir, daß das ja gar nicht passe, daß es ganz unnatürlich sein würde, aber

doch mußte ich mir wieder eingestehen, es sei nicht unmöglich, ja, je mehr

ich darüber nachdachte und mir alle die kleinen Scenen, welche sich während

des Hierseins des Freiherrn zugetragen hatten, im Geiste wiederholte, desto

wahrscheinlicher kam es mir vor, daß er sich zu dem von ihm so himmelweit

verschiedenen jungen Mädchen hingezogen gefühlt habe. Mit Vorliebe war

er auf ihr heiteres Geplauder eingegangen, oft hatte er, wie mir jetzt

einfiel, mit unverhohlener Bewunderung der schlanken, elastischen,

jugendkräftigen Gestalt nachgeblickt, wenn sie auf unsern Ausflügen mit den

Brüdern um die Wette uns übermüthig vorangeeilt war, noch öfter hatte er

sich ihr vorsorglich angeschlossen, ihrer Wagehalsigkeit Einhalt gethan,

sie beim Klettern gestützt und bewacht wie ein Kind. Ja, wie ein Kind, und

so war sie mir auch dann immer vorgekommen; ich dachte damals nie

anders, als daß er sie wie ein wildes Kind betrachte -- war sie doch erst

sechzehnjährig -- aber jetzt, beim Zurückblicken, kam mir das Alles ganz

anders vor. Und Lucy konnte auch zeigen, daß sie wußte, was sie wollte, daß

sie einmal eine tüchtige, energische Frau abgeben würde; in ihr wohnte der

fröhliche Muth des Glücks und der Gesundheit und ein heller Verstand. Und

dazu -- wie schön war sie! Wie eine Göttin der Jugend erschien sie mir oft,

mit den lebensprühenden blauen Augen, dem kräftigen, prächtigen Blondhaar,

den feinen, reizenden Zügen. Es wurde in der Familie stillschweigend, mit

sorglichem Stolz anerkannt, daß Lucy eine Schönheit »zu werden versprach«;

wer konnte so blind sein, nicht einzusehen, daß sie es längst sei! Und

warum sollte ich mich nicht freuen, wenn sie die Gattin meines stattlichen

Vetters wurde? Sie war freilich eine Ausländerin, und es gab in Deutschland

hochgeborene Mädchen genug, die ihr nicht nachstanden an Schönheit und sie

übertrafen an aristokratischem Aussehen und Wesen und denen ich, wie mich

dünkte, die Herrschaft auf meinem Schlosse -- so sagte ich mir in solchen

Augenblicken mit doppelter Bitterkeit -- lieber gegönnt hätte als der

Fremden, dem Kinde. Aber wenn sie dem Freiherrn gefiel, wenn sie ihn

glücklich machen konnte, und daß dies ihrer heitern, glücklichen Natur

gelingen würde, bezweifelte ich nicht, so kam es mir zu, ohne Neid -- Neid,

das häßliche, gemeine Wort, ich zuckte davor zusammen und doch sagte ich

mir dasselbe schonungslos vor -- ja, ohne Neid die Verbindung der Beiden

mit anzusehen. Ueberhaupt, wie hatte ich mich hinreißen lassen von meiner

Frauenschwäche, über Heirathen zu speculiren; was ging es mich an, wenn der

Freiherr eine Kaffernprinzessin heimführte nach Günthershofen! Was war

er mir eigentlich, was war er mir noch vor wenigen Monaten gewesen? Nicht

existirt hatte er für mich, dann hatte ich ihn kennen gelernt als den Sohn

meiner Feinde, ihn mit Abneigung, mit Mißtrauen betrachtet, und nun, nun

war ich ganz aus meinem gewöhnlichen Gleise herausgezogen worden durch den

Zauber seiner Nähe -- als vorsorgliche Base war ich eben gar daran, ihn mit

einer Frau zu versorgen. Aber das sollte anders werden. Meine Sorge gehörte

meiner Mutter, war doch sie zu stützen, zu hegen mein Lebenszweck. Auf

einen Augenblick kam mir der Gedanke, ob ich nicht jetzt schon am besten zu

ihr zurückkehre; gewiß trug sie die Einsamkeit schwer, wenn sie es mir

auch nicht gestehen wollte, da sie mich glücklich glaubte. Die mancherlei

Eindrücke und die Unruhe der nun folgenden Reise verhinderten mich für

den Augenblick, meine künftigen Maßregeln durchzudenken; in Goldwell-House

angekommen, fand ich einen mehrere Tage alten Brief an mich vor, welcher

mir die Krankheit meiner Mutter meldete und mich aufforderte, schleunigst

nach Hause zu kommen. Ich war wie vom Blitze getroffen; wie eine Strafe kam

mir dies Ereigniß vor für die Gedanken und Pläne der letzten Wochen. Aber

es hieß sich zusammenraffen. Ganz verstört theilte ich sogleich der Frau

Gray den Inhalt des Briefes und meine Absicht, sofort abzureisen, mit. Sie

sowie die ganze Familie bewiesen mir die lebhafteste Theilnahme. In wenigen

Stunden war Alles mir Zugehörige gepackt; ein Jeder legte hülfreiche Hand

an. Herr Gray hatte sich sogleich daran gemacht, aus den ihm zu Gebote

stehenden Tabellen meine Reiseroute aufzustellen; er besaß eine große

Virtuosität im Reisen und machte gern Andere auf die Kunstgriffe und

Vortheile aufmerksam, die ihnen, wenn sie es nur richtig anfingen, zu gute

kommen mußten. In meinem Falle, wo sich nur darum handelte, rasch an

Ort und Stelle zu kommen, bewährte er sich mit seinen Ermittelungen

vortrefflich, auch konnte er nicht unterlassen, mir, trotz meiner

gedrückten Stimmung, allerlei Warnungen gegen Uebervortheilung und unnütze

Ausgaben ans Herz zu legen. In seiner heitern, wohlwollenden Weise wußte er

sich eigentlich mit denen, welche ein besonderer Kummer drückte, nicht wohl

zurecht zu finden.

»Nur ruhig, liebes Kind«, sagte er zu mir, »nicht den Kopf verloren!

Sie müssen sich nicht das Schlimmste denken; ich hoffe, wir sehen Sie in

wenigen Wochen fröhlich wieder. Die Mädchen werden ja wohl ihre Ferien über

die Zeit Ihrer Abwesenheit hinausdehnen, bleiben Sie also nicht zu

lange, damit Sie in den Köpfen noch etwas von dem vorfinden, was Sie so

gewissenhaft hineingebracht.«

Seine Gattin war mütterlich um mich beschäftigt, die Mädchen trieben sich

mit verweinten Augen zwischen Koffern und Schachteln herum und thaten alle

möglichen unnöthigen Handleistungen. John machte sich mit seinen kräftigen

Muskeln beim Heben, Tragen und Zuschnüren der Koffer nützlich, seine

treuherzigen Augen und der ungewohnte Ausdruck des Ernstes auf dem offenen,

heitern Gesicht, welchen, wie ich fürchte, festzuhalten ihm schwer wurde,

machten besondern Eindruck auf mich. Es ging endlich an das Abschiednehmen.

Mir war schwer ums Herz. Ich habe mich in meinem Leben nie leicht

der Hoffnung hingegeben; auch hier schien mir das Traurigste das

Wahrscheinliche, ich fürchtete die lieben, guten Menschen nicht

wiederzusehen. Forster erblickte ich unter all den herbeigeeilten

Hausgenossen nicht, ich fragte nach ihm. »Wie, wissen Sie denn nicht?« hieß

es da. »Er ist nach der Stadt voraus und erwartet Sie am Bahnhofe. Er will

Sie ja nach dem Hafen begleiten.«

Das war eine große Freundlichkeit von ihm, da ich fast eine Tagereise

und keine von den bequemsten bis nach L. vor mir hatte, wo ich spät am

Nachmittage ankommen sollte und mich abends auf das Dampfschiff begeben

mußte; ein Begleiter, der sich mancher Besorgung unterziehen würde, war

eine Wohlthat für Jemand, dem der Kopf schmerzte und das Herz weh that.

Ich sagte nun traurig Lebewohl. Lucy schien besonders erregt; schluchzend

hing sie an meinem Halse und küßte mich mit mehr Innigkeit, als ich sonst

bei dem leichtlebigen Mädchen gewohnt war. Ist da wohl mein Vetter

im Spiel? dachte ich und mußte trotz meiner trüben Stimmung in mich

hineinlächeln; nicht unmöglich, daß sie einen Theil der Zuneigung, welche

sie für den Freiherrn empfinden mochte, auf mich übertrug, dank der wenn

auch entfernten verwandtschaftlichen Beziehung, in welcher ich zu ihm

stand. »Gott erhalte Ihnen Ihre Mutter«, sagte Frau Gray leise, indem sie

mich umarmte, »und lasse Sie froh zu uns zurückkehren.«

So schied ich. Während der anderthalb Stunden, welche ich im Wagen auf

dem Wege nach der Station zubrachte, ließ ich, müde zurückgelehnt in die

Kissen, die Ereignisse der letzten Monate an meinem Geiste vorübergehen.

Sie waren bedeutsam gewesen, aber ich konnte in meinem Innern noch keinen

rechten Abschluß zu denselben finden, obgleich mir der zurückgelegte

Abschnitt in meinem Leben fertig vorkam wie ein Aufzug eines Dramas, nach

welchem man mit einiger Spannung auf das in die Höhe Gehen des Vorhangs zu

den folgenden harrt. Was mochte mich erwarten? Nur Trauriges, so schien es

mir damals, konnte mir begegnen; mit einer Art bitterer Genugthuung über

mein unbestreitbares Unglück quälte ich mich mit dem Gedanken, daß meine

Mutter mir nun genommen werden würde, daß sie sterben würde in Armuth

und Kummer um mich. Dann machte ich mir wieder Vorwürfe über dies

»Schmerzbehagen« und suchte zu hoffen. So schwankte es in mir und ich fand

keine Ruhe.

Ich näherte mich nun der Station; aus der Ferne hörte ich den Pfiff

der Locomotive und dann, weiterhin, all den unerquicklichen Lärm eines

Bahnhofs. Und jetzt fiel mir erst Forster ein, den ich ganz vergessen

hatte, und ich fing an, mich vor der bevorstehenden Reise mit ihm ein wenig

zu fürchten. Aber er war so gut und ehrenhaft, er konnte doch gewiß diese

Gelegenheit nicht benutzen wollen zu einer Erklärung, vor welcher ich eine

wahre Todesangst hatte.

Der Wagen hielt und nun kam er auch schon herzu und half mir heraus und

gleich hatte ich Gelegenheit, die Vortheile seiner Begleitung zu empfinden.

Er führte mich, ohne eine Wort über sein Mitgehen zu verlieren und als ob

sich das Alles so von selbst verstände, sogleich zum Wartesaal, wo er mich

zu verweilen bat, während er zurückging, das Gepäck besorgte und Billets

nahm.

Wir fuhren dann zusammen fort; ich ergriff die erste Gelegenheit, um ihm zu

danken; er erwiderte trübe: »Dies ist ja das Wenigste, was ich für Sie

thun kann, und es geschieht gern, sehr gern.« Weiterhin wurde nur noch

von gleichgültigen Dingen zwischen uns gesprochen und der Reisenachmittag

verging ruhig, während sich Forster allein der Sorge um unser Weiterkommen

unterzog. Wir langten mit der Dämmerung in L. an und durchfuhren, um nach

der Rhede zu gelangen, die häßliche, lärmvolle Stadt von einem Ende zum

andern. Mein Begleiter blickte düster aus dem Fenster des Wagens hinaus auf

das wüste, unerquickliche Treiben; er dauerte mich von Herzen. »Sie haben

Heimweh, Herr Forster«, redete ich ihn nach einem langen Schweigen an, um

im nächsten Augenblick die schonungslose Aeußerung zu bereuen. Er drehte

sich rasch um und sah mich mit großen, traurigen Augen an.

»Ja, bei Gott, ich habe Heimweh«, sagte er, als werde ihm das jetzt erst

klar, »Heimweh wie ein Kind. Ich versichere Ihnen, ich sehne mich unbändig

danach, die braune schmuzige Tapete in der Kinderstube zu Hause einmal

wiederzusehen und das hölzerne Schaukelpferd mit den stieren Augen und der

schwarzlackirten Mähne -- es ißt bei der Mutter, welche es sehr liebt,

das Gnadenbrod. Sie werden mich auslachen, aber auf Ehre -- mag es

Andern komisch vorkommen -- weh thut es deshalb doch und unterdrücken und

wegvernünfteln kann man es so wenig wie das Zahnweh.«

Ich fühlte keine Neigung zum Lachen, mir waren sogar die Thränen in die

Augen gekommen bei seinen Worten. Warum mußte auch dieser gute, so warm

und im besten Sinne kindlich fühlende Mensch sich einfallen lassen, ein

politischer Verbrecher zu werden? Er hätte das Andern überlassen sollen.

»Haben Sie denn keine Aussicht auf Begnadigung?« fragte ich leise, nachdem

ich meine Thränen hinuntergeschluckt hatte. Er verneinte.

Verflossene Stunden: Novelle · 第 5 / 11 段