dünken auf dem erschlichenen Besitzthum -- wahrscheinlich sind Sie das
auch, denn wer die Macht hat, hat gewöhnlich das Recht -- aber meiner
spotten sollten Sie doch nicht. Die Idee, wie Sie meine Absicht zu nennen
belieben, ist in mir aufgestiegen, als ich eines Abends vor meiner Mutter
saß und sie mir ihre Geschichte erzählte, eine Geschichte des Leidens, der
entsetzlichsten Kränkungen, der Verfolgung, des Unterliegens. Kennen Sie
jene Geschichte, mein Herr? Ihre Aeltern haben darin mitgespielt, Sie
selber nicht; kennen Sie den wahren Sachverhalt?«
Ich war so erregt, so ganz aufgegangen in dem Gegenstande unseres
Gesprächs, daß ich Zeit und Ort vergessen hatte; wir waren unwillkürlich
nach dem fernern Ende der Terrasse hingegangen, weit von uns standen die
Uebrigen in einer Gruppe, wir achteten ihrer nicht. Und noch heute, wenn
ich jene Scenen überdenke, die mir fest im Gedächtniß geblieben sind, noch
heute erschrecke ich fast vor der Art und Weise, in welcher ich zu dem
Freiherrn sprach; ich kann nicht begreifen, woher mir der Muth kam, dem
hohen, stattlichen, sichern Cavalier gegenüber. Er antwortete auf meine
letzte Frage nicht, und während er schwieg und vor sich hin sah, hingen
meine Augen begierig an seinem Munde. Endlich richtete er das Antlitz in
die Höhe und seine Blicke begegneten den meinen -- er schlug vor denselben
die Augen wieder nieder.
»Sie haben sehr harte Worte gegen mich gebraucht, Fräulein«, sagte er dann
dumpf, »aber wenn ich mich an Ihre Stelle versetze, kann ich Ihnen nicht
Unrecht geben. Sie glauben also, daß das Urtheil, welches uns damals die
Güter Ihres Vaters zusprach, ein ungerechtes gewesen?«
»Ja, ich glaube es, fast möchte ich sagen, ich weiß es, obgleich mir nicht
bekannt ist, auf welchen Grund hin man die Rechte meines Vaters
anzutasten gewagt hat. Meine Mutter hat leider über diesen wichtigen Punkt
geschwiegen. Ich habe an sie geschrieben und mir Auskunft erbeten; ein
Brief von ihr ist angekommen und durch eine Nachlässigkeit mir vor der
Abreise von C. nicht zugestellt worden. Seitdem ich Sie nun hier gesehen,
ist mir eingefallen, daß Sie mir auf meine Bitte diese Auskunft gewiß nicht
verweigern würden. Die Motive zu dem Verfahren gegen meinen Vater kenne ich
wohl, aber nicht den Vorwand, welchen man benutzt hat, um es ins Werk zu
setzen.«
»Den Vorwand?« sagte der Freiherr ruhig. »Hat nicht ein Gericht, ein
wenn auch nicht unfehlbares, so doch vollständig competentes Gericht die
Ansprüche beider Linien geprüft und die unserigen als gültig erkannt?«
Ich war seinem Raisonnement eben nicht zugänglich und entgegnete rasch
und unbedacht: »Das beweist gar nichts. Der Fürst hat dem Gerichte den
Ausspruch, den es thun sollte, dictirt; er wußte wohl, warum.«
Bei der Nennung des Fürsten hatte der Freiherr eine Bewegung wie unter dem
Einfluß physischen Schmerzes gemacht; ich merkte auch, daß ich im Begriffe
war, zu weit zu gehen, und wendete mich, um zu den Uebrigen zurückzukehren.
Da hob der Freiherr noch einmal an: »Wenn Sie nichts dagegen haben,
Fräulein, will ich mit Herrn Forster, der sich zu einer Mittelsperson ganz
gut zu eignen scheint, Einiges in der Angelegenheit besprechen und ihm auch
die Auskunft, welche Sie verlangten, geben. Sie können dann thun, was Ihnen
gut dünkt.«
Die ersten Worte seiner Bemerkung hatten mich überrascht, ehe ich ihm aber
für sein Anerbieten danken konnte, härtete mich wieder der Schluß: »Sie
können dann thun, was Ihnen gut dünkt.«
»Das will ich«, sagte ich kurz. »Gute Nacht, mein Herr!« Und damit verließ
ich ihn und eilte, nachdem ich mich von den Uebrigen verabschiedet hatte,
nach meinem Zimmer, nicht um mich zur Ruhe zu begeben, mir war, als würde
ich nie wieder ein Bedürfniß nach Schlaf fühlen können, so kreisten die
Gedanken in meinem Kopfe, welche mich beunruhigten und mich jetzt häufig
viele Stunden in der Nacht wach hielten. Manchmal kam es mir vor wie ein
Traum, wie ein Betrug meiner aufgeregten Phantasie, daß ich den Freiherrn
gesprochen haben sollte, ihn selbst, den deutschen Adligen, hier in den
schottischen Bergen. Wie sonderbar war doch das Zusammentreffen! Wie sehr
aber auch erhob es die Ideen, die mich seit einigen Wochen beherrschten,
nun erst recht zu den wichtigsten, die es für mich geben konnte; nun mußte
etwas geschehen, das Schicksal hatte selbst die Hand geboten. Und dann
wendeten sich die rastlos arbeitenden Gedanken der Person des Freiherrn
zu, seinem Betragen, seinen Worten, und da überfiel mich auf einmal eine
entsetzliche Unruhe, als habe ich irgend etwas gethan, was sich nie wieder
gut machen lasse, an irgend etwas Unnahbares gerührt, irgend etwas ganz,
ganz verfehlt. Ich wußte mir dies Gefühl nicht zu erklären: ich rief mir
Alles, was ich gesprochen, ins Gedächtniß zurück, ich mußte mir sagen,
daß ich harte Worte gebraucht, aber keine, die nicht meine innigen noch
bestehenden Ueberzeugungen ausgesprochen hätten. So suchte ich mich denn
durch Gründe zu beruhigen, aber es wollte nicht gehen; wie hart, wie
rücksichtslos, wie rachsüchtig, ja wie frei in meinen Ausdrücken mußte
ich ihm vorgekommen sein! Und wenn auch, dachte ich dagegen, ist es nicht
natürlich, daß ich keine freundschaftliche Gesinnung für ihn hege,
noch zeigen kann? Er stammt aus jener verhaßten Familie und er muß ein
gewissenloser Mann sein, sonst könnte er den Besitz der durch Trug und
Tücke an sein Haus gekommenen Güter nicht ruhig genießen. Aber glaubte er
an jenen Trug, jene Tücke? Er war ja noch ein Knabe gewesen zur Zeit
jenes Processes; vielleicht, ja wahrscheinlich hatte sein Vater ihn nie
eingeweiht in das Complot zwischen sich und dem Fürsten. Und dann -- und am
quälendsten machte sich der Selbstvorwurf geltend -- wie schonungslos, wie
unmädchenhaft hast Du auf den Makel seiner Geburt hingedeutet, an dem er
unschuldig ist! So stritten sich die Gedanken in mir, klagten sich an und
entschuldigten sich, bis ich mir meine Mutter vergegenwärtigte und ihre
Erzählung mir wiederholte, um mich von neuem zu meinem Vorhaben zu stärken.
Nun aber, während die stillen Stunden der Nacht an mir vorbeizogen, eine
nach der andern, und mit dem nahenden Morgen kam das angstvolle Erwarten
der Aufschlüsse, die mir durch Forster zu Theil werden sollten, und machte
meine Pulse schneller schlagen, sodaß ich erst nach Sonnenaufgang in einen
kurzen Schlaf verfiel, während dessen das arbeitende Gehirn die Gedanken,
die es zuvor bewegt, aus ihrer Folge gerissen, in wirren Träumen
durcheinander warf und zu sinnlosen Bildern verkettete.
Sechstes Kapitel.
Es erschien mir wie eine Vergünstigung des Schicksals, daß Herr Gray
sich vornahm, die Zimmer in dem schöngelegenen Gasthause, welche wir inne
hatten, noch für eine Weile zu benutzen und dasselbe zur Basis unserer
Operationen in den nachbarlichen Bergen zu machen. Der Freiherr, für
den sich gerade noch Raum gefunden hatte, blieb auch auf die herzliche
Einladung der Familie, er möge sich ihren Ausflügen in der nächsten
Zeit anschließen. Hier war nun auch Gelegenheit, sich die Briefe, welche
inzwischen zu Hause angekommen sein mochten, zuschicken zu lassen. Frau
Gray schrieb an die alte Köchin, die das Haus hütete, und drei Tage darauf
erhielten wir ein ganzes Paquet Briefe.
Wir saßen gerade auf dem Balkon beim Frühstück, als der Postbote mit dem
Ränzchen auf dem Rücken und dem Bergstock in der Hand angewandert kam. Herr
Gray nahm die Briefe in Empfang; meine Augen hingen an ihm in fiebernder
Erwartung, während er dieselben langsam durch die Hände gleiten ließ.
»Setzen Sie lieber Ihre Tasse hin, Fräulein«, sagte Forster neben mir
mit leichtem Spott. »Sie zittern zu sehr, als daß Sie Ihre Manipulationen
fortsetzen könnten.«
Ich gehorchte mechanisch und in demselben Augenblick streifte mein Blick
den Freiherrn. Herausgefordert durch seinen Ausdruck, schaute ich wieder
hin, er sah unverwandt auf mich, mit düsterem Gesichte, er wußte, was ich
erwartete -- eine Anklage war es, eine Anklage ehrlosen Handelns, gegen
seine Familie gerichtet. Aber mich kümmerte sein Aussehen wenig, denn John
reichte mir eben mit einer komisch zerknirschten Miene, die nur ich zu
deuten vermochte, den Brief meiner Mutter, um welchen er eine besondere
Botschaft an die alte Wirthschafterin geschickt hatte. Nun endlich, endlich
hielt ich ihn in Händen, nun brauchte ich die Aufschlüsse des Freiherrn
glücklicherweise nicht mehr. Ich riß sogleich den äußern Umschlag ab
und schaute auf das Couvert mit den theuern Schriftzügen meiner Mutter;
liebkosend deckte ich dann wieder die rechte Hand darüber und schaute
auf, froh in der Sicherheit des Besitzes. Da begegnete ich zuerst John's
lachenden braunen Augen, der liebe Junge nickte mir freundlich zu; und nun
mußte ich auch wieder nach dem Freiherrn hinsehen: er hielt die Augen
auf meine Hände gerichtet, mit denen ich den Brief wie ein Kleinod umfaßt
hielt. Mich beschlich in dem Augenblicke ein Gefühl der Furcht vor ihm,
welches ich noch gar nicht gekannt hatte. Wäre er doch weit fort von hier,
dachte ich.
Es wurde nun, wie gewöhnlich am Morgen, über die weitere Verwendung des
Tages verhandelt und der Punkt gewählt, welchen man in Augenschein nehmen
wollte. Da die Entfernung keine geringe war, mußte sofort aufgebrochen
werden, meine Unlust zu der Expedition war aber so groß, daß ich Kopfweh
vorschützte und um die Freiheit bat, zu Hause bleiben zu dürfen. In einer
halben Stunde zog Alles ab und nun war ich endlich allein; ich setzte
mich auf dem kleinen Kanapee in meinem Zimmer zurecht, ganz sicher, nicht
gestört zu werden, und fing an zu lesen. Wie ich gewollt, hatte die Mutter
meine Anfrage als aus einer Art Neugier hervorgegangen betrachtet und
beantwortete sie daher erst am Ende des Briefes, nachdem alles Uebrige,
was mich irgendwie interessiren konnte, berührt worden war, in folgenden
Worten: »Ich dachte mir, liebe Margarethe, als ich Dir die Geschichte
unserer Unglücksfälle erzählte, daß dieselben einigen Eindruck auf Dich
machen würden. Lange überlegte ich, ob es nicht besser wäre, Dich noch
unwissend zu lassen in Bezug auf dieselben, aber es schien mir schließlich
nicht das Richtige. Du gingst fort, ich konnte sterben inzwischen, später
wäre Dir vielleicht das oder jenes zu Ohren gekommen über die Vergangenheit
Deiner Familie und hätte Dich mit Unruhe oder gar mit Zweifeln an unserer
Ehre erfüllen müssen; auch war ich Dir eine Erklärung unserer so wenig
standesgemäßen Armuth schuldig. Du berührst nun in Deinem Briefe einen
Punkt, den ich damals von meinem Berichte ausgeschlossen hatte, aber
ich sehe nach reiflicher Ueberlegung auch dafür keinen Grund mehr. Die
Wahrheit, sei sie auch noch so herb, ist fast immer wohlthätig, und es
ist uns für das Leben ein Muth nöthig, welcher der härtesten Wahrheit ins
Gesicht zu sehen vermag. So wisse denn, daß man in jenem verbrecherischen
Processe die Ehre der verstorbenen Mutter Deines Vaters angriff; man sagte
aus, daß Dein Vater nicht der Sohn des Gemahls der Frau von Günthershofen
sei, sondern eines Edelmanns, zu dem sie allerdings, sowie ihr Gemahl, in
freundschaftlicher Beziehung gestanden hatte. Diese niedrige Anklage gegen
eine längst verstorbene, edle, von ihren Freunden hochgeehrte Frau belegte
man mit Beweisen in Form eines Briefwechsels zwischen ihr und jenem
Edelmann, angeblich unter den Papieren des letztern nach seinem Tode
gefunden, gefälscht aber, ja für die Gelegenheit fabricirt, wie Dein Vater
und ich überzeugt waren und ich es noch bin. Es thut sich hier vor Dir eine
Tiefe der Bosheit auf, mein armes Kind, die Du wahrscheinlich nicht geahnt
hast; Du erhältst auch zugleich Antwort auf Deine Frage, warum ich nie
gegen die Besitzer unserer Güter gerichtlich eingeschritten sei. Zur Zeit
wurde es, wie Du weißt, von Deinem Vater versäumt. Der Schlag hatte ihn
zu hart getroffen und seine Thatkraft gelähmt; es wäre auch da schon fast
hoffnungslos gewesen und wurde es im Laufe der Jahre immer mehr, da uns
alle Beweise fehlten, daß jene Correspondenz wirklich eine gefälschte
sei. Ich habe mit Sachwaltern darüber gesprochen und sie haben die Achseln
gezuckt; wer mochte sich unter so ungünstigen Umständen, wo ein Erfolg
nur durch die weitläufigsten, kostspieligsten Untersuchungen zu erzielen
gewesen wäre, der Sache einer gänzlich verarmten Edelfrau gegen mehrere
reiche und angesehene Familien annehmen, wer eine Skandalgeschichte wieder
durchgehen, von welcher sich das Gefühl mit Abscheu abwendet. Die, welche
durch ihre hohe Meinung Deine Großmutter und ihren Freund in Schutz
genommen haben würden, waren längst todt, jener selbst war gestorben, ohne
Verwandte zu hinterlassen, denen an der Klärung seiner Ehre gelegen
gewesen wäre: unsere Sache war und ist hoffnungslos. Laß Dir daher an
dem Bewußtsein genügen, meine Tochter, daß wir Unrecht leiden, aber keins
begangen haben, und bedenke, daß es uns nicht zusteht, diejenigen zu
beneiden, welche sich durch Meineid an uns bereichert haben.«
So schloß meine Mutter. Ich saß eine lange Zeit ganz still, nachdem ich den
Brief zu Ende gelesen, und suchte vergebens meine Gedanken zu sammeln; ich
konnte mich nicht fassen, ich war wie betäubt, als habe ich einen Schlag
erhalten. War denn das Alles möglich? Konnte die Bosheit mit einer so
beispiellosen Frechheit Unschuldige angreifen, Lebendige und Todte? Und
konnte und durfte sie so triumphiren? Lange wirbelte es mir im Kopfe und
ich hatte nur ein dumpfes Gefühl unleidlichen Schmerzes, dann aber wurde
ich ruhiger und merkwürdigerweise so ruhig, daß ich mich an die Stelle
meines jetzigen Gegners, des Freiherrn Bardolph von Günthershofen, setzen,
gleichsam von seinem Standpunkt aus die Angelegenheit ansehen konnte. Ich
hatte ihm doch an jenem Abend und auch zuvor Unrecht gethan; er glaubte
gewiß an die Gerechtigkeit seiner Sache, ja das Gericht sogar war
vielleicht überzeugt gewesen und hatte redlich verfahren. Diese Ansicht
besserte jedoch meine Stimmung keineswegs; noch nie war mir so wirr, so
trüb zu Muthe gewesen, nie hatte ich mich so haltlos und elend gefühlt.
Während ich, den Kopf in beiden Händen, dasaß, klopfte es an die Thür und
Forster trat herein. Ohne im Anfang recht zu wissen warum, so dumpf war
mir zu Sinne, fühlte ich Erstaunen bei seinem Anblick; erst als er seine
Anwesenheit erklärend entschuldigte, fiel mir ein, daß ich geglaubt hatte,
er sei mit den Uebrigen fort. Er habe auch Briefe von Wichtigkeit erhalten,
sagte er, und sich deshalb der Partie nicht angeschlossen. Dann fragte er,
da ihm mein verstörtes Wesen auffiel: »Schlechte Nachrichten?«
Ich hielt ihm schweigend meinen Brief hin, in dem ich mit dem Finger auf
die Stelle deutete, an welcher er anfangen sollte zu lesen. Er setzte
sich und las, ein-, zwei-, dreimal, dann sagte er ruhig: »Ich war nach den
Aufschlüssen, welche mir der Freiherr gegeben hatte, hierauf vorbereitet;
ihm scheint es, beiläufig, nie in den Sinn gekommen zu sein, daß hier ein
Unrecht vorliege, und so peinlich es ist, kann ich doch nicht umhin, Ihnen
zu sagen --«
»Daß Sie es auch nicht glauben«, unterbrach ich ihn. »O ja, ich weiß schon,
weiß Alles, was Sie mir sagen können.«
»Das doch wohl nicht, Fräulein von Günthershofen«, entgegnete er mit
unerschütterlicher Ruhe. »Deshalb erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Der
Anschein ist allerdings nicht zu Ihren Gunsten. Was man in der Sache thun
könnte, wäre etwa Folgendes. Wir müßten das Gerichtsverfahren von damals
genau prüfen, auf die Voraussetzung hin, daß der Ausspruch ohne genügende
Beweise gefällt worden sei; man müßte einem Formfehler nachspüren, dessen
Dasein mir nicht ganz unwahrscheinlich vorkommt. Auf diesem Wege aber, wohl
dem einzigen, der sich einschlagen ließe, finden sich Schwierigkeiten
vor, welche mir unüberwindlich scheinen. Das Fürstenthum ist inzwischen
mediatisirt, das oberste Gericht mit dem in W. verschmolzen worden; ob
sich die Acten überhaupt wiederfinden würden, ist sehr fraglich, jedenfalls
würden die nöthigen Nachforschungen mit großen Kosten verknüpft sein. Sie
werden kaum einen Anwalt bewegen können, die Sache zu übernehmen, es müßte
es denn ein Freund, der über viel Zeit verfügen kann, aus Liebhaberei thun.
Mein wohlüberlegter Rath also ist, mein Fräulein, daß Sie den Gedanken an
einen Proceß aufgeben.«
Er schwieg und ich auch; ich war in Nachdenken versunken. Ich dachte an
meine Mutter, wie sie nun bis zu ihrem Ende arm bleiben würde, und auch
an meine eigene, ziemlich trübe Zukunft. Ich ging die Erzählung der Mutter
noch einmal durch, das Bild meines armen Vaters schwebte mir vor, wie er,
gebrochen an Geist und Körper, dem Grabe zuwankte und ich sagte mir, daß er
nun doch nicht gerächt werden würde. Dabei aber herrschte eine große Ruhe
in mir, ich fühlte keine Bitterkeit, sondern nur Trauer; es mochte der
Umschlag sein nach der fieberhaft aufgeregten Stimmung der letzten Wochen,
daß ich eine Mattigkeit in mir spürte, welche es mir fast wie eine Wohlthat
erscheinen ließ, nun ruhen zu müssen, nicht um unser Recht kämpfen zu
können. Denn daß unser Recht unterdrückt worden, daran zweifelte ich auch
jetzt nicht. Durch alle meine Gedanken aber tönten abgerissen die Worte in
mir wieder, welche Forster vor einiger Zeit fallen gelassen: Der Haß ist
eine schwere Bürde; sie klangen mir im Ohr, ohne daß ich darauf gehört oder
darüber nachgedacht hätte. So hatten wir beide lange Zeit geschwiegen, bis
Forster wieder anfing: »Wollen Sie mir folgen, Fräulein?«
»Für jetzt, ja«, antwortete ich ihm, »denn was kann ich thun? Ich bin arm,
ich habe keine Freunde, ich sehe die Unmöglichkeit ein, zu handeln, und bin
kein Kind, welches mit dem Kopf durch die Wand will.«
»Könnten sich dann nur, während dieses Waffenstillstandes, freundliche
Beziehungen zwischen Ihnen und dem Freiherrn bilden«, fuhr er fort. »Ich
weiß, bei gewöhnlichen Menschen wäre dies nicht möglich, aber Sie beide
müßten sich, meine ich, über Manches hinwegzusetzen vermögen, was Andere
beschränkt. Von Ihrer Meinung über den Charakter Ihres Verwandten sind Sie
wohl in etwas zurückgekommen, und der Freiherr hat in Bezug auf Sie keine
Vorurtheile zu überwinden.«
War es ein gewöhnlicher Widerspruchsgeist, der mich überkam, zugleich mit
der Ueberzeugung, daß der Doctor vernünftig rede, oder hatte er, trotz
seiner Vernünftigkeit, mein von den Vorwürfen, die ich mir hatte machen
müssen, schmerzlich erregtes Selbstbewußtsein zu unsanft berührt, das
wüßte ich jetzt nicht zu sagen, so viel weiß ich nur, daß ich ihn höchst
unliebenswürdiger Weise fragte: »Sagen Sie dies im Auftrage des Herrn von
Günthershofen?«
Forster sah mich erstaunt an. »Nein«, erwiderte er dann; »der Freiherr will
Ihnen wohl, aber er hat mir keinerlei Aufträge an Sie gegeben.«
»Nun, so lassen Sie ihn von mir wissen, daß ich sein Wohlwollen nicht
brauche«, rief ich trotzig, und Forster, den meine Unart empören mochte,
empfahl sich nach wenigen gezwungenen Worten. Ich sah ihn auch den ganzen
Tag nicht mehr, und jener Tag, den ich allein und einsam verbrachte, ganz
meinen quälenden Gedanken hingegeben, ist einer der traurigsten meines
Lebens gewesen.
Siebentes Kapitel.
Unser Aufenthalt in den schönen schottischen Bergen näherte sich seinem
Ende. Ich war froh darüber, denn mir war er seit der Dazwischenkunft des
Freiherrn ein peinlicher gewesen; ich fühlte das Vergnügen der Freiheit und
Ungebundenheit nicht wie die Uebrigen, auf mir ruhte ein schwerer Zwang.
Der Frau Gray war mein stilles Wesen aufgefallen; in ihrer mütterlichen Art
drang sie in mich, ihr zu sagen, was mir fehle, und trotzdem oder eben weil
ich mein vollständiges Wohlsein behauptete, kam sie zu dem Schluß, daß mein
Gesundheitszustand kein guter sei, daß mir die Strapazen und Aufregungen
einer Reise nicht bekämen, daß ich zu Hause einen Zuschuß zu den Ferien
erhalten und mich recht ausruhen müßte. Ich ließ das Alles zuletzt über
mich ergehen, weil widersprechen nichts half. Besonders peinlich war es
jedoch, wenn sie mir ihre Sorgfalt zu Zeiten angedeihen ließ, wo wir alle
zusammen waren; meine beiden Landsleute wußten ja, was mir eigentlich
fehlte; ich wagte dann auch stets noch einige schwache Proteste gegen die
mir zugetheilte Rolle einer Leidenden. Nach einer solchen Scene war es,
wo der Freiherr sich, als wir vom Abendessen aufgestanden waren, zu mir
gesellte; ich wußte, daß er am nächsten Morgen abreisen würde, und fühlte
Erleichterung bei dem Gedanken daran. Durch Gespräche bei Tische hatte
ich erfahren, daß er zunächst nach Norwegen sich wenden wollte, um dort zu
fischen, wie er sagte, und dann endlich nach seinen Gütern zurückzukehren
gedenke. Herr Bardolph fing die Unterhaltung an, indem er sich nach meinem
Befinden erkundigte.
»Sie sehen nicht wohl aus«, sagte er etwas unsicher; »ich fürchte, ich habe
Ihnen durch meine Anwesenheit die Ferienreise verdorben.«
Da diese Voraussetzung genau mit der Wahrheit übereinstimmte, konnte ich es
nicht über mich gewinnen, sie abzuwehren, wie es die Höflichkeit erfordert
hätte; ich suchte nach etwas Unverfänglichem, das ich antworten könnte,
und weil mir damals die gewöhnlichen Phrasen nicht recht zur Hand waren,
so entstand eine unangenehme Pause. Der Freiherr sprach zuerst wieder; er
fragte mich, ob es mir recht sein würde, ein wenig mit ihm den Bergpfad
hinaufzugehen, es sei das letzte Mal, daß er mich belästigen wolle. Ich
schloß mich ihm schweigend an und wir gingen zusammen in den herrlichen,
warmen Sommerabend hinein. Die Luft wehte so lau um uns her, die
Bergkräuter dufteten so würzig, das Abendlicht von dem klaren Himmel herab
war so mild, daß mir das Alles bis ans Herz drang; ich fühlte meinen Trotz
gegen den Freiherrn schwinden, ich schämte mich der kindischen Waffe und
beschloß, ihm, der sich stets gütig und einfach gegen mich benommen hatte,
nun auch freundlich entgegen zu kommen. Wir stiegen eine Weile schweigend
bergan; der Pfad war steil und ich wurde in der letzten Zeit wirklich
leichter müde als sonst wohl; so blieb ich endlich stehen, um Athem zu
schöpfen. Der Freiherr wandte sich zu mir.
»Ich habe bisher nicht gewagt, Ihnen den Arm zu bieten«, sagte er mit einem
ernsten Lächeln; »ich fürchtete, Sie würden mich abweisen.«
»Warum sollte ich das«, entgegnete ich ihm und wollte unbefangen erscheinen
und sprechen, aber die Rolle, die ich mir zugetheilt hatte, schien mir
schwerer werden zu wollen, als ich geglaubt. Ich legte meinen Arm in den
seinen und wir gingen weiter; da dachte ich plötzlich: Wenn mich die Mutter
so sähe! und hätte mich am liebsten losgemacht und wäre fortgeeilt. An
der Stelle, wo mich vor einiger Zeit Forster getroffen, hielten wir,
die moosigen Sitze waren so einladend, die Stille und Geschütztheit des
Plätzchens so lockend. Ich saß mit dem Rücken gegen das Thal, vor mir den
weiten Himmel, an dem die Sterne zu erscheinen begannen, Herr Bardolph mir
gegenüber im tiefen Schatten.
»Ich gehe morgen, wie Sie wissen werden«, hob er an, »und möchte vorher
noch einmal auf die Angelegenheit, von welcher wir neulich sprachen und
welche Sie so beschäftigt hat, zurückkommen. Durch Forster habe ich gehört,
daß die gewünschte Auskunft von Frau von Günthershofen in Ihre Hände
gelangt ist, auch daß Sie durch die Aufschlüsse Ihrer Frau Mutter bestimmt
worden sind, den Gedanken an einen Rechtsstreit mit Ihren Verwandten
aufzugeben. Sie zweifeln nicht an der Gerechtigkeit Ihrer Sache, aber die
Schwierigkeiten sind Ihnen zu groß --«
»Ja, im Augenblick unüberwindlich«, schaltete ich ein.
Der Freiherr nickte. »Ich bedauere diese Hindernisse«, fuhr er fort,
»und da mir wie Ihnen daran liegt, die Umstände des damaligen traurigen
Processes aufgeklärt zu sehen, will ich mich nach meiner Rückkunft sofort
zu unserm Familienarchiv wenden und suchen, ob ich dort irgendwelche
Indicien finde, die zur Beleuchtung der Sache dienen können. Ich brauche
wohl kaum hinzuzufügen, daß ich Ihnen auch dann sofort Nachricht von dem
Erfolge zukommen lassen werde, wenn die entdeckten Aufschlüsse nicht zu
unsern Gunsten sind.«