John spielte mit dem Gaste Ballschlag und ritt mit ihm zur Fuchshetze,

welche die jungen Männer, es muß gesagt sein, trotz ihrer Barbarei, mit

all der Freude der Jugend und Kraft am sich Austoben, am Wagen und Stürmen

genossen, ruderte und turnte mit ihm und ließ sich zuweilen mit lustigem

Augenzwinkern herab, sich beifällig über die Anstelligkeit des Doctors zu

dergleichen auszusprechen. Die Mädchen endlich betrachteten ihn als eine

ziemlich indifferente Acquisition, da es ihm an Aufmerksamkeit gegen die

kleinen Bedürfnisse der Damen fehlte. Wenn wir zusammensaßen und es machte

sich der Mangel einer Fußbank etwa geltend, so entdeckte er diesen Umstand

erst, nachdem einer der andern Herrn aufgestanden war, den betreffenden

Gegenstand zu holen. Dann sprang auch er auf, in verzweiflungsvoller Hast,

lief eifrig suchend umher, gelangte dabei aber immer an den Ort zuletzt,

wo, der Wahrscheinlichkeit nach, der fehlende Artikel sich finden mochte,

und brachte endlich, nach langem Suchen, triumphirend drei oder vier

herbei, während wir, längst im Besitz der kleinen Bequemlichkeit, ihm

boshaft dankten.

Roger theilte mir übrigens auch mit, daß Herr Forster aus sehr guter

Familie und wohlhabend genug sei, um eine Anstellung im Staate ganz

entbehren zu können, daß er aber nichtsdestoweniger juristische

Beschäftigung und eine gemeinnützige Wirksamkeit schmerzlich vermisse und

sehnlich auf einen Umschwung der Dinge harre, der ihm die Rückkehr in das

Vaterland ermögliche.

Viertes Kapitel.

Der Tag für unsere Abreise nach Schottland war herangekommen und noch hatte

ich keine Antwort von meiner Mutter auf meine dringenden Anfragen erhalten.

Meine Ungeduld und Pein waren fortwährend gestiegen; jeden Tag erlebte ich

mehrmals, bei der Ankunft des Postboten, eine bittere Enttäuschung und

mit jedem Tage wurde die Verzögerung der Antwort unerklärlicher und

beunruhigender. Ich hatte nun einmal fast für nichts Anderes Raum mehr in

meinem Kopfe, als für jene Angelegenheit; mir schien, als sei schon so viel

versäumt worden, als dürfe man jetzt nicht länger zögern mit dem Versuche,

sich Recht zu verschaffen. Daß meine Mutter mir ernstliche Hindernisse in

den Weg legen würde, daran dachte ich kaum, und wenn mir der Gedanke einmal

kam, wies ich ihn sofort zurück. Aber was bedeutete ihr Schweigen? War sie

krank? Eine neue verzehrende Sorge zu den innern Aufregungen der letzten

Wochen. Eine Post war noch übrig; kam damit kein Brief, so mußte ich

für einige Zeit alle Hoffnung aufgeben, da Herr Gray so zu reisen

beabsichtigte, daß für den Anfang keine Adresse angegeben werden konnte,

unter welcher uns Briefe erreicht hätten.

Es war gegen neun Uhr Morgens; um zehn reisten wir. Ich war in meinem

Zimmer, wo ich einige Kleinigkeiten an meinem Gepäck besorgte; so oft die

Klingel der Hausthür sich hören ließ, mußte ich einige Sekunden aufhören,

weil ich heftig zitterte. Ich horchte dann angestrengt; war ein Brief für

mich gekommen, so mußten sich alsbald Schritte meinem Zimmer nähern. Drei-,

viermal hörte ich nichts; endlich, nachdem wieder geklingelt worden war,

kam man die Treppe herauf. Ich riß meine Zimmerthür auf und lauschte den

sich nähernden Schritten; es war das Kammermädchen; sie kam in den Gang und

machte Miene, an mir vorüberzugehen, erschreckt aber durch mein verstörtes

Gesicht, blieb sie stehen und fragte mich theilnehmend, was mir fehle.

»Kein Brief für mich, Burbett?« fragte ich leise; die Aufregung der

Erwartung schnürte mir fast die Kehle zu. »Die Post ist noch nicht da,

Fräulein«, sagte sie etwas befremdet. Ich athmete auf und ging in mein

Zimmer zurück, noch war Hoffnung da. Und nun, da ich fürs erste beruhigt

war, fing ich an einzusehen, daß meine Aufregung, in welche ich mich selber

nach und nach hineingearbeitet hatte, eigentlich eine sehr thörichte und

grundlose sei. Am Ende kam es ja so sehr auf Eile in dieser Angelegenheit

nicht an, und wie Vieles und welche geringfügigen Ursachen konnten die

Mutter vom Schreiben abgehalten haben! Wußte sie doch nichts von meiner

Absicht bei der Frage an sie, dieselbe mochte ihr wie eine natürliche

Neugierde vorkommen, angeregt durch ihre Erzählung. Sie liebte es nicht,

wenn ich ihr zweimal hintereinander schrieb, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Dies sei unnöthig, hatte sie gesagt; werde sie wirklich einmal ernstlich

krank, so sei auf diesen Fall die Magd schon angewiesen, es mich sogleich

wissen zu lassen, ein adressirtes Couvert liege zu diesem Zweck immer

bereit. So beschloß ich denn, mich zu gedulden, mir mittlerweile alle

Eventualitäten auszudenken und mir klar zu machen, was ich in jedem Falle

thun müsse.

Wir stiegen in die Wagen, welche uns zur Station bringen sollten, Herr und

Frau Gray mit den größern der »Kleinen« in einen, die beiden Wärterinnen

mit den jüngsten Kindern in einen zweiten und in den dritten meine beiden

Zöglinge, Herr Forster und ich, während Roger auf dem Bocke Platz nahm

und John neben uns ritt. In ähnlicher Weise war unsere Karavane immer

vertheilt, wenn wir uns zu Wagen fortbewegten, nur daß die Herren fast

immer alle ritten, sobald Pferde zu haben waren. Unterwegs beugte sich Herr

Forster vor und sagte lakonisch: »Noch keine Nachricht?« Ich schüttelte mit

dem Kopfe. John, welcher eben dicht neben uns ritt, hatte die Worte gehört

und rief plötzlich: »Ach, Fräulein, verurtheilen Sie mich, den ganzen Weg

auf einem Esel hinter Ihnen herzureiten, oder zu etwas Schlimmerem, wenn's

möglich ist. Gestern Abend, ja, es muß gesagt sein, gestern Abend kam ein

Brief an Sie; die Mutter gab ihn mir, weil ich sonst, wie Jedermann weiß,

die Zuverlässigkeit selber bin. Sie waren nicht zu Hause, nachher ritt ich

noch einmal fort --«

»Aber wo ist er jetzt? Haben Sie ihn hier?« rief ich heftig.

»Er ist -- wahrhaftig, es thut mir entsetzlich leid -- er ist in der Tasche

meines alten Jagdrocks. Aber vielleicht ist es noch Zeit, ihn zu holen!«

rief der gutmüthige Junge, da er gewahrte, wie ich plötzlich ganz

vernichtet aussah. Er sprengte sogleich davon, zum Wagen seines Vaters.

»Papa, kann ich noch einmal nach Hause reiten? Ich habe etwas vergessen.«

»Die zwei Meilen! Unsinn, John! Da läutet es schon zum ersten Male; komm,

hole Deine Schwestern heraus. Du hättest nichts vergessen sollen.«

Wir stiegen aus. John kam sogleich ganz zerknirscht wieder zu mir; ich

gab ihm die Hand, zu sagen fand ich nichts. Dieser Umstand erschien mir

in meinem damaligen erregten Zustande wie ein Wink, das Sträuben gegen

das Schicksal, welches uns nun einmal zur Armuth und Unterdrücktheit

verurtheilte, aufzugeben; er entmuthigte mich mehr, als es seine

eigentliche Wichtigkeit mit sich brachte, und ich verlebte die ersten Tage

der Reise in großer Niedergeschlagenheit. Erst als der Anblick von Edinburg

plötzlich mit zauberischer Schönheit auf uns hereinbrach, wurde ich von

meinen trüben Gedanken einigermaßen abgezogen.

Fünftes Kapitel.

Wir befanden uns im schottischen Hochlande. Eines Nachmittags machten wir,

das heißt die rüstigen Fußgänger der Gesellschaft, uns noch spät aus unserm

Bergwirthshause auf, um eine naheliegende steile Höhe zu erklettern, von

welcher aus wir den Untergang der Sonne beobachten wollten. Der Weg war

äußerst beschwerlich, sogar gefährlich. Die jungen Herren befanden sich

in ihrem Elemente. Wir kamen endlich auf dem erstrebten Punkte an,

welcher übrigens nicht der Gipfel der Felspartie war, sondern eine weite

Felsplatte, mit Moos, sogar mit spärlichem Grase bedeckt, unter der das

todte, zerklüftete Gestein gewaltig ausgedehnt dalag, während im Rücken

derselben die Felsen sich noch hoch, aber unersteiglich steil aufthürmten.

Auf der Fläche fanden wir mehrere Gruppen und einzelne Reisende vor, welche

sich ringsum aus den Thälern zu diesem bekannten Punkte hinaufgearbeitet

hatten. Wir standen und saßen bald ungezwungen umher, uns dem herrlichen

Schauspiel des Abendhimmels hingebend. Herr Forster fand sich, wie jetzt

häufig, zu mir, auch John war bei uns, bis er unter den Touristen einige

Mitschüler erkannte, denen er sich anschloß. Mein Landsmann und ich

betrachteten nun in aller Muße die Naturschönheiten der Scene nicht nur,

sondern auch was sich von Menschen in dieser Oede zusammengefunden hatte.

Die Menschen waren meist Engländer, behäbige Spießbürger und übermüthige

Studirende, ein ganzes Pensionat junger Damen, ein Geistlicher mit seiner

zahlreichen Familie, außerdem auch einige Franzosen und andere Touristen,

deren Nationalität festzustellen wir uns nicht getrauten.

»Haben Sie sich jetzt getröstet über John's Nachlässigkeit?« fragte mich

Herr Forster, nachdem wir eine Weile zusammengestanden hatten. Ich drehte

mich rasch nach ihm um, um zu sehen, ob er etwa seine spöttische Miene

angenommen und mich mit dem Mangel an Selbstbeherrschung, den ich bei

jener Gelegenheit gezeigt, necken wolle. Es schien nicht so, er sah ganz

ernsthaft aus.

»Ich war außerordentlich ärgerlich darüber«, antwortete ich ihm, eine

directe Antwort vermeidend.

»Ja, das konnte man sehen, das hätten Sie mir nicht zu sagen gebraucht;

aber es kommt doch auf Verzögerung jener Antwort so gar viel nicht

an. Setzen wir jedoch den Fall, Sie hätten dieselbe, wir fänden die

Mittheilungen Ihrer Frau Mutter wichtig, ich sagte Ihnen nach meiner

Ueberzeugung, daß der Stand der Angelegenheiten Sie nicht hindere, Ihre

Verwandten vor Gericht zu ziehen, wollten Sie es denn wirklich zu einem

Processe kommen lassen?«

Ich sah ihn verwundert an, ich verstand ihn gar nicht.

»Ich meine«, fuhr er fort, und seine Stimme hatte etwas Strenges bei den

folgenden Worten, »wollen Sie versuchen, Ihre Verwandten von den Gütern zu

vertreiben und sich an ihre Stelle zu versetzen?«

»An _ihre_ Stelle!« sagte ich jetzt in einiger Aufregung, in der es mir

nicht darauf ankam, mit seinen Worten zu spielen. »Ich verstehe Sie nicht,

Herr Forster! Die Leute sind gar nicht an ihrer Stelle! Was in aller Welt,

welche Rücksicht, welche lächerliche Schwäche sollte mich abhalten, mir

Recht zu verschaffen, Recht, Recht! Ich dürste danach, diese Eindringlinge

zu vertreiben; wohin, ist mir gleich und wäre es ins Elend, in welchem wir

so lange leben mußten!«

»Fräulein von Günthershofen!« sagte er beschwichtigend in einem

Schulmeisterton.

»Was wollen Sie!« rief ich jetzt, immer erregter werdend und indem ich in

der erhöhten Stimmung des Augenblicks unbewußt eine Hypothese aufstellte,

die sich nachher als Wahrheit erwies. »Soll auf der Ehre meines Vaters,

vielleicht der Mutter meines Vaters ein Makel bleiben? Soll meine Mutter,

meine verehrungswürdige Mutter ferner in Dürftigkeit ihre Tage verbringen,

weil mir der Muth fehlt, eine Schmach aufzudecken, über die eine Reihe von

Jahren dahingegangen ist? Nein, Alles will ich daran setzen, daß wir Recht

erhalten, nur Recht, weiter nichts!«

Er sah mich verwundert an. »Das altadlige Blut hat bei Ihnen noch nichts

von seiner Hitze eingebüßt«, sagte er dann und lächelte. »Aber lassen wir

das! Sehen Sie nur, wer ist denn das, der sich dort so lebhaft mit Ihren

Zöglingen unterhält?«

Mich berührte der rasche Uebergang in seiner Rede sehr unangenehm; es kam

mir vor, als habe er nur mit meiner Erregbarkeit experimentiren wollen; ich

konnte nicht sprechen und wandte mich ab, anstatt der von ihm bezeichneten

Richtung mit den Augen zu folgen. Herr Forster schwieg nun eine Weile und

schien selbst die Gruppe, auf welche er meine Aufmerksamkeit hatte lenken

wollen, zu beobachten; endlich berührte er mich leicht am Arm und sagte

freundlich: »Kommen Sie, liebes Fräulein, verderben Sie sich den schönen

Abend nicht. Der Haß ist ein schlimmer Gast im Herzen; dasselbe kann,

während es ihn beherbergt, nicht glücklich sein.«

Diese wohlfeile Weisheit dünkte mir ganz unerträglich, die Thränen

stiegen mir auf, ich wollte mich nicht so meistern lassen. Nach einigen

Augenblicken jedoch gewann die Ueberzeugung die Oberhand in mir, daß ich

es eigentlich nicht besser verdiene; meine Reizbarkeit und Erregtheit kamen

mir geradezu kindisch vor, ich bezwang mich mit einiger Anstrengung, drehte

mich herum und wollte versuchen, unbefangen zu den Uebrigen hinzugehen.

Aber was war das? Wer, um Gotteswillen, wer stand einige Schritte von mir

bei den jungen Grays? Sollte mir denn die Selbstbeherrschung gar so schwer

gemacht werden? Welche sonderbare Aehnlichkeit hatte jener große stattliche

Herr mit einem Andern, den ich freilich nur einmal in meinem Leben gesehen,

dessen Bild sich aber meinem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt hatte?

In mir kämpften Neugierde und Angst sogar vor dem Scheinbild jener Gestalt,

bis Herr Forster scherzend sagte: »Kommen Sie, Ihre Gouvernantenpflichten

schon rufen Sie dorthin. Sind Sie nicht hier als Beschützerin jener jungen

Damen?«

So schritten wir denn zusammen auf die in einiger Entfernung stehende

Gruppe zu. Sie bestand aus meinen beiden Zöglingen, die sich in ihren

hellen hübschen Kleidern, mit den leichten, blaubebänderten Strohhüten,

welche so gut zu den rosigen Gesichtern und den schönen blonden Haaren

paßten, gar anmuthig ausnahmen, ihrem Bruder Roger und einem vornehm

aussehenden Fremden, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Er stand halb

abgewendet von mir, im Gespräche auf die Tiefe vor uns deutend; jetzt

drehte er sich herum, ich konnte ihm in das Gesicht sehen und nun war

mir's, als müßte _ich_ mich fortwenden und davoneilen, ehe er mich erkennen

konnte, die Felsen hinab, in die Einöde hinein, nur fort aus seiner

verhaßten Nähe. Aber zum Fortlaufen, wenn es auch die Umstände erlaubt

hätten, war es zu spät, der Freiherr hatte mich gesehen. Er fuhr sich mit

der Hand über die Stirn, eine Bewegung, die ich ihm so übel wie möglich

auslegte -- er wollte sich gewiß nur fassen zu einer Förmlichkeit, wie

sie sich der armen Verwandten gegenüber schickte, die so unbequem vor ihm

aufgetaucht war; vielleicht verleugnet er mich gar, dachte ich, aber ich

hatte mich getäuscht. Sehr freundlich -- sogar mir konnte sein Benehmen

nicht anders als freundlich vorkommen -- that er mir ein paar Schritte

entgegen und streckte seine Hand nach der meinigen aus; ich reichte ihm

dieselbe nicht, sondern verbeugte mich nur. Seine leichte Höflichkeit glitt

über diesen kleinen Zwischenfall hinweg; mit den herzlichsten Ausdrücken

begrüßte er mich als seine Cousine -- welches Vorgehen ich ihm nur als

Heuchelei auslegte -- und erwies sich, während mein Benehmen den Uebrigen

bis zur Ungeschliffenheit zurückhaltend erscheinen mußte, so liebenswürdig,

daß sich alle, Herr Gray, welcher inzwischen auch auf dem Plateau angelangt

war, nicht ausgenommen, von ihm bezaubert fanden. Ein Gespräch, anfänglich

nur von ihm und Roger geführt, hatte sich, wie ich nachher erfuhr, durch

die Umgebung angeregt fesselnd weitergesponnen, bis alle hineingezogen

waren; auf Reisen wird man leicht bekannt und die Grays gehörten überdies

zu den liebenswürdigsten, zugänglichsten Menschen. So stieg denn der

Freiherr von und zu Günthershofen mit in den Gasthof hinab, wo er der

Mutter vorgestellt wurde und auch sie durch seine ritterliche Galanterie

sehr zu seinen Gunsten stimmte. Er speiste mit uns zu Abend und befestigte

bei allen den durchaus angenehmen Eindruck, welchen er gemacht hatte; an

mich richtete er nur von Zeit zu Zeit ein Wort und dann in einer gewissen

schonenden Weise, als wisse er nach meinem vorherigen Benehmen nicht,

wessen er sich von mir zu versehen habe, und fürchte eine Probe

Günthershofen'scher Rücksichtslosigkeit.

Alle waren in der heitersten Laune außer mir. Ich eilte nach Tische schnell

fort, aber wohin sollte ich mich wenden, um die Einsamkeit zu finden, nach

der es mich so sehr verlangte? Wir waren in den obern Zimmern für wenige

Tage eng zusammengepackt; dort hielten sich jetzt die Kinder und das

Dienstpersonal auf. Hinter dem Hause befand sich ein Gärtchen, auf dasselbe

gingen aber die Fenster des Speisesaals, in welchem unsere Gesellschaft

noch beisammen saß, und man hätte mich sehen können. So setzte ich denn

meinen großen Strohhut auf und eilte aus der vordern Thür den Weg hinauf,

den wir vor kurzem herabgestiegen waren. Noch währte die lange Dämmerung

des Sommertags; es war ziemlich hell und ich schritt rasch fort, fliehend

eigentlich vor den peinlichen Empfindungen, die mich in der Nähe des Gastes

unten bestürmten.

An einer lieblichen Stelle des Pfades, wo moosüberzogene Steinblöcke

gelagert waren, über welche blühender Flieder herabhing, setzte ich mich,

und hier überkam mich das Gefühl der Einsamkeit so sehr, während ich an die

Uebrigen dachte, welche unter fröhlichen Scherzen zusammenweilten, und ich

fühlte plötzlich ein so heißes Verlangen nach meiner Mutter, die in ihrem

ärmlichen Stübchen auch einsam saß, daß ich die Arme vor mir auf einen

Felsblock legte, das Gesicht hineindrückte und den Thränen freien Lauf

ließ, die ich seit Wochen schon so oft zurückgedrängt hatte. Aber auch

diese Erleichterung sollte mir verkümmert werden; ich hörte Schritte sich

nahen und richtete mich schnell in die Höhe, der einzelne Fußgänger wurde

sichtbar und ich erkannte aufathmend den Doctor. Erst schritt er an meinem

Zufluchtsorte vorüber, dann wandte er sich plötzlich, wie von einem Einfall

getrieben, um und stand im nächsten Augenblicke vor mir. Sowie er mich

gewahr wurde, erhob er drohend den Finger: »Sie werden sich erkälten,

Fräulein.« Statt aller Antwort begnügte ich mich meinerseits zu bemerken,

als spiele ich auf ein uns beiden bekanntes Thema an und es brauche keiner

Einleitung:

»Das ist der Freiherr!«

»Ihr Feind«, ergänzte er, »den Sie von Haus und Hof vertreiben wollen.«

Ich nickte. »Hassen Sie ihn noch?« fragte darauf der Doctor mit einer so

eigenthümlichen Betonung, daß mir plötzlich der Gedanke aufstieg, Herr

Forster halte mich für und behandle mich wie ein Kind, dessen Launen man

nachgeben müsse, um heftige Scenen zu vermeiden; eine Angst überfiel mich

bei dieser Idee, die mir die Kehle zuschnürte. Ich mußte ihm beweisen,

daß er sich irre, daß ich wisse, was ich wolle, und vor den Folgen meiner

Handlungsweise nicht zurückschrecke. Deshalb sagte ich sehr ruhig, indem

ich mich erhob: »Ich habe den Freiherrn vermieden, weil es mir

peinlich war, mich von ihm in einer Weise behandeln zu lassen, die auf

freundschaftliches Einvernehmen deutet.«

»Er weiß also nicht, wie Sie gegen ihn fühlen?« fragte Forster.

»Ich glaube nicht; er soll es aber wissen, ich werde mit ihm reden, von ihm

erfahre ich auch vielleicht, was ich von meiner Mutter zu hören wünschte.«

»Hoffen Sie gar nicht auf einen gütlichen Vergleich?« warf Forster

dazwischen. Die Idee war mir ganz neu und ich antwortete demgemäß.

»Nun, es ist dergleichen schon öfter dagewesen«, meinte er. »Der Freiherr

scheint nicht so übel; es muß Ihnen wirklich schwer fallen, seiner

einnehmenden Persönlichkeit gegenüber Ihre feindseligen Absichten fest zu

halten.«

»Das wüßte ich nicht«, erwiderte ich. »Das Gefühl des schmählichsten

Unrechts, das einem zugefügt worden ist, frißt tiefer, als Sie zu glauben

scheinen. Der Freiherr ist ein Cavalier und ein angenehmer Gesellschafter,

das beweist noch nichts für seine Grundsätze. Jedenfalls will ich, da er

hier ist, eine Unterredung mit ihm suchen.«

Mein Landsmann sagte hierauf nichts weiter, bis er mich nach einer Weile

darauf aufmerksam machte, daß es immer dunkler werde und das Herabsteigen

am Tage sogar nicht ungefährlich sei. So wendeten wir uns denn dem Thale

zu. Der Weg war allerdings sehr beschwerlich und ohne des Doctors stützende

Hand würde ich ihn kaum ohne Unfall passirt haben. Ich war aber so erfüllt

von meinen Gedanken und Plänen, die sich jetzt besonders darum drehten,

auf nicht allzu auffallende Weise eine Unterredung mit dem Freiherrn

herbeizuführen, daß ich ihm kaum für seine Hülfe dankte und es mir auch gar

nicht einfallen ließ, darüber nachzudenken, wie er eigentlich auf dieselbe

abenteuerliche Idee hatte verfallen können wie ich, den Bergpfad am Abend

noch aufzusuchen. Ueber unser Zusammentreffen erhielt ich jedoch bald

Aufklärung. Vor dem Hause auf einer Art Balkon, der in der Höhe von einigen

Stufen an der Fronte desselben hinlief, promenirten die Herren, indem sie

ihre Cigarren rauchten. Als wir uns näherten, schritt uns der Freiherr

entgegen.

»Meine Landsleute haben wohl als echte Deutsche den Aufgang des Mondes von

jener Felsplatte aus beobachtet?« sagte er lächelnd. Forster nahm es auf

sich, zu antworten.

»Fräulein von Günthershofen mag dergleichen Gelüste gehabt haben, ich

fürchtete es wenigstens und stolperte die Felsen hinauf, hinter ihr drein,

um sie womöglich unversehrt zurückzugeleiten, und hier sind wir nun,

merkwürdigerweise, ohne den Hals gebrochen zu haben.«

»Ich habe bis jetzt versäumt, Ihnen für Ihre Dienste zu danken«, beeilte

ich mich zu sagen und fügte hinzu: »Ich wußte gar nicht, daß Sie mit so

guten Absichten oder daß Sie überhaupt mir nachgekommen waren.«

»O bitte, es ist gern geschehn«, erwiderte er hastig und ging dann mit

einer etwas linkischen Verbeugung plötzlich von uns; ich blieb mit meinem

Verwandten allein. Das Herz klopfte mir während des nun für einige Momente

eintretenden Schweigens so stark, daß ich fürchtete, er möchte den Schlag

desselben hören; jetzt war mir Gelegenheit gegeben zu der Unterredung, die

ich so sehr herbeigewünscht hatte. Der Freiherr begann endlich -- er hatte

galant seine Cigarre weggeworfen, als ob er auf eine verwandtschaftliche

Plauderei rechne:

»Sie leben mit einer liebenswürdigen Familie, mein Fräulein, wenigstens

scheint es mir so nach kurzer Bekanntschaft. Sind Sie zufrieden?«

Gereizt wie ich gegen ihn war, empörte mich diese einfache Frage; wie

konnte er denken, daß ich zufrieden zu sein vermöchte, fern von meiner fast

in Dürftigkeit lebenden Mutter, unter Fremden das Brod der Abhängigkeit

essend!

»Ich kann, von meiner Mutter durch die Noth getrennt, wohl kaum zufrieden

sein, Herr Freiherr«, antwortete ich ihm denn auch etwas gezwungen. »Ich

sehne mich nach ihr, sie ist alt und bedarf meiner, man hat ihr weiter

nichts gelassen als mich.«

Der Freiherr sah mich an, das fühlte ich, obwohl ich vor mich hin und nicht

zu ihm in die Höhe schaute; ich mochte ihm ganz anders vorkommen als vor

einigen Monaten im Stübchen der Mutter -- das arme Fräulein mit den edlen

Entschlüssen und dem zu kurz gewordenen Kleide. Aber was lag auch Alles

zwischen jenem Abend und diesem! An dem Abend noch hatte ich eine wahre

Geschichte erzählen hören, die mich innerlich ganz umwandelte -- nicht zum

Bessern, wie ich mir später wohl gesagt habe, die den Stolz weckte und

den Haß einbürgerte in einem bis dahin gar einfältigen, guten Herzen. Auch

äußerlich hatte ich mich verändert; die Mutter würde ihre Freude an mir

gehabt haben, wenn sie mich gesehen hätte in den langen, weiten, schweren

Kleidern, die ich jetzt trug, der damaligen Mode gemäß, und durch welche

ich mir eine ganz andere Haltung angewöhnt hatte, als meine frühere

gewesen.

Diesmal war die Pause länger als vorhin; offenbar wußte der Freiherr nicht,

was er mir erwidern sollte, endlich sagte er leise: »Ja, es sind traurige

Verhältnisse, sehr traurige, aber wie können sie geändert werden?«

Er sprach dies, wie es schien, mehr zu sich als zu mir, und als rede er

von etwas, das seinen Gedanken nicht fremd sei. Ich aber richtete mich hoch

auf, sah ihn fest an und entgegnete ihm: »Ich will Ihnen sagen, gnädiger

Herr, wie sie geändert werden können, diese traurigen Verhältnisse; sie

können es, indem meine Mutter auf dem Rechtswege wieder zu den Gütern

meines Vaters gelangt, die ihm vor zwanzig Jahren -- abhanden gekommen

sind«, bezwang ich mich zu schließen; mir hatte etwas Anderes auf der Zunge

geschwebt. Da war sie nun, die Kriegserklärung -- mir war, nachdem ich sie

ausgesprochen, als schwebe jetzt etwas über mir, was alle Augenblicke auf

mich niederstürzen könnte. Auf den Freiherrn jedoch schienen meine Worte

nicht den Eindruck zu machen, den ich gefürchtet hatte; er sagte sogleich

in ruhigem Tone: »Fahren Sie fort, Fräulein Base! Die Güter gehören zum

Theil jetzt mir, das heißt, ich habe sie gegenwärtig in Besitz. Sie wollen

einen Process gegen die Erbrücker und mich anhängig machen?«

»Ja, das will ich, sobald ich von rechtskundiger Seite erfahren haben

werde, ob irgend eine Chance für uns da ist!«

»Ich verdenke es Ihnen nicht«, sagte er leicht, »aber wissen möchte ich

doch, ob dieser landesflüchtige Herr Doctor Ihnen die Idee zuerst in den

Kopf gesetzt hat. Verzeihen Sie meine Hypothese, aber Sie scheinen vertraut

mit ihm. Ihre Frau Mutter hatte, soviel ich weiß, nie die Absicht --«

Verflossene Stunden: Novelle · 第 3 / 11 段